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Full text of "Heidelberger Professoren aus dem 19. Jahrhundert ; Festschrift der Universität zur zentenarfeier ihrer Erneuerung durch Karl Friedrich"

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aus  dem  !0.  JahrhunderS 


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Heidelberger  Professoren 

aus  dem  19.  Jahrhundert 
Festschrift  der  Universität 

zur 

Zentenarfeier  ihrer  Erneuerung:  durch 

Karl  Friedrich 

— ^  Zweiter  Band  ^— 


Heidelberg  1903 

Carl  Wlnter's  Unlversltätsbuchhandlung 


L.A  oo  A-«*=^  '«.Tl.^0 


Alle  Rechte,  besonders  das  Recht  der  Übersetzunf*  in  fremde  Sprachen,  werden 

vorbehalten. 


Inhalt. 


Seite 

Fürbringer,  Max:  Friedrich  Arnold 1 

Einleitung:  I.  Vorfahren,  Geburt,  Kindheit,  Schulzeit  (1803—1820). 
II.  Studienjahre   in  Heidelberg,   Promotion,  Aufenthalt  in   Paris 
(1820—1826) 

III.  Tätigkeit  als  Prosektor  am  anatomischen  Institut  in  Heidel- 

berg,  Privatdozent  und  außerordentlicher  Professor  (1826 
bis  1855). 

IV.  Professor  Ordinarius  und  Direktor  in  Zürich  (1835—1840). 

V.  Freiburger  Professorat  und  Direktorat  (1840 — 1845). 

VI.  Professor  und  Direktor  in  Tübingen  (1845—1852). 
Vll.  Wieder  in  Heidelberg  (1852—1890). 

VIll.  Würdigung  seiner  Leistungen  als  Forscher  und  Lehrer;  Cha- 
rakter. —  Folge  der  Veröffentlichungen  von  Friedrich  Arnold. 
—  Anmerkungen. 
Kehrer,  Ferdinand  Adolf:  F.  A.  May  und  die  beiden  Nägele    .  111 

Czerny,  Vincenz:  Maximilian  Joseph  von  Chelius,  Karl  Otto  Weber, 

Gustav  Simon 131 

Erb,  Wilhelm:  Nikolaus  Friedreich 155 

Leber,  Theodor:   Die  Gründung  der  Universitäts-Augenklinik  und 

ihre  ersten  Direktoren 191 

Leber,  Theodor:  Willy  Kühne 207 

Cantor,  Moritz:  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse       ...      221 

Pockels,  Friedrich:  Gustav  Robert  Kirchhoff 243 

Pfitzer,  Ernst:  Wilhelm  Hofmeister 265 

A.  Lebensgang. 

B.  Forschungen.  I.  Befruchtung  und  Embryologie  der  Angiospermen. 

II.  Befruchtung  und  Embryologie  der  Koniferen.     111.  Befruch- 
tung und   Entwicklungsgeschichte  der   höheren  Kryptogamen. 


IV  Inhalt. 


IV.  Entwicklungsgeschichte  der  niederen  Kryptogamen.  V.  Zel- 
lenlehre. VI.  Experimentalphysiologie.  VII.  Allgemeine  Mor- 
phologie. 

Curti US,  Theodor:  Viktor  Meyer •        .       .     359 

Vorwort.    Die  Chemiker  der  Ruperto-Carola  im   19.  Jahrhundert. 
—  Gedächtnisrede. 
Fürbringer,  Max:  Carl  Gegenbaur  ^ 

Namenregister 457 


Friedrich  Arnold 


von 


Max  Fürbringer. 


^^^^^  ^^^^^^^N^^fc^^^^»^ 


Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II. 


r  den  hervorragenden  Anatomen,  welche  seit  Erneue- 
l  der  Universität  Heidelberg  die  anatomische  Anstalt 
i^  geleitet  haben,  Jakob  Fidelis  Ackermann  (1805—1815), 
Friedrich  Tiedemann  (1816—1849),  Jakob  Henle  (1844—1852), 
Friedrich  Arnold  (1852—1873)'  und  Karl  Gegenbaur  (1873—1901), 
tritt  Ackermann,  bedeutend  als  Organisator,  mehr  durch  eine 
vielseitige,  auch  auf  die  klinischen  Fächer  sich  erstreckende  schrift- 
stellerische Tätigkeit  hervor;  von  Tiedemanns  und  Henles  Le- 
bensgang und  Leistungen  sind  bereits  eingehende  Darstellungen 
veröffentlicht  worden*;  Gegenbaur  ist  die  Ruperto-Carola  jetzt 
bei  ihrer  Zentenarfeier  so  glücklich,  als  Lebenden  zu  begrüßen. 
Von  Friedrich  Arnold  dagegen  fehlt,  abgesehen  von  den  vortreff- 
lichen, aber  nur  wenige  Seiten  umfassenden  Biographien  und 
Nekrologen  von  Fr.  Knauff,  E.  J.  Qurit  und  K.  Bardeleben*, 
jede  ausführlichere  Darstellung  seines  Lebens  und  seiner  Tätig- 
keit als  Forscher  und  Lehrer.  Friedrich  Arnold,  dessen  Geburts- 
jahr zugleich  mit  dem  Jahr  der  Wiedergeburt  der  Universität 
Heidelberg  zusammenfällt,  ist  zugleich  derjenige  Heidelberger  Ana- 
tom und  Physiolog,  welcher,  wenn  man   außer  den    Jahren  des 


5]  Friedrich  Arnold. 


Heilspruck  bei  Edenkoben.  Er  verheiratete  sich  zweimal,  zuerst 
mit  Maria  Ehsabeth  Föltz,  Tochter  des  Gutsbesitzers  und  Wein- 
händlers Föltz  in  Rhodt,  und  dann  10  Jahre  nach  dem  Tode  seiner 
früh  verstorbenen  ersten  Frau  mit  Barbara  Voelker,  verwitwete 
Zeusering.  Aus  der  ersten  Ehe  ging  Zacharias  (geb.  1767,  gest. 
1840)  hervor,  der  Stammvater  des  älteren  Zweiges  der  protestan- 
tischen Linie,  der  Vater  unseres  Friedrich  Arnold.  Der  zweiten 
Ehe  entstammten  drei  Kinder,  von  denen  das  älteste  und  jüngste 
in  früher  Jugend  starben,  während  der  zweite  Sohn,  Johann  Wil- 
helm (geb.  1778,  gest.  1854),  nachmals  ein  angesehener  Kaufmann 
und  Gutsbesitzer  wurde,  sich  mit  Barbara  Vollmer  von  Germers- 
heim verheiratete  und  mit  ihr  6  Kinder  erzeugte;  damit  wurde 
Johann  Wilhelm  der  Begründer  des  jüngeren,  an  Nachkommen 
reichen  Zweiges. 

Zacharias  Arnold  wurde  von  seinem  Vater  für  den  gelehrten 
Stand  bestimmt.  Er  besuchte  das  Gymnasium  in  Karlsruhe  und 
studierte  dann  in  Heidelberg  Kameralia.  Hier  lernte  er  seine  spätere 
Gattin,  Susanna  Margaretha,  die  Tochter  des  Heidelberger  Kirchen- 
rats und  Pfarrers  Konrad  Ludwig  Brünings,  kennen.  Nach  vollen- 
detem Studium  kehrte  er  in  seine  Heimat  zurück,  wo  er  seinem 
Vater  als  Schaffner  beigeordnet  wurde  und  am  2.  Februar  1793 
sich  verheiratete.  Die  junge  Ehe  fiel  in  eine  unruhige  Zeit.  In- 
folge der  Eroberung  der  Rheinpfalz  durch  die  Truppen  der  fran- 
zösischen Republik  wurde  die  Aussicht  des  Zacharias,  nach  dem 
Tode  seines  Vaters  dessen  definitiver  Nachfolger  im  vollen  Um- 
fange zu  werden,  vernichtet.  Zacharias  flüchtete  im  Laufe  des 
Jahres  1793  nach  Heidelberg  und  kehrte  erst  1796  nach  Eden- 
koben zurück,  wo  er  als  Gutsbesitzer  ansässig  wurde.  Im  Jahre 
1811  versteigerte  er  seine  Güter  und  siedelte  mit  Frau  und  Kindern 
1813  nach  Heidelberg  über,  wo  er  hochbetagt  im  Jahre  1840  starb, 
nachdem  ihm  seine  Gattin  7  Jahre  zuvor  im  Tode  vorausgegangen 
war.     in  seiner  Ehe  mit  Susanna  Margaretha  erzeugte  er  7  Kinder; 


Max  Fürbringer  [6 


-/X/'^N- 


4  Töchter,  2  Söhne  und  1  jüngste  Tochter.^  Der  jüngere  Sohn, 
sein  sechstes  Kind,  ist  Friedrich  Arnold. 

Friedrich  Arnold  oder,  wie  er  getauft  wurde,  Philipp  Fried- 
rich Arnold,  wurde  am  8.  oder  wohl  richtiger  am  9.  Januar  1803 
in  Edenkoben  geboren.  Die  Rheinpfalz  war  zwei  Jahre  zuvor 
in  den  Besitz  der  französischen  Republik  übergegangen  und  deren 
Kalender  daselbst  eingeführt  worden.  Die  französische  Geburts- 
urkunde gibt  den  19.  Nivose  des  Jahres  XI  der  französischen 
Republik  als  Geburtstag  an.^  Dieser  Tag  wurde  von  Friedrich 
Arnolds  Eltern  und  ihm  selbst  auf  den  8.  Januar  1803  des  grego- 
rianischen Kalenders  übertragen,  und  dieser  Tag  hat  auch  bisher 
in  der  Familie  und  in  den  auf  ihn  bezüglichen  Dokumenten  und 
Veröffentlichungen  als  sein  Geburtstag  gegolten.  Neuere  in  Eden- 
koben angestellte  Erhebungen  und  Zeitvergleichungen  unter  ge- 
nauer Berücksichtigung  der  wechselnden  Zahl  eingelegter  Schalt- 
jahre des  republikanischen  Kalenders  ergeben  indessen,  daß  der 
19.  Nivose  XI  dem  9.  Januar  1803  unserer  Zeitrechnung  entspricht. 
Es  muß  sonach  mit  größerem  Rechte  der  9.  Januar  als  Friedrich 
Arnolds  wirklicher  Geburtstag  angenommen  werden.' 

So  teilt  Friedrich  Arnold  mit  seinem  großen  anatomischen 
und  physiologischen  Kollegen  Johannes  Müller,  der  am  H.Juli  1801 
in  Koblenz  geboren  wurde,  die  gleichen  Schicksale  bei  der  Geburt. 
Auch  dieser  wurde  auf  linksrheinischem,  von  der  französischen 
Republik  dem  deutschen  Reiche  kurz  zuvor  entrissenen  Lande  ge- 
boren; beide  wuchsen  auf  französischem  Gebiete  auf  und  sind 
danach  warmfühlende  Deutsche  und  Zierden  der  deutschen  Wissen- 
schaft geworden. 

Von  seinen  Vorfahren  hat  Friedrich  Arnold  ein  gutes  Erbteil 
bekommen.  Der  Vermischung  von  niederrheinischem  und  ober- 
rheinischem Blute  entstammte  die  Familie.  Sein  erster  nachweis- 
barer Vorfahr  gehörte  dem  Lehrstande  an,  sein  Vater  und  Groß- 
vater von  väteriicher  Seite  waren  Juristen  und  Kamerafistcn,  sein 


7]  Friedrich  Arnold. 


-'vO" 


Großvater  von  mütterlicher  Seite  Theolog.  Die  Lehrgabe,  sowie  der 
Sinn  für  Recht,  Wahrheit  und  die  unsterblichen  Güter  der  Mensch- 
heit waren  ihm  in  die  Wiege  gelegt  worden.  Damit  verband  sich 
für  ihn  der  Vorzug,  in  einer  blühenden,  an  deutschen  Erinnerungen 
reichen  Gegend  aufzuwachsen,  unter  Augen  von  Eltern,  die  den 
Willen  und  zugleich  die  Mittel  besaßen,  ihm  die  möglichst  beste 
Erziehung  zu  gewähren. 

Das  Städtchen  Edenkoben  gehört  den  schönsten  und  glück- 
lichsten Teilen  der  fröhlichen  Rheinpfalz  mit  ihrer  frischen,  lebhaften 
und  betriebsamen  Bevölkerung  an;  inmitten  von  Wein-,  Obst-  und 
Edelkastanienpflanzungen  freundlich  und  anmutig  gelegen,  wird  es 
überragt  von  den  in  seiner  nächsten  Nähe  befindlichen  stattlichen 
Höhen  des  Kalmit,  Kesselberges  und  anderer  Erhebungen  des 
Haardtgebirges,  z.  T.  gekrönt  von  stattlichen  und  malerischen 
Ruinen.  Wenn  wir  auch  kein  Zeugnis  dafür  haben,  ob  das  Um- 
gebensein mit  einer  solchen  Natur  irgendwie  bestimmend  auf  seinen 
späteren  Lebensgang  eingewirkt  habe  oder  nicht,  —  solch  steter  Ver- 
kehr bleibt  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  innere  Entwicklung,  öffnet  die 
Augen  und  anderen  Sinne  und  bildet  Keime,  die  lange  Zeit  schlum- 
mern mögen,  schließlich  aber  doch  unter  weiteren  günstigen  Um- 
ständen zur  Entfaltung  kommen.  Die  Freude  an  der  Natur  und 
das  stete  Bedürfnis,  mit  ihr  zu  verkehren,  war  jedenfalls  bei  Arnold 
von  Jugend  auf  bis  In  das  späte  Alter  lebhaft  entwickelt. 

Den  ersten  Unterricht  erhielt  Friedrich  Arnold  wie  sein 
älterer  Bruder  Wilhelm  in  der  sehr  besuchten  Volksschule  zu 
Edenkoben.  Die  ersten  Anfangsgründe  Im  Lateinischen,  der 
Geschichte,  Geographie  u.  a.  W.  wurden  Ihm  von  dem  dortigen 
Pfarrer  Mahia  erteilt,  und  zwar  geschah  dies  schon  sehr  früh,  im 
8.  Lebensjahre  und  zugleich  mit  einem  für  die  spätere  Zeit  ent- 
scheidenden Erfolge. 

Der  Vater  beschloß,  beide  Söhne  den  gelehrten  Studien  zu  weihen, 
und  war  frühzeitig  auf  eine  bessere  Schulbildung  bedacht,  als  sie  das 


8  Max  Fürbringer  [8 


kleine  Edenkoben  gewähren  konnte.  So  kam  Friedrich  Arnold  1812, 
9  Jahre  alt,  in  das  Progymnasium  der  Nachbarstadt  Neustadt 
a.  d.  Haar  dt,  und  hier  zugleich  an  die  beste  Quelle,  in  Pension  bei 
dem  Rektor  desselben,  Professor  Rom.  Rom  war  ein  sehr  geschätz- 
ter Lehrer  des  Lateinischen  und  Griechischen  und  tat  redlich  seine 
Pflicht,  seine  Schüler  mit  den  Anfangsgründen  seines  Faches  bekannt 
zu  machen.  Ob  und  inwieweit  den  propädeutischen  Anfängen  der 
Mathematik  und  der  Naturwissenschaften  an  dem  Progymnasium 
Raum  gegeben  wurde,  ist  nicht  bekannt.  Friedrich  blieb  hier  bis 
zu  seinem  11.  Lebensjahre  und  erlebte  hier  die  Zeit  des  Rückzuges 
der  französischen  Armee  und  das  Einrücken  der  Bundesheere, 
welches  sich  an  die  Schlacht  bei  Leipzig  anschloß,  die  Pfalz  zur 
Durchgangsstraße  großer  Heeresmassen  machte  und  zugleich  den 
deutschen,  lange  Jahre  hindurch  unter  französischer  Botmäßigkeit 
gehaltenen  Herzen  daselbst  Gelegenheit  zum  warmen  Empfange 
der  verbündeten,  gegen  Frankreich  marschierenden  Truppen  gab. 
Die  Eindrücke  von  dem  fluchtartigen  Rückzuge  der  Trümmer 
des  geschlagenen  französischen  Heeres,  das  erste  Erscheinen  der 
deutschen  und  russischen  Soldaten,  insbesondere  der  Kosaken,  die 
Vorgänge  bei  der  Belagerung  der  benachbarten  Festung  Landau 
haben  sich  dem  Knaben  so  unauslöschlich  und  tief  eingeprägt,  daß 
der  Greis  sich  noch  alles  Details  genau  erinnerte  und  gern  und 
lebendig  davon  erzählte. 

Der  Vater  hatte  inzwischen  seine  Besitzungen  in  Edenkoben 
verkauft  und  zog  1813  mit  seiner  Familie  in  die  Vaterstadt  seiner 
Frau,  nach  dem  ihm  zur  zweiten  Heimat  gewordenen  Heidelberg, 
für  welche  Wahl  namentlich  auch  die  Rücksicht  auf  die  weitere 
Ausbildung  seiner  Kinder,  welche  die  Unterrichtsanstalten  daselbst 
besuchen  wollten,  maßgebend  wurde.  Hierdurch  war  zugleich  ein 
entscheidender  Wendepunkt  im  Leben  Friedrich  Arnolds  eingetreten. 

Heidelberg,  seit  1803  an  Baden  und  unter  die  segens- 
reiche Regierung  Großherzogs  Karl  Friedrich  gekommen,  gewann 


9]  Friedrich  Arnold. 


-\^/v- 


damit  neuen  Aufschwung.  Seine  unter  der  Unduldsamkeit  ein- 
seitig hierarchischer  Bestrebungen  und  durch  die  Unruhen  und 
Verluste  des  Krieges  mehr  und  mehr  herabgekommene  Universität 
erhielt  im  gleichen  Jahre  durch  diesen  weisen  Herrscher  ihre  Er- 
neuerung mit  einer  reichlichen  Dotierung  und  einer  von  jedem 
konfessionellen  Zwange  unabhängigen  Gestaltung  ihrer  hohen  Auf- 
gaben. Dank  glücklichen  und  von  großer  Einsicht  getragenen 
Berufungen  entfaltete  sie  sich  in  wenig  Jahren  zu  einer  der  vor- 
nehmsten Pflanzstätten  der  Wissenschaft.  Überall  ein  neues,  reges 
Leben,  ein  Herbeiströmen  jugendkräftiger  Elemente,  und  mit 
alledem  verbunden  und  weiter  wirkend  der  Zauber  der  ewig 
schönen  Natur,  —  ein  frischer,  kräftiger  Pulsschlag,  sich  allen 
denen  mitteilend,  welche  in  den  Bann  dieser  reich  gesegneten 
Stätte  kamen. 

Diese  Stadt  ward  jetzt  die  Heimat  Friedrich  Arnolds,  ihr 
Gymnasium  mit  seinen  vortrefflichen,  in  direktem  Konnexe  mit 
der  Universität  stehenden  Lehrern  die  Bildungsstätte  seines  Geistes. 
Vom  11.  bis  18.  Jahre  (1814—1821)  ist  er  Schüler  desselben. 
Auch  hier  sind  es,  im  weiteren  Verfolge  der  ihm  in  Neustadt  ge- 
gebenen Bildungsrichtung,  die  alten,  namentlich  die  römischen 
Klassiker,  welche  den  Knaben  und  Jüngling  fesseln.  Vor  allen 
wirken  auf  seine  Entwicklung  Lauter,  bekannt  durch  seine  „Laus 
Germaniae",  und  Kayser,  der  Vater  des  geschätzten  Philologen. 
Auch  über  die  Schule  hinaus  ist  er  fleißig,  von  nicht  ermüdendem 
Eifer  und  strenger  Gewissenhaftigkeit.  Zugleich  suchte  der  von 
Natur  sehr  schüchterne  und  befangene  und  daher  zum  Stottern 
und  hastigen  Hervorstoßen  der  Worte  geneigte  Jüngling  diesen 
Sprachfehler  mit  eiserner  Energie  nach  dem  Vorbilde  des  Demo- 
sthenes  zu  zwingen,  indem  er  lange  Stellen  aus  den  römischen 
Schriftstellern  auswendig  lernte  und  in  seinem  Arbeitszimmer  oder 
auf  Spaziergängen  laut  und  langsam  rezitierte.  Namentlich  die 
Schriften  und  Reden  Ciceros  mit  ihren  langatmigen  Sätzen  und 


10  Max  Fürbringer  [10 


ihrem  rhetorischen  Schwünge  erwiesen  sich  ihm  hierfür  geeignet 
und  wirksam.  Daneben  fertigte  er  in  privatem  Fleiße  Über- 
setzungen, um  damit  so  tief  als  mögh'ch  in  den  Geist  der  ge- 
haltreichen und  formvollendeten  klassischen  Schriftsteller  einzu- 
dringen und  für  seine  eigene  Ausdrucksweise  zu  gewinnen.  Von 
seiner  gründlichen  philologischen  Bildung  legen  auch  viele  seiner 
späteren,  in  vortrefflichem  Latein  geschriebenen  Veröffentlichungen 
Zeugnis  ab.  Außer  der  Vorliebe  zu  den  alten  Schriftstellern  zeigt 
sich  bei  dem  Gymnasiasten  keine  besondere  andere  Neigung. 
Nichts  verrät  den  späteren  Mediziner  und  Naturforscher.  Während 
sich  sein  älterer  Bruder  sofort  für  das  Studium  der  Medizin  ent- 
schied, war  Friedrich  Arnold  bei  dem  Abgange  von  der  Schule  hin- 
sichtlich der  Wahl  seines  Berufes  noch  ganz  unentschieden.  Jeden- 
falls zeigt  auch  hier  diese  Bevorzugung  der  klassischen  Studien 
seitens  des  späteren  Anatomen  und  Physiologen,  daß  man  ein 
guter  und  selbst  hervorragender  Mediziner  werden  kann,  ohne 
schon  von  Jugend  ab  sich  direkt  mit  den  Naturwissenschaften  zu 
beschäftigen,  und  daß  die  intensive  Ausbildung  und  Schulung  seines 
Geistes  und  Charakters  durch  das  Mittel  der  humanistischen 
Wissenschaften  und  klassischen  Vorbilder  der  ganzen  Arbeits- 
methode des  späteren  Forschers  zu  gute  kam. 

IL  Studienjahre  in  Heidelberg,  Promotion, 

Aufentlialt  in  Paris. 

(1820    1826.) 

Der  ältere  Bruder  Wilhelm  hatte,  zunächst  als  stud.  phil.  im- 
matrikuliert, das  Studium  der  Medizin  begonnen.  Friedrich  Arnold 
ließ  sich  im  Wintersemester  1820/21  als  stud.  jur.  ein- 
schreiben, doch  kam  es  bei  ihm  nicht  zu  einem  wirklichen  Studium 
der  Rechtswissenschaft.  Auf  Anregung  seines  Bruders  besuchte 
er  vielmehr  bereits  im  ersten  Semester  die  Vorlesungen  von 
Munckc   über   Physik,   von  Leopold  Gmelin   über  Chemie,  von 


11]  Friedrich  Arnold.  11 


Tiedemann  über  Anatomie  und  nahm  an  den  von  Fohmann  ge- 
leiteten Präparierübungen  teil.  Vom  Sommersemester  1821  ab 
ist  er  als  stud.  med.  immatrikuliert.®  Als  solcher  studiert  er 
gleich  seinem  Bruder  bis  zum  Ende  des  Sommersemesters 
1825  Medizin  und  Naturwissenschaften. 

Die  Heidelberger  medizinische  Fakultät  setzte  sich  da- 
mals aus  einer  Reihe  ausgezeichneter,  z.  T.  ganz  hervorragender 
Lehrer  und  Forscher  zusammen.  Friedrich  Tiedemann, 
seit  1816  von  Landshut  hierher  gekommen,  stand  im  kräftigsten 
Mannesalter  und  auf  der  Höhe  seines  Ruhmes  und  seiner  Leistungs- 
fähigkeit. Er  las  im  Sommer  Physiologie,  im  Winter  Anatomie 
des  Menschen,  daneben  auch  über  Zeugung,  Bildungsgeschichte  des 
Foetus,  Mißbildungen,  pathologische  Anatomie  und  vergleichende 
Anatomie.  Dabei  war  er  ein  denkender  Anatom  und  Physiolog, 
der  nicht  sowohl  die  genau  und  sicher  fundierte  Kenntnis  des 
Baues  der  Organe,  sondern  namentlich  auch  die  Erkenntnis  des 
Zusammenhanges  der  Tatsachen  als  Aufgabe  und  Ziel  der  Forschung 
bezeichnete  und  diese  Erkenntnis  durch  die  stete  Berücksichtigung 
der  Entwicklungsgeschichte  zu  erlangen  trachtete.  Unterstützt 
wurde  er  von  dem  tüchtigen  Prosektor  Professor  extraordinarius 
Vinzenz  Fohmann,  der,  namentlich  in  technischen  Arbeiten  vor- 
züglich —  seine  Lymphpräparate  besaßen  eine  wohlverdiente  Be- 
rühmtheit— ,  unter  Tiedemann  die  menschlichen  Präparierübungen 
leitete,  auch  Anleitung  zur  Zergliederung  der  Tiere  gab  und  Vor- 
lesungen über  Knochen-  und  Bänderlehre,  über  das  Nervensystem 
und  die  Sinnesorgane,  sowie  über  die  Hernien  hielt.  Das  lebendige 
Vorbild  dieser  beiden,  Friedrich  Arnold  am  nächsten  stehenden 
Lehrer  hat,  seinen  ganzen  Entwicklungsgang  bestimmend,  mächtig 
auf  ihn  eingewirkt.  Dazu  kamen  noch  Bronn  und  Siegismund 
Leuckart  als  anregende  Dozenten  der  Naturgeschichte  und 
Zoologie,  Schelver  und  Dierbach  als  solche  der  Botanik  und 
der  Lehre  von  den  Arzneipflanzen.    Mit  Tiedemann   in  gemein- 


12  Max  Fürbringer  [\2 


■^,,^/y. 


samer  Forschung  verbunden  und  gleich  angesehen  lebte  Leopold 
Gmelin  als  Ordinarius  der  Chemie  und  Pharmazie  und  arbeitete 
namentlich  auf  dem  Gebiete  der  physiologischen  Chemie.  Die  Ver- 
treter der  medizinischen  Klinik  waren  Conradi  und  Sebastian; 
ersterer  wurde  nach  seiner  Berufung  nach  Göttingen  1823  von 
dem  als  Lehrer  hochgeschätzten  Puchelt  ersetzt.  Auch  von  dem 
Botaniker  Schelver  wurden  Vorlesungen  auf  diesem  Gebiet  ge- 
halten, sowie  von  Mai,  Dierbach  und  Geiger  solche  über  Arznei- 
mittellehre, Toxikologie  und  Rezeptierkunst.  Die  Chirurgie,  Oph- 
thalmologie und  Otiatrie  fand  in  Max  Joseph  von  Chelius, 
die  Geburtshülfe  und  Gynäkologie  in  Franz  Karl  N segele 
gleich  bedeutende  und  weithin  berühmte  Vertreter  und  dabei 
höchst  anregende  Lehrer.  Zudem  war  die  Frequenz  —  gegen 
100  Mediziner,  Chirurgen  und  Pharmakologen  —  nicht  derart, 
daß  der  einzelne  Schüler  in  der  Masse  vor  den  Augen  seiner  Lehrer 
verschwand. 

Es  war  ein  besonderes  Glück  für  Friedrich  Arnold,  daß  sein 
Lehrgang  gerade  in  dieser  Fakultät  sich  vollzog.  Anatomie, 
Physiologie  und  Chirurgie  übten  von  allen  medizinischen 
Fächern  die  meiste  Anziehungskraft  auf  ihn  aus,  ihnen  widmete 
er  sein  Hauptinteresse  und  den  größten  Teil  seiner  Studienzeit;  die 
innere  Medizin  befriedigte  ihn  weniger.  Auch  in  seinen  höheren 
Semestern  war  er  mehr  im  Präpariersaal  und  im  anatomischen 
Institute,  die  sich  damals  noch  in  dem  alten  Dominikanerkloster 
befanden,  als  in  den  klinischen  Anstalten  tätig. 

Tiedemann  und  Gmelin  stellten  damals  ihre  so  berühmt  ge- 
wordenen Versuche  über  die  Verdauung  an.  Den  beiden 
Brüdern  Wilhelm  und  Friedrich  Arnold  wurde  gestattet,  dabei  zu 
assistieren,  und  das  Vorwort  des  1826  27  erschienenen  Werkes 
„Die  Verdauung,  nach  Versuchen  von  Friedrich  Tiedemann  und 
Leopold  Gmelin"  tut  Beider^,  sowie  anderer  noch  mit  Namen 
Aufgeführter,  „die  uns  bei  mehreren  Versuchen  an  lebenden  Tieren 


13]  Friedrich  Arnold.  13 


und  bei  chemischen  Analysen  treuh'ch  und  mit  Einsicht  unter- 
stützten", mit  herzlichem  Danke  Erwähnung. 

Tiedemann  war  zu  dieser  Zeit  auch  noch  mit  seinen  Unter- 
suchungen über  die  Arterien  und  das  Gehirn,  Fohmann  mit  seinen 
Arbeiten  über  das  Saugadersystem  der  Tiere  beschäftigt.  Das  gab 
viele  Anregung,  Belehrung  und  Übung  für  Friedrich  Arnold.  Seine 
Dissertation  und  seine  direkt  an  dieselbe  anschließenden  Veröffent- 
lichungen über  das  Nervensystem  lassen  nicht  daran  zweifeln,  daß 
die  Fülle  und  Feinheit  der  daselbst  niedergelegten  Untersuchungen 
nur  durch  eine  langjährige,  intensive  und  weit  über  das  gewöhn- 
liche Maß  der  Präpariersaal tätigkeit  hinausgehende  Arbeit  als 
Student  erworben  werden  konnte.  Arnolds  großen  Fleiß  hat 
Tiedemann  bei  dessen  Meldung  zum  Doktorexamen  ausdrück- 
lich bezeugt.^® 

Am  7.  September,  einen  Tag  nach  seinem  Bruder  Wilhelm, 
legte  Friedrich  Arnold  das  aus  vier  schriftlichen  Bearbeitungen  und 
einer  durch  fünf  Fakultätsmitglieder  vorgenommenen  mündlichen 
Prüfung^^  bestehende  Examen  rigorosum  mit  der  Note  „Summa 
cum  laude"  ab.^* 

Die  Ina ugural- Dissertation  wurde  von  ihm  auf  Anlaß 
von  Fohmann  im  Winter  1825/26  in  der  anatomischen  Anstalt 
ausgearbeitet  und  erschien  im  April  1826  unter  dem  Titel  „Disser- 
tatio  inauguralis  medica  sistens  observationes  non- 
nullas  neurologicas  de  parte  cephalica  nervi  sympathici 
in  homine"  im  Umfang  von  26  Quartseiten  und  mit  1  litho- 
graphierten Tafel  in  Heidelberg  (Typis  Augusti  Osswaldi);  sie  ist 
Tiedemann  „illustrissimo  summeque  venerando,  praeceptori  dilectis- 
simo  grata  mente  eaque  qua  par  est  reverentia"  gewidmet  und 
enthält  zugleich  eine  warme  Danksagung  an  Fohmann  für  die 
dabei  gewährte  Unterstützung. 

Diese  erste  Veröffentlichung  Friedrich  Arnolds  handelt  über 
die  Verbindung   des    Sympathicus    mit    den    Nervi    facialis  und 


14  Max  Fürbringer  [14 


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auditorius,  über  die  Nerven,  welche  die  Arterien  innerhalb  der 
Schädelhöhle  begleiten,  über  die  Verbindung  des  großen  Hals- 
ganglions mit  dem  N.  glossopharyngeus,  über  ein  Knötchen 
(Ganglion  oticum)  an  der  inneren  Seite  des  dritten  Trigemi- 
nusastes,  über  die  Nerven,  die  zur  Dura  mater  gehen,  über  die 
Verbindung  des  Sympathicus  mit  dem  Ganglion  semilunare 
und  den  Ästen  des  N.  trigeminus,  über  die  Verbindung  des  Gan- 
glion spheno-palatinum  mit  dem  Ganglion  ophthalmicum,  über  die 
Verbindung  des  Sympathicus  mit  dem  N.  hypoglossus.  sowie  mit 
der  Hypophysis,  und  zeichnet  sich  durch  einen  ungewöhnlichen 
Reichtum  neuer  Funde  auf  diesen  Gebieten  aus.  Dieselben  werden 
in  klarer  Darstellung  und  unter  eingehender  Berücksichtigung  der 
einschlägigen  Literatur  gegeben.  Die  beigegebene  Tafel  illustriert 
anschaulich  und  deutlich  die  wichtigsten  bezüglichen  Verhältnisse. 
Hier  und  da  angeschlossene  physiologische  und  therapeutische 
Bemerkungen  zeigen,  wie  der  junge  Autor  nicht  bloß  mit  Hand 
und  Auge  untersucht,  sondern  auch  bei  seiner  Arbeit  weiter  nach- 
gedacht hat. 

An  diese  Publikation  schließt  sich  eine  zweite,  im 
gleichen  Jahre  in  Tiedemanns  und  Treviranus  Zeitschrift  für  Phy- 
siologie erschienene  an,  die  „Beschreibung  des  Kopfteiles 
der  sympathischen  Nerven  beim  Kalb,  nebst  einigen  Be- 
obachtungen über  diesen  Teil  beim  Menschen"  (48  Quart- 
seiten mit  1  Tafel),  welche  die  bezüglichen  Untersuchungen  Arnolds 
bei  dem  Kalbe  mitteilt  und  zugleich  die  deutsche  Wiedergabe  der 
in  der  Dissertation  behandelten  Ergebnisse  beim  Menschen  enthält. 

Mit  diesen  beiden  Untersuchungen  tritt  der  23jährige  Autor 
mit  einem  Schlage  in  die  Reihe  der  ersten  Arbeiter  auf  dem  Ge- 
biete des  peripheren  Nervensystems.  Seine  Befunde,  von  Ihm 
selbst  in  weiteren  Beobachtungen  noch  vervollkommnet,  haben 
sich,  obwohl  anfangs  von  zahlreichen  Anatomen  mit  Mißtrauen 
aufgenommen  oder  selbst  ignoriert,  in  allen  wesentlichen  Teilen 


15]  Friedrich  Arnold.  15 


als  richtige  und  gesicherte  erwiesen  und  sind  längst  in  den  bleiben- 
den Schatz  unserer  anatomischen  Kenntnisse  übergegangen.  Fried- 
rich Arnolds  Name  ist  mit  dem  Ramus  recurrens  ophthalmici.  dem 
Ganglion  oticum  s.  Arnoldi,  dem  Ganglion  geniculatum  nervi 
facialis,  der  äußeren  Anastomose  des  Acusticus  und  Facialis,  dem 
Nervus  petrosus  superficialis  minor,  mit  der  genaueren  Kenntnis 
der  Verbindungen  des  Ganglion  sympathicum  cervicale  supremum 
und  vielen  anderen  Feinheiten  in  der  Verzweigung  der  Qehirn- 
nerven  und  des  Kopfsympathicus  für  immer  verbunden. 

im  Frühjahr  1826  reisten  beide  Brüder,  wie  dies  in  jener  Zeit 
in  medizinischen  Kreisen  üblich  war,  zu  ihrer  weiteren  Ausbildung 
und  Vervollkommnung  nach  Paris. 

Auf  der  Hinreise  wird  von  ihnen  ein  kurzer  Aufenthalt  in 
Straßburg  i.  E.  gemacht,  wo  sie  die  Anatomen  und  Physiologen 
Ehrmann  und  Lauth  und  den  pathologischen  Anatomen  und 
Kliniker  J.  G.  Lobstein  persönlich  kennen  lernten. 

in  Paris  besuchten  sie  teils  die  Hospitäler  und  medizinischen 
Institute,  an  denen  die  Anatomen  Cruveilhier  und  Breschet,  der 
Patholog  Broussais,  der  innere  Kliniker  und  Begründer  der  aus- 
kultativen  Untersuchungsmethode  Laennec  und  die  Chirurgen 
Dupuytren,  Larrey,  Lisfranc,  Roux  u.  a.  wirkten,  teils  die  natur- 
wissenschaftlichen Anstalten,  denen  namentlich  durch  Georges 
Cuvier,  fitienne  Geoffroy  St.  Hilaire  und  de  Blainville  besondere 
Bedeutung  und  Anziehungskraft  verliehen  war.  Die  großen  Ver- 
hältnisse der  französischen  Hauptstadt  mit  ihren  hervorragenden 
Menschen,  wissenschaftlichen  Gelehrten  und  originellen  Forschern 
wurden  von  tiefstgehendem  Einflüsse  auf  das  innere  Leben  der 
beiden  Brüder.  Gerade  der  Umstand,  daß  sich  hier  so  scharf  aus- 
geprägte Eigenarten  und  weitreichende  Divergenzen  in  den  An- 
schauungen der  führenden  Geister  begegneten,  gab  ihnen  Reichtum 
und  Fruchtbarkeit  der  Ideen,  zugleich  aber  auch  jene  strenge 
Selbstzucht,  die  namentlich  Friedrich  Arnold  niemals  den  sicheren 


16  \\ax  Fürbringer  [16 


Boden  der  direkten  Beobachtung  und  der  durch  zahlreiche  Wieder- 
holungen gesicherten  Untersuchung  verlassen  h'eß.  Nicht  uner- 
wähnt bleibe  auch  der  Gewinn,  der  beiden  Brüdern  aus  der 
formvollendeten  Art  des  lebendigen  Vortrages  jener  Pariser  Größen 
wurde. 

Während  Wilhelm  Arnold,  der  mit  einer  pharmakologischen 
Dissertation  „De  salis  ammoniaci  vi  et  usu**  promoviert  hatte, 
die  Neigung  mehr  zu  den  klinisch-medizinischen  Anstalten  zog, 
besuchte  Friedrich  Arnold  mehr  die  anatomischen  Institute 
und  die  großartigen  naturwissenschaftlichen  Sammlungen 
des  Jardin  des  plantes.  In  äußerster  Ausnutzung  der  Zeit 
suchte  er  hier  seine  Kenntnisse  und  seinen  Gesichtskreis  zu  er- 
weitern. 

Manchmal,  namentlich  in  der  letzten  Zeit  des  Pariser  Aufent- 
haltes, überfiel  ihn  Sorge  und  Trauer  bei  dem  Gedanken,  daß  die 
Herriichkeit  dieser  Arbeiten  für  ihn  bald  zu  Ende  gehen  und  von 
der  Tätigkeit  als  praktischer  Arzt  in  einem  kleinen,  von  den 
Bildungszentren  entfernten  Orte  wohl  abgelöst  werden  müsse. 
Seine  Verhältnisse  erlaubten  ihm  nicht,  ohne  weiteres  die  akade- 
mische Laufbahn  zu  betreten,  insbesondere  nicht,  seiner  Neigung 
folgend  das  anatomische  Fach  zu  wählen,  falls  ihm  nicht  hierbei 
die  Möglichkeit  gewährt  würde,  die  Lehr-  und  Arbeitsmittel  einer 
öffentlichen  Anstalt  zu  benutzen. 

Aus  dieser  Sorge  befreite  ihn  die  im  Herbste  1826  erfolgende 
Anfrage  Tiedemanns.  ob  er  die  durch  Fohmanns  Berufung  als 
Direktor  des  anatomischen  Instituts  nach  Lüttich  frei  gewordene 
Prosektur  an  der  Heidelberger  anatomischen  Anstalt 
übernehmen  wolle.  Freudigst  sagte  er  zu,  obwohl  die  Bedingungen, 
unter  denen  ihm  diese  Stelle,  zunächst  auch  nur  provisorisch, 
angetragen  wurde,  keineswegs  günstige  waren  *•*•,  brach  seinen 
Pariser  Aufenthalt  kurzer  Hand  ab  und  reiste  im  Oktober  1826 
nach  Heidelberg  zurück. 


M 


17]  Friedrich  Arnold.  17 


•A^"^*^ 


IIL  Tätigkeit  als  Proselctor  am 

anatomisclien  Institut  in  Heidelberg,  Privatdozent 

und  außerordentlicher  Professor. 

(1826—1835.) 

Die  Prosektorstelle  wurde  von  Friedrich  Arnold  am 
23.  Oktober  1826  angetreten.^*  Außer  der  Anfertigung  der  Prä- 
parate für  die  Sammlung  und  die  Vorlesungen  des  Direktors 
hatte  er  die  Verpflichtung,  an  der  Leitung  der  im  Wintersemester 
stattfindenden  Präparierübungen  teilzunehmen  und  in  jedem 
Semester  die  Vorlesungen  über  Osteologie  und  Syndesmologie 
abzuhalten.  Außerdem  las  er  in  den  meisten  Sommersemestern 
Anatomie  und  Physiologie  des  Nervensystems  und  der  Sinnes- 
organe, einige  Male  (seit  1830)  chirurgische  Anatomie  und 
Physiologie,  sowie  vereinzelt  über  die  Ausbildung  des  Gefäß- 
systems in  den  verschiedenen  Tierklassen  und  im  menschlichen 
Fötus,  allgemeine  Anatomie,  die  gesamte  Anatomie  und  Physiologie 
des  Menschen  und  die  pathologische  Anatomie.  Auch  hielt  er 
Anleitungen  zur  Tierzergliederung,  sowie  mikroskopische  Demon- 
strationen zur  allgemeinen  Anatomie  ab. 

Alle  diese  Obliegenheiten  nahmen  ihn  besonders  in  den  ersten 
Jahren  so  in  Anspruch,  daß  für  das  erste  auf  die  Ausführung 
größerer  selbständiger  Unternehmungen  Verzicht  geleistet  werden 
mußte. 

Groß  war  der  Zuwachs,  welchen  die  anatomische  Samm- 
lung durch  ihn  gewann.  Auch  war  er  der  hauptsächlichste  Leiter 
der  Zergliederungen  in  dem  Präpariersale,  dessen  Frequenz  während 
der  Jahre  seines  Prosektorates  erheblich  zunahm.  ^^  In  dem  Maße, 
als  Tiedemann  infolge  zunehmender  Schwäche  seiner  Augen  von 
den  feineren  Präparationsarbeiten  sich  ferner  halten  mußte,  trat  die 
außerordentliche  Leistungsfähigkeit  Arnolds  auf  diesem  Gebiete 
mehr  und  mehr  in  den  Vordergrund.    Er  war  hier  unermüdlich  in 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  2 


18  Max  Fürbringer  [18 


-N_/V- 


Anweisung  und  Belehrung.  Selbst  ein  ausgezeichneter  Präparator, 
stellte  er  an  die  Leistungen  seiner  Schüler  hohe  Anforde- 
rungen.  Auch  war  er  denen,  welche  selbständige  Unter- 
suchungen im  anatomischen  Institute  ausführten,  in  liebens- 
würdigster Weise  mit  Rat  und  Tat  behülflich  und  nützlich. 
L.  W.  Th.  Bischoff  spricht  ihm  und  Tiedemann  in  seiner  be- 
rühmten Abhandlung  über  den  Nervus  accessorius  Willisii  1832^*^ 
den  lebhaftesten  Dank  für  seine  Unterstützung  aus,  ebenso 
M.  C.  G.  Seubert  in  seiner  Preisschrift  und  Dissertation  über  die 
Leistungen  der  vorderen  und  hinteren  Spinalnervenwurzeln  1833". 

Auf  seine  Vorlesungen  verwandte  er  den  größten  Fleiß. 
Hier  handelte  es  sich  für  ihn  nicht  nur  um  die  materielle  Vor- 
bereitung, sondern  um  die  weitere  Bekämpfung  und  Überwindung 
seines  inzwischen  wohl  sehr  gemilderten,  aber  noch  nicht  ganz 
beseitigten  Sprachfehlers  und  seiner  damit  zusammenhängenden 
Eigenheit  eines  ungemein  raschen  Sprechens,  nachdem  die  ersten 
Hindernisse  beim  Beginne  des  Vortrages  überwunden  waren.  Auch 
die  damals  in  Deutschland  fast  allgemein  übliche  Art,  an  Stelle 
des  freien  Vortrages  die  bis  ins  Detail  ausgearbeitete  Vorlesung 
abzulesen,  machte  ihm  große  Schwierigkeit.  Erst  nach  einigen 
Jahren  gelang  es  seinen  unermüdlichen  Anstrengungen,  alle  diese 
Störungen  und  Schwierigkeiten  zu  bezwingen  und  jene  Freiheit 
und  Lebendigkeit  des  Vortrages  zu  gewinnen,  die  er  an  seinen 
Pariser  Lehrmeistern  so  sehr  bewundert  hatte.  Friedrich  Arnold 
nahm  seitdem  unter  den  deutschen  medizinischen  akademischen 
Lehrern  durch  das  Lebendige,  Eindringliche  und  Fesselnde  seines 
Vortrages  eine  erste  Stelle  ein. 

Die  Heidelberger  medizinische  Fakultät  bestand  in  den  Jahren 
1826—35  im  wesentlichen  aus  den  gleichen  Dozenten  wie  während 
der  Studienzeit  Friedrich  Arnolds.  Seit  1827  waren  sein  Bruder 
Wilhelm,  seit  1833  Kobelt  als  Privatdozenten  in  ihren  Lehr- 
körper eingetreten.    Leuckart  war  1832  einem  Rufe  als  Prof.  ord. 


19]  Friedrich  Arnold.  19 


-vrs- 


der  Zoologie,  vergleichenden  und  pathologischen  Anatomie  und 
Tierheilkunde  nach  Freiburg  i.  B.  gefolgt  und  teilweise  durch 
Bronn  ersetzt  worden;  in  die  übrige  Erbschaft  teilten  sich 
Friedrich  Arnold  und  Kobelt.  Tiedemann  las  im  Sommer 
Physiologie  und  die  Lehre  von  der  Zeugung  und  der  Ausbildung 
des  Fötus,  im  Winter  Anatomie,  einigemale  auch  dieses  oder  jenes 
Spezialkolleg  und  vereinzelt  pathologische  Anatomie;  zugleich 
leitete  er  im  Verein  mit  Arnold  die  Präparierübungen  im  Winter- 
semester. 

Sobald  sich  Friedrich  Arnold  im  stände  sah,  die  Obliegenheiten 
seines  Amtes  ohne  Aufwendung  seiner  ganzen  Arbeitszeit  zu  er- 
füllen, wandte  er  sich  der  Fortsetzung  seiner  Untersuchungen 
über  den  Kopfteil  des  sympathischen  Nervensystems  und  über  die 
Kopfnerven,  sowie  mikroskopischen  Forschungen  über  das  Auge, 
und  verschiedenen  anderen  anatomischen,  histologischen  und 
embryologischen  Gebieten  zu. 

Im  Jahre  1828  erschien  die  anatomisch-physiologische  Ab- 
handlung „Über  den  Ohrknoten"  (56  pp.  und  2  Tafeln  in  kl.  4^) 
—  1831  die  große  Monographie  „Der  Kopfteil  des  vegetativen 
Nervensystems  beim  Menschen  in  anatomischer  und  physiologischer 
Hinsicht"  (X,  204  pp.,  10  ausgeführte  und  10  in  linearen  Um- 
rissen angegebene  Figurentafeln  in  4®),  sowie  drei  kleinere  Arbeiten 
„Über  den  Canaliculus  tympanicus  und  mastoideus"  (4  pp.  und  eine 
Tafel  in  4%  „Kurze  Angaben  einiger  anatomischen  Beobachtungen" 
(4  pp.  in  8^)  und  „Quelques  decouvertes  sur  differents  points 
d'anatomie"  (7  pp.  in  8^),  —  1832  die  umfangreichen  „Anato- 
mischen und  physiologischen  Untersuchungen  über  das  Auge  des 
Menschen"  (VIII,  168  pp.  und  3  Tafeln  in  4®)  und  die  kürzere  Mit- 
teilung „Die  Arachnoidea  und  der  Fontanasche  Kanal  im  mensch- 
lichen Auge"  (4  pp.  in  gr.  8^),  —  1833  die  Schrift  „Über  die 
Membrana  capsulo-pupillaris"  (5  pp.  in  8®),  —  1834  die  Ab- 
handlung „Noch  einiges  über  die   Membrana  capsulo-pupillaris" 


20  Max  Fürbringer  [20 


c? 


(12  pp.  in  gr.  8®),  das  Foliowerk  „Icones  nervorum  capitis"  (IV, 
50  pp.,  9  ausgeführte  und  ebensoviele  Umrißtafeln),  „Bemerkungen 
über  einige  Entdeckungen  und  Ansichten  in  der  Anatomie  und 
Physiologie"  (15  pp*  in  4®)  und  „Einige  Mitteilungen  über  das 
Gewebe  der  Knorpel  und  Knochen"  (5  pp.  und  1  Tafel  in  4®). 

Den  Schwerpunkt  der  wissenschaftlichen  Tätigkeit  jener  Periode 
bilden  die  beiden  großen  dem  sympathischen  Nervensystem 
des  Kopfes  und  der  Illustration  der  Kopfnerven  dienenden 
Werke  der  Jahre  1831  und  1834,  an  die  sich  die  drei  kleineren 
oben  angeführten  Schriften  der  gleichen  Kategorie  aus  den  Jahren 
1828,  1831  und  1832  anschließen.  „Der  Kopfteil  des  vegeta- 
tiven Nervensystems"  (1831)  repräsentiert  einen  Markstein  in 
der  Entwicklung  unserer  Kenntnis  des  peripheren  Nervensystems 
und  kann,  was  die  Genauigkeit  der  Untersuchung,  die  nahezu  er- 
schöpfende Behandlung  der  Literatur  und  die  tiefblickende  Zu- 
sammenfassung und  Vergleichung  der  Befunde  anlangt,  noch  jetzt 
als  ein  Musterwerk  gelten.  Durch  zahlreiche  bisher  noch  nicht 
beobachtete  Details,  z.  B.  betreffend  die  Verbindungen  zwischen 
den  Nn.  facialis  und  acusticus  und  zwischen  den  Nn.  glossopha- 
ryngeus  und  vagus,  den  Canaliculus  tympanicus,  den  Canaliculus 
mastoideus  und  Ramus  auricularis  nervi  vagi,  den  Verband  des 
N.  facialis  mit  dem  N.  petrosus  superficialis  minor,  die  Wurzeln 
und  Aste  des  Ganglion  oticum,  die  Verzweigungen  des  Kopf- 
Sympathicus  u.  a.,  wird  unser  Wissen  betreffend  dieses  Gebiet 
der  descriptiven  Anatomie  erheblich  vermehrt.  In  der  übersicht- 
lichen, dem  morphologischen  Verhalten  wie  der  funktionellen 
Bedeutung  gleich  Rechnung  tragenden  Gruppierung  und  Ein- 
teilung der  Gehirnnerven  und  der  einzelnen  Ganglien  des  Kopfes, 
wenn  man  ihr  auch  in  manchen  Teilen  nicht  zustimmen  kann  und 
wenn  sie  auch  durch  spätere  vergleichend-anatomische  und  ent- 
wicklungsgeschichtliche Arbeiten  überholt  ist,  offenbaren  sich  doch 
gegen  früher   weitgehende   Fortschritte  und  zugleich  die  späteren 


21]  Friedrich  Arnold.  21 


Untersuchungen  befruchtende  Prinzipien.  Die  darin  niedergelegten 
Anschauungen  über  die  Selbständigkeit  des  sympathischen  Nerven- 
systemes  sind  z.  T.  nicht  richtig;  Arnold  hat  sie  später  selbst  wesent- 
lich modifiziert.  —  Die  „Icones  nervorum  capitis"  (1834)  be- 
ginnen mit  einer  zusammenfassenden,  die  Einteilung  der  Kopfnerven 
aufführenden  Einleitung  und  enthalten  eine  bildliche  Darstellung  des 
feineren  Veriaufs  derselben,  wie  sie  in  gleicher  Schönheit,  Natur- 
wahrheit, Genauigkeit  und  Übersichtlichkeit  bisher  noch  nicht 
bekannt  war.  Auf  die  hier  und  in  dem  zuvor  besprochenen  Werke 
durchgeführte  Klassifizierung  der  Kopfnerven  und  Kopfganglien 
sei  besonders  hingewiesen. 

Beiden  Werken  und  den  anderen  Abhandlungen  jener  Zeit 
diente  Franz  Wagner  als  illustrierender  Künstler;  sein  großes  An- 
sehen als  solcher  verdankte  er  zum  großen  Teil  dem  Zusammen- 
arbeiten mit  Arnold. 

Eine  zweite  Untersuchungsreihe  dient  der  Erforschung  des 
Sehorgans.  Das  hierher  gehörige  Hauptwerk  repräsentieren  die 
„Anatomischen  und  physiologischen  Untersuchungen 
über  das  Auge  des  Menschen"  (1832);  weitere  Beiträge  finden 
sich  in  den  anatomischen  Beobachtungen  von  1831,  sowie 
in  den  drei  kleineren  oben  genannten  Schriften  über  einzelne 
Teile  des  Sehorganes  (1832,  1833,  1834).  Friedrich  Arnold  tritt 
hier  zum  erstenmal  als  mikroskopischer  Untersucher  auf.  Er 
war  auf  diesem  Gebiete  Autodidakt ;  zudem  gehörte  das  von  ihm 
benutzte  Instrument,  dem  auch  eine  Zeichenkamera  und  ein  Mikro- 
meter mangelte,  zu  den  minderwertigen.  Das  hat  auch  Arnold 
selbst  erkannt,  und  in  dem  Vorwort  warnt  er  vor  der  Benutzung 
sehr  starker  Vergrößerungen,  weil  diese  so  leicht  Veranlassung 
zu  optischen  Täuschungen  geben  könnten.  Dies  darf  bei  der 
Beurteilung  der  voriiegenden  Untersuchungen,  die  zudem  ein 
besonders  schwieriges  histologisches  Gebiet  behandeln  und  volle 
7  Jahre   vor    Schwanns   grundlegenden    mikroskopischen    Unter- 


22  Max  Fürbringer  [22 


■Ver- 


suchungen über  die  „Übereinstimmung  in  der  Struktur  und  dem 
Wachstum  der  Tiere  und  Pflanzen"  erschienen,  nicht  außer  acht 
gelassen  werden.  In  dem  Vorwort  zu  den  Untersuchungen  über 
das  Auge  des  Menschen  teilt  Arnold  mit,  in  welcher  Weise  er, 
um  die  großen  Gefahren  von  Irrtümern  zu  vermeiden,  das  Mikro- 
skop gehandhabt  habe,  und  eröffnet  uns  den  vollen  Einblick  in 
seine  gewissenhafte  Art  zu  arbeiten.  Folgender  Passus  gegen  den 
Schluß  des  Vorwortes  ist  so  charakteristisch  für  ihn,  daß  er  hier 
wiedergegeben  werden  möge:  „Die  hier  mitgetheilten  Beobachtungen 
habe  ich  ohne  alle  vorgefaßte  Meinung  angestellt.  Nur  das,  was 
mich  wiederholte  und  sehr  häufige  Nachsuchungen  lehrten,  wurde 
angenommen,  alles  aber,  was  ich  nur  einige  Mal,  oder  un- 
bestimmt und  undeutlich  sah,  verworfen.  Bei  meinen  Unter- 
suchungen leitete  mich  stets  das  Streben  nach  Wahrheit.  Ich 
war  bemüht,  durch  verschiedenartige  Wege,  die  ich  einschlug,  es, 
so  viel  mir  möglich,  zu  vermeiden,  Andere  und  mich  selbst  zu 
täuschen,  weil  ich  nur  allzusehr  von  der  Überzeugung  durch- 
drungen bin,  daß  Irrthümer,  die  auf  die  oder  jene  Weise  in  eine 
Lehre  gebracht  werden,  der  Wissenschaft  unberechenbaren  Schaden 
zufügen.  Da,  wo  meine  Forschungen  mir  das  Gegenteil  von  dem, 
was  allgemein  angenommen  wird,  oder  etwas  Neues  und  Eigenes 
zeigten,  hütete  ich  mich  wohl,  es  sogleich  anzunehmen.  Nur  wieder- 
holte zuverlässige  Beobachtungen  konnten  mich  dazu  bestimmen, 
der  Lehre  Anderer  entgegenzutreten  oder  das  Gesehene  als  etwas 
Wesentliches  und  Wirkliches  mitzutheilen.  —  Sollten  Andere  die  hier 
gegebenen  Untersuchungen  durch  Selbstprüfung  der  Beachtung 
wert  halten,  so  wird  es  mir  gleich  willkommen  seyn,  ob  sie  meine 
Beobachtungen  bestätigen  oder  berichtigen  oder  als  nichtig  dar- 
legen. Die  Wahrheit  allein  ist  es,  die  ich  stets  vor  Augen  habe, 
die  ich  schätze  und  liebe,  sie  mag  zu  Gunsten  dessen,  was  ich 
gesehen  und  gefunden  oder  zum  Nachtheil  desselben  sprechen. 
Ich  kann  mit  Grund  sagen,  daß  ich  überall  nur  das,   was   meine 


23]  Friedrich  Arnold.  23 


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Überzeugung  mich  lehrte,  gegeben  habe.  Sollten  Andere  mir  nach- 
weisen, daß  diese  eine  falsche  ist,  so  werde  ich  nicht  anstehen, 
dieselbe  aufzugeben." 

Den  eigentlichen  Inhalt  dieser  Arbeit  bildet  die  eingehende 
mikroskopische  Beschreibung  aller  einzelnen  Teile  des  Bulbus,  wo- 
bei vergleichende  und  physiologische  Exkurse  und  Betrachtungen 
eine  bemerkenswerte  Rolle  spielen.  Ein  besonders  umfangreiches 
Kapitel  handelt  über  die  Entstehung  des  Augapfels  und  der  Bildungs- 
und Entwicklungsweise  seiner  Teile.  Die  Literatur  ist  ausführlich  be- 
rücksichtigt. Die  erhaltenen  Resultate  sind  von  ungleicher  Geltung: 
vieles  ist  gut  und  hat  sich  als  bleibend  bewährt,  nicht  weniges 
hat  die  verbesserte  mikroskopische  Technik  der  späteren  Dezennien 
modifiziert  oder  als  irrig  erwiesen.  Wenn  auch  diese  Unter- 
suchungen als  Ganzes  genommen  längst  überholt  worden 
sind  und  als  veraltet  gelten  müssen,  so  dürfen  sie  doch,  im 
Geiste  ihrer  Zeit  genommen  und  mit  anderen  mikroskopischen 
Arbeiten  jener  frühen  Periode  verglichen,  gerechte  Anerkennung 
beanspruchen. 

Auf  das  periphere  Nervensystem  und  das  Sehorgan  beziehen 
sich  auch  die  „Bemerkungen  über  einige  Entdeckungen  und  An- 
sichten" etc.  (1834).  Sie  sind  vorwiegend  historischer  und  pole- 
mischer Natur  und  gelten  zumeist  der  Verteidigung  der  nament- 
lich von  Johannes  Müller  und  seinen  Schülern  angegriffenen 
Priorität  verschiedener  Entdeckungen  Arnolds. 

Von  geringerer  Ausdehnung  sind  die  übrigen  Veröffentlichungen 
aus  Arnolds  Prosektorzeit.  Die  „Anatomischen  Beobach- 
tungen" etc.  (1831)  und  „Quelques  decouvertes"  etc.  (1831) 
enthalten  auch  embryologische  Mitteilungen  1.  über  die  Zahn- 
anlagen, deren  anfänglicher  Zusammenhang  mit  der  Mundschleim- 
haut richtig  erkannt  wird,  2.  über  die  Nebennieren,  die  von  dem 
Wolffschen  Körper  abgeleitet  werden,  3.  über  die  zeitweilige 
Verbindung  der  Testikel  und  Ovarien  mit  den  Urnieren,  4.,  5.  und 


\ 


24  Max  Fürbringer  [24 


»vi^'N. 


6.  über  embryonale  Verbände  zwischen  Milz  und  Pankreas,  sowie 
zwischen  Thymus,  Glandula  thyreoidea  und  Trachea,  welche 
letzteren  Angaben  später  genaueren  Erkenntnissen  Platz  machen 
mußten,  7.  über  den  vollständigen  Mangel  der  Leber  bei  einem 
sonst  normalen  menschlichen  Fötus  und  8.  über  ^ie  gegenseitigen 
Beziehungen  der  Vena  umbilicalis,  Vena  portae  und  des  Ductus 
venosus  Arrantii.  Auch  anatomische  Beobachtungen  über  die 
Arachnoidea  oculi  (Suprachorioidea)  und  über  den  sich  in  doppelter 
Hinsicht  kreuzenden  Faserverlauf  in  der  Medulla  oblongata  sind 
in  ihnen  enthalten. 

Die  „Mitteilungen  über  die  Gewebe  der  Knorpel  und 
Knochen  beim  Menschen",  nach  1833  von  Wilhelm  und  Friedrich 
Arnold  gemeinsam  ausgeführten  Untersuchungen  und  1834  ver- 
öffentlicht, betreffen  den  mikroskopischen  Bau  des  Knorpels  und 
Knochens  und  seine  Entwicklung.  Auch  sie  sind  überholt  und 
zeigen  auf  den  beigegebenen  Abbildungen  eine  Zusammensetzung 
der  Grundsubstanz  aus  zahlreichen  und  verschieden  gruppierten 
kleinen  Kügelchen,  welche  spätere  mikroskopische  Arbeiten  als 
nicht  bestehend  nachgewiesen  haben  und  welche  als  von  dem  be- 
nutzten Mikroskope  herrührende  Trugbilder  anzusprechen  sind. 
Immerhin  beruht  auch  diese  kurze  Abhandlung  auf  der  Unter- 
suchung zahlreicher,  umsichtig  ausgewählter  Objekte  und  enthält 
manche  richtige  Beobachtung. 

Im  Jahre  1828  erfolgte  die  definitive  Anstellung  Friedrich 
Arnolds  zum  Prosektor.*^  Seine  großen  Lehrerfolge,  die  Be- 
reicherung der  anatomischen  Sammlungen  durch  zahlreiche  von 
ihm  angefertigte  Präparate,  und  das  Ansehen,  welches  er  im  In- 
und  Auslande  durch  seine  Veröffentlichungen  gewonnen^',  ver- 
anlaßte  die  Fakultät  am  Anfange  des  Jahres  1833,  für  ihn  durch 
einstimmigen  Beschluß  eine  Gehaltserhöhung  bei  der  Regierung  zu 
beantragen.  Dieselbe  wurde  ihm  durch  ministeriellen  Erfaß  gewährt 
und  damit  zugleich  der  Lehrauftrag  für  vergleichende  Anatomie 


25]  Friedrich  Arnold.  25 


verbunden;  auch  wies  das  Ministerium  eine  weitere  jährliche  von 
Arnold  zu  verwaltende  Summe  für  Neuanschaffungen  in  der 
Sammlung  und  für  Unterstützung  durch  einen  Assistenten  an.^® 

Im  Wintersemester  1833/34  erfolgte  die  Ernennung  zum 
außerordentlichen  Professor.^^  Damit  hatte  er  sich,  als 
Frucht  seines  rastlosen  und  an  wissenschaftlichen  Erfolgen  reichen 
Strebens,  eine  Stellung  errungen,  welche  ihm  zwar  noch  keine 
Selbständigkeit  gab,  aber  eine  sorgenfreie  Existenz  und  die  Mög- 
lichkeit gewährte,  unbehindert  seinen  Arbeiten  leben  zu  können.  — 
Im  Jahre  1833  wird  er  zum  auswärtigen  Mitglied  der  Physikalisch- 
medizinischen Gesellschaft  in  Erlangen  erwählt. 

In  die  Heidelberger  Zeit  fällt  auch  Friedrich  Arnolds  im 
Jahre  1830  erfolgte  Verheiratung  mit  Ida  Eberhardine  Qock, 
Tochter  des  kgl.  württembergischen  Hofdomänenrates  Karl  Chri- 
stian Fr.  von  Qock  in  Stuttgart  und  seiner  Gattin  Maria  Eber- 
hardine Sofie  geb.  Bloest.  Ida  Qock,  geboren  am  5.  Dezember  181 1 , 
war  eine  reich  begabte  Natur  mit  rascher  Auffassungsgabe,  großer 
Anpassungsfähigkeit  und  hervorragenden  Talenten,  namentlich  auch 
für  den  geselligen  Verkehr,  den  sie  sehr  liebte  und  mit  fast  be- 
strickender Liebenswürdigkeit  kultivierte.  Damit  war  freilich  eine 
gewisse  Unruhe  des  Geistes  und  eine  nicht  gleichmäßige  Stimmung 
verbunden,  wozu  sich  im  weiteren  Verlaufe  ihres  Lebens  ein  zu- 
nehmendes Herzleiden  gesellte,  das  sie  aber  tapfer  und  ohne 
Klagen  ertrug.  Beide  Gatten  ergänzten  sich  in  mannigfacher 
Hinsicht.  Die  Ehe  war  sehr  glücklich  und  endete  1868  mit  dem 
Tode  der  Gattin;  ihr  entsproßten  5  Kinder,  deren  erstes,  Ida, 
1831  in  Heidelberg  geboren  wurde."  —  1833  hatte  Friedrich  Arnold 
den  Schmerz,  seine  Mutter  zu  verlieren. 

Im  Dezember  1834  erhielt  er  den  Ruf  als  ordentlicher 
Professor  der  Anatomie  und  Direktor  der  anatomischen 
Anstalt  an  die  im  Jahre  1833  neu  gegründete  Universität  Zürich." 
Die  Entscheidung  war  nicht  leicht:  auf  der  einen  Seite  in  Heidelberg 


26  Max  Fürbringer  [26 

bekannte  Verhältnisse,  eine  gesicherte,  aber  abhängige  Stellung, 
auf  der  anderen  Seite  in  Zürich  das  Einleben  in  die  neuen  Ge- 
wohnheiten des  außerdeutschen  Landes  und  eine  zwar  selbständige, 
aber  zufolge  der  in  der  Schweiz  üblichen  Anstellung  auf  nur  eine 
Anzahl  Jahre  nicht  genügend  gesicherte  Position.  Dazu  noch 
persönliche  Verhältnisse,  welche  eine  definitive  Beschlußfassung 
noch  schwieriger  gestalteten.  Die  badische  Regierung,  welche 
einen  Mann  wie  Arnold  ihrer  Universität  zu  erhalten  trachtete, 
gab  ihm  anerkennenswerte  Beweise  ihres  Vertrauens,  zeigte  ihm 
für  den  Fall  seines  Verbleibens  in  Heidelberg  das  möglichste 
Entgegenkommen  und  bot  ihm  eine  weitere  Gehaltserhöhung  an.** 

Nach  schwerem  inneren  Kampfe  entschied  sich  Friedrich 
Arnold  für  die  Annahme  der  Berufung,  weil  aus  den  von  der 
medizinischen  Fakultät  geführten  Verhandlungen  deutlich  zu  ersehen 
war,  daß  sein  bisheriger  Direktor  Tiedemann  durch  Arnolds  Ver- 
bleiben in  einer  ziemlich  unabhängig  gestalteten  Stellung  beein- 
trächtigt und  unliebsam  berührt  würde.  Dazu  aber  konnte  er  sich 
um  so  weniger  entschließen,  als  er  sich  seinem  Lehrer  und  bis- 
herigen Vorgesetzten  dankbar  verpflichtet  fühlte  und  weit  davon 
entfernt  war,  eine  Stellung  einnehmen  zu  wollen,  welche  diesem 
Unannehmlichkeit  verursacht  hätte. 

Anfang  Februar  1835  erklärte  er  sich  zur  Übernahme  der 
Züricher  Professur  bereit  und  schied  im  Frühjahr  aus  einer  Stel- 
lung, welche  zum  Ausgange  für  seine  ganze  Entwicklung  geworden 
war  und  die  ihm  wohl  Kampf  und  Arbeit,  aber  noch  größere 
Genugtuung  und  Förderung  gewährt  hatte.  Sein  Nachfolger  im 
Heidelberger  Prosektorat  wurde  Kobelt. 

IV.  Professor  Ordinarius  und  Direlctor  in  Zürich. 

1835-1840 

In  Zürich  traf  Friedrich  Arnold  noch  gänzlich  unfertige  Ver- 
hältnisse in  der  anatomischen  Anstalt  der  jungen  Universität  an. 


27]  Friedrich  Arnold.  27 


Bei  der  Errichtung  der  Hochschule  1833  war  Demme  als 
außerordentlicher  Professor  der  Anatomie  ernannt  worden  und  las 
als  solcher  nicht  nur  über  die  normale  Anatomie  des  Menschen, 
sondern  auch  über  pathologische  Anatomie  und  über  chirurgische 
Themata.  Eine  so  ausgebreitete  Lehrtätigkeit  war  der  Begründung 
einer  anatomischen  Sammlung  nicht  günstig.  Auch  der  ihm  bei- 
gegebene Prosektor  Hodes  war  mit  heterogenen  Vorlesungen, 
worunter  auch  gerichtliche  Medizin,  überlastet. 

Als  daher  Arnold  nach  Demmes  Berufung  als  Professor  der 
Chirurgie  nach  Bern  seine  Stellung  im  Frühling  1835  antrat,  fand 
er  eine  Anstalt  vor,  die  auch  den  bescheidensten  Anforderungen 
nicht  genügen  konnte.  Sie  bestand  aus  einem  zu  ebener  Erde 
gelegenen  mäßig  großen  Räume,  in  dem  die  Vorlesungen  ge- 
halten, die  Sektionen  der  im  Kantonshospital  Verstorbenen  ge- 
macht und  die  Sezierübungen  vorgenommen  wurden,  sowie  einem 
kleinen  Zimmer,  in  welchem  die  pathologisch -anatomischen 
Präparate  Schoenleins  aufgestellt  waren.  Ein  und  zwei  Treppen 
hoch  befand  sich  noch  je  eine  Kammer  für  den  Direktor  und  den 
Prosektor.  Also  sehr  wenig  Raum  und  in  möglichst  unpraktischer 
räumlicher  Verteilung.  Präparate  zur  normalen  Anatomie  waren 
nur  wenige  brauchbare  und  zudem  recht  alte  —  noch  von  Hirzel 
angefertigte  —  vorhanden.  Dagegen  stand  ein  reiches  Leichen- 
material zu  Gebote. 

Da  der  Neubau  einer  anatomischen  Anstalt  neben  dem  neu 
zu  errichtenden  Kantonshospital  bald  nach  Friedrich  Arnolds  An- 
kunft in  Zürich  beschlossen  wurde  und  eine  neben  dem  anatomi- 
schen Institute  befindliche  Werkstatt  zu  einem  Sektions-  und 
Präpariersaal  hergerichtet  wurde,  waren  vorläufig  befriedigende 
Verhältnisse  gegeben.  Dazu  kamen  die  Unterstützung  durch  den 
fleißigen  und  tüchtigen,  in  der  feineren  Präparation  und  Injektion 
geübten  Prosektor  M.  Hodes,  ein  rücksichtsvolles  und  einsichts- 
reiches Entgegenkommen  der  Züricher  Behörden  ^^  eine  durch  Fleiß 


28  Max  Fürbringer  [28 


-»»/^. 


und  Streben  ausgezeichnete  Zuhörerschaft,  angenehme  und  an- 
regende Beziehungen  zu  den  Kollegen  und  schließlich  die  Gewin- 
nung des  von  ihm  bereits  erprobten  ausgezeichneten  Zeichners 
Franz  Wagner,  der  Arnold  nach  Zürich  folgte,  um  dort  die  In 
Heidelberg  begonnenen  gemeinsamen  Arbeiten  fortzusetzen.  Dazu 
die  im  August  1835  erfolgte  Berufung  seines  Bruders  Wilhelm 
als  außerordentlicher  Professor  der  Medizin  (für  Materia  medica 
und  Geschichte  der  Medizin). 

Alles  das  gestaltete  ihm  den  neuen  Aufenthaltsort,  der  zudem 
mit  seiner  herrlichen  Umgebung  Gelegenheit  zu  erfrischenden 
Spaziergängen  und  Exkursionen  gab,  bald  zur  lieben  Heimat. 
Auch  seine  Frau  fühlte  sich  hier  wohl,  die  jugendliche  Tochter 
gedieh  und  sein  Sohn  Julius  ward  im  August  1835  hier  geboren. 

Die  Züricher  Universität  war  ein  Versammlungsort  frischer 
und  freier  Geister.  Die  Schweiz  hatte  viele  ihrer  besten  Söhne 
als  Lehrer  dahin  gesendet,  aber  auch  viele  hervorragende  Deutsche 
hatten,  durch  die  mit  Anfang  der  dreißiger  Jahre  einsetzenden  sinn- 
losen reaktionären  Strömungen  aus  ihrem  Vaterlande  vertrieben, 
daselbst  Heimat  und  Redefreiheit  gefunden.  In  der  Medizin  und 
den  Naturwissenschaften  bildeten  die  Deutschen  Johann  Lukas 
Schoenlein  und  Lorenz  Oken  Mittelpunkte,  um  die  sich  ihre 
Kollegen,  mochten  dieselben  der  Schweiz  oder  Deutschland  ent- 
stammen, in  Verehrung  versammelten.  Von  den  Schweizer  Kol- 
legen seien  u.  A.  der  Chirurg  Locher-Zwingli,  der  Geburtshelfer 
Spöndli,  der  innere  Kliniker  und  Pharmakolog  Locher- Halber, 
der  Ophthalmolog  Muralt,  der  Zoolog  und  Anthropolog  Schinz, 
der  Botaniker,  Paläontolog  und  Entomolog  Heer,  der  Geolog 
lischer  von  der  Linth,  von  den  Deutschen  der  Physiolog  und 
Patholog  von  Pommer,  der  Mineralog  Fröbel,  der  Chemiker 
Lc'iwig.  Wilhelm  Arnold  u.  A.  genannt.  Vielen  dieser  Kollegen, 
vor  allen  Oken,  Schoenlein  und  Locher-Zwingli  stand  Friedrich 
Arnold  sehr  nahe. 


29]  Friedrich  Arnold.  29 


In  den  Semestern  1837/38  und  1838  war  er  Dekan  der 
medizinischen  Fakultät,  1838  und  1838/39  Rektor  der  Univer- 
sität, als  erster  aus  dem  Schöße  der  medizinischen  Fakultät  ge- 
wählter Rektor  derselben  seit  ihrem  Bestehen. ^^ 

Die  Frequenz  der  jungen  Universität^'  und  namentlich  der 
medizinischen  Fakultät,  die  etwa  die  Hälfte  der  gesammten  Be- 
sucher der  Hochschule  ausmachte,  war  eine  erfreuliche.  Bis  zum 
Jahre  1839,  wo  widrige  religiös-politische  Wirren  ein  plötzliches 
Niedersinken  verursachten,  studierten  im  Semestermittel  mehr  als 
100  Mediziner  hier.  Arnolds  einzelne  Vorlesungen  waren  zu 
Zeiten  von  über  40  Zuhörern  oder  Praktikanten  besucht  und  die 
am  meisten  frequentierten  an  der  medizinischen  Fakultät.^'  Er  las 
Anatomie,  allgemeine  Anatomie  und  Physiologie  der  Menschen, 
sowie  vereinzelte  kleinere  Kollegien  über  speziellere  Teile  der 
Anatomie,  hielt  öfters  anatomische  und  physiologische  Exami- 
natoria  und  Conversatoria  ab  und  leitete  mit  Hodes  die  Präparier- 
übungen. 

Der  Eifer  und  die  Dankbarkeit  seiner  Schüler,  die  in  zu- 
nehmendem Maße  aus  fast  allen,  auch  den  französischen  Kantonen 
der  Schweiz,  wie  aus  Deutschland  und  anderen  Ländern  trotz  des 
Verbotes  der  betreffenden  reaktionären  Regierungen  nach  Zürich 
strömten,  waren  groß  und  erfreuten  ihn  in  hohem  Grade.  U.  A.  war 
auch  Kölliker  sein  Schüler  und  teilt  in  seinen  „Erinnerungen  aus 
meinem  Leben"  ^®  mit,  daß  er  Friedrich  Arnold  in  seinen  ersten 
Semestern  mit  großem  Nutzen  gehört  und  unter  diesem  hervor- 
ragenden Gelehrten  präpariert  habe. 

Eine  Anzahl  damals  entstandener  Züricher  Dissertationen, 
insbesondere  von  Aepli,  De  membrana  tympani  1837;  Dieffenbach, 
De  corporibus  Wolffianis  1836;  Drummond,  De  regeneratione 
nervorum  1839;  Haag,  De  cloaca  1837;  Photiades,  Nonnulla  de 
generatione  1838;  Solinville,  De  nervo  pneumogastrico  in  corpore 
humano  1838;  Thuet,  Disquisitiones  anatomicae  psittacorum  1838; 


30  Max  Fürbringer  [30 


Trapp,  Symbolae  ad  anatomiam  et  physiologiam  organorum  bulbum 
adjuvantium  et  praecipue  membranae  nictitantis  1836;  Wagner, 
De  descensu  testiculi  1839,  bezeugen  durch  ihren  Gehalt  und  durch 
die  warmen  Ausdrücke  der  Dankbarkeit  seitens  der  Verfasser  die 
anregende  und  sorgsame  Leitung  des  Lehrers. 

Die  Lehrmittel  undSammlungen  der  anatomischen  Anstalt 
erfahren  durch  seine  und  seines  Prosektors  Hodes  Arbeit  eine 
sehr  erfreuliche  Förderung  und  Vermehrung,  wofür  ihm  auch  der 
Erziehungsrat,  unter  Gewährung  einer  besonderen  Gratifikation 
für  Dr.  Hodes,  seinen  aufrichtigsten  Dank  ausspricht.^ 

Auch  sonst  erhielt  Friedrich  Arnold  Beweise  von  der  hohen 
Schätzung  und  Anerkennung  seiner  Leistungen  seitens  der  vor- 
gesetzten Behörden. 

Als  im  Jahre  1839  im  Anschlüsse  an  J.  D.  Strauß'  Berufung 
an  die  Züricher  Universität  von  dem  Pfarrer  B.  Hirzel  in  Pfäffikon 
fanatisierte  Bauernmassen  in  die  Stadt  eindrangen  und  damit  eine 
kirchlich-politische  Reaktion,  verbunden  mit  partikularistischen  Um- 
trieben gegen  die  aus  dem  Ausland  berufenen  Professoren,  herein- 
brach, begann  auch  für  die  junge  blühende  freisinnige  Universität 
eine  kritische  Periode  des  Niederganges,  die  selbst  eine  Zeit  lang 
ihre  Existenz  in  Frage  stellte.  Nur  allmählich  gelangten  die  liberalen 
und  bildungsfreundlichen  Elemente  wieder  zu  Einfluß.  Damals 
beschloß  der  Erziehungsrat  in  der  Zuschrift  vom  6.  Juli,  Arnold 
„in  Berücksichtigung  seiner  ausgezeichneten  Leistungen  sowohl  in 
seiner  literarischen  Tätigkeit,  als  in  seiner  Stellung  als  Lehrer, 
sowie  als  Vorsteher  der  anatomischen  Sammlung"  für  die  Dauer 
von  zehn  Jahren  die  Stellung  und  die  Rechte  als  Direktor  der 
anatomischen  Anstalt  und  deren  Sammlungen  zuzusichern  und 
damit  zugleich  weitere  Vorrechte  und  Sicherungen  für  alle  Even- 
tualitäten zu  gewähren. ^^'  Ferner  aber  wurde  auch  die  Frage  der 
Entlassung  und  Wiederanstellung  des  von  ihm  sehr  geschätzten 
Prosektors  Hodes  ganz  Arnolds  Wünschen  entsprechend  geregelt.** 


^^ 


31]  Friedrich  Arnold.  31 


JX/^. 


Während  des  Züricher  Professorates  wurde  ihm  auch  eine 
Anzahl  anderer  Ehrungen  zu  teil,  indem  ihn  1835  die  Natur- 
forschergesellschaft zu  Zürich,  1837  die  Gesellschaft  für  Beförde- 
rung der  Naturwissenschaften  in  Freiburg,  1838  die  schwedische 
medizinische  Sozietät  in  Stockholm  und  1839  die  medizinisch- 
naturwissenschaftliche Sozietät  zu  Jassy  in  Anerkennung  seiner 
wissenschaftlichen  Verdienste  zu  ihrem  Mitgliede  ernannten.  — 

Die  produktive  Tätigkeit  Friedrich  Arnolds  war  dabei 
eine  sehr  reiche. 

Bereits  im  zweiten  Jahre  seines  Züricher  Aufenthaltes,  1836, 
veröffentlichte  er  den  1.  Teil  des  „Lehrbuches  der  Physiologie  des 
Menschen"  (XVI,  390  pp.  mit  10  Tafeln  in  8%  1837  die  1.  Ab- 
teilung des  2.  Teiles  (X,  460  pp.),  1838  erscheinen  das  Rektorats- 
programm „Annotationes  anatomicae  de  velamentis  cerebri  et 
medullae  spinalis"  (25  pp.  und  1  Tafel  in  4^),  „Bemerkungen  über 
den  Bau  des  Hirns  und  Rückenmarks  nebst  Beiträgen  zur  Phy- 
siologie des  zehnten  und  elften  Hirnnerven,  mehreren  kritischen 
Mitteilungen,  sowie  verschiedenen  pathologischen  und  anatomischen 
Bemerkungen"  (IV,  218  pp.  und  3  Tafeln  in  8^)  und  das  1.  Heft 
der  „Tabulae  anatomicae"  mit  den  „Icones  cerebri  et  medullae 
spinalis"  (25  pp.  und  10  Doppeltafeln  in  gr.-Folio),  1839  das 
2.  Heft  derselben,  enthaltend  die  „Icones  organorum  sensuum" 
(40  pp.  und  11  Doppeltafeln  in  gr.-Folio). 

Da  das  Lehrbuch  der  Physiologie  erst  in  Freiburg  seinen 
Abschluß  fand,  soll  es  dort  besprochen  werden.  Hier  sei  nur  auf 
die  beiden  anderen  Veröffentlichungen  und  die  beiden  Hefte  der 
Tabulae  anatomicae  eingegangen. 

Die  Annotationes  anatomicae  de  velamentis  etc.  (1838) 
enthalten  eine  genaue,  die  Literatur  ausführlich  berücksichtigende 
Beschreibung  der  drei  Hüllen  des  Gehirns  und  Rückenmarks  und 
haben  zur  Lösung  der  mannigfachen  bisher  über  diese  Gebilde 
bestehenden  Kontroversen  viel  beigetragen.    Manches,  so  die  Auf- 


32  Max  Fürbringer  [32 


"S.y'V- 


fassung  des  Lig.  denticulatum,  der  beiden  Blätter  der  Arachnoidea, 
des  Filum  terminale,  hat  die  spätere  Zeit  verbessert.  Im  großen 
und  ganzen  aber  beicundet  die  Schrift  einen  erheblichen  Fortschritt 
gegen  früher  und  eine  wesentliche  Vermehrung  unserer  diesen 
Teil  der  Anatomie  betreffenden  Kenntnisse. 

Viel  umfassender  sind  die  Bemerkungen  über  den  Bau 
des  Hirns  und  Rückenmarks  etc.  (1838),  welche  zugleich  das 
erste  (ohne  Nachfolge  gebliebene)  Bändchen  der  „Untersuchungen 
im  Gebiete  der  Anatomie  und  Physiologie  mit  besonderer  Rück- 
sicht auf  die  anatomischen  Tafeln"  bilden.  Sie  bestehen  aus  vier 
Abschnitten,  von  denen  der  1 .  und  größte  über  den  Bau  des  Hirns 
und  Rückenmarks,  der  2.  über  die  Physiologie  des  Lungenmagen- 
nerven  und  des  inneren  Astes  der  Willisschen  Beinerven  handelt, 
der  3.  eine  Erwiderung  auf  die  historisch-anatomischen  Bemer- 
kungen von  Johannes  Müller  gibt,  der  4.  verschiedene  pathologische 
und  anatomische  Beobachtungen  mitteilt.  —  In  der  Ein- 
leitung richtet  Arnold  an  seine  Fachgenossen  die  Bitte,  die  von 
ihm  gemachten  Angaben  einer  gründlichen  und  unparteiischen 
Prüfung  zu  unterwerfen  und  ihre  etwaigen  Entgegnungen  oder 
Berichtigungen  in  reinem  oder  wahrem  Interesse  der  Wissenschaft 
zu  machen.  Mit  Dank  werde  er  alle  Bemerkungen  über  seine 
Arbeiten  annehmen,  die  zum  Besten  und  Frommen  dieser,  ohne 
böswillige  Tendenz  und  absichtliche  Entstellung  des  Wahren,  frei 
von  Leidenschaftlichkeit  und  Persönlichkeit  gegeben  sind.  „Nur 
freie,  unbefangene  Prüfungen  in  dieser"  (der  Natur),  schließt  das 
Vorwort  (p  IV.),  „nicht  aber  unbedingtes  Vertrauen  auf  die  Aus- 
sagen jener,  welche  sie  auslegen,  fordert  unsere  Wissenschaft.  Ein 
jeder  wahrer  Forscher  muß  sich  nach  meiner  Überzeugung  von 
dem  Grundsatze:  „Ommissis  auctoritatibus  ipsa  re  et  ratione  ex- 
quirere  debemus  veritatem"  leiten  lassen;  und  so  muß  er  auch  ge- 
statten, daß  andere  nicht  unbedingt  und  ohne  hinreichende  Gründe 
seine  Erfahrungen  annehmen,  kann  dagegen  aber  auch  mit  Recht 


ä 


33]  Friedrich  Arnold.  33 


verlangen,  daß  man  seine  Beobachtungen  nicht  obenhin  und  leicht- 
fertig verwerfe."  —  Der  1.  Abschnitt,  die  anatomischen  Be- 
merkungen über  den  Bau  des  Hirns  und  Rückenmarks 
(p.  1 — 105),  schließen  inhaltlich  eng  an  die  Icones  cerebri  et  medullae 
spinalis  an  und  enthalten  in  fünf  Kapiteln  eine  eingehende,  mit  aus- 
führlichen Literaturstudien  versehene  Darstellung  des  Baues  des 
Zentralnervensystems  und  seiner  Lymphgefäße.  Arnold  ist  auch 
damit  erheblich  über  seine  Vorgänger  hinausgegangen,  hat  mit 
scharfem  Auge  zahlreiche  neue  oder  bisher  nur  ungenügend  be- 
obachtete Strukturen  uns  erschlossen  und  durch  konsequente  An- 
fertigung von  Schnitt-  und  Zerfaserungspräparaten  den  verwickelten 
Bau  der  hauptsächlichsten  Kerne  und  Nervenbahnen  aufgehellt. 
Auch  als  Reformator  in  der  Nomenklatur  des  Gehirns  zeigt  er  sich ; 
eine  nicht  geringe  Anzahl  noch  jetzt  gebräuchlicher  Benennungen 
rührt  von  ihm  her.  Seine  Injektionen  und  Untersuchungen  über 
die  Saugadern  des  Gehirns  haben  ein  bisher  fast  ganz  brach 
liegendes  Gebiet  unserer  Kenntnis  eröffnet.  —  2.  Die  Beiträge 
zur  Physiologie  des  Lungenmagennerven  und  des  inneren 
Astes  des  Willisschen  Beinerven  (p.  106 — 169)  geben  auf 
Grund  anatomischer  Beobachtungen,  physiologischer  Experimente 
(Durchschneidungsversuche  bei  Vögeln)  und  pathologisch-anato- 
mischer Erfahrungen  eine  eingehende  Untersuchung  über  die 
Funktionen  dieser  Nerven.  Wenn  die  schwierige  Materie  durch 
diese  Arbeit  auch  nicht  endgültig  und  in  jeder  Hinsicht  richtig  und 
sichergestellt  entschieden  werden  konnte,  so  bilden  sie  doch 
eine  wichtige  Entwicklungsstufe  in  der  Geschichte  der  Kenntnis 
jener  Nerven.  Am  Schluß  wird  auf  Grund  von  verschiedenen 
Beobachtungen  über  die  Sympathie  der  Lungen-  und  Magenzweige 
des  Vagus  bei  Reizung  von  dessen  Ramus  auricularis  berichtet. 
—  3.  Die  Erwiderung  auf  die  historisch-anatomischen 
Bemerkungen  von  Johannes  Müller  in  dessen  Archiv  1837 
(p.  170 — 202)  bezieht  sich  vorwiegend  auf  Arnolds  von  Joh.  Müller 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    11.  3 


34  Max  Fürbrin^er  [54 


z.  T.  beanstandete  Entdeckungen  im  Gebiete  des  peripheren  Nerven- 
systems, sowie  einige  andere  anatomische  Fragen,  und  enthält 
eine  scharfe  Antwort  auf  dessen  Bemerkungen.  Gel^entliche 
Differenzen  zwischen  den  beiden  hervorragenden  Anatomen  und 
Physiologen  fanden  sich  schon  seit  1832  in  ihren  beiderseitigen 
Veröffenth'chungen;  durch  die  Polemik  von  1837  und  1838  wurden 
dieselben  erheblich  gesteigert  Der  unbefangene  Leser  wird  nicht 
verkennen,  daß  Arnold  in  mancherlei  Einzelheiten  durch  Joh.  Möller 
unrecht  getan  wurde  und  daß  der  große  Beriiner  Anatom  und 
Physiolog,  von  allgemeinen  und  schwerwiegenden  Fragen  und 
Untersuchungen  fast  ganz  in  Anspruch  genommen,  in  dem  histo- 
rischen Detail  der  Nervenentdeckungen  nicht  so  genau  Bescheid 
wußte  wie  Arnold;  er  wird  sonach  die  in  Arnolds  Antwort  zu 
Tage  tretende  Gereiztheit  menschlich  begreiflich  und  in  dessen 
feinem  und  lebhaftem  Gerechtigkeitsgefühl  begründet  finden.  Gleich- 
wohl bleibt  sehr  zu  bedauern,  daß  zwei  solche  Männer,  geschaffen, 
um  viribus  unitis  der  Wissenschaft  zu  nützen,  in  eine  so  gegen- 
sätzliche Stellung  gerieten  und  sich  auch  im  späteren  Leben  nicht 
wieder  fanden.  —  4.  Verschiedene  pathologische  und  ana- 
tomische Beobachtungen  (p.  203 — 218  und  3  Tafeln).  Die 
hier  mitgeteilten  und  gewürdigten  Beobachtungen  betreffen  zwei 
pathologische  Gehirne  und  eine  abnorme  Bildung  des  Hirns  und 
der  Augen,  zwei  Fälle  von  Lähmung  des  Antlitznerven,  das  Antrum 
cardiacum  an  dem  Magen  wiederkäuender  Menschen  und  den  ab- 
normen Verlauf  der  Arteria  laryngea  superior. 

Der  Fasciculus  I.  der  Tabulae  anatomicae,  die  Icones 
cerebri  et  medullae  spinalis  enthaltend  und  dem  Andenken 
von  Th.  Willis,  T.  Vicq  d'Azyr  und  Chr.  Reil  gewidmet  (1838). 
gibt  auf  10  nach  Arnolds  Präparaten  urid  unter  seiner  Leitung  von 
Franz  Wagners  Künstlerhand  gezeichneten  und  mit  ausführiichen 
Erklärungen  versehenen  lithographischen  Doppeltafeln  in  Großfolio 
(mit  77  Figuren)  die    Darstellung  des  Gehirns  und  Rückenmarks 


35J  Friedrich  Arnold.  35 


mit  ihren  Hüllen  und  Gefäßen,  in  topographischer  Lage  zum 
Schädel,  mit  zahlreichen  Ansichten  von  außen,  Abbildungen  von 
Durchschnitten  und  Faserungspräparaten.  -  Dieses  hervorragende 
Werk  wurde  bei  seinem  Erscheinen  mit  Bewunderung  und  lebhafter 
Freude  begrüßt  und  hat  wie  wenige  zur  genaueren  und  ausge- 
gebreiteteren  Kenntnis  des  Gehirns  und  Rückenmarks  beigetragen. 
Mit  Recht  wird  es  von  Knauff  mit  den  anderen  Heften  der  Tabulae 
anatomicae  als  eine  Zierde  der  deutschen  Literatur  bezeichnet;  selbst 
jetzt  nach  65  Jahren,  wo  in  der  Zwischenzeit  Hunderte  von  Unter- 
suchern mit  ungemessen  vermehrten  Hülfsmitteln  der  anatomischen 
Forschung  und  Darstellung  die  Kenntnis  des  zentralen  Nerven- 
systems gefördert  haben,  bildet  es  ein  noch  gern  benutztes  Nach- 
schlagewerk in  den  anatomischen  Bibliotheken. 

Der  Fasciculus  II.  der  Tabulae  anatomicae,  dem  Andenken 
S.  T.  Soemmerrings  gewidmet,  die  Icones  organorum  sensuum 
(1839),  gibt  auf  11  entsprechend  und  von  dem  gleichen  Künstler 
ausgeführten  Doppeltafeln  (mit  217  Figuren)  nebst  Erklärungen 
eine  Reihe  von  Abbildungen  der  Sinnesorgane,  denen  Hunderte 
von  eigens  gefertigten  Präparaten  zu  Grunde  liegen  und  die  an 
künstlerischer  Schönheit  die  Figuren  des  ersten  Faszikels  noch 
übertreffen.  4  Tafeln  behandeln  das  Auge,  3  das  Ohr,  2  das  Riech- 
Organ,  je  1  die  Zunge  und  die  Haut  mit  ihren  Gebilden.  —  Soweit 
hierbei  die  topographischen  Verhältnisse,  sowie  die  mit  geringeren 
Vergrößerungen  durch  manuelle  Präparation  und  Injektion  ^^  zu 
erschließenden  Strukturen  in  Frage  kommen,  sind  auch  diese 
Tafeln  noch  heutzutage  sehr  brauchbar.  — 

Im  Februar  des  Jahres  1840  erhielt  Friedrich  Arnold  die  Be- 
rufung als  Professor  und  Direktor  des  anatomischen  Instituts  nach 
Freiburg  i.  B.^^  Wie  schwer  es  ihm  auch  wurde,  aus  den  ihm  lieb 
gewordenen  Verhältnissen  zu  scheiden,  so  waren  doch  diese  trotz 
der  Vertrauensbeweise  des  Erziehungsrates  so  unsicher  geworden, 
daß  die  Rücksicht  auf  seine  fernere  Arbeitstätigkeit  und  seine  Familie 


hl. 


36  Max  Fürbringer  [36 


-vlxv  ■  '     ^=0 


ihn  nötigte,  diesen  Ruf  anzunehmen.  Er  erbat  und  erhielt  die 
Entlassung  aus  dem  Züricher  Staatsdienste  und  empfing  die  vom 
Großherzog  von  Baden  vom  3.  März  1840  unterzeichnete  An- 
stellungsurkunde.^^  Wie  bekannt,  wurde  Jakob  Henle  sein  Nach- 
folger in  Zürich;  Friedrich  Arnold  siedelte  im  Frühling  1840  nach 
Freiburg  über. 


V.  Freiburger  Professorat  und  Direktorat. 

(1840-1845.) 

Die  Übernahme  der  Freiburger  Professur  bedeutete  für  Fried- 
rich Arnold  die  Rückkehr  ins  Vaterland  und  zugleich  die  Siche- 
rung für  seine  und  seiner  Familie  Existenz. 

Im  übrigen  ließen  im  Anfange  die  Verhältnisse  manches  zu 
wünschen  übrig.  Die  nach  Bucheggers  Tode  1839  verwaiste  Stelle 
hatte  F.  S.  Leuckart,  Arnolds  früherer  Heidelberger  Kollege,  der 
1832  als  Professor  für  die  Zoologie,  vergleichende  Anatomie,  Phy- 
siologie und  Veterinärkunde  nach  Freiburg  berufen  worden  war, 
im  Wintersemester  1839/40  interimistisch  verwaltet.  Von  ihm  über- 
nahm Arnold  mit  dem  Sommersemester  1840  die  Direktion  des 
anatomischen  Instituts.  Die  Sammlungen  erwiesen  sich  als 
klein  und  unzureichend.  Ein  Prosektor  war  zunächst  nicht  vor- 
handen; doch  schloß  sich  der  seit  1839  für  das  Fach  der  Anatomie 
habilitierte  jugendliche  und  strebsame  Alexander  Ecker  näher 
an  Arnold  an  und  wurde  für  das  Wintersemester  1840/41  sein 
Prosektor.  Seine  Stellung  übernahm  mit  dem  Beginn  des  Sommer- 
semesters 1841  der  bereits  in  Heidelberg  als  Prosektor  erprobte 
und  Arnold  auch  von  dorther  bekannte  Georg  Ludwig  Kobelt 
und  blieb,  während  Ecker  nach  Heidelberg  übersiedelte,  Arnold 
während  der  ganzen  Zeit  seines  Freiburger  Aufenthaltes  getreu.  So 
gestalteten  sich  die  Verhältnisse  bald  günstiger,  als  im  Anfang  er- 
wartet werden  konnte. 


37]  Friedrich  Arnold.  37 

Auch  der  Verkehr  mit  den  Kollegen  war  ein  angenehmer 
und  erfreulicher  und  beschränkte  sich  nicht  auf  die  engere  Fakul- 
tät. In  der  damaligen  katholisch-theologischen  Fakultät  herrschte 
noch  der  freisinnige  und  vornehme  Geist  von  Wessenbergs  und 
gestattete  einen  befruchtenden  Qedankentausch  zwischen  Vertretern 
des  protestantischen  und  katholischen  Bekenntnisses.  Von  den 
Professoren  der  medizinischen  Fakultät  war  der  Zoolog  und  Phy- 
siolog  F.  S.  Leuckart  ein  fruchtbarer  Arbeiter,  der  innere  Kliniker 
Baumgärtner  zugleich  ein  tüchtiger  Physiolog;  der  Chirurg  und 
Geburtshelfer  Schwörer  und  der  Professor  der  allgemeinen 
Pathologie  Werber  taten  sich  durch  reiches  Wissen  hervor.  Im 
Jahre  1842  übernahm  der  hervorragende  und  allgemein  gebildete 
Stromeyer  die  chirurgische  Klinik;  zwischen  ihm  und  Arnold 
entwickelte  sich  bald  ein  engerer  Verkehr  und  gegenseitiges  Ver- 
ständnis. Auch  die  Vertreter  der  naturwissenschaftlichen  Fächer 
Fromberg,  Perleb  und  Spenner,  sowie  der  Chirurg  Hecker 
kamen  zu  Arnold  in  mannigfache  Berührung. 

Nicht  minder  glücklich  waren  das  Familienleben  und  die 
sonstigen  Verhältnisse.  Zwar  hatte  er  1840,  gleich  im  ersten 
Freiburger  Jahre,  den  Schmerz,  seinen  hochbetagten  Vater,  der 
die  an  Erfolgen  reiche  Laufbahn  seines  Sohnes  immer  mit  leb- 
haftester Teilnahme  begleitet  hatte,  zu  verlieren.  Desto  mehr  Freude 
gewährte  ihm  die  eigene  Häuslichkeit.  Die  gesunde  und  behagliche, 
von  einer  wundervollen  Natur  umgebene  Stadt  war  geschaffen  für 
das  Gedeihen  der  Familie.  Die  beiden  älteren  Kinder  entwickelten 
sich  in  erfreulichster  Weise,  ein  drittes,  die  Tochter  Erminia,  ward 
1841  geboren.  Die  Freiburger  Berge  und  Wälder  gaben  Gelegenheit 
für  erfrischende  Spaziergänge;  sie  tragen  wohl  manchen  Anteil  an 
dem  Keimen  und  Reifen  der  gerade  in  dieser  Zeit  besonders  frucht- 
baren und  gedankenreichen  Produktionen  Arnolds. 

Die  von  Friedrich  Arnold  abgehaltenen  Vorlesungen  um- 
faßten die  Anatomie  des  Menschen,  welche  er  in  zwei  Teilen  im 


k^ 


38  Max  Fürbringer  [38 

Winter  und  Sommer  östündig  las.  die  Physiologie  des  Menschen, 
die  z.  T.  mit  mikroskopischen  Demonstrationen  im  Sommersemester 
vorgetragen  wurde,  die  Entwicklungs-  und  Bildungsgeschichte  des 
Menschen  mit  Inbegriff  der  Bildungsfehler,  welche  er  als  4 stündiges 
Winterkolleg  abhielt.  Die  Präparierübungen  im  Wintersemester 
leitete  er  gemeinsam  mit  dem  Prosektor.  Letzterem  waren  die 
Vorlesungen  über  Osteologie  und  Syndesmologie,  allgemeine  Ana- 
tomie (mit  mikroskopischen  Demonstrationen)  und  pathologische 
Anatomie  übertragen. 

Die  Frequenz  Freiburgs  erreichte  nicht  diejenige  von  Zürich", 
aber  der  Unterricht  gestaltete  sich  in  erwünschter  Weise  und 
die  Lehrerfolge  blieben  nicht  aus.  Hierbei  erwies  sich  das  Zu- 
sammenarbeiten mit  Kobelt,  der  sich  in  seinen  damaligen  Publi- 
kationen als  ein  vortrefflicher  Anatom  erwies,  als  ein  glückliches.^-^ 

Unter  seinen  damaligen  Schülern  heben  sich  namentlich 
Theodor  Bilharz,  der  ihm  später  auch  nach  Tübingen  folgte, 
sowie  Bernhard  Beck  und  Hubert  Luschka,  die  damals  zu 
Stromeyer  in  den  nächsten  Beziehungen  standen,  sich  aber  in  der 
Folge  auch  als  tüchtige  Anatomen  erwiesen,  besonders  hervor.^* 

Der  Verein  Qroßherz.  badischer  medizinischer  Beamter  zur 
Förderung  der  Staatsarzneikunde  ernennt  ihn  1842,  die  Königl. 
medizinische  Akademie  in  Brüssel  1843  zum  Mitgliede. 

Im  Januar  1843  wird  ihm  von  dem  Kanzler  der  Universität 
Tübingen  Dr.  Waechter  die  Professur  der  Anatomie  und  Phy- 
siologie in  besonders  ehrender  Weise  angetragen. ^^  Obwohl  die 
dortigen  Verhältnisse  größere  waren  als  die  Freiburger,  zog 
Arnold  doch  vor,  in  seinem  bisherigen  Wirkungskreise,  wo  er  sich 
wohl  fühlte  und  ein  arbeitsfreudiges  Dasein  führte,  zu  bleiben.  Seine 
Entscheidung  wurde  daselbst  auf  das  freudigste  und  dankbarste  be- 
grüßt.**** Nach  Leuckarts  Tode  1843  wurde  ihm  auch,  zuerst  interimi- 
stisch, dann  definitiv  (1844),  das  Ordinariat  der  Physiologie  sowie  die 
Direktion  über  das  vergleichend-anatomische  Kabinett  überwiesen.** 


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39]  Friedrich  Arnold.  39 

^  • 


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Die  Veröffentlichungen  Arnolds  In  der  Frelburger  Zeit  zeigen 
aufs  neue  seine  bewunderungswürdige  Arbeitskraft.  Sie  umfassen 
die  beiden  Abteilungen  des  4.  Heftes^®  der  „Tabulae  anatomicae" 
mit  den  „Icones  ossium"  (32  pp.  und  13  Doppeltafeln  in  Qroß- 
Folio,  1840)  und  den  „icones  articulorum  et  ligamentorum"  (24  pp. 
und  7  Doppeltafeln  in  Groß-Folio,  1842),  sowie  die  2.  und  3.  Ab- 
teilung des  2.  Teiles  des  „Lehrbuchs  der  Physiologie  des  Menschen" 
(2.  Abt.  X.,  586  pp..  1841;  3.  Abt.  VIIL,  405  pp.  mit  12  Taf .  1842). 
womit  dieses  vierbändige  Werk  seinen  Abschluß  erreichte.  Außer- 
dem wird  das  „Handbuch  der  Anatomie  des  Menschen"  begonnen, 
dessen  1.  Band  (Vi.,  732  pp.  mit  8  Tafeln)  mit  der  Vorrede  vom 
August  1844  im  Jahre  1845  in  Freiburg  erscheint;  die  ersten,  die 
allgemeine  Anatomie  enthaltenden  Lieferungen  wurden  bereits 
1843  veröffentlicht. 

Das  letzterwähnte  Werk,  das  seinem  Hauptumfange  nach  erst 
in  Tübingen  zur  Ausarbeitung  und  zum  Abschlüsse  gelangte,  ist 
erst  in  dem  der  Tübinger  Zeit  geltenden  Abschnitte  zu  besprechen. 
Hier  handelt  es  sich  um  die  beiden  Teile  des  letzten  Faszikels 
der  Tabulae  anatomicae  und  um  das  Lehrbuch  der  Physiologie 
des  Menschen. 

Der  Fasciculus  IV.  der  Tabulae  anatomicae  enthäh  in 
seinem  ersten  Teile  die  dem  Andenken  von  B.  Albinus  ge- 
widmeten Icones  ossium  (1840)  auf  13  von  Fr.  Wagner  nach 
Arnolds  Präparaten  gezeichneten  Doppeltafeln  in  Groß-Folio  (mit 
101  Figuren)  nebst  Erklärungen.  Von  ihm  gilt  das  gleiche  wie 
von  den  beiden  ersten  Faszikeln  (s.  p.  35).  Die  Abbildungen 
sind  von  großer  Schönheit  und  Plastizität,  die  Beschreibungen 
und  Erklärungen  übertreffen  an  Genauigkeit  und  Verständlichkeit 
die  früheren  diesem  Gegenstande  dienenden  Bilderwerke.  Auf 
den  beiden  ersten  Tafeln  wird  in  VU-Größe  das  männliche  und 
weibliche  Skelett  in  der  Ansicht  von  vorn,  von  hinten  und  von 
der  Seite  dargestellt.    Die  übrigen  Tafeln  geben  die  Knochen  mit 


40  Max  Fürbringer  [40 

^  -  .  -  "yCt  ■      ■■  -  II.  ^^ 

ihren  Knorpelteilen,  beide  durch  entsprechenden  Buntdruck  gut 
unterschieden,  wieder;  Taf.  3  und  4  enthalten  die  Rumpfknochen, 
Taf.  5  und  6  das  Detail  der  Schädelknochen,  Taf.  7  und  8  den 
zusammenhängenden  Schädel  des  Erwachsenen  und  Neugeborenen, 
durch  entsprechende  Durchschnitte  besonders  erläutert,  Taf.  9—13 
die  Qliedmaßenknochen,  wovon  auf  Taf.  12  das  weibliche  Becken 
dargestellt  ist.  Die  Hand  und  Fuß  behandelnde  Tafel  10  hebt  sich 
durch  eine  Schönheit  und  Anschaulichkeit  hervor,  die  von  keinen 
späteren  Abbildungen  übertroffen  wurde. 

Der  zweite  Teil  des  Fasciculus  IV  enthält,  dem  Andenken 
J.  Weitbrechts  gewidmet,  die  Icones  articulorum  etligamen- 
torum  (1842)  auf  7  durchgehends  nach  Präparaten  Arnolds  aus- 
geführten Doppeltafeln  (mit  62  Figuren)  des  gleichen  Künstlers 
(Fr.  Wagner).  Auch  hier  bekundet  die  rationell  durchgeführte 
Kombination  äußerer  Ansichten  mit  Durchschnittsbildern  einen 
wesentlichen  Fortschritt  und  erweist  sich,  durch  die  ästhetische 
Wirkung  und  Kraft  der  Zeichnungen  gehoben,  als  ein  ausgezeich- 
netes Darstellungsmittel.  Die  beiden  ersten  Tafeln  illustrieren  die 
Verbindungen  der  Rumpfknochen  untereinander  mit  dem  Schlüssel- 
bein und  Hüftbein,  Taf.  3  die  Verbände  des  Schädels  mit  der 
Wirbelsäule  und  mit  dem  Unterkiefer,  sowie  die  Verbindungen  der 
Schulterknochen  und  das  Schultergelenk,  Taf.  4  die  übrigen  Bänder 
und  Gelenke  der  oberen  Extremität,  Taf.  5 — 7  die  Bänder  und 
Gelenke  des  Beckens  und  der  unteren  Gliedmaßen.  Diese  Ab- 
bildungen stehen  gleichfalls  hinter  später  erschienenen  nicht  zurück. 

Das  Lehrbuch  der  Physiologie  des  Menschen  ist  in 
den  Jahren  1836—1842  in  vier  Bänden  erschienen,  von  denen 
der  erste  den  ersten  Teil,  die  drei  letzten  die  erste  bis  dritte  Ab- 
teilung des  zweiten  Teiles  repräsentieren. 

Der  erste  Teil  (1836,  XVI,  390  pp.,  10  Tafeln)  ist  bereits 
November  1835  abgeschlossen  und  stammt  in  seinen  Vorarbeiten 
zum  Teil  noch  aus  der  Heidelberger  Zeit.    Er  behandelt  die  all- 


41]  Friedrich  Arnold.  41 


N»/V- 


gemeine  Physiologie.  Die  ausführliche  Vorrede  entwickelt 
des  genaueren  und  im  Anschlüsse  an  die  „Untersuchungen  über 
das  Auge  des  Menschen"  (1832)  die  von  Arnold  angewendete  Art 
der  mikroskopischen  Beobachtung  und  Untersuchung  und  re- 
produziert auch  den  bereits  in  dem  genannten  Werke  aus- 
gesprochenen und  von  mir  oben  (p.  22  f.)  wiedergegebenen  Passus 
über  die  bezüglichen  Aufgaben  des  Forschers.  Der  eigentliche 
Inhalt  betrifft  1.  die  Organisation  des  Menschen  (p.  17 — 227)  mit 
Rücksicht  auf  die  geistigen  und  körperlichen  Eigenschaften  des 
Menschen  im  allgemeinen  und  die  Gestaltung  und  Zusammen- 
setzung des  Menschen  und  dessen  Teile  im  allgemeinen,  2.  die 
Beziehungen  des  Menschen  zur  Außenwelt  (p.  228 — 295)  unter 
Berücksichtigung  der  Beschaffenheit  der  Erde  und  der  allgemeinen 
Kräfte  der  Natur,  sowie  der  Organisation  der  Erde  in  Bezug  auf 
den  Menschen  und  3.  die  allgemeinen  Erscheinungen  und  Gesetze 
des  lebenden  menschlichen  Körpers  (p.  296 — 388).  In  dem 
ersten,  die  Organisation  des  Menschen  betreffenden  Ab- 
schnitte wird  u.  a.  auch  die  Stellung  des  Menschen  zur  Tierwelt 
behandelt  und  eine  ziemlich  eingehende  Darstellung  der  Anthro- 
pologie und  Ethnographie  auf  Grund  der  damaligen  Kenntnisse 
gegeben.  Den  Hauptumfang  dieses  Abschnittes  bildet  die  genauere 
Darstellung  der  feineren  mikroskopischen  Zusammensetzung,  wo- 
bei morphologisches,  physikalisches  und  chemisches  Verhalten 
berücksichtigt  werden.  Arnold  unterscheidet  acht  einfache  und 
sechs  zusammengesetzte  Gewebe  und  gibt  unter  stetem  kritischen 
Eingehen  auf  die  Literatur  eine  ausführliche  Darstellung  derselben. 
Nicht  weniges  darin  entspricht  den  noch  jetzt  geltenden  Anschau- 
ungen, anderes  ist  überholt.  Fast  allenthalben  wird  auf  die  Entwick- 
lung der  Gewebe  eingegangen  und  damit  das  richtige  Verständnis  der 
Gebilde  zu  gewinnen  gesucht.  Mit  gutem  Rechte  vermeidet  Arnold 
den  Namen  Zelle,  da  dieser  in  der  einseitigen  Vorkehrung  der 
sekundär  gebildeten  festeren  Zellhaut  nur  irrtümliche  Vorstellungen 


42  Max  Fürbringer  [42 


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erweckt,  und  setzt  dafür  die  Bezeichnung  „Körperchen**,  welche 
mehr  oder  weniger  vollkommen  rund  sind  und  in  allen  festen 
Gebilden  größtenteils  als  Kügelchen,  mitunter  wohl  auch  als 
Bläschen  erscheinen.  Zwischen  ihnen  findet  sich  eine  flüssige 
oder  halbflüssige  Materie,  welche  keine  bestimmte  Form  zeigt. 
Die  „Körperchen**  werden  auch  als  die  ursprünglichen  und  wesent- 
lichen Bestandteile  des  Keims  vom  Menschen  erkannt.  Indem 
Arnold  hier  die  Elementarbestandteile  in  ihren  wesentlichen  Zügen 
ganz  richtig  erkennt,  macht  er  gegenüber  den  älteren  Histologen  einen 
wichtigen  Fortschritt  und  erweist  sich  als  Vorläufer  der  eigentlichen 
tierischen  Zelltheorie,  die  geraume  Zeit  später  des  genaueren  aus- 
gebaut wurde.  Durch  die  verschiedene  Anordnung,  Gruppierung 
und  Verbindung  dieser  Körperchen  werden  die  einzelnen  Gewebe 
bestimmt,  und  Arnold  unterscheidet  und  bildet  hierfür  sechs  Haupt- 
formen ab.  Richtige  und  unrichtige  Beobachtungen  verbinden  sich 
hier;  viele  von  den  angegebenen  und  abgebildeten  Körperchen  sind 
reelle  Gebilde,  viele  andere,  namentlich  im  Bereiche  der  Zwischen- 
substanz, in  welcher  auch  die  Faserungen  in  Reihen  von  Körperchen 
aufgelöst  werden,  haben  sich  später,  bei  Anwendung  besserer 
optischer  Instrumente,  als  sie  Arnold  damals  zu  Gebote  standen, 
als  imaginäre  Gebilde  erwiesen.  —  Der  zweite,  die  Beziehungen 
des  Menschen  zur  Außenwelt  umfassende  Abschnitt  gibt  eine 
weitgreifende  Darstellung  der  Kosmographie  und  physikalischen 
Geographie  und  behandelt  die  Organisation  der  Erde  und  ihrer 
Produkte  in  ihrer  Einwirkung  auf  den  Menschen,  wobei  die 
Nährmittel-Physiologie  und  die  physiologische  Chemie  eine  den 
damaligen  Kenntnissen  entsprechende  Durcharbeitung  finden.  — 
Dieselbe  geistige  Durchdringung  zeichnet  den  dritten  Abschnitt 
aus,  der  über  die  Erscheinungen  und  Gesetze  des  Lebens 
und  des  lebenden  menschlichen  Körpers  handelt,  eine  Fülle  feinster 
Beobachtungen  und  tiefstgehender  Reflexionen  enthält  und  allent- 
halben das  Streben  enthüllt,  in  dem  Wechsel  und  dem  Reichtum  der 


43]  Friedrich  Arnold.  43 

Erscheinungen  die  festen  und  typischen  Grundzüge  festzuhalten. 
—  Die  beigegebenen  Tafeln  enthalten  teils  Schädelabbildungen 
(Mensch  und  Anthropomorphen,  Taf.  1  und  2),  teils  histologische 
Darstellungen  (Taf.  3 — 10);  hinsichtlich  letzterer  bemerkt  Arnold 
selbst,  daß  ihre  Ausführung  den  Originalzeichnungen  sehr  nach- 
stehe und  dieselben  zum  Teil  nicht  richtig  wiedergebe. 

Der  zweite  Teil  gibt  die  besondere  Physiologie  in  drei 
Abteilungen  (Bänden),  von  denen  die  erste  über  die  somatischen 
Tätigkeiten,  die  zweite  über  die  psychischen  Tätigkeiten  und  die 
dritte  und  letzte  über  die  Geschichte  des  Lebens  handelt. 

Der  Inhalt  der  ersten  Abteilung  des  zweiten  Teiles,  „Leben 
des  Körpers  oder  somatische  Tätigkeit"  (1837,  X,  460  pp.), 
wird  nach  einer  kurzen,  vorwiegend  polemischen  Vorrede  in  drei 
umfangreiche  Kapitel  verteilt,  von  denen  das  erste  (p.  5 — 198) 
die  „Bildung  und  Bewegung  des  Milchsafts  oder  Verdauung  und 
Einsaugung",  das  zweite  (p.  199 — 365)  die  „Bildung  und  Bewegung 
des  Bluts  oder  Atmung  und  Kreislauf",  das  dritte  (p.  365—460) 
die  „Wechselwirkung  des  Bluts  und  der  Gebilde  des  Körpers 
oder  Ernährung  und  Absonderung"  zur  Darstellung  bringt.  Alle 
drei  Kapitel  lassen  die  gründlichste  und  gewissenhafteste  Behand- 
lung des  Stoffes  unter  eingehender  Berücksichtigung  der  Literatur 
erkennen.  Die  Verdauung  und  Einsaugung  bespricht  den 
Nahrungstrieb  (Hunger  und  Durst),  die  Aufnahme  der  Nahrungs- 
mittel (Eingießen,  Kauen),  den  Speichel,  das  Schlingen  (Schlund- 
kopf und  Speiseröhre),  den  Magen,  Magensaft  und  seine  verdauende 
Fähigkeit,  wobei  namentlich  auch  der  Vaguswirkung  auf  Grund 
eigener  Versuche  eine  genaue  Darstellung  zu  teil  wird,  den  Darm 
mit  seinem  Inhalt  und  seinen  Sekreten,  insbesondere  auch  den 
Pankreassaft  und  die  Galle,  die  Chylusbildung  und  Resorption,  die 
lymphatischen  Drüsen  und  die  Milz,  welche  beide  hier  mehr,  als 
das  bei  den  Vorgängern  geschah,  in  näheren  Verband  gebracht 
werden,  die  Zusammensetzung  des  Chylus  und  der  Lymphe,   die 


44  Max  Färbringer  [44 


Thymus,  Schilddrüse  und  die  Nebennieren.  —  Das  Kapitel  von 
der  Atmung  und  dem  Kreisverlauf  behandelt  das  Atmungs- 
bedurfnrs,  die  Atmung  (Kehlkopf,  Luftröhre,  Lungen),  respira- 
torische Bewegungen  mit  ihren  besonderen  Formen,  Chemismus 
der  Atmung,  Abhängigkeit  vom  Nenensx'Stem,  die  Blutbildung»  auf 
dem  Wege  der  Atmung,  den  Anteil  der  Leber,  der  Nieren,  der 
Haut  und  der  ,, Blutdrüsen "  (Th\7nus,  Schilddrüse,  Milz  und  Neben- 
nieren;, das  Blut  und  sein  morphologisches,  physikalisches  und 
chemisches  Verhalten,  den  Kreislauf  des  Blutes,  wobei  insbesondere 
die  Herzbewegung,  die  Herzgeräusche  auf  Grund  genauer  Be- 
obachtungen und  Untersuchungen  sehr  eingehend  besprochen 
werden  und  Arnolds  grundlegende  Theorie  des  Herzschlags 
(Spitzenstoßes)  entwickelt  wird,  aber  auch  das  Verhalten  der  Ar- 
terien, Kapillaren  und  V^enen  eine  nicht  minder  genaue  Dar- 
stellung findet.  —  Das  Schlußkapitel  von  der  Ernährung  und 
Absonderung  bespricht  die  Wechselwirkung  des  Blutes  in  den 
Haargefäßen  zum  Zwecke  der  Ernährung  (nebst  Regeneratio  und 
Heilung),  das  Verhalten  des  Stoffwechsels  in  den  verschiedenen 
(jeweben  und  Gebilden  des  Körpers,  die  Absonderung  der  Haut 
und  die  Schweißbildung,  die  Drüsen  und  ihre  Sekrete,  die  Nieren 
und  die  Bereitung  des  Harns,  dessen  quantitativem  und  qualitativem 
Verhaken  eine  entsprechende  Darstellung  zu  teil  wird. 

Die  zweite  Abteilung  des  zweiten  Teiles,  „Leben  der  Seele 
oder  psychische  Tätigkeiten"  (1841,  X,  586  pp.),  wird  durch 
eine  historisch-polemische  Vorrede  eingeleitet,  welche  in  ihren 
Hinweisen  auf  die  verschiedenen  Grade  von  Selbständigkeit,  mit 
der  geforscht  wird,  noch  jetzt  von  besonderem  Interesse  ist.  Der 
Inhalt  zerfällt  in  drei  Kapitel,  deren  erstes  (p.  464—717)  die  „Auf- 
nahme und  Verabschiedung  äußerer  Potenzen  durch  die  Sinne 
oder  Sinnenleben",  das  zweite  (p.  718—924)  das  „innere  Seelen- 
leben", und  deren  drittes  (p.  925—1046)  die  „Äußerungen  der 
Seele"  behandelt.     Die  Darstellung  des  „Sinnenlebens**  bespricht 


45]  Friedrich  Arnold.  45 


den  Gefühlssinn,  Geschmackssinn,  Geruchssinn,  Gehörssinn  und 
Gesichtssinn.  Namentlich  die  Abschnitte  über  den  Geschmacks-, 
Geruchs-  und  Gehörssinn  sind  durch  gründliche  Behandlung  und 
eine  Fülle  feiner  und  richtiger  Beobachtungen  und  Bemerkungen 
ausgezeichnet;  überall  merkt  man,  daß  sich  mit  dem  Physiologen 
ein  hervorragender  Anatom  verbindet.  —  Das  Kapitel  über 
„Inneres  Seelenleben"  gibt  auf  breitester  anatomischer  Basis 
eine  Darstellung  1 .  der  Beziehungen  der  Seele  zu  den  Sinnen  und 
Bewegungen,  vermittelt  durch  die  Tätigkeiten  der  animalen  Nerven, 
2.  der  inneren  Vorgänge  des  Seelenlebens,  bedingt  durch  die 
Tätigkeiten  des  Rückenmarkes  und  Gehirns,  3.  der  Beziehungen 
der  Seele  zu  den  somatischen  Tätigkeiten,  vermittelt  durch  das 
vegetative  Nervensystem,  4.  der  Wechselbeziehungen  der  Empfin- 
dungen, Bewegungen  und  plastischen  Wirkungen  der  Seele,  Kon- 
sense und  Sympathien,  und  5.  der  Zustände  der  Seele  während 
des  Schlafs.  Ein  großer  Teil  dieser  Ausführungen  fußt  auf  Arnolds 
speziellstem  Arbeitsgebiete;  dem  entspricht  die  in  jeder  Hinsicht 
genau  durchgeführte  und  überwiegend  originelle  Bearbeitung. 
Allenthalben  werden  wichtige  Gesetze  aufgestellt,  von  denen  der 
größere  Teil  noch  heutzutage  Gültigkeit  besitzt.  Verschiedene 
Angaben,  namentlich  sub  2.  und  4.  haben,  wie  natüriich,  durch 
die  weiter  vorgeschrittenen  hirn-physiologischen  Forschungen  man- 
cherlei Korrekturen  erfahren.  Dem  Sympathicus  wird  noch  eine 
zu  große  Selbständigkeit  vindiziert,  doch  weist  Arnold  dabei  aus- 
drücklich und  sehr  richtig  auf  die  gegenseitige  Abhängigkeit  des 
animalen  und  vegetativen  Nervensystems  hin.  —  Das  die  „Äuße- 
rungen der  Seele"  betreffende  letzte  Kapitel  bespricht  in  der 
Einleitung  die  freiwilligen  und  unfreiwilligen  Bewegungen  und  stellt 
eine  Anzahl  Gesetze  über  die  Muskeltätigkeit  auf,  dann  behandelt 
es  1.  die  mimischen  und  physiognomischen  Bewegungen,  2.  die 
Stellungen  und  Lageveränderungen  des  Körpers  und  seiner  Teile 
und  3.  die  Stimme  und  Sprache.    Namentlich  die  beiden  letzten 


IK 


46  Max  Fürbringer  [46 


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Abschnitte  geben  eine  genaue  Analyse  der  bezüglichen  Tätigkeiten, 
die  in  ihren  wesenthchen  Teilen  noch  jetzt  Gültigkeit  besitzt. 

Die  dritte  und  letzte  Abteilung  des  2.  Teiles,  „Leben  der 
menschlichen  Gattung  oder  Geschichte  des  Lebens** 
(1842,  VIII.,  408  pp.,  12  Tafeln),  bildet  den  Schluß  des  ganzen 
Werkes  und  enthält  auf  Grundlage  eigener  Beobachtungen  und 
Untersuchungen  die  Entwicklungsgeschichte  im  weitesten  Sinne 
des  Wortes;  dabei  erfährt  auch  die  im  ersten  Teile  behandelte  Ge- 
webelehre eine  weitere  Vervollständigung,  Revision  und  Bespre- 
chung. Die  Vorrede  trägt  einen  ausgesprochen  polemischen  Cha- 
rakter und  wendet  sich  namentlich  gegen  die  Beobachtungen,  An- 
gaben und  Äußerungen  von  Schwann  (dessen  grundlegende  „Mikro- 
skopische Untersuchungen  über  die  Übereinstimmung  in  der  Struktur 
und  dem  Wachstum  der  Tiere  und  Pflanzen**  1839  erschienen 
waren),  Valentin,  Henle,  R.  Wagner,  Th.  Bischoff  u.  a.  über  die 
Zellenbildung  (nach  Schwann  unter  vorangehender  Entstehung  des 
Kerns),  über  die  Entstehung  der  Elementarzellen,  über  die  endogene 
Zeugung  desselben,  ihre  weitere  Umbildung,  das  Zusammenfließen 
der  Zellenwände  (Valentin),  über  die  Metamorphose  des  Zellen- 
kerns in  die  sogenannten  Kernfasern  (Henle)  und  über  die  dem 
selbständigen  individuellen  Organismus  ähnlichen  Kräfte  der  Zellen. 
Arnold  hebt  scharf  hervor,  daß  in  diesen  Angaben  auch  nicht  eine 
Grundwahrheit  enthalten  sei,  und  wirft  die  Frage  auf,  ob  die 
von  ihm  als  Bildungskugeln  bezeichneten  Körper  „Zellen**  genannt 
werden  können.  Der  Stoff  wird  wieder  in  drei  Kapitel  verteilt, 
das  erste,  Ursprung  oder  Erzeugung  des  Menschen  (p.  1050 — 1148), 
das  zweite,  die  Entwicklungs-  und  Bildungsgeschichte  des  Menschen 
(p.  1 148—1409),  das  dritte,  den  Untergang  oder  Tod  des  Menschen 
(p.  1409-1428).  Daran  schließen  sich  als  Zusätze  inzwischen 
angestellte  Versuche  über  die  Funktion  der  vorderen  und  hinteren 
Wurzeln  der  Rückenmarksnerven  bei  Fröschen  und  über  die  Herz- 
bewegungen und  den  Herzschlag,  sowie  endlich  die  Erklärung  der 


47]  Friedrich  Arnold.  47 


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Abbildungen  an.  Das  Kapitel  über  den  „Ursprung  oder  die  Er- 
zeugung des  Menschen"  bespricht  die  Zeugungsarten  organischer 
Wesen  im  allgemeinen,  wobei  eingehend  über  die  ungleichartige 
und  die  gleichartige  Zeugung  oder  Fortpflanzung  (generatio  aequi- 
voca  und  homogenea  s.  materna)  gehandelt  wird.  Erstere  müsse 
als  möglich  angenommen  werden,  geschehe  aber  nicht  mit  einem 
Schlage,  sondern  gestalte  sich  durch  allmähliche  Entwicklung, 
gleich  allen  Organismen.  Von  letzterer  werden  verschiedene  Arten 
unterschieden:  durch  Teilung  (wobei  auf  die  Achsenrichtung  Wert 
gelegt  wird),  durch  Sprossenbildung,  durch  Keimkörner  oder  Keim- 
kugeln (Blastosphaerae),  durch  Eier  (mit  den  Unterabteilungen  der 
Generatio  monogenea,  digenea,  androgynea  und  sexualis).  Dann 
wendet  sich  Arnold  zu  den  Bedingungen  der  Zeugung  und  macht 
eingehende  Mitteilungen  über  Geschlechtsreife,  Samen  und  seine 
Entwicklung,  Eier  und  ihre  Bildung.  Dieser  Abschnitt  weist 
manches  Gute  auf,  während  die  Polemik  gegen  die  von  Schwann 
u.  a.  durchgeführte  Vergleichung  der  Eier  mit  Zellen,  die  von  Arnold 
gegebene  spezielle  Bildungsgeschichte  der  Eier  und  seine  physio- 
logische Beurteilung  der  Eiweißhülle  nicht  als  glücklich  zu  be- 
zeichnen ist.  Vieles  Vortreffliche  enthalten  die  von  guter  Beobach- 
tung und  feiner  Überlegung  zeugenden  Ausführungen  über  die 
Triebfedern  des  Zeugens,  den  Hergang  des  Zeugens  oder  die  Be- 
gattung, die  Befruchtung  und  Empfängnis  und  das  Wesen  der  Zeu- 
gung. —  Das  zweite  Kapitel  über  die  „Entwicklungs-  oder  Bil- 
dungsgeschichte des  Menschen"  bildet  den  umfangreichsten 
Teil  des  Bandes  und  gibt  eine  Darstellung  der  genannten  Embryo- 
logie des  Menschen  in  bewunderungswürdiger  Ausführlichkeit. 
Die  erste  Periode  umfaßt  die  Zeit  von  der  Befruchtung  bis  zum  Er- 
scheinen der  Frucht,  die  zweite  die  Zeit  von  dem  Erscheinen  des 
Embryos  bis  zur  Reife  der  Frucht,  die  dritte  Periode  die  Zeit  von 
der  Geburt  bis  zum  vollendeten  Wachstum.  In  der  ersten  Periode 
macht   Arnold   auf   Grund   zahlreicher  Untersuchungen   an   Am- 


48  Max  Förforinger  [48 


phibieneiem  auch  ausfuhrlichere  Mitteilungen  über  die  von  ihm 
beobachteten  histologischen  Vorgänge.  In  dem  ursprünglichen 
indifferenten  Keimstoffe  (Protoplasma)  entstehen  die  ursprünglichen 
Fruchtkömer  (Protosphaerae),  welche  je  nach  der  Keimanlage  oder 
dem  Nahrungsstoff  (Dotter)  des  Eies  verschiedenes  Ansehen  und 
verschiedene  Natur  darbieten.  Infolge  der  Einwirkung  des  männ- 
lichen Samens  kommt  es  durch  eine  Sonderung  oder  Klüftung 
des  Eies  zu  einer  Vielheit  von  Bildungskugeln  (globuli  formativi), 
welche  nicht  —  wie  bei  den  Pflanzen  —  Hohlkugeln  (Zellen), 
sondern  solide  Kugein  repräsentieren,  den  Kern  wahrscheinlich 
erst  sekundär  in  sich  entstehen  lassen  und  welche  den  Ausgang 
für  die  weiteren  Entwicklungs-  und  Differenzierungsvorgänge  der 
Frucht  bilden.  Diese  Angaben  Arnolds  irren  hinsichtlich  der  Schick- 
sale des  Kernes,  die  erst  nach  vielen  Jahren  vollkommen  klar  gelegt 
wurden ;  im  übrigen  zeugen  sie  von  einer  ebenso  genauen  Beobach- 
tungsgabe wie  von  einem  richtigen  Urteil  und  sind  der  Aufklärung 
dieser  damals  noch  sehr  dunkeln  Vorgänge  näher  gekommen 
als  manche  andere  in  jener  Zeit  höher  gehaltene  Angabe.  Die 
zweite  Periode  handelt  von  der  Schwangerschaft,  der  Entwick- 
lung der  Eihüllen  und  des  Fötus  im  allgemeinen  und  gibt  dann 
eine  systematische  Darstellung  der  Entwicklungsweise  der  einzelnen 
Systeme  und  Organe  der  Frucht.  Hier  wird  1.  die  animale  Sphäre 
mit  dem  Nervensystem  und  den  höheren  Sinnesorganen,  dem 
Knochensystem,  dem  Muskelsystem  und  dem  äußeren  Hautsystem, 
und  2.  die  vegetative  Sphäre  mit  dem  Nahrungsapparat  (Verdauungs- 
und Atmungswerkzeuge),  dem  Blutgefäßsystem  (mit  den  3  Stadien 
der  Dotter-,  Plazental-  und  Lungenblutbahn)  und  dem  Harn-  und 
Geschlechtsapparat  behandelt;  bei  den  einzelnen  Systemen  werden 
primäre,  sekundäre  und  tertiäre  Formationen  unterschieden.  Selbst- 
verständlich ist  diese  Darstellung  nicht  in  allen  Teilen  richtig;  ihre 
großen  Vorzüge  werden  aber  bei  der  Vergleichung  mit  entsprechen- 
den Werken  der  damaligen  Zeit  erkannt.    Eine  zusammenfassende 


49]  Friedrich  Arnold.  49 


Darlegung  der  Bildung  des  Blutes  und  der  Entwicklung  der  Ge- 
webe der  Frucht  beschließt  diese  Periode  und  gibt  Arnold  Gelegen- 
heit, sich  noch  einmal  gegen  die  von  Schwann  u.  a.  vertretene 
„Zellentheorie**  und  für  eine  „Kugeltheorie**  zu  erklären.  Mit  wie 
großem  Rechte  er  gegen  den  Begriff  „Zelle**  angekämpft  hat,  ist 
erst  Dezennien  später,  namentlich  durch  die  Arbeiten  von  Max 
Schultze  erkannt  worden.  Die  dritte  Periode  bespricht  in  aus- 
führlicher Darstellung  die  Geburt,  das  Verhalten  von  Mutter  und 
Kind  nach  der  Geburt,  die  Kindheit,  die  Jugend  und  das  Mittel- 
alter. —  Das  dritte  Kapitel  handelt  über  den  „Untergang  oder 
Tod  des  Menschen**,  insbesondere  über  das  hohe  Alter,  Greisen- 
alter, den  Tod,  die  Lebensdauer,  den  Leichnam  und  die  Frage 
der  Fortdauer  der  Seele.  Die  persönliche  Fortdauer  des  geistigen 
Ichs  hält  er  für  höchst  wahrscheinlich,  seine  Übertragung  an  andere 
Materien  etwa  wie  die  der  Elektrizität  an  andere  Körper  für  mög- 
lich; die  Behandlung  dieser  Frage  gehöre  aber  nicht  in  das  Ge- 
biet der  Physiologie,  sondern  in  dasjenige  der  Metaphysik.  —  Zu- 
satz 1  berichtet  über  die  Verrichtung  der  vorderen  und  hinteren 
Wurzeln  der  Rückenmarksnerven  an  Fröschen  und  kommt 
zu  folgender  freilich  nicht  glücklichen  Modifikation  des  Bellschen 
Gesetzes:  „Die  vorderen  Wurzeln  sind  Muskelnerven,  die  hinteren 
Hautnerven;  jene  vermitteln  nicht  bloß  die  Zusammenziehung, 
sondern  auch  das  Gefühl  der  Muskeln;  diese  haben  sowohl  eine 
zentrifugale,  als  eine  zentripetale  Wirksamkeit**.  —  Die  in  Zusatz  2 
mitgeteilten  Versuche  über  die  Herzbewegungen  und  den 
Herzschlag  liefern  das  Resultat,  daß  der  Herzschlag  weder  während 
der  völligen  Diastole  der  Kammern,  noch  im  Momente  der  voll- 
kommenen Systole  derselben  statthat,  sondern  daß  er  im  Augen- 
blick der  beginnenden  Kontraktion  des  Herzens  wahrgenommen 
wird,  in  dem  Zeiträume,  in  dem  die  Kammern  noch  völlig  mit 
Blut  angefüllt  sind,  wo  das  volle  Herz  ganz  prall  und  konvex  wird 
und  dadurch  mit  Kraft  gegen  die  Brustwand  sich  erhebt  und  an 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  4 


K. 


50  Max  Fürbringer  [50 


diese  anstößt.  —  Die  genaue  Erklärung  der  auf  den  12  Tafeln 
gegebenen  embryologischen  und  histologischen  Abbildungen  be- 
schließt diesen  letzten  Band  des  Lehrbuches  der  Physiologie  des 
Menschen. 

Dies  in  den  Umrissen  das  Wesentlichste  des  Inhaltes  dieses 
in  jeder  Hinsicht  groß  und  umfassend  angelegten  Werkes,  das 
durch  eine  Fülle  origineller  Beobachtungen  und  Reflexionen  sich 
auszeichnet  und  gewiß  eine  viel  weitere  Verbreitung  gefunden  hätte, 
wenn  es  nicht  gegen  die  abweichenden  Befunde  anderer  hervor- 
ragender Untersucher  allzu  kritisch  und  abweisend  gewesen  wäre. 
So  hat  es  sich  selbst  isoliert  und  fand  bei  der  Mehrzahl  der  Zeit- 
genossen eine  Beurteilung,  welche  unbillig  die  Schwächen,  die 
naturgemäß  jedem  eine  ganze  Wissenschaft  behandelnden  Buche  bei 
seinem  ersten  Erscheinen  anhaften,  in  den  Vordergrund  stellte  und  die 
großen  Vorzüge  nicht  genugsam  zur  Geltung  kommen  ließ.  Dazu 
hatte  es  die  schwere  Konkurrenz  mit  dem  um  die  gleiche  Zeit  erschie- 
nenen Handbuche  der  Physiologie  des  großen  Johannes  Müller  zu  be- 
stehen. Beide  Werke  hätten  sich  glücklich  ergänzen  können.  Eine 
gerechte,  sine  ira  et  studio  gegenüber  jener  kampfreichen  Zeit  an- 
gestellte Beurteilung  kann  sich  gegen  die  Bedeutung  des  Amold- 
schen  Werkes  nicht  verschließen.  — 

Im  Oktober  und  November  1844  wurde  Arnold  abermals 
die  Stelle  als  Professor  Ordinarius  für  Anatomie  des  Men- 
schen und  Physiologie  und  als  Direktor  der  betreffen- 
den Kabinette  in  Tübingen  und  zwar  unter  noch  günstigeren 
Bedingungen  als  zwei  Jahre  zuvor  angeboten;  auch  solle  außer 
der  anatomischen  Prosektur  für  einen  tüchtigen  Assistenten  für 
die  chemisch-physiologischen  Arbeiten  gesorgt  werden.*^ 

Da  die  Übertragung  der  Direktion  des  physiologischen 
Institutes  in  Freiburg  an  Arnold  ohne  ausreichende  Unterstützung 
erfolgt  war  und  ihm  eine  seinen  Arbeiten  schädliche  Überbelastung 
gebracht  hatte,  da  ferner  die  Freiburger  kollegialen  Verhältnisse 


51]  Friedrich  Arnofd.  51 


infolge  von  Wegberufung  befreundeter  Kollegen,  durch  das  Zu- 
sammenstoßen extrem-politischer  Richtungen  unter  den  Professoren 
und  andere  Vorkommnisse  sich  minder  angenehm  gestaltet  hatten, 
so  entschloß  sich  Arnold,  dem  Rufe  Folge  zu  leisten,  und  schied, 
wenn  auch  sehr  ungern,  im  März  aus  dem  schönen  Freiburg  und 
von  seinen  Schülern,  die  ihm  bei  seinem  Abgange  begeisterte  Huldi- 
gungen darbrachten.*^  Seine  Stelle  wurde,  zunächst  provisorisch 
und  als  Extraordinariat,  seinem  verdienten  Prosektor  Kobelt  über- 
tragen, der  im  Herbst  1846  sein  definitiver  Nachfolger  wurde. 


VI.  Professor  und  Direktor  in  Tübingen. 

(1845-1852.) 

Am  10.  April  1845  trat  Arnold  in  die  neue  Stellung  ein. 

Die  Universität  Tübingen  verfügte  als  die  einzige  des  König- 
reichs Württemberg  über  reichere  Mittel  als  die  Freiburger, 
auch  war  die  Frequenz  der  medizinischen  Fakultät  eine  größere 
als  an  der  kleineren  badischen  Hochschule.^*  Gleichwohl  befand 
sich  die  anatomische  Anstalt  bei  Arnolds  Ankunft  in  einem 
wenig  erfreulichen  Zustande. 

Arnolds  Vorgänger  Wilhelm  v.  Rapp,  ein  tüchtiger  Zoolog 
und  Zootom,  hatte  in  seiner  Professur  außer  diesen  Fächern  auch 
die  menschliche  Anatomie  und  Physiologie,  sowie  die  pathologische 
Anatomie  in  sich  vereinigt  —  eine  Anhäufung  von  Disziplinen, 
denen  keine  menschliche  Kraft  gewachsen  ist.  Seine  Neigung  zog 
ihn  zur  Zoologie  und  vergleichenden  Anatomie;  auf  diesen  Ge- 
bieten hatte  er  auch  ein  ganz  ansehnliches  Museum  geschaffen. 
Um  so  dürftiger  stand  es  um  die  anthropotomische  Sammlung, 
als  Arnold  die  Anatomie  und  Physiologie  des  Menschen  übernahm, 
während  v.  Rapp  die  Zoologie,  vergleichende  Anatomie  und  patho- 
logische Anatomie  behielt.  Aber  auch  von  einer  freien  und  voll- 
ständigen Benutzung  des  anatomischen   und  physiologischen  In- 


4* 


52  Max  Fürbringer  [52 


stitutes  war  im  Anfange  noch  keine  Rede,  da  v.  Rapp  als  der 
ältere  Professor  mangels  anderer  Räumlichkeiten  den  einzigen  Saal 
der  Anstalt,  sowie  das  Arbeitszimmer  des  Vorstandes  noch  einige 
Zeit  in  Besitz  hielt. 

Dank  dem  Entgegenkommen  der  vorgesetzten  Behörde,  nament- 
lich des  ausgezeichneten  und  Arnold  wohlgesinnten  Kanzlers  der 
Universität,  Dr.  von  Waechter,  wurde  diesen  und  anderen 
Mißständen  nach  Möglichkeit  abgeholfen. 

Das  Leichenmaterial  war  gleichfalls  gering  und  reichte  für 
den  Unterricht  und  für  die  Schaffung  und  Vermehrung  der  Samm- 
lung durch  brauchbare  Präparate  nicht  aus.  So  war  viel  Geduld 
und  Arbeit  nötig,  um  die  Anstalt  auf  einen  erfreulichen  Stand  zu 
bringen.  Dazu  kam  noch  die  Gründung  eines  den  Ansprüchen 
der  Neuzeit  genügenden  physiologischen  Kabinettes.  Die 
Prosektoren  Baur,  ein  bereits  bejahrter  Mann,  der  1848  infolge 
einer  Fingerverletzung  in  Ruhestand  trat,  und  Luschka,  seit  1849, 
sowie  die  Assistenten  Betz  (von  1847 — 1849)  und  Schabel 
(1851  und  1852)  halfen  getreulich  mit;  aber  die  ganz  überwiegende 
Arbeit  fiel  natüriich  Arnold  zu.  In  wenigen  Jahren  wurden,  wie 
er  in  dem  Vorwort  zum  Schlußband  des  Handbuches  der  Ana- 
tomie des  Menschen  angibt,  von  ihm  selbst  einige  tausend  Prä- 
parate hergestellt.^* 

Arnolds  regelmäßige  Vorlesungen  behandelten  im  Sommer- 
semester den  2.  Teil  der  Anatomie  und  die  allgemeine  und  spezielle 
Physiologie  mit  Experimenten,  im  Wintersemester  den  1.  Teil  der 
Anatomie,  sowie  abwechselnd  die  chirurgische  Anatomie,  die  Ent- 
wicklungsgeschichte und  die  pathologische  Anatomie.  Außerdem 
hielt  er  im  Sommersemester  mikroskopische  Demonstrationen  oder 
praktische  Übungen  in  der  physiologischen  und  mikroskopischen 
Untersuchung  ab  und  leitete  im  Wintersemester  mit  dem  Prosek- 
tor in  der  üblichen  Weise  die  anatomischen  Präparierübungen, 
womit  auch  pathologisch-anatomische  Demonstrationen  verbunden 


53]  Friedrich  Arnold.  53 

wurden.  Das  war  ein  fast  überreiches  Lehrgebiet.  Baur  las 
Osteologie  und  Syndesmologie,  sowie  populäre  Anatomie,  Betz 
Osteologie  und  Syndesmologie,  angewandte  Anatomie,  chirurgische 
Anatomie  und  allgemeine  Gewebelehre,  Luschka  Osteologie  und 
Syndesmologie,  allgemeine  und  mikroskopische  Anatomie,  physio- 
logische Anthropologie  und  pathologische  Anatomie. 

Wie  in  Freiburg  hatte  Arnold  im  Unterrichten  große  Erfolge 
und  viele  Freude.  Die  Dankbarkeit  und  der  Eifer  seiner  Schüler 
brachten  ihm  die  schönste  Belohnung  seiner  opfervollen  Bemühungen. 
Th.  Bilharz,  der  ihm  von  Freiburg  aus  gefolgt  war,  gewann  1847 
die  von  der  medizinischen  Fakultät  gestellte  Preisaufgabe  „Dar- 
stellung des  gegenwärtigen  Zustandes  unserer  Kenntnis  von  dem 
Blute  der  wirbellosen  Tiere  nebst  einer  mikroskopischen  Unter- 
suchung über  dieses  Blut,  namentlich  von  Limax,  Lumbricus,  San- 
guisuga,  Astacus  und  einigen  größeren  Insekten".  Auch  später, 
nachdem  er  längst  ein  selbständiger  Forscher  auf  zoologischem 
und  vergleichend-histologischem  Gebiete  geworden  war  und  im 
Auslande  eine  angesehene  Stellung  errungen  hatte *^  blieb  er  seinem 
Lehrer  in  Anhänglichkeit  und  Treue  ergeben.  In  der  Dedika- 
tion  seines  bedeutendsten  Werkes,  des  1857  erschienenen  elektrischen 
Organes  des  Zitterwelses,  hat  er  ihm  noch  nach  10  Jahren  seinen 
warmen  Dank  und  seine  hohe  Verehrung  bezeugt. ^^ 

Nicht  minder  lassen  die  um  jene  Zeit  erschienenen  Veröffent- 
lichungen seines  Prosektors  Luschka  und  seines  Assistenten  Betz, 
sowie  die  unter  seinem  Präsidium  ausgearbeiteten  Doktordisser- 
tationen von  Krais  und  Leisinger  den  befruchtenden  Einfluß  ihres 
Lehrers  erkennen.*^ 

Die  kollegialen  Beziehungen  gestalteten  sich  bald  als 
sehr  anregende  und  förderten  ein  erfreuliches  Zusammenwirken. 
Die  Universität  Tübingen  stand  damals  unter  ihrem  einsichtsvollen 
Kanzler  v.  Wa echter  in  besonderer  Blüte.  Neben  den  älteren 
mehr  konservativen  Größen  der  medizinischen  Fakultät,  dem  schon 


54  Max  Fürbringer  [54 


■N.>V- 


erwähnten  Zoologen  und  Zootomen  W.  v.  Rapp,  den  internen 
Klinikern  Ferdinand  V.  Gmelin  und  Autenrieth,  dem  Chirurgen 
und  Geburtshelfer  Riecke,  dem  Chemiker  und  Pharmazeuten  Chr. 
Gmelin  lehrten  hier,  Arnold  im  Alter  näherstehend,  der  hervor- 
ragende Botaniker  Hugo  v.  Mohl  und  der  Chirurg  Bruns.  Außer- 
dem aber  erstand  hier  eine  jüngere,  reformatorisch  wirkende  Schule, 
deren  Hauptvertreter  Wunderlich  und  Griesinger  nachmals  als 
innere  Kliniker  und  Psychiater  zu  großer  Berühmtheit  gelangten; 
ihnen  gesellten  sich  der  Chirurg  Roser  und  der  Physiolog 
Vierordt  zu.  Durch  diese  und  andere  fruchtbare  Geister  ent- 
stand ein  reger  Verkehr,  an  dem  Arnold  lebhaften  Anteil  nahm. 
Namentlich  mit  dem  fruchtbaren  und  universell  gebildeten  Hugo 
V.  Mohl,  dem  jüngsten  von  vier  der  Gelehrtenwelt  angehörigen 
Brüdern,  pflegte  er  einen  nahen  Verkehr. 

In  den  Semestern  1847  und  1847/48  war  er  Dekan  der 
medizinischen  Fakultät. 

Mannigfache  wissenschaftliche  Ehrungen  wurden  ihm  zu 
teil.  So  ernannte  ihn  1848  die  medizinische  Fakultät  der  Univer- 
sität Prag  zu  ihrem  Ehrenmitgliede,  ebenso  1849  die  Rheinische 
Naturforschergesellschaft  in  Mainz.  Wahrscheinlich  fällt  auch  in 
jene  Zeit  die  Ernennung  zum  Mitgliede  der  Akademie  der  Medizin 
zu  Paris.^'' 

Württemberg  war  die  Heimat  seiner  Frau,  Stuttgart  ihre  Ge- 
burtsstadt. Ein  reger  Verkehr  zwischen  Tübingen  und  Stuttgart 
entfaltet  sich.  Freilich  kann  das  kleine  Tübingen  mit  seiner  hüb- 
schen, aber  nicht  großen  Umgebung  mit  dem  größeren  und  wunder- 
voll gelegenen  Freiburg  nicht  verglichen  werden.  Friedrich  Arnold 
hat  bei  seinem  lebhaften  Natursinn  oft  Sehnsucht  nach  den  Höhen 
des  Schwarzwaldes  gehabt.  Auch  konnte  zwischen  ihm,  der  immer- 
hin als  Ausländer  angesehen  war,  nicht  jene  nahe  Fühlung  mit 
der  einheimischen  Bevölkerung  sich  entwickeln  wie  in  Heidelberg 
und  Freiburg.    Aber  seine  junge  Familie  wächst  unter  den  gün- 


55]  Friedrich  Arnold.  55 


stigen  Verhältnissen  der  kleinen,  gesunden  Stadt  glücklich  heran. 
Die  jüngste  Tochter  Frida  wird  1849  geboren. 

Der  Tübinger  Aufenthalt  fällt  auch  in  die  Zeit  der  politischen 
Unruhen  des  Jahres  1848.  in  Württemberg  mit  seiner  klugen, 
ruhigen  und  nüchternen  Bevölkerung  gehen  die  Wogen  nicht  so 
hoch  wie  in  dem  heißblütigen  Nachbarlande  Baden.  Es  kommt 
auch  zu  Volkserhebungen,  zur  Bildung  einer  Bürgerwehr,  aber 
alles  fließt  ruhiger  und  hat  einen  humorvollen  Beigeschmack. 
Arnold  hat  später  oft  mit  Vergnügen  erzählt,  wie  er  in  Tübingen 
auch  zur  Bürgerwehr  zugezogen  worden  sei,  wie  man  ihm  aber 
gestattet  habe,  im  Anatomiehofe  allein  für  sich  zu  exerzieren  und 
sich  dabei,  um  der  Kontrolle  zu  entgehen,  einzuschließen.  — 

Zufolge  der  intensiven  Arbeit  für  den  Unterricht  und  die  Grün- 
dung und  Vermehrung  der  Sammlungen  war  es  unmöglich,  wissen- 
schaftliche Untersuchungen  von  dem  Umfange  wie  in  Zürich 
und  Freiburg  vorzunehmen.  Auch  hielt  dieselbe  Arnold  von  der 
ununterbrochenen  Fortsetzung  des  „Handbuches  der  Anatomie  des 
Menschen"  ab,  dessen  erster  Band  (VI.,  732  pp.  mit  8  Tafeln)  be- 
reits in  dem  letzten  Jahre  der  Freiburger  Zeit  (1845)  veröffentlicht 
worden  war.  So  kam  es,  daß  die  beiden  anderen  Bände  dieses 
Werkes  erst  nach  verhältnismäßig  langen  Pausen  herausgegeben 
werden  konnten.  Die  erste  Abteilung  des  zweiten  Bandes  (VI.,  636pp.) 
erschien  1847,  die  zweite,  den  Schluß  bildende  Abteilung  (VII.,  728  pp. 
mit  7  Tafeln),  Anfang  1851. 

Unter  allen  großen  und  bedeutenden  Veröffentlichungen 
Arnolds  Ist  das  „Handbuch  der  Anatomie  des  Menschen" 
als  seine  hervorragendste  wissenschaftliche  Tat,  als  sein  reifstes 
Werk  zu  bezeichnen. 

Inhaltlich  schließt  es  sich  an  das  Lehrbuch  der  Physiologie 
an,  unter  Vorkehrung  und  eingehenderer  Behandlung  der  anato- 
mischen Verhältnisse.  Das  dort  Gesagte  (p.  40  50)  hat  somit  auch 
z.  T.  Geltung  für  das  Handbuch  der  Anatomie,  das  aber,  9  Jahre 


56  i^^  Fürbringer  [56 


c= 


später  als  jenes  erschienen,  eine  Fülle  tatsachlicher  Bereicherungen 
und  neuer  Erkenntnisse  aufweist 

In  dem,  1844  geschriebenen,  V^orwort  zum  ersten  Bande 
gibt  Arnold  Rechenschaft  über  die  Gedanken  und  Absichten,  die 
ihn  bei  der  Bearbeitung  seines  Handbuches  gdeitet: 

Jch  hatte  den  Studirenden  ab  angehenden  Naturforscher  und 
Arzt  im  Auge.  Ich  stellte  mir  daher  die  Angabe,  die  Anatomie  als 
einen  Zweig  der  Natuni^issenschaften  einerseits  nach  der  streng 
wissenschaftlichen  Methode,  die  allein  den  Natuiwissenschaften 
angemessen  ist,  und  andererseits  mit  Rücksicht  auf  ihre  Brauch- 
barkeit und  ihren  Gebrauch  in  der  Praxis  abzuhanddn.'' 

^In  ersterer  Hinsicht  ging  mein  Streben  vor  allen  Dingen 
dahin,  die  Anatomie  von  einem  höheren  Gesichtspunkte  aus  auf- 
zufassen, und  sie  nicht  als  ein  todtes  Aggregat  \t>n  anzdnen,  in 
gewissem  Sinne  geordneten  Beschreibungen  der  Thetle  des  Körpers, 
soi>dem  als  eine  belebte,  nach  einem  bestimmten  Principe  durch- 
gefühne  Darstellung  der  Formen  zu  geben.  Der  oberste  Grund- 
satz, von  dem  ich  mich  hierbei  leiten  lieS,  war  der  genetisch- 
ph>^>ologische-  Ich  bemühte  mich  nachzuw^eisen,  w^ekher 
GrundTN-pus  in  bestimmten  Formen  waltet,  wie  sidi  dieser  bei 
Tonschreitender  Entwicklung  weiter  entfaltet  und  umgesaJtet.  und 
in  uietem  gewisse  Formationen  nur  eine  Vorstufe  für  einen 
höheren  Enn^vklungsgrad  sind  und  dieser  sich  auf  jene  zuruck- 
fuhtn  laßt.  Außerdem  suchte  ich  die  einzelnen,  iwkii  einer  Norm 
gehfiöeien  TheiJe  auf  eine  einfache  Weise  in  Arten  zu  sondern 
C1C  m  zeigen,  daß  und  \kie  die  besonderen  Formen  der  Be- 
fcrmrpuni:  entsprechen,  \k eiche  das  betreffende  Sv'Stem  und  jedes 
uitec  öesselhen  im  Organisrnus  zu  erfüllen  hat.  Zu  diesem  Be- 
tLH  mußte  dc^  Beschreibung:  eines  jeden  Theihs,  som-ie  einer 
ü'Tin^e  \'on  zusammengehörenden  OebiUon.  eine  kur»e  ptn^sio- 
k^jjschc-  Rerachiunc:  \  orangeschickt  werden,  und  r^-ar  in  der  Art, 
OL^^    beut    eir    Ganzes    bilden       Diese    Methixie,    die    ich 


57]  Friedrich  Arnold.  57 

genetisch-physiologische  nenne,  und  nach  deren  Ausbildung 
und  Vervollkommnung  ich  seit  einer  Reihe  von  Jahren  strebe, 
hat  vor  der  gewöhnlichen  Behandlung  der  Anatomie,  der  rein 
descriptiven  Methode,  große  und  wesentliche  Vorzüge.  Davon 
wird  sich  jeder  überzeugen,  der  sie  beim  Unterricht  anwendet,  oder 
sie  beim  Studium  für  die  wissenschaftliche  und  praktische  Auf- 
fassung befolgt.  Ich  für  meinen  Theil  habe  durch  vieljährige  Er- 
fahrungen die  Überzeugung  gewonnen,  daß  beim  Studium  der 
Anatomie  die  einfache  Beschreibung  der  Theile  für  sich  weder 
mit  dem  Interesse  noch  mit  der  Leichtigkeit  und  Dauer  erfaßt  und 
festgehalten  wird,  als  wenn  bei  der  Darstellung  gewisse  leitende 
Gesichts-  und  Anhaltepunkte  aus  der  Genesis,  der  Physiologie 
und  einer  vergleichenden  Betrachtung  der  Theile  geboten  werden.** 

„Wenn  ich  in  wissenschaftlicher  Hinsicht  nach  Klarheit,  Be- 
stimmtheit und  möglichster  Allseitigkeit  strebte,  um  dem  Studirenden 
richtige  und  deutliche  Vorstellungen  und  Begriffe  von  den  Theilen 
des  menschlichen  Körpers  und  deren  Zusammenhange  zu  geben, 
und  ihm  Anhaltspunkte  zu  bieten,  an  denen  er  das  Erfaßte  fest- 
halten und  darauf  weiter  bauen  kann,  so  ging  meine  Tendenz  in 
praktischer  Hinsicht  dahin,  den  jungen  Arzt  für  das  Studium 
der  Pathologie  und  Therapie,  der  Chirurgie  und  Geburtshülfe 
gründlich  vorzubereiten,  und  ihm  die  Wichtigkeit  der  Anatomie  in 
dieser  Beziehung  darzulegen.  Nur  auf  diese  Weise  durch  das 
Studium  der  Anatomie,  Physiologie  und  der  Naturwissenschaften 
überhaupt  vorgebildet,  wird  es  dem  angehenden  Arzte  gelingen. 
Kranke  beobachten  zu  lernen  und  eine  Methode  der  Behandlung 
zu  gewinnen,  in  der  er  sich  durch  keine  Mode  und  Parteiung  irre 
machen  läßt;  kurz,  er  wird  die  erwünschte  Zeit  herbeiführen 
helfen,  in  der  die  praktische  Medicin  mit  der  Methode  auch  den 
Charakter  der  Naturwissenschaften  annehmen  muß." 

„Hatte  ich  als  Lehrer  bei  Bearbeitung  des  Handbuchs  vor- 
züglich  meine  Zuhörer   im  Auge,   so  wird,   wie   ich    hoffe,   der 


56  Max  Fürbringer  [58 


^ 


wissenschaftliche  Arzt  dasselbe  mit  Nutzen  gebrauchen  können; 
denn  die  Methode,  welche  für  den  ersten  wissenschaftlichen  Er- 
werb und  die  anfängliche  Ausbildung  sich  am  meisten  eignet,  muß 
auch  bei  wiederholten  Studien  am  erfolgreichsten  sein  und  die 
Weiterbildung  am  meisten  befördern.  Deshalb  glaube  ich,  nicht 
ohne  Grund  auf  die  Anerkennung  gebildeter  Praktiker  rechnen 
zu  dürfen." 

Das  sind  Worte  eines  zielbewußten  Forschers  und  Lehrers, 
der  seine  Aufgabe  sich  hoch  gesteckt  hat;  jetzt,  nach  nahezu 
60  Jahren,  könnten  dieselben  als  Vorrede  jeder  zur  Zeit  er- 
scheinenden menschlichen  Anatomie  übernommen  werden.  Und 
der  ganze  Inhalt  des  Handbuches  zeigt,  daß  Arnold  seine  Worte 
voll  einlöst. 

Des  weiteren  knüpft  er  an  die  seinen  bisherigen  Beobachtungen 
zu  teil  gewordenen  Zweifel  an  und  hebt  die  Unabhängigkeit  seiner 
Forschung  hervor.  Seine  Untersuchungen  hätten  ihn  zu  von  der 
neueren  Zelltheorie  abweichenden  Resultaten  geführt;  unbeirrt 
durch  fremde  Gunst  oder  Ungunst  habe  er  seine  aus  sorgfältigen 
und  wiederholten  Beobachtungen  entsprungene  Überzeugung  aus- 
gesprochen. Ähnliche  Gedankengänge  enthält  das  Vorwort  zu  dem 
Schlußbande  (1850):  „Dabei  ging  ich  durchaus  von  eigenen  Unter- 
suchungen und  einer  selbständigen  Auffassung  des  Gegenstandes 
aus,  nahm  aber  auch  auf  ältere  und  neuere,  wirkliche  und  ver- 
meintliche Entdeckungen  Anderer,  sowie  auf  controverse  An- 
sichten stets  Rücksicht,  und  besprach  dieselben  in  der  Kürze 
referirend  und  kritisch.  Jedem  Capitel  wurde  eine  vollständige 
Literatur  vorausgeschickt,  um  dadurch  das  Quellenstudium  fördern 
zu  helfen  und  denen  nützlich  zu  sein,  die  diesen  oder  jenen  Ab- 
schnitt der  Anatomie  einer  besonderen  Bearbeitung  unterwerfen 
wollen." 

Dieses  genaue  und  gewissenhafte  Eingehen  auf  die  Literatur, 
das  sich  schon  in  dem  ausführlichen  Verzeichnis  des  ersten  Bandes 


59]  Friedrich  Arnold.  59 


=3 


ausspricht  und  überhaupt  sämthche  Veröffentlichungen  Arnolds 
kennzeichnet,  erhebt  namentlich  auch  das  Handbuch  der  Anatomie 
der  Menschen  zu  einem  wichtigen  Quellenwerk  dieses  Wissens- 
gebietes. 

Der  in  dem  Handbuche  behandelte  Stoff  wird  nach  einer  vor- 
ausgehenden und  Übersicht  gewährenden  Einleitung  in  die  beiden 
Hauptabschnitte  der  Anatomie  des  erwachsenen  Körpers  und  der 
Anatomie  des  werdenden  Menschen  oder  Entwicklungsgeschichte 
gesondert.  Die  Aiiatomie  des  erwachsenen  Körpers  wird 
wieder  in  die  allgemeine  und  die  besondere  Anatomiie  verteilt; 
über  erstere  handelt  die  erste  Hälfte  des  ersten  Bandes,  über 
letztere  die  zweite  Hälfte  des  ersten  Bandes,  der  zweite  Band 
(Band  II.  Abt.  1)  und  der  Hauptteil  des  dritten  Bandes  (Band  II, 
Abt.  2).  Die  Entwicklungsgeschichte  nimmt  das  letzte  Viertel 
des  dritten  Bandes  ein. 

Die  allgemeine  Anatomie  (Band  I,  p.  25 — 314)  handelt 
zunächst  von  der  Gestaltung  des  Menschen  im  allgemeinen. 
Hier  werden  alle  diejenigen  Verhältnisse  der  Gestaltung,  welche  in 
Rücksicht  auf  die  spezielle  Anatomie,  die  praktische  Medizin,  be- 
sonders die  Chirurgie,  sowie  auch  in  Hinsicht  auf  die  Malerei  und 
Skulptur  näher  betrachtet  werden  müssen,  also  die  Symmetrie  und 
Analogie  der  Teile,  die  Gegenden  (Regionen)  des  Körpers,  die 
Statur,  das  Volumen  und  die  Proportionen  desselben  besprochen. 
Daran  reiht  sich  eine  Untersuchung  über  die  Architektonik  und 
Mechanik  in  dem  Gliederbau  im  allgemeinen.  Schon  dieser  Teil 
hebt  sich  durch  genaue  und  originelle  Untersuchungen  und  Auf- 
fassungen hervor,  und  bietet  zugleich  mannigfache  Ausgangspunkte 
dar,  an  die  anknüpfend  und  von  ihnen  befruchtet  spätere  Spezial- 
forschungen  anderer  als  weitere  Fortsetzungen  ihre  Entstehung 
nahmen.  —  Umfangreicher  ist  der  zweite  Abschnitt,  der  die  Zu- 
sammensetzung des  Menschen  im  allgemeinen  behandelt. 
Dieser  Abschnitt  bespricht  die  Bestandteile  des  Körpers  zunächst 


60  Max  Fürbringer  [60 


■^yv- 


nach  ihren  Aggregatzuständen,    wobei   gasförmige   und  tropfbare 
Flüssigkeiten,  sowie  feste  Teile  mit  vielen  Unterabteilungen    (ein- 
fache Substanzen  nebst   interstitiellen  Kanälen  und   zusammenge- 
setzte Teile  bis  hinauf  zu  den  Organsystemen)  unterschieden  und 
beschrieben  werden,  handelt  dann  von  den  Mischungsbestandteilen 
(Elemente,    nähere    und     nächste    Bestandteile)    und    von    der 
chemischen    Zusammensetzung  der    Teile    des    Körpers    im    all- 
gemeinen   und   gibt   darauf  als  Hauptteil  dieses  Abschnittes  eine 
eingehende  Darstellung  der  Formbestandteile.  -  Hier  werden   von 
den  feinsten  unzeriegbaren    bis   zu   den  zusammengesetzten  auf- 
steigend, entferntere,  nähere  und  nächste  Formbestandteile  unter- 
schieden und  schließlich  in  systematischer  Folge  die  Formbestand- 
teile der  Flüssigkeiten  (mit  8  verschiedenen  Arten)  und  der  festen 
Teile  (mit  14  Arten)  ausführlich  besprochen.    Letztere  bilden  die 
eigentliche  Lehre  von  den  Geweben,  die  —  nicht  sehr  glücklich 
—  in    animale  Gewebe  (mit  10  Abbildungen,   deren   8  erste   der 
jetzigen  Gruppe  der  Stützgewebe  angehören,  deren  9.  und  10.  das 
Muskel-    und    Nervengewebe    repräsentieren)    und    vegetabilische 
Gewebe  (mit  4  ungleichen  Abteilungen)   verteilt   werden.     Dieser 
ganze  Abschnitt  der  allgemeinen  Anatomie  kennzeichnet  sich  durch 
eine  sehr  gründliche  Darstellung,  in  welcher  —  vom  Standpunkte 
unserer   heutigen  Kenntnis    betrachtet  —  sehr  richtige   und  zum 
Teil  überraschend  feine  Beobachtungen  und  Anschauungen  sich  mit 
minder  resistenten  Angaben    verbinden.    Zugleich  durchzieht   ihn 
fortgesetzt   kritische  Behandlung,  die  sich,  ähnlich  wie  im  Lehr- 
buch   der    Physiologie,    vorwiegend    gegen    die    Anhänger    der 
Schwannschen  Zellentheorie  wendet  und  damit  Arnold  auf  diesem 
Gebiete    zahlreiche    Gegner    geschaffen    hat.     Daß    Arnold    mit 
reinster    und    vollster  Überzeugung   gegen    manche   Äußerungen 
dieser  Theorie  auftrat,    ist   gar  nicht   zu  bezweifeln.     Seine  Ein- 
wände haben   zum  Teil   nicht  recht  behalten;    aber  ebensowenig 
ist  zu  verkennen,  daß  nicht  wenige  von  ihnen  sehr  gut  begründet 


61]  Friedrich  Arnold.  61 


waren  und  daß  er  dabei  Kritiken  und  Auffassungen  geäußert  hat, 
welche  die  Untersuchungen  einer  viel  späteren  Zeit  (wo  das 
Detail  seiner  Angaben  fast  wieder  vergessen  war)  als  zu  Recht 
bestehend  oder  als  der  Wahrheit  recht  nahe  kommend  erwiesen 
haben.  Eine  unparteiische  historische  Kenntnisnahme  und 
Würdigung  der  cytologischen  und  histologischen  Arbeiten  und 
Bestrebungen  jener  frühen  Jahre,  die  den  Anbruch  der  mikro- 
skopischen Forschung  am  tierischen  Körper  bedeuten,  weiß,  daß 
Licht  und  Schatten  unter  den  Zeitgenossen  sehr  mannigfach  ver- 
teilt waren,  und  sie  wird  bei  eingehender  Beschäftigung  mit 
Arnolds  hierher  gehörenden  Mitteilungen  auch  sehen,  daß  neben 
nicht  zu  leugnenden  Irrtümern  auch  große  Verdienste  und  un- 
verkennbare Wahrheiten  sich  hier  finden.  —  Der  dritte  und  letzte 
Abschnitt  der  allgemeinen  Anatomie  handelt  von  den  Geschlechts- 
und Rassenunterschieden  im  allgemeinen.  Erstere  finden 
eine  eingehendere  Darstellung,  letztere  werden,  entsprechend  dem 
geringen  Umfange  der  damaligen  anthropologischen  und  ethno- 
graphischen Kenntnisse,  kürzer  besprochen.  —  Eine  ziemlich  große 
Anzahl  histologischer  Abbildungen  (auf  8  Tafeln)  ist  der  allgemeinen 
Anatomie  beigegeben;  sie  repräsentieren  einen  erheblichen  Fort- 
schritt gegenüber  Arnolds  früheren  bezüglichen  Darstellungen,  sind 
aber  begreiflicherweise  nicht  fehlerfrei. 

Die  besondere  Anatomie  (Band  I,  p.  315 — 728,  Band  11, 
Abt.  1  und  2,  p.  1 — 1171)  verteilt  ihren  umfangreichen  Stoff  in 
sechs  Bücher,  die  1.  vom  Knochensystem,  2.  vom  Muskelsystem, 
3.  vom  Eingeweidesystem,  4.  vom  Gefäßsystem,  5.  vom  Nerven- 
system und  6.  von  den  Sinneswerkzeugen  handeln.  Eine  ein- 
gehendere Analyse  dieser  Bücher  kann  hier  nicht  gegeben  werden. 
Jedes  Buch  wird  von  einer  Zusammenstellung  der  Literatur  ein- 
geleitet, bespricht  zunächst  die  allgemeineren  Verhältnisse  des  be- 
treffenden Systemes,  wobei  makroskopische  und  mikroskopische 
Verhältnisse ,    Entwicklungsgeschichte    und    Physiologie    berück- 


62  Max  Fürbringer  [62 


sichtigt  und  entsprechende  übersichtliche  Unterscheidungen  und 
Gruppierungen  durchgeführt  werden,  und  behandelt  dann  das 
Detail  der  einzelnen  Teile  mit  gleicher  Anwendung  der  verschiedenen 
Forschungsmethoden;  Geschlechts-  und  Rassenunterschiede  werden, 
wo  immer  möglich,  mitgeteilt.  —  Die  Darstellung  des  Knochen- 
systems gibt  eine  Übersicht  über  die  Formen  und  Arten  der 
Knochen,  Knorpel,  Bänder  und  Gelenkhäute,  die  Knochenver- 
bindungen und  die  Abteilungen  des  Gerippes,  und  behandelt  dann 
der  Reihe  nach  die  Knochen  und  Bänder  des  Rumpfes,  des  Kopfes 
und  der  Glieder  mit  ihren  Geschlechts-  und  Rassenunterschieden. 
Diese  vereinigte  Darstellung  von  Knochen  und  Bändern  sei  hervor- 
gehoben. —  Entsprechend  handelt  die  Lehre  vom  Muskelsystem 
von  den  Formen  und  Arten  der  Muskeln,  Sehnen,  Binden,  Bänder, 
Faserknorpel,  Schleimbeutel  und  Schleimscheiden,  von  der  Art  und 
Weise  der  Muskelbewegungen  und  den  Abteilungen  des  Muskel- 
systemes,  und  wendet  sich  danach  zu  der  genaueren  Beschreibung 
der  Muskeln  des  Rumpfes,  des  Kopfes  und  der  Glieder.  Die  Dar- 
stellung, welche  neben  der  genauen  Beschreibung  auch  die  Funktion 
und  die  benachbarten  Schleimbeutel,  Schleimscheiden  und  Faszien 
eingehend  berücksichtigt,  ist  eine  sehr  übersichtliche  und  rationelle. 
—  Das  Buch  vom  Eingeweidesystem,  welches  den  zweiten  Band 
(Band  II,  Abt.  1)  eröffnet,  bespricht  zunächst  die  Formen  und 
Arten  der  Bestandteile  der  Eingeweide  (Schleimhäute,  Drusen, 
seröse  Häute,  Faserhäute  und  elastische  Gebilde,  Knorpel,  Muskeln, 
Zähne),  handelt  dann  von  den  Abteilungen  des  Eingeweidesystems 
und  der  Lage  der  Eingeweide  und  wendet  sich  danach  zu  der 
speziellen  Darstellung  des  Nahrungsapparates,  der  in  die  Ver- 
dauungswerkzeuge nebst  Bauchfell  und  die  Atmungs-  und  Stimm- 
werkzeuge gesondert  wird,  und  des  Harn-  und  Geschlechtsappa- 
rates mit  Harnwerkzeugen  und  Geschlechtswerkzeugen.  Bei  den 
Verdauungswerkzeugen  werden  auch  die  Milz,  bei  den  Atmungs- 
werkzeugen  die  Schilddrüse    und   Thymusdrüse,   bei   den    Harn- 


63]  Friedrich  Arnold.  63 


^ 


Werkzeugen  die  Nebennieren,  bei  den  Geschlechtswerkzeugen  auch 
die  Brüste  behandelt.  Abgesehen  von  diesen  veralteten,  aber  durch 
viele  Dezennien  von  den  anatomischen  Lehrbüchern  festgehaltenen 
Zuzählungen,  die  in  der  Hauptsache  auf  der  damals  noch  un- 
genügenden Kenntnis  dieser  Organe  beruhten,  ist  die  Darstellung 
auch  hier  von  ungemeiner  Übersichtlichkeit  und  Klarheit  und  ver- 
nachlässigt keinen  Zweig  einer  möglichst  vollständigen  Behandlung. 
—  Das  Buch  vom  Gefäßsystem  bildet  die  zweite  Hälfte  des 
zweiten  Bandes.  Es  bespricht  zunächst  die  Bestandteile  des  Ge- 
fäßsystemes,  die  Anordnung  und  Zusammensetzung  der  Gefäße 
und  ihre  Unterschiede  (Arterien,  Venen,  Haargefäße,  Saugadern), 
die  Saugaderdrüsen  und  den  Inhalt  des  Gefäßsystems  oder  die 
Ernährungsflüssigkeiten  (Milchsaft,  Lymphe,  Blut)  und  geht  danach 
über  zur  speziellen  Darstellung:  1.  des  Blutgefäßsystems  mit 
Herz,  Pulsadern  und  Blutadern,  2.  des  Saugader-  oder  Lymph- 
gefäßsystems mit  Saugadern  und  Saugaderdrüsen  der  verschiedenen 
Regionen  des  Körpers  und  der  großen  Saugaderstämme.  Auch 
hier  findet  das  Funktionelle,  entsprechend  dem  Stande  der  da- 
maligen Kenntnisse,  eine  vortreffliche  Darstellung.  —  Mit  dem 
Nervensystem  beginnt  der  dritte  Band  (Band  II,  Abt.  2).  Ar- 
nold handelt  zunächst  von  den  Bestandteilen  des  Nervensystems 
im  allgemeinen  (Hirn  und  Rückenmark,  Hirn-  und  Rückenmarks- 
nerven mit  Anfang,  Verlauf  und  peripherischer  Verteilung  und 
Endigung,  Nervenknoten,  Gangliennerven),  von  der  chemischen 
Zusammensetzung  der  Nervensubstanz  und  den  Abteilungen  des 
Nervensystems.  Darauf  folgt  die  spezielle  Darstellung  des  Nerven- 
systems, welches  in  die  beiden  Abteilungen  des  animalen  oder 
cerebro-spinalen  und  des  vegetativen  oder  gangliösen  Nerven- 
systems gesondert  wird;  beide  Systeme  ständen  in  einem  ähnlichen 
Verhältnisse  zueinander  wie  Blutgefäß-  und  Saugadersystem  und 
müßten  als  zwei  voneinander  abhängige  und  wieder  in  gewissem 
Grade  selbständige  Abteilungen  eines  Systems  betrachtet  werden. 


64  Max  Fürbringer  [64 


-V^'U- 


In  dem  animalen  System  werden  das  Zentralorgan  (Rückenmark 
und  Gehirn)  und  der  peripherische  Teil  (Hirn-,  Rückenmarks- 
nerven) unterschieden.  Tafel  1 — IV  dienen  der  Illustration  der 
hauptsachlichsten  Verhältnisse.  Dieses  System  entspricht  Arnolds 
vornehmstem  Arbeitsgebiete;  seine  Behandlung  ist  noch  jetzt  als 
eine  hervorragende  zu  bezeichnen.  Selbstverständlich  haben  unsere 
Kenntnisse  in  der  inzwischen  verflossenen  Zeit  von  mehr  als 
50  Jahren  durch  die  große  Anzahl  inzwischen  ausgeführter  aus- 
gezeichneter histologischer ,  ontogenetischer ,  vergleichend-ana- 
tomischer und  experimentell-pathologischer  Untersuchungen  auf 
diesem  Gebiete  eine  außerordentliche  Vermehrung  und  Vertiefung 
erfahren,  und  manche  früheren  Erkenntnisse  sind  dadurch  mehr 
oder  minder  erheblich  umgestaltet  worden;  für  die  damalige  Zeit 
aber  bezeichnet  die  Arnoldsche  Darstellung  des  Nervensystems 
einen  großen  Schritt.  —  Das  sechste  und  letzte  Buch  behandelt 
die  Sinneswerkzeuge.  Nach  einer  kurzen  Einleitung  über  die 
Bestandteile  und  Abteilungen  derselben,  welche  besondere  und 
allgemeine  Sinneswerkzeuge  unterscheiden  lehrt,  wendet  er  sich 
zuerst  zu  den  animalen  oder  höheren  besonderen  Sinnesorganen, 
dem  Sehorgan  und  Gehörorgan,  dann  zu  den  vegetativen  oder 
niederen  besonderen  Sinnesorganen,  dem  Geruchsorgan  und  Ge- 
schmacksorgan, endlich  zu  dem  allgemeinen  Sinneswerkzeug  (Ge- 
fühlsorgan) oder  der  Haut,  die  in  allen  ihren  Teilen  und  Anhängen 
beschrieben  wird.  Tafel  V  und  VI  geben  eine  bildliche  Darstellung 
des  hauptsächlichsten.  Die  Behandlung  ist  eine  sehr  gründliche 
und  mit  Benutzung  aller  der  Hülfsmittel  durchgeführt,  welche  in 
jener  Zeit  dem  gewissenhaften  und  denkenden  Forscher  zur  Ver- 
fügung standen.  Auch  hier  ist  zu  bewundern,  eine  wie  große 
f'ülle  feiner  Beobachtungen  der  Autor  an  jenen  der  Untersuchung 
große  Schwierigkeiten  darbietenden  Organen  gemacht  und  wie 
er  bei  der  Entscheidung  zwischen  vielen  gegenüberstehenden  An- 
gaben und  Auffassungen  anderer  Forscher  in  den  weitaus  meisten 


k. 


65]  Friedrich  Arnold.  65 


-'^/rs- 


Fällen  die  richtigen  und  jetzt  in  der  Hauptsache  noch  gültigen 
Resultate  uns  gegeben  hat. 

Den  Schlußteil  des  Werkes  bildet  die  Entwicklungs- 
geschichte oder  Anatomie  des  werdenden  Menschen 
(Band  II,  AbtIg.  2,  p.  1173—1355).  Sie  zerfällt  in  2  Abschnitte, 
deren  erster  vom  Ei  und  von  der  Frucht  des  Menschen,  deren 
zweiter  von  der  Entwicklung  der  Systeme  und  Organe  des  mensch- 
lichen Körpers  handelt.  Der  erste  Abschnitt  gibt  eine  genaue 
Darstellung  der  Bildung,  Zusammensetzung  und  der  Veränderungen 
des  Eies  in  den  beiden  Perioden  von  der  Befruchtung  bis  zum 
Erscheinen  des  Embryos  und  von  dem  Erscheinen  des  Embryos 
bis  zur  Reife  der  Frucht.  Hierbei  werden  auch  die  Eihüllen, 
Nabelbläschen,  Placenta  und  Nabelschnur  bei  einfachen,  wie  bei 
mehrfachen  Schwangerschaften  eingehend  besprochen  und  die 
Entwicklung  und  das  Wachstum  der  Frucht  nach  Wochen  und 
Monaten  mit  genauen  Maßangaben  beschrieben.  Tafel  Vi!  bildet 
einige  jüngere  Embryonen  ab.  Der  zweite  Abschnitt  behandelt 
die  Entwicklung  der  Systeme  und  Organe  der  animalen  Sphäre 
(Nervensystem  und  höhere  Sinnesorgane,  Knochensystem,  Muskel- 
system und  äußeres  Hautsystem)  und  der  vegetativen  Sphäre  (Ver- 
dauungs-  und  Atmungswerkzeuge,  Harn-  und  Geschlechtsapparat, 
Gefäßsystem).  Auch  hier  erfreut  die  Klarheit  und  Verständlich- 
keit der  gedankenreichen  Darstellung,  die  trotz  des  ungemeinen 
Aufschwunges,  welchen  inzwischen  die  Entwicklungsgeschichte  ge- 
nommen und  welcher  sie  zu  einer  großen  und  umfangreichen 
Wissenschaft  ausgebildet  hat,  auch  jetzt  noch  sehr  vieles  in  hohem 
Grade  Lesenswerte,  Brauchbare  und  Anregende  darbietet. 

Arnolds  Handbuch  der  Anatomie  des  Menschen  ist  eine  große 
wissenschaftliche  Tat.  Durch  seine  Gründlichkeit,  Vielseitigkeit 
und  Vollständigkeit,  sein  auf  Erklärung  und  Erkenntnis  gerich- 
tetes Streben,  durch  die  klare  und  anschauliche  Darstellung  und 
die  eingehende  historisch-kritische  Behandlung  steht  es  unter  den 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  5 


66  Max  Fürbringer  [66 


"V.^^' 


morphologischen  Veröffentlichungen  jener  Tage  in  der  Reihe  der 
vornehmsten  Werke  und  wird  immer  zu  dem  klassischen  Bestände 
der  anatomischen  Literatur  gehören.  Auch  dieses  Werk  hat  wie 
das  Lehrbuch  der  Physiologie  nur  eine,  allerdings  große,  Auflage 
erlebt.  Das  liegt  z.  T.  an  den  bereits  oben  bei  der  Besprechung 
der  Physiologie  dargelegten  Gründen  (p.  50),  z.  T.  auch  daran, 
daß  gerade  um  jene  Zeit  Hyrtls  einbändiges  Lehrbuch  der  Anatomie 
mit  seinem  geringeren  Umfange,  seiner  vorwiegend  auf  das  Prak- 
tische gerichteten  Tendenz  und  seiner  höchst  anziehenden  Darstel- 
lung des  Stoffes  erschien,  und  dadurch  eine  leichtere  und  be- 
quemere Lektüre  für  die  großen  Massen  der  Medizinstudierenden 
und  Praktiker  darbot. 

Hochgeschätzt  als  Lehrer  und  Forscher,  reich  an  Erfolgen, 
befreundet  mit  manchem  bedeutenden  Gelehrten,  vermochte  doch 
Arnold,  wie  schon  angedeutet,  in  Tübingen  sich  nie  ganz  heimisch 
zu  fühlen,  ihm  erging  es  wie  so  vielen  aus  ihrer  Heimat  in  das 
Schwabenland  versetzten  Kollegen,  die  in  der  dortigen  hohen 
Geisteskultur  viele  Anregung  und  vieles  im  höchsten  Grade  von 
ihnen  Geschätzte  fanden,  aber  mit  dessen  eingeborenen  Bewoh- 
nern sich  nicht  assimilieren  konnten  und  darum  dort  nie  recht 
warm  wurden. 

Es  war  daher  für  ihn  eine  große  Freude  und  Genugtuung, 
als  er  am  Ende  des  Sommersemesters  1852,  in  Nachfolge  von 
J.  Henle,  als  Professor  der  Anatomie  und  Physiologie 
und  als  Direktor  der  anatomischen  und  physiologischen 
Anstalt  nach  Heidelberg  berufen  wurde.^^  Mit  dieser  Berufung 
war  die  Verleihung  des  Charakters  als  badischer  Geheimer  Hofrat 
verbunden,  zugleich  auch  die  Verpflichtung,  Vorlesungen  über 
mikroskopische  Anatomie,  spezielle  physiologische  Anatomie,  Ex- 
perimentalphysiologie  und  Entwicklungsgeschichte  zu  halten,  die 
praktischen  Übungen  im  Präparieren  und  in  mikroskopischen  und 
physiologischen  Arbeiten  zu  leiten  und  ein  physiologisches  Kabinett 


67]  Friedrich  Arnold.  67 


•v,yv" 


mit  einem  Laboratorium  nach  dem  gegenwärtigen  Standpunkte  der 
Physiologie  einzurichten. 

Trotz  dieser  Fülle  seiner  wartender  Arbeiten  sagte  er  unbedenk- 
lich zu,  handelte  es  sich  doch  um  die  Rückkehr  als  Direktor  der- 
selben Anstalt,  an  welcher  er  seine  verheißungsvolle  Tätigkeit  als 
Prosektor,  Privatdozent  und  außerordentlicher  Professor  begonnen, 
nach  Heidelberg,  wo  die  glücklichsten  und  lebhaftesten  Eindrücke 
seiner  Jugend  wurzelten,  wo  er  sein  Familienglück  begründete 
und  wo  er  einzelne  seiner  alten  Lehrer,  seinen  Bruder'*®  und 
manchen  Freund  wiederzufinden  hoffen  durfte.  Die  Heidelberger 
Universität  begrüßte  seine  Berufung  und  die  Annahme  derselben 
mit  lebhafter  Freude  und  mit  besten  Wünschen**;  die  nachgesuchte 
Entlassung  aus  dem  württembergischen  Staatsdienste  wurde  ihm 
in  Gnaden  erteilt.**  Die  von  ihm  bekleidete  Tübinger  Stelle 
wurde  nach  seinem  Abgange  in  zwei  Professuren  geteilt.  Die  ana- 
tomische erhielt  sein  Prosektor  H.  Luschka,  die  physiologische 
K.  Vierordt. 


VII.  Wieder  in  Heidelberg. 

(1852—1890.) 

Ende  August  1852  trat  Arnold  die  Heidelberger  Stelle  an.^» 
Seit  seinem  Weggange  von  Heidelberg  im  Jahre  1835  hatte  sich 
daselbst  vieles  geändert.^*  Sein  vornehmster  Lehrer  Fr.  Tiedemann 
war  1848  vollständig  aus  seiner  Stellung  geschieden,  nachdem  er 
schon  1835  die  Physiologie,  pathologische  und  vergleichende 
Anatomie  an  Th.  Bischoff  abgegeben  und  1844  in  dessen  Nach- 
folger J.  Henle  einen  ihm  koordinierten  Kollegen  erhalten  hatte, 
dem  mit  dem  Älterwerden  von  Tiedemann  in  zunehmendem  Maße 
die  Sorge   um    das   anatomische   Institut    und    um    den    ganzen 

5* 


-? 


68  Max  Fürbringer  [68 


anatomischen  und  physiologischen  Unterricht  zufiel.  Seit  1849 
war  Henle  alleiniger  Direktor  des  anatomisch -physiologischen 
Institutes.  Naegele  und  Sebastian  waren  in  der  Zwischenzeit  ge- 
storben; ersterer  wurde  durch  den  praktisch  geübten,  aber  in 
wissenschaftlicher  Bedeutung  ihm  in  keiner  Weise  gleichkommenden 
Geburtshelfer  Lange  ersetzt  Auch  Qmelin  war  seit  1851  eme- 
ritiert und  hatte  1852  in  Robert  Bu  nsen,  welcher  in  die  philo- 
sophische Fakultät  eintrat,  einen  ganz  hervorragenden,  aber  in 
anderen  Gebieten  arbeitenden  Nachfolger  gefunden.  Für  das 
Fach  der  medizinischen  Chemie  und  als  Mitglied  der  medizinischen 
Fakultät  wurde  1853  Delffs  gewählt,  doch  erfüllte  dieser  nicht 
die  auf  ihn  gesetzten  Erwartungen  und  trat  völlig  gegen  Bunsen 
zurück.  Puchelt  war  ganz  veraltet,  schon  seit  1844  durch  den 
neben  ihn  nach  Heidelberg  berufenen  geistreichen  Pfeufer  in 
sachlicher  Hinsicht  ganz  ersetzt,  zudem  in  den  letzten  Jahren 
krank  und  erblindet;  1852  schied  er  gänzlich  aus  dem  Lehrkörper 
aus.  Von  den  Alten  hatte  nur  noch  der  Chirurg  C  h  e  I  i  u  s 
stand  gehalten;  bis  zu  seiner  1864  erfolgten  Pensionierung  blieb 
er  eine  Zierde  der  Universität.  Außer  ihm  waren  Pfeufer 
und  H  e  n  I  e  die  weitaus  bedeutendsten  Mitglieder  der  medizinischen 
Fakultät,  beide  befreundet  und  durchaus  der  modernen  Richtung 
angehörend,  im  Wesen  ganz  und  gar  von  Chelius  und  den  anderen 
älteren  Professoren  abweichend,  dazu  glänzende  und  die  studie- 
rende Jugend  enthusiasmierende  Lehrer.  Beide  hatten  sich  in  den 
acht  Jahren  ihrer  Tätigkeit  an  der  Ruperto-Carola  trotz  der  Be- 
geisterung ihrer  Schüler  nicht  ganz  heimisch  gefühlt,  da  ihre  freie 
und  dem  Fortschritt  zugeneigte  Natur  sich  allzusehr  von  den  ver- 
alteten, einer  konservativen  Berufs-  und  Lebensführung  zugetanen 
Berühmtheiten  unterschied.'*'  Als  sich  dann  nach  Ablauf  der  Jahre 
1848  und  1849  auch  in  die  Regierungskreise  rückschrittHche  Strö- 
mungen einmengten,  benutzten  sie  die  erste  beste  Gelegenheit, 
die  Heidelberger  Erde  abzuschütteln  und,  der  eine,  Pfeufer,  einem 


69]  Friedrich  Arnold.  69 


->^y^ 


Rufe  nach  München,  der  andere,  Henle,  der  Berufung  nach  Göt- 
tingen zu  folgen. 

Zugleich  hatte  sich  die  in  den  dreißiger  Jahren  blühende 
Frequenz  der  Fakultät,  die  damals  bis  zu  250  und  mehr  Studie- 
renden der  Medizin,  Chirurgie  und  Pharmazie  gestiegen  war'^*', 
ganz  erheblich  verringert;  wenn  auch  Henle  und  Pfeufer  einen 
etwas  vermehrten  Zuzug  veranlaßt  hatten,  so  betrug  sie  in  dem 
Anfang  der  fünfziger  Jahre  nicht  viel  mehr  denn  100,  von  denen 
nur  die  etwas  größere  Hälfte  aus  wirklichen  Studenten  der  Me- 
dizin bestand. 

Auch  die  anatomische  Anstalt  hatte  sich  in  der  Zwischen- 
zeit nicht  gerade  verbessert. 

Nach  langen  Vorbereitungen  war  zwar  im  Jahre  1847  ein 
neuer  Anatomiebau  begonnen  worden,  welcher  auch  der  Phy- 
siologie und  Zoologie  dienen  sollte.  Derselbe  war  aber  von 
Anfang  an  nicht  praktisch  angelegt,  hatte  auch  unter  der  Ungunst 
verschiedener  Leitungen  —  Tiedemann  und  Henle  gaben  dabei 
sehr  verschiedenen  Auffassungen  und  Plänen  Ausdruck  —  nicht 
gewonnen.  So  kam  es.  daß  das  neue  1849  fertig  gestellte  Anatomie- 
gebäude wohl  umfangreich,  aber  in  mehr  als  einer  Hinsicht  ver- 
fehlt war,  auch  für  physiologische  Arbeiten  nur  in  ganz  ungenügen- 
dem Maße  sich  vorbereitet  erwies. 

Fernerhin  war  an  des  trefflichen  Ecker  Stelle,  der  1844  einem 
Rufe  als  Direktor  des  anatomischen  Institutes  in  Basel  gefolgt  war, 
A.  N u h n  im  gleichen  Jahre  als  Prorektor  getreten,  ein  bei 
nicht  zu  hohen  Anforderungen  brauchbarer  und  geschickter  Prä- 
parator, aber  kein  Mann  von  tieferer  wissenschaftlicher  Bildung 
und  vornehmerer  Auffassung  seines  Berufes. 

Auch  war  es  keine  Kleinigkeit  für  den  neuen  Direktor,  Nach- 
folger des  glänzend  beanlagten,  geistessprühenden  und  bedeutenden 
Henle  zu  werden. 


70  Max  Fürbringer  [70 


Zudem  hatten  in  der  Zwischenzeit  die  beiden  Fächer  der  Ana- 
tomie und  der  Physiologie  einen  Umfang  erreicht,  der  es  dem 
Einzelnen  kaum  mehr  ermöglichte,  beide  ihrer  hohen  Bedeutung 
entsprechend  zu  bewältigen  und  in  beiden  Gebieten  Lehrer  und 
Forscher  zu  sein.  In  Tübingen,  das  Fr.  Arnold  soeben  verlassen, 
hatte  man  nach  seinem  Weggange  an  der  Stelle  eines  gemeinsamen 
Professorates  und  Direktorates  zwei  Professuren  und  zwei  ge- 
trennte Institute  für  beide  Disziplinen  begründet.  Es  war  keine 
gut  angebrachte  Sparsamkeit  der  damaligen  badischen  Regierung, 
daß  sie  die  alte  unzureichende  Verbindung  der  beiden  Fächer'^' 
beständigte  und  alles  auf  eines  Mannes  Schultern  lud,  um  so  mehr 
nicht,  als  das  sogenannte  physiologische  Institut  von  Heidelberg 
im  wesentlichen  nur  auf  dem  Papiere  stand  und  in  Wirklichkeit 
erst  zu  begründen  war. 

So  erwartete  Arnold,  der  in  Tübingen  erst  glücklich  festen 
Boden  gewonnen  hatte,  eine  neue,  fast  übermäßige  Fülle  von 
organisatorischer  und  anderer  Arbeit.'^® 

Ohne  Zögern  ging  er  an  die  Ausführung  seiner  Aufgaben. 
Die  Regierung  hatte  ihm  für  die  Begründung  und  Einrichtung  des 
physikalischen  Kabinetts  und  Laboratoriums  den  einmaligen 
Betrag  von  500  Gulden  und  für  die  Weiterführung  desselben  ein 
jährliches  Aversum  von  200  Gulden  bewilligt.^'**  Das  waren  sehr 
bescheidene  Summen,  mit  denen  sehr  sparsam  zu  Werke  gegangen 
werden  mußte.  Es  gelang  ihm  aber,  damit  ein  für  die  wichtig- 
sten Anforderungen  ausreichendes  Instrumentarium  herzustellen. 
Um  für  dieses  physiologische  Kabinett  und  Laboratorium  die  not- 
wendigen Räumlichkeiten  zu  gewinnen,  wurden  von  der  anatomischen 
Anstalt  ein  größerer  Saal  als  Instrumentenzimmer,  Laboratorium  und 
Arbeitslokal  des  Direktors,  ein  kleines  chemischen  Arbeiten  dienendes 
Zimmer,  zwei  kleinere  Kabinette  für  die  in  Beobachtung  befind- 
lichen Tiere,  und  sonstige  Nebenräume  (Stallungen,  Bassins)  ab- 
getrennt.   In  diesen  bescheidenen  Räumen  und  mit  diesen  geringen 


71]  Friedrich  Arnold.  71 


■^>'V— 


Mitteln  wurden  in  den  fünf  Sommersemestern  1853-1857,  in  welchen 
Arnold  bis  zu  der  1858  erfolgten  Berufung  von  Helmholtz  als 
Physiolog  tätig  war,  eine  Fülle  von  Versuchen  angestellt  und  eine 
nicht  geringe  Anzahl  von   umfangreichen  Arbeiten  vorgenommen. 

Der  Schwerpunkt  von  Arnolds  Lehrtätigkeit  galt  natürlich 
außerdem  der  Anatomie  und  Entwicklungsgeschichte.  Diese 
übte  er  bis  zu  seinem  am  Schlüsse  des  Sommersemeäters  1873 
erfolgten  Abgange  in  ununterbrochener  Folge  und  unverminderter 
Kraft,  Pflichttreue  und  Neigung  aus.  Noch  jetzt  lebende  Schüler 
von  ihm  können  nicht  genug  von  seinem  klaren,  anschaulichen 
und  eindringlichen  Vortrage,  von  seinem  unermüdlichen  Eifer  bei 
den  Präparierübungen  erzählen.  Einen  großen  Teil  des  Tages  wid- 
mete er  seinen  Schülern.  Dabei  waren  seine  Anforderungen  sehr 
hohe  und  bald  leuchtete  der  Heidelberger  Präpariersaal  durch  den 
Fleiß  und  die  Tüchtigkeit  seiner  Präparanten  und  durch  die  Feinheit 
und  Intensität  der  daselbst  gemachten  Präparationen  hervor.  Seine 
Schüler  hingen  ihm  auch  mit  inniger  Verehrung  und  Dankbarkeit 
an.    Auch  die  Frequenz  der  medizinischen  Fakultät  hob  sich. 

Von  Arnolds  Heidelberger  Schülern  haben  sich  danach  nicht 
wenige,  wie  z.  B.  J.  Arnold,  L  Arnsperger,  K.  von  Bardeleben, 
A.  Bernays,  O.  Binswanger,  Dreßler,  L.  Edinger,  Eimer,  Th.  W. 
Engelmann,  W.  Erb,  A.  Ewald,  S.  Exner,  D.  Ferrier,  E.  Qasser, 
Gaule,  Knauff,  Krafft-Ebing ,  Lassar,  Th.  Leber,  M.  Litten,  R. 
Lüdeking,  S.  Mayer,  Moos,  W.  E.  Morgan,  Morochowetz,  J.  Orth, 
Fr.  Pagenstecher,  Pansch,  E.  Ponfick,  H.  Quincke,  Rindfleisch, 
M.  Schede,  Schönborn,  F.  Semon,  R.  Thoma,  P.  Unna,  Ad.  Weil, 
W.Wundt  u.  A.,  Namen  und  hervorragende  wissenschaftliche  Stellung 
erworben,  wozu  ihnen  die  bei  ihm  erworbene  gründliche  anato- 
mische Bildung  von  nicht  geringem  Nutzen  war. 

Die  von  ihm  in  den  Jahren  1853,  1858  und  1863  gestellten 
Preisfragen  über  Veränderungen  der  Lungen  nach  Vagusdurch- 
schneidung,  über  das  Corpus  luteum  und  über  den  Annulus  ciliaris 


72  Max  Fürbringer  [72 


"vy*' 


fanden  zu  seiner  Freude  preisgekrönte  Bearbeitungen,  die  erste 
selbst  eine  doppelte.^® 

Daneben  übernahm  er  in  der  Hauptsache  eigenhändig  die 
Anfertigung  der  Präparate  für  den  Unterricht  und  für  das  Museum. 
Das  Feinste  und  Beste  in  der  Heidelberger  anatomischen  Samm- 
lung stammt  zum  größeren  Teile  von  Arnold. 

Seine  Vorlesungen  und  Übungen  waren  bis  zum  Jahre 
1858  so  verteilt,  daß  er  im  Sommersemester  regelmäßig  Expcri- 
mental-Physiologie  (9 — 10  stündig),  sowie  abwechselnd  Entwick- 
lungsgeschichte und  Anatomie  der  Bildungsfehler  (3  stündig),  Ana- 
tomie und  Physiologie  der  Sinneswerkzeuge  (3  stündig)  und  Anatomie 
und  Physiologie  des  Nervensystems  (3  stündig)  las  und  die  Übungen 
in  mikroskopischen  und  physiologischen  Arbeiten  leitete,  im  Winter- 
semester regelmäßig  die  allgemeine  und  spezielle  Anatomie  (9—10 
stündig)  und  zumeist  die  Zeugungs-  und  Entwicklungsgeschichte 
(2  stündig)  vortrug  und  gemeinsam  mit  dem  Prosektor  die  Leitung 
der  anatomischen  Präparierübungen  übernahm.  —  Seit  1858  las 
er  im  Wintersemester  die  allgemeine  und  den  1.  Teil  der  speziellen 
Anatomie  (6  stündig),  sowie  wiederholt  die  Anatomie  des  Foetus 
(2  stündig)  und  hielt  die  Präparierübungen  ab;  im  Sommersemester 
trug  er  den  2.  Teil  der  speziellen  Anatomie  (6  stündig),  vereinzelt 
die  chirurgische  Anatomie  (6  stündig)  und  meistens  die  Anatomie 
des  Foetus  (2 — 3  stündig)  vor. 

Neben  ihm  lehrte  während  der  ganzen  Zeit  von  Arnolds 
Heidelberger  Direktorat  der  Prosektor  Professor  extraordinarius 
Nuhn  mit  einer  großen  Anzahl  von  Kollegien,  welche  die  Os- 
teologie  und  Syndesmologie.  die  mikroskopische,  chirurgische  und 
vergleichende  Anatomie,  sowie  anatomische  Repetitorien  umfaßten; 
ferner  beteiligte  sich  derselbe  an  der  Leitung  des  Präpariersaales 
und  hielt  auch  mikroskopische  Kurse  ab.  —  Vom  Wintersemester 
1863—1864  bis  zum  Wintersemester  1865 — 1866  war  Arnolds 
Sohn   Julius  Arnold   als  Assistent  der  anatomischen  Anstalt 


73]  Friedrich  Arnold.  73 


und  Privatdozent  tätig;  derselbe  las  in  dieser  Zeit  Anatomie  des 
Auges  und  Ohres,  Histologie  und  pathologische  Anatomie  und 
hielt  Kurse  der  normalen  und  pathologischen  Histologie  ab.  Da- 
nach übernahm  er  das  Fach  des  pathologischen  Anatomen  an  der 
Heidelberger  Universität. 

In  der  medizinischen  Fakultät  nahm  Friedrich  Arnold,  der  in 
derselben  zu  wiederholten  Malen  (1853,  1858,  1863 — 1864  und 
1869—1870)  das  Dekanat  bekleidete,  die  so  reich  verdiente 
hochgeachtete  Stellung  ein.  Auch  in  den  übrigen  Kreisen  der 
Universität  genoß  er  allgemeine  Verehrung;  für  das  Studienjahr 
1854 — 1855  wurde  er  als  Prorektor  gewählt.  Der  Großherzog 
und  das  Ministerium  erwiesen  ihm  1870  durch  Verleihung  des  Ritter- 
kreuzes 1.  Klasse  des  Großh.  Ordens  vom  Zähringer  Löwen  und 

■ 

1872  durch  Verwilligung  einer  jährlichen  Besoldungszulage  ihre 
besondere  Anerkennung.^^ 

Ferner  ernannte  ihn  1856  der  naturhistorisch -medizinische 
Verein  zu  Heidelberg  und  1860  die  kaiserlich  Leopoldinisch-Karo- 
linische  Akademie  (cognomine  Andersch)  zu  ihrem  Mitgliede. 

Die  medizinische  Fakultät  und  die  naturwissenschaft- 
lichen Fächer  erfuhren  seit  Arnolds  Berufung  eine  Verjüngung 
und  Hebung,  so  daß  sich  zu  jener  Zeit  ein  neuer  Aufstieg  in  diesen 
Gebieten  einstellte. 

Arnold  selbst  hat  ein  ganz  spezielles  Verdienst  an  dieser  Neu- 
gestaltung, indem  er  wiederholt  und  namentlich  im  Wintersemester 
1857 — 1858  erklärte,  daß  für  eine  Universität  von  dem  Range  wie 
Heidelberg  ein  besonderer  Lehrstuhl  der  Physiologie  ge- 
gründet werden  müsse,  und  dafür  Helmholtz  in  Vorschlag  brachte. 
Die  Größe  des  Dienstes,  den  er  damit  der  Heidelberger  Universität 
und  der  Wissenschaft  geleistet  hat,  bedarf  keiner  weiteren  Erörterung. 
Helmholtz  nahm  die  Berufung  an  und  begann  mit  Anfang  des 
Sommersemesters  1858  seine  Heidelberger  Tätigkeit,  während  für 
Arnold,   der  sich  nun  ganz  auf  die  Anatomie  und  Entwicklungs- 


74  Max  Fürbringer  [74 

geschichte  konzentrieren  konnte,  eine  glückliche  Entlastung  und 
Arbeitsteilung  zum  Gewinne  für  die  ihm  anvertrauten  Disziph'nen 
eintrat.  Helmholtz  fand  in  Bunsen  und  in  dem  1854  an  Jollys 
Stelle  berufenen  Kirchhoff  kongeniale  Naturen;  es  vollzog  sich 
hier  eine  Vereinigung  von  drei  Größen  auf  den  Gebieten  der 
Physiologie,  Mathematik,  Physik  und  Chemie  und  damit  eine  Glanz- 
zeit der  Ruperto-Carola,  wie  sie  in  der  Geschichte  der  Universi- 
täten wohl  ohne  gleichen  dasteht.**^  Als  Helmholtz,  einem  Rufe 
folgend,  1871  Heidelberg  verließ,  wurde  der  vornehmlich  auf  dem 
Gebiete  der  physiologischen  Chemie  bedeutende  und  als  sehr  an- 
regender Lehrer  verdiente  Kühne  sein  Nachfolger.  Kirchhoff  blieb 
auch  noch  geraume  Zeit  nach  Arnolds  Abgang,  Bunsen  bis  zu 
seiner  eigenen  Pensionierung  Heidelberg  erhalten. 

Gleichzeitig  mit  Arnold  war  K.  E.  Hasse  als  Nachfolger 
Pfeufers  an  die  Heidelberger  innere  Klinik  berufen  worden,  und 
diese  Wahl  erwies  sich  ebenfalls  als  eine  vortreffliche.  Leider  folgte 
er  schon  nach  vier  Jahren  einem  Rufe  nach  Göttingen;  nach  seinem 
Abgang  (1856)  wurde  von  der  inneren  Klinik  die  medizinische 
Poliklinik  abgetrennt.  Erstere  erhielt  Duchek  und  nach  seinem 
Abgange  der  als  Lehrer,  Forscher  und  Arzt  gleich  ausgezeichnete 
N.  Fried  reich,  welcher  auch  zu  Arnold  in  nähere  Beziehungen 
trat.  Die  Poliklinik  wurde  Th.  v.  Dusch  übertragen,  zunächst 
als  Extraordinariat,  seit  1871  als  Ordinariat.  Chelius  wurde  bei 
seiner  Pensionierung  1864  durch  den  fruchtbaren  und  durchge- 
bildeten K.  O.  Weber,  dieser  1868  durch  den  originellen  und 
kühnen  Operateur  Simon  ersetzt.  In  dieser  Zeit  (1866)  erfolgte 
die  Begründung  des  Lehrstuhls  der  pathologischen  Anatomie,  zu- 
nächst als  Extraordinariat.  Derselbe  wurde  durch  Julius  Arnold 
besetzt,  der  sich  wie  sein  Vater  als  ausgezeichneter  Lehrer  bewährte 
und  bald  durch  seine  wissenschaftlichen  Arbeiten  Ruf  und  Ansehen 
gewann;  1871  wurde  derselbe  ordentlicher  Professor  in  der  Fakultät. 
Ferner  wurde    1869  die  Professur  der  Ophthalmologie  von  der 


75]  Friedrich  Arnold.  75 


C: 


Chirurgie  abgetrennt  und  dem  sich  als  Lehrer,  Forscher  und 
Operateur  bewährenden  O.  Becker  übertragen. 

Dazu  kam  eine  zumeist  glückliche  Besetzung  der  deskriptiven 
naturwissenschaftlichen  Fächer  durch  Bronn  und  Pagenstecher; 
Bischoff,  Hofmeister  und  Pfitzer;  Leonhard  und  Blum, 
sowie  eine  Fülle  von  jüngeren  Kräften,  die,  als  Dozenten  und 
außerordentliche  Professoren  dem  Lehrkörper  der  medizinischen 
Fakultät  verbunden,  frischen  Pulsschlag  und  eine  weitere  Aus- 
dehnung und  Mannigfaltigkeit  des  Unterrichtes  brachten.  Von 
diesen  seien  nur  die  Physiologen  und  Psychologen  Moleschott, 
Wundt  und  Bernstein,  die  inneren  Kliniker  Kußmaul,  Erb, 
Knauf f  und  Oppenheimer  und  die  Ophthalmologen  und  Oto- 
logen  Knapp  und  Moos  genannt. 

Sein  Familienleben  in  Heidelberg  brachte  viel  Freude,  aber 
auch  schweres  Leid,  das  dem  Menschen  in  vorgerückterem  Alter 
nicht  erspart  bleibt.  Seine  Gattin  veriebte  daselbst  viele  glückliche 
und  geistig  angeregte  Jahre,  aber  die  zunehmende  Herzerkrankung 
gestaltete  ihr  Leben  nach  und  nach  immer  schwerer.  Am  29.  Sep- 
tember 1868  erlag  sie  ihren  Leiden.  Auch  Arnolds  Bruder  Wilhelm, 
mit  dem  Friedrich  seit  seiner  Rückkehr  nach  Heidelberg  einen 
innigen,  auch  durch  wissenschaftlichen  Gedankenaustausch  be- 
reicherten Verkehr  gepflogen,  fing  in  den  sechziger  Jahren  an  zu 
kränkeln  und  schied  im  Jahre  1873  für  immer  von  ihm. 

Um  so  reiner  war  die  Freude  an  der  Entwicklung  seiner 
Kinder.  Seine  älteste  Tochter  Ida  und  sein  Sohn  Julius  waren 
bei  der  Übersiedelung  nach  Heidelberg  21  bezw.  17  Jahre,  die 
beiden  jüngeren  Töchter  Erwinia  und  Frida  11  und  3  Jahre  alt. 
Ida  fand  später  in  Kari  Gegenbaur,  damals  Direktor  der  Anatomie 
in  Jena,  den  Mann,  der  in  jeder  Hinsicht  geschaffen  war,  sie  glück- 
lich zu  machen,  und  der  zugleich  als  hervorragender  Fachkollege 
ihres  Vaters  diesem  näher  trat.  Julius  studierte  unter  den  Augen 
seines  Vaters  in  Heidelberg  Medizin,  ward  danach  2^1^  Jahre  lang 


76  Max  Fürbringer  [76 


•\-/v- 


sein  Assistent  und  später  als  Professor  der  pathologischen  Ana- 
tomie sein  Kollege  in  derselben  Fakultät;  mit  Bianca  Muth,  der 
Tochter  des  Heidelberger  Oberrechnungsrates,  begründete  er  sein 
glückliches  Familienleben.  Der  größte  Teil  der  Entwicklung  der 
beiden  Töchter  Erminia  und  Frida  fällt  in  die  Heidelberger  Zeit. 
Erminia  verheiratete  sich  mit  dem  Hamburger  Amtsverwalter  Dr. 
Werner  in  Ritzebüttel ;  sie  war  das  einzige  Kind,  das  auf  die  Dauer 
die  Heidelberger  Heimatstadt  dem  geliebten  Gatten  folgend  verließ, 
doch  blieb  der  Verkehr  zwischen  Heidelberg  und  Ritzebüttel  immer 
ein  reger.  Allen  drei  Familien  entsprossen  Kinder,  deren  Ent- 
faltung Friedrich  Arnold  mit  Liebe  und  wärmstem  Interesse  ver- 
folgte.  Frida  blieb  bei  dem  Vater  und  ward  der  Segen  seines  Alters. 

Auch  die  ideale  Natur  Heidelbergs  wirkte  auf  ihn  mit  der 
gleichen  Kraft  und  Frische  wie  in  der  Jugendzeit.  Allein  oder 
mit  seiner  Familie  und  seinen  Freunden  wurden  kürzere  oder 
weitere  Wanderungen  in  der  herriichen  Umgebung  unternommen. 
Er  gehörte  zu  den  genauesten  Kennern  der  näheren  und  ferneren 
Heidelberger  Gegend  und  ihrer  schönsten  Spaziergänge.  Die 
Ferien  gaben  Gelegenheit  zu  Reisen  in  die  Alpenwelt,  die  er  sehr 
liebte  und  die  ihn  immer  von  der  Arbeit  erholt  und  für  neue 
Arbeit  erfrischt  entließ.  — 

Arnolds  Veröffentlichungen  während  seines  Heidelberger 
l^rofessorates  sind:  1854  „Zur  Physiologie  der  Galle**  (II,  37  pp. 
in  4*)  und  „Über  das  Verhältniss  der  Kraft  zur  Materie  in  den 
thierischen  Organismen"  (26  pp.  in  4'*),  1855  „Über  die  Atmungs- 
größe des  Menschen"  (161  pp.  in  8^  mit  8  Kurventafeln  und 
2  Tabellen),  1858  „Die  physiologische  Anstalt  der  Universität 
Heidelberg  von  1853  bis  1858"  (IV,  160  pp.  in  8"  mit  7  Tafeln), 
1860  die  „Icones  nervorum  capitis,  editio  altera  atque  emendatior** 
(34  pp.  und  9  Doppeltafeln  in  Großfolio)  und  1861  „Über  die 
Nerven,  welche  in  der  harten  Hirnhaut  der  mittleren  und  hinteren 
Schädelgrube  veriaufen"  (13  pp.  in  8"  mit  2  Tafeln).    Drei  davon 


77]  Friedrich  Arnold.  77 


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^ 


sind  somit  physiologischer  und  zwei  anatomischer  Natur,  eine 
fünfte  behandelt  eine  allgemeinere  psychologisch-naturwissen- 
schaftliche Frage. 

Von  den  physiologischen  Abhandlungen  ist  die  Unter- 
suchung „Zur  Physiologie  der  Galle"  (1854)  dem  Altmeister  der 
Physiologie  der  Verdauung,  Arnolds  Lehrer  Friedrich  Tiedemann, 
gewidmet  und  bildet  zugleich  die  Gratulationsschrift,  welche  die 
Heidelberger  medizinische  Fakultät  ihrem  dereinstigen  Mitgliede  zu 
seiner  50jährigen  Jubelfeier  darbrachte,  in  einer  warmen  An- 
sprache gibt  Arnold  der  Huldigung  der  Fakultät  Ausdruck  und 
damit  zugleich  seiner  eigenen  Verehrung  und  Dankbarkeit  und 
berichtet  dann  über  die  Ergebnisse  betreffend  die  wechselnde  Menge 
und  die  Funktion  der  Galle,  zu  welchen  er  bei  Anlegung  einer  Gallen- 
blasenfistel und  bei  verschiedenartiger  Nährung  des  experimentell 
untersuchten  Tieres  gekommen  ist.  —  Die  ansehnliche  Ver- 
öffentlichung „Über  die  Atmungsgröße  des  Menschen"  (1855) 
handelt  auf  Grund  sehr  ausgedehnter  und  mit  großer  Umsicht 
angestellter  spirometrischer  Untersuchungen  über  das  Verhältnis 
der  Atmungsgröße  zur  Körperhöhe,  zur  Rumpfhöhe,  zum  Körper- 
gewicht, zum  Brustumfang,  zur  Brustbeweglichkeit,  zum  Lebens- 
alter, zur  Lebens-  und  Beschäftigungsweise,  zu  verschiedenen 
körperlichen  Zuständen  und  zum  Geschlechte,  sowie  über  die  Be- 
stimmung des  physiologischen  Mittels  der  Atmungsgröße  eines 
Menschen,  über  ihre  Änderungen  durch  Krankheiten,  über  ihre 
Prüfung  und  über  den  Wert  der  Spirometrie.  Von  den  erhaltenen 
Resultaten  sind  viele  in  die  Handbücher  der  Physiologie  über- 
gegangen und  besitzen  noch  Geltung.  —  In  der  umfangreichen 
Schrift  „Die  physiologische  Anstalt  der  Universität  Heidel- 
berg von  1853  bis  1858"  (1858)  gibt  Arnold  Rechenschaft  über 
die  von  ihm  durchgeführte  Gründung  derselben  und  ihren  Zu- 
stand ^*^  sowie  die  in  ihr  vorgenommenen  Versuche  (379  an  der 
Zahl)   und    umfangreicheren    Arbeiten.     In   derselben    wird    eine 


.Kl .. 


78  Max  Fürbringer  [78 


Anzahl  Apparate  beschrieben,  deren  sich  Arnold  in  Modifikation 
bekannter  Instrumente  oder  in  neuer  Konstruktion  bediente,  und 
des  genaueren  über  die  umfangreicheren  Arbeiten  berichtet.  Diese 
betreffen  die  Qailenmenge  im  Verhältnis  zur  Art  der  Nahrung, 
zum  Körpergewichte  und  zu  den  Tageszeiten,  die  Fortdauer  der 
Irritabilität  des  Herzens  und  der  Gliedermuskeln  vom  Frosch  im 
luftverdünnten  Räume,  die  Imbibitionsverhältnisse  des  Waden- 
muskels vom  Frosch,  im  lebenden  Tiere  und  nach  der  Trennung 
vom  Körper,  die  Verdauung  des  tierischen  Eiweißes,  die  Atmungs- 
größe des  Menschen  (Auszug  der  ausführlicheren  1855  veröffent- 
lichten Arbeit)  und  die  Wirkung  der  Brustmuskeln  bei  der  Atmung. 
Die  beigegebenen  Tafeln  bilden  die  benutzten  Instrumente  und 
Apparate  ab. 

In  der  Prorektoratsrede  zum  Geburtstage  des  höchstseligen 
Großherzogs  Karl  Friedrich  von  Baden  und  zur  akademischen 
Preisverteilung  am  28.  November  1854  „Über  das  Verhältniss 
der  Kraft  zur  Materie  in  den  thierischen  Organismen"  gibt 
Arnold  seiner  psychologischen  Auffassung  dieser  Frage  ausführ- 
lichen Ausdruck;  ähnliche  Gedanken  hatte  er  bereits  in  dem  Lehrbuch 
der  Physiologie  ausgesprochen.  Seine  Anschauungen  unterscheiden 
sich  nicht  unwesentlich  von  den  Lehren  der  modernen  Ent- 
wicklungslehre; man  darf  hierbei  nicht  außer  acht  lassen,  daß  sie 
einer  früheren  Zeitperiode  als  diese  entstammen.  Vielem  damals 
von  ihm  Ausgesprochenen  wird  aber  der  Naturforscher  der  Jetzt- 
zeit unbedingt  zustimmen;  anderes  wird  ihm  Interesse  gewähren. 
Aus  dem  gedankenreichen  und  sehr  durchdachten  Inhalte  sei  nur 
einiges  hervorgehoben.  „Wenn  ich  demnach  vom  objectiven  Stand- 
punkte es  als  eine  Wahrheit  anerkennen  muß,  daß  Materie  und 
Kraft  untrennbar  sind,  daß  ohne  Materie  keine  Kraftwirkung  mög* 
lieh  ist,  daß  die  Materie  und  die  Kraft  der  Zeit  nach  zugleich  mit 
einander  sind,  so  kann  ich  anderseits  auch  nicht  verkennen,  daß 
durch  die  Materie  besondere  Wirkungsarten  einer  Kraft  sich  sinn- 


79]  Friedrich  Arnold.  79 


-'»O^ 

-V-/V- 


lieh  offenbaren,  bevor  die  diesen  entsprechenden  Werkzeuge  aus 
der  Materie  sich  gesondert  haben,  oder  mit  anderen  Worten,  daß 
die  Differenzirung  der  Kraft  der  Zeit  nach  früher  ist  als  die 
Differenzirung  der  Materie"  (p.  11).  Daraus  folgt,  daß  „die  Kraft- 
wirkungen die  andere  Lagerung  und  Mischung  der  Moleküle  erst 
setzen  müssen,  um  sich  durch  sie  in  vollkommener  Weise  offen- 
baren zu  können,  daß  somit  der  Grund  der  eigenthümlichen  Wir- 
kungen der  Organismen  nicht  in  den  Formen  der  organischen 
Materie,  sondern  in  den  Wirkungsarten  des  bedingenden  Princips 
dieser  gesucht  werden  muß"  (p.  12).  „indem  ich  also  mit  den 
Materialisten  die  Untrennbarkeit  der  Seele  wie  des  Geistes  von 
der  Materie,  die  innige  Verbindung  und  Wechselwirkung  beider  im 
lebendigen  menschlichen  Organismus  anerkenne,  muß  ich  auch 
den  Spiritualisten  die  Herrschaft  der  Seele,  und  namentlich  des 
Geistes  über  die  Materialität  einräumen"  (p.  17).  Dieser  Gedanke 
wird  auf  den  folgenden  Seiten  noch  weiter  behandelt  und  be- 
leuchtet und  führt  Arnold  dazu,  zwischen  einer  einfach  instinktiven 
und  sinnlichen  Seele  der  Tiere  und  einer  sowohl  instinktiven  und 
sinnlichen  wie  geistigen  Doppelseele  des  Menschen  zu  unter- 
scheiden. Die  instinktive  und  sinnliche  Seele  (bei  Tieren  und 
Menschen)  sei  von  der  Tätigkeit  des  Hirns  abhängig  und  könne 
mit  dem  Untergang  dieses  Organs  nicht  weiterbestehen;  die  sich 
selbst  frei  bestimmende  und  sich  selbst  bewußte  geistige  Seele 
des  Menschen  aber  könne  auch  nach  dem  Untergang  des  Gehirns, 
dem  Organe  ihrer  Entwicklung  und  ihrer  Äußerungen  in  unserem 
Organismus,  im  Falle  sie  an  ein  anderes  materielles  Substrat 
übergehe  und  von  diesem  getragen  werde,  fortbestehen  (p.  18 — 20). 
Das  sind  freilich  von  den  modernen  naturwissenschaftlichen  Vor- 
stellungen erheblich  abweichende  Anschauungen.  Ob  Arnold  diese 
Scheidung  der  tierischen  und  menschlichen  Seele  und  die  Möglich- 
keit einer  Seelen  Wanderung  auch  später  noch  vertreten  hat,  ist 
mir  unbekannt. 


80  Max  Fürbringer  [80 


"V^./V' 


Von  den  anatomischen  Veröffentlichungen  tritt  die  neue 
Auflage  der  „Icones  nervorum  capitis"  (1860  erschienen, 
Vorwort  vom  Jahre  1859)  in  den  Vordergrund.  Sie  enthält 
gegenüber  der  1834  erschienenen  1.  Auflage  erhebliche  Ver- 
besserungen. Das  Format  ist  beträchtlich  vergrößert  und  dem- 
entsprechend der  Text,  obwohl  in  der  Seitenzahl  vermindert,  in- 
haltlich vermehrt.  Derselbe  beschränkt  sich  jetzt  auf  die  reine 
Beschreibung,  diese  hat  aber  gegen  1834  an  eingehender  Genauig- 
keit zugenommen.  Die  9  Doppeltafeln  entstammen  sämtlich  neu 
gemachten,  zum  Teil  unter  der  Lupe  angefertigten  Präparaten;  die 
Abbildungen,  von  Max  Wieser  (Tafel  1 — 3,  7 — 9)  und  F.  Voick 
(Tafel  4—6)  ausgeführt,  zeigen  gleichfalls  entsprechend  der  ver- 
vollkommneten Technik  gewisse  Fortschritte  gegenüber  den  von 
Franz  Wagner  gezeichneten  und  lithographierten  Tafeln  der  1.  Auf- 
lage. —  In  der  Abhandlung  „Über  die  Nerven,  welche  in  der 
harten  Hirnhaut  der  mittleren  und  hinteren  Schädelgrube 
verlaufen"  (1861),  gibt  Arnold  genaue  Beschreibungen  und  Ab- 
bildungen der  Nervi  recurrentes  secundi  et  tertii  rami  quinti  paris 
(ersterer  1851,  letzterer  1826  von  ihm  entdeckt)  und  des  Nervus 
recurrens  nervi  vagi  (1859  von  ihm  zuerst  aufgefunden)  und  ver- 
bindet damit  weitere  Ausführungen  über  ihre  Präparationsmethoden 
und  ihre  Bedeutung. 

Mit  dieser  letzten  Schrift  vom  Jahre  1861  schließt  die  Reihe 
der  Veröffentlichungen  Friedrich  Arnolds  ab.  Er  hat  in  der 
„Physiologischen  Anstalt  der  Universität  Heidelberg"  noch  eine 
Anzahl  anderer  physiologischer  Abhandlungen  angekündigt,  sich 
auch  in  den  letzten  12  Jahren  seines  Direktorates,  sowie  nach 
seinem  Abgange  von  demselben  intensiv  mit  wissenschaftlichen, 
namentlich  mikroskopischen  Untersuchungen  beschäftigt,  abernichts 
davon  ist  schriftlich  abgeschlossen  worden  oder  nach  außen  getreten. 

Was  Friedrich  Arnold  seit  1861  äußeriich  sichtbar  geleistet, 
gipfelt  in  seinem  Unterrichte  und  in  der  Sorge  um  sein  Institut. 


81]  Friedrich  Arnold.  «1 

Diesen  widmete  er  bis  zu  seinem  Abgange  in  gleichbleibender 
Pflichttreue  seine  besten  Kräfte.  Täglich  verweilte  er  von  9 — 1 
und  von  3  Uhr  bis  zum  Dunkelwerden  in  der  anatomischen  An- 
stalt; den  größeren  Teil  des  Tages  verbrachte  er  zur  Zeit  der 
Präparierübungen  auf  dem  Präpariersaale.  Hier  die  besten  Keime 
zu  pflanzen,  tüchtige,  wahrhafte,  gründliche  und  gewissenhafte 
Forscher  und  Ärzte  zu  erziehen,  war  die  Aufgabe,  für  die  er  lebte. 
Daneben  war  er  unablässig  tätig  für  die  Vermehrung  der  Samm- 
lungen und  für  die  Hebung  der  Leichenzufuhr. 

Er  war,  wie  er  wiederholt  ausgesprochen,  Direktor,  Prosektor, 
Präparator  in  einer  Person.  An  dem  von  seinen  Vorgängern 
übernommenen  Prosektor  Professor  Nuhn  hatte  er  leider  wenig 
Unterstützung.  Von  Anfang  an  berichten  die  Fakultätsakten  von 
den  fortwährenden  Prätensionen  dieses  Mannes,  dem  die  Sorge 
für  sich  Hauptaufgabe  war,  der  seine  Leistungsfähigkeit  erheblich 
überschätzte,  sich  als  Gegenteil  eines  hülfbereiten  und  seinem  Direk- 
tor ergebenen  Beamten  erwies  und  zu  der  vornehmen  und  fein- 
fühligen Natur  Arnolds  in  keiner  Weise  paßte.  Da  Nuhn  zu  der 
damals  in  Heidelberg  herrschenden  politischen  Partei  gehörte®*, 
Arnold  aber  für  politische  Nebenbeschäftigungen  weder  Sinn  noch 
Zeit  hatte  und  dadurch  mehr  isoliert  war,  so  erreichte  ersterer 
durch  seine  Freunde  manches,  was  in  seinen  Leistungen  nicht  be- 
gründet war,  während  letzterer  sich  manchmal  vergeblich  um  sein 
Institut  bemühte.  Eine  glücklichere  Zeit  erlebte  das  Institut,  als 
Julius  Arnold  unentgeltlicher  Assistent  an  demselben  war  (von  Ende 
1863  bis  Anfang  1866);  leider  war  dies  nur  eine  verhältnismäßig 
kurze  Episode. 

So  hat  sich  Friedrich  Arnold  an  den  mangelhaften  Zuständen 
des  anatomischen  Institutes  und  seiner  Hülfskräfte  im  buch- 
stäblichen Sinne  des  Wortes  abgearbeitet  und  seine  besten  Kräfte 
für  Arbeiten  verbraucht,  die  nicht  er,  sondern  andere  hätten 
tun  sollen. 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  6 


82  Max  Fürbringer  [82 


Im  Anfang  des  Jahres  1873,  nach  vollendetem  70.  Lebensr 
Jahre  und  zurückgelegtem  45.  Dienstjahre  beschloß  er,  obwohl 
noch  frisch  an  Geist  und  gesund  an  Körper,  seine  Stelle  nieder- 
zulegen und  damit  zugleich  einer  jüngeren  und  hoffentlich  einfluß- 
reicheren Kraft  Platz  zu  machen.  Unter  huldvoller  Anerkennung 
seiner  langjährigen  treu  geleisteten  Dienste  und  unter  Verleihung 
des  Kommandeurkreuzes  2.  Klasse  des  Ordens  vom  Zähringer 
Löwen  wurde  ihm  durch  allerhöchste  Entschließung  vom  27.  Fe- 
bruar die  erbetene  Versetzung  in  den  Ruhestand  mit  entspre- 
chender Pension  für  den  Herbst  des  Jahres  gewährt.  ^^ 

Bei  seinem  Weggange  zeigte  sich  in  rührender  Weise,  wieviel 
Liebe  und  Dankbarkeit  Friedrich  Arnold  sich  erworben.  Die 
Fakultät  drückte  ihrem  allverehrten  Senior  am  Ende  des  Winter- 
semesters (13.  März)  durch  eine  Deputation,  derer  Sprecher  der 
damalige  ihm  nahe  befreundete  Dekan  Geh.  Hofrat  Friedreich  war, 
die  Gefühle  ihrer  Trauer  über  seinen  Abgang  und  ihrer  Dank- 
barkeit für  seine  langjährige  ersprießliche  Wirksamkeit  aus.  Der 
Empfang  und  die  Antwort  Arnolds  war  ergreifend  und  zeigte  der 
Fakultät  aufs  neue,  welch  ein  Mann  aus  ihrer  Reihe  schied.^*^ 
Seine  Zuhörerschaft  bereitete  ihm  beim  Beginn  des  letzten  Se- 
mesters seiner  Lehrtätigkeit,  am  24.  April  1873,  eine  Ovation, 
indem  sie  in  dem  reich  mit  Kränzen  und  Blumen  geschmückten 
Hörsaal  des  anatomischen  Institutes,  in  welchem  sein  beredter 
Mund  so  lange  Jahre  gelehrt,  sein  Bildnis  anbringen  ließ  und  diesen 
Akt  mit  einer  an  ihn  gerichteten  Ansprache  voll  Liebe,  Verehrung 
und  Dankbarkeit  begleitete. ^^  Eine  weiter  und  allgemeiner  geplante 
Ehrung  am  Ende  des  Sommersemesters  hatte  Arnold  abgelehnt. 
Bei  seinem  Scheiden  hatte  er  aber  die  Genugtuung,  in  der  Per- 
son Kari  Gegenbaurs   einen  würdigen  Nachfolger  zu  erhalten.  — 

Friedrich  Arnold  hat  dann  noch  17  Jahre  gelebt.  Auch  nach 
seiner  Pensionierung  beschäftigte  er  sich  täglich  mehrere  Stunden 


83]  Friedrich  Arnold.  83 

mit  mikroskopischen  Untersuchungen  und  verfolgte  mit  Eifer  und 
Befriedigung  die  Fortschritte  derjenigen  Wissenschaften,  welchen 
er  sein  ganzes  arbeitsreiches  Leben  gewidmet  hatte.  Der  Verkehr 
mit  seinem  Sohne  Julius  und  mit  seinem  Nachfolger  und  Schwieger- 
sohn Kari  Gegenbaur  brachte  ihm  hierbei  erwünschte  und  dank- 
bar empfundene  Anregung.  Auch  sonst  las  er  viel  oder  ließ  sich 
voriesen  und  hatte  lebhaftes  Interesse  für  Fragen  der  Wissenschaft, 
Kunst  und  Politik.  Seine  jüngste  Tochter  Frida  übernahm  als 
treue  Mitarbeiterin  und  liebevolle  Pflegerin  die  Sorge  um  sein 
Alter.  Auch  mit  den  Familien  seiner  anderen  Kinder,  seiner  mit 
Gegenbaur  verheirateten  Tochter  Ida,  seines  Sohnes  Julius  und 
seiner  als  Gattin  des  Amtsverwalters  Dr.  Werner  in  Rützebüttel 
heimatlich  gewordenen  Tochter  Erminia  bestand  der  innigste  und 
lebhafte  Verkehr.  In  allen  Familien  wurde  der  verehrte  und  ge- 
liebte Großvater,  der  aber  keineswegs  ein  schwacher  Großvater 
war,  sondern  sich  ernsthaft  an  der  Erziehung  beteiligte,  von  den 
Enkelkindern  mit  Jubel  empfangen. 

So  veriebte  er  ein  freundliches  Greisenalter,  bis  in  seinen  letzten 
Jahren  zunehmende  und  schließlich  vollständige  Erblindung  und 
ein  schweres  Gallensteinleiden  sein  Leben  hart  und  bitter  gestal- 
teten und  seinem  Streben  ein  Ziel  setzten.  Er  starb  am.  4.  Juli 
1890,  87»/,  Jahre  alt. 

Wie  zurückgezogen  er  auch  in  den  letzten  Dezennien  gelebt, 
so  fand  sein  Tod  allgemeine  Trauer  und  Teilnahme  weit  über  den 
Kreis  seiner  Familie  hinaus.  Er  liegt  auf  dem  Heidelberger  Kirch- 
hof begraben,  einem  besonders  schönen  Stück  der  Natur,  die  er 
im  Leben  so  sehr  geliebt.  Sein  Begräbnis  fand  am  7.  Juli  unter 
großer  Beteiligung  statt;  außer  dem  Geistlichen  hielt  der  damalige 
Dekan  der  medizinischen  Fakultät  Professor  Fürstner  eine  warm 
empfundene  Grabrede,  in  welcher  er  Arnolds  Verdienste  um  die 
Wissenschaft  und  die  Heidelberger  Universität  gebührendermaßen 
hervorhob.    Der  Großherzog  ließ  seine  aufrichtige  Teilnahme  über 

6» 


84  Max  Fürbringer  [84 


V-A/- 


das  Ableben  des  hochverdienten  Gelehrten  unter  dem  Anfügen 
ausdrücken,  daß  er  dem  Verstorbenen,  welcher  an  den  beiden 
Hochschulen  in  Freiburg  und  Heidelberg  in  segensreicher  Weise 
gewirkt  habe,  ein  ehrendes  Gedächtnis  bewahren  werde.  —  Einen 
ausführlichen  Nekrolog  Arnolds  mit  voller  Würdigung  seines  Cha- 
rakters, seiner  Bedeutung  als  Lehrer  und  seiner  wissenschaftlichen 
Leistungen  brachte  die  Julinummer  des  anatomischen  Anzeigers 
von  1890  aus  der  Feder  seines  früheren  Schülers  Professor  K.  von 
Bardeleben.  ^^ 

Am  Tage  der  100.  Wiederkehr  von  Friedrich  Arnolds 
Geburtstage,  am  8.  Januar  1903  wurde  im  Hörsaal  des  anato- 
mischen Institutes  zu  Heidelberg  eine  Gedenktafel  an  ihn  mit 
entsprechender  Feier  und  großer  Beteilung  enthüllt. ^^  Das  gleiche 
wurde  für  sein  Geburtshaus  in  Edenkoben  beschlossen.'® 


VIII.  Würdigung  seiner  Leistungen  als  Forscher 

und  Lehrer.    Charakter. 

In  Friedrich  Arnold  verkörpert  sich  das  Ideal  eines  Gelehrten 
und  eines  Menschen,  das  zu  den  seltenen  gehört. 

Der  Umfang  seiner  Veröffentlichungen  übertrifft  die  eines 
gewöhnlichen  Gelehrtenlebens.  Sie  umfassen  die  Gebiete  der  Ana- 
tomie, Histologie,  Entwicklungsgeschichte  und  Physiologie,  also 
Disziplinen,  für  die  jetzt  zwei  bis  drei  gesonderte  Lehrstühle  er- 
richtet sind. 

Von  den  anatomischen  Monographien  nehmen  die- 
jenigen über  das  Nervensystem  den  ersten  Platz  ein.  Seine  Ar- 
beiten über  das  Gehirn  und  Rückenmark  und  ihre  Hüllen  be- 
deuten einen  großen  Fortschritt  gegen  früher  und  bieten  dem  Leser 
noch  jetzt  überraschende  Funde  dar.  Seine  Entdeckungen  und 
Forschungen  im  Gebiete  der  peripheren  Nerven,  namentlich 
des  Kopfes  und  Sympathicus,  sind  unsere  Fundamente  und  noch 


85]  Friedrich  Arnold.  85 

nicht  überholt;  hier  ist  Friedrich  Arnold  als  Erster  und  Größter 
wohl  allgemein  anerkannt.  Zahlreiche  von  ihm  zuerst  gefundene 
Gebilde  haben  die  späteren  mit  seinem  Namen  bezeichnet.  Hier 
hat  er  uns  auch  Abbildungen  gegeben,  wie  sie  zuvor  nicht  ge- 
sehen waren  und  die  noch  jetzt  zu  den  genauesten  und  besten, 
jedenfalls  zu  den  Zierden  der  anatomischen  Literatur  gehören. 
Der  große  Ruf  seines  Zeichners  Franz  Wagner  wurde  durch  das 
Zusammenarbeiten  mit  Arnold  begründet.  Eine  weitere  Unter- 
suchungsreihe gehört  den  Sinnesorganen  und  ihrer  bildlichen 
Darstellung  an,  vor  allem  dem  Auge.  Auch  hier  finden  wir  allent- 
halben mächtige  Fortschritte  gegenüber  den  Vorgängern.  So  weit 
es  sich  um  mit  bloßem  Auge  und  mit  geringer  Vergrößerung  zu 
erblickende  oder  durch  die  Injektionstechnik  zu  erschließende  Ver- 
hältnisse handelt,  sind  sie  noch  heutzutage  brauchbar,  und  es  ist 
erstaunlich,  was  Arnold  damals  mit  so  geringen  optischen  Hülfs- 
mitteln  gesehen  hat.  Hervorragend  sind  auch  seine  Abbildungen 
und  Beschreibungen  der  Knochen,  Bänder  und  Gelenke. 

Auf  histologischem  Gebiete  nimmt  Arnold  eine  umstrittene 
Stellung  ein.  Seine  ersten,  rein  autodidaktischen  Versuche,  wo  er 
mit  sehr  schlechten  Instrumenten  arbeiten  mußte,  enthalten  viele 
Trugbilder  und  unrichtige  Darstellungen,  die  überwiegend  auf 
Rechnung  des  Mikroskopes  kommen;  die  späteren  Veröffent- 
lichungen zeigen  erhebliche  Verbesserungen.  Natürlich  sind  auch 
sie  nicht  frei  von  zahlreichen  Irrtümern  im  Detail.  Neben  den 
Schwächen  finden  sich  aber  bewunderungswürdig  feine  und  richtige 
Beobachtungen  und  Auffassungen,  und  vor  allem  ist  hervorzuheben, 
daß  er  mehrere  Jahre  vor  Schwann,  dem  eigentlichen  Begründer  der 
tierischen  Zellenlehre,  das  wahre  Wesen  der  tierischen  Zelle  sehr 
scharf  und  richtig  erkannt  und  aus  allem  Unwesentlichen  heraus- 
geschält hatte,  daß  er  mit  großem  Rechte  und  ausgezeichneter  Be- 
gründung gegen  den  den  natürlichen  Verhältnissen  nicht  entsprechen- 
den Begriff  „Zelle"  zu  Felde  zog;  die  von  ihm  gebrauchten  Namen 


86  Max  Fürbringer  [86 

•<    ■^— ^■^^^^-^— ^^— ^^■-— ^^■— — ^-^^i— ^-^— -^—^i™»— — "^_^^»— »i.^-^.»^"— ^^^"— i^"^— — "^-^■-^^^^^^^^^^^^^^^^^^— ^^ 

„Bildungskugeln,  Bildungskörper"  verdienen  durchaus  den  Vorzug 
vor  jener  unglücklichen,  aber  unausrottbaren  Bezeichnung.  Seine 
Kritiken  der  Zellentheorie  waren  im  ganzen  zu  abweisend  und  ein- 
seitig, haben  ihm  viele  Gegner  geschaffen  und  zu  einem  nicht  ge- 
ringen Teile  zu  der  Unterschätzung  seiner  bezüglichen  Leistungen 
durch  dieselben  beigetragen.  In  nicht  wenigen  Punkten  haben  sie 
aber  das  Wahre  getroffen.  In  gewisser  Hinsicht  hat  Arnold  in  früher 
Zeit  schon  manches  ausgesprochen,  was  viel  später  erst  durch 
die  Arbeiten  von  Max  Schultze  u.  A.  zu  allgemeinerer  Geltung  kam. 
Zudem  zeigen  seine  Darstellungen  und  Erwägungen  allenthalben, 
mit  welcher  Vorsicht  und  Umsicht  er  auch  auf  diesem  Gebiete 
arbeitete,  mit  welcher  Gründlichkeit  er  in  die  Tiefe  zu  dringen 
versuchte. 

Als  Embryolog  tritt  er  mit  neuen  Funden  nicht  so  sehr  in 
den  Vordergrund.  Aber  überall  sehen  wir,  einen  wie  großen 
Wert  er  auf  die  Entwicklungsgeschichte  als  Interpretin  der  ausge- 
bildeten Zustände  legte,  wie  er  die  „genetisch-physiologische  Me- 
thode**, wie  er  sie  nannte,  weit  über  die  rein  deskriptive  stellte, 
wie  er  auch  hier  innerhalb  der  technischen  Leistungsfähigkeit  seiner 
Zeit  vorzüglich  beobachtet  hat  und  wie  genau,  in  Maß  und  Be- 
schreibung, er  die  einzelnen  Entwicklungsstadien  des  Fötus  darstellte. 

Von  seinen  physiologischen  Arbeiten  wird  ein  erheb- 
licher Teil  immer  geschätzt  werden.  Viele  seiner  Befunde  und 
Erklärungen  in  der  Physiologie  der  Verdauung  und  der  Atmung, 
in  den  Leistungen  der  Sinnesorgane,  seine  Lehre  vom  Spitzenstoß, 
um  nur  einiges  herauszuheben,  sind  in  den  bleibenden  Schatz  unserer 
Erkenntnis  übergegangen.  Ganze  Abschnitte  seiner  Bücher  sind 
von  physiologischen  Betrachtungen  durchdrungen. 

Auf  welchem  Gebiete  er  aber  auch  arbeitete,  stets  kennzeichnet 
eine  umfassende  Wiedergabe  der  Literatur  und  eine  genaue 
historische  Würdigung  der  Leistungen  der  Vorgänger  seine  Ver- 
öffentlichungen. 


87]  Friedrich  Arnold  81 


Bewunderungswürdig  sind  sein  Lehrbuch  der  Physiologie 
und  sein  Handbuch  der  Anatomie.  Beide  sind  ganz  aus  großem 
und  umfassendem  Geiste  heraus  gearbeitet  und  enthalten  ungleich 
mehr,  als  der  Titel  besagt.  Die  gesamte  Biologie  im  weitesten 
Sinne  des  Wortes  ist  in  ihnen  enthalten.  Die  vierbändige  Phy- 
siologie behandelt  außer  der  eigentlichen  Physiologie  auch  die 
Gesamtorganisation  des  Menschen  in  ihren  mannigfachen  Wechsel- 
wirkungen zur  Außenwelt  unter  eingehender  Berücksichtigung  der 
Kosmographie  und  Geographie,  die  allgemeinen  Erscheinungen  und 
Gesetze  des  Lebens,  das  Seelenleben,  die  Lehre  von  der  Zeu- 
gung, Entwicklung  und  dem  Tode.  Noch  gehaltreicher  und  bedeu^ 
tender  ist  die  aus  drei  starken  Bänden  bestehende  Anatomie. 
Hier  ist  fast  alles  originell,  auf  eingehendsten  Detailstudien  beruhend 
und  in  licht-  und  geistvoller  Weise  durchgearbeitet.  Dieses  Werk, 
das  als  die  vollendetste  und  reifste  von  Arnolds  Veröffentlichungen 
anzusprechen  ist,  bildet  noch  jetzt  eine  reiche  Fundgrube,  einen 
Bändekomplex,  den  der  Fachgenosse  gern  aufschlägt,  wenn  er  sich 
über  etwas  gründlich  unterrichten  will.  Und  dieses  wundervolle 
Werk  liegt  nur  in  einer  Auflage  vor.  Es  war  zu  gründlich,  und 
sein  Erscheinen  fiel  in  eine  Zeit,  wo  kompendiösere  und  dabei 
Unterhaltung  mit  wenig  Anstrengung  darbietende  Lehrbücher  der 
Anatomie  ihren  Siegeszug  durch  die  breiteren  Massen  der  Ler- 
nenden begannen.  Arnolds  Handbuch  wird  aber  in  den  Händen 
der  Berufskreise  noch  leben,  wenn  viele  andere  Bücher  ver- 
gessen sind. 

Der  Forscher  Friedrich  Arnold  gehört  nicht  zu  jenen  ge- 
waltigen Naturen,  die  völlig  neue  Bahnen  brachen  und  neue  Epochen 
schufen.  Er  ist  aber  einer  der  treuesten  und  gründlichsten  Be- 
obachter und  Untersucher  und  einer  der  feinsten  und  konsequentesten 
Denker,  die  je  auf  diesen  Gebieten  gearbeitet  haben.  Er  hat  unser 
Wissen  mit  einer  Fülle  neuer  und  hochbedeutender  Beobachtungen 
vermehrt  und  unsere  Darstellungswcise  vervollkommnet.   Und  auch 


88  Max  Fürbringer  [88 


■>^yv- 


darin  erwies  er  sich  als  echter  Forscher,  daß  er  sich  nie  auf  die 
Angaben  anderer  veriieß,  daß  er  nie  kompih'erte,  sondern  daß  er 
immer  an  die  Natur  selbst  heranging  und  in  immer  und  immer 
wiederholtem  Prüfen  sich  nie  genug  tun  konnte.  ^Ommissis  aucto- 
ritatibus  ipsa  re  et  ratione  exquirere  debemus  veritatem"  war  sein 
Wahlspruch,  der  in  den  mannigfachsten  Anwendungen  und  Vari- 
ierungen sich  in  verschiedenen  seiner  Schriften  wiederfindet.  So 
erzielte  er  bleibende  Erfolge,  so  blieb  sein  Schiff  bewahrt  vor  jenen 
Strudeln,  welche  im  Anfang  seiner  Tätigkeit  so  manchen  in  die 
Untiefen  gehaltloser  naturphilosophierender  Betrachtung  ge- 
Faten  ließen.'^ 

Daß  diese  Erfolge  eine  ungemein  geschickte  Hand  und  ein 
sehr  scharfes  Auge  erforderten,  versteht  sich  von  selbst.  Arnold 
war  einer  der  größten  Präparatoren  aller  Zeiten.  Seinen  Icones 
anatomicae  liegen  nur  eigene  Präparate  zugrunde.  Die  verschie- 
denen anatomischen  Sammlungen,  die  er  geschaffen  hat,  weisen 
wahre  Kabinettsstücke  feinster,  unnachahmlicher  Präparierkunst  auf. 
Fast  tragisch  könnte  man  sein  Geschick  nennen,  das  ihn  viermal 
neue  Sammlungen  begründen  und  dafür  tausende  neuer  Präparate 
anfertigen  ließ.  Er  hat  nie  die  Geduld  und  Standhaftigkeit  verloren. 
Wo  er  stärkere  optische  Hülfsmittel  entbehren  und  sich  auf  seine 
eigenen  guten  Augen  verlassen  konnte,  hat  er  kaum  jemals  geirrt.  Es 
ist  erschütternd,  daß  dieses  sein  edelstes  Instrument,  mit  dem  er 
uns  so  viele  Lichter  angezündet,  ein  Opfer  seiner  Arbeit  im  höheren 
Alter  erblindete. 

Als  Lehrer  der  studierenden  Jugend  findet  Arnold  kaum 
seinesgleichen.  Sein  Vortrag  war  formvollendet  und,  was  viel 
mehr  ist,  von  ungemeiner  Klarheit,  Anschaulichkeit,  Lebendigkeit 
und  Eindringlichkeit.  Die  dunkelsten  und  verwickeltsten  Verhält- 
nisse, wie  z.  B.  die  des  Gehirnes,  wurden  durch  seine  Rede  und 
Demonstration  entwirrt;  lichtvoll  und  plastisch  stellten  sie  sich 
auch  den    minder   begabten   Zuhörern  dar.    Da  war   nichts  von 


..I^M 


89]  Friedrich  Arnold,  89 

schönen  und  verschleiernden  Phrasen  oder  von  einem  Ausweichen, 
wenn  die  Schwierigkeiten  begannen.  Gerade  diesen  ging  er  am 
h'ebsten  zuleibe.  Dazu  gesellte  sich  seine  Lehrtätigkeit  als  Unter- 
weiser am  Mikroskopiertische  und  namentlich  auf  dem  Präparier- 
saale. Hier  verweilte  er  zur  gegebenen  Zeit  viele  Stunden  des 
Tages,  unermüdlich  belehrend,  vorpräparierend  und  anregend,  und 
er  stellte  dabei  die  höchsten  Anforderungen  an  seine  Schüler. 
Nicht  nur  durch  seine  Unterweisung,  sondern  namentlich  durch 
sein  lebendiges  Vorbild  hat  er  hier  gewirkt.  Die  Studenten  sahen 
den  hervorragenden  Gelehrten  in  ihrer  Mitte,  welcher  auch  der 
elementaren  Tätigkeit  als  Mittel  zur  höheren  Ausbildung  und  Er- 
kenntnis Bedeutung  und  Würde  verlieh  und  dabei  immer  auf  Treue, 
Selbstkritik  und  Wahrhaftigkeit  drang.  Wo  er  auch  immer  als  Leiter 
der  Präparierübungen  tätig  war,  überall  hob  sich  das  Niveau  der 
Arbeiten  und  damit  der  ganze  wissenschaftliche  Ernst  und  Gehalt 
der  Arbeiter.  Viele  bedeutende  Männer  sind  aus  seiner  Schule 
hervorgegangen.  Es  war  und  ist  ein  Ehrentitel,  Arnolds  Schüler 
gewesen  zu  sein  und  bei  ihm  präpariert  zu  haben. 

Ebenso  seine  Anleitung  zu  den  Arbeiten  Vorgerückterer. 
Zahlreiche  unter  ihm  angestellte  Untersuchungen  sind  erschienen; 
alle  tragen  das  Gepräge  gründlichster  und  gedankenreicher  Arbeit. 
Manche  sind  ihm  gewidmet  in  den  wärmsten  Ausdrücken  dank- 
barster Hochschätzung.  Überhaupt  gibt  es  wohl  wenige  Lehrer, 
die  von  ihren  Schülern  so  geliebt  und  verehrt  worden  sind.  Er 
hat  Liebe  gesät  und  hat  Liebe  geerntet.  Die  Jugend  hat  in  diesen 
Dingen  ein  sehr  feines,  unmittelbares  und  richtiges  Empfinden. 
Und  diese  Begeisterung  war  keine  flüchtige.  Einer  seiner  begab- 
testen Schüler,  Theodor  Bilharz,  schreibt  in  der  Vorrede  zu  seinem 
Arnold  gewidmeten  vornehmsten  Werke  über  das  elektrische  Or- 
gan des  Zitterwelses,  zehn  Jahre  nachdem  er  seine  anatomischen 
Studien  bei  Arnold  beendigt  und  lange  schon  Professor  geworden  : 
„Endlich  ergreife  ich  eine  längst  ersehnte  Gelegenheit,  meinen  tief- 


90                                            Max  Fürbringer  [90 

L  L'vrN-        —         —  — 


"vyv* 


gefühlten  Dank  dem  Manne  öffentlich  darzubringen,  der  durch  die 
großartige  Plastii<  seiner  anatomischen  Vorträge,  wie  durch  die 
anregende  Einwirkung  seiner  Persönh'chkeit  im  Präpariersaale  und 
dem  Mikroskoptische  das  Grubenh'cht  der  anatomischen  Forschung 
mir  angezündet  hat".  Ähnlich  viele  andere.  Wiederholte  An- 
sprachen seitens  seiner  Schüler  beweisen,  wie  tief  er  in  deren  Herz 
gedrungen  ist.  Und  ungezählte  seiner  früheren  Schüler  sprechen 
noch  heute  in  höchster  Verehrung  und  Dankbarkeit  von  ihrem 
Lehrer.  — 

In  diesen  Mitteilungen  ist  auch  der  Mensch  Arnold  enthalten. 
Es  erübrigt,  nur  noch  weniges  von  seinem  Charakter  zu  sagen. 

Arnolds  vorstechendste  Eigenschaft  war  die  Wahrhaftigkeit. 
Die  höchste  Tugend  des  Forschers  besaß  er  im  ausgeprägtesten 
Grade.  Mit  seiner  Wahrhaftigkeit  war  ein  feiner  und  lebhafter  Sinn 
für  das  Recht  verbunden.  Alles  verzieh  er  an  seinen  Nebenmenschen, 
nur  nicht  die  Sünde  gegen  Wahrheit  und  Recht.  Hier  konnte 
sich  seine  sonst  ruhige,  milde  und  gütige  Natur  empören,  und 
mancher  Ausbruch  heiligen  Zornes  ist  ihm  von  denen  verdacht 
worden,  die  hierin  minder  feste  Grundsätze  hatten.  Wie  sehr  er 
aber  auc^h  bei  seinem  feinfühligen  Wesen  zu  Zeiten  aufgeflammt 
und  gegen  niedrige  Charakterzüge  eine  bleibende  Abneigung 
bewiesen,  —  wo  er  Wendung  zum  Besseren  sah,  konnte  sein 
gutes  und  warmes  Herz  sich  nicht  genugtun  im  Verzeihen  und 
Versöhnen. 

Seine  Pflichttreue  und  sein  Fleiß  waren  ohne  Grenzen. 
Behagliches  Wohlleben  war  ihm  ein  fremder  Begriff.  Damit  ver- 
band sich  das  unermüdliche  Streben,  immer  tiefer  in  das  Wesen 
der  Dinge  einzudringen.  Er  war  ein  kritischer  Geist,  der  an 
sich  und  andere  in  dieser  Hinsicht  hohe  Forderungen  erhob.  Aber 
er  war  hierbei  nicht  schwerfällig.  Ein  fröhliches  Wort,  ein  guter 
Witz  zur  rechten  Zeit  konnte  manche  trübe  Wolke  verscheuchen 
und  ernstes  Auffassen  in  heitere  Stimmung  verwandeln. 


91]  Friedrich  Arnold.  91 


"Vi^V 


In  seinem  Empfinden  war  er  rein  und  vornehm,  in  seinen 
Lebensgewohnheiten  und  Bedürfnissen  maßvoll,  schlicht  und 
einfach.  So  hat  er  sich  bis  in  sein  hohes  Alter  Gesundheit  und 
Leistungsfähigkeit  erhalten.  Gelehrteneitelkeit  war  ihm  ganz  fremd; 
bescheiden  lehnte  er  stets  jedes  Anspielen  anderer  auf  seine  Ver- 
dienste ab,  von  seinen  vielen  wissenschaftlichen  Ehrungen  erfuhren 
die  wenigsten.  Auf  Ordnung  und  gute  Sitte  hielt  er  viel,  nament- 
lich in  seiner  Familie  und  bei  seinen  Schülern.  Er  war  ein  strenger 
und  gewissenhafter  Erzieher,  gegen  sich  selbst  war  er  dabei  am 
strengsten.  Davon  zeugte  seine  ganze  sorgfältige  Erscheinung 
und  Haltung. 

Für  seine  Familie,  seine  Schüler  und  für  die  in  ihrem  Charakter 
und  ihrem  Streben  von  ihm  Erprobten  war  er  ganz  Güte  und 
Liebe.  Hier  konnte  der  ernste  Mann  auch  sehr  fröhlich  sein  und 
seiner  Anlage  für  Laune  und  Witz  freien  Lauf  lassen;  ein  köst- 
licher Humor  umgab  dann  seine  lebendigen  Erzählungen,  feinen 
Ironien  und  anmutigen  Neckereien. 

An  breiterem  geselligen  Verkehr  hatte  er  nie  viel  Freude;  er 
war  zu  innerlich  und  konzentriert  und  sparsam  mit  der  Zeit. 

Ebenso  überließ  er  das  Politisieren,  das  im  badischen 
Lande  zu  Zeiten  mit  recht  viel  Geräusch  betrieben  wurde,  den- 
jenigen, die  mehr  Zeit  und  Beruf  dafür  zu  haben  glaubten.  Aber 
für  Deutschlands  Erhebung,  für  Kaiser  Wilhelm  I.  und 
namentlich  seinen  großen  Kanzler  erglühte  er,  und  für  alle  wich- 
tigeren Fragen  und  bedeutungsvolleren  Erscheinungen  in  Politik, 
Wissenschaft,  Literatur  und  Kunst  hatte  er  bis  zuletzt  ein  warmes 
Interesse. 

Und  immer  wieder  war  es  Mutter  Natur,  die  auf  seinen 
Spaziergängen  und  Reisen  als  seine  beste  Freundin,  als  seine 
Helferin  in  schweren  Zeiten  sich  ihm  erwies.  — 

Sein  Leben  ist  Mühe  und  Arbeit  gewesen,  aber  es  war  ein 
herrliches  Leben,  reich  an  jenen  einsamen  erhabenen  Stunden,  die 


92  Max  Furbringer  [92 


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nur  der  Forscher  kennt,  reich  an  wissenschafth'chen   Taten  und 
Gaben,  gefolgt  von  Liebe,  Bewunderung  und  Dankbarkeit. 

Er  lebt  in  den  Herzen  Aller,  die  ihn  wirklich  kannten,  und 
sein  Name  und  Wirken  wird  nimmer  vergessen  werden,  so  lange 
es  eine  anatomische  und  physiologische  Wissenschaft  gibt. 


üU^LL 


93J  Friedrich  Arnold.  93 


:^ 


Folge  der  Veröffentlichungen  von  Friedrich  Arnold« 


Dissertatio  inauguralis  medica  sistens  observationes  nonnulias  neu- 
roiogicas  de  parte  cephaiica  nervi  sympathici  in  homine.  Friderico  Tiede- 
mann  D.  D.  D.  VI.  26  pp.  1  Tabula  (H.  Günther  ad  nat.  del.).  Heidel- 
bergae  (typis  Augusti  Osswaldi)  1826  (XVI.  Cal.  April).  4^  (cf.  p.  13.  14.)» 

Beschreibung  des  Kopfteils  des  sympathischen  Nerven  beim  Kalb, 
nebst  einigen  Bemerkungen  über  diesen  Teil  beim  Menschen.  Zeitschrift 
für  Physiologie  von  Fr.  Tiedemann.  G.  R.  Treviranus  und  L.  Ch.  Treviranus. 
II.  p.  125-172.  Taf.  Vlll  (H.  Günther  del.).   Darmstadt  1826.   4\  (cf.  p.  14.) 

Über  den  Ohrknoten.  Eine  anatomisch  -  physiologische  Abhandlung. 
Fr.  Tiedemann  gewidmet.  56  pp.  2  Taf.  Heidelberg  (C.  F.  Winter)  1828. 
Kl.  4\  (cf.  p.  19.  20.) 

Der  Kopftheil  des  vegetativen  Nervensystems  beim  Menschen,  in  ana- 
tomischer und  physiologischer  Hinsicht.  X.  204  pp.  10  Taf.  (Fr.  Wagner  del). 
Heidelberg  und  Leipzig  (Carl  Groos)  1831.  4^  (cf.  p.  19—21.) 

Über  den  Canalis  tympanicus  und  mastoideus.  Zeitschrift  für  Physio- 
logie. IV.  p.  283-286.  Taf.  XII  (Fr.  Wagner  de!.).  Heidelberg  und  Leipzig  1831. 
(Schon  Ende  1830  im  Buchhandel  versendet.)  4^  (cf.  p.  19.  20.) 

Kurze  Angaben  einiger  anatomischen  Beobachtungen.  Salzburger  med.- 
chirurg.  Zeitung,  fortges.  v.  J.  N.  Ehrhart.  II.  No.  40.  p.  236-239  (19.  Mai 
1831).  Innsbruck  1831.  8^  (cf.  p.  19,  23,  24.) 

Quelques  ddcouvertes  sur  diff^rents  points  d'anatomie.  Journ.  univ. 
et  hebdom.  de  mdd.  et  de  chir.  praliq.  elc.  V.  No.  54.  p.  41—47  (Octobie 
1831).  8».  (cf.  p.  19.  23.  24.) 

Anatomische  und  physiologische  Untersuchungen  über  das  Auge  des 
Menschen.  Vlll,  168  pp.  3  Taf.  (Fr.  Wagner  gez.).  Heidelberg  und  Leipzig 
(Carl  Groos)  1832.  (Vorwort  vom  Januar  1832).  4^  (cf.  p.  19.  21—23.) 

Die  Arachnoidea  und  der  Fontana*sche  Kanal  im  menschlichen  Auge. 
Von  Ammons  Zeitschr.  f.  d.  Ophthalmologie.  11.  p  378—381.  Dresden  1832. 
Gr.  8^  (cf.  p.  19,  21.) 

Über  die  Membrana  capsulo-pupillaris.  Ibidem.  III.  p.  37—41.  Dresden 
1833.  Gr.8«.  (cf.  p.  19.  21.) 

'  Die  Verweise  auf  die  Seitenzahlen  bezichen  sich  auf  die  Erwähnung 
und  Besprechung  der  Veröffentlichungen  im  vorhergehenden  Texte. 


94  Max  Fürbringer  [94 


"V^V 


Noch  Einiges  über  die  Membrana  capsulo-pupiilaris.  Ibidem.  IV.  p.  28-39. 
Heidelberg  und  Leipzig  1834.  Gr.  8^  (cf.  p.  19,  21.) 

Icones  nervorum  capitis  in  IX  tabulis  perfectis  totidemque  linearibus. 

IV.  50  pp.  IX  Tab.  perf.  et  linear,  (Fr.  Wagner  ad  nat.  del.  et  incis.).  Turicl 
(Orelli,  Fuessli  et  Socii)  1834.  Folio,  (cf.  p.  20,  21 ) 

Bemerkungen  über  einige  Entdeckungen  und  Ansichten  in  der  Ana- 
tomie und  Physiologie.    Tiedemanns  und  Treviranus*  Zeitschr.  f.  Physiol. 

V.  p.  175-189.  Heidelberg  und  Leipzig  1834.  4^  (cf.  p.  20,  23.) 

Einige  Mitteilungen  über  die  Gewebe  der  Knorpel  und  Knochen  beim 
Menschen.  (Von  Wilhelm  und  Friedrich  Arnold).  Ibidem  V.  p.  226—230. 
Taf.  IX  (fig.  1    8).  Heidelberg  und  Leipzig  1834.  4*.  (cf.  p.  20,  24.) 

Lehrbuch  der  Physiologie  des  Menschen.   Zürich  (Orelli,  Füßli  u.  Co.) 
1836-1842.  80.  (cf.  p.  31,  40—50.) 

I.Teil.  XVI,  390  pp.  10  Taf.  Zürich  1836  (Vorrede  Zürich  Nov.  1835). 
2.  Teil.  1.  Abt.  X.  460  pp.  Zürich  1837  (Vorrede  Zürich  Sept.  1836). 
2.  Teil.  2.  Abt.  X.  586  pp.  Zürich  1841  (Vorrede  Freiburg  Dez.  1841). 
2.  Teil.  3.  Abt.  Vlll.  408  pp.  12  Taf.    Zürich  1842    (Vorrede  Freiburg 

Aug.  1842). 
Annotationes  anatomicae  de  velamentis  cerebri   et  medullae  spinalis. 
Programma  quo  festum  Academiae  Turicensis  die  XXX.  Aprilis  hora  X. 
in  aula  nova  celebrandum   indicit  Fr.  Arnold,  M.  D.,  P.  P.  O.,  academiae 
h.  t.  Rector.   25  pp.  1  Tab.  Turici  1838.  4^  (cf.  p.  31,  32.) 

Untersuchungen  im  Gebiete  der  Anatomie  und  Physiologie  mit  besonderer 
Hinsicht  auf  seine  anatomischen  Tafeln.  1.  Bändchen.  Bemerkungen  über 
den  Bau  des  Hirnes  und  Rückenmarks  nebst  Beiträgen  zur  Physiologie  des 
zehnten  und  elften  Hirnnerven,  mehreren  kritischen  Mitteilungen,  sowie  ver- 
schiedenen pathologischen  und  anatomischen  Beobachtungen.  IV,  218  pp. 
3  Taf.  (Fr.  Wagner  del.).  Zürich  (S.  Höhr)  1838.  8^  (cf.  p.  31,  32-^.) 
Tabulae  anatomicae.    Turici  et  Stuttgardiae  1838—1842.    Gr.  folio. 

Fasciculus  I,  continens  icones  cerebri  et  medullae  spinalis.  X  ta- 
bulae elaboratae  et  totidem  adumbratae.  Memoriae  Thomae  Willisii, 
Felicis  Vicq  d'Azyrii  et  Christiani  Reilii  D.  C.  25  pp.  10  Tab. 
(Fr.  Wagner  del.).  Turici  (Orelli,  Füßli  et  Soc.)  1838.  (Praefatio  Turici 
Mart.  1838.)  (cf.  p.  31,  34,  35.) 

Fasciculus  II,  continens  icones  organorum  sensuum,  XI  tabulae 
elaboratae  et  totidem  adumbratae.  Memoriae  Samuelis  Thomae  Soem- 
merringi  D.  C.  40  pp.  11  Tab.  «Fr.  Wagner  del.).  Turici  ^Orelli,  Füßli 
et  Soc.    1839   Praefatio  Turici  Maj.  1839 .  (cf,  p,  31,  35.) 

f-asciculus  IV,  pars  I,  continens  icones  ossium,  XIII  tabulae  elabo- 
ratae et  totidem  adumbratae.    Memoriae  Bernhard!  Siegfried!  Albini 


95]  Friedrich  Arnold.  95 

D.  C.  32  pp.  13  Tab.   (Fr.  Wagner  del.).  Turici  (Orelll,  Füßll  et  Soc.) 
1840  (Praefatio  Friburgi  Okt.  1840).  (cf.  p.  39,  40.)« 

Fasciculus  IV,  pars  11,  continens  icones  articulorum  et  ligamento- 
rum,  VII  tabulae  elaboratae  et  totidem  adumbratae.  Memoriae  Josiae 
Weitbrechtii  D.  C.  24  pp.  7  Tab.  (Fr.  Wagner  del.).  Stuttgardiae 
(P.  Balz)  1842.    (cf.  p.  39,  40.) 

Handbuch  der  Anatomie  des  Menschen  mit  besonderer  Rücksicht  auf 
Physiologie  und  praktische  Medizin.  Freiburg  i  B.  (Herdersche  Verlags- 
handlung) 1845—1851.  8^  (cf.  p.  39,  55-66.) 

1.  Band.  VI.  732  pp.  mit  Abbildungen  im  Text  und  8  Tafeln  (Fr.  Wagner 
gez.)    Freiburg  1845  (Vorwort  Freiburg  Aug.  1844). 

2.  Band,  1.  Abt.  VI.  636  pp.  mit  Abbildungen  im  Text.    Freiburg  1847. 
2.  Band,  2.  Abt.  X.  728  pp.  mit  Abbildungen  im  Texte  und  7  Tafeln 

(Max  Wieser  gez.).  Freiburg  1851  (Vorwort  Tübingen  Nov.  1850). 

Zur  Physiologie  der  Galle.  Denkschrift  zur  50jährigen  Jubelfeier  des 
Dr.  Fr.  Tiedemann  im  Namen  der  medizinischen  Fakultät  der  Universität 
Heidelberg.  II.  37  pp.  Mannheim  (Bassermann  u.  Mathy)  1854.  4°.  (cf.  p.76, 77.) 

Ober  das  Verhältniss  der  Kraft  zur  Materie  in  den  thierischen  Organismen. 
Rede  zum  Geburtsfeste  des  höchstseligen  Großherzogs  Karl  Friedrich  von 
Baden  und  zur  akademischen  Preisverteilung  am  22.  November  1854.  26  pp. 
Heidelberg  (gedr.  bei  G.  Mohr)  1854.  4^  (cf.  p.  76,  78,  79.) 

Über  die  Atmungsgröße  des  Menschen.  Ein  Beitrag  zur  Physiologie 
und  zur  Diagnostik  der  Krankheiten  der  Atmungswerkzeuge.  161  pp.  8  Taf. 
und  2  Tabellen.    Heidelberg  (J.  C.  B.  Mohr)  1855.  8^  (cf.  p.  76,  77.^ 

Die  physiologische  Anstalt  der  Universität  Heidelberg  von  1853  bis  1858. 
IV.  160  pp.  7  Taf.  Heidelberg  (J.  C.  B.  Mohr)  1858.  8^  (cf.  p.  76,  77,  78.) 

Icones  nervorum  capitis,  editio  altera  et  emendatlor,  IX  tabulae 
elaboratae  et  totidem  adumbratae.  34  pp.  9  Tab.  (M.  Wieser  et  Fr.  Volk 
ad  nat.  del.  et  Inc.).  Heidelbergae  (J.  C.  B.  Mohr)  1860  (Praefatio  Heidel- 
bergae  Sept.  1859).  Gr.  fol.  (cf.  p.  76,  80.) 

Über  die  Nerven,  welche  in  der  harten  Hirnhaut  der  mittleren  und 
hinteren  Schädelgrube  verlaufen.  Zeltschr.  d.  K.  K.  Gesellsch.  d.  Ärzte  in 
Wien.  Med.  Jahrbücher  XVll.  Jahrg.  1.  Band.  pp.  26-38.  Taf.  1,  II  ^Grav. 
v.  Dr.  Heitzmann).  Wien  1861.  8».  (cf.  p.  76,  80.) 


*  Der  Fasciculus  III.  der  Tabulae  anatomicae,  welcher  die  Abbildungen 
der  Eingeweide  enthalten  sollte,  ist  nicht  erschienen. 


96  Max  Fürbringer  [96 


Anmerkungen. 


1.  Die  Materialien  zu  der  vorliegenden  Biographie  Friedrich  Arnolds, 
zu  dem  ich  in  keiner  persönlichen  Beziehung  gestanden  habe,  verdanke  ich 
dem  gütigen  Entgegenkommen  der  Vorstände  der  Universitätsbibliotheken 
in  Freiburg  i.  B.,  Heidelberg,  Tübingen  und  Zürich,  zu  denen  noch  sehr 
dankenswerte  Zusammenstellungen  aus  dem  Staatsarchiv  zu  Zürich  und 
aus  den  Akten  der  medizinischen  Fakultät  zu  Freiburg  und  Tübingen 
durch  die  Güte  der  Dekane  derselben  hinzukamen  (vergleiche  auch  die 
Anmerkungen  27,  36  und  47).  Für  Heidelberg  konnte  ich  die  Fakultäts- 
akten direkt  einsehen.  Für  weitere  Beiträge  betreffend  die  Geburt  und 
die  Geburtsstadt  Arnolds  bin  ich  den  Herren  Bürgermeister  Satter  in 
Edenkoben  und  Privatdozent  Prosektor  Fr.  Weidenreich  in  Straßburg  i.  E., 
einem  geborenen  Edenkobener,  Dank  schuldig  (vergl.  Anm.  6,  7  und  70). 
Fernerhin  dienten  mir  die  Biographien  von  Knauff,  Gurlt  und  von  Barde- 
leben als  Grundlage  (vergl.  Anm.  3).  Auch  gewann  ich  durch  Unterhaltungen 
mit  mehreren  früheren  Schülern  Arnolds,  namentlich  mit  den  Herren  Prof. 
Edinger,  Geh.  Rat  Erb,  Geh.  Hofrat  Knauff  und  Geh.  Rat  Leber,  sowie 
durch  sonstige  briefliche  Mitteilungen  von  Schülern  ein  klares  Bild  von  dem 
Verstorbenen.  Die  weitaus  größte  Unterstützung  ward  mir  aber  durch  die 
Familie  Arnold,  insbesondere  durch  Herrn  Geh.  Rat  J.  Arnold  zu  teil,  der 
mir  in  entgegenkommendster  und  liberalster  Weise  die  Familienpapiere, 
sonstigen  Familienaufzeichnungen  und  die  Urkunden  und  Belege  über  die 
persönlichen  Verhältnisse  Friedrich  Arnolds  zur  Verfügung  stellte  und  ein- 
gehende Mitteilungen  über  seine  vornehmsten  Charakterzüge  machte.  Von 
diesen  Aufzeichnungen  und  Mitteilungen  habe  ich  vieles  wörtlich  über- 
nommen. —  Wenn,  wie  ich  hoffe,  das  vorliegende  Lebensbild  als  ein  wahres, 
gerechtes  und  anschauliches  sich  erweisen  sollte,  so  ist  das  allein  das  Ver- 
dienst derer,  die  mir  so  reiche  Förderung  zu  teil  werden  ließen  und  denen 
ich  hiefür  meinen  tiefgefühlten  Dank  ausspreche.  Ich  habe  nur  noch  hin- 
zuzufügen, daß  mir  die  zuerst  als  Ehrenpflicht  übernommene  Arbeit,  je 
mehr  ich  in  das  Wesen  Friedrich  Arnolds  eindrang,  zu  einer  sehr  lieben 
wurde  und  mir  viele  Erhebung  und  Genuß  bereitete. 

2.  Bischoff,  Th.  L.  W.  Gedächtnisrede  auf  Friedrich  Tiedemann. 
Vorgetragen  in  der  öffentlichen  Sitzung  der  K.  Akademie  der  Wissenschaften 
am  28.  November  1861.  München  1861.  (41  pp.)  —  Merkel,  Fr.  Jakob 
Hcnle,  ein  deutsches  Gelehrtenleben.  Nach  Aufzeichnungen  und  Erinne- 
rungen erzählt  von  Fr.  M.    Braunschweig  1891.    (XII.  411  pp.) 


^ 

97]  Friedrich  Arnold.  97 


3.  Knauff,  Fr.  Friedrich  Arnold.  In  Fr.  von  Weech,  Badische  Bio- 
graphien I.  p.  8—10.  Heidelberg  1875.  —  Gurlt,  E.  J.  Friedrich  Arnold. 
In  Werrich  und  Hirsch,  Biographisches  Lexikon  der  hervorragenden  Ärzte. 
Bd.  1.  p.  200-201.  Wien  und  Leipzig  1884.  -  Bardeleben,  K.  Friedrich 
Arnold.    Anatom.  Anzeiger  V.  p.  397-405.    Jena  1890. 

4.  Von  Johann  Wilhelm  Arnold  (1778—1854)  angefertigte  Erläuterungen 
zum  Stammbaum  der  Familie  Arnold  teilen  mit,  daß  die  ümtauschung  des 
Vor-  und  Zunamens  von  einem  Edenkobener  örtlichen  Sprachgebrauche 
herzurühren  scheine,  weil  daselbst  Anton  mehr  Taufname  als  Arnold  ist, 
worüber  man  sich  damals  (die  Wichtigkeit,  die  eine  solche  Namensumsetzung 
haben  könnte,  nicht  achtend)  hinwegsetzte.  Bei  der  Verehelichung  Arnold 
von  Antons  mit  Maria  Klara  Schuster  sei  er  von  dem  Geistlichen  als  Anton 
Arnold  ausgerufen  und  in  das  Kirchenbuch  eingetragen  worden.  Möglicher- 
weise hat  das  der  human  fühlende  und  in  deutschem  Gebiete  ansässig 
gewordene  Mann  gern  angenommen,  da  ihm  vielleicht  daran  lag,  seinen  an 
die  Verbindung  mit  Melac  erinnernden  bisherigen  holländischen  Namen  nicht 
mehr  weiter  zu  führen. 

5.  Die  7  Kinder  des  Zacharias  Arnold  und  seiner  Gattin  Susanna 
Margaretha  sind:  1.  Maria  Magdalena,  geb.  1794  und  einige  Monate  nach  der 
Geburt  gestorben;  2.  Klara  Wilhelmine,  geb.  1795,  Gattin  des  Rentmeisters 
Eisenmenger,  welcher  Ehe  zwei  Kinder  entstammten,  deren  jüngstes,  Fräulein 
Mina  Eisenmenger,  noch  in  Heidelberg  lebt;  3.  Maria  Friderika,  geb.  1797, 
Frau  des  Pfarrers  Wundt,  aus  welcher  Ehe  drei  Kinder  hervorgingen, 
von  denen  das  jüngste,  der  berühmte  Philosoph,  Physiolog  und  Psycholog 
Geheimrat  Prof.  Wilhelm  Wundt  in  Leipzig,  noch  lebt;  4.  Lina  Magdalena, 
geb.  1799,  starb  hochbetagt  und  unverehelicht;  5.  Johann  Wilhelm,  geb.  1801, 
Professor  der  Medizin  in  Zürich  und  danach  Arzt  in  Heidelberg,  wo  er  1873 
unverehelicht  starb;  6.  Philipp  Friedrich,  geb.  1803,  der  Anatom  und 
Physiolog,  dem  die  vorliegende  Lebensbeschreibung  gilt;  7.  Johanna  Wil- 
helmine, geb.  1805,  starb  unverehelicht  im  18.  Lebensjahre. 

6.  Die  Geburtsurkunde  von  Friedrich  Arnold,  deren  freundliche  Zu- 
sendung in  Abschrift  ich  Herrn  Bürgermeister  N.  Satter  in  Edenkoben  ver- 
danke, lautet:  Arrondissement  de  Spire,  mairie  d'Edenkoben  du  vingt  Nivose 
an  onzi^me  de  la  Rdpublique  Fran<;aise.  Acte  de  naissance  de  Philippe 
Fr^ddric  Arnold,  nd  h  Edenkoben,  Departement  du  Mont-Tonnerre,  hier 
ä  quatre  heure  du  matin  fils  (de)  Zacharie  Arnold  et  Suzanne  Marguerite 
Brunnings  son  dpouse  domicilies  ä  Edenkoben.  Lc  sexe  de  Tenfant  a  dtd 
rcconnu  ßtre  masculin.  Premier  temoin  Fr^deric  Sahler  marchant  äge  de 
trents  six  ans,  oncle  de  Tenfant,  seconde  temoin  Charles  Heilmann  ägd  de 
quarante  ans,voisin  du  p^re  de  Tenfant;  tous  deux  domicilies  au  dit  Edcn- 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  7 


98  Max  Fürbringer  [98 


koben.  Sur  la  rdquisition  ä  nous  fait  par  Zacharie  Arnold  p^re  de  Tenfant, 
et  ont  signd  Z.  Arnold,  als  Vater,  Friedrich  Sahler,  als  Zeuge,  Heilmann. 
Constatd  par  nous  Philippe  Jacques  Völcker,  maire  d*Edenkoben,  faisant 
les  fonctions  d'officier  public  de  Tdtat  civil.    Ph.  Jacques  Völcker,  maire. 

7.  Ich  verdanke  diese  Mitteilungen  Herrn  Privatdozent  Dr.  Fr.  Weiden- 
reich in  Straßburg  i.  E.  Aus  Anlaß  der  hundertsten  Wiederkehr  von  Fried- 
rich Arnolds  Geburtstag  wurde  vom  Stadtrat  in  Edenkoben  beschlossen, 
am  9.  Januar  1903  an  Arnolds  Geburtshause  eine  Gedenktafel  anzubringen. 

8.  Die  ihn  als  Fridericus  Arnold,  Rheno-Bavarus,  Medicinae  Studiosus 
aufführende  Matrikel  datiert  vom  14.  April  1821  unter  dem  Prorektorate  von 
Dr.  F.  H.  C.  Schwarz. 

9.  Infolge  eines  Druckfehlers  wird  Friedrich  Arnold  hier  als  C.  Arnold 
angeführt.  (Die  Verdauung.  1.  Band.  Heidelberg  und  Leipzig  1826.  Vor- 
wort p.  20.) 

10.  Vergl.  Akten  der  medizinischen  Fakultät  zu  Heidelberg  vom  Jahre 
1825.  Tiedemann  bemerkt  daselbst  bei  der  Meldung  von  Wilhelm  und  Fried- 
rich Arnold  zum  Doktorexamen  (30.  August),  „daß  die  Gebrüder  Arnold  sehr 
fleißige  Leute  waren**.  Die  Zulassung  wurde  von  der  Fakultät  ohne 
weiteres  verfügt. 

11.  Die  vier  schriftlichen  Bearbeitungen  umfaßten  nach  den  Fakultäts- 
akten die  Themata:  1.  Bau  und  Verrichtung  des  Magens  und  Darmkanals 
(16  enggeschriebene  Folioseiten) ;  2.  Pathologie  und  Therapie  der  Gastritis 
und  Enteritis  (12  Folioseiten);  3.  Die  Mastdarmfistel  in  pathologischer  und 
therapeutischer  Beziehung  (6  Folioseiten);  4.  Quid  est  officium  medici,  si 
morbus  est  insanabilis?  (2  Folioseiten).  In  dem  mündlichen  Examen  prüfte 
Professor  Puchelt  über  Scharlach  in  pathologischer  und  therapeutischer  Hin- 
sicht, Hofrat  Sebastian  über  Leberentzündung,  Hofrat  Gmelin  legte  mehrere 
Pflanzen  und  Arzneikörper  zur  Bestimmung  vor  und  examinierte  über  Opium, 
Chinin  und  schwefelsaure  Salze,  Hofrat  Chelius  über  Knochenbniche,  ver- 
schiedene Verbände,  Indikationen  zu  Amputationen,  Callus-Bildung,  Bruch 
der  Clavicula,  syphilitische  Iritis,  Hofrat  Nasgele  über  wichtige  Zufälle  bei 
Neuentbundenen,  besonders  Inversio  uteri,  über  die  dem  Geburtshelfer  bei 
Dystokia  pelvis  zu  Gebote  stehenden  Mittel  und  insbesondere  ober  den 
Bauchgebärmutterschnitt.  —  Die  Fakultät  beschließt,  dem  Kandidaten  die 
1.  Note  zu  geben. 

12.  Das  unter  dem  Rektorate  des  Großherzogs  Ludwig  von  Baden 
und  dem  Prorektorate  des  Geh.  Hofrats  Prof.  J.  Mittermaier  ausgestellte 
Doktordiplom  führt  an:  In  virum  doctissimum  et  clarissimum  Pridericum 
Arnold  Edcnkovensium  Rheno-Bavarum  examine  rigoroso  summa  cum  laude 
supcrato  jura  et  privilegia  doctoris  medicinae  chirurgiae  et  artis  obstetridae 


99]  Friedrich  Arnold.  99 


rite  contulimus  et  hoc  diplomate  sigillo  ordinis  nostri  munito  testati  sumus. 
P.  P.  Heidelbergae  in  universitate  literaria  Ruperto-Caroia  a.  d.  VII.  mensis 
Septembris  MDCCCXXV. 

13.  Mit  der  Stelle  waren  außerordentlich  große  Arbeitsleistungen  für 
den  praktischen  Unterricht  der  Studenten,  die  Sammlung  und  die  Vor- 
lesungen des  Direktors  verbunden.    Der  jährliche  Gehalt  betrug  400  Gulden. 

14.  Die  bezüglichen  Anstellungsdekretc  sind  Mannheim,  den  5.  Oktober 
und  20.  Dezember  1826  datiert  und  von  dem  Kurator  der  Universität  Hei- 
delberg Froehlich  unterzeichnet.  Das  erste  Dekret  macht  Mitteilungen  über 
die  Entlassung  des  bisherigen  Prosektors  Prof.  Fohmann  aus  dem  badischen 
Staatsdienste  und  fährt  dann  fort:  „Ebenso  ist  die  provisorische  Verwendung 
des  Dr.  Arnold  als  Prosector  in  der  vorgeschlagenen  Art  genehmigt  worden, 
weßhalb  derselbe  zum  Antritt  seiner  Dienstzeit  einzuberufen  ist.  Der  Tag 
seines  Eintrittes  ist  zum  Behufe  der  Gehaltsanweisung  anzuzeigen."  Der 
zweite  Erlaß  bestimmt,  „daß  der  Gehalt  des  Prosectors  Dr.  Arnold  von 
400  Gulden  vom  23.  October  d.  J.  anfangend  anzuweisen  und  die  Besoldung 
des  bisherigen  Prosectors  Prof.  Dr.  Fohmann  vom  gleichen  Termine  an 
zu  sistiren  ist". 

15.  Genauere  Zahlen  über  den  Besuch  des  Präpariersaales  in  jener  Zeit 
(1826  bis  1835)  standen  mir  nicht  zu  Gebote.  Die  Heidelberger  Studenten- 
verzeichnisse in  den  betreffenden  Wintersemestern  weisen  aber  folgende 
Frequenzzahlen  an  Medizinern,  Chirurgen  und  Pharmazeuten  auf:  1826/27: 
115;  1827/28:  132;  1828/29:  150;  1829/30:  200;  1830/31:  225;  1831/32:  276; 
1832/33:  256;    1833/34:  178;    1834/35:  222. 

16.  Bischoff,  L.  W.  Th.,  Nervi  accessorii  Willisii  anatomia  et  physio- 
logia.  Commentatio.  Darmstadii  1832.  —  Der  betreffende  Passus  lautet: 
„Restat,  ut  antea  viris  doctissimis  illustrissimis,  Tiedemanno  et  Arnoldo,  hie 
publice  summas  quas  possum  gratias  referam,  qui  non  modo  consilio  suo 
prudentissimo,  sed  etiam  libris  liberalissime  me  adjuverunt,  nee  quin  ipsi 
interdum  Interessent  meis  experimentis,  recusarunt". 

17.  Seubert,  M.  CG.,  De  functionibus  radicum  anteriorum  et  posterio- 
rum  nervorum  spinalium.    Commentatio  praemio  ornata.    Carlsruhae   1833. 

18.  Die  definitive  Ernennung  zum  Prosektor  mit  dem  gleichen  Gehalte 
wie  bisher  (400  Gulden  jährlich)  datiert  vom  7.  Nov.  1828  und  ist  vom 
Großherzog  Ludwig  eigenhändig  unterzeichnet  und  mit  dessen  großem  Siegel 
versehen.  Als  Beginn  der  definitiven  Anstellung  wird  der  1.  November 
angegeben. 

19.  Die  medizinischen  Zeitschriften  Deutschlands  und  des  Auslands, 
namentlich  von  Frankreich,  berichten  zum  Je\\  in  großer  Ausführlichkeit 
über  die  Veröffentlichungen  Arnolds. 

7* 


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100  Max  Fürbringer  [100 


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20.  Die  betreffende  Eröffnung  des  engeren  Senates  der  Universität 
vom  26.  Mai  1833,  unterzeichnet  vom  Prorektor  Roßhirt,  lautet:  „Dem  Herrn 
Prosector  Fr.  Arnold  wird  in  Gemäßheit  Ministerialerlasses  vom  6.  Mai 
No.  5250  eröffnet,  daß  Seine  Königl.  Hoheit  der  Großherzog  nach  höchster 
Entschließung  aus  Großherzogl.  Staatsministerium  vom  24.  April  No.  1027 
gnädigst  geruht  haben,  ihm  eine,  vom  I.Juni  1833  anfangende  Besoldungs- 
zulage von  200  Gulden  zu  bewilligen  unter  der  Verpflichtung,  Vorlesungen 
über  vergleichende  Anatomie  zu  halten  und  die  Vervollständigung  der  ana- 
tomischen Sammlungen  zu  besorgen.  Zu  letzterem  Zweck  wird  eine  jähr- 
liche Summe  von  150  bis  200  Gulden  für  nöthige  Anschaffungen  und  etwa 
erforderliche  Aushülfe  bei  seinen  Verrichtungen  aus  den  heimgefallenen 
Besoldungen  der  Professoren  Schclver  und  Leuckhard  ausgeschieden  und 
disponibel  gehalten  werden.*" 

21.  Die  Ernennung  zum  außerordentlichen  Professor  wurde  von  Groß- 
herzog Leopold  am  3.  Januar  1834  vollzogen;  das  Diplom  trägt  die  eigen- 
händige Unterschrift  und  das  große  Siegel  des  Großherzogs.  -—  Eine  Eröff- 
nung des  engeren  Senates  der  Universität  vom  22.  Januar  1834  teilt  mit, 
daß  durch  die  am  27.  Dezember  1833  von  Seiner  Königlichen  Hoheit  erfolgte 
Ernennung  die  Stellung  zu  dem  Direktor  der  anatomischen  Anstalt  nicht 
verändert  werde.  „Zugleich  wird  in  Folge  hoher  Ministerial-Entsch ließung 
vom  3.  Januar  1834  No.  54  bemerkt,  dass  dem  Professor  Arnold,  um  seinen 
Obliegenheiten  als  Lehrer  der  vergleichenden  Anatomie  und  der  ihm  als 
Prosector  obliegenden  Verpflichtung,  für  die  Erweiterung  der  vergleichend 
anatomischen  Sammlung,  sowie  aller  übrigen  anatomischen  öffentlichen 
Sammlungen  unter  der  Leitung  des  Geheimen  Raths  Tiedemann  zu  sorgen, 
gehörig  Genüge  leisten  zu  können,  in  seiner  Eigenschaft  als  Prosector  und 
bei  den  ihm  als  solchem  aufgetragenen  Verrichtungen  die  geeignete  Ver- 
wendung der  Assistenten  überlassen  bleibt". 

22.  Die  Kinder  von  Friedrich  Arnold  und  Ida  geb.  Gock  sind:  1.  Ida, 
geboren  zu  Heidelberg  am  14.  Mai  1831,  mit  dem  Anatomen  Geheimrat 
Professor  Karl  Gegenbaur  in  Heidelberg  verehelicht;  2.  Julius,  geboren 
zu  Zürich  am  19.  August  1835,  zur  Zeit  Großh.  badischer  Geheimrat  und 
Direktor  des  pathologisch-anatomischen  Instituts  in  Heidelberg;  3.  Erminia, 
geboren  in  Freiburg  i.  B.  am  18.  März  1841,  mit  Amtsverwalter  Dr.  Werner 
in  Ritzebüttel  verehelicht,  gestorben  1893;  4.  Leontine,  geb.  in  Freiburg  i.  B., 
starb  im  I.  Lebensjahre;  5.  Frida,  geboren  in  Stuttgart  am  27.  Oktober  1849, 
in  Heidelberg  wohnhaft. 

23.  Das  Berufungsschreiben  lautet :  „Der  Erziehungsrat  des  eidgenössi- 
schen Standes  Zürich  beruft  durch  gegenwärtige  Urkunde  an  die  Zürcher- 
ische Hochschule  als  ordentlichen  Professor  in  der  medicinischen  Pacultät 


101]  Friedrich  Arnold.  101 


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mit  vorzüglicher  Hinsicht  auf  Anatomie,  und  als  Director  der  anatomischen 
Anstalt,  den  Herrn  Professor  Dr.  Arnold  in  Heidelberg.  Der  aus- 
gesetzte fixe  Gehalt,  welcher  mit  dem  zweiten  Quartal  des  Jahres  1835 
anfängt,  beträgt  jährlich  2200  Schweizer  Franken.  Von  diesem  fixen  Ge- 
halte werden  dem  Herrn  Professor  Dr.  Arnold  im  Falle  unverschuldeter 
Dienstunfähigkeit  zwei  Dritttheile  als  Ruhegehalt  zugesichert,  mit  dem  Rechte, 
diesen  Ruhegehalt  an  jedem  Aufenthaltsorte  nach  eigener  Wahl  zu  genießen. 
Ebenso  werden  die  allen  geistlichen  und  weltlichen  Beamten  durch  §  11  der 
Verfassung,  sowie  die  den  Professoren  an  der  Hochschule  durch  das  Gesetz 
vom  28.  September  1832  zugesicherten  Rechte  dem  Herrn  Professor  Dr.  Arnold 
durch  gegenwärtige  Urkunde  gewährleistet,  wogegen  derselbe  die  durch  das 
nämliche  Gesetz  für  die  Professoren  an  der  Hochschule  festgesetzten  Pflichten 
nebst  derjenigen,  für  die  Erweiterung  und  Vervollständigung  der  anatomischen 
Sammlung  zu  sorgen,  übernehmen  wird.  Zürich,  den  6.  Dezember  1834. 
Der  Präsident  des  Erziehungsrates  Joh.  Hirzei,  der  erste  Sekretär  Escher." 

24.  Das  Angebot  der  badischen  Regierung  ist  in  folgendem  Erlaß  des 
Ministeriums  des  Innern  vom  13.  Dezember  1834,  No.  12732,  enthalten: 
„Von  der  höchsten  Entschließung  aus  Großherzogl.  Höchstpreißlichem 
Staatsministerium  vom  4.  ds.  Mts.  No.  2370,  wonach  Seine  Königliche 
Hoheit  gnädigst  geruht  haben,  dem  ausserordentlichen  Professor  der  Anatomie 
Dr.  Arnold  in  Heidelberg  eine  Besoldung  von  300  Gulden  vom  1.  Februar 
künftigen  Jahres  an  für  den  Fall  seines  Verbleibens  daselbst  zu  bewilligen 
und  dem  Ministerium  die  weitere  Bestimmung  seines  Dienstverhältnisses, 
bezüglich  auf  den  Vorschlag  der  medicinischen  Fakultät  zu  überlassen  ge- 
ruht haben,  erhält  das  academische  Directorium  zu  Heidelberg  mit  dem 
Anfügen  Nachricht,  daß  man  die  Vorschläge  der  medicinischen  Facultät 
ad  I.  ihres  Berichtes  vom  26.  November  d.  J.  unter  Vorbehalt  nach  Gut- 
finden zu  treffenden  Abänderungen  genehmige,  jedoch  wünschen  müsse, 
daß  womöglich  der  Gehalt  des  Assistenten  von  100  Gulden  auf  die  Instituts- 
kasse übernommen  werde". 

25.  Der  Briefwechsel  zwischen  dem  Erziehungsrat  und  Arnold  gibt 
allenthalben  deutlich  Kunde,  daß  Arnolds  Bestrebungen,  den  Stand  der 
Züricher  anatomischen  Anstalt  zu  verbessern,  nicht  nur  freundlichstes  und 
dankbarstes  Entgegenkommen,  sondern  unausgesetzte  tatkräftige  Unter- 
stützung nach  Maßgabe  der  Leistungsfähigkeit  des  Kantons  Zürich  fanden. 

26.  Laut  der  Ernennungsurkunde  vom  3.  März  1838  war  Friedrich 
Arnold  von  dem  Erziehungsrat  für  die  Amtsdauer  von  zwei  Jahren  (von 
Ostern  1838  bis  ebendahin  1840)  zum  Rektor  der  Hochschule  gewählt 
worden,  infolge  seiner  vielen  Arbeiten  für  das  anatomische  Institut  trat  im 
zweiten  Jahre  sein  medizinischer  Kollege  von  Pommer  als  Rektor  für  ihn  ein. 


102  Max  Furbringer  [102 


27.  Der  Güte  der  Herren  Dr.  H.  Weber,  Oberbibliothekar  der  Kantons- 
universitätsbibliothek und  Dr.  R.  Hoppeler,  Staatsarchivar,  beide  in  Zürich, 
verdanke  ich  die  Vorlesungsverzeichnisse  und  die  Statistik  der  Universität 
Zürich  von  1833  bis  1883,  ausführliche  Mitteilungen  über  die  Frequenz- 
verhältnisse der  Hochschule,  der  medizinischen  Fakultät  und  des  Besuches 
der  einzelnen  daselbst  gehaltenen  Vorlesungen,  sowie  Friedrich  Arnold  be- 
treffende Auszüge  aus  den  üniversitätsakten. 

28.  Vergl.  A.  von  Kölliker,  Erinnerungen  aus  meinem  Leben.  Leipzig 
1899  p.  7. 

29.  Insbesondere  in  dem  Schreiben  vom  23.  März  1839:  „Nach  An- 
hörung dieses  Berichtes  (von  Arnold)  hat  der  Erziehungsrath  beschlossen : 
1.  Die  Rechnung  über  die  Venvendung  der  Credite  für  die  anatomischen 
Sammlungen  wird  dem  Cantonschulveru'alter  Übermacht,  um  dieselbe  als 
Beleg  seiner  Rechnung  beizufügen.  2.  Dem  Herrn  Professor  Dr.  Friedrich 
Arnold  wird  der  aufrichtigste  Dank  der  Behörde  bezeugt  für  die  Sorgfalt 
und  Thätigkeit,  womit  derselbe  im  Jahre  1838  eine  so  werthvolle  Bereicherung 
der  anatomischen  Sammlungen  zu  Stande  gebracht  hat.  Indem  der  Er- 
ziehungsrath den  vollen  Werth  dieser  Leistungen  anerkennt,  empfiehlt  er 
diese  Sammlungen  der  ferneren  Sorgfalt  des  Herrn  Professor  Arnold. 
3.  Dem  Prosektor,  Herrn  Dr.  Hodes,  wird  für  die  hierbey  geleisteten  Dienste 
eine  Gratification  von  240  Franken  zugestellt." 

30.  Dieser  Beschluß  des  Erziehungsrates  vom  6.  Juli  1839,  unter  Vor- 
behalt der  (danach  wirklich  erfolgten)  Bestätigung  durch  den  H.  Regierungs- 
rat, ist  so  bemerkenswert,  daß  ein  Abdruck  seiner  einzelnen  Passus  nicht 
überflüssig  erscheint : 

„1.  Dem  Herrn  Professor  Dr.  Friedrich  Arnold,  Director  der  anatomi- 
schen Anstalt  und  der  zu  derselben  gehörenden  Sammlung,  wird  auf  die 
Dauer  von  zehn  Jahren  die  Stellung  und  die  Rechte  als  Director  der 
anatomischen  Anstalt  und  deren  Sammlungen  zugesichert,  sowie  das  Recht 
der  Verfügung  über  einen  den  Bedürinissen  der  anatomischen  Anstalt  an- 
gemessenen Credit,  unabhängig  von  allfälligen  Veränderungen  in  dem  Be- 
stände und  der  Organisation  der  Hochschule. 

2.  Herr  Professor  Dr.  Arnold  behält  daneben  seine  bisherige  Stellung 
als  Professor  an  der  Hochschule  unter  denselben  Verpflichtungen  und 
Rechten  bei.  Sollten  hingegen  Veränderungen  in  der  Organisation  des 
ünterrichtswcsens  eintreten,  wodurch  an  die  Stelle  der  Hochschule  eine 
bloße  medicinische  Academie  oder  Institut  treten  würde,  so  kann  Herr 
Professor  Dr.  Arnold  nicht  verpflichtet  werden,  als  Lehrer  an  dieser  unter- 
geordneten Anstalt  Theil  zu  nehmen,  und  es  dauern  einzig  seine  Verpflich- 
tungen als  Director  der  Anatomie  und  deren  Sammlungen  fort,  unter  Zu- 
sicherung seines  bisherigen  Gehaltes  von  2200  Schweizerfranken. 


103]  Friedrich  Arnold.  103 


3.  Auf  den  Fall  der  Errichtung  einer  eidgenössischen  Hochschule  ist 
Herr  Professor  Dr.  Arnold  nur  dann  zu  Beybehaltung  seiner  Stellung  als 
Professor  verpflichtet,  wenn  die  eidgenössische  Hochschule  nach  Zürich 
verlegt  wird.  Sollte  dieselbe  an  einen  anderen  Ort  verlegt  werden,  so  tritt 
der  in  §  1  vorgesehene  Fall  ein,  die  anatomische  Sammlung  bleibt  gemäß 
demselben  unverändert  unter  der  darin  festgesetzten  Leitung. 

4.  Sollte  Herr  Professor  Dr.  Arnold  infolge  einer  Aufhebung  der 
hiesigen  Hochschule  und  der  Verlegung  einer  eidgenössischen  Hochschule 
an  einen  anderen  Ort  auch  die  Directorstelle  der  hiesigen  anatomischen 
Anstalt  niederlegen,  so  bleibt  ihm  der  bey  der  Berufung  an  die  Zürcherische 
Hochschule  zugesicherte  Ruhegehalt  auf  so  lange  zugesichert,  als  derselbe 
nicht  einen  Ruf  an  eine  andere  Lehranstalt  annimmt. 

5.  Dagegen  verpflichtet  sich  Herr  Professor  Dr.  Arnold,  so  lange  seine 
Stellung  als  Director  der  anatomischen  Anstalt  fortdauert,  nach  Möglichkeit 
für  die  Vermehrung  und  Vervollkommnung  der  anatomischen  Sammlungen 
tätig  zu  sein,  und  sich  der  Leitung  und  Besorgung  der  gesamten  anatomi- 
schen Anstalt  zu  Beförderung  der  Wissenschaft  und  im  Interesse  der 
Studirenden  nach  besten  Kräften  zu  widmen. 

6.  Der  Staat  behält  sich  in  allen  Fällen  für  die  angestellten  Lehrer 
die  freye  Benutzung  der  anatomischen  Sammlungen  zum  Unterricht  vor, 
wobey  jedoch  jene  für  die  gute  Erhaltung  der  Präparate  verantwortlich  sind 
und  der  Direktor  in  seiner  Stellung  und  in  seinen  Rechten  nicht  beeinträch- 
tigt werden  darf. 

7.  Dem  Herrn  Professor  Dr.  Arnold  steht  der  Austritt  aus  dem  hiesigen 
Staatsdienste  gegen  Entsagung  auf  den  Ruhegehalt  zu  jeder  Zeit  frey. 

Zürich,  den  6.  July  1839. 

Der  Präsident  des  Erzieh ungsrathes:   Joh.  Hirzel, 
der  erste  Sekretär:  Esc  her." 

31.  Prosektor  Dr.  Hodes  hatte  am  2.  Oktober  1839  aus  Gesundheits- 
rücksichten den  Erziehungsrat  um  Entlassung  aus  seiner  Stelle  gebeten 
und  diese  Entlassung  war  ihm  von  dem  Erziehungsrat  am  16.  Oktober  ge- 
währt worden.  Diese  Entscheidung  wurde  auf  Zuschrift  von  Professor 
Arnold,  der  Hodes  zu  einem  weiteren  Bleiben  in  seiner  Stellung  bewogen 
hatte,  am  4.  November  wieder  vom  Erziehungsrat  zurückgenommen  und 
Hodes  in  seiner  Prosektur  bestätigt. 

31  a.  Für  die  Herstellung  der  Injektionspräparate  spricht  Arnold  seinem 
Prosektor  Dr.  Hodes  seinen  warmen  Dank  aus. 

32.  Schreiben  des  Kurators  der  Universität  Freiburg  v.  Reck  vom 
8.  Februar  1840.  In  demselben  wurde  Arnold  eine  jährliche  Besoldung  von 
1500  Gulden  angeboten. 


104  Max  Fürbringer  [104 


53.  Die  Anstellungsurkunde  lautet:  „Leopold,  von  Gottes  Gnaden 
Großherzog  von  Baden,  Herzog  von  Zähringen.  Wir  haben  Uns  gnädigst 
bewogen  gefunden,  dem  Professor  Dr.  Arnold  in  Zürich  die  Lehrkanzel 
der  Anatomie  an  der  Universität  Freiburg  verbunden  mit  der  Leitung  des 
anatomischen  Instituts,  unter  Verwilligung  einer  vom  Tage  seines  Dienst- 
antritts beginnenden  Besoldung  von  1500  Gulden  jährlich  huldreichst  zu 
übertragen,  und  versichern  ihn  dessen  durch  gegenwärtige,  von  Uns  eigen- 
händig unterzeichnete  und  mit  dem  Staatssiegel  versehene  Urkunde.  Gegeben 
Karlsruhe,  den  3.  März  1840.  Leopold."  —  Das  übliche  von  dem  Prorektor 
Werk  unterzeichnete  Schreiben  des  Senates  der  Universität  Freiburg  ist 
vom  5.  März  datiert. 

34.  Die  Gesamtzahlen  der  Mediziner,  Chirurgen  und  Pharmazeuten 
Freiburgs  in  den  Semestern  von  1840  bis  1845  bewegen  sich  innerhalb  der 
Grenzen  von  72  bis  99. 

35.  Kobelt  widmete  auch  seine  1844  erschienene  Abhandlung  über  die 
männlichen  und  weiblichen  Wollustorgane  des  Menschen  und  einiger  Säuge- 
tiere unter  aufrichtigstem  Danke  für  die  ihm  gewährte  Unterstützung  seinem 
„hochverehrten  Lehrer  Professor  Dr.  Friedrich  Arnold". 

36.  Für  die  gütige  Mitteilung  der  in  jener  Zeit  erschienenen  medizini- 
schen Dissertationen  bin  ich  den  Herren  Geh.  Hofrat  Dr.  Ziegler,  d.  z.  Dekan 
der  medizinischen  Fakultät,  Herrn  Dr.  Eckhardt  von  der  Universitäts- 
bibliothek und  Herrn  Universitätssekretär  Friedemann  zu  aufrichtigem 
Danke  verpflichtet. 

37.  Der  vom  23.  Januar  1843  datierte  Brief  des  Tübinger  Kanzlers 
enthält  in  höherem  Auftrage  die  Anfrage,  ob  und  unter  welchen  Bedingungen 
Arnold  geneigt  sein  würde,  die  ordentliche  Professur  der  Physiologie  und 
Anatomie  des  Menschen  anzunehmen,  bemerkt,  daß  die  Regierung  sehr  be- 
müht ist,  auf  jede  Weise,  namentlich  auch  durch  Erweiterung  der  einzelnen 
Institute  und  Erhöhung  ihres  Etats,  das  medizinische  Studium  an  der 
Universität  zu  fördern,  macht  Mitteilungen  über  die  zunehmende  Frequenz 
und  schließt:  „In  hohem  Grade  erfreuen  würde  es  mich,  wenn  ich  von 
Ihnen  bald  mit  einer  beifälligen  Antwort  beehrt  und  dadurch  die  Aussicht 
erhalten  würde,  einen  so  ausgezeichneten  Gelehrten  für  unsere  Universität 
zu  gewinnen". 

38.  Auch  wurde  ihm  vom  Großherzog  nach  höchster  Entschließung 
aus  Großh.  Staatsministerium  vom  16.  Februar  1843  infolge  der  Ablehnung 
der  Berufung  nach  Tübingen  eine  jährliche  Zulage  von  500  Gulden  zu  den 
bisherigen  1500  Gulden  gewährt. 

39.  Der  betreffende  Kuratelerlaß  datiert  vom  11.  Oktober  1844  und 
teilt  mit,  daß  der  Großherzog  nach  höchster  Staatsministerialentschließung 


105]  Friedrich  Arnold.  105 


■^./U* 


vom  20.  September  geruht  habe,  die  Direktion  über  das  vergleichende 
anatomische  Kabinett  dem  Professor  Dr.  Arnold  übertragen  und  diesem 
Lehrer  auch  die  Physiologie  als  Nominalfach  zuzuweisen,  den  Prosektor 
Kobelt  zum  außerordentlichen  Professor  zu  ernennen  und  zu  genehmigen, 
daß  demselben  die  Vorträge  über  vergleichende  und  pathologische  Anatomie 
unter  Beibehaltung  seiner  Funktionen  als  Prosektor  übertragen  werden. 

40.  Der  Fasciculus  III  der  Icones  anatomicae,  welcher  Abbildungen 
der  Eingeweide  bringen  sollte,  ist  nicht  erschienen. 

41.  Die  den  Ruf  nach  Tübingen  enthaltenden  Schreiben  des  Ministeriums 
des  Innern  sind  vom  24.  Oktober  und  8.  November  1844  datiert  und  teilen 
mit,  daß  Seine  Königliche  Majestät  vermöge  liöchster  Entschließungen  vom 
23.  Oktober  und  6.  November  den  Professor  Arnold  auf  die  ordentliche 
Lehrstelle  für  Anatomie  des  Menschen  und  für  Physiologie  mit  der  be- 
sonderen Verpflichtung,  für  die  Ergänzung  des  anatomischen  und  physio- 
logischen Kabinetts  der  Universität  durch  die  nötigen  Präparate  zu  sorgen, 
gnädigst  berufen  haben,  und  zwar  mit  einem  Gehalt  erster  Klasse  von  1400 
Gulden,  wozu  noch  eine  persönliche  Zulage  von  600  Gulden  komme,  mit 
Einrechnung  der  seit  seiner  ersten  pensionsberechtigten  Anstellung  in  Hei- 
delberg abgelaufenen  Dienstjahre,  mit  einer  Aversalvergütung  von  500  Gulden 
für  ümzugskosten  und  mit  der  Aufstellung  eines  in  der  Chemie  und  in 
chemischen  Arbeiten  tüchtigen  Assistenten  am  physiologisch-anatomischen 
Institut  unter  den  gleichen  Verhältnissen  wie  die  Assistenzärzte  der  Klinik 
und  nach  dem  Vorschlage  des  Herrn  Professors  Arnold.  —  Das  eigentliche 
Berufdngsschreiben  ist  vom  9.  November  1844  und  vom  Kanzler  der  Univer- 
sität Dr.  C.  G.  Waechter  unterzeichnet. 

42.  Am  3.  März  wurde  ihm  eine  Adresse  und  am  4.  März  ein  Fackel- 
zug von  der  Studentenschaft  dargebracht.  Erstere  und  die  bei  Gelegenheit 
der  letzteren  gehaltene  Rede  geben  der  unwandelbaren  Liebe  und  Hoch- 
achtung für  den  teuren  unvergeßlichen  Lehrer  wärmsten  Ausdruck  und 
feiern  namentlich  seine  Verdienste  als  unerschütterlicher  Kämpfer  für  das 
Gedeihen  der  Freiburger  Universität,  als  tiefer  und  wahrheitsliebender 
Forscher  im  Gebiete  einer  großartigen  Wissenschaft,  als  rastloser,  auf- 
opfernder Lehrer,  dessen  edle  Humanität  allgemeine  Anerkennung  ge- 
funden habe. 

43.  Die  semestrale  Zahl  der  Mediziner,  Chirurgen  und  Pharmazeuten 
Tübingens  schwankte  in  den  Jahren  1845  bis  1852  zwischen  86  und  137; 
der  Anstieg  über  130  fällt  in  die  Jahre  1851  und  1852  (vgl.  damit  Anm.  34). 

44.  A.  Froriep  (Zur  Geschichte  der  anatomischen  Anstalt  zu  Tübingen, 
Braunschweig  1902)  teilt  p.  XI,  XII  das  1852  bei  Arnolds  Abgange  vom 
Dekan  der  medizinischen  Fakultät  Hugo  Mohl  aufgesetzte  Protokoll  über 


106  Max  Fürbringer  [106 


die  Abgabe  der  Anstalt  mit.  Darin  heißt  es:  „Die  von  Prof.  Arnold  mit 
Ausnahme  von  verhältnißmäßig  wenigen,  aus  früherer  Zeit  herstammenden 
Präparaten  neu  angelegten  Sammlungen  befanden  sich  in  vollkommen  ge- 
ordnetem Zustande;  auch  waren  vollständige  Kataloge  über  dieselben  vor- 
handen. Diese  Sammlungen  zerfallen  in  zwei  Abtheilungen.  A.  Anatomi- 
sches Kabinett.  1.  Präparate  über  normale  Anatomie,  660  Nummern; 
2.  Präparate  über  pathologische  Anatomie,  1132  Nummern.  B.  Physio- 
logisches Kabinett.  1.  Apparate  und  Instrumente,  88  Nummern; 
2.  Präparate,  34  Nummern."  „Es  ist  sehr  zu  bedauern",  fährt  Froriep  fort, 
„daß  dieser  Arnoldsche  Katalog  nicht  aufbewahrt  worden,  sondern,  wie  es 
scheint,  nach  der  Anfertigung  des  Luschka-Dursyschen  (1857)  verloren  ge- 
gangen ist  Denn  die  in  dem  Protokoll  erwähnten  660  Nummern  über  nor- 
male Anatomie  bilden  zweifellos  den  Grundstock  der  heutigen  Sammlung, 
auf  welchem  alle  nachfolgenden  Beamten  der  Anstalt  weitergebaut  haben." 

45.  Professor  der  medizinischen  Klinik  und  danach  der  deskriptiven 
Anatomie  an  der  medizinischen  Schule  von  Kasr-el-AYn  in  Ägypten. 

46.  Th.  Bilharz,  Das  elektrische  Organ  des  Zitterwelses,  anatomisch 
beschrieben,  Leipzig  1857.  Die  Widmung  lautet:  „Seinem  theuern  Lehrer 
Friedrich  Arnold  in  hoher  Verehrung  und  Dankbarkeit"  und  das  Vorwort 
schließt:  „Endlich  ergreife  ich  eine  längst  ersehnte  Gelegenheit,  meinen 
tiefgefühlten  Dank  dem  Manne  öffentlich  darzubringen,  welcher  einst,  durch 
die  großartige  Plastik  seiner  anatomischen  Vorträge,  wie  durch  die  an- 
regende Einwirkung  seiner  Persönlichkeit  im  Präpariersaale  und  am  Mikro- 
skoptische das  Grubenlicht  der  anatomischen  Forschung  mir  angezündet  hat". 

47.  Luschka,  H.,  Die  Nerven  in  der  harten  Hirnhaut,  Tübingen  1850; 
Die  Nerven  des  menschlichen  Wirbelkanales.  Tübingen  1850.  —  Betz,  Fr, 
Das  Achsensystem  des  menschlichen  Körpers.  Frorieps  neue  Notizen  1848; 
Über  den  Primordialschädel  des  Menschen.  Ibidem  1848;  Über  den  Uterus 
masculinus.  Müllers  Archiv  1850.  —  Krais,  A.,  Die  chirurgische  Anatomie 
der  Ellenbogenbeuge  mit  besonderer  Rücksicht  auf  das  Aderlassen.  Diss. 
inaug.  Tübingen  1847.  —  Leisinger,  J.,  Anatomische  Beschreibung  eines 
kindlichen  Beckens  von  einem  25  Jahre  alten  Mädchen.  Diss.  inaug. 
Tübingen  1847.  —  Für  die  Kenntnisnahme  der  Dissertationen  bin  .ich  den 
gütigen  Bemühungen  des  Dekans  der  medizinischen  Fakultät  in  Tubingen, 
Herrn  Prof.  Dr.  Wollenberg,  sowie  der  Herren  Oberbibliothekar  Dr.  Geiger 
und  Bibliothekar  Dr.  Gradmann  zu  großem  Danke  verpflichtet. 

48.  Das  genauere  Jahr  dieser  Ernennung  konnte  nicht  eruiert  werden. 

49.  Das  Berufungsdekret  lautet:  „Friedrich,  von  Gottes  Gnaden,  Prinz 
und  Regent  von  Baden,  Herzog  von  Zähringen.  Wir  haben  Uns  aller- 
gnädigst  bewogen  gefunden,  den  Professor  Arnold  zu  Tübingen  zum  ordent- 


107]  Friedrich  Arnold.  107 


■v^t^ 


liehen  Lehrer  der  Anatomie  und  Physiologie  und  Direktor  der  anatomischen 
und  physiologischen  Anstalt  an  der  Universität  Heidelberg  unter  Verleihung 
des  Charakters  als  Geheimer  Hofrat  und  einer  Besoldung  von  jährlich 
2800  Gulden  zu  ernennen,  ihm  die  Anrechnung  seiner  außerhalb  des  Groß- 
herzogtums verbrachten  Dienstzeit  zu  gestatten  mit  der  Verpflichtung:  die 
zum  Unterricht  in  der  Anatomie  und  Physiologie  noturendigen  Vorträge 
über  mikroskopische  Anatomie  und  spezielle  physiologische  Anatomie  im 
Winter,  über  Experimentalphysiologie  und  Entwicklungsgeschichte  im  Sommer 
zu  halten;  —  die  praktischen  Übungen  im  Präparieren  im  Winter,  in  mikro- 
skopischen und  physiologischen  Arbeiten  im  Sommer  zu  leiten;  —  endlich 
ein  physiologisches  Kabinett  mit  einem  Laboratorium,  nach  dem  gegen- 
wärtigen Standpunkte  der  Physiologie  einzurichten;  —  und  versichern  ihn 
dessen  durch  gegenwärtige,  von  Uns  eigenhändig  unterzeichnete,  mit  dem 
Staatssiegel   versehene  Urkunde.    Gegeben   Karlsruhe,   den   30.   Juli  1852. 

Friedrich." 

50.  Wilhelm  Arnold  hatte  ein  Jahr  nach  Friedrichs  Weggange  von  Zürich 
auch  seine  dortige  Professur  1841  aufgegeben  und  war  nach  Heidelberg 
übergesiedelt,  wo  er  sich  als  praktischer  Arzt  niederließ  und  zugleich 
mit  wissenschaftlichen  Arbeiten  auf  physiologischem  und  therapeutischem 
Gebiete  beschäftigte.  Bis  zu  seinem  im  Jahre  1873  erfolgten  Tode  stand 
er  zu  seinem  Bruder  Friedrich  in  den  nächsten  Beziehungen. 

51.  Schreiben  des  engeren  Senates  der  Universität  vom  9.  August  1852. 

52.  Ministerialschreiben  vom  11.  August  1852. 

53.  In  den  letzten  Tagen  des  August  erfolgte  die  Übernahme  der 
anatomischen  und  physiologischen  Anstalt  von  Henle,  am  31.  August  die 
Vereidigung  als  Professor  durch  den  Exprorektor  Geh.  Hofrat  Prof.  Zell. 

54.  Ein  lebendiges  Bild  der  damaligen  Verhältnisse  der  Heidelberger 
medizinischen  Fakultät  geben  Fr.  Merkel,  Jakob  Henle,  ein  deutsches  Ge- 
lehrtenleben. Braunschweig  1891,  p.  212—276;  K.  E.Hasse,  Erinnerungen  aus 
meinem  Leben.  Als  Manuskript  gedruckt.  Braunschweig  1893  (2.  Aufl.  1903), 
und  A.  Kuß  maul.  Aus  meiner  Dozentenzeit  in  Heidelberg.  Herausgegeben 
von  V.  Czerny.    Stuttgart  1903. 

55.  Henle  hat  dem  mehr  drastisch  als  maßvoll  Ausdruck  verliehen. 
Vergl.  Fr.  Merkel,  Jakob  Henle  1891.  p.  214  f. 

56.  Vergl.  Anm.  15. 

57.  Unter  den  nebenher  bestehenden  Professoraten  von  Tiedemann 
und  Henle  war  die  Trennung  beider  Fächer  schon  vollzogen,  nachher  aber 
wieder  aufgehoben  worden. 

58.  Vergl.  in  Anm.  49  den  Wortlaut  des  Berufungsdekretes. 

59.  Laut  Ministerialschreiben  vom  13.  August  1852. 


1 


108  Max  Fürbringer  [108 

60.  Die  Preisfrage  von  1853  lautet:  „Experimentis  doceatur,  quaenam 
sint  pulmonum  mutationes  post  nervorum  vagorum  sectionem,  numque 
mutationes  eodem  modo  eodemque  tempore  in  animalibus  fistula  tracheali 
praeditis  atque  in  illis  sine  fistula  tracheali  exoriantur'"  und  wurde  von 
Leopold  Arnsperger  aus  Pforzheim  und  Wilhelm  Wundt  aus  Neckarau  be- 
antwortet. —  Die  Preisfrage  von  1858:  „Quaeritur,  num  secundum  genesin 
et  structuram  plures  corporum  luteorum  species  in  foeminae  ovario  disccrni 
queant  atque,  discerni  si  possint,  quamnam  rationem  et  dignitatem  physio- 
logicam  et  forensem  illae  habeant*"  fand  durch  Joh.  Martin  Fehr  aus  Lahr 
Beantwortung.  —  Die  Preisfrage  von  1863:  „Ordo  medicorum  postulat 
perscrutationem  anatomicam  et  comparativam  annuli  ciliaris  in  mammalibus 
aeque  atque  in  homine,  ratione  inprimis  habita  partium  muscularium**  wurde 
von  Georg  Eduard  Meyer  aus  Bremen  gelöst. 

61.  Die  betreffende  höchste  Entschließung  Seiner  Königlichen  Hoheit 
des  Großherzogs  aus  Großh.  Staatsministerium  datiert  vom  30.  März  1872 
und  bewilligt  eine  jährliche  Besoldungszulagc  von  300  Gulden  vom  1.  No- 
vember 1871  ab. 

62.  Vergl.  auch  A.  Kuß  maul,  Aus  meiner  Dozentenzeit  in  Heidelberg, 
p.  55  und  57. 

63.  Vergl.  auch  Text  dieser  Biographie  p.  70,  71. 

64.  Die  sogenannten  „Gothaner",  eine  gemäßigt  liberale  Partei,  die  in 
den  Jahren  vor  1848  und  1849  eine  sehr  verdienstvolle  Tätigkeit  ausübte, 
aber  nach  und  nach  ihre  politische  Bedeutung  verlor.  Sie  hatte  aber  be- 
deutende und  bei  dem  damaligen  Ministerium  in  Karlsruhe  recht  einfluß- 
reiche Männer  unter  ihren  Mitgliedern. 

65.  Diese  allerhöchste  Entschließung  vom  27.  Februar  wurde  durch 
Ministerialschreiben  vom  4.  März  dem  engeren  Senate  der  Universität  und 
von  diesem  am  8.  März  Arnold  mitgeteilt.  Die  Pensionssumme  wurde 
durch  Verordnung  des  Ministeriums  der  Finanzen  vom  22.  Dezember  zu 
2560  Gulden  jährlich,  am  1.  Oktober  1873  beginnend,  fixiert. 

66.  Die  Deputation,  bestehend  aus  dem  Dekan  Friedreich  und  den 
Professoren  Lange  und  Becker,  wurde  am  13.  März  1873  von  Arnold 
empfangen.  Auf  die  Ansprache  des  Dekans  gab  dieser  als  wesentlichen 
Grund  für  seinen  Abgang  den  Mangel  jeder  wirksamen  und  erleichternden 
Unterstützung  in  seiner  Berufsarbeit  an,  dankte  der  Fakultät  für  die  ihm 
wohltuende  Aufmerksamkeit  und  fügte  die  Versicherung  bei,  daß  er  auch 
nach  seinem  Scheiden  derselben  mit  der  alten  Anhänglichkeit  und  Freund- 
schaft zugetan  bleiben  werde. 

67.  Die  Ansprache  wurde  von  stud.  med.  Karl  Reinert  gehalten.  Sic 
schließt  mit  den  Worten:  „Aber  nicht  wir  allein,  die  wir  heute  vor  Ihnen 


109]  Friedrich  Arnold.  109 


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versammelt  sind  und  nur  die  verschwindende  Minorität  von  der  großen 
Anzahl  bilden,  die  vor  uns  in  diesen  Räumen  Ihren  Vorträgen  gelauscht, 
hegen  jenes  tiefe  Gefühl  der  Verehrung  für  Sie.  Mit  Fug  und  Recht  darf 
ich  in  diesem  Augenblick  behaupten,  daß  alle  älteren  und  neueren  Gene- 
rationen, wäre  Ihr  Austritt  früher  oder  später  aus  diesen  Räumen  erfolgt, 
Ihnen  bei  Ihrem  Scheiden  dieselben  Worte  zugerufen  hätten,  die  ich  Ihnen 
heute  im  Namen  meiner  Kommilitonen  zurufe:  «Wir  achten  Sie,  wir  lieben 
Sie!»  —  Und  so  sehen  Sie  denn,  als  Zeichen  unserer  geringsten  Dankbar- 
keit, jenes  Auditorium,  in  welchem  Sie  während  so  vieler  Jahre  die  Jugend 
auf  den  Pfad  Ihrer  Wissenschaft  gelenkt  und  geleitet  haben,  mit  Kränzen 
und  Blumen  geschmückt;  unserer  Achtung,  unserer  Ehrerbietung  jedoch  für 
Sie,  Herr  Hofrat,  konnten  wir  einzig  und  allein  nur  Ausdruck  verleihen 
durch  jenes  Bild  hier.  —  Mögen  die  Züge  jenes  edlen,  biedern  und  ein- 
fachen Charakters  unseren  Nachfolgern  hier  in  diesen  Hallen  dieselbe  Ach- 
tung, dieselbe  Ehrfurcht  einflößen,  welche  in  uns  der  lebende  Mann  er- 
weckt hat,  der  Mann,  der  heute  noch  in  voller  Rüstigkeit  vor  uns  steht 
und  dem  wir  von  ganzem  Herzen  noch  ein  langes  Leben  wünschen.  — 
Dies  der  Wunsch  Ihrer  Sie  aufrichtig  liebenden  und  hochachtenden  Schüler 
für  den  heutigen  Tag." 

68.  K.  Barde  leben,  Friedrich  Arnold.  Anatom.  Anzeiger  V.  1890. 
p.  397—405. 

69.  Die  Gedenktafel  besteht  aus  schwarzem  Granit  und  enthält  in 
bronzenen  Buchstaben  die  Worte:  „Hier  lehrte  und  arbeitete  Friedrich 
Arnold  1826—1835  und  1852—1873",  dazu  zwei  Lorbeerzweige.  Die  Feier 
fand  in  Gegenwart  der  Familie,  des  Vertreters  des  Ministeriums,  des  Pro- 
rektors und  der  beiden  Dekane  der  medizinischen  und  naturwissenschaftlich- 
mathematischen Fakultät,  zahlreicher  Mitglieder  der  medizinischen  Fakultät, 
vieler  auswärtigen  und  einheimischen  früheren  Schüler  Arnolds,  sowie 
Assistenten  und  Studenten  der  Medizin  in  dem  geschmückten  Auditorium  der 
anatomischen  Anstalt  statt.  Die  Gedächtnisrede  hielt  der  derzeitige  Direktor 
des  anatomischen  Institutes,  Geh.  Hofrat  Prof.  M.  Fürbringer,  woran  sich 
die  Niederlegung  von  Kränzen  seitens  der  medizinischen  Fakultät  durch 
deren  Dekan  Hofrat  Prof.  O.  Vierordt,  der  Direktoren  der  anatomischen 
Anstalten  zu  Zürich,  Freiburg  i.  B.  und  Tübingen  durch  Prof.  Göppert  i.  A., 
der  Beamten  des  Heidelberger  Institutes  durch  Prof.  Braus,  der  Medizin- 
studierenden Heidelbergs  durch  cand.  med.  E.  Otto  mit  entsprechenden 
Ansprachen,  sowie  in  längerer  Rede  der  Ausdruck  des  Dankes  der  Familie 
durch  Friedrich  Arnolds  Sohn  Geheimrat  Prof.  Julius  Arnold  anschloß.  Die 
Anatomiedirektoren  von  Zürich,  Freiburg  und  Tübingen  hatten  zugleich 
eine  künstlerisch  ausgestattete  Adresse  zur  Erinnerung  an  Friedrich  Arnold 


110  Max  Fürbringer,  Friedrich  Arnold.  [110 


A^>: 


eingesendet.  Dieselbe  lautete:  „Zur  Feier  des  festlichen  Tages,  an  welchem 
in  Erinnerung  an  den  vor  hundert  Jahren  zu  Edenkoben  geborenen 
Friedrich  Arnold  im  anatomischen  Institut  zu  Heidelberg  eine  Gedenk- 
tafel errichtet  wird,  vereinigen  sich  auch  die  Direktoren  der  anatomischen 
Anstalten  in  Zürich,  Freiburg  i.  B.  und  Tübingen  zur  Huldigung  des  ver- 
dienten Anatomen.  An  diesen  Anstalten  entfaltete  derselbe  in  den  Jahren 
1835—1852  bis  zu  seiner  Übersiedelung  nach  Heidelberg  eine  vielgepriesene 
Lehrtätigkeit  und  knüpfte  an  dieselben  den  wissenschaftlichen  Ruhm  seines 
Namens.  Im  treuen  Gedenken  an  die  Tätigkeit  dieses  Mannes,  welchen  sie 
als  hervorragenden  Lehrer,  als  den  schlichten  Menschen  und  als  vornehmen 
Forscher  gleich  hoch  schätzen,  legen  die  Unterzeichneten  In  aufrichtiger 
Verehrung  heute  einen  Kranz  nieder.  Zürich,  Freiburg,  Tübingen,  Prof. 
Dr.  G.  Rüge.  Prof.  Dr.  R.  Wiedersheim,  Prof.  Dr.  A.  Froriep,  den  8.  Januar  1903." 

70.  Die  Anbringung  dieser  Tafel  wurde  durch  Beschluß  des  Stadtrats 
vom  18.  Dezember  1902  auf  den  9.  Januar  1903  angesetzt,  aber  auf  später 
(August  1903)  verschoben.  Sie  wird  die  Worte  tragen:  „In  diesem  Hause 
wurde  am  9.  Januar  1803  der  berühmte  Anatom  und  Physiolog  Fried- 
rich Arnold,  Professor  an  den  Universitäten  Zürich,  Freiburg,  Tübingen 
und  Heidelberg,  geboren.  Aus  Anlaß  seines  hundertsten  Geburtstages  die 
dankbare  Vaterstadt." 

71.  Ich  spreche  damit  keine  Verurteilung  der  Naturphilosophie  als 
solcher  aus.  Sie  hat  viel  Anregung  zur  vergleichenden  Betrachtung  der 
Naturkörper  und  zum  tieferen  Eingehen  in  ihre  kausalen  Beziehungen  ge- 
geben und  damit  viel  Gutes  gewirkt.  Nur  gegen  ihre  ganz  gehaltlosen 
Auswüchse,  die  eine  Zeitlang  sich  recht  breitmachten,  wende  ich  mich. 


F.  A.  May 
und  die  beiden  Naegele 


von 


Ferdinand  Adolf  Kehrer. 


k-J« 


I^^lie  Zusammenstellung  der  drei  Männer,  denen  die 
/  |j|l  folgenden  Blätter  gewidmet  sind,  ist  nach  mehreren 
^  "^'^'  Richtungen  hin  berechtigt;  einmal  wegen  ihrer  ver- 
wandtschaftlichen Beziehungen,  denn  May  war  der  Schwiegervater 
von  Franz  Naegele  und  dieser  der  Vater  von  Hermann  Naegele; 
dann  wegen  der  gegenseitigen  Förderung  in  Bezug  auf  Lebens- 
stellung und  Wissenschaft.  Dem  persönlichen  Einfluß  von  May 
bei  Hof  und  Universität  war  es  zuzuschreiben,  daß  dem  Kreis- 
physikus  in  Barmen,  Franz  Naegele,  eine  außerordentliche  Pro- 
fessur an  der  Universität  Heidelberg  und  späterhin  die  Leitung 
eines  Instituts  übertragen  wurde,  an  dem  er  Gelegenheit  fand, 
seine  großen  Talente  in  praktischer  und  wissenschaftlicher  Be- 
ziehung zu  entwickeln.  Endlich  war  es  Hermann  Naegele  ver- 
gönnt, unter  der  bewährten  Leitung  seines  Vaters  sich  zu  einem 
tüchtigen  Geburtshelfer  auszubilden. 

Die  Lebensziele  dieser  drei  Männer  gingen  jedoch  insofern 
auseinander,  als  May  fast  ausschließlich  praktische  Zwecke  ver- 
folgte, Naegele  sen.  vorzugsweise  als  Lehrer  und  Forscher  tätig 
war,  von  Naegele  jun.  aber  Wissenschaft  und  Praxis  ziemlich 
gleichmäßig  gepflegt  wurden. 

Fcitsctirlft  der  Universität  Heidelberg.    [[.  s 


IM  Ferdinand  Adolf  Kehrer  [4 

Wir  betrachten  zunächst  den  ältesten  von  den  dreien 

Franz  Anton  May. 

Derselbe  war  geboren  in  Mannheim  den  !6.  Dezember  1742; 
er  stammte  von  einem  Italiener  Maggio  ab,  der  das  erbliche  Amt 
eines  kurfürstlfchen  Kaminfegers  bekleidete  und  seinen  Namen  in 
das  deutsche  Wort  „May"  übertragen  ließ.  Er  studierte  zuerst  in 
Heidelberg  Philosophie  und  wurde  7.  September  1762  zum  Dr. 
phil.  ernannt;  dann  widmete  er  sich  der  Medizin,  erhielt  1765  die 
ärztliche  Lizenz,  promovierte  bald  darauf  als  Dr.  med.  und  wurde 
später  Medizinalrat,  ferner  Correpetitor  artium  obstetriciarum  in 
Heidelberg  und  Mannheim.  Am  14.  März  1773  ernannte  ihn  der 
Kurfürst  zum  Extraordinarius  der  medizinischen  Fakultät  bis  zur 
Erledigung  eines  ordentlichen  Lehrstuhls,  dann  am  17.  März  1785 
an  Stelle  Schönmetzeis  zum  Hofmedikus  und  Lehrer  der  medi- 
zinischen Institutionen  und  der  Hebammenkunst,  sowie  zum 
Physikus.  Als  Lehrer  der  Qeburtshülfe  leitete  er  seit  1766  das 
„Accouchement"  in  Mannheim,  welches  1805  nach  Heidelberg 
verlegt  wurde  und  lehrte  außerdem  Physik  und  Botanik.  Er  be- 
saß ein  großes  Areal  an  der  jetzigen  Theaterstraße  und  ein  Haus, 
das  heute  der  Mittermaierschen  Familie  gehört.  Am  Südende 
dieses  Besitztums  lag  der  von  ihm  begründete  erste  botanische 
Garten  Heidelbergs. 

Auf  sein  Ansuchen  wurde  er  am  2.  Oktober  1807  sanes 
Lehrauftrages  enthoben  und  starb  als  Tit.  Qeheimrat  am  22.  April 
1814  in  Heidelberg  infolge  einer  Lungenentzündung. 

Die  Verdienste  Mays  liegen  weniger  in  seiner  wissenschaft- 
lichen als  praktischen  Tätigkeit.  Er  hat  keine  rein  wissenschaft- 
lichen Schriften  hinterlassen,  aber  er  ist  einer  der  Ersten  gewesen, 
welche  populär  medizinisch  gewirkt  haben.  In  dieser  Beziehung 
sind  zu  erwähnen  seine  „medizinischen  Fastenpredigten"  oder 
„Vorlesungen    über  Körper-   und  Seelendiätetik ".     Er  hielt  die- 


S]  P.  A.  May  und  die  beiden  Naegele.  115 


selben  im  Mannheimer  Schloß  vor  versammeltem  kurfürstlichem 
Hof  und  geladenen  Gästen.  Darin  entwickelt  er  tief  durchdachte, 
von  ernstem  ethischem  Geiste  durchwehte  Gedanken  über  die 
beste  Gesundheitspflege.  Er  betont,  daß  wir  den  alten  Germanen 
in  Bezug  auf  Einfachheit  der  Lebensweise,  Arbeitsamkeit  und 
Reinheit  der  Sitten  nachstreben  sollten  Indem  er  die  ImmoralJtät 
der  damaligen  gebildeten  Jugend  auf  das  schärfste  geißelt  und  die 
traurigen  Folgen  eines  ausschweifenden  Lebens  für  das  Individuum 
und  dessen  spätere  Familie  drastisch  schildert,  kann  er  als  ein 
älterer  Vertreter  der  neuerdings  wieder  in  den  Vordergrund  ge- 
tretenen Sitllichkeitsbestrebungen  betrachtet  werden. 

Das  Buch  „Stolpertus  am  Krankenbett",  das  anonym  erschien, 
aber  nach  Kußmaul  und  anderen  von  ihm  verfaßt  worden  ist, 
zeigt  die  vielerlei  Verstöße  und  Fehler,  welche  angehende  Ärzte 
am  Krankenbett  begehen,  und  lehrt,  wie  solche  zu  vermeiden  seien. 

Außerdem  hatte  May  große  Verdienste  bei  Reorganisation  der 
Heidelberger  Universität,  indem  er  vielfach  durch  seinen  persönlichen 
Einfluß  am  Hofe  die  Berufung  tüchtiger  Lehrer  veranlaßte. 

Als  praktischer  Arzt  und  Geburlshelfer,  sowie  als  Mensch 
von  tadellosen  Sitten  und  Charakter  erwarb  er  sich  die  allgemeine 
Achtung  seiner  Mitbürger,  wie  dies  bei  seinem  Leichenbegängnisse 
deutlich  hervortrat,  wobei  alle  Stände  und  Konfessionen  ver- 
treten waren. 

Vor  mir  liegt  noch  eine  merkwürdige  Broschüre,  betitelt 
„Selbstbekenntnisse",  worin  er  sich  als  einen  Anhänger  derstrengsten 
katholischen  Lehren  und  begeisterten  Jesuiten  bekennt.  Er  ist 
tief  durchdrungen  von  der  Ethik  des  Christentums  und  betätigt 
in  Wort  und  Schrift  eine  geradezu  bewundernswerte  Humanität, 
eine  unerschütterliche  Opferfreudigkeit  und  Nächstenliebe. 

Wahrlich,  wären  alle  Bekenner  der  christlichen  Lehre  stets 
von  solchem  Geiste  der  Duldsamkeit  und  Nächstenliebe  durch- 
drungen gewesen,  so  hätte  die  Geschichte  niemals  die  Greuel  des 


116  Ferdinand  Adolf  Kehrer  [6 


religiösen   Fanatismus  zwischen   den  einzelnen  Konfessionen  zu 
verzeichnen  gehabt! 


Franz  Karl  Naegele. 

Unter  den  Mitgliedern  der  Heidelberger  medizinischen  Fakultät 
in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  muß  der  als  Lehrer 
und  Forscher  gleich  ausgezeichnete  Dr.  Franz  Karl  Naegele  als 
einer  der  ersten  genannt  werden. 

Verdientermaßen  prangt  sein  Name  unter  den  34  Universitäts- 
lehrern, welche  an  der  Galerie  unserer  im  Jahre  1886  renovierten 
Aula  aufgezeichnet  sind. 

Zunächst  einiges  aus  seinem  Lebensgange. 

Er  war  geboren  zu  Düsseldorf  am  12.  Juli  1778  als  Sohn 
des  Direktors  der  damals  noch  bestehenden  medizinisch-chirur- 
gischen Schule.  Bei  dem  jungen  Naegele  trat  frühzeitig  eine  aus- 
gesprochene Neigung  zur  Heilkunde  hervor,  die  von  dem  Vater 
gewürdigt  und  gepflegt  wurde.  Neben  den  humanistischen  betrieb 
er  frühzeitig  propädeutisch-medizinische  Studien,  so  daß  es  ihm 
möglich  war,  schon  vor  Eintritt  in  eine  Universität  als  Prosektor 
und  Repetitor  in  seiner  Vaterstadt  tätig  zu  sein. 

Er  studierte  zuerst  in  Straßburg,  wo  damals  französische  und 
deutsche  Wissenschaft,  sich  gegenseitig  befruchtend,  glücklich  ver- 
einigt waren,  und  eignete  sich  dort  u.  a.  das  an,  was  in  seinem 
späteren  Leben  und  auch  in  seinen  Publikationen  fiberall  hervor- 
tritt, den  französischen  Esprit. 

Dann  setzte  er  seine  Studien  in  Freiburg  i.  B.  und  in  Bam- 
berg fort.  Letztere  Universität  war  damals  unter  den  vier 
fränkischen  Hochschulen,  zu  denen  Altdori,  Erlangen  und  Würz- 
bürg  gehörten,  die  hervorragendste.  Hier  erlangte  er  auch  im 
Jahre  1800  den  Doktortitel. 


7]  F.  A.  May  und  die  beiden  Naegele.  117 


«A/~>i 


C/v- 


Wir  besitzen  aus  dem  Jahre  1807  ein  Schreiben,  in  welchem 
Brößlaub,  der  Lehrer  Naegeles,  ihn  als  einen  „ausgezeichnet 
talentierten  und  pflichteifrigen  Schüler"  schildert. 

Nach  Beendigung  seiner  Studien  machte  er  eine  wissenschaft- 
liche Reise.  Von  dieser  zurückgekehrt,  ließ  er  sich  in  Barmen 
als  praktischer  Arzt  nieder  und  wurde  zugleich  Munizipalrat  und 
Mitvorsteher  einer  Armenanstalt;  in  letzterer  Stellung  führte  er 
wichtige  Reformen  durch,  welche  wegen  ihrer  Trefflichkeit  in  der 
Barmener  und  Elberfelder  Armenpflege  sich  bis  in  die  neueste 
Zeit  erhalten  haben. 

Auch  wurde  er  als  Physikus  für  Barmen  und  Beyenburg  im 
Großherzogtum  Berg  angestellt. 

Er  beschäftigte  sich  mit  besonderer  Vorliebe  mit  Geburtshülfe 
und  unterrichtete  angehende  Chirurgen  und  Hebammen. 

Naegele  wurde  nach  Heidelberg  als  Extraordinarius  für  Phy- 
siologie und  Pathologie  am  30.  März  1807  berufen.  Er  hielt 
Vorlesungen  über  Therapie,  theoretische  und  praktische  Geburts- 
hülfe, über  medizinisch-gerichtliche  Kasuistik  und  leitete  die  prak- 
tischen Übungen  im  Heidelberger  Gebärhause.  Er  besorgte  seit 
28.  März  1809  als  Sekundärarzt  des  seit  21.  Januar  1806  dem 
Geheimrat  May  beigegebenen,  aber  niemals  tätig  gewesenen 
Dr.  Heger  die  Direktionsgeschäfte  des  „Accouchement". 

Auf  sein  Ansuchen  und  auf  Empfehlung  seines  Schwieger- 
vaters May  wurde  er  durch  Ministerialerlaß  vom  25.  Juni  1810 
zum  Ordinarius  ernannt. 

Vom  Jahre  1810 — 1813  war  Naegele  Mitdirektor,  dann  alleiniger 
Direktor  der  Entbindungsanstalt,  außerdem  Hebammenlehrer  und 
Kreisoberhebarzt,  welch'  letztere  Stelle  er  1838  zu  Gunsten  seines 
Sohnes  niederlegte. 

Die  Entbindungsanstalt  befand  sich  zuerst  neben  der  Anatomie 
und  chirurgischen  Poliklinik  in  dem  geräumtenJDominikanerkloster 
(jetzt  Friedrichsbau),  später  im  Marstallgebäude  (bis  1884). 


118  Ferdinand  Adolf  Kehrer  [8 


Im  Jahre  1815  wurde  Naegele  badischer  Hof  rat,  1820  Geh. 
Hof  rat.  am  2.  August  1832  Geheimrat  II.  Klasse.  Zum  Prorektor 
wurde  er  erwählt  von  Ostern  1826  bis  1827. 

Nachdem  er  noch  das  Glück  gehabt  hatte,  sein  vierzigjähriges 
Dienstjubiläum  zu  feiern,  starb  er  am  21.  Januar  1851  in  Heidel- 
berg, wo  er  bis  zu  seinem  Tode  gewirkt  hat. 

Als  Naegele  seine  Heidelberger  Professur  antrat,  fand  er  einen 
in  politischer  und  religiöser  Umwandlung  stehenden  Kleinstaat, 
eine  in  der  Reorganisation  begriffene  Universität  mit  kleinen  Mitteln 
und  Instituten.  Aber  der  damalige  Großherzog  Karl  Friedrich 
hatte  das  ernste  Bestreben,  der  Universität  ihren  alten  Glanz  zu- 
rückzugeben; eine  Aufgabe,  welche  seine  fürstlichen  Nachfolger 
in  hochherziger  Weise  weitergeführt  haben.  Der  neue  Großherzog 
bedurfte  frischer,  geistvoller,  vorurteilsloser  und  wahrheitsliebender 
Xlanner,  um  das  von  ihm  angestrebte  Ziel  zu  erreichen.  In  Naegele 
g[laubte  er  einen  der  Gesuchten  gefunden  zu  haben,  und  die  Er- 
fahrung von  mehr  als  40  Jahren  hat  gezeigt,  daß  die  Wahl  eine 
ll^äckikrhe  gewesen  ist. 

Werfen  uir  nun  einen  Blick  auf  den  Stand  der  Medizin  am 
Eroe  des  18.  und  Anfang  des  19.  Jahrhunderts,  so  können  wir 
he^apcen.  daß  sie  in  einem  gewissen  Depressionszustand  sich 
rean«!  Der  immergrüne  Baum  der  reinen  Empirie,  welchen 
frtpci?knites  und  Galen  geptlanzt,  hatte  zwzr  im  vorhergehenden 
,'anrtiundert  sich  kräftig  weiter  entwickeh  unter  der  Pflege  der 
4n3ilen  Kliniker  &3erhave,  van  S^^ieten.  Peter  Frank,  Stahl,  Reil 
i.  i.  loer  es  war.  mit  Kant  zu  reden«  mehr  die  do0nuitische 
HB  xie  -irtische  Seite  entwickelt  worden.  ±  h.  num  hatte  Erschei- 
nmi^in.  Hrnat  Erkennung  der  Krankheiten  genau  beschrieben, 
iiszuiüci  usr  Bnsrehung  d^er  sich  meist  mit  ittunoral-patholo- 
jüäcntrr  rts^frffer.  tjicht.  Rheuma,  Syphilis.  Skrophulose»  Scharfen 
L   ofi.   le^miiir     z5  riieb  der  iweiten  HJitfte  des  19.  Jahrhunderts 


^hüfi^ 


Ä^  .  ...,.^ 


9]  F.  A.  May  und  die  beiden  Naegele.  119 


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vorbehalten,  gerade  die  Ätiologie  der  Krankheiten  mit  naturwissen- 
schaftlichen Methoden  zu  untersuchen. 

Im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  waren  es  mehrere  Systeme, 
welche  direkt  schädigend  auf  die  Fortschritte  in  der  Medizin  wirkten. 
So  die  Lehre  von  Brown,  welcher  alles  Leben  von  Reizen  ableitete 
und  bei  Krankheiten  von  Reizmitteln,  besonders  Alkohol,  aus- 
giebigsten Gebrauch  machte;  ferner  die  Broussaissche  Schule,  welche 
überall  Entzündung  witterte  und  demgemäß  mit  reichlichen  Blut- 
entleerungen vorging;  die  Schule  der  Gastriker  (Hufeland),  welche 
von  Brech-  und  Abführmitteln  ausgiebigsten  Gebrauch  machte;  so- 
wie endlich  die  von  Schelling  begründete,  durch  Oken  und  Kieser 
ausgebildete  Naturphilosophie,  welche  mit  „Polaritäten"  sich  über 
alle  Theorien  hinwegzusetzen  suchte  und  dadurch  die  Fortschritte 
in  der  Medizin  entschieden  gehemmt  hat. 

Naegele  war  in  Bezug  auf  Therapie  Eklektiker.  Er  machte 
wohl  Gebrauch  von  Aderlässen,  Emetico-Cathartica,  Excitantia 
u.  dgl.  bei  Behandlung  des  Puerperalfiebers,  ohne  sich  jedoch 
Illusionen  in  Bezug  auf  die  Wirkung  bei  dieser  Krankheit  hinzu- 
geben. Man  hat  es  Naegele  nachgerühmt,  daß  er  sich  in  seinen 
Forschungen  von  der  Naturphilosophie  nicht  beeinflussen  ließ, 
sondern  nüchtern  als  Naturforscher  beobachtete.  Doch  deuten 
einzelne  Bemerkungen  In  seinen  Arbeiten  über  die  Katamenien, 
sowie  über  Extrauterin-Gravidität  darauf  hin,  daß  die  damalige 
Naturphilosophie  nicht  spurlos  an  ihm  vorübergegangen  ist. 

Die  Geburtshülfe  war  im  ganzen  Altertum  und  einem  Teil  des 
Mittelalters  kaum  mehr  als  eine  rohe  Entbindungs-  oder  besser 
Zerstückelungskunst  in  den  Händen  der  Chirurgen.  Sie  erhielt  erst 
einen  humaneren  Charakter  durch  Einführung  der  Versio  ad  pedes 
(Ambroise  Par^),  des  Forceps  obstetricius  (Chamberlen,  Palffyn, 
Levret,  Smellie),  der  Sectio  caesarea  (Jeremias  Trautmann),  des 
Partus  praematurus  artificialis  (Denman),  und  verschiedener  Ver- 
besserungen der  Embryotomie.    Weitere  Fortschritte  bestanden  in 


120  Ferdinand  Adolf  Kehrer  [10 


Sammlungen  pathologischer  Fälle  durch  mehrere  französische  und 
englische  Praktiker.  Außerdem  wurden  eine  größere  Zahl  von 
Hebammenbüchern  in  verschiedenen  Sprachen  verfaßt,  und  endlich 
eine  Anzahl  von  Lehrbüchern  für  Ärzte,  allerdings  ziemlich  primi- 
tiver Natur,  herausgegeben.  Was  aber  den  größten  Einfluß  auf 
die  Förderung  der  Geburtshülfe  als  Wissenschaft  übte,  war  die 
Errichtung  von  Hebammenschulen,  welche  sich  später  zu  Entbin- 
dungsanstalten erweiterten,  die  auch  zum  geburtshülflichen  Unter- 
richt von  Ärzten  dienten.  Frankreich  ging  auch  hier  voran.  In 
Deutschland  wurden  erst  Ende  des  18.  und  im  Anfang  des  19.  Jahr- 
hunderts eine  größere  Anzahl  von  Hebammenlehr-  und  Entbin- 
dungsanstalten errichtet,  in  Heidelberg  1805.  Erst  jetzt  war  Ge- 
legenheit geboten,  auch  normale  Fälle  in  größerer  Zahl  zu  be- 
obachten, die  einzelnen  Vorgänge  und  die  zweckmäßigste  Behand- 
lung zu  studieren.  Aber  gerade  in  letzterer  Beziehung  entwickelte 
sich  nun  ein  scharfer  Gegensatz  zwischen  Konservativen  (Hunter, 
Boer,  Wigand),  welche  sich  möglichst  lange  jeden  Eingriffs  ent- 
hielten und  die  Naturkräfte  bis  zur  Grenze  des  Erlaubten  walten 
ließen,  und  operationlustigen  Heißspornen  (Osiander),  welche  bei 
der  geringsten  Störung  operativ  einzugreifen  sich  bemüßigt  sahen. 

Als  Naegclc  seine  Lehrtätigkeit  begann,  sah  er  jedenfalls  ein 
nur  dürftig  bebautes  Arbeitsfeld  vor  sich.  Es  war  noch  die  schöne 
Zeit,  in  welcher  in  der  Geburtshülfe  wie  auch  in  andern  Dis- 
ziplinen der  Forscher  sich  nur  etwas  genauer  umzusehen  hatte, 
um  Schätze  zu  finden  und  zu  heben. 

Vor  allem  fehlte  es  an  einem  guten  System  für  die  Lehren 
der  Geburtshülfe.  Naegele  hat  ein  solches  zuerst  in  „Erfahrungen 
und  Abhandlungen",  1812,  als  „Entwurf  einer  systematischen  An- 
ordnung der  Lehrgegenstände  der  Geburtshülfe",  femer  in  der  „Me- 
thodologie der  Geburtshülfe",  1847,  entwickelt.  Dieses  System  ging 
sowohl  in  das  „Lehrbuch  der  Geburtshülfe  für  Hebammen*",  wie  in 
das  „Lehrbuch  für  Ärzte",  welches  Hermann  Naegele  herausgab,  über. 


11]  F.  A.  May  und  die  beiden  Naegele.  121 


•f^/rsi 


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Ein  weiterer  Arbeitsgegenstand  war  der  Mechanismus  der 
Geburt*,  worüber  schon  einige  Arbeiten  vorlagen,  die  aber  nicht 
ganz  die  tatsächlichen  Verhältnisse  wiedergeben.  Naegele  stellte 
sehr  sorgfältige  Untersuchungen  darüber  an,  welche  durch  ihre 
Einfachheit  und  die  Richtigkeit  der  Beobachtung  noch  heute  als 
klassisch  gelten.  Diese  Arbeit  zeigt  uns  Naegele  als  den  ebenso 
ausdauernden  wie  exakten  Beobachter  der  Natur. 

Ein  Lieblingsthema  Naegeles  war  die  Beckenlehre.  Hierin 
hat  er  hervorragende  Arbeiten  geliefert. 

Es  ist  zunächst  zu  erwähnen  die  Arbeit  über  Becken- 
neigung, Beckenachsen  und  Führungslinie^:  die  darin  ent- 
wickelten Begriffe  haben  sich  noch  heute  erhalten.  An  der  unge- 
zwungen aufrechtstehenden  Person  findet  Naegele  das  Ende  der 
Wirbelsäule  nach  hunderten  von  Messungen  an  Gravidae  11  —  12 
Linien  weiter  vom  Boden  entfernt  als  den  unteren  Schoßfugen- 
rand, und  die  Neigung  des  geraden  Durchmessers  des  Becken- 
ausganges gleich  10^  Er  bestimmte  nun,  indem  er  das  Becken 
einer  normal  gebauten  und  als  Wöchnerin  verstorbenen  Person 
in  dieser  Weise  aufstellte,  die  Neigung  der  Conjugata  vera,  d.  h. 
Vorberg-Schoßfugenlinie,  zur  Horizontalebene  beim  Weibe  =  60^ 

Das  Werk  „Das  schräg  verengte  Becken"^  hat  wohl  unter 
allen  Naegeleschen  Schriften  den  Verfasser  in  weitesten  ärztlichen 
Kreisen  bekannt  gemacht,  und  er  hat  sich  damit  ein  Denkmal  für 
alle  Zeiten  errichtet.  Von  dieser  vorher  unbekannten  Art  von 
Becken  mit  einseitiger  lleo-sacral-Synostose  hat  Naegele  im  Ver- 
lauf seines  Lebens  37  weibliche  und  2  männliche  Präparate  auf- 
gefunden. Das  älteste  stammte  von  einer  ägyptischen  Mumie  und 
war  im  anatomischen  Museum  des   Jardin  du   roi  zu   Paris  auf- 

»  Meckels  Archiv,  1822,  und  „Mechanismus  der  Geburt",  1822. 
*  „Über  die  Inklination  des  weiblichen  Beckens",  Heidelb.  klin.  Ann. 
1825,  1.  99,  und  „Das  weibl.  Becken"  etc.,  Karlsruhe,  F.  Müller  1825. 
3  Mainz,  v.  Zabern,  1839. 


122  Ferdinand  Adolf  Kehrer  [12 


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bewahrt.  Der  erste  Fall  wurde  von  Naegele  1805  beobachtet,  der 
erste  Bericht  über  solche  Becken  aber  erst  1832  erstattet  in  der  Ge- 
sellschaft für  Naturwissenschaft  und  Heilkunde  in  Heidelberg,  sowie 
auf  der  Naturforscherversammlung  zu  Stuttgart  im  Jahre  1834. 
Naegele  läßt  es  zweifelhaft,  ob  die  lleo-sacral-Synostose  auf  Ver- 
kümmerung der  Knochenkerne  in  den  Kreuzbeinflügeln  der  synosto- 
sierten  Seite  oder  auf  Entzündung  einer  Synchondrosis  sacro-iüaca 
oder  auf  einer  Lumbarskoliose  beruhe.  Diese  Art  Becken  war 
bei  der  Lebenden  niemals  diagnostiziert.  Naegele  rät  nun  zu  ihrer 
Erkennung  mehrere  äußere  schräge  Beckendurchmesser  zu  be- 
stimmen, welche  in  solchen  Fällen  erhebliche  Asymmetrien  zeigen. 
Alle  bis  dahin  und  zwar  nur  bei  Primiparae  beobachteten  Fälle 
verliefen  für  Mütter  und  Kinder  infolge  der  großen  mechanischen 
Hindernisse  tödlich.  Diese  Art  schräg  verengter  Becken  ist  als 
„Naegelesches  Becken*"  in  allen  Lehr-  und  Handbüchern  der  Ge- 
burtshülfe  beschrieben. 

Außerdem  hat  sich  Naegele  noch  mit  anderen  Abnormitäten 
des  Beckens  beschäftigt,  so  mit  den  osteomaIacischen^  wovon 
er  13  Fälle  aus  der  Literatur  zusammenstellt,  unter  Hinzufugung 
eines  eigenen,  der  zum  Kaiserschnitte  geführt  hatte.  Er  hebt  dabei 
hervor,  daß  bei  allen  Asymmetrien  dieser  Becken  die  linke  Seite 
meist  die  engere  sei.^ 

Ferner  beschrieb  er  die  durch  Rachitis  erweichten,  den  vorigen 
ganz  ähnlichen,  später  von  Litzmann  als  pseudosteomalacisch 
bezeichneten  Becken^.  Sodann  betrachtete  er  die  hochgradig  all- 
gemein verengten  Becken^,  wovon  er  zwei  Gattungen,  ein  stark 
verjüngtes  bei  Personen  verschiedenster  Statur  von  typisch  weib- 
licher Form  und  ein  kindliches  bei  Zwerginnen,  unterscheidet 

»  Erfahrungen  und  Abhandlungen  VI.,  407. 

'  „Über  eine  besondere  Art  fehlerhaft  gebildeter  Becken*,  Heidel* 
berg  1834. 

^  Das  schräg  verengte  Becken,  p.  85. 
*  Das  schräg  verengte  Becken,  p.  98. 


13]  F.  A.  May  und  die  beiden  Naegele.  123 

Endlich  beschreibt  er  ein  Exostosenbecken*  mit  sehr  be- 
deutendem Knochenauswuchs,  der  zum  Kaiserschnitt  Veranlassung 
gab.  Auch  fügt  Naegeie'einem^  von  Ribain  operierten  Fall  der  Art 
einige  Bemerkungen  hinzu^.  Alle  diese  Formen  erläuterte  er 
durch  neue  obstetrisch  wichtige  Beispiele. 

Seine  Arbeit  über  die  Kopfblutgeschwulst^  der  Neuge- 
borenen bringt  sorgfältige  Beobachtungen  über  deren  Sitz  und 
Unterscheidung  von  Kopfgeschwulst  und  Hirnbruch.  Er  spricht 
sich  zugunsten  einer  aktiven  Therapie  aus. 

Bemerkenswert  sind  auch  seine  eigenen,  durch  die  Kasuistik 
anderer  bestätigten  Beobachtungen  von  Zurückhaltung  der  Nach- 
geburt*, welche  dann  ohne  Vermehrung  der  Lochien  nach  Abgang 
des  Funiculus  umbilicalis  zurückblieb  und  durch  Resorption  ver- 
schwand, ähnlich  wie  auch  sonst  die  Placenta  bei  Extrauterin- 
und  Nebenhorngravidität,  gleich[;andern  nekrotischen  Geweben  bei 
Ausschluß  von  Fäulnisbakterien  der  Resorption  anheimfällt. 

Zu  erwähnen  sind  noch  die  Arbeiten  über  Blutgeschwulst 
der  Schamlefzen^  mit  vier  Fällen,  wovon  drei  tödlich  verliefen, 
während  der  letzte,  von  ihm   selbst  behandelte   glücklich  endete. 

Die  Arbeit  über  Hydro  rrhoea  uteri  gravidarum®  ist  rein 
kasuistischer  Natur. 

Die  von  Naegele  in  Heidelberg  beobachtete  Epidemie  von 
Wochenfieber'  dauerte  vom  Juni  1811  bis  Ende  April  1812.    Von 


»  Heid.  klin.  Ann.  VI.,  321,  und  „Das  schräg  verengte  Becken",  p.  110. 

«  Heid.  klin.  Ann.  VIII.,  293. 

'  „Über  den  angebornen  Hirnbruch  und  Kopfblutgeschwulst",  Hufe- 
lands Journal,  Heid.  klin.  Ann.,  und  „Bemerkungen  über  Schädelblutge- 
schwulst", ibid.  II. 

*  Heid.  klin.  Ann.  VII.,  425,  und  ibid.  IX.,  207. 
»  Heid.  klin.  Ann.  III.,  495,  und  ibid.  X.,  417. 

•  Heid.  klin.  Ann.  III.,  490. 

'  „Übersicht  der  im  Jahre  1811  in  Heidelberg  vorgekommenen  Geburts- 
fälle etc."  bei  Mohr  und  Zimmer,  Heidelberg  1812. 


124  Ferdinand  Adolf  Kehrer  [H 

den  182  Wöchnerinnen  starben  !9  =  H,?";«.  Naegele  beschreibt 
sehr  ausführlich  die  anatomischen  Veränderungen  und  klinischen 
Erscheinungen  des  Puerperalfiebers,  das  er,  den  Anschauungen 
der  damaligen  Zeit  entsprechend,  nicht  auf  Infektion,  sondern  auf 
Wilterungsverhältnisse.  Gemütsbewegungen  u.  dgl.  zurückführte. 

Sodann  beschreibt  Naegele  zwei  Fälle  von  Relroflexio  uteri 
gravidi',  wogegen  er  die  vaginale,  nicht  rektale  Reposition  em- 
pfiehlt und  erfolgreich  ausführte. 

Interessant  ist  auch  ein  Fall  von  Graviditas  abdominalis, 
der  durch  den  Kaiserschnitt  glücklich  beendigt  wurde.* 

Hervorragende  Verdienste  um  den  Hebammenunlerricht 
hat  sich  Naegele  erworben  durch  seine  praktische  Lehrtätigkeit 
und  Herausgabe  eines  auf  Veranlassung  der  Großh.  Sanitätskom- 
mission verfaßten  „Lehrbuchs  der  Geburtshülfe  für  Hebammen"*, 
das  an  vielen  Schulen  benutzt  worden  ist.  Besonders  wertvoll  sind 
darin  die  Semiotik  und  die  Lehre  von  den  Blutflüssen. 

Auch  gehört  hierher  der  „Katechismus  der  Hebammenkunst"', 
worin  die  für  die  Hebammen  wichtigsten  Gegenstände  in  Form 
von  Fragen  und  Antworten  möglichst  knapp  dargestellt  sind.  Beide 
Bücher  sind  nach  Inhalt  und  gemeinverständlicher  Darstellung  gleich 
vortrefflich. 

Endlich  liefert  Naegele  einen  wertvollen  Beitrag  zur  Lehre 
von  den  Monstrositäten  durch  genaue  Beschreibung  von  Zwil- 
lingen, welche  als  Mädchen  getauft  wurden  und  sich  später  als 
männliche  Pseudohermaphroditen  erwiesen.  Auch  veröffentlichte 
er  einen  Fall  von  innerem  Wasserkopfe  mit  seitlich  umgekehrter 
Lage  alter  Eingeweide.^ 

'  Erfahrungen  und  Abhandlungen  1812,  339. 

'  Heid.  klln.  Ann.  1830,  VI.  56. 

'  Heidelberg  bei  Mohr,  1.  Aufl.  1830,  12.  Aufl.  1866. 

'  Heidelberg,  Mohr  1834. 

»  Held.  klin.  Ann,  1825,  IV.  507. 


15]  F.  A.  May  und  die  beiden  Naegele.  125 

Was  Naegeles  geburtshülflich-therapeutische  Grund- 
sätze anlangt,  so  befolgte  er  die  schon  von  Boer,  Wigand  u.  a. 
vertretenen  Grundsätze,  die  Naturkräfte  so  lange  wie  möglich 
walten  zu  lassen,  und  nur  bei  offenbarer  Gefahr  des  Zuwartens 
Kunsthülfe  zu  üben,  ganz  im  Gegensatze  zu  Oslander,  der  jede 
dritte  bis  fünfte  Geburt  mit  dem  Forceps  beendete. 

Er  hielt  es  für  zweckmäßig,  daß  zu  den  Geburten  der  Haus- 
arzt zugezogen,  aber  die  Entbindung  selbst  der  Hebamme  über- 
lassen werde,  falls  nicht  Störungen  vorliegen.  Stets  hat  Naegele 
betont,  daß  nur  ein  in  der  gesamten  Heilkunde  tüchtig  geschulter 
Arzt  Geburtshelfer  sein  dürfe. 

In  Fällen  von  mechanischem  Mißverhältnis  nahm  er  stets 
mehr  Rücksicht  auf  das  Leben  der  Mutter  als  des  Kindes  und 
scheute  sich  nicht,  im  Notfall  selbst  das  lebende  Kind  zu  perfo- 
rieren.   (De  jure  vitae  et  necis  quod  competit  medico  in  partu.^) 

Die  geburtshülflichen  Operationen  führte  Naegele  mit  Ge- 
schick aus,  überließ  dieselben  aber,  wenigstens  in  der  letzten 
Lebenszeit,  meist  seinen  Assistenzärzten. 

Die  von  ihm  erfundene  Zange,  sowie  ein  Scherenperfo- 
ratorium  sind  auch  heute  noch  in  den  Händen  sehr  vieler  Geburts- 
helfer. 

Mit  Gynäkologie  hat  sich  Naegele  gleich  den  meisten  zeit- 
genössischen Lehrern  der  Geburtshülfe  nur  wenig  befaßt.  Dieses 
Fach  wurde  damals  nur  sehr  mangelhaft  und  zwar  von  den  inneren 
Medizinern  und  Chirurgen  gepflegt. 

Die  vier  Publikationen  auf  diesem  Gebiete  sind: 

1.  „Die  Abhandlung  über  einige  Fehler  der  Katamenlen"^ 
worin  die  verschiedenen  Fehler,  u.  a.  auch  der  „Mittelschmerz",  auf- 


1  Heidelberg,  Oswald  1826,  und  im  Journal  complem.  du  dict.  des  Sc. 
med.  1827. 

*  In  Erfahrungen  und  Abhandlungen:  „Einige  Fehler  der  Menstruation", 
1812,  265. 


-^ 


126  Ferdinand  Adolf  Kehrer  [16 


gezählt  sind.  Da  damals  das  Ovulum  noch  nicht  entdeckt  war, 
bedeuteten  die  Katamenien  für  Naegele  eine  vierwöchentliche  Vor- 
bereitung zur  Konzeption. 

2.  „Die  Atresia  vaginae."*  In  dieser  Arbeit  werden  zwei 
interessante  Fälle  mitgeteilt. 

3.  Ein  weiterer  Aufsatz  betrifft  das  traumatische  Hämatom 
der  Vulva.  ^ 

4.  Naegele  stellte  auch  Leichenversuche  an  über  operative 
Behandlung  der  Vesicovaginalfistel  *,  doch  scheint  er  an 
der  Lebenden  die  von  ihm  vorgeschlagene  Methode  nie  oder  doch 
nicht  erfolgreich  ausgeführt  zu  haben.  ^ 

Naegele  war  ein  sehr  genauer,  scharfsinniger  und  kritischer 
Beobachter  der  Natur,  der  sich  in  seinen  Anschauungen  durch 
keinerlei  vorgefaßte  oder  überlieferte  Meinung  beeinflussen  ließ. 
Sowohl  bei  seinen  Beobachtungen,  wie  bei  Anführung  der  Literatur 
bewies  er  eine  zuweilen  fast  an  Pedanterie  grenzende  Exaktheit. 
Obwohl  guter  Mathematiker,  verschmähte  er  es,  die  Lehren  der 
Qeburtsmechanik  nach  mathematischen  Prinzipien  zu  entwickeln. 
Die  Wahrheit  in  allem  zu  finden,  galt  ihm  als  höchstes  Ziel  aller 
wissenschaftlichen  Bestrebungen.  Ohne  das  Theoretisleren,  das 
Ableiten  allgemeiner  Sätze  aus  den  Erfahrungen  zu  verwerfen, 
warnte   er   stets  vor  voreiligen   theoretischen  Schlußfolgerungen. 

Es  mag  zum  Schluß  noch  erwähnt  sein,  daß  Naegele  seit  1827 
Mitredakteur  der  „Gem.  deutschen  Zeitschrift  für  Qeburtskunde" 
und  seit  1825  Mitherausgeber  der  „Heidelberger  klinischen  Annalen" 
gewesen  ist.  Auch  übernahm  Naegele  in  Erfüllung  eines  letzten 
Willens  seines  hochgeschätzten  Freundes  die  Herausgabe  von  Justus 
Heinrich  Wigands:  „Die  Geburt  des  Menschen",  Berlin  1820. 


»  „Geschichte  einer  Atresia  vag.  perfecta"  in  Erf.  u.  Abh.  329  u.  334. 
^  Heid.  klin.  Ann.  X.  425. 

»  Heid.  klin.  Ann.  VI.  1830,  56,   und   im   „Repert.  gen.   d*anat.  et  de 
Physiologie"  1828,  5. 


\.  May  und  die  beiden  Naegelc. 


129 


clia;:i 

'teile  L'iiu 

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tufe  lehnte  er  W.-.- 

ein  geliebtes  HeidelhL-  ., 

r  seit  1807  gewirkt   lum^ 

'artigen  Kollegen  stand  er  in.  ; 

Dnders  mit  Wigand,  dem  bekanm..: 

ch  vor  seinem  Lebensende  in  unserL-  ' . 

Was  die  Persönlichkeit  Naegeles  b.j- 
roßer,   magerer  Mann,  von   etwas  far.  •.• 
ierender  Nase  und  hellbraunen,  freunü;..- 
eten  war  aristokratisch  und  sehr  leuisei  >. 


32  wurde  ihm  die  Stelle  eines  Hebarztes  in 
Er  machte  dann  eine   größere   wisscn- 
itierte  sich  Ostern  1835  als  Privatdozent 
Hier   begann   er  Vorlesungen    über 
burtshülfe  und  nahm  teil  an  der  Lei- 
1  Übungen.   Am  29.  März  1838  wurde 
rrhcinkreises  und    Leiter  des  hieb- 
et zum  außerordentlichen  Professor 
:s  mit  Rücksicht  auf  seine  Tätig- 
k  eine  Besoldung.    Seit  Sommer 
ative  Qeburtshülfe  mit  Übungen 
Auskultation  von  Qravidae. 
•it  1841  die  geburtshülfliche 


ater  in  Bezug  auf  Geist, 

'c  nach,  aber  er  hat  das 

■    bloß  seinen  Schülern, 

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•'  den  Hintergrund. 
'♦:»tcs  Buch  ist  «Die 


'-iNcizt   ins   Eng- 
iitige  Interessen,  beurteilte   andere  und  o»:-.;     ^.n  h.  Schumann, 

nd  betätigte  in  allen  Angelegenheiten  die  gr'>b.- 

/itz  war  öfters  nicht  frei  von  feinem  Sarkau»!?.^  ^,    ^  , 

— »"h.js:  Naegelc 

ch  um  Besprechung  der  geburtshülflichen  %</«*.;:.,  ^  .  . 

Iber  seine  Liebenswürdigkeit   im  persönlichi^i    .<-,, 

[ußmaul  in  seinen  „Erinnerungen  eines  Arzu»-  •^:,.^ 

^  ...  ^n  zur  üe- 

eteilt. 


128  Ferdinand  Adolf  Kehrer  fl8 

Naegele  war  ein  großer  Freund  und  Kenner  der  Kunst,  be- 
sonders der  Malerei.  Er  dürfte  diese  Kunstneigung  schon  in  der 
Jugend  erworben  haben,  da  in  seiner  Vaterstadt  Düsseldorf  seit 
1776  eine  Malerakademie  blühte.  Er  besaß  eine  kleine,  aber 
gute  Gemäldesammlung.  Diese  enthielt  u.  a.  ein  Ölbild  Goethes, 
welches  dieser  bei  einem  seiner  öfteren  Besuche  in  Heidelberg 
ihm  geschenkt  hatte.  Das  Bild  wurde  später  von  Naegeles  Enkel, 
dem  noch  lebenden  Rittmeister  a.  D.  Naegele,  Herrn  Hofrat  Oppen- 
heimer gegeben. 

Die  Neigung  für  die  Kunst  mag  zeigen,  daß  Naegele  nicht  zu 
den  spezifischen  Fachmännern  gehörte,  deren  Interessen  sich  auf 
die  von  ihnen  gewählten  Gebiete  beschränken.  Auch  sonst  be- 
tätigte sich  die  Universalität  seiner  Bestrebungen  in  mannigfacher 
Weise,  worauf  einzugehen  wir  uns  jedoch  versagen  müssen. 

Naegele  war  eine  der  Hauptstützen  der  neu  aufblühenden  Uni- 
versität; er  stand  nach  dem  Ausspruche  eines  zeitgenössischen 
Mediziners  wie  ein  „Leuchtturm"  da;  doch  hatte  er  vor  diesem 
eines  voraus,  daß  das  von  ihm  ausgehende  Licht  nicht  bloß  seine 
nächste  Umgebung  und  die  ganze  wissenschaftliche  Mitwelt  be- 
leuchtete, sondern  durch  alle  Zeiten  fortstrahlen  wird  wie  ein 
ewiges  Licht,  das  mit  dem  Brennstoff  der  lauteren  Wahrheit  ge- 
speist ist. 

Am  19.  Oktober  1806  hatte  Naegele  die  zweite  Tochter  des 
Geheimrats  May,  Johanna  Maria  Anna,  geheiratet,  und  lebte  mit 
dieser  in  glücklichster  Ehe.  Diesem  Bunde  entsprossen  fünf  Kinder. 
Der  älteste  Sohn  war 


Hermann  Naegele. 

Derselbe  wurde  geboren  zu  Heidelberg  am  22.  Januar  1810, 
Studiertc  hier  Medizin  und  erhielt  am  23.  Juni  1832  die  Lizenz  als 
Arzt  mit  der  Note  „vorzüglich  befähigt". 


19]  F.  A.  May  und  die  beiden  Naegele.  129 


-<»/':>=- 


Am  16.  August  1832  wurde  ihm  die  Stelle  eines  Hebarztes  in 
Heidelberg  übertragen.  Er  machte  dann  eine  größere  wissen- 
schaftliche Reise  und  habilitierte  sich  Ostern  1835  als  Privatdozent 
der  Medizin  in  Heidelberg.  Hier  begann  er  Vorlesungen  über 
verschiedene  Zweige  der  Qeburtshülfe  und  nahm  teil  an  der  Lei- 
tung der  obstetrisch-klinischen  Übungen.  Am  29.  März  1838  wurde 
er  Kreisoberhebarzt  des  Unterrheinkreises  und  Leiter  des  Heb- 
ammeninstitutes. Am  10.  August  zum  außerordentlichen  Professor 
ernannt,  erhielt  er  im  Jahre  1845  mit  Rücksicht  auf  seine  Tätig- 
keit an  der  geburtshülflichen  Klinik  eine  Besoldung.  Seit  Sommer 
1835  las  er  in  jedem  Semester  operative  Qeburtshülfe  mit  Übungen 
am  Phantom  und  hielt  Kurse  über  Auskultation  von  Gravidae. 
Außerdem  leitete  und  verwaltete  er  seit  1841  die  geburtshülfliche 
Klinik  selbständig. 

Hermann  Naegele  stand  seinem  Vater  in  Bezug  auf  Geist, 
wissenschaftliche  Kapazität  und  Lehrgabe  nach,  aber  er  hat  das 
Verdienst,  die  Lehren  seines  Vaters  nicht  bloß  seinen  Schülern, 
sondern  auch  den  weitesten  medizinischen  Kreisen  übermittelt  zu 
haben,  besonders  durch  das  von  ihm  verfaßte  „Lehrbuch  der  Ge- 
burtshülfe-,  welches  zuerst  1843,  dann  in  acht  Auflagen,  die  letzte 
von  Grenzer  1871  (Mainz,  v.  Zabern),  erschienen  und  Jahre  hindurch 
das  weitestverbreitete  Lehrbuch  für  Ärzte  gewesen  ist.  Erst  mit  dem 
Erscheinen  von  Schröders  Lehrbuch  trat  es  in  den  Hintergrund. 

Ein  weiteres,  auf  eigene  Erfahrung  begründetes  Buch  ist  „Die 
geburtshülfliche  Auscultation",  Mainz  1838,  übersetzt  ins  Eng- 
lische von  M.  West,  London  1839,  ins  Dänische  von  H.  Schumann, 
Kopenhagen  1841. 

Eine  weitere  Arbeit  betrifft  den  Mechanismus  partus:  Naegele 
gab  das  gleichnamige  Buch  seines  Vaters  neu  heraus  und  versah 
es  mit  historischen  Zusätzen  ^ 


*  „Die  Lehre  vom  Mechanismus  der  Geburt  nebst  Beiträgen  zur  Ge- 
schrchte  derselben'',  Mainz  1838. 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  9 


130       Ferdinand  Adolf  Kehrer:  F.  A.  May  und  die  beiden  Naegele.       [20 


Weiterhin  verfaßte  er  als  besondere  Schriften  „Commentatio 
de  causa  quadam  prolapsus  funiculi  umbilicalis'',  Heidelberg  1839, 
sowie  „De  conglutinatione  orificii  uteri",  Heidelberg  1835.  Endlich 
sind  zu  erwähnen  eine  Reihe  von  Journalaufsätzen  in  den  „Medi- 
zinischen Annalen"  und  in  „Schmidts  Jahrbüchern". 

Nach  dem  am  21.  Januar  1851  erfolgten  Tode  seines  Vaters 
reichte  er  am  2.  Februar  1851  ein  Gesuch  an  das  Ministerium  des 
Innern  und  am  folgenden  Tage  an  die  Sanitätskommission  in 
Karlsruhe  ein  mit  der  Bitte  um  Übertragung  der  erledigten  Pro- 
fessur der  Geburtshülfe  und  der  Direktion  der  Entbindungsanstalt. 

Die  medizinische  Fakultät  beschloß  zuerst,  Litzmann  in  Kiel, 
E.  Martin  in  Jena  und  Scanzoni  in  Würzburg  als  Nachfolger  des 
verstorbenen  Naegele  in  Vorschlag  zu  bringen.  Der  engere  Senat 
dagegen  beantragte,  dem  als  Kreisoberhebarzt  seit  1838  angestellten 
Naegele  jun.  die  erledigte  ordentliche  Professur  zu  übertragen. 
Ein  daraufhin  gefaßter  weiterer  Fakultätsbeschluß  ging  dahin,  das 
Ordinariat  und  die  Stelle  eines  Kreisoberhebarztes  und  Hebammen- 
lehrers zu  trennen  und  für  jenes  Professor  Litzmann  in  Kiel 
vorzuschlagen.  Während  der  Verhandlungen  starb  Naegele  am 
5.  Juli  1851. 

Die  beiden  frei  gewordenen  Stellen  wurden  dann  an  Dr.  Wilh. 
Lange  aus  Prag  übertragen. 


Maximilian  Joseph  v.  Chelius 

Carl  Otto  Weber 
Gustav  Simon 


von 

Vincenz  Czerny, 


9^ 


g^ie  Chirurgie  hat  im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  durch 
]!  die  napoteonischen  Feldzüge  vielfache  Anregung  er- 
.  halten  und  sich  durch  ihre  unentbehrliche  und  erfolg- 
reiche Hülfe  nach  zahlreichen  Schlachten  Geltung  und  Anerkennung 
zu  verschaffen  gewußt.  Der  Nutzen  kam  wesentlich  den  Franzosen 
zu  gute  und  deshalb  war  es  kein  Wunder,  daß  alle  Welt  zu  Larrey 
und  Dupuytren  nach  Paris  pilgerte,  um  sich  dort  Belehrung  und 
wenn  nötig  auch  Hülfe  zu  suchen.  Die  deutsche  Chirurgie  machte 
wohl  vielfache  Anstrengungen,  selbständig  ihre  Kunst  zu  fördern, 
aber  in  der  wissenschaftlichen  Bearbeitung  und  systematischen 
Darstellung  der  Chirurgie  hing  sie  damals  wesentlich  von  Frank- 
reich und  teilweise  von  England  ab. 

Auch  Chelius  nahm  noch  als  ganz  junger  Militärarzt  an  den 
letzten  Zuckungen  der  französischen  Weltherrschaft,  welche  der 
korsische  Eroberer  errichtet  hatte,  aktiven  Anteil  und  erhielt  seine 
stärksten  Anregungen  durch  wiederholten  und  längeren  Aufenthalt 
in  Paris,  wo  er  bei  den  Chirurgen  und  Ärzten  die  beste  Auf- 
nahme fand. 

Er  wurde  am  16.  Januar  1794  in  Mannheim  gel)0ren,  wo  sein 
Vater  Direktor  der  Entbindungsanstalt  war,  welche  1805  nach 
Heidelberg  verlegt  wurde. 


ii.ui  ■  -I  ai 


134  Vincenz  Czerny  [4 

Schon  mit  15  Jahren  bezog  er  die  Universität  Heidelberg, 
löste  1811  eine  Preisaufgabe  (De  frigidis  et  cahdis  fomentis  in  lae- 
sionibus  capitis  adhibendis),  welche  von  der  medizinischen  Fakultät 
gestellt  war.  und  wurde  am  8.  Oktober  1812  zum  Doktor  promo- 
viert. Dann  besuchte  er  München  und  die  Universität  Landshut, 
wohin  ihn  der  Ruf  Philipp  von  Walthers  lockte.  In  Ingolstadt 
war  unter  den  französischen  Kriegsgefangenen  eine  Typhusepidemie 
ausgebrochen,  zu  deren  Bekämpfung  Chelius  dahin  ging  und  selbst 
erkrankte.  Aber  schon  1814  zog  er  als  Regimentsarzt  mit  den 
badischen  Truppen  nach  Frankreich,  besuchte  1815  die  Wiener 
chirurgischen  Kliniken  von  Rust,  Kern  und  Zang  und  die  Augen- 
klinik des  durch  seine  Staroperationen  berühmten  Beer.  Der 
kurze  Wiederausbruch  des  Krieges  rief  ihn  1815  wieder  nach 
Frankreich.  Nachdem  endlich  der  Frieden  endgültig  eingetreten 
war.  setzte  er  seine  Studienreise  fort  und  besuchte  Göttingen. 
Berlin.  Halle,  Leipzig.  Jena,  Würzburg  und  Paris.  Schon  1817 
wurde  der  23  jährige  als  außerordentlicher  Professor  nach  Heidel- 
berg berufen  und  wurde  schon  am  17.  November  1818  zum  ordent- 
lichen Professor  der  Chirurgie  und  Augenheilkunde  befördert,  als 
welcher  er  die  von  ihm  selbst  errichteten  Kliniken  bis  zum  Jahre 
1864  leitete. 

Schon  1819  hatte  er  sich  mit  Anna  von  Sensburg  verheiratet, 
welche  ihm  5  Kinder  schenkte  und  ihm  1867  durch  den  Tod  ent- 
rissen wurde.  Er  wurde  seinen  großen  Verdiensten  gemäß  mit 
Ehren  und  Orden  ausgezeichnet  und  1866  geadelt.  Er  starb  am 
17.  August  1876  in  Heidelberg. 

Sein  erstes  Verdienst  um  die  Heidelberger  Hochschule  erwarb 
er  sich  durch  Gründung  der  chirurgischen  Klinik  im  jetzigen 
Marstallgebäude.  Es  war  daselbst  auf  der  Südseite  des  Marstall- 
hofes  auch  noch  die  medizinische  und  geburtshülfliche  Klinik  unter- 
gebracht. So  bescheiden  die  Anfänge  im  Vergleich  mit  den  An- 
forderungen, welche  man  heute  an  derartige  Institute  stellt,  auch 


5]      Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      135 


erscheinen  mögen,  so  bedeuteten  sie  doch  eine  sehr  große  Er- 
rungenschaft für  den  medizinischen  Unterricht  und  die  Universität 
im  allgemeinen.  Nur  die  wenigsten  Universitäten  Deutschlands 
erfreuten  sich  damals  des  Besitzes  klinischer  Institute.  Freilich 
konnte  die  Heidelberger  Anstalt  mit  dem  von  Joseph  II.  gegründeten 
Allgemeinen  Krankenhause  in  Wien  und  dem  Julius -Spitale  in 
Würzburg  nicht  rivalisieren.  In  dem  Vorworte,  mit  welchem  er 
den  ersten  Jahresbericht  vom  11.  Mai  1818  bis  11.  Mai  1819 
(Heidelberg,  bei  Karl  Qroos,  1819)  einleitete,  betont  Chelius,  daß 
der  Zweck  eines  klinischen  Institutes  ein  dreifacher  sei:  Heilung 
der  Kranken,  Unterricht  der  Studierenden  und  Förderung  der 
Wissenschaft.  „So  halte  ich  es  meiner  Meinung  nach  für  die  Pflicht 
eines  Jeden,  dem  die  Regierung  die  Leitung  eines  solchen  Institutes 
übertragen  hat,  von  Zeit  zu  Zeit  Rechenschaft  über  das,  was  darin 
geleistet  wurde,  abzulegen  und  eine  Darstellung  der  interessantesten 
Ereignisse  zu  geben.  Es  ist  daher  mein  Entschluß,  am  Ende  eines 
jeden  Jahres  einen  Bericht  in  der  Art  des  jetzigen  über  die  vorzüg- 
lichsten Ereignisse  in  der  chirurgischen  und  ophthalmologischen 
Klinik  herauszugeben.  Diesem  Berichte  habe  ich  einen  Plan  und  eine 
kurze  Beschreibung  des  ganzen  akademischen  Hospitals  beigefügt, 
weil  ich  überzeugt  bin,  dass,  was  die  Zweckmässigkeit  der  inneren 
Einrichtung  betrifft,  an  Universitäten  kleinerer  Städte  keine  ähn- 
liche zweckmässige  Einrichtung  aller  praktischen  medicinischen 
Anstalten  sich  befindet."  Es  wurden  im  ersten  Jahre  19  größere 
Operationen,  darunter  5  Reklinationen  des  Stares  ausgeführt  und 
von  152  Kranken,  welche  verpflegt  wurden,  sind  bloß  4  gestorben 
und  119  als  geheilt  entlassen  worden. 

Da  Chelius  mit  Feuereifer  seine  ganze  Zeit  und  Arbeitskraft 
der  Anstalt  und  den  Vorlesungen  widmete,  so  ist  es  nicht  zu  wundern, 
daß  die  Zahl  der  Hülfe  suchenden  Kranken  und  eifrigen  Zuhörer 
sich  von  Jahr  zu  Jahr  mehrte  und  von  weit  her  dem  beliebten 
Lehrer   zuströmte.     Schon    im    ersten    Bande    der   Heidelberger 


136  Vincenz  Czerny  [6 


9 


Klinischen  Annalen,  welche  er  gemeinschaftlich  mit  seinen  Kollegen 
Puchelt  und  Naegele  herausgab  und  die  bald  eines  der  angesehen- 
sten Archive  der  medizinischen  Literatur  Deutschlands  wurden, 
berichtete  er  über  das  Quinquennium  1819 — 1824.  Es  wurden  in 
der  Klinik  1650  Kranke  behandelt,  davon  1519  geheilt  entlassen 
und  26  starben.  Unter  233  Operationen  werden  besonders  24  Am- 
putationen mit  1  Todesfall,  ein  in  damaliger  Zeit  unerhört  günstiges 
Verhältnis,  mitgeteilt.  Beinbrüche  und  Luxationen  wurden  47  ein- 
gerichtet. 1826  wurden  schon  651  Kranke  behandelt,  59  Opera- 
tionen ausgeführt  und  14  mal  der  graue  Star  durch  Niederdrückung 
der  Linse  behandelt. 

Im  ersten  Bande  der  medizinischen  Annalen,  welche  die  Fort- 
setzung der  Heidelberger  Klinischen  Annalen  bildeten,  wurde  über 
die  Jahre  1830 — 1834  berichtet;  die  chirurgische  Klinik  wurde  in 
dieser  Zeit  erweitert,  da  die  Gebäranstalt  in  ein  eigenes  Haus  nach 
Westen  vom  Marstallhofe  verlegt  und  dadurch  Platz  geschaffen  wurde. 

Die  Krankheitsfälle  betrugen  in  diesen  fünf  Jahren  5930,  wo- 
von 1299  innere  Krankheiten  betrafen,  4250  werden  als  geheilt 
und  20  als  gestorben  aufgeführt.  Operationen  wurden  489,  davon 
76  Staroperationen,  ausgeführt. 

Die  Zahl  der  Zuhörer  in  der  Klinik  hat  im  Winter  1830—1831 
106  betragen,  eine  Ziffer,  welche  weder  vor-  noch  nachher  in 
Heidelberg  wieder  erreicht  wurde  und  die  damals  noch  mehr  be- 
deutete als  heute,  weil  auf  den  deutschen  Universitäten  jetzt  drei- 
mal soviel  Studenten  Medizin  studieren  als  damals. 

1842  wurde  die  Heil-  und  Pflegeanstalt  für  Geisteskranke, 
welche  in  dem  früheren  Jesuitenseminar,  der  jetzigen  Kaserne, 
untergebracht  war,  von  Heidelberg  nach  Pforzheim  verl^  und 
dadurch  Raum  geschaffen,  um  die  chirurgische  und  medizinische 
Klinik,  für  welche  das  Gebäude  im  Marstallhof  zu  eng  geworden 
war,  dahin  zu  verlegen,  so  daß  die  geburtshülfliche  Klinik  allein 
zurückblieb. 


13^ 


7]      Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      137 


Neben  den  Jahresberichten  werden  in  den  Heidelberger  An- 
nalen  von  Chelius  die  interessantesten  Ereignisse  der  Klinik  aus- 
fflhriich  besprochen  und  der  Wissenschaft  und  Praxis  der  Chirur- 
gie mannigfache  wertvolle  Anregungen  gegeben.  Ich  erwähne 
mehrere  Abhandlungen  über  Amputationen,  die  Unterbindung  der 
oberen  Schilddrüsen-Schlagadern  beim  Kropf,  welche  noch  in  den 
letzten  Jahren  wieder  von  neuem  von  sich  reden  machte,  die 
Exstirpation  der  entarteten  Ohrspeicheldrüse,  den  ersten  Bericht 
über  die  Bluterfamilie  Mampel  in  Kirchheim,  über  den  Steinschnitt 
beim  Weibe  mit  drei  Beobachtungen,  über  steinige  Konkremente 
des  Zellgewebes  unter  der  Haut,  welche  einer  genauen  chemischen 
Analyse  unterzogen  werden,  über  die  Behandlung  der  Strikturen 
des  Ösophagus,  für  welche  er  einen  Elfenbein-Dilatator  empfiehlt, 
der  später  von  Roser  und  Langenbeck  in  modifizierter  Art  wieder 
eingeführt  worden  ist. 

Die  schwammigen  Auswüchse  der  harten  Hirnhaut  und  der 
Schädelknochen  (1831  bei  Mohr,  Heidelberg)  wurden  nach  dem 
damaligen  Stande  unserer  Kenntnisse  mit  Hinzufügung  neuer  Quellen 
genau  beschrieben  und  die  Heilung  der  Blasenscheidenfisteln  durch 
die  Cauterisationsmethode  empfohlen  (Heidelberg  1844). 

Am  29.  Juni  1830  machte  Chelius  unter  Beihülfe  Naegeles  den 
ersten  und,  soviel  ich  sehe,  einzigen  Bauchschnitt  wegen  einer 
großen  beweglichen  Unterleibsgeschwulst,  welche  beide  für  ein 
Steatom  des  Ovariums  hielten  (Medizinische  Annalen  I.  Bd.  S.  95). 
Es  fand  sich  ein  gestieltes  subperitoneales  Fibroid  des  Uterus,  dessen 
1^2  Zoll  dicker  Stiel  mit  Seide  doppelt  unterbunden  und  versenkt 
wurde,  während  die  Fadenenden  auf  dem  kürzesten  Wege  zur 
Bauchwunde  herausgeleitet  wurden.  Leider  starb  die  40jährige 
Frau  17  Stunden  nach  der  Operation  im  Collaps.  Man  sieht  es 
dem  ausführlichen  Berichte  an,  wie  schwer  dem  Operateur  sein 
Entschluß  zu  der  damals  unerhörten  Operation  war  und  welch 
tiefen  Eindruck  der  ungünstige  Ausgang  auf  denselben  ausübte; 


138  Vincenz  Czemy  [8 


t,    =r: 


während  er  sonst  in  seinem  Handbuche  der  Chirurgie  gerne  über 
seine  Operationen  und  interessanten  Fälle  berichtet,  finde  ich  diese 
damals  sehr  bemerkenswerte  Operation  nicht  weiter  erwähnt. 

In  seinen  Voriesungen  zeigte  er  gerne  eine  große  Sammlung 
von  Blasen-,  Nieren-  und  Gallensteinen,  welche  zum  großen  Teil 
aus  seiner  Privatpraxis  stammten  und  durch  deren  Überweisung 
in  die  Sammlung  der  chirurgischen  Klinik  sich  sein  Sohn,  der 
ausgezeichnete  Operateur  Franz  von  Chelius,  im  Jahre  1895  ein 
dauerndes  Andenken  stiftete. 

Kußmaul  berichtet  in  seinen  Jugenderinnerungen  eines  alten 
Arztes**  über  Chelius,  welcher  damals  (1844)  im  Zenit  seines  Ruhmes 
Ktand,  daß  er  in  seiner  Kunst  wie  in  seiner  politischen  Anschauung 
kotiservativ  gewesen  sei.  Er  operierte  schön  und  sicher  und  be- 
wahrte eine  bewundernswerte  Ruhe,  was  vor  der  Einführung  der 
Äther  und  Chloroformnarkose  eine  schwierigere  Sache  war  als 
heute.  „Ich  sah  ihn  niemals  aufbrausen  und  heftig  werden,  nie 
s4ifK'  edle  Maltimg  veriieren  und  auch  die  gemeinsten  Naturen  hielt 
er  durch  seine  feine  l-orm  und  klug  bemessene  Worte  in  den  ge- 
bührenden Schranken.** 

„Den  Ininfzigen  nahe  war  Chelius  noch  immer  ein  schöner 
Mann,  schlank  gebaut,  von  Mittelgröße,  feinen  Gesichtszügen  und 
(iliedern.  I:r  pflegte  die  ambulatorische  Klinik,  die  der  Vishe  vor- 
ausging, auf  einem  hohen,  runden  Stuhl  sitzend  abzumachen,  die 
Deine  häufig  gekreuzt  und  einen  Fuß  frei  in  der  Luft  wiegend. 
Wir  bewunderten  dann  dessen  Kleinheit  und  meinten,  auch  die 
zierlichste  Dame  dürite  unseren  Meister  darum  beneiden.*^ 

„Im  Sommer  gab  Chelius  den  Operationskurs  früh  5  Uhr. 
Wir  Studenten  waren  oft  schlaftrunken  und  er  einen  Mocgen  mie 
den  andern  frisch  und  munter.  Die  Vorlesungen  über  Chinn^ 
und  Augenheilkunde  hielt  er  morgens  von  8 — ^9  Uhr  im  Wimer, 
von  7  S  Uhr  im  Sommer.  Obwohl  er  sehr  gut  aus  dem  Sieg- 
reif sprach,  las  er  doch  seine  Handbücher  ab,  nur  nidil  in  der 


9]      Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      139 


SL/v- 


Weise  Puchelts,  wie  ein  murmelnder  Quell,  sondern  pathetisch, 
fast  feierlich.  Die  Kh'nik  begann  um  11  Uhr  und  dauerte  1—2 
Stunden,  je  nachdem  operiert  wurde  oder  nicht.  In  der  ambu- 
latorischen Klinik,  die  nur  bei  größeren  Operationen  vorher  vom 
Assistenten  allein  erledigt  wurde,  gab  es  viel  zu  sehen  und  viel 
zu  verordnen,  beim  Untersuchen  aber  ging  es  oft  flüchtig  zu  und 
gaben  die  Schnelldiagnosen  zu  manchen  Scherzen  Anlaß." 

Es  ist  gegenwärtig  sehr  schwer  sich  hineinzudenken,  mit 
welchen  Schwierigkeiten  und  Vorurteilen  die  Kreierung  einer  Klinik 
aus  dem  Nichts  mit  dem  kleinen  Zuschuß  von  jährlich  1500  bis 
2000  Gulden  zu  kämpfen  hatte.  Nur  dem  unermüdlichen  Eifer 
und  der  Tüchtigkeit  ihres  Schöpfers,  welcher  gegen  hoch  und 
niedrig  dieselbe  vornehme,  gewinnende  Haltung  und  peinliche 
Sorgfalt  in  der  Ausübung  seiner  Pflichten  bewahrte,  war  es  zu 
danken,  daß  die  Anstalt  nicht  allein  rasch  in  die  Höhe  kam,  son- 
dern auch  von  weit  und  breit,  selbst  über  die  Grenzen  Europas 
hinaus,  Kranke  und  Ärzte  nach  Heidelberg  lockte.  Der  medizini- 
schen Schule  verschaffte  Chelius  in  Verbindung  mit  den  gleich- 
gesinnten  und  ebenso  tüchtigen  Lehrern  Naegele  und  Puchelt  den 
Ruf  eines  modernen  Salerno,  an  welchem  wir  jetzt  noch  zehren. 

Nicht  wenig  zur  Berühmtheit  Chelius'  trug  der  glückliche  Er- 
folg bei,  welchen  er  durch  die  Herausgabc  seines  Handbuches  der 
Chirurgie  erzielte.  Schon  im  Jahre  1822  erschien  die  erste  Auf- 
lage, nachdem  er  einige  Jahre  sein  Fach  gelehrt  hatte.  Es  gab 
im  wesentlichen  seine  Vorlesungen  wieder,  welche  ebensosehr  die 
Frucht  seiner  gründlichen  literarischen  Studien,  wie  des  frischen 
Eindrucks  waren,  den  er  von  seinen  Reisen,  aus  den  Hörsälen 
aller  damals  berühmten  Chirurgen  und  Ärzte  Mitteleuropas  nach 
Hause  gebracht  hatte.  Bei  seiner  glücklichen  Rezeptionsfähigkeit 
und  bei  seinem  ausgesprochenen  Formtalent  wurde  es  ihm  leicht, 
den  damaligen  Gehalt  der  chirurgischen  Wissenschaft  auf  den  engen 
Raum  von  2  Bänden  zusammenzudrängen,  welche  nicht  allein  die 


140  Vincenz  Czerny  [10 


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Beschreibung  der  chirurgischen  Krankheiten  im  engeren  Sinne 
enthielten,  sondern  auch  alles,  was  man  damals  über  die  Er- 
krankungen der  Nase,  Ohren  und  der  weiblichen  Geschlechts- 
organe wußte,  die  heute  sich  sämtlich  zu  besonderen  Spezialitäten 
ausgebildet  haben.  Auch  die  Lehre  über  die  Verletzungen  und 
ihre  Komplikationen,  über  das  Wundfieber,  über  die  Heilungsvor- 
gänge, welche  heute  in  der  allgemeinen  Chirurgie  besonders  ab- 
gehandelt werden,  die  Lehre  von  den  Frakturen  und  Luxationen 
und  die  dabei  notwendigen  Verbände,  die  Operations-  und  Instru- 
mentenlehre sind  in  dem  Buche  enthalten.  Ohne  allzusehr  in  das 
Detail  einzugehen,  sind  fast  jedem  Kapitel  kasuistische  Beobach- 
tungen eingeflochten,  welche  die  reiche  eigene  Erfahrung  des  Autors 
beweisen  und  die  Lektüre  anschaulich  und  lebendig  machen.  In 
jeder  der  acht  Auflagen,  welche  das  Buch  bis  zum  Jahr  1857  er- 
lebte, wurden  die  neuesten  Errungenschaften  der  chirurgischen 
Wissenschaften  kurz  hinzugefügt,  so  daß  jeder  Leser  die  Empfindung 
hatte,  mit  der  neuen  Auflage  wieder  auf  die  Höhe  seiner  Wissen- 
schaft gelangt  zu  sein.  In  kurzer  Zeit  wurde  es  in  11  Sprachen 
übersetzt  und  über  die  ganze  Erde  verbreitet.  Aber  wie  alles 
Organische  haben  auch  die  Handbücher  über  die  fortschreitenden 
Wissenschaften  ihr  Jugend-,  Mannes-  und  Qreisenalter.  Durch 
das  Hinzufügen  der  neuen  Forschungsresultate,  welchem  das  Aus- 
merzen von  veralteten  Dingen  parallel  gehen  muß,  verliert  so  ein 
Buch  mit  jeder  neuen  Auflage  an  Einheitlichkeit  und  Frische  der 
Darstellung,  und  da  das  gewöhnlich  mit  dem  Altwerden  des  Autors 
selbst  zusammenfällt,  so  müssen  neue  Erscheinungen,  welche  auf 
modernem  Boden  gewachsen  sind,  das  Alte  mit  der  Zelt  verdrängen. 
Etwas  weniger  Erfolg  hatte  Chelius  mit  seinem  Handbuche 
der  Augenheilkunde,  wenn  es  auch  erstaunlich  ist,  daß  er  auf  der 
Höhe  seines  Ruhmes  neben  seinen  vielfachen  sonstigen  Beschäfti- 
gungen, seinen  oft  langdauernden  Konsultationsreisen  noch  im 
Stande  war,   über  dieses  so  wichtige  Kapitel  der  Heilkunde  eine 


11]    Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      141 


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so  grundliche,  auf  eigener  Erfahrung  und  literarischem  Studium 
aufgebaute  Arbeit  zu  liefern.  Der  erste  Band  erschien  1839,  der 
zweite  erst  1845.  Schon  dadurch  fehlte  die  Einheit  des  Werkes 
und  der  erste  Abschnitt  war  teilweise  veraltet,  als  der  zweite  er- 
schien. Auch  die  Einteilung  des  Buches,  1)  Entzündungen  und 
Nevrosen  und  2)  Organische  Krankheiten,  machte  es  etwas 
schwerfällig  und  nötigte,  Erkrankungen  desselben  Organes  an  ver- 
schiedenen Stellen  getrennt  voneinander  zu  behandeln.  Es  mochte 
wohl  auch  der  Umstand,  daß  Chelius  für  die  Behandlung  des 
grauen  Stars  fast  ausschließlich  die  Reklination,  die  Rücklagerung 
der  Linse  in  den  Glaskörper  benützte,  während  die  Wiener  Schule 
(Beer  und  Jaeger)  schon  damals  mit  der  Extraktion  der  Linse 
glänzende  und  raschere  Erfolge  erzielten,  dazu  beigetragen  haben, 
daß  das  Handbuch  der  Augenheilkunde  nicht  mehr  so  enthusiastisch 
aufgenommen  worden  ist  wie  jenes  der  Chirurgie. 

Billroth  schreibt  in  seinem  Nachruf,  welchen  er  in  der  Wiener 
Medizinischen  Wochenschrift  (No.  43,  1876)  Chelius  widmete,  den 
besonderen  Erfolg  seines  Handbuches  der  Chirurgie  folgenden 
Eigenschaften  zu: 

„Erstens  war  es  im  Verhältnis  zu  den  vielbändigen  Werken 
von  G.  A.  Richter  und  von  C.  M.  Langenbeck  kurz  und  doch 
vollständig.  Zweitens  war  es  bei  durchaus  wissenschaftlichem  Cha- 
rakter und  bei  Angabe  der  wichtigsten  Literatur  nicht  so  sehr  mit 
interkaliertem  literarischen  Beiwerk  von  Zitaten  anderer  Autoren 
überladen,  wie  es  der  gelehrte  Barock  von  jener  Zeit  noch  viel- 
fach mit  sich  brachte,  sondern  der  übersichtlich  geordnete  Stoff 
war  einfach  und  klar,  schlicht  und  recht  dargestellt.  Der  Leser 
fand,  wie  der  unmittelbare  Schüler,  bei  Chelius  die  Wissenschaft 
und  Kunst  der  Chirurgie  schön  und  klar  geformt,  das  zog  ihn  an. 
Chelius*  harmonisch  ausgebildete,  liebenswürdige  und  zugleich 
glänzende  imponierende  Persönlichkeit  erweckte  rasch  Sympathie 
und  Vertrauen.    Man  fühlte  sich  wohl  in  der  Hingabe  an  diesen 


142  Vincenz  Czerny  [12 


■"^yv* 


Mann,  ohne  durch  dessen  wissenschaftliche  Bedeutung  und  soziale 
Stellung  bedrückt  zu  werden.  Universell  hochgebildet,  lebhaft  und 
geistreich  in  der  Unterhaltung,  elegant  und  von  feiner  Vornehm- 
heit, zog  er  alle,  die  mit  ihm  in  Berührung  kamen,  unwillkürlich 
an.  Er  war  einer  der  berühmtesten  und  beliebtesten  Ärzte  Europas 
und  gehört  zu  denjenigen,  welche  nicht  nur  die  deutsche  Chirurgie 
akademisch,  sondern  auch  die  deutschen  Chirurgen  salonfähig  ge- 
macht haben." 

Chelius  war  der  ärztliche  Vertrauensmann  für  alle  damaligen 
souveränen  Häuser  Mitteleuropas  und  war  ebenso  am  Hofe  des 
erblindeten  Königs  Georg  von  Hannover  wie  in  Paris  bei  Napo- 
leon III.  ein  gern  gesehener  Gast  und  geschätzter  Consiliarius. 
Noch  kurz  vor  seinem  Tode  empfing  er  als  letzten  Besuch  den 
Kaiser  Dom  Pedro  von  Brasilien  und  die  Königin  von  Holland, 
eine  geborene  Prinzessin  von  Württemberg.  Der  berühmte  ameri- 
kanische Chirurg  Samuel  Groß  widmete  in  einer  Autobiographie 
(Philadelphia,  Sounders  1893.  I.  Bd.  S.  254)  ein  pietätvolles  Blatt 
seinem  Besuche  bei  Chelius  1868. 

Als  von  Chelius  das  70.  Jahr  erreicht  hatte,  nahm  er  den 
Abschied  und  veriebte  noch  12  Jahre  wohlverdienter  Ruhe  in 
seinem  stattlichen  Hause  in  Heidelberg. 


Nach  längeren  Beratungen  wurde  zu  Ostern  1865  Karl 
Otto  Weber,  Professor  der  pathologischen  Anatomie  in  Bonn 
als  sein  Nachfolger  berufen.  Bei  dieser  Berufung  hatte  wohl  Helm- 
holtz,  welcher  mit  Weber  von  Bonn  her  befreundet  war,  den  Aus- 
schlag gegeben.  Die  Wahl  erwies  sich  trotz  der  anfän^icben  Ver- 
wunderung, daß  ein  pathologischer  Anatom  auf  einen  chirurgischen 
Lehrstuhl  berufen  wurde,  als  eine  äußerst  glückliche;  und  ob- 
gleich Weber  schon  nach  fünf  Semestern  durch  den  Tod  an  Diph- 
theritis,  welche  er  sich  in  der  von  Infektionskrankheiten  vielfach 


,. : .  A-*.* 


13]    Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      143 

heimgesuchten  Klinik  holte,  hingerafft  wurde,  so  hinterließ  er  doch 
in  Heidelberg  unvergeßliche  Spuren  seiner  Tätigkeit,  da  er  durch 
eine  Denkschrift  1865  das  Unzulängliche  der  bisherigen  Spitalver- 
hältnisse und  die  schlechten  hygienischen  Verhältnisse  der  chirur- 
gischen Klinik  so  dringend  hervorhob,  daß  die  Großherzogliche 
Regierung  in  Beratungen  über  einen  Neubau  des  akademischen 
Krankenhauses  eintrat,  welcher  auch  1868  definitiv  beschlossen 
und  1876  vollendet  wurde. 

Mit  Weber  hat  die  neue  spezifisch  deutsche  Chirurgenschule, 
weiche  von  der  pathologischen  Anatomie,  von  dem  Studium  der 
feineren  Veränderungen  in  den  erkrankten  Geweben  ihren  Aus- 
gang nahm,  ihren  siegreichen  Einzug  gehalten.  Die  älteren  Chi- 
rurgen legten  das  Hauptgewicht  auf  die  grobe  anatomische  Schu- 
lung, und  nicht  selten  wurde  aus  dem  Lehrer  der  Anatomie  der 
Chirurg,  sobald  der  Posten  frei  war.  So  wertvoll  und  unent- 
behrlich auch  eine  gründliche  Kenntnis  der  anatomischen  Ein- 
richtungen für  den  Chirurgen  ist,  so  eröffnet  doch  die  patholo- 
gische Histologie  ein  tieferes  Verständnis  für  die  Veränderungen 
des  Organismus  in  der  Erkrankung  und  ermöglicht  dadurch  ein 
zielbewußteres  Handeln. 

Kart  Otto  Weber  war  in  Frankfurt  a.  M.  am  29.  Dezember 
1827  geboren.  Sein  Vater  war  ein  tüchtiger  Philologe,  welcher 
sehr  bald  als  Qymnasialdirektor  nach  Bremen  berufen  wurde,  wo 
sein  Sohn  seine  Jugend  verbrachte  und  sich  schon  frühzeitig  durch 
eine  große  Neigung  zu  den  Naturwissenschaften,  besonders  Bo- 
tanik, Paläontologie  und  Geologie,  auszeichnete.  1846  widmete  er 
sich  dem  medizinischen  Studium  an  der  Universität  Bonn,  wo  er 
am  4.  April  1849  mit  einer  umfangreichen  Dissertation  „Ossium 
mutationes  osteomalacia  universal!  effectae"*,  deren  Inhalt  schon  den 
zukünftigen  gründlichen  Forscher  zeigte,  promoviert  wurde.  Er 
setzte  dann  seine  Studien  in  Beriin  fort,  wo  er  durch  die  Johannes 
Müllersche  Schule  seine  nachhaltigsten  Anregungen  erhielt,  wenn 


144  Vincenz  Czerny  [14 


c: 


auch  Weber  sich  zu  einem  Meister  in  der  pathologischen  Anatomie 
wesenthch  autodidai<tisch  eingearbeitet  haben  muß.  Im  Sommer 
1852  hielt  er  sich  in  Paris  auf  und  wurde  im  Wintersemester 
Assistent  an  der  chirurgischen  Klinik  In  Bonn,  welche  damals 
unter  der  Leitung  des  früher  hoch  angesehenen,  aber  jetzt  ge- 
alterten und  fast  erblindeten  Wutzer  stand.  Unter  diesen  Um- 
ständen mußte  Weber  sich  bald  auf  eigene  Füße  stellen  und 
erwarb  sich  rasch  das  Vertrauen  zahlreicher  Kranken.  Er  hatte 
sich  1853  für  Chirurgie  habilitiert.  Als  aber  an  Stelle  Wutzers 
1855  W.  Busch  berufen  worden  war,  blieb  er  wohl  noch  ein  Jahr 
bei  diesem  Assistent,  widmete  sich  aber  dann  vollständig  der  patho- 
logischen Anatomie  und  wurde  in  diesem  Fach  1857  zum  außer- 
ordentlichen und  1862  zum  ordentlichen  Professor  ernannt.  1858 
verheiratete  er  sich  mit  Fräulein  Julie  Gehring  in  Bonn,  welche 
ihm  nach  achtjähriger  Ehe  einen  Sohn  schenkte,  der  leider  ein 
Jahr  nach  seinem  Vater  ebenfalls  an  Diphtheritis  in  Heidelberg  ge- 
storben ist.  Frau  Weber  hat  sich  in  Heidelberg  ein  Denkmal 
gesetzt,  indem  sie  eine  Stiftung  von  10000  Mark  gründete,  deren 
Erträgnis  alljähriich  dem  Preisträger  der  medizinischen  Fakultät 
veriiehen  wird. 

Weber  hatte  in  Bonn  immer  Fühlung  mit  der  chirurgischen 
Praxis  behalten,  da  er  die  Leitung  der  chirurgischen  Abteilung  des 
evangelischen  Spitals  behielt.  Er  war  von  einem  unermüdlichen 
Fleiße,  beherrschte  alle  Methoden  der  wissenschaftlichen  Forschung, 
sammelte  und  zeichnete  in  künstlerischer  Weise  zahlreiche  Prä- 
parate, welche  die  Grundlage  seiner  umfassenden  wissenschaft- 
lichen Arbeiten  bildeten.  Schon  in  Bonn  erstreckten  sich  dieselben 
ebensosehr  auf  verschiedene  Gebiete  der  Chirurgie,  als  auch  der 
pathologischen  Anatomie.  Besonders  die  Erkrankungen  der  Knochen 
und  Knorpel,  die  Veränderung  dieser  Organe  bei  Rhachitis,  Osteo- 
malacie  und  Geschwulstbildung,  die  Erscheinungen  bei  der  Ent- 
zündung der  Gewebe,  die  Neubildung  quergestreifter  Muskelfasern 


15]     Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      145 


bildeten  wiederholt  Vorwürfe  seiner  ausgezeichneten  Publikationen. 
Eine  grundlegende  Arbeit  waren  seine  experimentellen  Studien 
über  Pyaemie,  Septikaemie  und  Fieber,  in  denen  er  nachwies, 
daß  das  Fieber  immer  die  Folge  einer  Blutintoxikation  sei,  ein 
Satz,  der  heute  noch  im  wesentlichen  zu  Recht  besteht.  Seine 
Arbeiten  auf  diesem  Gebiete  begegnen  sich  vielfach  mit  denjenigen 
des  gleichstrebenden  Theodor  Billroth,  der  ebenso  wie  Weber  so 
wesentlich  zum  Aufblühen  der  neuen  Richtung  der  Chirurgie  bei- 
getragen hat.  Billroth  gründete  damals  mit  von  Pitha  gemein- 
schaftlich ein  groß  angelegtes  chirurgisches  Sammelwerk  und 
erzählt  in  seinem  warm  empfundenen  Nekrolog  für  Weber,  daß 
er  sich  für  dasselbe  vor  allem  der  Mitarbeiterschaft  Otto  Webers 
und  Richard  Volkmanns  für  die  allgemeine  Chirurgie  versicherte 
und  ohne  diese  Männer  das  Unternehmen  niemals  begonnen  hätte. 
Es  ist  erstaunlich,  in  wie  kurzer  Zeit  und  mit  welch  ausgezeich- 
neter Vollendung  der  Darstellung  Weber  gerade  während  seines 
Heidelberger  Aufenthaltes,  welcher  den  jungen  Professor  der  Chi- 
rurgie vor  neue  und  wichtige  Aufgaben  stellte,  ausgedehnte  und 
wichtige  Kapitel  dieses  Werkes  in  einer  Weise  verfaßte,  daß  sie 
für  alle  Zeiten  mustergültig  bleiben  werden. 

Er  behandelte  in  denselben  die  Gewebserkrankungen  und  ihre 
Rückwirkung  auf  den  Gesamtorganismus,  dann  die  Krankheiten 
der  Haut,  des  Zellgewebes,  des  Lymphgefäßsystems,  der  Venen, 
der  Arterien  und  der  Nerven.  Dann  die  chirurgischen  Krankheiten 
des  Gesichtes.  Bei  der  Vielseitigkeit  und  Intensität  seiner  Tätigkeit 
war  es  begreiflich,  daß  er  gerne  die  Hand  bot,  die  Augenklinik, 
welche  bis  dahin  noch  mit  der  chirurgischen  Klinik  verbunden 
war,  abzutrennen  und  ihr  in  Professor  Knapp,  dem  jetzt  noch  in 
New- York  tätigen,  berühmten  Augenarzte,  einen  würdigen  und  selb- 
ständigen Vertreter  zu  geben. 

Schon  in  der  kurzen  Zeit  seines  Aufenthaltes  in  Heidelberg 
gelang  es  ihm,  Schüler  von  weither  anzuziehen  und  sie  zu  eigner 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  10 


146  Vincenz  Czerny  [16 


selbständiger  Arbeit  anzuregen.  Die  Trauer  über  seinen  vorzeitigen 
Hingang  war  deshalb  eine  allgemeine,  war  er  doch  bei  seinem 
Tode  kaum  40  Jahre  alt  und  hatte  schon  die  medizinische  Weit 
mit  einer  Fülle  von  neuen  Tatsachen  und  von  groß  angelegten  Ar- 
beiten von  dauerndem  Werte  beschenkt. 

Die  New-Yorker  Ärzte,  welche  in  Langenbecks  Archiv  (9.  Bd.. 
S.  570)  ihm  einen  Nachruf  widmen,  senden  den  Ausdruck  ihrer 
Teilnahme  mit  Recht  in  dem  Bewußtsein,  „daß  der  Wert  des  Hin- 
geschiedenen weit  über  die  engeren  Grenzen  des  Vaterlandes  hinaus, 
überall  da,  wo  deutsche  Wissenschaft  eine  Heimstätte  gefunden, 
erkannt  und  sein  Verlust  empfunden  wird". 


Nach  dem  Tode  Otto  Webers  wurde  Gustav  Simon,  Professor 
der  Chirurgie  in  Rostock,  nach  Heidelberg  berufen.  Derselbe  hatte 
den  ungewöhnlichen  Weg  vom  praktischen  Arzt  und  Militärarzt  zur 
Professur  durch  die  Originalität  seiner  Leistungen  in  der  operativen 
Chirurgie  verdient  und  hat  als  Autodidakt  seinen  Entwicklungsgang 
in  Darmstadt  begonnen,  wo  er  mit  acht  gleichgesinnten  Kollegen, 
unter  denen  besonders  Hegar,  der  Augenarzt  Weber  und  Eigenbrodt 
zu  nennen  sind,  ein  kleines  Privatspital  errichtet  hatte.  In  Rostock 
hatte  er  es  verstanden,  zahlreiche  Kranke,  namentlich  mit  Frauen- 
leiden, heranzuziehen,  hatte  durch  eine  große  Zahl  von  muster- 
gültigen Darstellungen  selbstgewählter  Gebiete  die  Aufmerksamkeit 
weiter  Kreise  auf  sich  gelenkt,  hatte  durch  die  praktische  Einrich- 
tung seines  Unterrichts  sich  als  tüchtiger  Lehrer  bewährt  und 
durch  seine  rege  Teilnahme  an  den  Versammlungen  baltischer 
Ärzte  befruchtend  auf  weite  Kreise  gewirkt.  Simon  zeigte  durch 
seine  Tat,  daß  die  deutsche  Chirurgie  selbständig  geworden  war 
und  eigene  Bahnen  einzuschlagen  wußte.  Namentlich  der  opera- 
tiven Gynäkologie  hat  er  in  Deutschland  Ziel  und  Richtung  gegeben. 


17]     Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      147 


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Christoph  Jakob  Friedrich  Ludwig  Gustav  Simon  wurde  am 
30.  Mai  1824  zu  Darmstadt  als  6.  und  jüngstes  Kind  des  Haupt- 
staatskassenbuchhalters Georg  Simon  geboren.  Seine  Mutter  war 
die  Tochter  des  Pfarrers  Scriba  zu  Nieder-Beerbach.  Sie  stammte 
aus  einer  weitverzweigten  hessischen  Familie,  in  welcher  Neigung  zu 
naturwissenschaftlichen  Studien  sich  vielfach  kundgegeben  hat  und 
der  auch   der  Professor  der  Chirurgie  Scriba  in  Tokio  angehört. 

Er  besuchte  die  Gymnasien  zu  Darmstadt  und  Büdingen,  be- 
zog 1842  die  Universität  Gießen,  1844  Heidelberg,  wo  er  dort  bei 
den  Starkenburgern  und  hier  bei  den  Saxo-Borussen  ein  flotter 
Bursche  und  gewandter  Schläger  gewesen  ist. 

Als  er  nach  Gießen  zurückkehrte,  wurde  er  von  Barde- 
leben zu  ernster  Arbeit  angeregt  und  bestand  Ende  1847  ein  gutes 
Examen.  Nach  der  Promotion  1848  kehrte  er  nach  Darmstadt 
zurück,  und  da  sein  Vater  kurz  zuvor  gestorben  war,  trat  er  als 
Militärarzt  ein,  in  welcher  Stellung  er  anfangs  als  Unter-,  später 
als  Oberarzt  bis  1861  diente.  Der  badische  Feldzug  1849  brachte 
zahlreiche  Verwundete  in  das  Darmstädter  Militärlazarett,  welche 
ihm  reiche  Gelegenheit  gaben,  seine  chirurgischen  Kenntnisse  zu 
vermehren  und  dieselben  in  einer  Schrift  über  Schußwunden,  die 
viele  originelle  Ansichten  enthielt  und  durch  Aufstellung  neuer 
Gesichtspunkte  sich  vor  vielen  andern  ähnlichen  Schriften  aus- 
zeichnet, zusammenzufassen. 

Von  ausschlaggebender  Bedeutung  für  seine  Fortentwicklung 
war  sein  Aufenthalt  1851  /52  in  Paris.  Hier  fesselten  ihn  vor  allem  die 
Erfolge  Jobert  de  Lamballes,  welche  derselbe  auf  dem  schwierigen 
Gebiete  der  Blasenscheidenfisteln  durch  eine  neue  Methode,  dieselbe 
freizulegen  und  durch  Anfrischung  und  Naht  der  Ränder  zu  heilen, 
erzielte.  Es  gelang  Simon  mit  hartnäckigem  Spürsinn,  den  Resul- 
taten  der  Jobertschen  Operationen  nachzuforschen  und  die  Über- 
zeugung zu  gewinnen,  daß  die  Erfolge  doch  nicht  so  glänzend 
waren,  wie  sie  den  Schülern  dargestellt  wurden.     Das  wurde  ihm 

10* 


148  Vincenz  Czcrny  (18 


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zur  Veranlassung,  diesen  Gegenstand  mit  leidenschaftlichem  Eifer 
zu  verfolgen  und  durch  Verbesserung  der  Methode  Resultate  zu 
erzielen,  welche  alles  überflügelten,  was  man  bis  dahin  auf  diesem 
schwierigen  Gebiet  erzielt  hatte.  Als  er  nach  Darmstadt  zurück- 
gekehrt war,  suchte  er  im  ganzen  Hessenlande  und  darüber  hinaus 
durch  Vermittlung  der  Ärzte  alle  Frauen  nach  Darmstadt  zu  be- 
kommen, welche  mit  diesem  lästigen  Leiden  behaftet  waren.  Zwei- 
mal mußte  sogar  das  elterliche  Haus  diesen  nicht  gerade  bequemen 
Kranken  gastfrei  die  Tore  öffnen.  Schon  1854  konnte  er  über 
sechs  Fälle  von  Blasenscheidenfisteln  berichten,  welche  mit  einer 
neuen  Methode  der  Naht,  der  sogenannten  Doppelnaht,  behandelt 
worden  sind. 

Als  seine  Erfolge  bekannt  wurden,  strömten  ihm  bald  Kranke, 
welche  mit  diesem  Leiden  behaftet  waren,  zu  und  namentlich  in 
Rostock  wurde  sein  Ruhm  bis  weit  ins  Innere  Rußlands  hinein  auf 
diesem  Gebiet  verkündet. 

Es  kann  hier  nicht  meine  Aufgabe  sein,  die  speziellen  Vor- 
teile der  Simonschen  Methode  der  Behandlung  hervorzuheben. 
Aber  bloß  mit  hartnäckiger  Ausdauer  und  zielbewußter  Verfolgung 
der  Aufgabe  war  es  möglich,  die  Schwierigkeiten  zu  überwinden 
und  Methoden  ausfindig  zu  machen,  welche  heute  noch  muster- 
gültig und  jetzt  in  Fleisch  und  Blut  der  Operateure  übergegangen 
sind,  so  daß  sie  —  vielleicht  zum  Nachteil  der  Kranken  —  nicht 
mehr  allein  von  einzelnen  Spezialisten  geübt  werden,  sondern  ge- 
meinschaftlicher Besitz  aller  operierenden  Frauenärzte  gewor- 
den sind. 

Noch  kurz  vor  seinem  Tode  forderte  er  den  berühmten  ameri- 
kanischen Fisteloperateur  Bozemann  in  Heidelberg  zu  einem  Zwei- 
kampf auf,  in  dem  die  beiden  Operateure  —  jeder  nach  seiner 
Art  —  die  Heilung  solcher  Fisteln  versuchte,  um  dadurch  fest- 
zustellen, ob  die  deutsche  oder  die  amerikanische  Methode  vor- 
zuziehen sei. 


19]    Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      149 


'W*'' 


Die  Erfolge  bei  der  Fisteloperation  veranlaßten  Simon,  noch 
andere  Frauenleiden  durch  zweckmäßige  Operationsmethoden  zu 
bekämpfen  und  neue  Behandlungsmethoden  zweckmäßig  modifiziert 
bei  uns  einzuführen.  Dahin  gehören  die  Operationen  großer 
Gebärmutterpolypen,  die  Amputation  der  Vaginalportion  und  die 
Heilung  des  Dammrisses. 

1860  verehelichte  sich  Simon  mit  der  Tochter  des  hessischen 
Generalmajors  Dingeldey  in  Darmstadt,  die  ihm  eine  treue  Ge- 
fährtin durchs  Leben  gewesen  ist  und  ihm  in  einem  gemütlichen 
Heim  Ruhe  und  Erholung  schaffte,  deren  er  bei  so  aufreibender 
und  fruchtbarer  Arbeit  dringend  bedurfte.  Sie  schenkte  ihm 
vier  Kinder,  zwei  Söhne  und  zwei  Töchter.  Der  älteste  Sohn 
Otto,  welcher  allein  am  Leben  geblieben  ist,  verspricht  als  Dozent 
der  Chirurgie  in  Heidelberg  das  reiche  Erbe  seines  Vaters  zu 
mehren. 

Außer  drei  größeren  selbständigen  Schriften  hatte  Simon  schon 
17  Arbeiten  in  Zeitschriften  über  verschiedene  Gebiete  der  Chirurgie 
und  gerichtlichen  Medizin  veröffentlicht,  als  er  1861  zur  Unterstützung 
des  alternden  Professors  Strempel  als  zweiter  Chirurg  nach  Rostock 
berufen  wurde.  Die  Übernahme  der  Klinik,  welche  schon  ein 
Jahr  später  erfolgte,  stellte  ihn  vor  eine  neue  schwere  Aufgabe. 
Er  hatte  wohl  im  Kreise  seiner  Kollegen  in  Darmstadt  ausgezeich- 
nete Vorträge  gehalten  über  Gegenstände  seiner  speziellen  Studien 
und  hatte  selbst  im  Verein  mit  Darmstädter  und  Frankfurter  Kollegen 
die  jetzt  noch  blühenden  Versammlungen  mittelrheinischer  Ärzte 
ins  Leben  gerufen.^  Nun  sollte  er  Unterricht  erteilen  über  das 
Gesamtgebiet  der  Chirurgie  und  Augenheilkunde,  welch  letzterer 
er  bis  dahin  fremd  geblieben  war.  Er  brachte  deshalb  zweimal 
die  Osterferien  In  Berlin  zu,  um  Gräfes  Klinik  zu  besuchen.  Er 
vervollkommnete  in  Kursen  über  Anatomie  und  Mikroskopie  seine 


*  Zur  Geschichte  der  Versammlungen  mittelrheinischer  Ärzte  von  Dr. 
Arth.  Hoffmann  (Münch.  med.  Woch.  N.  44,  1902). 


150  Vincenz  Czerny  [20 


Kenntnisse  und  arbeitete  mit  großem  Fleiße  seine  Kollegienhefte 
aus.  Sein  Vortrag  war  zwar  kein  glänzender,  er  war  aber  stets 
auf  das  Wesentliche  gerichtet,  knapp  und  einleuchtend  und  nur 
das  hervorhebend,  was  für  den  praktischen  Arzt  und  Chirurgen 
am  wichtigsten  ist.  Er  ließ  es  sich  nicht  verdrießen,  seinen  Schü- 
lern der  älteren  Semester  typische  Operationen  nicht  nur  anzu- 
vertrauen, sondern  ihnen  auch  bei  der  Ausführung  derselben  selbst 
zu  assistieren.  Die  Klinik  gab  ihm  mannigfache  Anregungen,  aus 
denen  neben  regelmäßigen  Berichten  über  die  wichstigsten  Ereig- 
nisse auch  ausführliche  und  gründliche  Erörterungen  aus  dem 
Gebiete  der  praktischen  Chirurgie  hervorgingen.  Die  in  Mecklen- 
burg ziemlich  häufige  Erkrankung  der  Echinokokken  gab  ihm  An- 
laß, eine  originelle  und  brauchbare  Operationsmethode  derselben 
zu  erfinden. 

Er  gründete  mit  Veit  den  Verein  baltischer  Ärzte,  dem  sich 
die  Universitäten  Kiel  und  Greifswald  anschlössen.  1864  besuchte 
er  den  Kriegsschauplatz  in  Schleswig-Holstein.  Im  Herbst  des 
Jahres,  als  er  sich  zur  Erholung  an  der  Bergstraße  aufhielt,  zog  er 
sich  eine  schwere  Hülftgelenksentzündung  zu.  Er  hatte  sich  den 
Fuß  verstaucht  und  bedurfte  Schonung.  Ein  befreundeter  Kollege 
ersuchte  ihn,  eine  arme  Bäuerin,  welche  bloß  zu  Fuß  zu  erreichen 
war  und  die  von  einem  interessanten  Leiden  durch  eine  Operation 
geheilt  werden  sollte,  zu  besuchen.  Die  übergroße  Anstrengung 
warf  ihn  aufs  Krankenlager,  von  dem  er  nach  großen  Schmerzen 
erst  mit  Krücken  sich  erheben  konnte,  und  mehr  als  ein  Jahr 
brauchte  er  zu  seiner  vollkommenen  Erholung. 

Er  benutzte  diese  unfreiwillige  Muße  zu  einer  Reihe  von  wich- 
tigen Arbeiten,  begann  die  Mitteilungen  aus  der  Rostocker  Klinik 
und  einzelne  Kapitel  für  das  Handbuch  der  Chirurgie  von  Pitha 
und  Billroth,  welche  leider  nur  teilweise  vollendet  wurden. 

Während  des  Krieges  1866  war  er  von  einem  Hülfskomitee, 
an  dessen  Spitze  Virchow  stand,  ersucht  worden,  Ärzte  zu  stellen. 


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21]    Maximilian  Joseph  v.  Chelius,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      151 


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Er  stellte  sich  selbst  zur  Verfügung,  wandelte  in  wenigen  Tagen 
die  Ulanenkaserne  zu  Moabit  in  ein  wohnliches  Hospital  um  und 
war  selbst  unermüdlich  tätig  bis  Ende  September.  Zum  Andenken 
an  diese  ersprießliche  Tätigkeit  erhielt  er  die  Bronzestatue  Friedrich 
des  Großen  von  dem  Berliner  Komitee  und  den  Kronenorden  dritter 
Klasse.  Im  Herbst  1867  wurde  Simon  nach  Heidelberg  berufen. 
Mit  schwerem  Herzen  verließ  er  die  Stätte  seiner  7  jährigen  erfolg- 
reichen Tätigkeit  und  folgte  dem  Rufe  an  die  Universität,  wo  er  gerne 
als  Student  geweilt  hatte.  Leider  war  der  Umzug  sehr  bald  von 
schwerem  Kummer  und  Sorgen  begleitet,  denn  schon  nach  sechs 
Wochen  erkrankte  der  älteste  Knabe  an  Diphtheritis,  welcher  zwar 
genas,  während  vierzehn  Tage  später  das  jüngste,  1867  geborene 
Töchterchen  der  schlimmen  Krankheit  erlag.  Auch  das  ältere  Töch- 
terchen, welches  nach  acht  Tagen  erkrankte,  konnte  selbst  mit  dem 
Luftröhrenschnitt  nicht  gerettet  werden.  Während  er  sich  durch  das 
schwere  Unglück  nicht  niederbeugen  ließ,  drohte  der  Zusammen- 
bruch seiner  Kräfte,  als  im  Herbst  auch  die  Gattin  an  Diphtheritis 
erkrankte.  Glücklicherweise  ließ  die  Genesung  nicht  lange  auf 
sich  warten. 

Die  Diphtheritis,  welche  in  den  Familien  Otto  Webers  und 
Simons  eine  so  verhängnisvolle  Rolle  gespielt  hat,  herrschte  in 
der  Stadt  Heidelberg  und  besonders  auch  im  alten  klinischen 
Hospital,  behielt  aber  noch  ihren  verhängnisvollen  Charakter  bis 
in  die  80er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts,  wo  wir  noch  in  der 
neuen  chirurgischen  Klinik  zahlreiche  schwere  Fälle  zu  behandeln 
hatten.  Erst  seit  der  Einführung  des  Behringschen  Diphtherie- 
serums scheint  der  schlimme  Charakter  der  Krankheit  gebrochen 
zu  sein. 

In  Heidelberg  wurde  Simon  1868  von  einer  Frau  konsultiert, 
welche  nach  der  Exstirpation  einer  Eierstockgeschwulst  eine  Harn- 
leiterfistel behalten  hatte.  Vergebliche  Versuche,  dieselbe  zu  heilen, 
veranlaßten  Simon  zu  der  experimentellen  Prüfung  zunächst  an 


152  Vincenz  Czerny  [22 


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Hunden  über  die  Frage,  ob  und  wie  die  Exstirpation  einer  Niere 
möglich  sei,  da  ein  anderer  Weg  zur  Heilung  der  Kranken  unmög- 
lich und  verschlossen  zu  sein  schien. 

Nachdem  er  durch  eine  Reihe  von  Versuchen  festgestellt  hatte, 
daß  der  Ausfall  einer  Niere  sehr  schnell  kompensiert  wird  durch 
die  Tätigkeit  der  andern  Nieren,  schritt  er  am  2.  August  1869  zu 
dieser  Operation  und  hatte  das  Glück,  die  Kranke  von  ihrem 
lästigen  Leiden  zu  befreien.  Durch  diesen  glänzenden  Erfolg, 
welchen  er  in  der  zielbewußten  Übertragung  der  durch  das  Tier- 
experiment gewonnenen  Erfahrung  auf  Menschen  erzielt  hatte,  hat 
er  einem  ganz  neuen  Gebiete  der  Chirurgie  die  Bahnen  geöffnet. 
Dutzende  von  neuen  Operationsmethoden  waren  die  natürliche 
Folge  dieses  kühnen  Schrittes,  die  Erkrankungen  der  Nieren,  der 
Harnleiter,  der  Blase  wurden  von  einem  neuen  Strahle  der  Er- 
kenntnis beleuchtet  und  Hunderten  von  Menschen  ist  seitdem  auf 
diesem  Wege  die  Gesundheit  wiedergegeben  worden,  welche  sonst 
zu  einem  qualvollen  Siechtum  verurteilt  gewesen  wären. 

Während  des  Krieges  1870,71  entwickelte  Simon  als  General- 
arzt der  badischen  Reservelazarette  eine  unermüdliche  Tätigkeit 
mit  Anspannung  aller  Kräfte.  Am  Tage  operierte  er  in  dem  Heidel- 
berger Lazarette  und  die  Nacht  benutzte  er  zu  Inspektionsreisen, 
um  überall  mit  Rat  und  Tat  zur  Seite  zu  stehen.  Leider  ist  der 
Generalbericht  über  diese  ausgedehnte  Tätigkeit  nicht  zustande  ge- 
kommen und  es  liegt  bloß  ein  wertvoller  Beitrag  zu  den  Schuß- 
verietzungen  des  Kniegelenkes  aus  dieser  Zeit  vor. 

Alljähriich  vereinigte  er  in  Heidelberg  Chirurgen  und  Ärzte 
aus  nah  und  fern,  um  ihnen  interessante  Fälle  zu  zeigen  und  sie 
mit  seinen  neuen  Methoden  der  Untersuchung  der  Blase,  des 
Mastdarms,  der  Unterleibsorgane  bekannt  zu  machen  und  seine 
Operationsmethoden  zu  demonstrieren.  So  groß  war  sein  Eifer, 
daß  er  es  nicht  sehen  konnte,  wenn  nicht  jeder  der  Zuhörer  die 
gebotene  Gelegenheit  zu  seiner  Belehrung  benutzen  wollte.    Als 


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23]    Maximilian  Joseph  v.  Chellus,  Carl  Otto  Weber,  Gustav  Simon.      153 


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er  seine  Methode  der  Exploration  der  Unterleibsorgane  mit  der 
ganzen  Hand  durch  den  Mastdarm  demonstrierte,  stand  ein  Herr 
im  schwarzen  Rock  daneben,  der  nicht  daran  wollte,  als  die  Reihe 
an  ihn  kam.  Simon  drängte  ihn,  er  möchte  es  doch  ebenfalls 
versuchen,  der  aber  antwortete:  „Beg  pardon,  1  am  Reverend  and 
no  Surgeon".  Der  Ruf  der  Simonschen  Demonstrationen  hatte 
manchmal  außer  den  Ärzten  auch  Laien  in  den  Operationssaal 
gelockt. 

Unermüdlich,  wie  Simon  in  der  Verbreitung  seiner  Kunst  in 
Darmstadt,  Rostock  und  Heidelberg  war,  gab  er  auch  in  Berlin  den 
Anstoß  zur  Gründung  der  Deutschen  Gesellschaft  für  Chirurgie, 
welche  er  mit  von  Langenbeck  und  Volkmann  ins  Leben  rief. 
Solange  es  seine  Gesundheit  erlaubte,  war  er  unermüdlich  im  Be- 
suche dieser  Kongresse  und  kam  niemals  mit  leeren  Händen. 
Leider  widerstand  sein  sonst  so  kräftiger  Körper  den  übergroßen 
Anstrengungen  nicht  lange.  Schon  im  Winter  1872 — 73  litt  er  öfter 
an  hartnäckigen  Katarrhen  und  Atemnot.  Wiederholter  Aufent- 
halt am  Genfer  See,  im  Schwarzwald,  an  der  Bergstraße  besserten 
wohl  seinen  Zustand  vorübergehend,  brachten  aber  keine  dauernde 
Heilung.  Schon  1874  erkannte  der  ihm  befreundete  Professor  von 
Dusch  ein  Aneurysma  der  Brustschlagader,  verschwieg  ihm  aber 
die  Diagnose  und  empfahl  ihm  Ruhe  und  Schonung. 

Mit  mehrmonatlichen  Unterbrechungen  konnte  er  noch  einen 
Teil  seiner  Arbeiten  aufnehmen,  mußte  sich  aber  seit  Herbst  1875 
in  der  Klinik  dauernd  vertreten  lassen.  Er  verbrachte  die  letzten 
Frühjahrsmonate  1875  in  einer  sonnigen  Villa  in  Neuenheim  und 
wurde  am  27.  August  von  einer  heftigen  Atemnot  befallen,  wegen 
der  er  seinen  Assistenten,  den  jetzigen  Professor  Braun  in  Qöt- 
tingen,  dringend  bat,  ihm  durch  den  Luftröhrenschnitt  Linderung 
zu  verschaffen.  Obgleich  Braun  wußte,  daß  die  Operation  keinen 
Nutzen  bringen  konnte,  war  es  doch  unmöglich,  dem  geliebten 
Meister  den  letzten  Wunsch  zu  versagen.     Derselbe  zeigte  durch 


154         Vincenz  Czerny:  M.  J.  v.  Chelius,  C.  O.  Weber.  0.  Simon.         [24 


einen  dankbaren  Bück,  daß  er  sich  erleichtert  fühlte,  schlummerte 
aber  bald  ein  in  einen  tiefen  Schlaf,  aus  dem  er  nicfit  mehr  er- 
wachen sollte. 

In  Gustav  Simon  hat  die  deutsche  Chirurgie  einen  ihrer  be- 
deutendsten Pfadfinder  verloren,  dessen  Vorzug  in  der  Beschrän- 
kung auf  ein  enges  Gebiet  bestand,  der  aber  gerade  dadurch  Neues 
und  Dauerhaftes  zustande  gebracht  hat. 

Heidelberg  hatte  das  Glück,  an  die  Spitze  seiner  chirurgischen 
Klinik  drei  Männer  zu  berufen,  welche  die  aufsteigende  Entwick- 
lung der  Chirurgie  im  19.  Jahrhundert  in  glänzender  Weise  reprä- 
sentierten: zuerst  den  aristokratischen  Chelius,  der  durch  seine 
weltmännische  Bildung,  seine  zahlreichen  Reisen,  welche  ihn  mit 
allen  berühmten  Chirurgen  der  damaligen  Zeit  in  freundschaftliche 
Beziehungen  brachten,  durch  ein  hervorragendes  Beobachtungs- 
talent und  eminente  Geschicklichkeit  wie  in  einem  Brennspiegel  die 
damals  vorhandenen  Kenntnisse  und  Fertigkeiten  auf  seinem  Gebiete 
in  sich  vereinigte  und  mit  vollendeter  Darstellungskunst  in  seinem 
Lehrbuche  wiedergab;  dann  Otto  Weber,  welcher  die  wissenschaft- 
lichen Grundlagen  der  Chirurgie  auf  dem  Boden  der  neuentstan- 
denen pathologischen  Anatomie  und  Histologie  aufbauen  half,  und 
endlich  Gustav  Simon,  der  die  Resultate  des  Tierexperimentes, 
welches  bis  dahin  meist  nur  zur  Begründung  theoretischen  Wissens 
herangezogen  worden  war,  kühn  auf  die  Anwendung  beim  Menschen 
übertrug  und  neue  Bahnen  werktätiger  Hülfe  für  den  Kranken  be- 
treten hat. 

Es  gewährt  einen  ästhetischen  Genuß  zu  sehen,  wie  jeder  der 
drei  Männer,  ein  Kind  seiner  Zeit,  selbst  zum  Träger  der  treibenden 
Ideen  wird  und  wie  sie  dadurch  nicht  allein  den  Ruhm  der  Heidel- 
berger Hochschule,  sondern  auch  den  Fortschritt  der  menschlichen 
KuUur  gefördert  haben. 


Nikolaus  Friedreich 


von 


Wilhelm  Erb. 


^Ijinfach  und  bescheiden  waren  die  Verhältnisse  der  medi- 
zinischen Fakultät,  als  vor  100  Jahren  mit  dem  be- 
rühmten Edikt  Karl  Friedrichs  vom  9.  Mai  1803  die 


Erneuerung  der  Hochschule  und  damit  auch  die  Neubelebung  der 
medizinischen  Fakultät,  der  „Arzneigelahrtheit",  erfolgte.  Nur  fünf 
Ordinarien  erschienen  in  dem  Verzeichnis  der  ersten  Jahre,  außer- 
dem nur  3 — 4  Extraordinarien  und  Privatdozenten.  Jeder  der 
Professoren  las  über  mehrere  (bis  4  oder  5)  Fächer,  z.  T.  ganz 
heterogener  Art,  und  die  Zahl  der  Unterrichtsstunden  war  eine  sehr 
beschränkte. 

Von  klinischen  Instituten,  von  all  den  großartigen  wissen- 
schaftlichen und  Unterrichtsanstalten,  wie  sie  heute  zu  dem  Lehr- 
apparat einer  medizinischen  Fakultät  gehören,  waren  damals  noch 
kaum  die  ersten  Anfänge  vorhanden. 

Aber  in  rascher  Entwicklung  blühten  sie  unter  den  neuen 
günstigen  Verhältnissen  auf.  1804  wurde  das  ehemalige  Domini- 
kanerkloster, das  an  der  Stelle  des  heutigen  Friedrichsbaues  stand, 
vom  Staate  angekauft  und  in  demselben  das  anatomische  The- 
ater eingerichtet;  1805  wurde  die  Entbindungsanstalt  von 
Mannheim  in  das  erste  Stockwerk  des  gleichen  Gebäudes  verlegt, 
ohne  Ahnung  von  den  schweren  Gefahren,  mit  welchen  die  Nähe 
der  anatomischen  Anstalt  sie  bedrohte,  und  ebenfalls  1805  wurde 
daselbst  auch  eine  medizinische  Poliklinik,  ein  Ambulatorium 


L^^ji^gF^ 


158  Wilhelm  Erb  [4 


für  den  Unterricht,  verbunden  mit  Hausbesuchen  der  Studierenden 
in  der  Stadt,  errichtet. 

Aber  es  dauert  noch  10  Jahre,  bis  1815  ebendaselbst  eine 
wirkhche  Hospitalklinik  eröffnet  wird,  welcher  1818  unter  Chelius 
die  chirurgische  Klinik  folgte.  Aus  den  ailzueng  gewordenen 
Räumen  siedelten  dann  noch  im  Jahre  1818  die  drei  Kliniken  in 
die  alte  Kaserne  am  Marstallhof  über. 

Auch  die  Zahl  der  Studierenden  scheint  anfangs  eine  sehr 
geringe  gewesen  zu  sein.  Über  die  ersten  zwei  Jahrzehnte  konnte 
ich  leider  keine  genaue  Aufstellung  finden;  erst  im  Jahre  182223 
sind  45  bezw.  46  „Mediziner,  Chirurgen  und  Pharmazeuten"  an- 
geführt; höchstens  die  Hälfte  davon  mögen  „Mediziner"  in  unserem 
heutigen  Sinne  gewesen  sein.  —  Aber  ihre  Zahl  ist  im  Jahre 
1832/33  bereits  auf  256  (W.-S.)  und  216  (S.-S.)  gestiegen,  freilich 
um  später  wieder  erheblich  zu  fallen. 

Im  Laufe  des  Jahrhunderts  aber  hat  die  medizinische  Fakultät 
eine  ganz  gewaltige  Entwicklung  erfahren.  Der  Lehrkörper  ist  all- 
mählich gewachsen:  in  den  vierziger  und  fünfziger  Jahren  stieg  die 
Zahl  der  Dozenten  und  hielt  sich  längere  Zeit  bei  konstant  sieben 
Ordinarien  zwischen  14  und  17  —  von  den  sechziger  Jahren  an 
stieg  sie  rascher  und  das  diesjährige  Verzeichnis  weist  11  aktive 
Ordinarien,  1  ord.  Honorarius,  19  Extraordinarien  und  16  Privat- 
dozenten —  also  in  Summa  nicht  weniger  als  47  Dozenten  auf; 
also  sechsmal  soviel  wie  1803! 

Aber  diese  gewaltige  Entwicklung  ist  nicht  ganz  ohne  Schwan- 
kung geschehen,  nicht  immer  eine  geradlinig  aufsteigende  gewesen.^ 

1  Es  wäre  wohl  ganz  interessant,  dies  an  der  Hand  einer  Statistik  der 
Medizinstudierenden  zu  verfolgen.  Leider  sind  aber  die  vorliegenden  Zahlen 
nicht  untereinander  vergleichbar:  in  den  ersten  Dezennien  sind  JMediziner^, 
„Chirurgen"*  (eine  Art  Mediziner  II.  Klasse,  die  in  der  Praxis  wesentlich  als 
„Amtschirurgen''  etc.  die  Chirurgie  ausübten)  und  „Pharmazeuten**  zusammen- 
gefaßt; ihrer  waren  es: 


5]  Nikolaus  Friedreich.  159 

Darüber  geben  die  Berichte  mancher  Zeitgenossen,  besonders  die 
„Erinnerungen  eines  alten  Arztes"  von  Kußmaul  mancherlei 
interessante  Aufschlüsse. 

Eine  erste  Glanzperiode  der  medizinischen  Fakultät  trat  noch 
vor  der  Mitte  des  Jahrhunderts  ein,  als  eine  ganze  Reihe  hervor- 
ragender Männer  hier  zusammenwirkte  —  das  war  in  den  drei- 
ßiger und  vierziger  Jahren,  als  die  Namen  von  Tiedemann, 
Chelius,  Naegele,  Puchelt,  Henle,  Pfeufer  und  Gmelin 
hier  glänzten  und  den  Ruf  der  Heidelberger  medizinischen  Fakultät 
über  alle  Lande  trugen,  „ein  neues  medizinisches  Salerno",  wie  es 
Kußmaul  nennt. 


1822/23  Wintersemester    45.  Sommersemester    46. 

1832/33               „             256.  „                216. 

1843/44'            „              110.  „                 123. 

1852/53               „               99.  „                 105. 

Von  1853/54  an  werden  alle  „Mediziner,  Chemi  ker  und  Pharmazeuten" 
zusammengefaßt;  ihrer  waren  es: 

1853/54  Wintersemester  93.  Sommersemester  107. 

1855/56               „  122.  „                131. 

1860/61               „  102.  „                101. 

1863/64               „  128.  „                136. 

Von  jetzt  ab,  1864/65  endlich  werden  die  Mediziner  allein  für  sich 
gezählt  und  da  fällt  die  Zahl  bedeutend  ab;  die  Hauptmenge  unter  den 
vorhergegangenen  Zahlen  waren  also  Chemiker  und  Pharmazeuten.  —  Von 
nun  an  bewegen  sich  die  Zahlen  in  fast  kontinuierlich  ansteigender  Linie, 
dem  allgemein  großen  Aufschwung  des  Medizinstudiums  entsprechend: 

1864/65  Wintersemester    50.    Sommersemester    43. 

83.  „  110. 


1874/75 

n 
n 

68. 

n 

1    ■  \7. 

92. 

1879/80 

n 

105. 

n 

122. 

1884/85 

n 

210. 

n 

265. 

1889/90 

n 

284. 

n 

350. 

1894/95 

n 

225. 

»» 

275. 

1899/00 

n 

253. 

n 

301. 

1902/03 

n 

235. 

M 

311. 

160  Wilhelm  Erb  |6 


Dann  aber,  um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts,  trat  ein 
Zurücksinken  dieser  Blüte  ein:  die  großen  Männer  starben  oder  sie 
wurden  alt  und  weniger  leistungsfähig,  ja  sie  traten  nicht  selten 
der  günstigen  Weiterentwicklung  hindernd  entgegen.  Der  Ersatz 
der  ausscheidenden  Lehrkräfte  wurde  mangelhaft,  die  Ausgestaltung 
der  Fakultät  nach  den  neu  sich  einstellenden  Bedurfnissen,  neuen 
Fächern  und  neuen  Lehrstühlen  blieb  unzureichend  —  nicht  ohne 
Schuld  der  Regierung,  aber  auch  nicht  ohne  Schuld  der  Fakultät 
resp.  einzelner  ihrer  Mitglieder.  Die  Lebenserinnerungen  Hasses, 
der  von  1852 — 56  innerer  Kliniker  hier  war  und  durch  diese  Ver- 
hältnisse bei  seinem  Weggang  nicht  am  wenigsten  bestimmt  wurde, 
geben  davon  eine  wenn  auch  nur  skizzenhafte,  doch  sehr  beredte 
Schilderung. 

In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  trat  hierin  Wandel  ein: 
mit  dem  Aufblühen  der  Naturwissenschaften,  mit  dem  Eindringen 
der  naturwissenschaftlichen  Richtung  und  Forschungsmethode  in  die 
Medizin  beginnt  neues  Leben,  neuer  Aufschwung.  Das  Ministerium 
in  Kartsruhe  verstand  die  Zeichen  der  Zeit  und  führte  durch  kluge 
und  glückliche  Berufungen  hervorragender  Naturforscher  und  Medi- 
ziner eine  hocherfreuliche  Blüte  der  Hochschule  herbei. 

Als  jenes  glänzende  Dreigestirn  großer  Naturforscher,  dessen 
Wirken  den  Namen  der  Ruperto- Carola  durch  die  fernsten  Jahr- 
hunderte tragen  wird,  hier  vereinigt  wurde,  als  Bunsen  die  Chemie, 
Kirchhoff  die  Physik.  Helmholtz  die  Physiologie  lehrten,  ak 
diese  für  die  Medizin  so  wichtigen  Hülfsfächer  in  unvergleichlicher 
Weise  blühten,  konnte  auch  ein  neuer  Aufschwung  der  medizinischen 
Fakultät  nicht  ausbleiben. 

Durch  mehrfache  geschickte  Berufungen,  durch  Schaffung  neocr 
Lehrstühle,  durch  Ergänzung  und  Verjüngung  der  FakuHit,  dorch 
die  Neugestaltung  des  Unterrichts  und  seiner  Methoden,  dordi 
Errichtung  einer  Anzahl  neuer  wissenschaftlicher  instüme 
Unterrichtsanstalten,  die  genügend  dotiert  wurden,  begann  n 


7]  Nikolaus  Friedreich.  161 


'•\^^\jr 


der  fünfziger  und   im  Laufe  der  sechziger  Jahre  eine  neue  Blüte 
der  medizinischen  Fakultät,  die  bis  zum  heutigen  Tage  sich  erhält. 

Zu  den  Männern,  die  an  dieser  Entwicklung  den  hervor- 
ragendsten Anteil  haben,  gehört  neben  so  manchen  andern 
Nikolaus  Friedreich,  der  im  S.-S.  1858  die  Professur  der 
speziellen  Pathologie  und  die  Leitung  der  medizinischen  Klinik 
übernahm. 

Der  medizinisch-klinische  Unterricht  war  an  diesem  Zeitpunkte 
schon  zu  einer  ganz  erfreulichen  Blüte  gediehen ;  aus  kleinen  An- 
fängen hatte  er  sich  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahrhunderts  allmählich 
entwickelt. 

Wie  oben  schon  gesagt,  wurde  erst  1815  nach  der  Berufung 
Conradis,  vor  welchem  Ackermann  nur  eine  Poliklinik  für 
Studierende  nutzbar  machen  konnte,  die  erste  dem  Unterricht  ge- 
widmete Hospitalklinik  in  dem  alten  Dominikanerkloster  mit 
20  Betten  eröffnet.  —  Conradi  führte  sie  bis  1823,  wo  er  nach 
Qöttingen  berufen  wurde;  Sebastian  führte  sie  dann  interimistisch, 
bis  1824  Puchelt,  ein  hervorragender  Kliniker  mit  vielseitigem 
Wissen  und  Können,  in  die  Leitung  der  Klinik  eintrat,  um  sie  eine 
lange  Reihe  von  Jahren  mit  Erfolg  zu  führen.  Aber  schon  im  Jahre 
1843  nach  Sebastians  Tode  wurde  neben  seiner  Klinik  eine  zweite 
medizinische  Klinik  eröffnet,  die  C.  Pfeufer,  eine  „mächtige  die  Ju- 
gend fesselnde,  entschlossene  Persönlichkeit  (Kußmaul)",  bis  zu 
seiner  1852  erfolgten  Berufung  nach  München  leitete;  der  genügende 
Raum  dafür  wurde  dadurch  gewonnen,  daß  die  medizinischen  und 
chirurgischen  Kliniken  in  das  sog.  „Kleine  Seminar"  (jetzt  Kaserne) 
übersiedelten,  das  von  1856  an  den  Namen  „Akademisches  Kranken- 
haus" führte  und  im  Jahre  1876  die  großartigen  jetzigen  Neubauten 
an  der  Bergheimerstraße  bezog.  —  Pfeufer  hatte  schon  in  den 
letzten  Jahren  wegen  zunehmenden  Alters  und  Kränklichkeit  (dro- 
hender Erblindung)  Puchelts  die  beiden  Kliniken  gemeinschaft- 
lich geführt;  dasselbe  geschah  durch  seinen  Nachfolger  Hasse, 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  II 


162  Wilhelm  Erb  [8 


der  1852  von  Zürich  hierher  berufen  wurde  und  schon  1856  nach 
Qöttingen  übersiedelte. 

Um  dieselbe  Zeit  starb  Puchelt  und  die  beiden  Kliniken 
wurden  nun  wieder  zu  einer  einzigen  unter  Ducheks  Leitung  ver- 
einigt, dafür  aber  die  Poliklinik  von  ihr  losgelöst  und  von  1856 
unter  von  Duschs  Direktion  als  besonderes  Institut  weitergeführt. 

Als  Duchek  zu  Ostern  1858  einem  Rufe  nach  Wien  folgte, 
trat  der  noch  jugendliche  Fried  reich  an  seine  Stelle;  er  bekleidete 
dieselbe  bis  zu  seinem  allzufrühen  Tode. 

Nikolaus  Friedreich  wurde  geboren  in  Würzburg  am 
31.  Juli  1825  als  Sohn  und  Enkel  hervorragender  Professoren  der 
Medizin;  sein  Großvater  Nikolaus  war  Leiter  der  medizinischen 
Klinik,  sein  Vater,  Jean  Baptist,  der  Begründer  der  bekannten 
„Blätter  für  gerichtliche  Medizin**,  war  Professor  der  allgemeinen 
Pathologie  in  Würzburg,  später  Gerichtsarzt  in  verschiedenen  bay- 
rischen Städten,  zuletzt  in  Erlangen,  wo  er  als  Honorarprofessor 
Vorlesungen  über  Psychiatrie  hielt.  Familientradition  und  eigene 
Neigung  haben  den  jungen  Friedreich  wohl  ebenfalls  zum  Studium 
der  Medizin  geführt.  Er  besuchte  die  Gymnasien  in  Straubing  und 
Ansbach  und  bezog  1844  die  Universität  Würzburg,  an  weicherer 
auch,  nachdem  er  1847  ein  Semester  in  Heidelberg  bei  Henle  ver- 
bracht, seine  Studien  und  Examina  vollendete. 

Er  zeichnete  sich  schon  früh  durch  reges  wissenschaft- 
liches Streben  aus  und  löste  schon  während  des  philosophischen 
Bienniums  in  Würzburg  eine  Preisaufgabe  aus  der  Botanik«  die 
ihm  später  noch  den  Doctor  philosophiae  eintrug. 

Tnd  als  er  in  das  eigentliche  medizinische  Studium  eintrau 
verfaßte  er  im  Jahre  1848  zusammen  mit  seinem  Jugendfreunde 
Karl  Gegenbaur  eine  anatomische   Arbeit   ,,Über  den  Schädel 

des  Avoloth. 

\on  seinen  damaliiien  Würzburger  Lehrern  sind  besondere 
Ki»ilikcr.  Rinecker  und  Marcus  von  Einfluß  auf  seine  Entvbick- 


9J  Nikolaus  Friedreich.  163 


-<y^ 


lung  gewesen;  des  letzteren  Assistent  war  er  schon  vor  Vollendung 
seines  Staatsexamens.  Dieses  und  die  Doktorpromotion  fielen  in 
das  Jahr  1850. 

Ein  Jahr  vorher  war  Virchow  nach  Würzburg  gekommen 
und  gewann  alsbald  den  bedeutendsten  Einfluß  auf  den  jungen 
Friedreich,  der  sein  begeisterter  Schüler  und  Anhänger  und  für 
das  ganze  Leben  ein  treuer  Freund  wurde;  Virchow  selbst  hat 
dies  in  einem  Nachruf  in  schöner  Weise  geschildert. 

Seine  allseitige  Ausbildung  in  der  pathologischen  Anatomie, 
seine  pathologisch-anatomische  Richtung  und  Vorliebe  für  die 
Beschäftigung  mit  diesem  Zweige  der  medizinischen  Wissenschaft 
hat  Friedreich  wohl  diesem  Einfluß  zu  verdanken. 

Im  Jahre  1853  habilitierte  sich  Friedreich  mit  einer  sehr 
bekannt  gewordenen  Arbeit  „über  Geschwülste  innerhalb  der 
Schädelhöhle",  in  welcher  schon  seine  pathologisch-anatomische 
Richtung  sich  in  glänzender  Weise  dokumentiert,  für  innere  Me- 
dizin, hielt  Vorlesungen  und  beliebte  diagnostische  Kurse  etc. 

Als  dann  aber  Virchow  (1856)  Würzburg  verließ,  wurde 
Friedreich,  nach  allerlei  Kämpfen,  mit  einer  außerordentlichen 
Professur  für  pathologische  Anatomie  daselbst  betraut  —  also 
eigentlich  zum  Nachfolger  Virchows  gewählt.  Aber  kaum  IV^ 
Jahre  nachher  wurde  er  durch  seine  Berufung  nach  Heidelberg  der 
klinischen  Medizin  wiedergegeben. 

.  Mit  32  Jahren  übernahm  der  junge  Gelehrte  und  Arzt  zu 
Ostern  1858  die  Heidelberger  medizinische  Klinik  und  die  Pro- 
fessur für  spezielle  Pathologie  und  Therapie;  und  er  ist  ihr  bis 
an  sein  Lebensende  (1882)  treu  geblieben. 

Er  war  für  diese  Stellung  vorzüglich  vorbereitet  durch  seine 

klinische  Ausbildung,  durch   seine  eingehende  Beschäftigung  mit 

der    Diagnostik    einerseits,    mit    der    pathologischen    Anatomie 

andererseits;  wie  kaum  ein  anderer  unter  seinen  damaligen  jungen 

Zeitgenossen   war  er  geeignet,  die  Methoden  der  streng  wissen- 

11* 


J^ 


II]  Nikolaus  Friedreich.  165 


des  Lehrers  Leitung  und  Kontrolle  auszuführen  hatte;  dann  wurde 
die  Diagnose  nach  allen  Richtungen  erwogen  und  festgestellt,  wo- 
bei uns  Friedreichs  geübter  und  praktischer  Blick  oft  sehr  im- 
ponierte; seine  Therapie  war  einfach,  aber  wohl  überlegt,  frei  von 
Nihilismus,  eher  von  etwas  therapeutischem  Optimismus  getragen, 
und  wurde  —  wenn  einmal  bestimmt  —  konsequent  und  ohne 
häufigen  Wechsel  durchgeführt. 

Das  Wesentliche  dabei  war  stets  das  genaue  Eingehen  auf 
den  gerade  vorliegenden  einzelnen  Fall;  nur  selten  wurden  mehr 
allgemeine  und  zusammenfassende  Vorträge  gehalten. 

Die  Schüler  wurden  vortrefflich  herangebildet,  da  sie  oft  an 
die  Reihe  kamen  und  selbst  genau  untersuchen  mußten;  und  so 
wurde  Fried reichs  Klinik  bei  den  Studierenden  allgemein  beliebt 
und  nur  ungern  versäumt. 

Die  vorkommenden  Sektionen  wurden  von  ihm  mit  Virchow- 
scher  Genauigkeit  gemacht  und  einer  eingehenden  kritischen  Wür- 
digung unterzogen. 

Mit  der  Klinik  war  aber  Friedreichs  Lehrtätigkeit  keineswegs 
erschöpft;  neben  der  neunstündigen  Klinik  las  er  noch  eine  sechs- 
stündige Vorlesung  über  spezielle  Pathologie  und  Therapie, 
die  er  in  zwei  Semestern  völlig  bewältigte.  —  Ich  besitze  noch 
ein  vollständig  ausgearbeitetes  Heft  dieser  Vorlesung;  sie  war  vor- 
trefflich, wenn  auch  nicht  immer  besonders  anregend. 

In  den  ersten  Jahren  las  er  aber  auch  noch  allgemeine  Patho- 
logie und  Diagnostik,  ganz  besonders  aber  lag  auch  noch  der 
Unterricht  in  der  pathologischen  Anatomie  in  seiner  Hand, 
bis  derselbe  —  nach  allerlei  Streitigkeiten,  die  nicht  hierher  ge- 
hören, —  auf  seine  Anregung  im  Jahre  1866  dem  jungen  Arnold, 
der  sie  heute  noch  hier  vertritt,  anvertraut  wurde.  Friedreich 
machte  die  Sektionen  fast  alle  selbst,  ließ  nur  einen  Teil  von  den 
klinischen  Assistenten  ausführen;  er  hielt  die  Vorlesung  über  pa- 
thologische Anatomie,   gab   pathologisch-histologische   Kurse  (mit 


166  Wilhelm  Erb  [12 


Arnold)  und  begründete  die  pathologisch-anatomische  Sammlung, 
an  der  er  das  lebhafteste  Interesse  nahm;  wie  manche  gute  Stunde 
habe  ich  da,  als  ich  1862  als  Assistent  bei  ihm  eintrat,  mit  Ordnen, 
Etikettieren  und  Aufstellen  der  Präparate  in  einem  düsteren  keller- 
artigen Parterreraum  mit  ihm  zugebracht! 

Friedreich  hat  also  in  jenen  ersten  acht  Jahren  eine  enorme 
Lehrtätigkeit  entwickelt  und  eigentlich  zwei  ordentliche  Professuren 
in  seiner  Person  vereinigt,  gewiß  zum  größten  Vorteil  der  Fakultät. 

Nicht  minder  hervorragend  und  bedeutungsvoll  war  aber  die 
andere  Seite  der  Tätigkeit  des  jungen  Klinikers,  als  Leiter  und 
Arzt  der  klinischen  Krankenabteilungen.  —  Mit  Leib  und 
Seele  hing  er  an  dieser  Aufgabe ;  emsig  und  unermüdlich  widmete 
er  sich  derselben,  ein  Helfer  und  Tröster  der  Kranken  und  Elen- 
den in  des  Wortes  schönster  Bedeutung;  er  untersuchte  genau  und 
immer  wiederholt,  um  Aufklärung  in  dunklen  Fällen  zu  gewinnen, 
beschäftigte  sich  mit  jedem  Erkrankten  und  war  stets  voll  Interesse 
für  die  Therapie;  fern  von  dem  damals  noch  vielfach  herrschenden 
therapeutischen  Skepticismus  und  Nihilismus  hatte  er  selbst  großes 
Vertrauen  zu  seiner  Therapie  und  wußte  dasselbe  auch  seinen 
Kranken  einzuflößen ;  er  war  darin  vielleicht  nicht  immer  kritisch 
genug. 

Wenn  irgend  möglich,  machte  er  täglich  die  Visite  auf  der 
ganzen  Abteilung,  meist  auch  am  Sonntag  und  dehnte  sie  oft  weit 
über  die  sonst  übliche  Zeit  aus,  sich  selbst  und  seinen  Körper 
vergessend.  Er  pflegte  dabei  besonders  die  physikalische  Dia- 
gnostik und  arbeitete  darüber  auf  der  Station  viel,  mit  Hülfe  der 
Assistenten. 

Aber  auch  die  Krankenpflege  im  engeren  Sinne,  die  ganze 
Haltung  und  Führung  der  Abteilungen,  die  Überwachung  und 
Schulung  der  Assistenten  und  des  Wartepersonals  waren  Gegen- 
stand seiner  Sorge,  und  die  Führung  der  Hddelberger  medizinischen 
Klinik  war  und  blieb  stets  eine  mustergültige. 


13]  Nikolaus  Friedreich.  167 


"X-ZV" 


Eine  besonders  schöne  und  weitreichende  Wirlcsamkeit  aber  ent- 
faltete Friedreich  noch  gegenüber  seinen  Schülern  im  engeren 
Sinne,  seinen  Assistenten  und  Mitarbeitern.  —  Er  warstreng 
gegen  dieselben  und  machte  große  Ansprüche  an  ihr  Können,  ihre 
Arbeit  und  Pflichterfüllung,  und  war  sehr  wenig  geneigt,  ihnen 
Ferien  zu  geben,  aber  es  war  auch  eine  Lust,  unter  ihm  zu  arbeiten 
und  von  ihm  zu  lernen. 

Er  unterstützte  seine  Assistenten  in  ihren  wissenschaftlichen 
Arbeiten,  ließ  sie  aber  ganz  selbständig  gewähren  und  nicht  etwa 
nur  für  ihn  arbeiten;  das  hat  er  überhaupt  nicht  geliebt;  erfreute 
sich  an  ihren  Erfolgen  und  Resultaten,  er  ermunterte  sie  zu 
weiterer  Arbeit.  Nicht  selten  ließ  er  sich  in  eingehende  Diskus- 
sionen über  seine  eigenen  sowohl,  wie  über  ihre  Arbeiten  ein. 

Wenn  er  Talent  und  Fleiß  bei  ihnen  fand,  ermunterte  er  sie 
zur  Habilitation  und  unterstützte  sie  in  ihrem  Weiterkommen  auf 
jede  mögliche  Weise;  dadurch  hat  er  sich  ihre  dauernde  Dank- 
barkeit und  Verehrung  gesichert,  und  nicht  wenige  seiner  Schüler 
sind  glänzend  vorgeschritten  und  nehmen  hochgeachtete  Stellungen 
in  der  Wissenschaft,  an  den  Hochschulen  und  im  praktischen  Leben 
ein  (zu  nennen  etwa  Knauff,  Julius  Arnold,  Erb,  Friedrich 
Schultze.  Wolffhügel  t,  Weil,  P.  Fürbringer). 

So  hat  Fried  reich  eine  vielseitige  und  weitreichende  Tätigkeit 
für  die  medizinische  Fakultät  zunächst  in  seinem  engeren  Wir- 
kungskreis entfaltet. 

Aber  er  hat  auch  alle  Fakultätsinteressen  im  weiteren 
Sinne  nach  allen  Richtungen  gefördert;  bei  allen  Berufungen,  bei 
der  Kreierung  neuer  Lehrstühle,  bei  der  Förderung  junger  Lehr- 
kräfte und  der  Erteilung  von  Lehraufträgen  war  er  stets  in  hervor- 
ragender Weise  tätig. 

Seiner  Anregung  und  seinem  Einfluß  war  in  erster  Linie  die 
Schaffung  einer  Professur  für  pathologische  Anatomie  zu  danken; 
ebenso  trat  er  lebhaft  für  die  Schaffung  einer  Professur  für  Augen- 


168  Wilhelm  Erb  (M 


Heilkunde  ein;  die  Erteilung  von  Lehraufträgen  für  physikalische 
Diagnostik,  für  Elektrotherapie,  für  gerichtliche  Medizin  und  Hygiene, 
für  Syphilis  und  Hautkrankheiten  ist  speziell  auf  seine  Anregung  zu- 
rückzuführen; und  seiner  initiative  besonders,  die  sich  mit  der  werk- 
tätigen Unterstützung  von  O.  Weber  verband,  verdankt  die  Fakultät 
das  neue  große  akademische  Krankenhaus,  das  nach  langen  Vor- 
bereitungen, Kämpfen  und  Verzögerungen  im  Jahre  1876  endlich 
bezogen  wurde;  er  war  es  auch,  der  hauptsächlich  gegenüber 
allerlei  Widerständen  von  außen  und  von  oben  für  die  Errichtung 
eines  Lehrstuhls  für  Psychiatrie  und  für  den  Bau  der  psychiatrischen 
Klinik  gekämpft  hat. 

Daß  es  dabei  nicht  ohne  mannigfache  Reibung  abging  und 
daß  sich  in  der  Fakultät  allerlei  Differenzen  zwischen  ihm  und 
den  Kollegen  nicht  vermeiden  ließen,  ist  selbstverständlich;  aber 
Friedreich  war  und  blieb  stets  einer  der  führenden  Männer  in  der 
Fakultät  und  hat  das  große  und  so  überaus  wichtige  Fach  der 
inneren  Medizin  und  Klinik  fast  ein  Vierteljahrhundert  in  glänzen- 
der und  ruhmvoller  Weise  vertreten. 

Niemand  kann  ein  hervorragender  klinischer  Lehrer  und  ein 
bedeutender  Krankenhausvorstand  sein,  wenn  er  nicht  gleichzeitig 
ein  großer  Arzt  ist;  und  das  war  Friedreich  in  ganz  eminen- 
tem Grade. 

Sein  Wissen,  seine  medizinische  Ausbildung,  sein  diagnostisches 
Können,  seine  reiche  Erfahrung,  seine  zielbewußte,  einfache  und 
erfolgreiche  Therapie,  für  die  er  das  lebhafteste  Interesse  bekun- 
dete, sicherten  ihm  auch  auf  dem  Gebiete  der  rein  ärztlichen  Tätigkeit 
jeden  Erfolg,  seine  gewinnende  und  zugleich  imponierende  Per- 
sönlichkeit, sein  schönes  ernstes  Auge,  seine  Freundlichkeit  und 
Milde  gegen  die  Kranken  trugen  dazu  nicht  wenig  bei. 

So  wurde  er  ein  gesuchter  und  beliebter  Arzt  bei  hoch  und 
nieder;  anfangs  hat  er  in  Heidelberg  auch  Familienpraxis  geübt, 
die  er  jedoch  gegen   Ende   der  60er  Jahre  aufgeben  mußte;  sein 


15]  Nikolaus  Friedreich.  169 


-<vrN- 


wachsender  Ruhm  zog  Kranke  aus  allen  Ländern  nach  Heidelberg, 
dessen  Glanz  als  Wallfahrtsort  für  Leidende  noch  aus  früheren 
Jahrzehnten  nicht  ganz  verblichen  war,  und  er  beherrschte  und 
bewältigte  in  späteren  Jahren  eine  enorme  Konsultativpraxis;  zahl- 
reiche Reisen  nach  näheren  und  entfernteren  Orten  nahmen  seine 
Zeit  und  Kräfte  vielfach  in  Anspruch. 

Es  ist  klar,  daß  er  auch  hierdurch  zum  Ruhme  der  Heidel- 
berger Fakultät  nicht  wenig  beitrug. 

Und  doch  ist  damit  noch  lange  nicht  erschöpft,  was  Fried  reich 
an  erfolgreicher  Arbeit  leistete;  was  bis  jetzt  geschildert  wurde  von 
seiner  vielseitigen  Tätigkeit,  ist  das,  was  ihm  dankbare  Verehrung 
in  den  Herzen  seiner  Klienten,  was  ihm  bleibende  unauslöschliche 
Anhänglichkeit  seiner  Schüler,  was  ihm  einen  ehrenvollen  Platz 
in  der  engumgrenzten  Geschichte  einer  Fakultät  sichern  mußte; 
der  große  Arzt,  der  klinische  Lehrer,  das  hervorragende  und  mit- 
bestimmende Mitglied  einer  Fakultät  —  sie  sind  nur  ein  Teil  des 
Ganzen.  Friedreich  war  noch  mehr,  er  war  auch  ein  vielseitiger 
wissenschaftlicher  Arbeiter,  ein  bedeutender  Forscher  und 
Gelehrter. 

Gerade  an  dieser  Stelle  ist  wohl  nicht  der  Platz,  genauer  auf 
die  Fülle  seiner  wissenschaftlichen  Arbeiten  einzugehen,  aber  in 
Kürze  skizziert  müssen  sie  doch  werden:  sie  bilden  einen  Teil 
seiner  Persönlichkeit  und  ein  gewichtiges  Stück  seiner  Lebensarbeit; 
und  vielleicht  gerade  den  Teil,  der  ihm  selbst  am  meisten  am 
Herzen  lag,  und  den  er  mit  Leidenschaft  —  in  der  Tat  bis  zum 
letzten  Atemzug  —  pflegte. 

Friedreich  war  eigentlich  eine  richtige  Gelehrtennatur;  von 
Jugend  auf  hatte  er  eine  Leidenschaft  für  Bücher,  und  Kußmaul 
berichtet  schon  von  dem  jungen  Dozenten,  daß  er  eine  reich- 
haltige und  wertvolle  Bibliothek  besaß;  er  verwendete  alljährlich 
erhebliche  Mittel  auf  ihre  Vervollständigung  und  Vermehrung  und 
kultivierte  mit  Vorliebe  den  neurologischen  Teil  derselben.    Mit 


I7Ü  Wilhelm  Erb  [16 

liebender  Sorgfalt  hat  er  sie  noch  selbst  vor  seiner  letzten  Krank- 
heit in  seinem  neuen  Hause  aufgestellt.  Durch  sein  Vermächtnis 
ist  sie  in  den  Besitz  unserer  Universitätsbibliothek  übergegangen 
und  bildet  einen  separat  aufgestellten  wertvollen  Teil  derselben; 
auch  diese  „Bibliotheca  Friedreichiana"  wird  seinen  Namen  auf  die 
Nachwelt  bringen. 

Er  war  ein  ungemein  fleißiger  und  geduldiger  Arbeiter;  noch 
als  Kliniker  hat  er  viel  Fleiß  und  Zeit  auf  pathologische,  anato- 
mische, besonders  mikroskopische  Untersuchungen  verwendet; 
stundenlang  konnte  er  hinter  einem  alten  Schiekschen  Mikroskop 
sitzen,  das  wir  jüngeren  mit  verächtlicher  Geringschätzung  be- 
trachteten, und  in  jener  Zeit,  da  noch  kein  Mikrotom,  keine  ver- 
besserte Härtungsmethode ,  keine  fein  ausgebildete  Färbetechnik 
existierten,  war  es  ganz  erstaunlich,  was  er  mit  seinen  dürftigen 
Hülfsmitteln  und  bescheidenen  Methoden  an  Forschungsresultaten 
produzierte. 

Auch  am  Krankenbett  konnte  er  mit  großer  Geduld  und  Aus- 
dauer die  ihn  interessierenden  Untersuchungen  verfolgen  —  speziell 
diagnostische  Fragen.  Untersuchungen  über  Perkussion  und  Aus- 
kultation, Venenpuls,  Mikroskopie  des  Auswurfs  u.  s.  w.  konnten 
ihn  stundenlang  jeden  Tag  fesseln;  uns  Assistenten  schien  es 
manchmal  fast  „des  Guten  zuviel". 

Schon  bei  dem  jungen  Studenten  regte  sich  der  Forschungs- 
trieb und  führte,  wie  früher  schon  erwähnt,  bereits  in  jungen 
Jahren  zu  den  ersten  Erfolgen. 

Mit  seiner  fiabilitationsschrift  (1853),  einer  hervorragenden 
klinischen  und  zugleich  pathologisch-anatomischen  Arbeit:  »Bei- 
träge zur  Lehre  von  den  Geschwülsten  innerhalb  der 
Schädelhöhle-,  legitimierte  er  sich  bereits  als  tüchtiger  Forscher 
vor  der  wissenschaftlichen  Welt.  Und  ihr  folgte  dann  in  sdner 
akademischen  Laufbahn  eine  ununterbrochene  Reihe  von  größeren 
und  kleineren  wissenschaftlichen  Arbeiten  und  erst  der  Tod  setzte 


I7J  Nikolaus  Friedreich.  171 


seinem  Forschereifer  und  seiner  nimmer  rastenden  Feder  ein  all- 
zufrühes Ziel. 

Es  würde  viel  zu  weit  führen,  auch  nur  einen  größeren  Teil 
dieser  Arbeiten  eingehend  zu  würdigen.  Fried  reich  war  auf  allen 
möglichen  Gebieten  der  wissenschaftlichen  Medizin  tätig  und  frucht- 
bar; so  mag  es  genügen,  seine  Arbeiten  gruppenweise  —  nach 
den  hauptsächlichen  Forschungsgebieten  —  kurz  zu  charakterisieren. 

In  seiner  früheren  Entwicklungszeit,  besonders  in  Würzburg 
mit  Virchow  —  aber  auch  noch  später  stets  — ,  hat  er  auf  dem 
Gebiet  der  Anatomie  und  pathologischen  Anatomie  vielerlei  ge- 
arbeitet. Schon  seine  allererste  Arbeit  (mit  Gegenbaur  über 
den  Schädel  des  Axolotl)  war  eine  anatomische;  hierher  ge- 
hören auch  seine  Untersuchungen  über  die  Struktur  derCylin- 
der-  und  Flimmerepithelien  (1858)  und  über  das  Verhalten 
der  Cruralvenenkläppen  (1881),  das  er  mit  Rücksicht  auf  die 
Auskultation  der  Venen  genauer  studierte. 

Weit  zahlreicher  sind  seine  Arbeiten  auf  pathologisch-ana- 
tomischem Gebiet;  er  hat  zwar  keine  großen  und  umfassenden 
Untersuchungen,  aber  doch  eine  Reihe  sehr  wertvoller  Beiträge 
geliefert,  größtenteils  kasuistischen  Inhalts. 

Hervorragend  unter  denselben  ist  besonders  ein  Fall  von 
Leukaemie  (1857),  mit  dem  Nachweis  von  Lymphomen  an  vor- 
her noch  nicht  bekannten  Stellen;  dann  die  Untersuchung  über 
Corpora  amylacea  in  den  Lungen  (1856),  über  ausgedehnte 
Amyloiderkrankung  (1857)  und  besonders  eine  Arbeit  mit 
Kekule  „zur  Amyloidfrage"  (1859),  die  für  die  Geschichte  des 
Amyloids  von  grundlegender  Bedeutung  wurde;  darin  wurde  der 
Nachweis  geliefert,  daß  das  Amyloid  nichts  mit  Amylum  oder 
Cellulose  zu  tun  hat,  sondern  ein  eiweißartiger  Körper  ist. 

Wichtig  sind  ferner  die  verschiedenen  kasuistischen  Mitteilungen 
über  verschiedene  Geschwulstformen:  über  eine  merkwürdige  Ge- 
schwulst, die  als  Schlauchsarkom  bezeichnet  wird  (1863),  zur  Pa- 


172  Wilhelm  Erb  [18 

^  ■  -  .  -  -^^^ 


thologie  des  Krebses  (1866),  über  eine  Cyste  mit  Fiimmer- 
epithel  in  der  Leber  (1857),  über  eine  zusammengesetzte  Eier- 
stockcyste  mit  Flimmerepithei  etc.  (1857),  über  ein  Psam- 
moma  kystomatos.  haemorrh.  der  Glandula  pinealis  (1865), 
über  multilokularen  Leberechinokokkus(1865),  über  multi- 
ple knotige  Hyperplasie  der  Leber  und  Milz  (1865);  dann 
neben  allerlei  kleineren  Mitteilungen  (Necrose  der  Nierenpa- 
pillen bei  Hydronephrose,  Erweiterung  der  Lymphgefäße 
des  Penis  durch  Lymphstauung,  Favus  bei  der  Maus, 
Pneumonomycosis  aspergillina)  noch  interessante  Befunde 
zur  Lebensgeschichte  der  roten  Blutkörperchen  unter 
pathologischen  Verhältnissen  (amöboide  Bewegungen  der- 
selben, Poikilocytose  etc.),  und  Verschiedenes  zur  Kasuistik  der 
angeborenen  Bildungsfehler  (Congenitale  halbseitige  Kopf- 
hypertrophie, 1863;  der  Hermaphrodit  Kath.  Hohmann, 
1868),  über  Hyperostose  des  gesamten  Skeletts  (zwei  Fälle, 
die  später  als  „Akromegalie"  gedeutet  wurden,  1868),  und  Be- 
obachtungen über  chronisch-hämorrhagische  Peritonitis, 
durch  welche  die  Existenz  eines  sog.  Hämatoms  auch  bei  Peri- 
tonitis festgestellt  wurde  (1873).  (Siehe  die  Zusammenstellung  der 
Literatur  in  der  Anmerkung!)^ 

•  Struktur  der  Cylinder-  und  Fiimmerepithelien.  Virch.  Arch.  Bd.  15. 
S.  535.  1858.  —  Über  das  Verhalten  der  Cruralvenenklappen  etc.  Morph. 
Jahrb.  VII.  S.  323.  1881.  —  Ein  neuer  Fall  von  Leukaemie.  Virch.  Arch. 
Bd.  12.  S.  37.  1857.  —  Über  Corpora  amylacea  und  Bildungen  aus  phos- 
phorsaurem Eisen  in  den  Lungen.   Ibid.  Bd.  9.  S.  613.  Bd.  10.  S.  201 — 507. 

1856.  —  Fälle  von  ausgedehnter  Amyloiderkrankung.  ibid.  Bd.   11.  S.  387. 

1857.  —  Zur  Amyloidfrage  (mit  Kekul^).  ibid.  Bd.  16.  S.  50.  1859.  —  Zur 
Casuistik  der  Neubildungen  (Schlauchsarcom).  ibid.  Bd.  27.  S.  375.  Nach- 
trag: Bd.  28.  S.  474.  1863.  —  Zur  Pathologie  des  Krebses,  ibid.  Bd.  36. 
S.  465.  1866.  —  Cyste  mit  Flimmerepithel  In  der  Leber,  ibid.  Bd.  11.  S.  466. 
1857.  —  Zusammengesetzte  Eierstockcyste,  teilweise  Dermoid,  mit  Flimmer- 
epithel und  neugebildetem  Nervengewebe,  ibid.  Bd.  13.  S.  458.  1858.  — 
Psammoma  kystomatos.  haemorrh.  der  Glandula  pinealis  etc.  ibid.  Bd.  33. 


i 


19]  Nikolaus  Friedreich.  173 


Weit  umfassender  aber  und  bedeutender  waren  Friedreichs 
Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  physikalischen  Diagnostik,  das  er 
mit  seltener  Meisterschaft  beherrschte.  —  Von  seiner  Würzburger 
Dozentenzeit  an  bis  in  die  letzten  Lebensjahre  hinein  hat  er  diesem 
Gegenstand  sein  Interesse  und  seine  Arbeitskraft  mit  besonderer 
Ausdauer  zugewendet.  —  Einige  seiner  Arbeiten  betreffen  die 
mikroskopische  Diagnostik:  so  die  Mitteilung  über  das  kon- 
stante Vorkommen  von  Pilzen  bei  Diabetischen  (1863)  und 
die  größere  Arbeit  „Zur  Kenntnis  der  Sputa"  (1864),  in  wel- 
cher verschiedene  seltnere  Vorkommnisse  im  Auswurf  (Knochen, 
Hämatoidinkrystalle,  Tyrosinkrystalle,  Corpora  amylacea,  Sarcine) 
geschildert,  ganz  besonders  aber  die  sog.  schwarzen  Sputa  (mela- 
notische  Myelinsputa)  sehr  eingehend  besprochen,  in  ihrer  Ent- 
stehung aber  nicht  richtig  gedeutet  werden. 

Durch  die  Bearbeitung  des  Handbuchs  der  Herzkrankheiten 
(s.  u.)  wurde  er  angeregt  zum  Studium  von  allerlei  herzdiagno- 
stischen Fragen:  davon  zeugt  die  bekannte  und  wichtige  Abhand- 
lung über  die  Diagnose  der  Herzbeutelverwachsung  (1864), 
in  welcher  er  zuerst  den  diastolischen  Venenkollaps  am  Halse  als 
wichtiges  diagnostisches  Zeichen  feststellte  und  in  ansprechender 
Weise  erklärte;  weiterhin^die  große  Arbeit  über  den  Venenpuls 
(1865),  in  welcher  er  an  der  Hand  klinischer  Beobachtungen  und 

S.  165.  1865.  —  Über  muitiloculär.  Leberechinococcus.  ibid.  Bd.  33.  S.  16.  — 
Über  multiple  knotige  Hyperplasie  der  Leber  und  Milz.  ibid.  Bd.  33.  S.  48 
und  553.  1865.  —  Necrose  der  Nierenpapillen  bei  Hydronephrose.  ibid. 
Bd.  69.  308.  1876.  —  Fall  von  Erweiterung  der  Lymphgefäße  des  Penis  durch 
Stauung  der  Lymphe.  Würzburg.  Verhandlungen  II.  S.  319.  1852.  —  Favus 
bei  der  Maus.  Virch.  Arch.  Bd.  13.  S.  287.  1858.  —  Pneumonomycosis 
aspergillina.  ibid.  Bd.  10.  S.  510.  1856.  —  Zur  Lebensgeschichte  der  roten 
Blutkörperchen,  ibid.  Bd.  41.  S.  395.  1867.  —  Congenitale  halbseitige  Kopf- 
hypertrophie, ibid.  Bd.  28.  S.  474.  1863.  —  Der  Hermaphrodit  Katharina 
Hohmann.  ibid.  Bd.  45.  S.  1.  1869.  —  Hyperostose  des  gesamten  Skeletts, 
ibid.  Bd.  43.  S.  83.  1868.  —  Chron.  haemorrh.  Peritonitis  ibid.  Bd.  58. 
S.  35.     1873. 


174  Wilhelm  Erb  [20 


sphygmographischcr  Untersuchungen  die  verschiedenen  Formen 
des  Venenpulses  und  seine  große  semiotische  Bedeutung  nach  allen 
Richtungen  erörterte  und  klarlegte. 

Besonders  wertvoll  und  umfangreich  aber  waren  seine  Unter- 
suchungen über  die  Perkussion  und  Auskultation  des  Re- 
spirations-  und  Zirkulationsapparates.  Sie  begannen  schon 
im  Jahre  1856  mit  einer  sehr  anerkannten  Abhandlung  über  die 
diagnostische  Bedeutung  der  objektiven  Höhlensymp- 
tome, in  welcher  dieselben  kritisch  durchgenommen,  auf  ihr 
mannigfaches  Vorkommen  und  ihren  wirklichen  diagnostischen  Wert 
geprüft  werden;  er  warnt  schließlich  vor  einer  Überschätzung  der- 
selben und  zeigt  schon  in  dieser  frühen  Arbeit  seine  große  Vir- 
tuosität in  der  physikalischen  Untersuchung. 

Vielfach  beschäftigte  ihn  die  Perkussion  des  Respirations- 
apparates, über  welche  er  eingehende  Studien  veröffentHchte : 
so  über  die  Perkussion  des  Kehlkopfs  und  der  Trachea 
(1879)  und  über  die  respiratorischen  Änderungen  des  Per- 
kussionsschalles am  Thorax  unter  normalen  und  patho- 
logischen Verhältnissen  (1880).  Diese  letztere  Arbeit  ist  mit 
unendlichem  Fleiß  gemacht,  dringt  in  alle  Einzelheiten  des  schwieri- 
gen Gegenstandes  ein.  bringt  eine  Fülle  von  subtilen  Details,  von 
theoretischen  Erörterungen  und  praktischen  Schlußfolgerungen, 
deren  bleibender  Wert  jedoch  der  aufgewendeten  Muhe  kaum 
entspricht. 

Bis  in  die  letzten  Lebensjahre  hat  Friedreichsich  noch  ein- 
gehend mit  den  pathologischen  Erscheinungen  am  Gefäß- 
apparat  beschäftigt.  —  Schon  im  Jahre  1874  hielt  er  darüber  bei 
der  Naturiorscherversammlung  in  Breslau  einen  zusammenfassen- 
den  Vortrag,  dem  später  dann  zunächst  eine  Abhandlung  über  „den 
Doppelton  in  der  Cruralarterie.  sowie  über  Tonbildung 
an  den  Cruralvenen**  (\H1H)  folgte;  dieselbe  enthalt  eine  ein- 
gehende kritische  Bearbeitung  der  Lehre  vom  Doppelton  in  der 


2T]  Nikolaus  Friedreich.  175 

Cruralarterie  und  den  Nachweis  des  Vorkommens  von  einfachen 
und  doppelten  Tönen  auch  in  den  Cruralvenen.  Diese  schönen  und 
höchst  eingehenden  Untersuchungen  haben  die  Lehre  von  diesen 
verschiedenen  Gefäßtönen  reformiert  und  auf  festere  Basis  gestellt. 
—  Ihr  folgte  dann  zuletzt  noch  eine  sehr  umfangreiche  Arbeit: 
^Beiträge  zur  physikalischen  Untersuchung  der  Blut- 
gefäße" (1881),  in  welcher  in  höchst  eingehender  Weise  auf  Grund 
subtilster  und  mühevollster  Untersuchungen  das  sog.  Nonnen- 
geräusch, der  exspiratorische  Cruralvenenklappenton  und  die  Re- 
gurgitationsgeräusche  der  Cruralvenen,  sowie  endlich  die  Töne  und 
Geräusche  an  vielen  Arterien  unter  physiologischen  und  patho- 
logischen Verhältnissen  dargestellt  und  besprochen  werden. 

Alle  diese  Arbeiten  sichern  ihrem  Verfasser  jedenfalls  einen 
hervorragenden  Platz  unter  den  Begründern  und  Förderern  der 
physikalischen  Diagnostik. ' 

Das  hervorragendste  Arbeitsgebiet  aber  für  den  Kliniker  Fried- 
reich  war  das  der  klinischen  Medizin,  und  auf  diesem  hat  er 
Werke  von  großem  und  bleibendem  Werte  geschaffen.  —  Er  hat 
sich  an  der  Herausgabe  der  großen  Sammelwerke  über  spezielle 
Pathologie  und  Therapie  von  Virchow  und  vonZiemssen  beteiligt, 
für  das  erstere  schrieb  er  im  Jahre  1858  —  unglücklicherweise 
gerade  vor  der  Einführung  des  Kehlkopfspiegels  in  die  Praxis  — 

'  Über  das  konstante  Vorkommen  von  Pilzen  bei  Diabetischen.  Virch. 
Arch.  Bd,  28.  S.  476.  1863.  —  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Sputa,  ibid.  Bd.  30, 
S.  377.  I&M.  —  Zur  Diagnose  der  Herzbeulelverwaciisung.  ibid.  Bd.  29. 
S.  296.  1864.  —  Über  den  Venenpuls.  Deutsch.  Arch.  f.  Ivlin.  Mediz.  I. 
S.  241. 1865.  —  Die  diagnostische  Bedeutung  der  objektiven  Höhlensymptome. 
Würzburg.  Verhandlungen  VII,  S.  87.  1856.  —  Die  Percussion  des  Kehlkopfs 
und  der  Trachea.  Deutsch.  Arch.  f.  klin.  Mediz.  XXIV.  S.  258.  1879.  — 
Respiratorische  Änderungen  des  Percussionsschalls  am  Thorax  unter  nor- 
malen und  pathologischen  Verhältnissen,  ibid.  XXVI.  S.  24.  1880.  —  Über 
den  Doppelton  an  der  Cruralarterie  sowie  über  Tonbildung  an  den  Crural- 
venen. Deutsch.  Arch  t,  klin.  Mediz.  XXL  S.  205.  1878.  —  Beiträge  zur 
physikalischen  Untersuchung  der  Blutgetäße.  ibid.  XXIX.  Seile  256.  1881. 


176  Wilhelm  Erb  [22 


-v.yv- 


die  Krankheiten  der  Nase,  des  Kehlkopfs,  der  Trachea,  der 
Schild-  und  Thymusdrüse  — ;  sie  wurde  ihm  Anregung  zu 
einer  sehr  eingehenden  Beschäftigung  mit  dem  Kehlkopfspiegel, 
die  er  besonders  in  den  ersten  Jahren  seines  Heidelberger  Aufent- 
haltes eifrigst  betrieb,  ohne  daß  er  jedoch  dann  zu  einer  Neubear- 
beitung des  Gegenstandes  kam. 

Ganz  ausgezeichnet  aber  war  in  dem  gleichen  Handbuch  seine 
Bearbeitung  der  Krankheiten  des  Herzens,  die  im  Jahre  1861 
in  erster,  1867  in  zweiter  Auflage  erschien.  Dies  Buch  vor  allem 
hat  seinen  Ruf  als  Kliniker  und  Arzt  begründet  und  in  die  weitesten 
Kreise  getragen.  Es  ist  ein  durchaus  klassisches,  von  ausgedehn- 
tester Kenntnis  der  Literatur,  wie  von  reichster  eigener  Erfahrung 
getragenes,  den  Gegenstand  nach  allen  Richtungen  durchdringendes 
und  erschöpfendes  Werk.  Es  gab  ihm  Anregung  zu  zahlreichen 
eigenen  Untersuchungen,  welche  zum  Teil  in  den  oben  erwähnten 
diagnostischen  Arbeiten  niedergelegt  und  deren  Ergebnisse  überall 
in  seinem  Buche  eingestreut  sind,  und  zeigt  seine  verfeinerte 
Kunst  der  physikalischen  Diagnostik  in  glänzendstem  Lichte. 

Für  das  Ziemssensche  Handbuch  hat  er  nur  die  Krank- 
heiten des  Pankreas  (1875 — 78)  behandelt  und  darin  eine  sehr 
eingehende  und  vollständige,  nach  allen  Richtungen  den  spröden 
Stoff  erschöpfende  Darstellung  des  Gegenstandes  —  nach  dem  da- 
maligen Stande  unseres  Wissens  —  gegeben. 

Außerdem  hat  Friedreich  aber  noch  zahlreiche  Abhandlungen 
kleinerer  Art,  Kasuistik  etc.  publiziert;  schon  in  seiner  frühesten 
Zeit  einen  sehr  guten  Bericht  über  eine  kleine  Typhusepidemie 
im  Würzburger  Juliusspital  (1855),  die —  obschon  noch  vor 
der  Zeit  der  Temperaturmessungen  geschrieben  —  doch  schon 
eine  Fülle  guter  und  detaillierter  Beobachtungen  enthält;  ferner 
zwei  interessante  Fälle  von  Brustkrankheiten  (1855),  —  einen 
rasch  heilenden  traumatischen  Pneumothorax  und  eine  Lungen- 
hernie  bei  einem  Emphysematiker;  er  griff  fördernd  in  die  Lehre 


23]  Nikolaus  Friedreich.  177 


-C/w- 


von  der  Trichinose  durch  zwei  Abhandlungen  ein,  in  deren 
einer  (1862)  er  einen  während  des  Lebens  früh  diagnostizierten  und 
durch  die  Harpunierung  bestätigten  Fall  dieser  damals  ganz  neuen 
Krankheit  beschrieb,  während  die  andere  (1871)  Bericht  über  zwei 
kleine  lokale  Trichinoseepidemien  in  Heidelberg  bringt;  er  be- 
schreibt einen  wertvollen  Fall  von  multilokularem  Echino- 
kokkus der  Leber  (1865),  den  er  mit  eingehender  klinischer 
Epikrise  versieht;  ferner  einen  Fall  von  Lyssa  humana  (1879) 
mit  fast  lOmonatlicher  Inkubationszeit,  berichtet  über  das  Vor- 
kommen von  Febris  recurrens  in  Süddeutschland  (1880), 
bei  dem  er  den  Nachweis  eines  schon  im  Inkubationsstadium  vor- 
handenen Milztumors  liefert,  und  über  einen  berühmt  gewordenen 
Fall  von  anscheinend  durch  die  Condurangorinde  geheiltem  Magen- 
krebs (1874),  von  welchem  die  jetzt  so  verbreitete  Anwendung 
dieser  Drogue  als  Stomachicum  ausging;  endlich  schrieb  er  einen 
feindurchdachten  klinischen  Vortrag  über  den  akuten  Milztumor 
und  seine  Beziehungen  zu  den  Infektionskrankheiten 
(1874),  in  welchem  er  mit  Scharfblick  die  infektiöse  Natur  mancher 
damals  noch  nicht  als  solche  anerkannten  Krankheit  betont  und  eine 
Reihe  höchst  interessanter  Betrachtungen  über  die  Infektionskrank- 
heiten anstellt,  die  durch  die  spätere  Entwicklung  der  Bakteriologie 
und  der  Lehre  von  den  Infektionskrankheiten  zum  Teil  bestätigt, 
zum  Teil  aber  auch  überholt  und  gegenstandslos  geworden  sind; 
besonders  ansprechend  erscheint  mir  darin  seine  Erklärung  des 
frühen  Milztumors  bei  diesen  Krankheiten.^ 


>  Krankheiten  der  Nase,  des  Kehlkopfs,  der  Trachea,  der  Schild- 
und  Thymusdrüse.  Virchows  Handbuch  der  speciellen  Pathologie  und 
Therapie.  V.  1.  AbtIg.  1858.  —  Die  Krankheiten  des  Herzens,  ibid.  V. 
2.  Abtlg.  1861.  (2.  Aufl.  1867.)  —  Krankheiten  des  Pankreas.  Ziemssens 
Handbuch  der  speciellen  Pathologie  und  Therapie.  VIII.  2.  1875.  (2.  Auf- 
lage 1878.)  —  Bericht  über  33  im  Juliushospital  abgelaufene  Fälle  von 
Abdominaltyphus.  Würzburg.  Verhandlungen  V.  S.  271.  1855.  —  Zwei 
Fälle  zur  Casuistik  der  Brustkrankheiten,  ibid.  V.  S.  185.  1855.  —  Zur 
Pestschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  12 


178  Wilhelm  Erb  [24 


Die  Glanzleistungen  Friedreichs  jedoch  hegen  auf  dem  von 
ihm  stets  mit  Voriiebe  gepflegten  Gebiete  der  Nervenkrank- 
heiten. Schon  seine  Habilitationsschrift,  zur  Lehre  von  den 
Geschwülsten  innerhalb  der  Schädelhöhle  (1853),  beschäf- 
tigte sich  mit  diesem  damals  noch  sehr  in  den  Anfangsstadien  der 
Erkenntnis  steckenden  schwierigen  Gegenstande.  Gestützt  auf 
10  eigne  und  34  fremde  Beobachtungen  gibt  er  eine  für  die  da- 
malige Zeit  —  es  war  noch  vor  der  Entdeckung  des  Augenspiegels 
und  der  Stauungspapille  —  ganz  vortreffliche  klinische  Arbeit,  die 
ihn  sofort  in  die  Reihe  der  besten  klinischen  Beobachter  stellt;  seine 
Arbeit  ist  Grundlage  und  Vorbild  für  viele  spätere  Publikationen 
über  den  gleichen  Gegenstand  geworden  und  zeichnet  sich  durch 
große  Genauigkeit  der  Beobachtungen,  scharfsinnige  Analyse  der 
Symptome  auf  Grund  eingehender  Kenntnis  der  Literatur  wie 
der  Physiologie  und  pathologischen  Anatomie  des  Gehirns  aus. 

Zehn  Jahre  später  (1863)  erschien  seine  erste  Abhandlung  über 
die  „degenerative  Atrophie  der  spinalen  Hinterstränge**, 
mit  welcher  er  jene  Krankheit  in  die  Nervenpathologie  einführte,  die 
mit  seinem  Namen  für  alle  Zeiten  verbunden  sein  wird.  —  Nach 
weiteren  13  Jahren  (1876)  folgte  dieser  ersten  eine  zweite  größere, 
sie  ergänzende  und  vervollständigende  Arbeit  nach  (über  Ataxie 
mit  besonderer  Berücksichtigung  der  hereditären  For- 
men); mit  derselben  hat  er  die  nosologisch-klinische  Existenz  der 
„Friedreichschen    Ataxie"    vollkommen    sichergestellt.   —  Drei 

Pathologie  der  Trichinenkrankheit.  Virch.  Arch.  Bd.  25.  S.  399.  1862.  — 
Beobachtungen  über  Trichinosis.  Deutsch.  Arch.  f.  klin.  Medic.  IX.  S.  499. 
1872.  —  Über  multiloculären  Leberechinococcus.  Virch.  Arch.  Bd.  33.  S.  16. 
1865.  —  Fall  von  Lyssa  humana  mit  ungewöhnlich  langer  Latenz.  Deutsch. 
Arch.  für  klin.  Medic.  XXIV.  S.  242.  1879.  -  Febris  recurrens  in  SQddeutsch- 
land.  ibid.  XXV.  S.  518.  1880.  —  Ein  Fall  von  Magenkrebs.  Berl.  klin. 
Woch.  1874.  Nr.  1.  —  Über  akuten  Milztumor  und  seine  Beziehungen  zu 
den  akuten  Infektionskrankheiten.  Volkmanns  Sammlungen  klin.  Vortrige. 
Nr.  75.  1874. 


25]  Nikolaus  Friedreich.  179 


Familiengruppen  von  dieser  interessanten  Krankheit,  im  ganzen 
neun  Fälle  mit  vier  Sektionsbefunden,  bilden  die  Grundlage  dieser 
Arbeiten.  Sie  zeichnen  sich  durch  sorgfältigste  Beobachtung,  genaue 
klinische  und  allgemeinpathologische  Analyse  der  Symptome,  durch 
gute  pathologisch-anatomische  Untersuchungen  aus;  in  scharfer 
Weise  wird  von  vornherein  diese  Krankheitsgruppe  von  der  ge- 
wöhnlichen Tabes  —  der  „Ataxie  locomotrice"  Duchennes  — 
abgegrenzt  und  es  werden  die  Befunde  bei  derselben  zu  eingehen- 
den interessanten  Betrachtungen  über  die  Sensibilitätsleitung  in 
den  Hintersträngen,  über  den  Begriff  der  Koordination  der  Be- 
wegungen, über  die  Ataxie  und  ihre  Unabhängigkeit  von  der  Stö- 
rung der  Sensibilität,  sowie  über  die  hypothetische  Anwesenheit 
und  Lagerung  der  koordinatorischen  Bahnen  im  Rückenmark  ver- 
arbeitet. 

Mit  vollstem  Rechte  trägt  daher  die  „hereditäre  Ataxie"  Fried- 
reichs Namen;  er  hat  sich  mit  ihr  in  der  Nervenpathologie  ein 
bleibendes  Denkmal  gesetzt. 

Als  langsam  gereifte  Frucht  langjähriger  Arbeit  und  vielfacher 
Studien  erschien  1873  Friedreichs  größtes  Werk,  die  umfang- 
reiche Monographie  „über  progressive  Muskelatrophie,  über 
wahre  und  falsche  Muskelhypertrophie".  Das  Werk  gründet 
sich  auf  eine  größere  Anzahl  eigner  klinischer  Beobachtungen  und 
mehrfache  Sektionsbefunde,  auf  umfassende  Berücksichtigung  der 
Literatur  und  geht  mit  großem  Aufwände  von  Scharfsinn,  Dialektik 
und  Gelehrsamkeit  auf  die  vorliegenden  Fragen  und  auf  mehr  oder 
weniger  verwandte,  weite  Gebiete  der  Nervenphysiologie  und  -patho- 
logie  ein;  es  bespricht  die  ganze  Frage  der  trophoneurotischen 
Wirkungen  und  Theorien,  bringt  eine  vollständige  Abhandlung  über 
die  sog.  Pseudohypertrophie  der  Muskeln,  deren  enge  Zusammen- 
gehörigkeit mit  der  Muskelatrophie  dem  Autor  nicht  entgeht,  und 
zieht  auch  die  wahre  Muskelhypertrophie  und  die  progressive  Bulbär- 
paralyse  und  vieles  andere  in  den  Kreis  der  Betrachtung. 


180  Wilhelm  Erb  [26 


Friedreich  begründet  und  verteidigt  in  diesem  Werke  die  An- 
sicht, daß  die  „progressive  Muskeiatrophie**  (i.  e.  das,  was  man 
damals  darunter  verstand)  nichts  anderes  sei  als  eine  chronische 
Entzündung  der  Muskeln  (ein  Myositis  interstitialis  chronica),  also 
eine  reine  Myopathie,  an  deren  Entstehung  das  Nervensystem 
in  irgend  einem  seiner  Teile  (peripherische  Nerven,  Sympathicus, 
Rückenmark)  nicht  den  mindesten  Anteil  habe;  es  werde  dabei 
höchstens  in  sekundärer  Weise  in  Mitleidenschaft  gezogen.  Er 
bekämpft  damit  energisch  die  seiner  Ansicht  entgegenstehende  und 
in  den  60er  Jahren  zur  Herrschaft  gelangte  Lehre  Charcots  und 
seiner  Schüler,  daß  die  „progressive  Muskeiatrophie"  eine  Erkran- 
kung des  Nervensystems,  speziell  des  Rückenmarks  (der  grauen 
Vordersäulen)  sei. 

Die  weitere  Entwicklung  der  Nerven pathologie  hat  gelehrt,  daß 
Friedreichs  mit  soviel  Mühe  und  Arbeit  durchgeführte  Beweis- 
führung in  der  Hauptsache  mißlungen  ist;  sie  mußte  damals  auch  miß- 
lingen, aus  zwei  Gründen:  wegen  der  ungenügenden  klinischen 
Sichtung  des  Krankheitsmaterials,  für  welche  die  damalige 
Zeit  noch  nicht  reif  war,  so  daß  Friedreich  eine  ganze  Anzahl  ver- 
schiedener Krankheitsformen  bei  der  progressiven  Muskelatrophie 
unterbrachte,  und  dann  wegen  der  durchaus  mangelhaften  histo- 
logischen Untersuchungsmethoden,  deren  er  sich  bediente, 
und  wohl  auch  damals  nur  bedienen  konnte.  —  Vier  von  seinen 
fünf  Sektionsbefunden  stammen  aus  den  Jahren  1858 — 60!  Und 
so  ging  die  Wissenschaft  zunächst  über  sein  Werk  zur  Tagesord- 
nung über. 

Und  doch  steckte  in  demselben  ein  ganz  erheblicher  Kern 
von  Wahrheit!  Er  hatte  ihn  nur  nicht  herauszuschälen  verstanden. 
Leider  hat  Fried  reich  die  späte  Anerkennung  und  Rehabilitierung 
wenigstens  eines  großen  Teils  seiner  Anschauungen  nicht  mehr  er- 
lebt. Erst  nach  seinem  Tode  ist  es  zunächst  mir,  dem  Schreiber 
dieser  Zeilen  und  seinem  langjährigen  Gegner  in  dieser  Frage,  ve^ 


27J  Nikolaus  Friedreich.  181 


■^^T^ 


gönnt  gewesen,  durch  schärfere  khnische  Sichtung  der  einschlägigen 
Krankheitsformen  und  auf  Grund  zuverlässigerer  anatomisch-histo- 
logischer  Untersuchungsergebnisse  den  Nachweis  zu  führen,  daß  in 
der  Tat  gewisse  Formen  —  und  gerade  die  zahlreicheren  Fälle  — 
von  progressiver  Muskelatrophie  wohl  als  „myopathische"  Erkran- 
kung aufgefaßt  werden  können,  bei  welcher  sich  in  der  Tat  keine 
Veränderungen  des  Nervensystems  nachweisen  lassen;  das  sind 
die  Fälle,  die  man  jetzt  als  Dystrophia  muscul.  progr.  bezeichnet 
und  zu  welchen  auch  die  sog.  Pseudohypertrophie,  die  infantile 
Muskelatrophie  und  mehreres  andere  gehören.  Auch  in  Frankreich 
und  in  andern  Ländern  ist  man  längst  zu  der  gleichen  Anschauung 
gekommen  und  hat  eine  reinliche  Scheidung  zwischen  diesen  und 
den  rein  spinalen  Erkrankungsformen,  sowie  noch  andern  Arten 
der  Muskelatrophie  herbeizuführen  verstanden.  Aber  noch  immer 
ist  diese  Lehre  im  Fluß  und  es  darf  das  Verdienst  Friedreichs 
um  die  Entwicklung  derselben  nicht  vergessen  bleiben. 

Außer  dieser  großen  Arbeit  hat  Fried  reich  in  der  Nerven- 
pathologie nicht  viel  publiziert;  von  ihm  stammt  noch  die  Ein- 
führung der  seltnen  Krankheitsform  des^ParamyocIonus  mul- 
tiplex" in  die  Nosologie  (1881)  und  eine  nicht  uninteressante 
kleine  Arbeit  über  „coordinierte  Erinnerungskrämpfe**  (1881) 
und  endlich  die  letzte,  erst  wenige  Wochen  vor  seinem  Tode  zu- 
sammengestellte und  nach  seinem  Tode  erst  erschienene  Arbeit  — 
gleichsam  sein  Schwanengesang  —  „Zur  Behandlung  der 
Hysterie**  (1882).^ 

»  Zur  Lehre  von  den  Geschwülsten  innerhalb  der  Schädelhöhle.    Würz- 
burg  1853.   — -   Über   degenerative   Atrophie    der   spinalen    Hinterstränge. 
Virch.  Arch.  Bd.  26.  S.  391,  433  und  Bd.  27.  S.  1.  1863.  —  Über  Ataxie  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  hereditären  Formen,  ibid.  Bd.  68.  S.  145. 
[876  und   Bd.  70.   S.  140.    1877.  —  Über  progressive  Muskelatrophie,  über 
wahre  und  falsche  Muskelhypertrophie.   Berlin.   Hirschwald.  1873.  —    Über 
Paramyocionus  multiplex.   Virch.  Arch.  Bd.  86.  S.  421.  1881.  —  Coordinierte 
Erinnerungskrämpfe,   ibid.   S.  430.    1881.   —  Zur  Behandlung  der  Hysterie, 
ibid.    ßd.  90.  S.  220,  1882.  — 


182  Wilhelm  Erb  [28 

Und  damit  komme  ich  noch  zur  Besprechung  einiger  kleinerer 
Abhandlungen  Fried reichs,  die  sich  mit  therapeutischen  Dingen 
und  Vorschlägen  beschäftigen.  Er  ist  damit  nicht  sonderlich  glück- 
lich gewesen  und  hat  wenig  von  bleibendem  Werte  eingeführt  Ge- 
legentlich seiner  ersten  Arbeit  über  die  Trichinose  empfahl  er  das 
Kali  picronitricum  als  Heilmittel  gegen  diese,  sowie  gegen  an- 
dere Parasitenkrankheiten,  besonders  gegen  Bandwürmer.  Ich  habe 
auf  Friedreichs  Anregung  in  meiner  Dissertation  nachgewiesen, 
daß  das  Mittel  gegen  die  Trichinen  völlig  wirkungslos,  dagegen 
als  Bandwurmmittel  nicht  erfolglos  sei;  es  ist  längst  durch  Besseres 
verdrängt.  Im  Jahre  1864  empfahl  er  gegen  Extrauterinsch  wan- 
gers chaft  Injektionen  von  Morphium,  die  per  vaginam  in  den 
fühlbaren  Tumor  gemacht  wurden;  der  Fall  liest  sich  etwas  aben- 
teuerlich und  diese  Anregung  hat  —  soweit  mir  bekannt  —  bei 
den  Gynäkologen  wenig  Nachfolge  gefunden. 

Wichtiger  und  richtiger  erscheint  mir  seine  auf  vier  glückliche 
Fälle  gestützte  Empfehlung  des  „Bromkalium  gegen  Hyper- 
emesis  gravidarum"  (1879).  —  Seine  in  der  Hauptsache  ja 
verfehlte,  aber  im  übrigen  segensreich  gewordene  Empfehlung 
der  Condurangorinde  gegen  Magenkrebs  (1874)  habe  ich 
oben  schon  erwähnt. 

In  seiner  letzten  Arbeit  endlich  hat  Friedreich  —  anknüpfend 
an  die  Erfahrung  von  Baker  Brown  und  Gustav  Braun,  welche 
durch  die  Klitoridectomie  eine  Reihe  von  Fällen  schwerer  Mastur- 
bation, Hysterie.  Epilepsie  und  anderes  geheilt  haben  wollten  — 
versucht,  durch  eine  energische  Ätzung  der  Klitoris  und  der  Nym- 
phen mit  Höllenstein  dasselbe  zu  erreichen. 

In  den  mitgeteilten  Beobachtungen  hat  er  eine  Reihe  von 
glänzenden  Erfolgen,  auch  in  anscheinend  schweren  Formen  von 
Hysterie,  erzielt.  Wie  weit  dieselben  jedoch  durch  reine  Schmerz- 
wirkung oder  vor  allem  durch  Suggestion  vermittelt  sind,  sieht 
dahin  und  konnte  auch  bei  dem  damaligen  Stand  der  Lehre  von 


29J  Nikolaus  Friedreich.  183 


->L/v- 


der  Hysterie  und  Suggestion  noch  nicht  diskutiert  werden.  Viel 
Nachahmung  scheint  aber  auch  diese  Methode  nicht  gefunden 
zu  haben. ^ 

Daß  sich  Fried  reich  gelegenthch  auch  mit  epidemiologischen 
und  kriegshygienischen  Fragen  eingehend  beschäftigt  hat,  zeigt 
seine  1871  erschienene  Abhandlung  über  die  „Heidelberger  Ba- 
racken für  Kriegsepidemien**,  die  eine  interessante  Einleitung 
über  die  Maßregeln  gegen  epidemische  Erkrankungen  im  Kriege 
und  weiterhin  eine  Reihe  von  klinischen  Beobachtungen  und  Be- 
merkungen, besonders  über  Typhus,  enthält.* 

Zu  seiner  wissenschaftlichen  Berufstätigkeit  gehörte  aber  auch 
noch  seine  Teilnahme  an  ärztlichen  Vereinen  und  Versammlungen: 
er  hat  von  1858  bis  1868  zahlreiche  Vorträge  im  naturhisto- 
risch-medizinischen Verein  in  Heidelberg  gehalten,  später 
erscheint  sein  Name  aber  nicht  mehr  in  den  Verhandlungen  dieses 
Vereins;  er  war  öfters  Teilnehmer  an  den  Naturforscherver- 
sammlungen, z.  B.  in  Bonn,  Speyer,  Breslau,  Frankfurt,  München, 
Baden  etc.,  und  hat  die  Pfingstversammlung  mittelrheini- 
scher Ärzte  sowie  die  Wanderversammlung  der  südwest- 
deutschen Neurologen  und  Irrenärzte  häufig  durch  seine 
Anwesenheit  und  Vorträge  erfreut. 

In  dieser  vielseitigen  und  aufreibenden  Berufstätigkeit  war 
eigentlich  sein  ganzes  Leben  beschlossen ;  er  ging  völlig  darin  auf 
und  betätigte  sich  wenig  oder  gar  nicht  auf  anderen  Gebieten. 


'  Kali  picronitricum  als  Anthelminthicum.  Virch.  Arch.  Bd.  25.  S.  299. 
1862.  —  Ein  Fall  von  höchst  wahrscheinlicher  Extrauterinschwangerschaft 
mit  günstigem  Ausgang  durch  eine  neue  Behandlungsmethode,  ibid.  Bd.  29. 
S.  312.  1864.—  Bromkalium  gegen  Hyperemesis  gravidarum.  Deutsch.  Arch. 
f.  klin.  Medic.  XXIV.  S.  245.  1879.  —  Ein  Fall  von  Magenkrebs.  Berl.  klin. 
Woch.  1874.  Nr.  1.  —  Zur  Behandlung  der  Hysterie.  Virch.  Arch.  Bd.  90. 
S.  220.    1882. 

*  Die  Heidelberger  Baracken  für  Kriegsepidemien.  Heidelberg.  Basser- 
mann.   1871. 


IS4  Wilhelm  Erb  [30 


Dem  öffentlichen  Leben  blieb  er  fast  ganz  fern;  im 
ganzen  schloß  er  sich  mehr  der  liberalen  Bewegung  an ;  war  Alt- 
kalholik  geblieben,  hielt  sich  aber  von  allem  öffentlichen  Auftreten 
ziemlich  zurück ;  nur  einmal  ist  mir  erinnerlich,  daß  er  mit  seiner 
Persönlichkeit  —  es  war  in  der  Frage  der  gemischten  Schulen 
im  Jahre  1869  —  für  die  fortschrittlichen  Kulturinteressen  eintrat, 
sich  an  der  Agitation  beteiligte,  in  öffentlichen  Versammlungen 
sprach  u.  s,  w.  Es  wurde  ihm  damals  ein  Fackelzug  gebracht. 
Seine  \^issenschaftlichen  und  Berufsinteressen  erfüllten  ihn 
ganz;  neben  diesen  konnten  keine  anderen  aufblühen;  für  andere 
U*issensz>A*eige,  auch  für  Musik  und  Kunst  und  ähnliches  war  in 
dieser  Persönlichkeit  wenig  Raum. 

Es  erübrigt  noch,  auf  den  Menschen  Friedreich,  auf  seine 
Persönlichkeit,  sein  Äußeres,  seine  Lebensführung  und 
seinen  Charakter  mit  wenig  Worten  einzugehen. 

Friedreich  \^ird  als  ein  gesunder  und  lebhafter  Knabe  ge- 
schildert; er  scheint  auf  der  Universität  ein  flotter  Korpsstudent 
gem^esen  zu  sein,  der  sich  allgemeinen  Ansehens  erfreute;  daß  er 
aber  in  dem  Korpsleben  nicht  ganz  au^ng.  lehrt  die  von  ihm  in 
dieser  Zeit  gelöste  tK>tanische  Preisarbeit 

Kußmaul  schildert  in  anmutiger  Wdse  den  jungen  Dozen- 
ten Friedreich  in  Würzburg  als  einen  ernsten,  in  seinem  Wesen 
mx>hl  etu^as  nesenierren,  aber  dem  Humor  und  der  geseilten 
Henertceit  dundiaus  nicht  al^netgten,  \x>n  allen  Seten  geachtelen 
iii>d  beliebten  jungen  .Hann. 

Als  reifer  .Mann,  wie  wir  ihn  mehr  als  zwei  Jateeehnlc 
haben  nmet  uns  wandeln  sehen,  war  Friedreich  zwcSdos  «e 
henvvn^ende  und  interessante  Ei^dianung,  Von  mienig  iber  MiOd- 
l!ro6e,  \\>n  gedrut^ener  Figur,  besiA  er  regetmafiige 
tsnc  hiShc  klare  Stirn  und  an  sdiönes  doiddes, 
Ai:^  seine  Ciesichrssar^e  mar  aufialloid  dunkd,  bruKtt, 
Södlinder  erinnernd,  Haar  und  Ban  dunkd,  aber 


31]  Nikolaus  Friedreich.  185 


•<y*^ 


Sein  Gesichtsausdruck  war  meist  freundlich  und  liebenswürdig;  in 
späteren  Jahren  wohl  mehr  ernst  und  manchmal  verstimmt;  wenn 
er  etwa  mißtrauisch  und  unzufrieden  war,  hatte  er  eine  eigentüm- 
liche Art,  die  eine  Stirnhälfte  in  die  Höhe  zu  ziehen. 

Seine  Lebensweise  war  einfach  und  geregelt;  es  war  ein 
Leben  der  Arbeit,  der  angestrengtesten  Tätigkeit  von  früh  bis  in 
die  Nacht;  meist  saß  er  bis  weit  über  Mitternacht  am  Schreibtisch ; 
stand  etwas  spät  auf  und  der  Vormittag  gehörte  dann  meist  ganz 
dem  Krankenhaus,  dem  klinischen  Unterricht,  seinen  wissenschaft- 
lichen Forschungen;  oft  ließ  er  sich  dadurch  weit  über  die  Essens- 
stunde festhalten.  —  Der  Nachmittag  gehörte  der  Privatsprech- 
stunde, die  er  meist  unmittelbar  nach  Tisch  begann  und  bis  fünf, 
manchmal  sieben  Uhr  (im  Sommer)  ausdehnen  mußte.  —  Im 
Wintersemester  folgte  dann  die  tägliche  Abendvorlesung;  außerdem 
wurde  mancher  Abend  noch  durch  Sitzungen,  Examina  u.  dgl. 
ausgefüllt.  —  Vielfache  kleinere  und  größere  Konsultationsreisen 
nach  benachbarten  und  entfernteren  Städten  brachten  einige  Ab- 
wechslung in  dies  Dasein. 

Ein  Genußmensch  war  Fried  reich  nicht;  er  legte  keinen 
besonderen  Wert  auf  die  Genüsse  der  Tafel,  noch  auf  die  köstlichen 
Gaben  des  Bacchus,  war  ihnen  aber  auch  keineswegs  abgeneigt; 
nur  das  Rauchen  trieb  er  mit  einer  gewissen  Leidenschaft  und  wohl 
auch  etwas  im  Übermaß,  soweit  es  seine  Beschäftigung  erlaubte. 

Er  führte  im  wesentlichen  eine  sitzende  Lebensweise,  ging  fast 
nie  spazieren ;  auch  auf  seinen  vielen  Reisen  blieb  er  den  körper- 
lichen Anstrengungen,  dem  Bergsteigen,  dem  Sport  jeder  Art, 
möglichst  fern. 

Was  er  sich  an  Erholung  gönnte,  und  was  er  auch  —  wie 
wir  alle  sehen  konnten  —  mit  Behagen  genoß,  waren  die  Freuden 
seiner  Häuslichkeit. 

Er  hatte  früh  eine  Würzburgerin,  Joseph  ine  Lauk,  ge- 
heiratet, eine  fröhliche,  harmlose,  etwas  überschwängliche  Natur, 


186  Wilhelm  Erb  [32 


c= 


die  ihren  Mann  vergötterte,  große  Freude  an  geselligem  Verkehr 
hatte  und  ihr  Haus  zu  einem  Sammelplatz  für  fröhliche  und  heitere 
Menschen  gestaltete.  Das  „Haus  Friedreich**  spielte  lange  Jahre 
eine  erste  Rolle  in  der  Heidelberger  Geselligkeit. 

So  weites  sein  Beruf  erlaubte,  nahm  Friedreich  daran  leb- 
haften Anteil;  man  konnte  ihn  dabei  oft  sehr  fröhlich  und  von 
harmloser  Heiterkeit  erfüllt,  ja  sogar  aufgelegt  zu  allerlei  Scher- 
zen sehen. 

Leider  waren  dem  Paare  keine  Kinder  beschieden;  aber  sie 
waren  glücklich  im  gegenseitigen  Besitz;  und  wenn  die  Frau  „ihren 
Fried  reich**  anbetete,  so  vergalt  er  das  mit  einer  innigen,  zarten 
und  fürsorgenden  Liebe,  die  er  ihr  bis  zu  seinem  letzten  Atem- 
zug bewahrte. 

Friedreichs  Leben  war  an  Ehren  und  Erfolgen  reich;  Aus- 
zeichnungen aller  Art  wurden  ihm  zuteil;  er  war  an  der  Hoch- 
schule, in  der  Stadt  Heidelberg,  im  ganzen  Lande  und  bei  seinem 
Fürsten  eine  hochangesehene  Persönlichkeit. 

Seine  äußere  Situation  war  selbstverständlich  eine  glänzende; 
wenige  Jahre  nach  seinem  Eintritt  in  Heidelberg  erwarb  er  ein 
eigenes  Haus;  das  wurde  aber  für  seine  Bedürfnisse  bald  zu  eng 
und  zu  unbequem;  da  erbaute  er  sich,  an  schönster  Stelle  der 
Anlagen,  an  der  Ecke  der  Sophienstraße,  ein  glänzendes  Heim, 
aber  es  war  ihm  nicht  vergönnt,  dasselbe  lange  zu  genießen;  kaum 
war  es  bezogen,  so  traten  schon  die  ersten  Spuren  seiner  letzten 
tödlichen  Krankheit  hervor,  und  er  ist  dieses  schönen  Besitzes 
niemals  froh  geworden. 

Über  das  innere  Wesen  und  den  Charakter  des  eigenartigen 
Mannes  ist  es  nicht  leicht,  ganz  Bestimmtes  zu  sagen;  selbst  solche, 
die  ihm  lange  Jahre  nahestanden,  blieben  über  manche  Seite 
desselben  im  Unklaren. 

Friedreich  erschien  zunächst  als  eine  durchaus  liebenswürdige, 
gütige  und  freundliche  Natur  —  besonders  seine  Kranken,  aber 


•1Ü&--. '«. 


33J  Nikolaus  Friedreich.  187 


auch  seine  Untergebenen  und  Mitarbeiter  wußten  das  stets  zu 
rühmen;  er  schenkte  ihnen  sein  volles  Vertrauen,  ja  er  ging  darin 
wohl  manchmal  etwas  zu  weit,  ließ  sich  von  einzelnen  Persön- 
lichkeiten kaptivieren,  die  es  nicht  verdienten. 

Er  war  treu  und  anhänglich  —  seine  unverbrüchliche  Treue 
und  Verehrung  gegen  Virchow,  seine  das  ganze  Leben  dauernde 
Jugendfreundschaft  mit  Gegen baur  sind  des  Zeuge. 

Er  war  auch  bis  in  die  letzten  Jahre,  wo  Ernstes  und  Schweres 
näher  an  ihn  herantraten,  heiter  und  gesellig,  dem  Verkehr  mit 
Freunden  und  Gesinnungsgenossen  gern  zugänglich;  den  unseligen 
Streitigkeiten  in  der  akademischen  Korporation,  die  vom  Jahre 
1870  an  aus  nichtigen  Veranlassungen  das  ganze  Leben  an  der 
Universität  für  lange  Jahre  vergifteten,  blieb  er  tunlichst  fern. 

Nichts  von  Stolz  und  Eitelkeit  —  und  er  hätte  ja  Veranlassung 
genug  dazu  gehabt  —  trat  bei  ihm  hervor;  er  war  aufstrebenden 
Talenten  geneigt  und  förderlich,  ihnen  gegenüber  frei  von  Eifer- 
sucht und  kleinlichem  Neid. 

Und  doch  war  auch  dieser  Charakter  nicht  ganz  frei  von 
Schwächen;  Friedreich  war  empfindlich  und  leicht  verletzbar,  fühlte 
sich  auf  geringe  Veranlassungen  hin  zurückgesetzt  und  gekränkt; 
er  war  gelegentlich  einem  schwer  zu  beseitigenden  Mißtrauen  zu- 
gänglich und  zeigte  dann  eine  Verschlossenheit  des  Wesens,  die 
dem  Ausgleich  solcher  Verstimmungen  unübersteigliche  Hinder- 
nisse entgegensetzte.  —  Das  hat  ihm  selbst  das  Leben  oft  er- 
schwert und  in  den  Verkehr  zwischen  ihm  und  den  Kollegen. 
Schülern  und  Freunden  nicht  selten  Trübungen  hineingetragen,  die 
sich  nicht  leicht  wieder  verloren. 

Aber  diese  kleinen  Schatten  des  Charakters  lassen  die  glän- 
zenden Lichtseiten  3esselben  nur  noch  lebhafter  hervortreten. 

Und  zu  wahrhaft  antiker  Größe  erhob  er  sich  in  Friedreichs 
letzter  Krankheit;  über  drei  Jahre  vor  seinem  Tode  hat  er  dieselbe 
bei  dem  ersten  Auftreten  der  Erscheinungen  mit  dem  Scharfblick 


188  Wilhelm  Erb  [34 


-oTN- 


des  großen  Diagnostikers  sicher  erkannt;  er  wußte,  daß  er  unauf- 
haltsam dem  frühen  Tode  entgegengehe,  und  mußte  jeden  Augen- 
blick auf  die  Endkatastrophe  gefaßt  sein. 

Die  wunderbare  Charakterstärke  und  das  Maß  von  Selbstbe- 
herrschung, welche  Friedreich  in  dieser  schweren  Prüfung  bewies, 
das  ergreifende  Zartgefühl,  mit  dem  er  der  geliebten  Frau  sein 
Leiden  zu  verbergen  suchte  und  es  in  das  tiefste  Geheimnis  hüllte, 
sind  um  so  staunenswerter,  als  er  des  Leidens  ungewohnt  und  in 
seinen  Leistungen  und  seiner  Arbeitsfähigkeit  stets  als  eine  un- 
verwüstlich kräftige  Natur  erschienen  war. 

Er  war  fast  nie  ernstlich  krank,  nur  litt  er  häufig  an  absce- 
dierenden  Anginen,  die  ihn  oft  1 — 2  Wochen  von  seiner  Berufs- 
tätigkeit fernhielten;  einmal  auch  hat  er  eine  schwere,  durch  die 
Sektion  einer  Puerperalfieberleiche  erworbene  Phlegmone  des  Arms 
gehabt,  die  sein  Leben  in  Gefahr  zu  bringen  schien;  diese  Sache 
ist  mir  lebhaft  im  Gedächtnis  geblieben,  weil  der  alte,  berühmte 
Pirogoff  sich  an  seiner  Behandlung  intensiv  beteiligte. 

Sonst  habe  ich  ihn  eigentlich  immer  nur  gesund  gekannt,  bis 
die  letzte  Krankheit  einsetzte. 

Sie  begann  im  Jahre  1879  ziemlich  akut  mit  schweren  Stö- 
rungen des  Zirkulationsapparats,  als  deren  Hintergrund  sich  bald 
ein  Aneurysma  der  Aorta  erkennen  ließ;  dasselbe  machte  un- 
aufhaltsame, wenn  auch  nicht  sehr  rasche  Fortschritte;  es  re- 
duzierte nur  langsam  seine  Kräfte  und  seine  Arbeitsfähigkeit;  er 
erfüllte  nach  wie  vor  seine  Pflichten  als  Lehrer,  als  Arzt  und  als 
Forscher. 

Noch  während  seiner  Krankheit  hat  er  größere  Arbeiten  publi- 
ziert; noch  in  den  letzten  Wochen  seines  Lebens  hat  er  Kranke 
empfangen,  in  den  letzten  Tagen  desselben  ehie  wissenschaftliche 
Arbeit  vollendet. 

Am  3.  Februar  1882  war  er  zum  letztenmal  an  der  ^lebten 
Stätte  seines  Wirkens,  in  der  Klinik. 


.     -     ^.JU-.-.-¥. 


35]  Nikolaus  Friedreich.  189 


Langsam  schwanden  die  Kräfte  dahin,  doch  sein  Geist  bh'eb 
klar  und  rege  bis  zuletzt  und  in  den  letzten  Lebenstägen  philoso- 
phierte er  noch  mit  seinem  treuen  Arzt  und  Freunde. 

Am  6.  Juli  1882  machte  der  Durchbruch  des  Aneurysma  in 
die  Pleurahöhle  seinem  reichen  Leben  ein  Ende. 

Groß  und  schwer  war  der  Verlust,  den  die  Universität,  die 
Stadt,  die  leidende  Menschheit  und  die  medizinische  Wissenschaft 
erlitten. 

Unter  ungeheurer  Teilnahme  wurde  er  am  9.  Juli  1882  zur 
letzten  Ruhestätte  geleitet. 

In  den  Annalen  unserer  Hochschule  aber  und  unter  den  Kory- 
phäen der  medizinischen  Fakultät  wird  der  Name  Fried  reich 
unvergessen  sein. 


t 

l 


Die  Gründung 


der 


Universitäts-Augenklinik 


und  ihre 


ersten  Direktoren 


von 


Theodor  Leber. 


r-  1.1 


ald  nach  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  erfuhr  die 
f  Augenheilkunde  durch  das  glückliche  Zusammentreffen 
erschiedener  Umstände  einen  derartigen  Aufschwung, 
daß  sich  sehr  bald  die  Notwendigkeit  ihrer  Trennung  von  der  Chirurgie 
und  einer  besonderen  Vertretung  an  den  Universitäten  herausstellte. 
Sie  verdankt  diesen  Aufschwung  in  erster  Linie  der  Erfindung  des 
Augenspiegels  durch  Helmholtz,  durch  welche  das  Innere  des  Auges 
der  Beobachtung  erschlossen  und  die  Schaffung  einer  Pathologie  der 
inneren  Augenkrankheiten  ermöglicht  wurde.  Nicht  minder  wichtig 
waren  die  Fortschritte,  welche  sich  ergaben,  indem  man  das  Auge  als 
optischen  Apparat  mit  den  verfeinerten  Methoden  der  Physik  unter- 
suchte, wobei  wiederum  Helmholtz  das  Meiste  getan  hat,  und  als 
man  daran  ging,  dieseUntersuchungen  auch  auf  das  Gebiet  der  Patho- 
logie auszudehnen ;  die  Frucht  dieser  Arbeiten  ist  die  wesentlich  von 
Donders  geschaffene  Lehre  von  den  Anomalien  der  Lichtbrechung, 
der  Refraktion  und  Akkommodation  des  Auges.  Von  der  größten 
Bedeutung  war  endlich,  daß  gleichzeitig  und  unabhängig  vonein- 
ander eine  Anzahl  hochbegabter  Männer  sich  die  Ausbildung  der 
Augenheilkunde  zur  Lebensaufgabe  machten.  Unter  diesen  ragt 
bei  weitem  als  Erster  Albrecht  von  Gräfe  hervor,  den  sein 
intuitives  Genie  und  sein  eminent  praktischer  Blick  zu  therapeu- 

Festschrltl  der  Universität  Heidelberg.    II.  13 


194  Theodor  Leber  [4 


tischen  Entdeckungen  von  der  größten  Tragweite  geführt  haben. 
Die  von  ihm  ganz  aus  eigenen  Mitteln  gegründete  Augenklinik  in 
Berlin  wurde  nach  kurzer  Zeit  nicht  nur  von  Kranken  aus  allen 
Ländern  der  Welt  aufgesucht,  sondern  es  strömten  in  ihr  auch 
lernbegierige  Schüler,  Ärzte  und  Studierende  in  Menge  zusammen, 
um  die  moderne  Augenheilkunde  sich  zu  eigen  zu  machen  und 
deren  früher  nicht  erreichte  Erfolge  der  leidenden  Menschheit  zu 
vermitteln.  Die  Gräfesche  Schule  bildete  den  Mittelpunkt  dieser 
fortschrittlichen  Bewegung,  welche  ein  beredtes  Zeugnis  dafür  ab- 
gibt, in  wie  hohem  Grade  befruchtend  die  Anwendung  streng  wissen- 
schaftlicher Methoden  auf  die  Erforschung  der  Lebensvorgänge  nicht 
nur  für  die  Theorie,  sondern  auch  für  die  Krankenbehandlung  wirken 
kann.  In  Anerkennung  dieser  exakten  Grundlage  hat  man  nicht 
mit  Unrecht  die  Augenheilkunde  als  das  am  weitesten  fortgeschrit- 
tene Gebiet  der  Medizin,  welches  den  anderen  als  Vorbild  dienen 
könne,  bezeichnet. 

Übrigens  hatten  die  Vertreter  der  Chirurgie  bis  dahin  die 
Augenheilkunde  keineswegs  vernachlässigt;  nicht  wenige  von  ihnen 
hatten  sie  sogar  von  jeher  mit  besonderer  Vorliebe  gepflegt.  In 
Heidelberg  wurde  ein  regelmäßiger  und  zugleich  klinischer  Unter- 
richt in  der  Augenheilkunde  schon  1818  von  dem  im  vorher- 
gehenden Jahre  berufenen  Chelius  eingerichtet,  der  seine  Aus- 
bildung in  der  Augenheilkunde  in  Wien  bei  Beer  erhalten  hatte. 
An  den  österreichischen  Universitäten  war  die  Augenheilkunde  schon 
seit  langer  Zeit  besonders  gepflegt  worden  und  sie  verfugte  an  den- 
selben (abweichend  von  den  deutschen)  bereits  seit  dem  Anfang 
des  19.  Jahrhunderts  über  eigene,  mit  klinischen  Instituten  versehene 
Lehrstühle.  Chelius  verlieh,  als  einer  der  ersten  deutschen 
Chirurgen,  seiner  Ansicht  von  der  hohen  Bedeutung  der  Augen- 
heilkunde dadurch  Ausdruck,  daß  er  dem  von  ihm  neu  errichteten 
Institute  den  Namen  „chirurgische  und  Ophthal mologische  Klinik" 
beilegte. 


■  -   T       .   -  -► 


5]    Die  Gründung  d.  Universitäts-Augenklinik  u.  ihre  ersten  Direktoren.  195 


ryv» 


Es  liegt  aber  auf  der  Hand,  daß  nach  der  oben  bezeichneten 
Art  der  Entwicklung,  welche  die  moderne  Augenheilkunde  ge- 
nommen hatte,  ihre  Aufgaben  sich  nun  als  zu  verschieden  von 
denen  der  Chirurgie  erwiesen,  als  daß  beide  noch  mit  Erfolg  von 
einem  und  demselben  Vertreter  gepflegt  werden  konnten.  Auch 
wuchs  der  Inhalt  der  Ophthalmologie  dank  der  gemeinsamen  Arbeit 
zahlreicher  Fachgenossen  bald  derart  an,  daß  sich  schon  daraus  für 
die  Chirurgen  die  Unmöglichkeit  ergab,  den  Fortschritten  der 
neuen  Disziplin  genügend  zu  folgen.  Von  ihrer  Seite  wurde  daher 
die  Trennung  mit  wenigen  Ausnahmen  erwünscht  und  sogar  viel- 
fach nach  Kräften  gefördert.  Mag  es  manchem  auch  nicht  ganz 
leicht  geworden  sein,  sich  von  dem  mit  Vorliebe  gepflegten  Gebiete 
zu  trennen,  und  mag  dadurch  auch  da  und  dort  die  notwendig 
gewordene  Neuerung  verzögert  worden  sein,  im  ganzen  erfolgte 
doch  die  Auseinandersetzung  ohne  erhebliche  Schwierigkeiten. 

Es  fehlte  aber  natüriich  an  den  nötigen  Instituten,  da  die 
chirurgischen  Kliniken  für  die  neu  entstandenen  Interessen  weder 
Raum  noch  Mittel  und  Einrichtungen  bieten  konnten.  Hier  trat 
nun  die  eigentümliche  Erscheinung  auf,  daß  die  Augenkliniken  der 
meisten  deutschen  Universitäten  und  auch  die  der  hiesigen  als 
Privatunternehmungen  junger  Dozenten  entstanden  sind,  als  Insti- 
tute, die  sich  innerhalb  gewisser  Grenzen  durch  eigene  Einnahmen 
unterhielten,  für  die  Bedürfnisse  des  Unterrichts  und  der  Wohl- 
tätigkeit aber  freiwillige  Beiträge  von  Privaten,  Unterstützungen  von 
Gemeinden  und  Kreisen  und  Zuschüsse  des  Staates  zu  erlangen 
suchten  und  die  erst  später  als  Universitätsinstitute  vom  Staate 
anerkannt  und  übernommen  wurden. 

Das  Verdienst  der  Gründung  der  hiesigen  Augenklinik  kommt 
dem  jetzt  in  New- York  als  Augenarzt  und  Lehrer  der  Augenheil- 
kunde wirkenden  Professor  H.  Knapp  zu,  welcher  sich  im  Winter- 
semester 1859/60  mit  einer  Schrift  über  die  Krümmung  der  Horn- 
haut des  menschlichen  Auges  als  Privatdozent  der  Augenheilkunde 

13* 


196  Theodor  Leber  [6 

an  der  hiesigen  Universität  habilitierte.  Er  hatte  sich  die  neuen 
Errungenschaften  dieses  Faches  vollkommen  zu  eigen  gemacht 
und  seine  Ausbildung  auch  außerhalb  Deutschlands,  insbesondere 
in  England  und  Holland  vervollständigt  und  fand  als  Schüler  von 
Helmholtz  für  sein  Unternehmen  der  Gründung  einer  Augen- 
klinik bereitwillige  Aufnahme  und  Förderung.  Nach  kleinen  An- 
fängen im  vorhergehenden  Jahre  wurde  von  ihm  1862  eine  ambula- 
torische und  stationäre  Klinik  für  Augenkranke  mit  Hülfe  eines 
einmaligen  Staatszuschusses  in  einer  größeren  Mietwohnung  ein- 
gerichtet. Die  Anstalt  erfreute  sich,  dank  ihrer  ausgezeichneten 
Erfolge,  sehr  bald  einer  bedeutenden  Frequenz  von  selten  der 
Kranken,  entsprach  also  unstreitig  einem  großen  Bedürfnis.  Schon 
im  ersten  Jahr  betrug  die  Zahl  der  ambulatorischen  Kranken  1064, 
die  der  stationären  276,  die  Zahl  der  Operationen  254,  darunter 
23  Starextraktionen.  Bis  1867  war  die  Zahl  der  ambulatorischen 
Kranken  auf  2572  und  mit  Einrechnung  der  Besucher  des  Ambu- 
latoriums in  Mannheim  auf  3314,  die  der  stationären  Kranken  auf 
706  und  die  der  Operationen  auf  413  im  Jahr  gestiegen.  Der 
Unterricht  wurde  auch  von  den  Studierenden  in  einer  der  damaligen 
Frequenz  entsprechenden  Zahl  besucht,  obwohl  die  Teilnahme 
daran  für  die  Zulassung  zum  Examen  nicht  Vorgeschrieben  und 
für  die  Ablegung  desselben  wenigstens  in  der  ersten  Zeit  nicht 
von  Nutzen  war.  Auch  ich  verdanke  meinem  damaligen  Lehrer 
Knapp  während  einer  einjährigen  Assistentenzeit  die  erste  An- 
regung zum  Studium  dieses  Faches  und  die  Einführung  in  dasselbe, 
welches  mir  später  zur  Lebensaufgabe  werden  sollte. 

Auch  durch  eine  Reihe  gediegener  Arbeiten  optischen,  patho- 
logisch-anatomischen und  klinischen  Inhaltes  beteiligte  sich  Knapp 
in  jener  Zeit  auf  das  Eifrigste  an  der  Förderung  des  von  ihm 
vertretenen  Faches. 

Nachdem  Chelius  1864  in  den  Ruhestand  getreten  war, 
wurde  auf  Antrag  der  Fakultät  vom  Großherzoglichen  Ministerium 


7]    Die  Gründung  d.  Universitäts-Augenklinik  u.  ihre  ersten  Direktoren.  197 


die  Trennung  des  Unterrichtes  in  der  Augenheilkunde  von  dem  in 
der  Chirurgie  beschlossen;  Knapp  erhielt  1865  als  Professor  extra- 
ordinarius  einen  Lehrauftrag  für  sein  Fach  und  seine  Klinik  einen 
jährh'chen  Staatszuschuß.  Damit  war  also  die  Trennung  der  Augen- 
heilkunde von  der  Chirurgie  zum  Abschluß  gebracht. 

Um  dieselbe  Zeit  wurde  auch,  insbesondere  auf  Anregung  des 
neuen  Direktors  der  chirurgischen  Klinik.  Professors  C.  O.  Weber, 
der  Neubau  des  akademischen  Krankenhauses  beschlossen  und 
nicht  lange  nachher  genehmigt,  daß  nicht  nur  die  medizinische 
und  chirurgische  Klinik,  die  Poliklinik  und  das  pathologische  In- 
stitut, sondern  auch  die  Augenklinik  bei  dem  Neubau  Berück- 
sichtigung finden  sollten.  Knapp  arbeitete  auch  schon  in  Ge- 
meinschaft mit  dem  Bezirksbauinspektor  Waag  einen  Plan  für  die 
neue  Augenklinik  aus,  welcher  später  den  definitiven  Plänen  zu 
Grunde  gelegt  wurde.  Die  Ungunst  der  Zeiten  trat  aber  der  baldigen 
Ausführung  des  groß  angelegten  Unternehmens  hindernd  entgegen; 
ungeduldig  geworden,  daß  die  Verwirklichung  seiner  Wünsche  sich 
immer  aufs  neue  verzögerte,  legte  Knapp  1868  seine  Stelle  nieder, 
um  nach  New- York  in  einen  größeren  Wirkungskreis  überzusiedeln. 

Als  sein  Nachfolger  wurde  Otto  Becker,  ein  Schüler  von 
Arlt  in  Wien,  damals  Dozent  an  der  Wiener  Hochschule,  berufen. 
Ihm  fiel  die  Aufgabe  zu,  die  bisherige  Privatklinik  in  eine  Staats- 
anstalt umzuwandeln  und  den  Neubau  weiter  vorzubereiten  und 
durchzuführen.  Er  hat  diese  Aufgabe  glänzend  gelöst  und  bis  zu 
seinem  Tode  im  Jahre  1890  mit  dem  größten  Erfolg  an  unserer 
Hochschule  gewirkt.  Seine  Verdienste  um  die  hiesige  Augenklinik 
und  seine  persönliche  Bedeutung  machen  es  mir  zur  gern  erfüllten 
Pflicht,  hier  etwas  ausführlicher  über  ihn  zu  berichten. 

Otto  Becker  wurde  am  3.  Mai  1828  im  Domhof  bei  Ratze- 
burg in  Mecklenburg  als  Sohn  des  dortigen  Gymnasialdirektors 
geboren.  Von  seinem  Vater,  der  früher  mehrere  Jahre  in  Heidel- 
berg Kustos  der  Boissereeschcn  Sammlung  gewesen  war,  scheint 


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198  Theodor  Leber  (8 

der  Sohn  die  ausgesprochene  Neigung  zur  Kunst  und  den  Sinn 
für  Formvollendung,  die  ihn  auszeichneten,  geerbt  zu  haben.  Nach 
des  Vaters  frühem  Tode  fiel  der  trefflichen  Mutter  allein  die  Sorge 
für  ihre  sieben  Kinder  zu  und  unserem  Becker  stellten  sich  bei 
der  Verfolgung  des  von  ihm  geplanten  Studiums  der  Medizin  die 
größten  pekuniären  Schwierigkeiten  entgegen.  Er  sah  sich  ge- 
nötigt, um  nur  die  Universität  besuchen  zu  können,  ein  Stipen- 
dium anzunehmen,  welches  ihm  erlaubte,  ein  Jahr  lang  in  Er- 
langen Theologie  zu  studieren.  Dann  fand  er  die  Mittel,  um 
1848  während  eines  Semesters  die  Universität  Berlin  zu  be- 
suchen, wo  er  sich  dem  Studium  der  Naturwissenschaften  und 
der  Mathematik  hingab.  1851  begab  er  sich  nach  Wien  und 
suchte  sich  dort  durch  Übernahme  einer  Hauslehrerstelle  die 
fehlenden  Mittel  zur  Ausführung  seines  Lebensplanes,  des  Studiums 
der  Medizin,  zu  verschaffen.  Endlich,  im  Jahre  1854,  im  Alter  von 
fast  26  Jahren,  konnte  er  diesen  Lieblingswunsch  seiner  ersten 
Jugendzeit  zur  Ausführung  bringen.  Mit  unermüdlichem  Eifer 
widmete  er  sich  nun  dort  seinen  Studien  an  der  damals  durch 
Männer  wie  Rokitansky,  Skoda.  Oppolzer,  Arlt,  Hyril  und 
Brücke  in  hoher  Blüte  stehenden  medizinischen  Fakultät  und 
konnte  im  April  1859  ein  glänzendes  Doktorexamen  ablegen. 
1862  trat  er  alsSekundararzt.an  der  Augenableilung  E.V.  Jägers 
am  allgemeinen  Krankenhause  ein.  um  bald  darauf  bei  Arlt  zu- 
nächst Privatassistent  und  dann  klinischer  Assistent  zu  werden, 
in  welcher  Stellung  er  bis  zu  seiner  Berufung  nach  Heidelberg 
verblieb.  1867  erfolgte  seine  Habilitation  als  Privatdozent  der 
Augenheilkunde  an  der  Wiener  Fakultät. 

Von  Beckers  Lehrern  der  Augenheilkunde  hat  sich  E.v.  Jäger 
besonders  durch  die  Pflege  der  Augenspiegeluntersuchung  und  die 
Lieferung  von  mit  der  größten  Naturtreue  hergestellten  Abbildungen 
der  ophthalmoskopischen  Befunde  hervorgetan.  Arlt  exttllierte 
als  sorgfältiger  und  gewissenhafter  klinischer  Lehrer  und  Beobachter 


9]    Die  Gründung  d.  Universitäts-Augenklinik  u.  ihre  ersten  Direktoren.  199 


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und  war  ein  Meister  der  operativen  Technik.  Als  Älterer  war  er 
nicht  mehr  durch  die  moderne  Schule  der  mikroskopischen 
und  physiologischen  Untersuchungsmethoden  hindurchgegangen, 
welchen  Mangel  er  oft  ernstlich  beklagt  hat.  Hierin  wurde  er 
durch  Becker  auf  das  Beste  ergänzt,  der  sich  diese  Methoden 
vollkommen  zu  eigen  gemacht  hatte.  Beckers  Vertrautheit  mit 
der  histologischen  Forschung  bekundet  u.  a.  sein  Anteil  an  einem 
Bericht  über  die  Wiener  Augenklinik  für  die  Jahre  1863-1865, 
welchen  Arlt  mit  seinen  Assistenten  herausgab.  Auch  mit  physio- 
logischen Studien  beschäftigt,  lieferte  er  eine  deutsche  Bearbeitung 
des  Buches  von  Donders  über  die  Anomalien  der  Refraktion 
und  Akkommodation  des  Auges,  das  er  durch  zahlreiche  Zusätze 
ergänzte  und  bereicherte,  eine  Arbeit,  durch  welche  er  einem  all- 
gemein gefühlten  Bedürfnis  entgegenkam.  Eine  Untersuchung  aus 
jener  Zeit  über  die  Lage  und  Funktion  der  Ciliarfortsätze  im  mensch- 
lichen Auge  (1863/64)  lieferte  einen  wichtigen  Beitrag  zur  Erkennt- 
nis des  damals  viel  diskutierten  Mechanismus  der  Akkommo- 
dation des  Auges. 

Auch  nach  seinem  Abgang  von  Wien  stand  Becker  mit  Arlt 
in  einem  engen  Freundschaftsverhältnisse  und  genoß  dessen  un- 
bedingtes Vertrauen.  Ein  äußeres  Zeichen  dafür  ist.  daß  Arlt  ihm 
später  die  Herausgabe  seiner  Selbstbiographie  anvertraute,  welche 
nach  seinem  Tode  (1887)  von  Becker  besorgt  worden  ist. 

Schon  in  der  Wiener  Zeit  hatten  sich  Beckers  Beziehungen 
zu  der  Familie,  in  welcher  er  als  Hauslehrer  gewirkt  hatte,  noch 
inniger  gestaltet,  indem  er  sich  mit  der  Tochter  des  Hauses, 
Helene  Figdor,  vermählte. 

Beckers  Berufung  nach  Heidelberg  war  ein  glücklicher  Griff. 
Durch  seine  gediegene  wissenschaftliche  sowohl  als  praktische 
Ausbildung  und  das  Gewicht  seiner  imponierenden  und  zugleich 
gewinnenden  Persönlichkeit  war  er  der  richtige  Mann,  um  der 
Ophthalmologie  als  gleichberechtigter   Disziplin   im   Schöße   der 


2U()  Theodor  Leber  [10 


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medizinischen  Fakultät  Geltung  zu  verschaffen.  Bei  seiner  Berufung 
hatte  er  als  einzige  Bedingungen  die  Übernahme  der  Kh'nik  durch 
den  Staat  und  die  Kreierung  eines  Ordinariates  für  sein  Fach 
verlangt,  was  bereitwillig  zugestanden  wurde.  So  darf  unsere 
Universität  sich  rühmen,  zuerst  unter  allen  Universitäten  des 
deutschen  Reiches,  mit  alleiniger  Ausnahme  von  Leipzig,  die  Ver- 
tretung der  Ophthalmologie  durch  ein  Ordinariat  verwirklicht  zu 
haben. 

Die  Augenklinik  mußte  bei  ihrer  Übernahme  durch  den  Staat 
zunächst  noch  in  dem  bisher  benutzten  gemieteten  Hause  be- 
lassen werden.  Durch  Verzicht  auf  die  Dienstwohnung  in  dem- 
selben gelang  es  aber  Becker,  zweckmäßigere  und  größere  Räume 
für  den  Unterricht  und  zugleich  günstigere  sanitäre  Verhältnisse 
für  die  Kranken  zu  gewinnen.  Die  innere  Einrichtung  wurde  aus 
Staatsmitteln  größtenteils  neu  hergestellt,  die  zum  Unterricht  und 
zur  wissenschaftlichen  Arbeit  dienenden  Apparate  in  großer  Voll- 
ständigkeit angeschafft,  auch  ein  eigenes  Mikroskopierzimmer 
eingerichtet. 

Der  schon  1865  beschlossene  Neubau  der  Augenklinik  wurde 
indessen,  wie  auch  der  des  ganzen  akademischen  Krankenhauses, 
durch  verschiedene  Umstände  verzögert,  vor  allem  durch  den  Krieg 
gegen  Frankreich  und  dann  auch  durch  die  Rücksicht  auf  andere 
inzwischen  zur  Ausführung  bestimmte  Universitätsinstitute.  Während 
im  Anfang  Oktober  1876  die  im  alten  Krankenhause  vereinigt  ge- 
wesenen Institute  bereits  den  Neubau  beziehen  konnten,  war  der 
der  Augenklinik  erst  einige  Monate  zuvor  begonnen  worden.  Doch 
wurde  er  nun  nach  Kräften  gefördert,  so  daß  er  im  April  1878  be- 
zogen werden  konnte.  Das  Verdienst  des  grundlegenden  Planes 
hat  Becker  bescheiden  seinem  Vorgänger  Knapp  zugeschrieben. 
Doch  hat  er  selbst  durch  die  Umsicht  und  Sorgfalt,  mit  welcher 
er  zusammen  mit  dem  Architekten  Schäfer  die  Ausgestaltung  des 
Planes  in    allen  Einzelheiten    überiegte  und    durch   Vergleichung 


11]  Die  Gründung  d.  Universitäts-Augenklinik  u.  ihre  ersten  Direktoren.  201 


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mit  schon  bestehenden  Kliniken  zu  vervollkommnen  suchte  und 
auch  die  Ausführung  des  Baues  und  dessen  Einrichtung  über- 
wachte, sich  die  größten  Verdienste  um  das  Gelingen  des  neuen 
Institutes  erworben.  Die  hiesige  Anstalt  war  die  erste,  welche  für 
alle  die  vielseitigen  Bedürfnisse  einer  ophthalmologischen  Klinik  in 
gleichem  Maße  und  in  freigebiger  Weise  Fürsorge  traf  und  dadurch 
auf  lange  Zeit  für  die  späteren  mustergültig  geworden  ist.  Und 
nicht  nur  die  Zweckmäßigkeit,  auch  die  Schönheit  ist  hier  zu  ihrem 
Rechte  gekommen.  Die  Pflege  eines  so  feinen  und  wichtigen 
Organs  wie  das  Auge  sollte  nach  Beckers  Meinung  nicht  einem 
einfachen  und  schmucklosen  Krankenhause  anvertraut  sein,  auch 
in  der  Eleganz  der  äußeren  Erscheinung  und  durch  bildnerischen 
Schmuck  sollte  zum  Ausdruck  gebracht  werden,  daß  hier  die  Be- 
handlung eines  der  edelsten  Glieder  des  menschlichen  Körpers 
gelehrt  und  geübt  wird. 

Die  stationäre  Klinik  wurde,  dem  damaligen  Bedürfnis  ent- 
sprechend, für  Kranke  aller  Klassen  zusammen  mit  etwa  60  Betten 
ausgestattet,  denen  später  noch  einige  Reservebetten  hinzugefügt 
wurden.  (Zur  Zeit  beträgt  deren  Zahl  85.)  Dem  Unterricht  und 
der  Forschung  dienten  ein  großer  Hör-  und  Operationssaal,  der 
zugleich  zur  Abhaltung  der  Ambulanz  benützt  wurde,  ein  ge- 
räumiges Dunkelzimmer  für  die  Aygenspiegelkurse ,  ein  Mikro- 
skopierzimmer und  ein  Zimmer  für  optische  Untersuchungen. 
Diese  Räume  wurden  später  noch  unter  Becker  durch  ein  Zim- 
mer für  bakteriologische  Untersuchungen  ergänzt. 

Nach  Beckers  Tode  erfuhr  diese  Abteilung  der  Klinik  eine 
bedeutende  Erweiterung  durch  einen  Anbau,  in  welchem  besondere 
Räume  für  die  Abhaltung  der  Ambulanz  und  ein  größeres  Labora- 
torium mit  geräumigem  Mikroskopiersaal  und  zusammenhängenden 
Zimmern  für  optische  und  bakteriologische  Untersuchungen  und  für 
Tierversuche  untergebracht  wurden.  Auch  wurde  ein  Zimmer  für 
die  Aufstellung  der  reichhaltigen  Fachbibliothek  bestimmt,  welche 


202  Theodor  Leber  [12 


Becker  in  seinem  letzten  Willen  in  dankenswerter  Weise  der 
Anstalt  vermacht  hatte  und  die  jetzt  einen  sehr  wertvollen  und 
vielbenutzten  Besitz  derselben  bildet. 

Von  dem  größten  Wert  ist  auch  die  von  Becker  angelegte 
Sammlung  pathologisch  veränderter  Augen,  zu  der  er  schon  In 
Wien  den  Grund  gelegt  hatte  und  die  er  allmählich  auf  den  be- 
deutenden Umfang  von  1880  Nummern  zu  bringen  wußte  (der 
später  noch  bedeutend  zugenommen  hat).  Becker  war  schon 
früh  von  der  Einsicht  durchdrungen,  daß  zu  einem  richtigen  Ver- 
ständnis der  durch  den  Augenspiegel  aufgedeckten  Erkrankungen 
des  inneren  Auges  mit  den  Hülfsmitteln  der  modernen  Technik 
durchgeführte  anatomisch-histologische  Untersuchungen  unerläßlich 
seien.  Er  scheute  darum  keine  Mühe,  um  sich  von  allen  möglichen 
Seiten  her  in  den  Besitz  derartiger  Präparate  zu  bringen,  und  war 
während  seiner  hiesigen  Wirksamkeit  mit  Unterstützung  seiner 
Assistenten  und  Schüler  auf  das  Eifrigste  bemüht,  die  gesammelten 
Schätze  für  die  Wissenschaft  zu  verwerten.  Diese  Sammlung 
lieferte  ihm  u.  a.  das  Material  für  seinen  Atlas  der  pathologischen 
Topographie  des  Auges  und  seine  photographischen  Abbildungen 
von  Durchschnitten  erkrankter  Augen,  sowie  für  sein  großes  Werk 
über  die  Anatomie  und  Pathologie  der  Linse.  Für  das  Handbuch 
der  gesamten  Augenheilkunde  von  Gräfe  und  Sämisch  bearbeitete 
Becker  die  Pathologie  und  Therapie  des  Linsensystems,  einen 
der  besten  Abschnitte  dieses  Sammelwerkes.  Schon  vorher  hatte 
er  eine  Anzahl  wertvoller  klinischer  Arbeiten,  insbesondere  über 
die  Zirkulationsverhältnisse  der  inneren  Augenhäute  und  deren  Be- 
ziehungen zu  Erkrankungen  der  Kreislaufsorgane  und  zu  sonsti^n 
Körperkrankheiten  veröffentlicht.  Dem  im  Jahre  1888  in  Heidel- 
berg abgehaltenen  internationalen  ophthalmologischen  Kongreß 
überreichte  er  einen  im  Auftrag  des  Großherzoglichen  Ministeriums 
der  Justiz,  des  Kultus  und  Unterrichts  ausgearbeiteten  ausffihriichen 
Bericht  über  die  20  hinter  ihm  liegenden  Jahre  seiner  Wirksamkeit 


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13]  Die  Gründung  d.  Universitäts-Augenklinik  u.  ihre  ersten  Direktoren.  203 

an  der  hiesigen  Augenklinik,  welcher  darüber  nach  allen  Richtungen 
hin  genaue  Rechenschaft  ablegt.  Den  Fachgenossen  hat  er  sich 
ferner  durch  die  Herausgabe  der  in  verschiedenen  Zeitschriften  zer- 
streuten, auf  das  Auge  bezüglichen  anatomischen  und  patholo- 
gisch-anatomischen Arbeiten  H.  Müllers  verdient  gemacht.  Seine 
pietätvolle  Gesinnung  gegen  fremdes  Verdienst  hat  er  auch  durch 
den  Wiederabdruck  der  im  Jahre  1760  erschienenen  Apotheose 
Daviels,  des  Erfinders  der  Starextraktion,  bekundet,  die  er 
gleichfalls  den  Mitgliedern  des  Kongresses  überreichte.  Es  ist  dies 
ein  Kupferstich  mit  dem  Bildnis  Daviels,  nach  einer  Zeichnung 
des  Künstlers  de  Vosge,  welcher  Daviel  die  Wiederherstellung 
seines  Augenlichtes  verdankte. 

Beckers  wissenschaftliche  Arbeiten  zeichnen  sich  durch  große 
Sorgfalt  und  Zuverlässigkeit  der  Untersuchung,  strenge  Selbstkritik, 
gewissenhafte  Berücksichtigung  der  Literatur  und  Klarheit  der  Dar- 
stellung aus.  Als  Lehrer  war  Becker  ungemein  anregend  und 
unermüdlich  bestrebt,  seine  Schüler  in  die  feinen  und  schwierigen 
Untersuchungsmethoden  des  Auges  einzuführen  und  zu  sorgfältiger 
Untersuchung  und  Beobachtung  anzuleiten,  wobei  auch  die  viel- 
fachen Beziehungen  des  Auges  zum  übrigen  Organismus  die  ihnen 
gebührende  Würdigung  fanden.  Durch  eine  reiche  Sammlung  von 
Zeichnungen,  Modellen  und  Apparaten  wußte  er  den  Unterricht  zu 
unterstützen  und  zu  veranschaulichen.  Auch  zu  wissenschaftlichen 
Untersuchungen  gab  er  vielfach  Anregung,  so  daß  aus  seinem  In- 
stitut außer  von  ihm  selbst  auch  von  zahlreichen  Schülern  tüchtige 
Arbeiten  hervorgegangen  sind. 

Bei  der  Gewissenhaftigkeit,  mit  welcher  sich  Becker  der  Be- 
handlung der  Kranken  unterzog,  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  der 
Besuch  der  Klinik  auch  unter  seiner  Leitung  noch  weiter  zunahm. 
Im  Jahre  1885  wurde  mit  3652  ambulanten  Kranken  in  Heidelberg 
und  einschließlich  der  Besucher  der  beiden  Ambulatorien  in  Mann- 
heim  und  Lauda  mit  4338  Kranken  die   höchste   Zahl  erreicht; 


204  Theodor  Leber  [14 

stationär  behandelt  wurden  in  diesem  Jahr  781  Kranke;  die  Zahl 
der  größeren  Operationen  betrug  etwa  300. 

Seine  ungewöhnliche  Begabung  für  Verwaitungsangelegenheiten 
bekundete  Becker  auch  als  langjähriger  Vorsitzender  der  akade- 
mischen Krankenhauskommission  und  in  seinem  Prorektorat,  das 
er  im  Jahre  1876  mit  Auszeichnung  geführt  hat.  Auch  um  die 
Stadt  fieidelberg  hat  er  sich  als  Mitglied  des  BiJrgerausschusses 
verdient  gemacht  und  hat  für  ihre  Entwicklung  und  ihr  Wohl  stets 
ein  lebhaftes  Interesse  gezeigt. 

Den  Besuchern  der  regelmäßig  in  Heidelberg  stattfindenden 
Zusammenkünfte  der  ophthalmologischen  Gesellschaft,  sowie  den 
Teilnehmern  an  dem  1888  hier  abgehaltenen  internationalen  Oph- 
thalmologischen Kongreß  ist  noch  in  lebhafter  Erinnerung,  wie 
viel  er  durch  umsichtige  Organisation  und  Vorbereitung  und  durch 
seine  ganze  Persönlichkeit  zum  Gelingen  dieser  Versammlungen 
beigetragen  hat.  Niemand  verstand  es  so  wie  er,  in  der  Diskussion 
d'en  Nagel  auf  den  Kopf  zu  treffen  und  die  geselligen  Zusammen- 
künfte durch  Humor  und  treffende  Bemerkungen  in  die  richtige 
Stimmung  zu  versetzen  und  zu  elektrisieren. 

Becker  war  eine  edle,  groß  angelegte  Natur,  voll  Eifer  für 
seine  Wissenschaft,  mit  feiner  Empfindung  für  das  Schöne,  offen, 
uneigennützig  und  hingebend  für  seine  Freunde  und  Schüler.  Auch 
mir  hat  er  seine  Freundschaft  seit  der  Wiener  Zeit,  wo  ich  ihn 
zuerst  kennen  lernte,  bis  an  sein  Lebensende  bewahrt.  Eine  schöne 
männliche  Erscheinung,  imponierend  durch  den  Nachdruck,  mit 
dem  er  seine  Überzeugungen  vertrat  und  zur  Geltung  brachte;  im 
personlichen  Verkehr  liebenswürdig,  humorvoll  und  anregend,  mit- 
unter auch  rasch  aufwallend  und  heftig;  trotz  emsigen  Fleißes  voll 
heiterer  Freude  am  Leben  und  geselligen  Verkehr. 

Mitten  aus  seiner  arbcitsvollen  und  eriolgreichen  Wirksamkeit 
wurde  O.  Becker  am  6.  Februar  1890,  noch  nicht  ganz  63  Jahre 
alt,  nach  kurzer  Krankheit  durch  den  Tod  abgerufen;  eine  schwere 


15]  Die  Gründung  d.  Universitäts-Augenklinik  u.  ihre  ersten  Direktoren.  205 


Influenza,  von  der  damals  eine  Epidemie  in  der  Stadt  grassierte, 
setzte  seinem  Leben  ein  Ziel. 

Sein  Gedächtnis  lebt  nicht  nur  in  den  dankbaren  Herzen  derer 
fort,  die  ihm  nahe  gestanden  haben,  der  Vielen,  denen  er  Helfer, 
Lehrer  und  Freund  gewesen  ist,  sondern  auch  in  den  Annalen 
unserer  Wissenschaft  und  der  Anstalt,  die  ihm  so  vieles  verdankt 
und  der  er  seine  beste  Kraft  gewidmet  hat. 


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Willy  Kühne 


von 


Theodor  Leber. 


Is  gegen  Ende  der  fünfziger  Jahre  des  vorigen  Jahr- 
hunderts eine  gesonderte  Vertretung  der  Physiologie 
^  an  der  hiesigen  Universität  sich  als  unabweisbares 
Bedürfnis  herausstellte,  gelang  es  1858  der  GroBherzoglichen 
Staatsregierung,  H.  Helmholtz  für  die  neugegründete  Professur 
zu  gewinnen.  Keinen  glänzenderen  Vertreter  konnte  der  neu- 
gegründete Lehrstuhl  finden  als  den  Mann,  der  sich  durch 
sein  Gesetz  von  der  Erhaltung  der  Kraft  als  einen  der  tiefsten 
naturwissenschaftlichen  Denker  bekundet  hatte,  und  der  für  die 
Medizin  nicht  nur  auf  theoretischem  Gebiet  durch  seine  physio- 
logischen Arbeiten  bahnbrechend  gewirkt,  sondern  auch  die  Praxis 
durch  die  Erfindung  des  Augenspiegels  mit  einem  der  wichtigsten 
Hülfsmittel  bereichert  hatte.  Es  gereicht  unserer  Universität  zum 
bleibenden  Ruhm,  diesen  Mann  eine  Reihe  von  Jahren  hindurch 
aus  der  fruchtbarsten  Zeit  seines  Schaffens  zu  den  Ihrigen  gezählt 
zu  haben  und  Zeugin  der  Entstehung  eines  Teiles  seiner  größten 
wissenschaftlichen  Leistungen  gewesen  zu  sein. 

Für  Helmholtz  war  indessen  die  Physiologie,  so  gewaltige 
Fortschritte  sie  ihm  auch  verdankt,  doch  nicht  das  Fach,  in  welchem 
er  die  besondere  Art  seiner  Begabung  im  höchsten  Maße  be- 
tätigen konnte,  und  er  fand  daher  auch  in  derselben  keine  volle 
und  dauernde    Befriedigung.     Gleichwohl   nahm    er  es  ernst    mit 

Feilschrilt  der  Universilll  He<d«1beri.     II.  H 


210  Theodor  Leber  [4 

- 


seinem  Lehrberufe.  Seine  Vorlesungen  brachten  die  wichtigsten 
Kenntnisse  in  sorgfältiger  Auswahl  und  in  übersichtlicher  Anord- 
nung, und  sein  tief  eindringendes  Verständnis  und  sein  scharfes 
Urteil  konnten  auch  dem  Anfänger  als  sichere  Führer  dienen.  Un- 
vergleichlich und  zum  steten  Nachdenken  anregend  waren  seine 
populären  Vorlesungen  über  die  allgemeinen  Resultate  der  Natur- 
wissenschaften für  Studierende  aller  Fakultäten  und  seine  Vorträge 
vor  größeren  Zuhörerkreisen  über  ausgewählte  Themata  der  ver- 
schiedensten Art,  in  denen  er  die  Ergebnisse  seines  Denkens  über 
die  schwierigsten  Probleme  in  bewundernswürdiger  Klarheit  und 
Formvollendung  darzulegen  verstand,  denen  freilich  mitunter  wegen 
der  Schwierigkeit  des  Gegenstandes  in  gedruckter  Form  leichter 
zu  folgen  war  als  während  des  Vortrags  selbst. 

Dieses  in  die  Naturvorgänge  tief  eindringende  Genie,  das  die 
Mathematik  nicht  nur  beherrschte,  sondern  selbständig  weiter- 
zubilden verstand,  konnte  seine  Lebensaufgabe  nicht  auf  das  Ge- 
biet der  Physiologie  beschränken;  man  versteht,  daßHelmholtz 
bestrebt  war,  der  exakterer  Behandlung  zugänglichen  Physik  sich 
zuzuwenden,  und  daß  er  eine  dafür  sich  bietende  Gelegenheit  be- 
nützte und  1871  als  Vertreter  der  Physik  an  die  größte  deutsche 
Universität,  nach  Berlin,  als  Nachfolger  von  Magnus  übersiedelte. 

Als  sein  Nachfolger  wurde  Willy  Kühne  berufen,  damals 
noch  ein  sehr  junger  Mann,  erst  34  Jahre  alt,  der  aber  durch  die 
Bedeutung  seiner  Arbeiten  und  seine  ganze  Persönlichkeit  zu  den 
besten  Hoffnungen  berechtigte.  Die  schwere  Aufgabe,  nach  Helm- 
holtz  hier  die  Physiologie  zu  vertreten,  hat  er  in  glänzender  Weise 
gelöst  und  als  Lehrer  und  Forscher  bahnbrechend  gewirkt  Er 
brachte  eine  frische,  jugendliche  Begeisterung  für  sein  Fach  mit, 
dem  er  mit  Leib  und  Seele  angehörte,  eine  ungewöhnliche  Lehr- 
begabung und  die  Erfahrungen,  die  er  über  die  Ausgestaltung  des 
Unterrichts  und  die  Forschungsarbeit  an  den  bedeutendsten  Labora- 
torien der  in  raschem  Aufblühen  begriffenen  Physiologie  der  dama- 


5J  Willy  Kühne.  21 1 

ligen  Zeit  gesammelt  hatte.  So  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  auch 
das  hiesige  Institut  unter  seiner  Leitung  in  der  eigenartigen  Rich- 
tung, die  er  ihm  vorzeichnete,  sich  zu  einer  der  angesehensten 
Pflanzstätten  der  physiologischen  Wissenschaft  weiter  entwickelt  hat. 

Kühne  ist  1837  in  Hamburg  geboren  und  hat  schon  in  früher 
Jugendzeit  Proben  seiner  hervorragenden  Geistesanlagen  gegeben. 
Eine  glückliche  Unabhängigkeit  seiner  äußeren  Verhältnisse  ge- 
stattete ihm,  seiner  Neigung  zu  naturwissenschaftlichen  Studien  un- 
gehindert nachzugehen  und  sich  unter  der  Leitung  der  bedeutendsten 
Naturforscher  und  Biologen  seiner  Zeit  für  seine  Lebensaufgabe 
vorzubereiten.  Als  17  jähriger  bezog  er  1854  die  Universität  Göt- 
tingen, wo  besonders  Wo  hier  den  tiefsten  und  nachhaltigsten  Ein- 
fluß auf  ihn  ausübte.  In  der  Schule  dieses  hervorragenden  Che- 
mikers, welchem  zuerst  die  künstliche  Darstellung  einer  von  dem 
Tierkörper  gebildeten  komplizierten  organischen  Verbindung,  des 
Harnstoffs,  gelungen  ist,  begründete  sich  in  ihm  das  Streben,  tiefer  in 
die  chemischen  Vorgänge  des  Lebens  einzudringen  und  den  Stoff- 
wechsel des  Körpers  mit  exakten  chemischen  Methoden  zu  er- 
forschen. Dem  weiteren  Ausbau  einer  anderen  Entdeckung  Wöh- 
lers  auf  verwandtem  Gebiete  ist  schon  1857  eine  Arbeit  von  ihm 
und  Hall  wachs  gewidmet.  Dieser  Arbeitsrichtung  ist  Kühne  sein 
ganzes  Leben  hindurch  treu  geblieben  und  ihr  hat  er  wohl  den 
größten  Teil  seiner  Erfolge  verdankt. 

Mit  19  Jahren,  auf  Grund  einer  Dissertation  über  künstlich 
erzeugten  Diabetes  bei  Fröschen  zum  Doktor  promoviert,  setzte 
er  seine  Studien  zunächst  in  Jena  fort,  dann  in  Berlin  unter 
Du  Bois-Reymond,  welcher  kurz  zuvor  durch  bahnbrechende 
Arbeiten  in  der  Nerven-  und  Muskelphysiologie  seinen  Ruf  be- 
gründet hatte.  Hierauf  begab  er  sich  zu  einem  mehrjährigen 
Aufenthalt  nach  Paris,  wohin  ihn  besonders  die  großen  Ent- 
deckungen Cl.  Bernards  zogen.  Bei  diesem  vorzüglichen  Experi- 
mentator, der,  wie  unter  anderem  sein  Zuckerstich,  die  künstliche 

14* 


212  Theodor  Leber  [6 


Erzeugung  von  Diabetes  durch  Verletzung  eines  ganz  bestimmten 
Gehirnteils,  zeigt,  auch  in  die  chemischen  Vorgänge  des  Lebens 
tiefe  Blicke  zu  tun  verstand,  hat  Kühne  einen  großen  Teil  seiner 
Virtuosität  in  der  experimenteilen  Physiologie  erworben,  wie  er 
denn  auch  dieses  seines  Lehrers  stets  mit  dankbarer  Anhänglich- 
keit gedacht  hat. 

Schon  früh  bekundete  Kühne  seine  Meisterschaft  in  der 
mikroskopischen  Forschung.  Eine  glänzende  Probe  davon  geben 
seine  mit  22  Jahren  begonnenen  und  dann  eifrig  fortgeführten 
Arbeiten  über  die  Endigungsweise  der  Nerven  in  den  quergestreif- 
ten Muskeln.  Zwar  hatten  schon  lange  Zeit  vor  ihm  verschiedene 
Beobachter  für  niedere  Tiere  mit  Bestimmtheit  angegeben,  daß 
das  Ende  der  motorischen  Nervenfaser  mit  der  Muskelfaser  in 
direkte  Berührung  trete;  diese  Angaben  konnten  sich  aber  keinen 
Eingang  verschaffen,  weil  der  gleiche  Nachweis  für  höhere  Tiere 
nicht  gelingen  wollte,  und  weil  gerade  bei  Wirbeltieren  die  Unter- 
suchungen zu  durchaus  abweichenden  Annahmen  über  die  Endi- 
gungsweise der  Muskelnerven  führten.  Da  gelang  Kühne  zuerst 
bei  Insekten  und  dann  auch  bei  Wirbeltieren  der  sichere  Nachweis, 
daß  die  Nervenfaser  in  das  Innere  des  Muskelschlauches  eindringt 
und  einige  Jahre  später,  in  denen  dieser  Gegenstand  inzwischen 
auch  von  zahlreichen  anderen  Forschern  aufgenommen  und  ge- 
fördert worden  war,  konnte  er  auch  die  erste  genauere  Schilderung 
der  Art  und  Weise  dieser  Nervenendigung  in  der  sogenannten 
Nervenendplatte  folgen  lassen.  Hierdurch  war  erst  für  die  experi- 
mentell gefundene  Tatsache,  daß  der  Reizungsvorgang  von  der 
Nervenfaser  auf  die  Muskelfaser  übertragen  wird,  ein  Verständnis 
gewonnen. 

Bald  nachher  hat  er  durch  seine  berühmt  gewordene  Beobach- 
tung der  freien  Bewegung  eines  mikroskopisch  kleinen  Würmchens, 
einer  Nematode,  im  Innern  einer  Muskelfaser  den  Nachweis  zu 
liefern   vermocht,   daß  der   Inhah  des  Muskelfaserschlauchs  eine 


7]  Willy  Kühne.  213 

flüssige  Beschaffenheit  besitzt,  was  für  die  noch  immer  ungelöste 
Frage  vom  Zustandekommen  der  Muskelkontraktion  von  funda- 
mentaler Bedeutung  ist. 

Wohl  mit  durch  Du  Bois-Reymond  angeregt,  aber  in  Frage- 
stellung und  Ausführung  durchaus  selbständig  und  eigenartig  sind 
Kühnes  experimentelle  Untersuchungen  auf  dem  Gebiete  der 
Muskelphysiologie,  durch  welche  er  die  Frage,  ob  die  Muskelfaser 
eine  eigene,  von  der  Übertragung  durch  den  Nerven  unabhängige 
Irritabilität  besitzt,  welche  so  lange  ein  Gegenstand  des  Streites 
gewesen  war,  in  positivem  Sinne  entschieden  hat. 

In  Wien,  wo  er  nach  der  Pariser  Zeit  einen  kürzeren  Aufent- 
halt nahm,  ist  er  von  den  dortigen  hervorragenden  Physiologen, 
Ernst  Brjücke  und  Karl  Ludwig,  besonders  zu  dem  ersteren 
in  nähere  Beziehungen  getreten. 

Im  Jahre  1860  hatte  ihm  Virchow  eine  Assistentenstelle  am 
pathologischen  Institut  in  Berlin  übertragen,  an  welchem  er  die 
Leitung  der  chemischen  Abteilung  übernahm;  hierdurch  eröffnete 
sich  ihm  ein  selbständiger  Wirkungskreis,-  in  welchem  er  bald  auch 
eine  fruchtbringende  Lehrtätigkeit  entwickelte.  Die  nahen  Be- 
ziehungen zu  dem  Begründer  der  Zellularpathologie  mußten  ihn 
auf  Probleme  aus  dem  Gebiete  der  Zellenlehre  hinlenken,  in  deren 
Wahl  und  Bearbeitung  er  aber  wieder  völlig  original  und  bahn- 
brechend dasteht.  Man  hatte  durch  Schieiden  und  Schwann  in 
der  Zelle  den  Elementarorganismus  des  pflanzlichen  und  tierischen 
Körpers  kennen  gelernt,  und  Virchow  hatte  den  großen  Schritt 
getan,  diese  Erkenntnis  auf  die  Pathologie  zu  übertragen  und  dafür 
fruchtbar  zu  machen.  Kühne  nahm  jetzt  die  an  diesen  Elementar- 
organismen sich  abspielenden  Lebensvorgänge  zum  Gegenstand 
seiner  Untersuchung.  Die  Frucht  dieser  Studien  ist  sein  Buch 
über  das  Protoplasma  und  die  Kontraktilität,  das  mit  einer  staunens- 
werten Fülle  von  Beobachtungsmaterial  die  Kontraktilitätserschei- 
nungen  im  Tier-  und  Pflanzenreich  behandelt  und  die  Bedingungen 


214  Theodor  Leber  [8 


ihres  Auftretens  zu  ergründen  sucht.  Charakteristischer  Weise 
bildet  einen  der  wichtigsten  Abschnitte  desselben  eine  chemische 
Untersuchung,  der  Nachweis  einer  spontan  gerinnenden  Substanz 
in  den  Muskeln,  welche  auch  die  Ursache  der  Totenstarre  abgibt, 
des  von  ihm  sogenannten  Myosins,  eine  Untersuchung,  durch 
welche  er  eine  Hypothese  Brückes  über  die  Entstehung  der  Toten- 
starre bestätigt  hat. 

Seine  Voriesungen  über  physiologische  Chemie  wurden  von 
Kühne  1868  zu  einem  ausgezeichneten  Lehrbuch  ausgearbeitet, 
welches  den  Stoff  ganz  von  der  physiologischen  Seite  auffaßt  und 
durch  die  Klarheit  der  Darstellung  und  die  Menge  der  darin  nieder- 
gelegten Beobachtungen  noch  heute  von  Wert  ist. 

Auf  dem  Gebiete  der  Pathologie  ist  Kühne  trotz  der  durch 
seine  Beriiner  Stellung  gegebenen  Anregung  nur  ausnahmsweise 
als  Forscher  tätig  gewesen.  Zu  erwähnen  ist  hier  seine  Arbeit 
über  die  chemische  Natur  der  durch  die  sogenannte  amyloide 
Degeneration  der  Körperorgane  entstehenden  Substanz,  bei  deren 
Isolierung  er  sich  mit  Erfolg  der  von  ihm  erfundenen  Verdauung^- 
methode  bediente.  Er  wußte  sich  weise  zu  beschranken,  auch 
ließ  ihm  Virchow  in  seinen  Arbeiten  völlig  freie  Hand.  Kühne 
hat  Virchow  die  große  Liberalität  nie  vergessen,  mit  welcher  ihm 
dieser  die  Mittel  des  Instituts  zu  seinen  besonderen  Forschungen 
zur  Verfügung  stellte.  So  gestaltete  sich  seine  Abteilung  mehr  zu 
einem  kleinen  physiologischen  Institute,  in  welchem  unter  seiner 
Leitung  alle  möglichen,  mikroskopischen,  chemischen  und  ex- 
perimentellen Arbeiten ,  aber  vorzugsweise  nicht-pathologischen 
Inhalts,  ausgeführt  wurden.  Mit  herzgewinnender  FreundHchkeit 
hat  Kühne  damals  auch  mich  als  jungen  Anfänger  in  sein  Labo- 
ratorium aufgenommen  und  in  seinen  persönlichen  Verkehr  hinein- 
gezogen. 

in  dieser  Beriiner  Zeit  wurde  Kühne  der  Mittelpunkt  eines 
Kreises  jugendlicher   Fachgenossen^    welche  in   zwanglosem   ge- 


9]  Willy  Kühne.  215 


seiligen  Verkehr  ihre  wissenschaftlichen  Ansichten  und  Ergebnisse 
austauschten  und  an  fremder  Arbeit  oft  scharfe  Kritik  übten.  Die 
abendlichen  Zusammenkünfte  waren  durch  sprühenden  Humor 
gewürzt  und  eine  gewisse  Exklusivität  hielt  die  Gesellschaft 
bei  aller  Formlosigkeit  eng  zusammen.  Viele  aus  diesem  Kreise 
haben  später  an  Universitäten  gewirkt,  nicht  wenige  als  hervor- 
ragende Forscher  und  Gelehrte;  gar  manche  weilen  aber  nicht 
mehr  unter  den  Lebenden.  Von  den  Heimgegangenen  nenne  ich 
aus  Kühnes  Zeit:  Lücke,  Radziejewski,  K.  Hüter,  F.  Boll, 
J.  Cohnheim,  K.  Westphal,  W.  Preyer. 

Kühne  folgte  schon  1868  einem  Ruf  an  die  Universität  Amster- 
dam, wo  er  aber  in  den  gänzlich  geänderten  Lebensverhältnissen 
nicht  heimisch  wurde.  Um  so  mehr  mußte  er  1871  die  Berufung 
nach  Heidelberg  als  Nachfolger  von  Helmholtz,  an  die  Universität, 
wo  damals  noch  Bunsen  und  Kirchhoff  wirkten,  als  ein  Glück 
empfinden.  Er  hat  von  da  ab  unserer  Universität  bis  zu  seinem  am 
10.  Juni  1900  erfolgten  Tode,  also  fast  dreißig  Jahre  hindurch  an- 
gehört und  ihr  somit  nicht  viel  weniger  als  die  Hälfte  seines  ganzen 
arbeitsreichen  Lebens  gewidmet.  Als  Großstädter  geboren  und  nach 
Neigungen  und  Anlagen  wie  dazu  geschaffen,  auch  als  Jüngling 
lange  und  gern  in  großen  Städten  verkehrend,  hat  er  sich  doch 
in  unserer  idyllischen  Musenstadt  rasch  eingelebt  und  hat  hier  volle 
Befriedigung  gefunden.  Hier  lernte  er  das  Glück  kennen,  un- 
gestört durch  Zerstreuungen  und  zeitraubende  Nebengeschäfte  sich 
in  wissenschaftliche  Arbeit  zu  vertiefen  und  dem  Ziel  seines  Den- 
kens und  Strebens,  der  Erforschung  der  Lebensvorgänge,  voll  und 
ganz  sich  hinzugeben.  Diese  Befriedigung  würde  aber  nicht  so 
vollkommen  gewesen  sein  ohne  sein  überaus  glückliches  und  har- 
monisches Familienleben  durch  die  Vermählung  mit  der  Tochter 
eines  hiesigen  Universitätslehrers,  des  verdienten  Mineralogen 
Blum,  durch  die  ihm  ein  so  stetiges  und  ungetrübtes  Eheglück 
erwuchs,  wie  es  wenigen  Menschen  beschieden  ist.    Die  Zufriedenr 


216  Theodor  Leber  (10 

heit  mit  dieser  arbeitsreichen,  schaffensfreudigen  Forschertätigkeit 
hat  ihn  auch  später  niemals  verlassen,  und  so  ist  er  unserer  Uni- 
versität bis  an  sein  Lebensende  treu  geblieben.  Eine  schwere 
Krankheit,  deren  Anfänge  viele  Jahre  zurücklagen,  hat  seine  Kräfte 
allzufrüh  gebrochen  und,  nachdem  er  die  Schwelle  der  Sechziger 
nur  wenige  Jahre  überschritten  hatte,  seinem  Leben  vor  der  Zeit 
ein  Ziel  gesetzt. 

Unter  Helm  hol tz  war  das  physiologische  Institut  fünf  Jahre 
hindurch  provisorisch  in  wenigen,  höchst  bescheidenen  Räumen 
des  „ Riesen "gebäudes  untergebracht,  bis  es  1863  in  dem  inzwischen 
errichteten  Friedrichsbau  Aufnahme  fand.  Es  ist  charakteristisch 
für  Helmhol  tz,  mit  wie  geringen  Mitteln  er  seine  epochemachen- 
den Arbeiten  zustande  brachte.  Bei  dem  stets  anwachsenden  Um- 
fang der  Disziplin  und  der  Verschiedenheit  der  zu  bearbeitenden 
Gebiete  konnte  aber  auch  dieses  für  Helm  holz  neu  errichtete 
Institut  auf  die  Dauer  nicht  genügen;  es  fehlte  vor  allem  die 
Möglichkeit,  verschiedenartige  Arbeiten  histologischer,  chemischer, 
optischer  und  experimentell-physiologischer  Art  gleichzeitig  durch 
eine  größere  Zahl  von  Schülern  ausführen  zu  lassen.  Es  wurde 
daher  schon  1874'  auf  Kühnes  Wunsch  die  Herstellung  eines 
eigenen  Gebäudes  für  diesen  Zweck  in  Angriff  genommen.  Die 
bisher  benützten  Räume  wurden  später  zur  Erweiterung  des 
gleichfalls  im  Friedrichsbau  untergebrachten  physikah'schen  In- 
stitutes verwendet.  Im  Herbst  1875  konnte  der  Neubau  seiner 
Bestimmung  übergeben  werden.  Dieses  ganz  nach  Kühnes 
Angaben  eingerichtete,  dem  damaligen  Bedürfnis  auf  das  beste 
angepaßte  Institut  wurde  bald  eine  Stätte  eifrigster  wissenschaft- 
licher Arbeit,  zu  welcher  Kühne  zahlreiche  jüngere  Kräfte  anzu- 
regen wußte. 

In  der  Heidelberger  Zeit  wurden  zunächst  die  schon  in  Berlin 
begonnenen  Untersuchungen  über  die  Pankreasverdauung  wieder 
aufgenommen,  welche  ihn  zur  Reindarstellung  des  Fermentes  der 


111  Willy  Kühne.  217 


-C/v- 


Bauchspeicheldrüse,  von  ihm  Trypsin  genannt,  führten  und  über 
dessen  Wirkung  auf  die  Eiweißkörper  näheren  Aufschluß  gaben. 
Für  die  ungeformten  Fermente  wählte  er  den  neuen  Namen 
Enzyme,  um  auch  durch  die  Bezeichnung  die  fermentativ  wirkenden 
chemischen  Substanzen  von  den  in  gleicher  Weise  wirksamen 
niederen  Organismen  scharf  zu  trennen. 

Bald  mußten  aber  diese  Untersuchungen  eine  Weile  zurück- 
treten, da  die  Entdeckung  Bolls,  daß  die  Netzhaut  des  Auges 
eine  durch  Licht  ausbleichbare  rote  Färbung  besitzt,  welche  im 
Leben  fortwährend  zersetzt  und  wieder  erneuert  wird.  Kühne  zu 
einer  vier  Jahre  hindurch  fortgesetzten  Reihe  bewunderungswür- 
diger Untersuchungen  Anlaß  gab,  welche  so  recht  seine  Meister- 
schaft in  der  experimentellen  Forschung  und  seine  Beherrschung 
der  chemischen  und  physikalischen  Hülfsmittel  dartun.  Er  fand, 
daß  die  rote  Färbung  nicht,  wie  Boll  anfangs  annahm,  eine  Lebens- 
eigenschaft der  Netzhaut  ist,  sondern  bei  Abschluß  des  Lichtes 
nach  dem  Tode  ebenso  wie  im  Leben  erhalten  bleibt.  Er  wies 
nach,  daß  sie  nicht  auf  einem  Interferenzvorgang  beruht,  sondern 
von  einem  roten  Farbstoff,  dem  Sehpurpur,  herrührt,  dessen 
schwierige  Trennung  von  den  damit  durchtränkten  Gewebselemen- 
ten,  den  Stäbchen  der  Netzhaut,  ihm  gelungen  ist;  er  zeigte,  daß 
durch  die  Einwirkung  des  Lichtes  auf  den  Sehpurpur  den  Photo- 
graphien  vergleichbare  Bilder  äußerer  Gegenstände  auf  der  Netz- 
haut zustande  kommen,  die  trotz  ihrer  Vergänglichkeit  sich  objektiv 
demonstrieren  lassen,  die  sogenannten  Optogramme.  Er  hat  damit 
für  die  photochemische  Theorie  der  Lichtempfindung  eine  feste 
Basis  geschaffen.  Seine  Hypothese,  daß  die  Zersetzungsprodukte 
des  Sehpurpurs  chemisch  reizend  auf  die  Endorgane  des  Seh- 
nerven in  der  Netzhaut  einwirken,  macht  es  verständlich,  wie  das 
Licht  eine  Erregung  des  Sehnerven  bewirken  kann,  obwohl  dieser 
Nerv  gegen  die  direkte  Einwirkung  des  Lichtes  vollkommen  un- 
empfindlich  isti     Freilich   stehen  der  Annahme  dieser  Hypothese 


218  Theodor  Leber  [12 


noch  gewisse  Bedenken  entgegen,  weshalb  Kühne  selbst  sie  als 
nicht  sicher  erwiesen  betrachtet  hat. 

Nach  Abschluß  dieser  Arbeiten  wendete  sich  Kfihne  wieder 
der  Untersuchung  der  durch  das  Trypsin  erzeugten  Spaltungspro- 
dukte der  Eiweißkörper  zu.  Die  dabei  erlangten  Resultate  sind, 
abgesehen  von  ihrer  Wichtigkeit  für  die  Lehre  von  der  Verdauung, 
von  besonderer  Bedeutung  für  die  schwierige  Aufgabe  der  Zukunft, 
die  Erforschung  der  chemischen  Konstitution  der  Eiweißkörper, 
welche  jetzt  schon  ernstlich  ins  Auge  gefaßt  werden  darf. 

In  der  letzten  Zeit  seines  arbeitsreichen  Lebens  hat  sich  Kühne 
wieder  mit  der  Kontraktil ität  des  Protoplasmas  beschäftigt  und 
namentlich  deren  Abhängigkeit  von  der  Gegenwart  von  Sauerstoff 
in  eingehendster  Weise  studiert.  So  schließt  sich  das  Ende  seiner 
wissenschaftlichen  Laufbahn  harmonisch  den  fundamentalen  Unter- 
suchungen seiner  Jugendzeit  an. 

Zahlreiche  Fragen  hat  Kühne  zur  Entscheidung  gebracht,  in 
anderen  einen  Fortschritt  angebahnt,  der  auf  lange  Zeit  hinaus 
für  weitere  Forschungen  bestimmend  sein  wird.  Erstaunlich  ist 
die  Menge  einzelner  Tatsachen  und  Erfahrungen,  die  er  in  seinen 
Arbeiten  angehäuft  hat  und  die  als  sicherer  Besitzstand  in  die 
Wissenschaft  übergegangen  sind.  Die  Zuverlässigkeit  seiner  Be- 
obachtungen und  die  Gewissenhaftigkeit  seiner  Untersuchung  auch 
in  nebensächlichen  Einzelheiten  waren  so  groß,  daß  ihm  Irrtümer 
in  seiner  langen  wissenschaftlichen  Laufbahn  kaum  vorgekommen 
sind.  Seine  Wahrheitsliebe  war  auch  das  Motiv,  das  ihn  an 
Gegnern  scharfe,  zuweilen  vernichtende  Kritik  üben  ließ,  wenn  er 
sie  auf  unrichtigen  Wegen  fand,  oder  wenn  sie  berechtigten  An- 
sprüchen zu  nahe  traten. 

Kühne  war  eine  künstlerisch  angelegte  Natur;  diese  Anlage 
hat  ihn  aber  nie  dazu  verführt,  gewagten  Spekulationen  Raum  zu 
geben,  oder  aus  den  gefundenen  Tatsachen  mehr  ableiten  zu  wollen, 
als  wozu  sie  berechtigten.    Seine  künstlerische  Ader  war  für  ihn 


13]  Willy  Kühne.  219 

die  Quelle,  aus  der  sein  Geist  immer  neue  und  unerschöpfliche 
Hülfsmittel  herzuleiten  vermochte,  zur  Bewältigung  der  Aufgaben, 
welche  er  sich  gesetzt  hatte.  Darum  wird  seinen  Arbeiten  ihr  Wert 
verbleiben,  auch  wenn  die  Wissenschaft  vielleicht  über  manche 
heute  geltenden  Ansichten  und  Theorien  hinweggeschritten  sein  wird. 

Als  Lehrer  verstand  es  Kühne,  seine  Schüler  durch  lebhaften 
und  inhaltreichen  Vortrag  zu  fesseln  und  zu  wissenschaftlichem 
Denken  anzuregen.  Er  sprach  schnell  und  brachte  eine  Menge 
von  Tatsachen,  so  daß  der  Anfänger  zuweilen  Mühe  hatte  zu  folgen. 
Um  so  mehr  wurde  derjenige,  welchem  es  um  die  Sache  ernst 
war,  für  seine  Aufmerksamkeit  durch  den  Inhalt  der  sorgfältig 
ausgearbeiteten  und  von  zahlreichen  Versuchen  erläuterten  Vor- 
lesungen belohnt.  Im  Laboratorium  war  Kühne  unermüdlich, 
denen,  die  tiefer  in  seine  Wissenschaft  eindringen  wollten,  die  Wege 
dazu  zu  zeigen  und  zu  ebnen. 

Wer  aber  das  Glück  gehabt  hat,  ihm  näher  zu  treten  und  in 
freundschaftlichem  Umgang  die  Fülle  seines  Geisteslebens  und  den 
herzgewinnenden  Zauber  seines  Wesens  kennen  zu  lernen,  dem 
wird  die  Erinnerung  an  diese  gottbegnadete  Persönlichkeit  voll 
heiterer  Lebenslust  und  voll  warmer  Begeisterung  für  alles  Schöne 
und  Große  zeitlebens  im  Herzen  lebendig  bleiben.  Seine  Freude 
an  geselligem  Verkehr,  sein  Drang  sich  auszugeben  und  mitzuteilen, 
seine  geistvolle,  von  feinen  Bemerkungen  übersprudelnde  Unter- 
haltung, sein  sicheres  Urteil  in  Sachen  der  Wissenschaft,  sein  In- 
teresse und  Verständnis  für  alle  hervorragenden  Erscheinungen  in 
Literatur  und  Kunst,  seine  Freundlichkeit  und  Herzensgüte,  seine 
Bereitwilligkeit  zu  raten  und  zu  helfen,  wo  er  es  mit  den  reichen 
Schätzen  seiner  Erfahrung  nur  immer  vermochte,  werden  allen,  die 
ihm  nahe  standen,  stets  unvergeßlich  sein. 

Ein  Freundschaftsverhältnis  von  seltener  Innigkeit,  das  er  noch 
in  späteren  Jahren  geschlossen  hat,  zu  einem  Manne  von  ähn- 
lichen Anlagen  und  gleicher  Bedeutung  wurde  jäh  durch  den  Tod 


220  Theodor  Leber,  Willy  Kühne.  [14 


unterbrochen.  Ich  weiß  aus  seinem  eignen  Munde,  wie  hoch  er 
den  Verkehr  mit  Viktor  Meyer  geschätzt  und  wie  schwer  ihn 
der  Verlust  dieses  Freundes  betroffen  hat,  den  er  nur  wenige 
Jahre  überleben  sollte. 

Ein  hervorragender  Biologe,  ein  glänzender,  an  Erfolgen 
reicher  akademischer  Lehrer,  ein  für  alles  Schöne  und  Gute  be- 
geisterter Mensch,  ein  warmherziger  Freund,  so  wird  Kühne  in 
der  Erinnerung  und  im  Herzen  derer  fortleben,  die  ihm  nahe 
gestanden  haben. 

Sein  Lebenswerk  wird  weiter  wirken,  so  lange  es  eine  phy- 
siologische Wissenschaft  geben  wird. 


j 


Ferdinand  Schweins 


und 


Otto  Hesse 


von 


Moritz  Cantor. 


\ 


ombinatorische  Aufgaben,  das  heißt  solche,  bei  welchen 
die  Anordnung  oder  die  Anzahl  gewisser  Elemente 
^  oder  beides  in  Frage  steht,  ohne  daß  ein  Wertunter- 
schied jener  Elemente  unmittelbar  Berücksichtigung  fände,  haben 
seit  altgriechischer  Zeit  den  Denkern  sich  aufgedrängt  und  wur- 
den vereinzelter  Betrachtung  unterzogen.  Verhältnismäßig  häufiger 
traten  sie  bei  Mathematikern  des  sechzehnten  und  der  ersten  Hälfte 
des  siebzehnten  Jahrhunderts  auf.  Aber  auch  in  der  Darstellung 
der  Geschichte  der  Mathematik  jener  Zeit  ist  man  immer  nur  be- 
rechtigt, von  kombinatorischen  Aufgaben  zu  reden,  welche 
bald  in  diesem,  bald  in  jenem  Zusammenhange  erscheinen.  Eine 
Kombinatorik  als  solche  gab  es  nicht.  Sie  mußte  erst  erfunden 
werden,  und  der  zwanzigjährige  Gottfried  Wilhelm  Leibniz  gab 
ihr  1666  durch  seine  Dissertation  De  arte  combinatoria  Dasein 
und  Namen. 

Leibniz  war,  so  unsterbliche  Verdienste  er  sich  um  die  Mathe- 
matik erworben  hat,  in  erster  Linie  Philosoph.  Auch  seiner  Ars 
combinatoria  ist  dieses  anzumerken.  Wohl  hat  Leibniz  nachmals 
mit  Hülfe  kombinatorischer  Betrachtungen  den  polynomischen 
Lehrsatz  für  den  Fall  ganzzahliger  positiver  Exponenten  erledigt, 


224  Moritz  Caiilor  L4 


wohl  war  er  der  Anwendung  von  Determinanten  zur  Auflösung 
von  Gleichungen  ersten  Grades  mit  mehreren  Unbekannten  so 
nahe,  daß  man  ihm  billigerweise  diese  Erfindung  zuzuschreiben 
hat,  aber  die  Ars  combinatoria  selbst  war  als  Einleitung  zur 
Scientia  generalis  gedacht,  zu  jener  allgemeinen  Wissenschaft, 
welche  die  Denk-  und  Sprachlehre  auf  neue  Grundlage  zu  steilen 
beabsichtigte.  Leibnizens  Zeitgenossen  würdigten  den  großartigen 
Plan  ungenügend.  Leibniz,  durch  vielfältige  andere  Tätigkeit  be- 
hindert, vermochte  nicht,  ihn  durchzuführen.  Die  Kombinatorik 
wurde  wieder,  was  sie  gewesen  war,  bevor  Leibniz  sich  ihr  zu- 
wandte, ein  Hülfsmittcl,  das  man  von  Fall  zu  Fall  gebrauchte,  um 
mathematische  Aufgaben  verschiedener  Art  zu  bewältigen,  und 
Deutsche,  Franzosen,  Engländer  bedienten  sich  ihrer  in  diesem 
Sinne.  Da  trat  im  letzten  Viertel  des  achtzehnten  Jahrhunderts 
in  Leipzig  ein  Schriftsteller  auf,  der  zum  eigentlichen  Untersuchungs- 
gegenstande machte,  was  bis  dahin  Hülfsmittel  gewesen  war«  Karl 
Friedrich  Hindenburg. 

Hindenburg  (1741—1808)  war  kein  Leibniz,  und  die  Kombi- 
natorik, wie  er  sie  verstand,  war  kein  Werkzeug  aligemeinen 
Denkens,  sondern  nur  ein  solches  der  mathematischen  Anaiysis, 
aber  innerhalb  dieser  Beschränkung  lehrte  Hindenburg  das  Werk- 
zeug verwenden  und  für  seine  Zwecke  ausbilden.  Nicht  leicht 
wird  heute  mehr  irgend  jemand  sich  zu  den  Worten  bekennen, 
welche  1831  noch  allgemeinen  Widerhall  fanden:  „Als  Erfinder 
der  kombinatorischen  Analyse  hat  sich  Hindenburg  einen  unsterb- 
lichen Namen  erworben"  (Stimmer  in  Ersch  und  Grubers  Enzyklo- 
pädie s.  V.  Hindenburg),  dagegen  wird  man  gern  zustimmen,  es 
sei  ein  wirkliches  Verdienst  gewesen,  die  verschiedensten  kombi- 
natorischen Bildungsweisen  durch  neue  Namen  unterschieden,  Re- 
geln für  deren  Herstellung  gegeben,  Bezeichnungen  für  dieselben 
erfunden  zu  haben.  Jetzt  konnte  man  in  kurzen  Zeichen  Aus- 
drücke andeuten,  welche  ausgeführt  ganze  Seiten  einnahmen,  und 


5]  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse.  225 


-^^^^- 


die  Übersichtlichkeit,  wenn  auch  nicht  immer  die  tiefere  Einsicht 
in  das  Wesen  der  geschaffenen  Formen,  war  gewonnen. 

Leider  gingen  Hindenburgs  Schüler  in  schwärmerischer  An- 
hänglichkeit an  den  Lehrer  weit  über  das  richtige  Maß  der  Wert- 
schätzung der  Kombinatorik  hinaus.  Man  glaubte  in  Deutschland 
in  ihr  den  mathematischen  Stein  der  Weisen  erfunden!  Die  kom- 
binatorische Schule  entstand  und  machte  sich  an  vielen  Orten 
zur  Besitzerin  der  mathematischen  Lehrstühle.  Heinrich  August 
Töpfer,  Hieronymus  Eschenbach,  Heinrich  August  Rothe,  Johann 
Christoph  Weingaertner  sind  heute  fast  vergessene,  ehemals  hoch- 
berühmte Namen.  Auch  Bernhard  Friedrich  Thibaut  (1775 — 1832), 
der  jüngere  Bruder  des  Heidelberger  Pandektisten,  war  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  Kombinatoriker.  Sein  Verdienst  ist  es,  gezeigt  zu 
haben,  daß  kombinatorische  Betrachtungen,  wenn  sie  auch  für  die 
Entwicklungen  der  Analysis  höchst  fruchtbar  sind,  für  sich  allein 
die  Analysis  nicht  ausmachen,  daß  vielmehr  anderweitige  Unter- 
suchungen hinzutreten  müssen,  für  welche  dadurch  Raum  geschafft 
wird,  daß  die  rein  formalen  Darstellungen  mehr  oder  weniger  bei- 
seite gelassen  werden.  So  verfuhr  Thibaut  in  seinen  Druckschriften, 
so  in  den  Vorlesungen,  welche  er  in  Qöttingen  als  Privatdozent, 
als  außerordentlicher  Professor,  seit  1805  als  ordentlicher  Professor 
hielt,  und  zu  welchen  sich  bis  zu  130  begeisterte  Zuhörer  ver- 
einigten, so  daß  oftmals  der  größte  Hörsaal  kaum  ausreichte,  sie 
zu  fassen.  Neben  Thibaut  ließ  sich  1806  ein  junger  Privatdozent 
der  Mathematik  in  Qöttingen  nieder,  Magister  Schweins. 

Franz  Ferdinand  Schweins  ist  am  24.  März  1780  in 
Fürstenberg  im  Bistum  Paderborn  geboren.  Er  erhielt  seine  erste 
Qymnasialbildung  in  Paderborn  und  sollte  sich  der  Theologie 
widmen,  allein  eine  ausgesprochene  Vorliebe  für  mathematische 
Studien  machte  sich  bei  ihm  geltend,  und  er  durfte  dieser  seiner 
Neigung  folgen.  Er  bezog  von  1801  bis  1802  die  Akademie  der 
zeichnenden  Künste  in  Kassel,  dann  1802  die  Universität  Göttingen. 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  15 


226  Moritz  Cantor  [6 


In  Göttingen  habilitierte  er  sich  als  Privatdozent,  und  die  Vor- 
lesungsanzeiger dieser  Universität  für  Sommer  1806,  Winter  1806 
bis  1807,  Sommer  1807,  Winter  1807—1808,  Sommer  1808  kün- 
digten Vorlesungen  des  Magister  Schweins  über  verschiedene  ele- 
mentarmathematische Gegenstände  an.  Wieso  die  Bezeichnung 
als  Magister  in  jener  Zeit  unverändert  blieb,  ist  unerklärlich,  da 
nach  Ausweis  der  Akten  der  Göttinger  Fakultät  Ferdinand  Schweins 
aus  Fürsten berg  dort  unter  dem  9.  März  1807  als  Doktor  pro- 
moviert wurde.  In  Übereinstimmung  damit  nennt  ein  1808  in 
Göttingen  herausgegebener  Band  „System  der  Geometrie  mit  einer 
Einleitung  in  die  Größenlehre  als  Handbuch  zu  Vorlesungen"  als 
Verfasser:  F.  Schweins,  der  Philosophie  Doktor  und  Privatlehrer 
zu  Göttingen.  Ob  Schweins  neben  Thibaut  keine  Lehrerfolge  zu 
hoffen  hatte,  ob  eine  Beförderung  weniger  rasch,  als  er  es  wünschte, 
in  Aussicht  stand,  ob  andere  Beweggründe  vorlagen,  wissen  wir 
nicht.  Jedenfalls  verschwindet  der  Name  Schweins  nach  dem 
Sommer  1808  aus  dem  Göttinger  Voriesungsanzeiger.  Imgleichen 
Jahre  soll  er  in  Darmstadt  Vorlesungen  über  Mathematik  gehalten 
haben.  Im  Winter  1809—1810  siedelte  er  zu  neuer  Habilitation 
nach  Heidelberg  über  und  begann  als  Privatdozent  im  März  1810 
seine  Voriesungen  daselbst,  welche  bereits  im  Vorlesungsanzeiger 
für  das  Sommersemester  1810  ihre  Ankündigung  als  Größenlehre 
und  Geometrie  nach  seinem  Systeme  der  Geometrie,  kameralis- 
tische,  forstwissenschaftliche  und  juristische  Rechnungen,  praktische 
Geometrie  mit  Übungen  auf  dem  Felde,  Analysis  des  Endlichen 
gefunden  hatten. 

In  Heidelberg  war  seit  1806  Karl  Christian  von  Langsdorf 
der  ordentliche  Professor  der  Mathematik,  ein  hervorragender, 
wenn  auch  seinem  älteren  Bruder  Johann  Wilhelm  nicht  eben- 
bürtiger Meister  in  der  Salinenkunde,  tüchtiger  Technologe  im 
allgemeinen,  Verfasser  eines  damals  geschätzten  Lehrbuchs  der 
Hydraulik,  zweier  Bände  Grundlehren  der  Photometrie  u.  s.  w. 


7]  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse.  227 

Als  Mathematiker  aber  war  v.  Langsdorf  von  kaum  zu  nennender 
Bedeutung  trotz  des  alle  anderen  Mathematiker  von  oben  herab 
behandelnden  Tones,  der  sich  in  den  Schriften  „Über  die  Unstatt- 
haftigkeit  der  unendUchen  Teilbarkeit"  (Erlangen  1804)  und  „Neue 
und  richtigere  Darstellung  der  Prinzipien  der  Differentialrechnung" 
(Heidelberg  1807)  breit  macht. 

Neben  v.  Langsdori  in  die  Höhe  zu  kommen  war  verhältnis- 
mäßig leicht.  Schon  1811  wurde  Schweins  zum  außerordentlichen, 
1816  zum  ordentlichen  Professor  ernannt.  Letztere  Beförderung 
hing  mit  der  Ablehnung  einer  Berufung  nach  Greifswald  zusam- 
men, und  nun  gab  es  bis  zur  Emeritierung  v.  Langsdorfs  im  Jahre 
1827  zwei  Ordinariate  der  Mathematik  in  Heidelberg.  Schweins 
hatte  seine  ordentliche  Professur  40  Jahre  hindurch  inne.  In  dem 
Anzeiger  der  Vorlesungen  für  das  Sommerhalbjahr  1856  finden 
sich  von  ihm  angekündigt:  Algebra  (Montag,  Mittwoch  und  Freitag 
von  2 — 3),  Zinszins-  und  Wahrscheinlichkeitsrechnung  mit  Anwen- 
dung auf  die  von  ihnen  abhängenden  Staatsinstitute  (Dienstag  und 
Donnerstag  von  2—3),  Praktische  Geometrie  mit  den  nötigen 
Demonstrationen  der  Instrumente  im  Auditorium  (Montag  und 
Mittwoch  von  3 — 4),  Differential-  und  Integralrechnung  nach  Dik- 
taten in  noch  zu  verabredenden  Stunden.  Schweins  sah  sich  durch 
Krankheit  genötigt,  seine  Stellung  noch  innerhalb  des  Semesters 
niederzulegen,  am  15.  Juli  1856  starb  er.  Er  hatte  ununterbrochen 
während  93  Semester  in  Heidelberg  gelehrt. 

Der  Inhalt  seiner  Voriesungen  dürfte  in  dieser  langen  Zeil 
nur  geringe  Änderung  erfahren  haben,  wenn  auch  der  Titel  nicht 
immer  gleich  blieb.  Was  bis  zum  Sommer  1823  Semester  für 
Semester  als  Größenlehre  und  Geometrie  angekündigt  wurde, 
scheint  später  eine  Spaltung  erfahren  zu  haben.  Was  zuerst  ka- 
meralistische,  forstwissenschaftliche  und  juristische  Rechnungen 
hieß,  erhielt  später  den  Namen  Rechnungen  für  das  Geschäfts- 
leben,  mag  auch  einen  Teil  des  Inhaltes  an  die  Voriesung  über 

15*.. 


228  Moritz  Cantor  [8 


Wahrscheinlichkeitsrechnung  abgegeben  haben.  Etwa  seit  1838  las 
Schweins  meistens  im  Winter:  reine  Mathematik  und  Rechnungen 
für  das  Qeschäftsleben ;  im  Sommer:  Trigonometrie,  praktische 
Geometrie  und  eine  elementare  Statik  und  Mechanik,  mithin  lauter 
Vorlesungen,  welche  die  damalige  Prüfungsordnung  dem  Studie- 
renden der  Kameralwissenschaften  auferlegte.  Mit  der  praktischen 
Geometrie  waren  bis  zum  Sommer  1853  einschließlich  Übungen 
auf  dem  Felde  verbunden.  Im  Sommer  1854  kündigte  Schweins 
die  praktischen  Übungen  im  Messen  auf  dem  Felde  besonders  an. 
Im  Sommer  1856  verprach  er,  wie  wir  gesehen  haben,  nur  das 
Vorzeigen  und  Eriäutern  der  Instrumente  im  Hörsaale.  Für  Mathe- 
matiker von  Fach  zeigte  Schweins  bald  Analysis,  bald  analytische 
Geometrie,  bald  Differential-  und  Integralrechnung,  bald  höhere 
Mechanik  an  und  fand  in  früherer  Zeit  Zuhörer  dazu.  Wir  kennen 
durch  einen  Zufall  solche  in  Bern  aufbewahrte  Vorlesun^hefte, 
nachgeschrieben  und  ausgearbeitet  von  Jakob  Steiner.  Der 
große  Geometer  aus  Utzenstorf  hat  sich,  wie  Herr  J.  H.  Graf  in 
dessen  Lebensbild  erzählt,  im  Winter  1819 — 1820,  im  Sommer  1820 
und  im  Winter  1820 — 1821  unter  den  Zuhörern  von  Schweins  be- 
funden. Im  Winter  1819  1820  hörte  Steiner  Analysis  des  Endlichen 
und  Mechanik,  im  Sommer  1820  Auflösung  von  Gleichungen  ver- 
schiedener Grade,  im  Winter  1820—1821  Differential-  und  Integral- 
rechnung. Wenn  berichtet  wird,  Steiner  habe  in  allen  drei  Se- 
mestern Mechanik  getrieben,  so  muß  dieses  sein  Privatstudium 
gewesen  sein,  denn  Schweins  hat  nur  für  den  Winter  1819—  1820 
Mechanik  angekündigt.  In  späterer  Zeit,  etwa  von  1835  an,  müssen 
studierende  Mathematiker  in  Heidelberg  mehr  und  mehr  zu  den 
Seltenheiten  gehört  haben.  Läßt  doch  von  jenem  Zeitpunkte  an 
schon  die  Art  der  Ankündigung  einigermaßen  höherer  Vorlesungen 
auf  das  deutlichste  erkennen,  daß  eine  wirkliche  aufsteigende  Reihen- 
folge der  Voriesungen  nicht  eingehalten  wurde,  vermutlich  nicht 
eingehalten  werden  konnte,  weil  es  an  Zuhörern  fehlte,  die 


9]  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Messe.  229 

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treffenden  Vorlesungen  zu  stände  zu  bringen.  Wie  will  man  es 
anders  deuten,  wenn  solche  Vorlesungen  nur  selten  zum  voraus 
auf  bestimmte  Stunden  angesetzt  waren,  oder  wenn  in  die  Wahl 
der  Zuhörer  gestellt  war,  ob  höhere  Mechanik  oder  Theorie  der 
krummen  Linien  (Sommer  1836),  ob  Analysis  oder  analytische 
Geometrie  (Sommer  1847)  gelesen  werden  solle?  Finden  wir 
überdies  in  den  Ankündigungen,  daß  noch  nach  1850,  also  zu 
einer  Zeit,  an  welcher  in  allen  norddeutschen  Hochschulen  der 
freie  mathematische  Vortrag  sich  längst  eingelebt  hatte,  Schweins 
ausdrücklich  analytische  Geometrie  nach  Diktaten,  krumme  Li- 
nien vom  zweiten  Grade  nach  Diktaten  (Winter  1851  1852), 
neuere  Methoden  der  Geometrie  nach  Diktaten  (Winter  1849  bis 
1850,  Winter  1850—1851,  Sommer  1852),  Differential-  und  Integral- 
rechnung nach  Diktaten  und  gar  nur  zweistündig  anzeigte,  so 
wird  man  es  jungen  Leuten,  die  Mathematik  studieren  wollten, 
nicht  verargen,  wenn  sie  es  vorzogen,  nordische  Universitäten  auf- 
zusuchen, um  dort  moderne  Wissenschaft  in  moderner  Form  in 
sich  aufzunehmen.  Auch  den  Verfasser  dieses  Aufsatzes  schreckte 
damals,  was  er  über  die  Lehrart  von  Schweins  in  Erfahrung 
brachte,  und  er  suchte  und  fand  in  Göttingen  und  Berlin  die  Lehrer, 
nach  deren  Muster  er  sich  zu  bilden  bestrebt  gewesen  ist.  Schweins 
hatte  sich  überlebt,  und  ihm  fehlte  das  Bewußtsein,  daß  es  so 
war.  Er  glaubte  noch  an  sich,  als  alle  diesen  Glauben  verloren 
hatten.  Das  ist  die  wissenschaftliche  Sünde,  die  er  auf  sich  ge- 
laden hat. 

Daß  es  auch  eine  Zeit  gab,  in  welcher  Schweins  ein  beliebter 
und  geschätzter  Lehrer  war,  haben  wir  schon  gesagt,  und  wir 
können  Belege  zur  Stütze  dieser  Behauptung  beibringen.  Unter 
Schweins  wurde  Heidelberg  zum  Mittelpunkte  der  kombinato- 
Tischen  Schule.  Von  hier  nahmen  Ludwig  ütlinger,  Anton  Müller, 
Arthur  Arneth  ihren  Ausgangspunkt,  welche  man  als  die  drei  letz- 
ten einigermaßen  namhaften  Kombinatoriker  der  alten  Schule  wird 


230  Moritz  Cantor  [\0 


bezeichnen  dürfen.  Schule  bildend  oder  auch  nur  den  Geist  einer 
überkommenen  Schule  fortpflanzend  wirkte  man  aber  kaum  jemals 
anders  als  durch  Unterricht.  Schriftstellerische  Leistungen  allein 
reichen  dazu  in  den  seltensten  Fällen  hin,  wenn  sie  auch  oftmals 
die  Aufmerksamkeit  auf  denjenigen  lenken,   der  sie  verfaßt  hat. 

Wir  müssen  uns  darum  den  Schriftwerken  von  Schweins  zu- 
wenden. Steiner  hat  ihn  als  genialen  Verfasser  einer  Analysis 
und  als  ausgezeichneten  Kombinatoriker  genannt  (Steiner,  Ge- 
sammelte Werke  I,  175  und  II,  18),  und  wenn  er,  als  er  später 
mit  Schweins  zerfallen  war,  dessen  Methode  verhöhnte  und  ins- 
besondere seiner  Geometrie  einen  naheliegenden  Spottnamen  bei- 
legte, wie  unter  anderem  Herr  Graf  in  seinem  schon  erwähnten 
Lebensbilde  Steiners  berichtet,  so  darf  man  nicht  vergessen,  daß 
Steiner  wenig  sorgfältig  in  der  Wahl  seiner  Ausdrücke  war,  und 
daß  auch  C.  G.  J.  Jakobi  von  ihm  in  Briefen  mit  keinesw^s 
schmeichelhaften  Beiworten  bedacht  ward.  Schweins  war,  das 
müssen  wir  in  Übereinstimmung  mit  Steiners  gedruckten  Äuße- 
rungen aufrecht  erhalten,  ausgezeichneter  Kombinatoriker,  und  er 
blieb  dieser  freilich  einseitigen,  aber  geschichtlich  nun  einmal  vor- 
handenen Richtung  bis  nahezu  zum  Schlüsse  seiner  schriftstelle- 
rischen Laufbahn  getreu.     Wir  haben  drei  Werke  zu  schildern. 

„Geometrie  nach  einem  neuen  Plane  gearbeitet*,  betitelt  sich 
das  erste  Werk,  welches  in  zwei  Bänden  1805  und  1808  in  Qöt- 
tingen  herauskam.  Neben  dem  größeren  Werke  gab  Schweins 
gleichfalls  in  Göttingen  1808  das  früher  von  uns  genannte  System 
der  Geometrie  mit  einer  Einleitung  in  die  Größenlehre  als  Hand- 
buch zu  Vorlesungen,  welchem  wir  (System  S.  216)  entnehmen, 
daß  noch  ein  dritter  Band  des  größeren  Werkes  folgen  soIHe,  der 
aber  nie  erschienen  ist.  Die  Geometrie  bildet  einen  der  ersten 
Versuche,  auch  in  Deutschland  zu  wagen,  was  in  Frankreich,  um 
von  älteren  Schriftstellern  beider  Länder  abzusehen,  1794  von 
Legendre  unternommen  worden  war,   die  Geometrie  anders  als 


II]  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse.  231 


nach  dem  mehr  als   drei  Jahrtausende  alten  Muster  des   Euklid 
vorzutragen.  Die  Geometrie  von  Schweins  ist  ein  folgerichtig  aufge- 
bautes Werk,   welches  auch   heute   noch   unsere  Aufmerksamkeit 
dadurch  zu  erregen  vermag,  daß  es,  wenn  wir  so  sagen  dürfen, 
eine  kombinatorische  Geometrie   ist.     Im  Systeme  werden  nach- 
einander Gebilde  von  3,  4,  5  und  mehr  graden  Linien  untersucht. 
Dann  kommt  der  Kreis  an  die  Reihe  in  Verbindung   mit  graden 
Sehnen  und  Tangenten.    Zwei,  drei  Kreise  folgen.     Hier  schließt 
sich  die  Lehre  von  den  Kreisfunktionen  an,  die  fortan  in  Gebrauch 
treten  und  zur  Trigonometrie,   Tetragonometrie,   Polygonometrie 
führen.     Nach   dem   Kreise,   als   einziger  ordentlich   gekrümmter 
Linie,  folgen  die  unordentlich  gekrümmten  Linien  Parabel,  Ellipse, 
Hyperbel,  Cissoide,  Conchoide,  Cardioide,  Cykloide  in  elementar- 
analytischer Behandlung.     Eine  kurze,  auch  wieder  nach  der  An- 
zahl   der    betrachteten    Raumelemente   kombinatorisch    angelegte 
Stereometrie    bildet    den   Schluß   des  Systems.      Einige   Sprach- 
eigentümlichkeiten   wie    Rechteck   im   Sinne   von   rechtwinkligem 
Dreieck,  während  das  rechtwinklige  Viereck  Rectangel  heißt,  Hy- 
pothenuse  mit  th,  der  Kathete  (männlich),  Ellypse  mit  y,  Assymp- 
tote  mit  ss  mögen  Anstoß  erregen. 

Analysis  heißt  das  zweite  Werk,  welches  1820  in  Heidelberg 
erschien.  Genialer  Verfasser  wurde  Schweins  von  Steiner  grade 
im  Hinblick  auf  dieses  Werk  genannt,  und  doch  trägt  das  Titel- 
blatt die  wehmütige  Bemerkung  „auf  Kosten  des  Verfassers  und 
in  Kommission  bei  Mohr  und  Winter".  Es  sind  neun  in  losem 
Zusammenhange  stehende  Abhandlungen,  deren  Wesen  Schweins 
in  dem  ersten  Satze  einer  ausführlichen  Inhaltsanzeige  folgender- 
maßen kennzeichnet:  „Der  Inhalt  des  ganzen  Werkes  besteht  in 
dem  Vervielfachen  und  Messen  der  Faktoren,  welche  bestimmten 
Gesetzen  unterworfen  sind,  und  in  dem  Aufsuchen  der  Gesetze 
bei  den  Produkten,  welche  durch  diese  Geschäfte  hervorgebracht 
werden".     Es  ist  nicht  unmöglich,   daß  in  den  387  Quartseiten 


232  Moritz  Cantor  [\2 


•<j^ 


des  Bandes  beachtenswerte  Ergebnisse  sich  finden,  aber  es  ist 
heute  unmöghch,  sich  durch  den  Band  hindurchzuarbeiten,  welcher 
dem  Leser  zumutet,  sich  an  Bezeichnungen  von  nicht  zu  beschrei- 
bender Schwerfälligkeit  zu  gewöhnen,  die  Schweins  teilweise  aller- 
dings Vorgängern  entlehnte,  teilweise  aber  auch  neu  bildete.  Die 
Sorglosigkeit  im  Rechnen  mit  unendlichen  Reihen  wird  man 
Schweins  im  Jahre  1820  nicht  verübeln  dürfen,  denn  Bolzanos 
heute  berühmt  gewordene  Arbeiten  von  1816  und  1817  hatten 
damals  noch  keine  Leser  gefunden  und  konnten  dementsprechend 
auch  keine  Wirksamkeit  ausüben;  die  noch  um  mehrere  Jahre 
ältere  Abhandlung  von  Qauß  (Disquisitiones  circa  seriem  etc.) 
war  vielleicht  gelesen,  aber  sicherlich  in  ihrer  Tragweite  nicht  ver- 
standen, Eul er  dagegen,  der  Gründer  einer  algebraischen  Analysis 
und  allgemeiner  Lehrer  in  diesem  Fache,  war  selbst,  man  könnte 
fast  sagen  leichtfertig,  mit  Reihen  umgesprungen. 

Als  drittes  Werk  erschien  die  Theorie  der  Differenzen  und 
Differentiale,  der  gedoppelten  Verbindungen,  der  Produkte  mit 
Versetzungen,  der  Reihen,  der  wiederholenden  Funktionen,  der 
allgemeinsten  Fakultäten  und  der  fortlaufenden  Brüche,  Heidelberg 
1825,  Verlag  von  C.  F.  Winter,  mithin  vier  Jahre  später  als 
Cauchys  Cours  d'analyse  von  1821,  ein  Jahr  nach  Eytelweins 
Qrundlehren  der  höheren  Analysis,  in  welchen  die  Einwirkung 
Cauchys  namentlich  im  zweiten  Bande  nicht  zu  verkennen  ist. 
Aber  Schweins  hatte  das  bahnbrechende  Werk  des  französischen 
Schöpfers  einer  zeitgemäßen  Analysis  nicht  kennen  gelernt.  Wir 
entnehmen  diese  Tatsache  den  zahlreichen  Erwähnungen  anderer 
Schriftsteller,  durch  welche  Schweins  sich  rühmlich  auszeichnet, 
unter  welchen  aber  Cauchy  fehlt.  Wieder  begegnen  wir  also  der 
größten  Sorglosigkeit  im  Gebrauche  unendlicher  Ausdrücke,  wieder 
einer  Fülle  von  ungeheuerlichen  Zeichen,  wieder  einer  an  Unmög- 
lichkeit grenzenden  Schwierigkeit  sich  hindurchzuwinden.  Erst  im 
Jahre    1884    hat    Herr    Muir    (Philosophical    Magazine   Ser.    5, 


13]  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse.  23S 

Vol.  18,  pag.  416 — 427)  darauf  hingewiesen,  daß  unter  dem  Namen 
Theorie  der  Produkte  mit  Versetzungen  (S.  319—431)  eine  ziem- 
lich ausführliche  Behandlung  der  Lehre  von  den  Determinanten 
sich  verborgen  hat.  Gerade  hier  nennt  Schweins  mehrere  in 
französischer  Sprache  schreibende  Vorgänger:  Bezout,  Laplace, 
Desnanot,  Wronski,  aber  Cauchy  nennt  er  nicht. 

Wir  sagten  oben,  Schweins  sei  nahezu  bis  zum  Schlüsse 
seiner  schriftstellerischen  Laufbahn  Kombinatoriker  und  nur  Kom- 
binatoriker gewesen.  Wir  berücksichtigen  mittels  des  einschrän- 
kenden Wortes  „nahezu"  einige  Aufsätze  aus  den  Jahren  1846, 
1849,  1854  (Grelle  32,  38,  47),  welche  auf  Kräftepaare  sich  be- 
ziehend manche  Berührungspunkte  mit  Arbeiten  von  Möbius 
aufweisen. 

Auch  damit  ist  die  Aufzählung  des  im  Drucke  Erschienenen 
nicht  vollständig,  aber  das  Weggelassene,  teils  elementare  Lehr- 
bücher, teils  abgesondert  veröffentlichte  kleinere  kombinatorische 
Abhandlungen,  kann  vernachlässigt  werden,  ohne  Schweins  zu  be- 
einträchtigen. 

Wir  wissen  bereits,  daß  Schweins  am  15.  Juli  1856  starb, 
daß  er  schon  vorher  seine  Lehrstelle  niedergelegt  hatte.  Die  Be- 
rufung eines  Nachfolgers  für  ihn  wurde  so  beschleunigt,  daß 
dessen  Ankündigung  für  das  Wintersemester  1856  —  1857  noch  in 
den  Vorlesungsanzeiger  aufgenommen  werden  konnte.  Wir  finden 
dort  den  Namen  Professor  Hesse  mit  Enzyklopädie  der  gesam- 
ten Mathematik  sechsstündig  und  analytische  Geometrie  der  Ebene 
zweistündig. 

Die  Enzyklopädie  kehrte  dann  noch  einmal  im  Winter  1857 

bis    1858    wieder,   die   zweistündige   analytische   Geometrie    der 

Ebene  noch  zweimal  in   den  Sommerhalbjahren    1858  und  1859, 

Während  der  gleiche  Gegenstand  seit  dem  Winter  1860—1861  stets 

dreistündig  behandelt  wurde.    Einen  Wechsel  in  d^r  aufgewandten 

Stundenzahl  weisen  auch  andere  Heidelberger  Vorlesungen  Hesses 


234  Moritz  Cantor  [14 


!-»rNi 


auf.  Analytische  Geometrie  des  Raumes  las  er  zweimal  vier- 
stündig, dann  dreistündig.  Differential-  und  Integralrechnung  ver- 
einigt nahmen  im  Sommer  1857  vier  Stunden  in  Anspruch,  dann 
jedes  für  sich  vier  Stunden,  bis  vom  Winter  1860—1861  an  Diffe- 
rentialrechnung und  Integralrechnung  abwechselnd  in  je  drei  Stun- 
den gelesen  wurden.  Einleitung  in  die  Analysis  des  Unendlichen 
nahm  im  Sommer  1859  vier  Stunden  in  Anspruch,  später  wieder- 
holt deren  drei,  und  in  dieser  Vorlesung  des  Winters  1864-1865 
vereinigte  Hesse  die  höchste  Zahl  seiner  Zuhörer,  nämlich  27, 
während  diese  sonst  bei  ihm  in  Heidelberg  zwischen  10  und  20 
schwankte.  Von  sonstigen  Vorlesungen  Hesses  nennen  wir  eine 
mehrfach  wiederkehrende  dreistündige  Mechanik  und  allmählich  in 
jedem  Semester  angekündigte  einstündige  analytisch-geometrische 
Entwicklungen.  Dieser  Namen  bezeichnete  seminaristische  Übun- 
gen, wie  solche  von  Jacobi  in  Königsberg  erstmals  vorgenommen 
worden  waren.  Hesse,  welcher  als  Jacobis  Schüler  den  didak- 
tischen Wert  solcher  Übungen  kennen  gelernt  hatte,  übertrug  sie, 
wenn  auch  in  etwas  enger  Stoffbegrenzung,  nach  Heidelberg,  wo 
das  mathematische  Seminar  fortan  eine  regelmäßige  sich  mehr 
und  mehr  erweiternde  Einrichtung  blieb.  Hesse  hat  zuletzt  für 
den  Winter  1868 — 1869  Voriesungen  in  Heidelberg  angezeigt,  aber 
nicht  mehr  gehalten.  Er  war  im  Herbst  1868  nach  München  ab- 
gegangen. 

Ludwig  Otto  Hesse  ist  am  22.  April  1811  in  Königsberg 
geboren  und  gehörte  wie  durch  seine  Geburt,  so  auch  durch  seine 
Vorfahren  dem  preußischen  Nordosten  an.  Ebendahin  weist  die 
Familie  von  Hesses  Gemahlin,  die  Geburt  seiner  Kinder»  eben- 
dorthin  seine  Erziehung,  seine  Studienzeit,  seine  bedeutendsten 
wissenschaftlichen  Erfolge  als  Erfinder  wie  als  Lehrer  auf  einem 
vor  ihm  kaum  jemals  bearbeiteten  Teilgebiete  der  Mathematik,  der 
Verbindung  von  Algebra  mit  Geometrie.  Hesse  wurde  verhältnis- 
mäßig spät,  im  April  1832,  also  mit  21  Jahren,  vom  Gymnasium 


15]  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse.  235 


seiner  Vaterstadt  zur  Universität  entlassen.  Er  meldete  sich  zur 
Erfüllung  seiner  Militärpflicht,  wurde  aber  zuerst  zurückgestellt, 
1834  endgültig  zurückgewiesen,  was  nachmalig  jeden  mit  Erstaunen 
erfüllte,  der  den  breitschultrigen,  wetterharten,  strapazengewohnten 
Mann  kannte,  zu  welchem  der  rasch  aufgeschossene,  flachbrüstige 
Jüngling  sich  entwickelt  hatte.  In  den  dreißiger  und  vierziger 
Jahren  des  19.  Jahrhunderts  war  Königsberg  die  hervorragend 
mathematische  Universität  Deutschlands.  C.  G.  J.  Jacobi,  Bessel, 
Franz  Neumann,  Richelot  wirkten  dort  nebeneinander,  und 
ihr  Schüler  war  Hesse  fünf  Jahre  lang.  Alsdann  legte  er  1837  die 
Prüfung  zum  Oberlehrer  ab,  machte  sein  Probejahr  durch,  trat 
im  Herbste  1838  als  Lehrer  in  die  Königsberger  Gewerbeschule 
ein,  um  an  ihr  während  drei  Jahren  in  Physik  und  Chemie  zu 
unterrichten,  inzwischen  arbeitete  er  an  seiner  Doktordissertation 
über  die  acht  Durchschnittspunkte  dreier  Oberflächen  zweiter  Ord- 
nung, promovierte  am  Anfang  des  Jahres  1840  und  trat  dann 
selbst  als  Privatdozent  der  Mathematik  in  den  Lehrkörper  der 
heimatlichen  Universität  ein,  welchem  er  —  seit  1845  als  außer- 
ordentlicher Professor  —  bis  1856  angehörte.  Hesses  Lehrtätig- 
keit wie  seine  schriftstellerische  Fruchtbarkeit  in  jener  Zeit  waren 
von  gleich  hoher  Bedeutung,  und  so  muß  es  als  eine  eigentüm- 
liche Ungunst  der  Verhältnisse  bezeichnet  werden,  daß  er  erst  mit 
44V2  Jahren  durch  eine  Berufung  nach  Halle  zum  ordentlichen 
Professor  befördert  wurde.  Der  Aufenthalt  in  Halle  sollte  nur 
ein  kurzer  sein  von  Neujahr  1856  bis  zum  Schlüsse  des  Sommer- 
semesters des  gleichen  Jahres.  Im  Mai  erhielt  Hesse  einen  Ruf 
nach  Heidelberg,  dem  er,  wie  wir  schon  gesehen  haben,  mit  An- 
fang des  Winterhalbjahrs  folgte. 

Im  Mai  1838  war  Hesse  von  Wanderlust  ergriffen  zu  einer 
mehrmonatlichen  Reise  aufgebrochen.  Meist  zu  Fuß,  den  Ranzen 
auf  dem  Rücken,  hatte  er  Österreich  durchschritten,  war  nach 
Italien    vorgedrungen   und    über   die   Schweiz   nach    Deutschland 


236  Moritz  Cantor  [\6 

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zurückgekehrt.  Damals  sah  er  Heidelberg  und  gab  sich  auf  der 
Neckarbrücke  süßen  Träumen  hin,  wie  glücklich  er  sein  würde, 
wenn  es  ihm  beschieden  wäre,  einmal  an  diesem  Orte  leben  zu 
dürfen!  Der  Jugendtraum  sollte  sich  nach  18  Jahren  erfüllen. 
Kein  Wunder,  daß  Hesse  nicht  zögerte,  von  der  Möglichkeit  dieser 
Erfüllung  Gebrauch  zu  machen.  Traf  er  doch  in  Heidelberg  auch 
Kirchhoff,  der  in  Königsberg  zu  seinen  Schülern  gehört  hatte. 
Der  Heidelberger  Aufenthalt  dauerte  bis  1868.  Damals  eröffnete 
sich  für  Hesse  die  Möglichkeit,  nach  Bonn  überzusiedeln.  Gleich- 
zeitig etwa  bot  sich  ihm  eine  Professur  an  dem  neu  gegründeten 
Polytechnikum  in  München.  Er  ging  auf  das  letztere  Anerbieten 
ein.  Er  verließ  Heidelberg,  wo  man  ihn  vielleicht  unschwer  hätte 
halten  können.  Er  verließ  es  mit  drückenden  Gefühlen,  denn  dort 
war  die  Grabstätte  eines  geliebten  Kindes,  das  ihm  1861  im  Alter 
von  10  Jahren  gestorben  war,  und  dessen  Verlust  er  nie  ver- 
schmerzt hat. 

In  München  fand  Hesse  eine  Erweiterung  seiner  Berufstätig- 
keit, inbesondere  eine  Zuhörerzahl,  die  er  niemals  vorausgesehen 
hatte.  Er  rühmte  sich  ihrer  scherzend  in  Briefen  an  Heidelberger 
Freunde,  besonders  an  Pfarrer  Schmetzer.  „Ich  habe",  erzählte  er 
diesem  einmal  in  einem  solchen  Briefe,  „im  vorigen  Jahre  das 
höchste  Ziel  menschlichen  Hoffens,  Einkünfte  im  Betrage  einer 
Million,  überschritten;  was  tut  es,  wenn  es  auch  nur  eine  Million 
Pfennige  waren?"  Hesses  Gesundheit  war  aber  ins  Wanken  ge- 
kommen. Die  ohne  Begleiter  unternommenen  Fußwanderungen 
im  Gebirge,  welche  zu  seiner  alljährlichen  Gewohnheit  gehörten, 
und  welche  bei  Hesses  Geringschätzung  aller  Äußerlichkeiten  zu 
den  komischsten  Verwechslungen  Anlaß  gaben,  mußten  aufhören. 
Ein  schweres  Leberleiden  entwickelte  sich  langsam.  Im  Sommer 
1874  mußte  Hesse  seine  Vorlesungen  unterbrechen,  um  in  Karls- 
bad Heilung  zu  suchen.  Der  Erfolg  rechtfertigte  nicht  die  auf 
das  Bad  gesetzte  Hoffnung.     Am  4.  August  1874  erlag  Hesse  in 


17]  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse.  237 


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München  seinen  Leiden.  Am  7.  August  wurde  er  in  Heidelberg 
bestattet.  Er  ruht  neben  dem  Grabe  seines  unvergeßlichen  Gret- 
chens.  Schüler  aus  den  verschiedensten  Zeiten  seiner  Dozenten- 
laufbahn umstanden  seinen  Sarg  und  erfüllten  die  von  ihm  selbst 
getroffene  Verfügung:  „Ich  will  in  dem  Blumengarten  meines 
Heidelbergs  ruhen,  zu  Grabe  geleitet  von  Schülern".  Sein  Freund, 
Pfarrer  Schmetzer,  hielt  die  Grabrede. 

Wir  haben  oben  Kirchhoff  als  einen  Schüler  Hesses  aus  der 
Königsberger  Zeit  bezeichnet;  andere  waren  Aronhold,  Clebsch, 
Durege,  Lipschitz,  C.  Neumann,  Schröter.  In  Heidelberg  hörten 
von  namhaften  Mathematikern  v.  Drach,  Gundelfinger,  O.  Henrici, 
E.  Hess,  Hierholzer,  Lüroth,  Ad.  Mayer,  Minnigerode,  Nöther, 
Prym,  E.  Schröder,  H.  Stahl,  H.  Weber,  Zöppritz  seine  Vorlesun- 
gen, und  alle  bewahrten  dem  Lehrer  ein  dankbares  Angedenken. 

Die  Bedeutung  der  Schüler  ist  eine  Art  von  Maßstab  für  die 
Bedeutung  des  Lehrers,  dessen  Persönlichkeit  sie  eher  an  diese 
als  an  eine  andere  Hochschule  zog  oder  sie  hier  festhielt.  Auch 
die  Anerkennung,  welche  ein  Gelehrter  bei  Gelehrten  während 
seines  Lebens  fand,  kann  in  gleicher  Richtung  Verwendung  finden, 
und  so  verdient  es  Erwähnung,  daß  Hesse  Mitglied  der  Göttinger, 
der  Berliner,  der  Münchener  Akademie,  der  Londoner  Mathematical 
Society  war,  daß  ihm  1872  von  der  Berliner  Akademie  der 
Steinersche  Preis  zuerkannt  wurde. 

Aber  das  Bleibendste  an  einem  Manne  der  Wissenschaft  sind 
doch  seine  Schriften,  über  welche  die  Nachwelt  ihr  unbefangenes 
Urteil  zu  fällen  vermag.  Wir  haben  diese  Reihenfolge  der  Be- 
sprechung bei  Schweins  eingehalten,  wir  müssen  auch  Hesses 
Schriften  uns  zuwenden,  müssen  fragen,  welche  Stellung  er  ver- 
möge derselben  in  der  Geschichte  der  Mathematik  einnimmt. 

Man  kann  in  Hesses  wissenschaftlichem  Leben  zwei  Perioden 
unterscheiden,  die  erste,  der  Zeit  nach  so  ziemlich  mit  seinem 
Aufenthalte  in  Königsberg  sich  deckend,  in  welcher  er  durch  neue 


238  Moritz  Cantor  [18 


wichtige  Entdeckungen  die  Wissenschaft  förderte,  die  zweite  Periode, 
welcher  die  Heidelberger  und  Münchener  Zeit  angehören,  in  welcher 
er  vorzog,  die  von  ihm  und  anderen  gewonnenen  Schätze  in  gang- 
bare Münze  umzuprägen  und  in  Lehrbüchern  der  Geometrie,  wie 
er  sich  dieselben  dachte,  zu  sammeln,  was  in  Abhandlungen  hie 
und  da  ungeordnet  zerstreut,  teilweise  allerdings  auch  ganz  neu 
war.  So  entstanden  die  Vorlesungen  über  analytische  Geometrie 
des  Raumes  (1861),  die  Vorlesungen  aus  der  analytischen  Geome- 
trie der  geraden  Linie,  des  Punktes  und  des  Kreises  in  der  Ebene 
(1865),  vier  Vorlesungen  aus  der  analytischen  Geometrie  (1866 
in  dem  11.  Bande  der  Zeitschrift  für  Mathematik  und  Physik), 
sieben  Vorlesungen  aus  der  analytischen  Geometrie  der  Kegel- 
schnitte (1874  in  dem  19.  Bande  der  genannten  Zeitschrift),  die 
Determinanten  elementar  behandelt  (1871),  die  vier  Species  (1872). 
Die  beiden  letzten  Schriftchen  sind  von  geringer  Bedeutung,  aber 
die  analytisch-geometrischen  Werke,  mehrfach  aufgel^,  zuletzt 
durch  Herrn  Gundelfinger,  einen  nahen  Schüler  Hesses,  im  Drucke 
überwacht  und  mit  Zusätzen  versehen,  waren  und  sind  Meister- 
werke. Nicht  als  ob  sie,  wie  Hesse  selbst  wähnte,  geeignet  wären, 
zur  ersten  Einführung  in  die  Wissenschaft  dienen  zu  können;  da- 
gegen sind  und  bleiben  sie  für  denjenigen  Leser,  dem  die  Geometrie 
kein  fremdes  Gebiet  mehr  ist,  Muster  großartiger  Übersicht  und 
methodischer  Eleganz,  letzteres  so  sehr,  daß  man  der  Raum- 
geometrie sogar  den  Vorwurf  gemacht  hat,  die  Formvollendung 
ersticke  in  dem  Leser  den  Wunsch,  durch  eigene  Untersuchung 
Lücken  auszufüllen,  weil  ihm  solche  nicht  bemerklich  werden. 
Hesses  eigentliche  Stellung  in  der  Wissenschaft  war  aber 
schon  für  alle  Zeiten  gesichert,  als  die  geometrischen  Lehrbucher 
erschienen.  Sie  beruht,  wie  oben  bemerkt  wurde,  wesentlich  auf 
den  bis  1856  in  Königsberg  verfaßten  Arbeiten,  auf  jenen  zahl- 
reichen Abhandlungen,  welche  Hesse  in  Grelles  Journal  erscheinen 
ließ,  und  welche  bei  aller  scheinbaren  Verschiedenheit  des  Inhaltes 


19]  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse.  239 


doch  wesentlich  zur  Ausführung  einiger  großen  Grundgedanken 
dienten.  Wir  haben  Hesse  einen  Schüler  von  C.  G.  J.  Jacobi 
genannt,  und  in  der  Tat  knüpfte  Hesse  an  manche  Untersuchung 
seines  Lehrers  an.  Unverkennbar  ist  zum  Beispiel  der  Einfluß, 
welchen  Jacobis  Abhandlung  von  1834  über  die  linearen  Substi- 
tutionen, mittels  derer  zwei  homogene  Funktionen  zweiten  Grades 
in  Summen  von  Quadraten  übergeführt  werden  (Grelle  12),  und 
insbesondere  die  bahnbrechenden  Abhandlungen  von  1841  über 
Determinanten  (Grelle  22)  auf  Hesse  geübt  haben,  aber  Hesse 
schlug  von  dem  ihm  überkommenen  Ausgangspunkte  aus  ganz 
neue  eigene  Bahnen  ein.  Aus  den  algebraischen  und  kombina- 
torischen Gebilden  schuf  er  sich  Werkzeuge  zur  Vervollkommnung 
der  Geometrie.  Wenig  anders,  nur  in  entgegengesetzter  Richtung, 
liefen  die  Wege,  zu  deren  Betretung  die  unbewiesen  veröffentlichten 
geometrischen  Sätze  Steiners  den  Anlaß  boten.  „DieSteinerschen 
Sätze",  sagte  Hesse  1863  in  einem  Nachrufe  an  den  am  1.  April 
jenes  Jahres  Verstorbenen  (Grelle  62),  „bleiben  für  den  Geometer 
ein  zu  erstrebendes  Ziel,  für  den  Analytiker  ein  Wegweiser  zur 
Bildung  und  Erforschung  von  Funktionen,  die  in  der  höheren 
Algebra  von  großer  Bedeutung  sind."  Für  Hesse  war  es  gewisser- 
maßen Glaubensartikel,  daß  es  keinen  algebraischen  Satz  gebe, 
dem  nicht  eine  geometrische  Eigenschaft,  keine  geometrische 
Eigenschaft,  der  nicht  ein  algebraischer  Satz  gegenüberstehe.  Am 
deutlichsten,  meinte  Hesse  selbst,  zeige  sich  jene  Dualität  als 
Quelle  neuer  mathematischer  Wahrheiten  in  seiner  Abhandlung 
von  1856  über  die  Doppeltangenten  der  Kurven  vierter  Ordnung 
(Grelle  49),  und  deshalb  halte  er  sie  für  das  Beste,  was  er  ge- 
schrieben. 

Auf  Einzelheiten  eingehende  Würdigungen  von  Hesses  Lei- 
stungen sind  aus  den  Federn  der  Herren  Felix  Klein  (1875), 
Max  Nöther  (1875),  Gustav  Bauer  (1882)  erschienen.  Wir  dürfen 
ihnen  in  diesem  Sammelbande,  der  eine  rein  fachwissenschaftliche, 


240  Moritz  Cantor     •  [20 


^ 


einer  Mehrheit  von  Lesern  vollkommen  unverständliche  Darstel- 
lung von  selbst  verbietet,  nicht  folgen.  Wir  dürfen  höchstens  die- 
jenige allgemeinere  Kennzeichnung  von  Hesses  Forschungen  wie- 
dergeben, welche  Herr  Nöther  in  die  Worte  gekleidet  hat:  „Es  ist 
Hesse,  der  zuerst  erkannt  hat,  daß  die  Theorie  der  homogenen 
Formen  das  von  aller  Geometrie  losgelöste  Untersuchungsfeld  für 
den  Algebraiker  bildet,  wobei  dann  die  Resultate  der  Forschung 
ihre  Interpretation  in  denjenigen  geometrischen  Eigenschaften  der 
algebraischen  Kurven  und  Flächen  finden,  welche  wir  die  projek- 
tivischen  nennen.  Er  hat  weiterhin  jene  Theorie  auch  wirkh'ch 
eingeleitet,  indem  er  wenigstens  die  nächste  der  von  einer  Grund- 
form abhängigen  Formen,  die  Determinante,  welche  jetzt  Hesses 
Namen  trägt,  aufstellte,  und  ihre  Bedeutung  in  wichtigen  Problemen 
der  Elimination  und  Geometrie  systematisch  verfolgte.  So  knüpfen 
die  ersten  Begriffe  und  die  erste  Entwicklung  der  Invariantentheorie 
an  Hesse  an."  Wir  fügen  allenfalls  die  bibliographische  Notiz  bei, 
daß  die  aus  zweiten  Differentialquotienten  gebildete  Hessesche 
Determinante  (Hessian  nannten  dieselbe  die  englischen  Mathe- 
matiker, welche,  wie  Cayley,  Sylvester,  Salmon,  sich  mit  ähnlichen 
Fragen  anfangs  mehr  als  die  Deutschen  beschäftigt  haben)  zuerst 
1844  in  den  beiden  Abhandlungen  über  die  Elimination  der  Vari- 
abein aus  drei  algebraischen  Gleichungen  zweiten  Grades  mit  zwei 
Variabein  und  über  die  Wendepunkte  der  Kurve  dritter  Ordnung 
(Grelle  28)  erschien.  Wir  betonen  ferner  als  eine  Hesse  geradezu 
kennzeichnende  Eigentümlichkeit  seine  unübertroffene  Kunstfertig- 
keit in  der  Erzielung  symmetrisch  gebauter  Formeln. 

Auch  in  Heidelberg  und  München  sind  noch  Abhandlungen 
zum  Drucke  gegeben,  welchen  es  keineswegs  an  mathematischer 
Bedeutung  fehlt.  Die  Abhandlungen  über  das  Pascalsche  Sechs- 
eck (Grelle  66,  68,  75)  gehören  der  Geometrie  an.  In  der  Ab- 
handlung über  die  Kriterien  des  Maximums  und  Minimums  der 
einfachen    Integrale   (Grelle  54)    hat   sich    Hesse   erfolgreich  der 


21]  Ferdinarid  Schweins  und  Otto  Hesse.  241 


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Variationsrechnung  zugewandt.  Die  Abhandlung  über  das  Problem 
der  drei  Körper  (Grelle  74)  zeigt  in  der  angestrebten  Symmetrie 
der  Darstellung  Hesses  schriftstellerische  Eigenart,  hat  aber  leider 
einen  unrichtigen  Satz  als  Endergebnis. 

Wir  glaubten  Hesses  wissenschaftliche  Tätigkeit  bis  zu  seinem 
Tode  verfolgen  zu  sollen.  Kehren  wir  in  kurzen  Schlußworten  zu 
seiner  Heidelberger  Tätigkeit  zurück.  Seinen  unmittelbaren  Vor- 
gänger in  der  ordentlichen  Professur  der  Mathematik  haben  wir 
als  Vertreter  einer  heute  ausgestorbenen  formalen  Kombinatorik 
kennen  gelernt.  Es  stellt  einen  eigentümlichen  Zufall  dar,  daß 
auch  Hesse  Vertreter  einer  Richtung  gewesen  ist,  welche  kombi- 
n£(torische  Gebilde  in  den  Mittelpunkt  der  Betrachtungen  rückte, 
wenn  wir  ihm  auch  nicht  dadurch  nahe  treten  möchten,  daß  wir 
der  Versuchung  erlägen,  ihn  Vertreter  einer  neuen  kombinato- 
rischen Schule  zu  nennen. 

Als  Hesse  aus  dem  Leben  ging,  hatte  sich,  wie  Herr  Nöther 
in  seinem  Nachrufe  gesagt  hat,  seine  tiefeingreifende  Wirkung  auf 
die  Entwicklung  der  Wissenschaft  so  rasch  vollzogen,  daß  sie  im 
ganzen  als  beendet  bezeichnet  werden  durfte.  Inzwischen  hatte 
eine  neue  mathematische  Richtung  sich  geltend  gemacht,  die 
funktionentheoretische.  Ihr  gehören  die  Nachfolger  Hesses  in  der 
ordentlichen  Professur  der  Mathematik  in  Heidelberg  an.  Auch 
deren  Würdigung  zu  versuchen,  müssen  wir  uns  versagen,  da 
Hesses  unmittelbarer  Nachfolger  noch  unter  den  Lebenden  sich 
befindet  und,  nachdem  er  von  1875  bis  1884  auswärtigen  Be- 
rufungen gefolgt  war,  seit  dem  letztgenannten  Zeitpunkte  wieder 
der  unsere  ist.  Immanuel  Lazarus  Fuchs  (1833 — 1902)  aber, 
welcher  in  der  erwähnten  Zwischenzeit  1875—1884  den  ordent- 
lichen Lehrstuhl  der  Mathematik  in  Heidelberg  inne  hatte,  und 
welcher  am  26.  April  1902  in  Berlin  auf  dem  Spaziergange  von 
jähem  Tode  betroffen  wurde,  nimmt  in  der  Geschichte  der  Mathe- 
matik  heute  schon  eine  allzuhohe  Stellung  ein,  als  daß  es  ge- 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    11.  16 


••j» 


242  Moritz  Cantor,  Ferdinand  Schweins  und  Otto  Hesse.  [22 


Stattet  wäre,  ihn  gewissermaßen  anhangsweise  zu  erwähnen.  Die 
„Fuchssche  Klasse  der  Differentialgleichungen",  die  „Fonctions 
Fuchsiennes"  französischer  Mathematiker,  sichern  auch  äußerlich 
die  Unvergeßlichkeit  seines  Namens. 


Gustav  Robert  Kirchhoff 


von 


Friedrich  Pockels, 


16* 


wen  Lehrstuhl  für  Experimentalphysik,   welcher  an  der 
I  Heidelberger   Universität  erst  seit  1817  getrennt  von 
_  ;  dem  für  Chemie  bestand,   hatte  die  ersten  30  Jahre 

G.  W.  Muncke  inne.  Ihm  folgte  1847  Ph.  Jolly,  der  schon  seit 
1834  der  Hochschule  als  Dozent  angehörte,  und  dessen  Wirk- 
samkeit dadurch  bemerkenswert  ist,  daß  er  zuerst  ein  Labora- 
torium für  Studierende  einrichtete,  welches  nebst  der  physikalischen 
Sammlung  zunächst  im  alten  Dominikanerkloster  an  der  Stelle 
des  heutigen  Friedrichsbaus,  seit  1850  im  gegenüberliegenden  so- 
genannten „Riesen"-Gebäude  untergebracht  war.  Eine  Entschei- 
dung von  glücklichster  Bedeutung  für  die  Entwicklung  der  Physik 
in  Heidelberg  war  es,  als  im  Jahre  1854  zum  Nachfolger  Jollys, 
welcher  einem  Rufe  nach  München  folgte,  der  außerordentliche 
Professor  an  der  Breslauer  Universität,  Gustav  Robert  Kirch- 
hoff, berufen  wurde.  Erst  im  dreißigsten  Lebensjahre  stehend, 
war  Kirchhoff  damals  nur  einem  engeren  Kreise  von  Fachgenossen 
bekannt ;  aber  schon  fünf  Jahre  später  gehörte  sein  Name  zu  denen, 
deren  Rühm  der  Heidelberger  Hochschule  Schüler  aus  aller  Welt 
zuführte  und  ihrer  mathematisch-naturwissenschaftlichen  Fakultät 
eine  fast  beispiellose  Glanzzeit  brachten.  Seine  Berufung  war  dem 
Ginflusse   R.  Bunsens  zu  danken,    welcher  ihn  während  eines 


246  Friedrich  Pockels  [4 


Jahres  gemeinsamen  Wirkens  in  Breslau  kennen  gelernt  und  seine 
Begabung  sogleich  erkannt  hatte.  Die  enge  Freundschaft,  welche 
diese  beiden  Männer  verband,  wurde  durch  ihre  gemeinsame  Ent- 
deckung der  Spektralanalyse  von  ähnlicher  Bedeutung  für  die 
Wissenschaft,  wie  etwa  20  Jahre  früher  diejenige  zwischen  Gauß 
und  Weber  in  Göttingen  gewesen  war. 

Kirchhoff  war  zu  Königsberg  i.  P.  am  12.  März  1824  geboren 
und  besuchte  dort  bis  1842  das  Kneiphöfsche  Gymnasium.  Da 
er  von  vornherein  dem  Studium  der  Mathematik  zuneigte,  so  war 
es  natürlich,  daß  er  seine  Studien  an  der  Universität  seiner  Vater- 
stadt begann,  wo  damals  die  Mathematik  durch  Richelot  und 
die  theoretische  Physik  durch  Franz  Neumann  hervorragend 
vertreten  waren.  Letzterer,  der  eigentliche  Begründer  der  mathe- 
matischen Physik  in  Deutschland,  von  dessen  Schülern  eine  be- 
trächtliche Anzahl  auf  die  Lehrstühle  der  Physik  berufen  wurden, 
gewann  auch  auf  Kirch  hoff  bestimmenden  Einfluß;  sein  Geist  war 
es,  der  dessen  wissenschaftlichen  Arbeiten  und  Vorlesungen  ihr 
eigentümliches  Gepräge  verlieh.  In  dem  von  Neumann  geleiteten 
mathematisch  -  physikalischen  Seminar  verfaßte  Kirchhoff  seine 
erste  selbständige  wissenschaftliche  Arbeit  „Über  den  Durchgang 
eines  elektrischen  Stromes  durch  eine  Ebene,  insbesondere  durch 
eine  kreisförmige",  worin  er  eine  elegante,  auch  vom  rein  mathe- 
matischen Standpunkte  sehr  bemerkenswerte  Lösung  des  Pro- 
blems der  Strom  Verzweigung  in  ebenen  Platten  gegeben  und  zu- 
gleich ihre  Richtigkeit  durch  eine  sinnreiche  Beobachtungsmethode 
experimentell  bewiesen  hat.  In  dieser  Arbeit  sind  aber  auch 
bereits  die  jetzt  allgemein  unter  der  Bezeichnung  Kirchhoffsche 
Regeln  bekannten  Grundsätze  ausgesprochen,  mit  deren  Hülfe 
sich  die  Verteilung  konstanter  galvanischer  Ströme  in  einem  ganz 
beliebigen  Netz  drahtförmiger  Leiter  berechnen  läßt  —  eine  Auf- 
gabe, die  in  der  Elektrotechnik  fundamentale  Wichtigkeit  gewonnen 
hat.    Der  mathematischen  Behandlung  dieses  und  sich  daran  an- 


5]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  247 


schließender  Probleme  sind  auch  Kirchhoffs  Arbeiten  im  nächsten 
Jahre  gewidmet. 

Im  Jahre  1848  habihtierte  sich  Kirchhoff  als  Privatdozent  für 
Physik  in  Beriin.  Dort  führte  er  eine  experimentelle  Untersuchung 
von  grundlegender  Bedeutung  aus,  welche  unter  dem  Titel  „Be- 
stimmung der  Konstanten,  von  welcher  die  Intensität  induzierter 
elektrischer  Ströme  abhängt"  1849  —  also  mehrere  Jahre  vor 
Wilhelm  Webers  elektrodynamischen  Maßbestimmungen  —  in  den 
Annalen  der  Physik  und  Chemie  veröffentlicht  wurde.  Kirchhoff 
hat  hier  als  erster  eine  höchst  sinnreiche  Beobachtungsmethode 
erdacht  und  angewandt,  welche  die  Bestimmung  des  elektrischen 
Leitungswiderstandes  in  absolutem  mechanischen  Maße  ermöglichte. 
Allerdings  verwertete  er,  wie  der  Titel  der  Abhandlung  besagt, 
seine  Messungen  in  anderer  Richtung,  nämlich  um  unter  Zugrunde- 
legung einer  willkürlichen  Widerstandseinheit  die  universelle  Kon- 
stante des  F.  Neumannschen  Induktionsgesetzes  zu  bestimmen; 
aber  wenn  man  gemäß  der  später  von  W.  Weber  getroffenen 
Festsetzung  letztere  gleich  eins  annimmt,  so  liefern  jene  Mes- 
sungen umgekehrt  die  absolute  Widerstandseinheit. 

Schon  nach  2  Jahren  folgte  Kirchhoff  einem  Rufe  als  außer- 
ordentlicher Professor  nach  Breslau.  Von  den  Arbeiten,  welche 
aus  der  Breslauer  Zeit  stammen,  sei  hier  nur  diejenige  über  die 
Magnetisierung  eines  Zylinders  aus  weichem  Eisen  erwähnt  als  ein 
schönes  Beispiel  dafür,  wie  Kirchhoff  es  verstand,  solche  Probleme 
der  mathematischen  Physik  herauszugreifen,  welche  sowohl  der 
vollständigen  analytischen  Durchführung  zugänglich  waren,  als 
auch  erhebliches  physikalisches  Interesse  als  Grundlage  wichtiger 
Meßmethoden  besitzen.  In  diesem  Sinne  sind  von  späteren  Unter- 
suchungen Kirchhoffs  noch  zu  nennen  diejenigen  über  die  Gleich- 
gewichtsverteilung der  Elektrizität  auf  zwei  leitenden  Kugeln  und 
über  die  Theorie  des  Kreisplatten-Kondensators.  Die  Behandlung 
solcher  Probleme  setzt  allerdings  eine  weitgehende  Beherrschung 


248  Friedrich  Pockels  [6 


der  Mathematik  voraus,  und  es  mag  daher  das  Eindringen  in  die 
Kirchhoffschen  Arbeiten  manchem  mathematisch  weniger  ausge- 
bildeten Physiker  Schwierigkeiten  bereiten.  Aber  es  ist  unberech- 
tigt, wenn  ihm  deshalb  von  manchen  Seiten  der  Vorwurf  gemacht 
worden  ist,  daß  er  die  mathematischen  Schwierigkeiten  aufgesucht 
habe,  und  daß  ihm  die  Rechnung  die  Hauptsache  gewesen  sei. 
Im  Zusammenhang  mit  dieser  Bemerkung  mag  noch  eines  anderen 
Hodenkens  Erwähnung  geschehen,  welches  geiegentiich  g^en  den 
Wert  mancher  der  mathematisch-physikalischen  Untersuchungen 
KIrchhoffs  geäußert  wird.  Es  ist  dies  die  Ansicht,  daß  die  auf 
die  I.cisung  spezieller  Probleme  oft  verwendete  Mühe  in  keinem 
Verhältnis  zum  Erfolge  stehe,  weil  das  Resultat  nur  unter  gewissen 
/ur  Vereinfachung  gemachten,  in  Wirklichkeit  nicht  erfüllten  Voraus- 
üet/iingen  gilt.  Dem  ist  entgegenzuhalten,  daß  zur  erfolgreichen 
Inangriffnahme  der  mathematischen  Behandlung  komplizierter  Na- 
t IM  Vorgänge,  beispielsweise  der  Flüssigkeitsbewegungen,  notwen- 
digerweise zunächst  spezialisierende  und  vereinfachende  Annahmen 
Hemacht  werden  müssen,  und  daß  die  so  gewonnenen  Resultate 
d\H  h  wichtige  Anhaltspunkte  für  das  Verständnis  der  betreffenden 
\'oi>iänge  und  Grundlagen  für  deren  weitere  Erforschung  darstellen. 
Im  Jahre  1854  wurde  Kirchhoff,  wie  schon  eingan^  gesagt, 
\\\  das  Ordinariat  für  Physik  der  Heidelberger  Hochschule  be- 
ulten, welches  er  zu  deren  Ruhme  während  z\^'eier  Dezennien  — 
AUUleuh  vier  Glanzzeit  seines  eigenen  Wirkens  —  vertreten  hat. 
Mtei  koi\nie  sich  nun  neben  seiner  Tätigkeit  als  Forscher  auch 
Jieiem^e  als  Lehrer»  für  welche  er  ebenso  große  Liebe  und  Be- 
ij;UHn»i{  n\ilhras.hte,  voll  entwickeln.  Er  hielt  in  Heidelberg  regel- 
\\\M\\^  eine  sevhssiündige  \orlesung  über  Experimentalphysik, 
\\\kw\  wählend  der  ersten  10  Jahre  immer  im  Winter  eine  drei- 
^uui,iiv:>*  ^»^^«'^  „Theoretische  PhN-sik-,  deren  Stoff  zumeist  der 
\\>^h.MuK  »m  weiteren  Sinne  angehörte.  Später  kamen  kleinere 
\ii»o»yi»^\he  Spe/ial\iMlesu:\cen  hinzu,  welche  die  Hydrodynamik, 


7]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  249 


Elastizität,  Elektrizität  und  Magnetismus  zum  Gegenstand  hatten. 
In  den  letzten  Jahren  verschwindet  in  den  Vorlesungsankün- 
digungen  der  allgemeine  Titel  „Theoretische  Physik",  statt  dessen 
findet  sich  mehrmals  „Mechanik**  (3  st),  „Mechanik  der  elastischen 
und  flüssigen  Körper"  (2  st.),  ferner  „Theorie  der  Wärme  und 
Elektrizität"  und  „Optik"  angezeigt.  Praktisch-physikalische  Übungen 
hielt  Kirchhoff  nur  im  Sommersemester  ab.  Zuletzt  traten  an  deren 
Stelle  „Übungen  im  Seminar",  worin  er  Aufgaben  aus  der  messenden 
Physik  experimentell  und  theoretisch  bearbeiten  ließ.  Kirchhoffs 
Vorträge  zeichneten  sich  durch  mustergültig  klare,  knappe,  sorg- 
fältig durchdachte  Darstellung  aus;  er  sagte  kein  Wort  zu  viel 
und  keins  zu  wenig,  es  kam  kein  Irrtum,  keine  Unklarheit  und 
Unsicherheit  vor.  Der  Stoff  baute  sich  in  strenger  logischer  Kon- 
sequenz in  sich  geschlossen  auf,  so  daß  es  für  jeden,  der  die 
nötigen  mathematischen  Kenntnisse  besaß,  leicht  war,  dem  Ge- 
dankengange zu  folgen,  so  schwierig  auch  die  behandelten  Pro- 
bleme waren.  Diese  hervorragende  Darstellungsgabe,  die  wir  ja 
noch  in  den  im  Druck  erschienenen  Vorlesungen  Kirchhoffs,  be- 
sonders in  der  von  ihm  selbst  gegen  Ende  der  Heidelberger  Zeit 
herausgegebenen  „Mechanik",  bewundern  können,  brachte  ihm 
einen  großen  Erfolg  als  Lehrer,  zu  dem  aber  auch  die  Liebens- 
würdigkeit nicht  wenig  beitrug,  mit  der  er  jederzeit  bereit  war, 
seinen  Schülern  persönlich  Aufklärung  und  Rat  zu  erteilen.  Viele 
hervorragende  Physiker  der  Gegenwart  haben  zu  seinen  Schülern 
gehört,  sogleich  in  den  zwei  ersten  Jahren  G.  Quincke,  der  1875 
sein  Nachfolger  auf  dem  Heidelberger  Lehrstuhl  wurde,  ferner  u.  a. 
V.  V.  Lang,  E.  Wiedemann,  E.  Bessel-Hagen,  A.  Schuster,  G.  Lipp- 
mann, Kamerlingh-Onnes. 

Kirchhoffs  Forschertätigkeit  in  Heidelberg  wendete  sich  zu- 
nächst wieder  dem  bis  dahin  von  ihm  bevorzugten  Gebiete  der 
Elektrizitätslehre  zu.  Seine  erste  aus  Heidelberg  datierte  theore- 
tische  Arbeit  führte  zu  dem    überraschenden  Ergebnis,  daß  sich 


.1' 


■  X 


250  Friedrich  Pockels  [8 


elektrische  Strömungen  in  geraden,  dünnen  Drähten  wellenartig 
mit  der  Geschwindigkeit  des  Lichts  fortpflanzen  können. 
Es  war  damit  also  die  Möglichkeit  jener  „elektrischen  Draht- 
wellen" nachgewiesen,  welche  seit  den  Entdeckungen  von  H.  Hertz 
so  viele  Physiker  beschäftigten  und  in  neuester  Zeit  ja  auch  große 
praktische  Bedeutung  erlangt  haben.  Sehr  merkwürdig  ist  es,  daß 
Kirchhoff  dieses  Resultat,  in  dem  sich  zum  erstenmal  die  für  die 
neuere  Entwicklung  der  Elektrizitätstheorie  und  Optik  so  funda- 
mentale Bedeutung  der  Lichtgeschwindigkeit  für  die  Ausbreitung 
elektrischer  Störungen  offenbarte,  auf  Grund  der  alten  Vorstel- 
lung von  den  fernewirkenden  elektrischen  Kräften  finden  konnte, 
und  daß  dasselbe  sogar,  wie  neuere  Untersuchungen  gelehrt  haben, 
gerade  für  den  von  Kirchhoff  zum  Zweck  der  analytischen  Be- 
handlung vorausgesetzten  Fall  seine  strenge  und  allgemeine  Gül- 
tigkeit verliert,  wenn  man  das  Problem  auf  Grund  der  Max- 
wel Ischen  Elektrizitätstheorie  behandelt.  Übrigens  hatte  sich 
gleichzeitig  mit  Kirch  hoff  auch  W.  Weber  mit  diesem  wichtigen 
Problem  beschäftigt,  wie  aus  einer  Notiz  Poggendorffs  zur  Ab- 
handlung Kirchhoffs  hervorgeht,  wonach  Weber  dem  letzteren  im 
Jahre  1857  gelegentlich  eines  Zusammentreffens  in  Berlin  eine 
persönliche  Mitteilung  über  seine  darauf  bezüglichen,  mit  den- 
jenigen Kirchhoffs  übereinstimmenden  Resultate  machte;  veröffent- 
licht wurden  diese  jedoch  erst  1862. 

Einen  weiteren  Beitrag  zur  Theorie  schnell  veränderlicher  elek- 
trischer Zustände,  der  ebenfalls  in  gewisser  Hinsicht  als  eine  Vor- 
arbeit für  die  Entdeckungen  von  Hertz  bezeichnet  werden  kann, 
lieferte  Kirchhoff  sieben  Jahre  später,  indem  er  die  Theorie  der  bei 
der  Entladung  einer  Leydener  Flasche  erregten  elektrischen  Schwin- 
gungen entwickelte  und  danach  die  Schwingungsdauer  berechnete, 
welche  bei  den  von  Feddersen  angestellten  Beobachtungen  vorlag. 

Ein  ganz  neues  Arbeitsgebiet,  nämlich  das  der  mechanischen 
Wärmetheorie,  betrat  Kirchhoff  im  Jahre  1858.    Er  wandte  zum 


9]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  251 


-«/TS 


erstenmal  deren  Grundsätze  auf  physikalisch-chemische  Pro- 
zesse an,  wie  die  Absorption  eines  Gases  und  die  Auflösung 
eines  Salzes  in  einer  Flüssigkeit,  oder  die  Verdampfung  von 
Mischungen  von  Schwefelsäure  und  Wasser.  Die  Methode,  welche 
er  bei  der  theoretischen  Behandlung  dieser  Probleme  zuerst  an- 
wandte, ist  für  die  physikalische  Chemie  später  ungemein  frucht- 
bringend geworden;  sie  beruht,  kurz  gesagt,  darauf,  daß  man  sich 
das  Endergebnis  des  wirklich  stattfindenden  Prozesses,  z.  B. 
der  Auflösung  eines  Salzes,  auf  einem  anderen  möglichen,  wenn- 
gleich aus  praktischen  Gründen  nicht  immer  realisierbaren  Wege 
erreicht  denkt,  welcher  durch  lauter  Gleichgewichtszustände 
hindurchführt  und  daher  die  Anwendung  der  Grundformeln  der 
mechanischen  Wärmetheorie  gestattet. 

Aus  dieser  Zeit  verdienen  ferner  zwei  experimentelle  Ar- 
beiten Erwähnung.  Die  eine  lieferte  eine  für  die  Kristalloptik 
wichtige  Methode  zur  Messung  des  Winkels  der  optischen  Achsen 
zweiachsiger  Kristalle  für  Licht  von  einer  beliebigen  Spektralfarbe. 
Die  andere  betrifft  einen  wichtigen  Punkt  des  von  Kirchhoff  mehr- 
fach bearbeiteten  Gebietes  der  Elastizitätslehre,  nämlich  die  Frage, 
in  welchem  Verhältnis  die  Verkleinerung  des  Durchmessers  eines 
einem  einseitigen  Zuge  unterworfenen  Stabes  zu  seiner  Längsdeh- 
nung steht.  Über  den  Zahlwert  dieses  Verhältnisses  bestand  bis  zu 
jener  Zeit  eine  lebhafte  Kontroverse.  Nach  der  von  französischen 
Mathematikern,  besonders  Poisson,  entwickelten  Molekulartheorie 
der  elastischen  Kräfte  sollte  dasselbe  nämlich  gleich  ^J4.  sein;  Wert- 
heim hatte  aus  seinen,  allerdings  an  wem'g  geeignetem  Material 
ausgeführten  Versuchen  den  Wert  Vs  abgeleitet;  und  nach  Green 
und  Franz  Neumann,  welche  der  Elastizitätstheorie  allgemeinere, 
von  der  Vorstellung  über  die  Konstitution  der  Materie  unabhän- 
gige Grundlagen  gegeben  hatten,  war  von  vornherein  über  die 
fragliche  Zahl  nichts  zu  behaupten,  vielmehr  mußte  dieselbe  eine 
für  das  elastische  Verhalten  jedes  festen  Körpers  neben  dem  Elasti- 


i52  Frittfrch  Pockeb  [!•> 


zitätsmodui  charakteristische  Konstante  sein.  Kirdiboß  cmernahm 
nun  deren  expenmenteile  Bestimmung  an  emem  mr  znveriassige 
Messungen  besonders  geeignet  erscheinenden  Material  —  gehär- 
tetem Stahl  — .  und  führte  dieselbe  mit  Hülfe  einer  V'ersochsan- 
Ordnung  durch,  in  weicher  sich  sein  experimemdles  Geschick 
glänzend  bewährte.  Es  ergab  sich  das  durch  viele  spätere  Be- 
obachtungen bestätigte  Resultat,  daß  weder  Poisson  noch  Wen- 
heim  Recht  hatte,  also  die  allgemeine  Green -Neomannsche 
Elastizitätstheorie  angenommen  werden  mußte.  Aber  in  der  Art 
und  Weise,  wie  Kirchhoff  sein  Resultat  «mitteilte ,  zeigt  sich  seine 
nachahmensuerte  \'orsicht  in  der  Verallgemeinerung  imd  Sorg- 
fah  in  der  Berücksichtigung  aller  möglk:hen  Einwände;  er  betont 
daß  weitere  Versuche  wünschenswert  seien,  um  zu  prüfen,  ob 
nkht  vielleicht  infolge  der  Härtung  die  Elastizität  der  Ober- 
flächenschicht der  Stahlstäbe  eine  andere  sei  als  die  ihres  Innern. 
Noch  im  Herbst  des  Jahres  1859  l^e  Kirchhoff  der  Berliner 
Akademie  die  erste  Frucht  seines  Zusammenwirkens  mit  Bunsen 
vor  und  eröffnete  damit  jene  Arbeiten  über  die  Spektrallinien, 
welche  wegen  ihrer  weittragenden  Folgen  für  die  Chemie  und 
Astronomie  seinen  Namen  in  der  ganzen  gebildeten  Welt  berühmt 
gemacht  haben.  Jene  denkwürdige  erste  Mitteilung  an  die  Berliner 
Akademie  lautete:  „Bei  Gelegenheit  einer  von  Bunsen  und  mir  in 
Gemeinschaft  ausgeführten  Untersuchung  über  die  Spektren  far- 
biger Flammen,  durch  welche  es  uns  möglich  geworden  ist,  die 
qualitative  Zusammensetzung  komplizierter  Gemenge  aus  dem  An- 
blick des  Spektrums  ihrer  Lötrohrflamme  zu  erkennen,  habe  ich 
einige  Beobachtungen  gemacht,  welche  einen  unerwarteten  Auf- 
schluß über  den  Ursprung  der  Fraunhoferschen  Linien  geben 
und  zu  Schlüssen  berechtigen  von  diesen  auf  die  stoffliche  Be- 
schaffenheit der  Atmosphäre  der  Sonne  und  vielleicht  auch  der 
helleren  Fixsterne."  Die  ;m  ersten  Teile  dieses  Satzes  angekün- 
digte Entdeckung  der  Spektralanalyse   im  engeren  Sinne,  durch 


11]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  253 


welche  der  analytischen  Chemie  ein  Hölfsmittel  von  bis  dahin 
ungeahnter  Empfindlichkeit  gegeben  wurde,  und  deren  erste  über- 
raschende Anwendungen  von  Kirchhoff  und  Bunsen  gemeinschaft- 
lich veröffentlicht  wurden  („Chemische  Analyse  durch  Spektral- 
beobachtungen", Poggend.  Annalen  110),  ist  wohl  in  erster  Linie 
Bunsens  Idee,  und  es  mag  daher  an  dieser  Stelle  ein  näheres 
Eingehen  auf  ihre  Geschichte  und  ihre  weitreichende  Bedeutung 
für  die  wissenschaftliche  und  angewandte  Chemie  unterbleiben. 

Dagegen  ist  die  auf  das  Wesen  der  Fraunhoferschen  Linien 
bezügliche  Entdeckung  Kirchhoffs  eigenstes  Verdienst.  Bei  den 
in  obiger  ersten  Mitteilung  erwähnten  Beobachtungen  handelt  es 
sich  um  folgendes.  Wie  schon  vor  den  Entdeckungen  von  Bunsen 
und  Kirchhoff  bekannt  war,  besteht  das  Spektrum  einer  durch 
Kochsalz  oder  ein  anderes  Natriumsalz  gelb  gefärbten  Flamme 
im  wesentlichen  aus  zwei  sehr  benachbarten  hellen  gelben  Linien, 
welche  genau  an  derselben  Stelle  liegen,  das  heißt  denselben  Wel- 
lenlängen entsprechen,  wie  die  von  Fraunhofer  mit  dem  Buch- 
staben D  bezeichneten  dunklen  Linien  des  Sonnenspektrums.  Kirch- 
hoff ließ  nun  Sonnenlicht,  bevor  er  es  spektral  zerlegte,  durch 
eine  Kochsalzflamme  hindurchgehen  und  sah,  wenn  das  Sonnen- 
licht hinreichend  gedämpft  war,  die  D-Linien  hell  auf  dem  Grunde 
des  Sonnenspektrums,  dagegen,  wenn  es  intensiver  gemacht  wurde, 
an  ihrer  Stelle  dunkle  Linien  von  viel  größerer  Deutlichkeit  als 
ohne  Einschaltung  der  Kochsalzflamme.  Ebenso  können  die  dunk- 
len D-Linien  auch  in  dem  vollständig  kontinuierlichen  (das  heißt 
an  sich  von  dunklen  Linien  durchaus  freien)  Spektrum  irgend 
eines  weißglühenden  festen  Körpers  hervorgerufen  werden.  Diese 
Erscheinung,  die  sogenannte  Umkehrung  der  Spektrallinien,  welche 
von  Kirchhoff  und  Bunsen  alsbald  auch  für  die  Linien  anderer 
Metalle  nachgewiesen  wurde,  war  zwar  schon  11  Jahre  früher 
gelegentlich  der  Untersuchung  des  elektrischen  Bogenlichtes  von 
Foucault  wahrgenommen  worden,  welcher  ihr  aber  keine  weiter- 


254  Friedrich  Pockeis 


gehende  Bedeutung  beilegte,  noch  sie  zu  erUareo  i^Ersume.  itlrcn- 
hoff  hingegen  erkannte  mit  seinem  wissensdiaimäist  Srorinkx 
sofort  die  große  Wichtigkeit  seiner  Beobachtung:  im:  nex  V: 
«Das  scheint  mir  eine  fundamentale  Geschkfoe^  i^-iisi  s- 
Laboratorium,  und  am  nächsten  Tage  scbon  faSK  «r  ik 
rung  der  Erscheinung  im  Prinzip  gefunden.  Sie  fcennc 
daß  jeder  selbstleuchtende  Körper,  also  hisbesoBderc  isnasr  ia- 
hende Metalldampf,  gerade  diejenigen  StraMenaneo  läscrnert. 
welche  von  ihm  selbst  ausgestrahlt  werden.  Mjci  ksBi  sidi 
diesen  Satz  durch  das  Analogon  der  akustischen  Resocssa  ver- 
standlich machen:  wie  eine  Stimmgabel  durch  Sdaßm^Asi  ^or 
einer  Schwingungsdauer  die  ihrer  Eigenschwingon^dsoer  0e<ii 
ist,  zum  Mitschwingen  gebracht  wird,  also  aus  Aeses  Säafl- 
wellen  Energie  aufnimmt  und  nach  allen  Sehen  vieder  in  den 
Raum  hinaussendet,  so  werden  auch  die  Uctitschmingimgen  in 
der  Flamme  durch  die  im  weißen  Licht  enthaltenen  von  Reicher 
Schwingungsdauer  verstärkt;  die  Ramme  absorbien  deshalb 
einen  Teil  der  in  den  entsprechenden  Lichtstrahlen  ihr  zöge- 
strahlten  Energie  und  zerstreut  diese  nach  allen  Seiten  gleich- 
mäßig, woraus  folgt,  daß  die  Intensität  jener  Strahlen  in  der  ur- 
sprüngh'chen  Strahlungsrichtung  durch  die  Ramme  geschwächt 
wird.  Für  die  Fraunhoferschen  Linien  des  Sonnenspektrums 
ergab  sich  nun  die  Erklärung,  daß  sie  von  der  Absorption  glü- 
hender Metalldämpfe,  welche  den  weißglühenden  Sonnenkem  um- 
geben, herrühren,  und  Kirchhoff  zögerte  demgemäß  nicht«  so- 
gleich den  Schluß  zu  ziehen,  daß  sich  in  der  Sonnenatmosphäre 
Natrium  befindet.  Durch  Vergleichung  der  hellen  Linienspektra 
der  chemischen  Elemente  mit  den  Fraunhoferschen  Linien  des 
Sonnenspektrums  konnte,  nachdem  durch  das  von  Kirchhoff 
konstruierte  Spektrometer  eine  genaue  Messung  der  Lage  der 
Spektrallinien  an  einer  Skala  ermöglicht  war,  bald  noch  die  An- 
wesenheit einer  Reihe  anderer  irdischer  Elemente  in  der  Sonnen- 


13]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  255 


u  -  ^ 


atmosphäre  festgestellt  werden.  Wie  vorsichtig  aber  Kirchhoff 
auch  bei  diesen  Schlüssen  war,  geht  daraus  hervor,  daß  er  z.  B. 
für  die  damals  bekannten  60  hellen  Linien  des  Eisens  die  Wahr- 
scheinlichkeit des  zufälligen  Zusammenfallens  mit  den  Fraun- 
hoferschen  Linien  berechnete;  er  fand  dieselbe  kleiner  als  ein 
Trilliontel  und  durfte  somit  gewiß  mit  Recht  sagen,  die  Sicherheit 
des  Schlusses  auf  das  Vorkommen  des  Eisens  in  der  Sonne  sei 
so  groß,  wie  sie  überhaupt  in  den  Naturwissenschaften  erreich- 
bar ist. 

Von  englischen  Physikern  ist  die  vorstehend  skizzierte  Er- 
klärung der  Fraunhoferschen  Linien  und  deren  Anwendung  auf 
die  Chemie  der  Sonne  ihrem  jüngst  verstorbenen  großen  Lands- 
manne  Stokes  zugeschrieben  worden,  der  sie  gegen  W.  Thom- 
son (Lord  Kelvin)  zuerst  ausgesprochen  haben  soll.  Kirchhoff, 
der  übrigens  nichts  von  diesen  gelegentlichen  Ideenäußerungen 
gewußt  hatte,  sah  sich  hierdurch  veranlaßt,  die  Geschichte  seiner 
Entdeckung  in  sachlicher  Weise  klarzulegen  und  ebenso  ruhig  als 
bestimmt  die  Priorität  ihrer  sicheren  Fundierung  gegenüber  den 
englischen  Ansprüchen  für  sich  zu  wahren.  Und  er  fand  darin 
Unterstützung  bei  Stokes  selbst,  der  in  einem  offenen  Briefe  die 
ihm  zugeschriebene  Ehre  mit  den  schönen  Worten  ablehnte: 
„Ich  habe  nie  versucht,  irgend  einen  Teil  von  Kirchhoffs  bewun- 
derungswürdiger Entdeckung  für  mich  in  Anspruch  zu  nehmen, 
und  denke,  daß  einige  meiner  Freunde  übereifrig  in  meiner  Sache 
gewesen  sind." 

Es  konnte  nicht  ausbleiben,  daß  eine  Entdeckung,  welche  es 
so  mit  einem  Male  ermöglichte,  über  die  chemische  Zusammen- 
setzung nicht  nur  der  Sonne,  sondern*  auch  unmeßbar  weit  ent- 
fernter Fixsterne  Aufschluß  zu  gewinnen,  in  den  weitesten  Kreisen 
Aufsehen  erregte.  Und  doch  hat  sich  erst  später  die  ganze  Trag- 
weite der  Spektralanalyse  für  die  Astronomie  gezeigt,  als  es  mit 
den  verfeinerten  Hülfsmitteln  der  neueren  Zeit  möglich  wurde,  aus 


256  Friedrich  Pockels  [14 


^ 


kleinen  Verschiebungen  der  Spektrallinien  die  überraschendsten 
Schlüsse  in  Bezug  auf  die  Bewegungen  im  Weltraum  zuziehen, 
die  der  direkten  Beobachtung  infolge  der  ungeheuren  Entfernungen 
unzugänglich  sind.  Diese  Möglichkeit  beruht  auf  dem  Umstände, 
daß  durch  Annäherung  oder  Entfernung  einer  Lichtwelle  die  Farbe 
oder  Schwingungszahl  der  von  ihr  ausgesandten  Lichtquellen  eine 
Änderung  erfährt,  gleichwie  die  Höhe  eines  Tones  steigt  oder  sinkt, 
wenn  die  Entfernung  zwischen  der  Schallquelle  und  unserem  Ohre 
in  Abnahme  oder  Zunahme  begriffen  ist. 

Der  qualitativen  Erklärung  der  Umkehrung  der  Spektrallinien, 
welche  wir  oben  kurz  erörtert  haben,  gab  Kirchhoff  alsbald  eine 
exakte,  quantitative  Grundlage  in  dem  berühmten,  jetzt  unter  der 
Bezeichnung  „Kirchhoffsches  Gesetz"  bekannten  Satze,  daß  das 
Verhältnis  des  Emissions-(Ausstrahlungs-)Vermögens  zum  Absorp- 
tionsvermögen bei  derselben  Temperatur  für  Strahlen  gleicher 
Wellenlänge  bei  allen  Körpern  dasselbe  ist.  Der  Beweis,  den  er 
für  diesen  Satz  zuerst  in  den  Berichten  der  Berliner  Akademie 
vom  Dezember  1854,  ausführlicher  1861  in  deren  Abhand- 
lungen und  1862  auch  als  selbständige  Schrift  veröffentlichten 
„Untersuchungen  über  das  Sonnenspektrum  und  die  Spektren  der 
chemischen  Elemente"  gab,  ist  auch  an  und  für  sich  höchst  be- 
merkenswert. Derselbe  beruht  auf  dem  Clausiusschen  Prinzip 
der  Wärmetheorie,  welches  aussagt,  daß  Wärme  von  selbst  nur 
von  einem  Körper  höherer  Temperatur  zu  einem  solchen  niederer 
Temperatur  übergeht.  Bei  den  hieran  anknüpfenden  Schlüssen 
über  die  Strahlung  operiert  nun  Kirchhoff  mit  gedachten  Körpern, 
welchen  die  Eigenschaft  zugeschrieben  wird,  alle  auf  sie  auffallen- 
den Strahlen  zu  absorbieren  ( —  vollkommen  schwarze  Körper  — ), 
ferner  mit  solchen,  welche  gar  nichts  absorbieren  (vollkommen 
diatherman  und  durchsichtig  sind),  und  auch  mit  solchen  Körpern, 
die  alle  Strahlen  reflektieren,  also  als  vollkommene  Spiegel  zu 
bezeichnen  wären.    Dieses  gedankliche  Operieren  mit  Körpern  oder 


15]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  257 


t  .  .       ^S> 


Prozessen,  welche  in  WirWichkeit  nicht  oder  doch  nur  annähe- 
rungsweise reah'sierbar  sind,  mag  auf  den  ersten  Blick  befremdend 
erscheinen;  es  ist  aber  als  Mittel  zur  Vereinfachung  der  Beweis- 
führung durchaus  zulässig,  denn  die  Wahrheit  der  zu  beweisenden 
Tatsachen  kann  nicht  vom  Grade  der  Vollkommenheit  unserer 
künstlichen  Hülfsmittel  abhängig  sein.  —  Übrigens  hat  Kirchhoff 
selbst  bereits  ein  Verfahren  angegeben,  mittels  dessen  der  „ab- 
solut schwarze  Körper",  oder  doch  die  ihm  eigentümliche  Strah- 
lung in  beliebig  großer  Annäherung  verwirklicht  werden  kann: 
nämlich  durch  einen  nahezu  geschlossenen  Hohlkörper,  dessen  für 
Strahlung  undurchlässige,  aber  sonst  beliebig  beschaffene  Wan- 
dungen auf  konstanter  Temperatur  erhalten  werden.  Es  läßt  sich 
nämlich  zeigen,  daß  jedes  Strahlenbündel  im  Innern  eines  solchen 
Hohlraumes  und  auch  dasjenige,  welches  aus  seiner  kleinen  Öff- 
nung austritt,  von  derselben  Beschaffenheit  und  Intensität  sein 
muß,  als  ob  es  von  einem  idealen,  absolut  schwarzen  Körper 
gleicher  Temperatur  ausginge.  Solche  künstliche,  absolut  schwarze 
Körper  sind  neuerdings  in  der  physikalisch-technischen  Reichs- 
anstalt wirklich  hergestellt  und  die  Gesetze  ihrer  Strahlung,  d.  h. 
die  Abhängigkeit  ihres  Emissionsvermögens  von  Temperatur  und 
Wellenlänge,  eingehend  experimentell  untersucht  worden.  Diese 
Gesetze  sind  deshalb  von  fundamentaler  Wichtigkeit,  weil  durch 
sie  auf  Grund  des  Kirchhoffschen  Satzes  zugleich  für  beliebige 
andere  Körper  das  Verhältnis  von  Emission  und  Absorption  be- 
kannt ist.  Es  ist  nun  durch  neuere  theoretische  Untersuchungen, 
die  an  den  Kirchhoffschen  Satz  anknüpfen  und  zum  Teil  ähnliche 
Beweismethoden  benutzen,  auch  gelungen,  mathematische  Formeln 
für  diese  Gesetze  aufzustellen,  so  insbesondere  für  dasjenige,  wo- 
nach sich  die  vom  schwarzen  Körper  am  intensivsten  ausgestrahlte 
Farbe  mit  steigender  Temperatur  nach  dem  blauen  Ende  des 
Spektrums  verschiebt.  In  neuester  Zeit  sind  hierauf  Methoden 
gegründet  worden,  um  sehr  hohe  Temperaturen,  z.  B.  solche  von 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  17 


258  Friedrich  Pockels  [16 


Flammen,  zu  messen,  —  Methoden,  denen  vielfache  Verwendung 
in  der  Technik  bevorstehen  dürfte.  So  erweist  sich  also  der 
Kirchhoffsche  Satz  in  seinen  weiteren  Konsequenzen  auch  für 
die  Praxis  nutzbringend,  was  ja  von  der  eigentlichen  Spektral- 
analyse heute  kaum  noch  besonders  hervorgehoben  zu  werden 
braucht.  Kirchhoff  selbst  wäre  freilich  der  letzte  gewesen,  der 
eine  Entdeckung  nach  ihrem  praktischen  Nutzen  bewertet  hätte; 
ihm  war  es  nur  um  die  Förderung  der  reinen  Wissenschaft 
zu  tun. 

Die  nächsten  Jahre  nach  Vollendung  der  spektralanalytischen 
Arbeiten  Kirchhoffs,  durch  welche  sein  wissenschaftlicher  Ruhm 
fest  begründet  war,  sind  wohl  die  glücklichsten  seines  Lebens 
gewesen.  Seit  1857  mit  der  Tochter  seines  Königsberger  Lehrers 
Richelot  verheiratet,  führte  er  ein  sehr  glückliches  Familienleben; 
zwei  Söhne  und  zwei  Töchter  wurden  ihm  geschenkt.  Wenngleich 
er  im  ganzen  zurückgezogen  lebte,  so  pflegte  er  doch  anregenden 
geselligen  Verkehr  mit  seinen  Freunden,  unter  denen  außer  Bun- 
sen  besonders  Helmholtz,  Kopp,  Zeller  und  (seit  1869) 
Koenigsberger  zu  nennen  sind.  Im  Jahre  1863  konnte  Kirch- 
hoff das  physikalische  Institut  in  die  für  die  damalige  Zeit  schönen 
und  geräumigen  Lokalitäten  verlegen,  welche  in  dem  neu  errich- 
teten Friedrichsbau  dafür  zur  Verfügung  gestellt  wurden ;  zugleich 
bezog  er  selbst  eine  Dienstwohnung  in  diesem  Gebäude.  Als 
äußere  Anerkennung  seitens  der  ganzen  Universität  wurde  ihm 
1865  die  Wahl  zum  Prorektor  zuteil. 

Aber  schon  Ende  der  sechziger  Jahre  erlitt  Kirchhoffs  Lebens- 
glück ernste  Trübungen.  Ein  Fußleiden,  welches  er  sich  1868 
durch  einen  Fall  auf  der  Treppe  zugezogen  hatte,  fesselte  ihn 
lange  Zeit  an  den  Rollstuhl  und  nötigte  ihn  auch  nach  eingetrete- 
ner Besserung  noch  lange  zum  Gebrauch  von  Krücken.  Im 
Jahre  1869  wurde  ihm  seine  Frau  durch  den  Tod  entrissen.  Er 
schloß  jedoch  3  Jahre  später  eine  zweite,  ebenfalls  sehr  gluckliche. 


17]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  259 


aber  kinderlose  Ehe  mit  Luise  Brömmel,  die  damals  Oberin  in 
der  Augenklinik  war. 

Das  Jahr  1870  brachte  Kirchhoff  neue  Ehrungen:  zunächst 
die  Ernennung  zum  auswärtigen  Mitglied  der  Berliner  Akademie, 
sodann  die  Berufung  auf  den  durch  Magnus*  Tod  vakant  gewor- 
denen Lehrstuhl  der  Physik  an  der  Universität  Berlin,  deren  phi- 
losophische Fakultät  für  die  Neubesetzung  Kirchhoff  und  Helm- 
holtz  in  Vorschlag  brachte,  ersteren  aber  unter  Hinweis  auf  seine 
Lust  und  Liebe  zum  Lehren,  sowie  auf  die  mustergültige  Klarheit 
und  Abrundung  seiner  Vorträge  an  erster  Stelle  nannte.  Kirchhoff 
ließ  sich  aber  durch  die  Bande  der  Freundschaft  und  den  Zauber 
Alt-Heidelbergs  zurückhalten  und  lehnte  den  ehrenvollen  Ruf  ab, 
ebenso  später  einen  solchen  an  die  Sonnenwarte  zu  Potsdam. 
Erst  im  Jahre  1875,  als  sich  sein  Heidelberger  Freundeskreis  teils 
durch  den  Tod,  teils  durch  Fortberufungen  gelichtet  hatte,  ent- 
schloß sich  Kirchhoff,  einem  neuen  Rufe  nach  Berlin,  diesmal  als 
theoretischer  Physiker,  zu  folgen. 

Wenngleich  Kirchhoff  seine  Lehrtätigkeit  trotz  des  bereits  er- 
wähnten Leidens  ungeschwächt  fortsetzte,  so  hatte  dieses  auf 
seine  Forschungsarbeit  doch  insofern  Einfluß,  als  sich  dieselbe 
wieder  ganz  theoretischen  Aufgaben,  zunächst  besonders  solchen 
aus  der  Hydrodynamik,  zuwandte.  Auch  hier  sind  es  prinzipiell 
wichtige  Probleme,  welche  er  sich  zur  Behandlung  erwählte;  so 
die  Bestimmung  der  Gestalt  freier  Flüssigkeitsstrahlen  und  der 
Bewegung  starrer  Körper  in  einer  inkompressibeln,  reibungslosen 
Flüssigkeit.  Für  den  Fall  zweier  in  eine  solche  Flüssigkeit  ein- 
getauchter sehr  dünner  starrer  Ringe  fand  er  das  überraschende 
Resultat,  daß  dieselben  infolge  der  Flüssigkeitsbewegung  schein- 
bar, d.  h.  für  einen  die  letztere  nicht  wahrnehmenden  Be- 
obachter, Kräfte  aufeinander  ausüben,  die  denen  analog  sind, 
mit  welchen  sie  aufeinander  wirken  würden,  wenn  elektrische 
Ströme  in  ihnen  flössen.    Hierin  lag  also  ein  Beispiel  vor  für  die 

17* 


260  Friedrich  Pockels  [18 


Zurückführung  elektrischer  Kräfte  auf  „verborgene"  Massenbe- 
wegungen, ein  Problem,  welches  später  noch  vielfach,  besonders 
erfolgreich  von  Bjerknes  bearbeitet  worden  ist.  Kirchhoff  selbst 
war  allerdings  weit  davon  entfernt,  in  jenem  Resultat  mehr  zu 
sehen  als  eine  bloße  mechanische  Analogie  zu  der  genannten 
elektrischen  Erscheinung.  Allerdings  stellt  er  in  der  bemerkens- 
werten Festrede,  die  er  am  22.  November  1865  als  Prorektor 
„über  das  Ziel  der  Naturwissenschaften"  gehalten  hat,  die  mecha- 
nische Naturerklärung  als  dieses  Ziel  hin,  indem  er  sagt:  „Hier 
wie  dort  (d.  h.  in  der  organischen  wie  in  der  unorganischen  Natur) 
ist  das  wahre  Verständnis  nicht  gewonnen,  solange  die  Zurück- 
führung auf  die  Mechanik  nicht  gelungen  ist.  Vollständig  erreicht 
wird  dieses  Ziel  der  Naturwissenschaft  nie  werden,  aber  schon  die 
Tatsache,  daß  es  als  solches  erkannt  ist,  bietet  eine  gewisse  Be- 
friedigung, und  in  der  Annäherung  an  dasselbe  liegt  der  höchste 
Genuß,  den  die  Beschäftigung  mit  den  Erscheinungen  der  Natur 
zu  gewähren  vermag."  Später  jedoch  betrachtete  Kirchhoff  die 
Aufgabe  der  Physik  anscheinend  von  dem  Standpunkte,  welchen  man 
jetzt  als  den  der  Phänomenologie  bezeichnet,  und  nach  dem 
nur  eine  exakte  (mathematische)  Beschreibung,  nicht  eine  Er- 
klärung der  Erscheinungen  angestrebt  werden  kann  und  soll. 
Wenigstens  sagt  er  dies  ausdrücklich  in  Bezug  auf  die  Bewegungs- 
erscheinungen in  der  Vorrede  zu  seinen  1875  herausgegebenen 
„Vorlesungen  über  Mechanik",  wo  er  die  berühmte  Definition 
aufstellt:  „Die  Mechanik  ist  die  Wissenschaft  von  der  Bewegung; 
als  ihre  Aufgabe  bezeichnen  wir:  die  in  der  Natur  vor  sich  gehen- 
den Bewegungen  vollständig  und  auf  die  einfachste  Weise 
zu  beschreiben".  In  konsequenter  Durchführung  dieses  Pro- 
gramms werden  in  diesen  Vorlesungen  Kraft  und  Masse  nicht  als 
etwas  für  sich  wirklich  Existierendes,  sondern  nur  als  zur  abge- 
kürzten Ausdrucksweise  oder  Vereinfachung  der  mathematischen 
Beschreibung  eingeführte  Hülfsbegriffe  behandelt,  eine  Auffassung, 


19]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  261 


Vi^^ 


die  damals  vielfach  großes  Erstaunen  hervorrief.  Wie  berechtigt 
aber  dieser  Standpunkt  war,  wird  sich  vielleicht  bald  in  eklatanter 
Weise  zeigen,  wenn  es,  wie  gegenwärtig  erfolgreich  versucht  wird, 
gelingt,  die  Gesetze  der  Mechanik  auf  diejenigen  der  Elektrodyna- 
mik, die  mechanische  „Masse"  auf  die  Elektrizitätsmenge  zurück- 
zuführen. Die  vorsichtige  Vermeidung  aller  zum  Zwecke  einer 
Erklärung  der  Erscheinungen  erdachten  Hypothesen  zeigt  sich 
bei  Kirchhoff  auch  darin,  daß  er  sich  niemals  mit  der  kinetischen 
Gastheorie  oder  anderen  Molekulartheorien,  welche  z.  B.  für 
Maxwell  und  Boltzmann  so  anziehend  waren,  produktiv  beschäf- 
tigt hat.  Er  behandelte  die  Materie  als  das,  was  sie  zu  sein 
scheint,  —  als  Kontinuum,  ohne  daß  er  darum  ihre  mole- 
kulare Konstitution  als  unwahrscheinlich  hinstellen  wollte;  seiner 
exakten  Denkweise  widerstrebte  nur  der  Mangel  an  Strenge,  der 
allen  molekulartheoretischen  Betrachtungen  naturgemäß  anhaftet. 
Nach  Kirchhoffs,  wie  oben  schon  gesagt,  im  Jahre  1875  er- 
folgter Übersiedelung  nach  Berlin  trat  in  seinem  Gesundheitszu- 
stande noch  einmal  eine  Besserung  ein,  so  daß  er  dort  noch  neun 
Jahre  hindurch  vor  einem  großen  Schülerkreise  eine  glänzende 
Lehrtätigkeit  auf  dem  von  ihm  selbst  so  erfolgreich  bebauten 
Felde  der  mathematischen  Physik  ausüben  konnte.  Von  seinen 
Vorlesungen  hat  er  diejenigen  über  Mechanik,  wie  bereits  erwähnt, 
schon  gegen  Ende  seiner  Heidelberger  Zeit  selbst  als  Buch  ver- 
öffentlicht, und  der  ungewöhnliche  Erfolg,  den  dieses,  die  Präzision 
und  Klarheit  seiner  Darstellung  der  schwierigsten  Gegenstände  in 
vollendetster  Weise  zeigende  Werk  hatte,  erhellt  deutlich  aus  der 
Tatsache,  daß  bereits  nach  weniger  als  einem  Jahre  eine  zweite 
Auflage  notwendig  wurde.  Die  anderen  von  Kirchhoff  in  Berlin 
gehaltenen  Vorlesungen  wurden  erst  nach  seinem  Tode  heraus- 
gegeben: die  über  Optik  1891  von  Hensel,  jene  über  Elektrizität 
und  Magnetismus  sowie  über  Wärmetheorie  1891  bezw.  1894 
von  Planck. 


262  Friedrich  Pockels  [20 

In  Berlin  veröffentlichte  Kirchhoff  noch  eine  Reihe  schöner 
Abhandlungen,  von  denen,  außer  der  schon  früher  erwähnten  über 
die  Theorie  des  Kondensators  (1877),  diejenigen  über  die  elektrische 
Strömung  in  Telegraphen  kabeln  (1879),  über  die  Reflexion  des 
Lichtes  an  Kristallen  (1876),  über  eine  Methode  zur  Messung  der 
elektrischen  Leitfähigkeit  der  Metalle  (1880),  über  die  Theorie  der 
Lichtstrahlen  (1882)  und  über  die  Formänderungen  im  elektrischen 
und  magnetischen  Felde  (1884/85)  hervorzuheben  sind.  Obwohl 
Kirchhoff  in  Beriin  kein  eigenes  Institut  besaß,  hat  er  auch  noch 
experimentelle  Arbeiten  ausgeführt  und  zwar  im  Laboratorium 
seines  Freundes  Q.  Hansemann  in  Gemeinschaft  mit  diesem.  Eine 
von  diesen  Untersuchungen  hat  gewisse,  unter  Wirkung  der  Schwere 
stattfindende  Wellenbewegungen  des  Wassers  zum  Gegenstände, 
die  andere  betrifft  die  Anwendung  einer  von  Kirchhoff  sehr  sinn- 
reich erdachten  und  theoretisch  ausgearbeiteten  Methode  zur  Be- 
stimmung der  Wärmeleitungsfähigkeiten  der  Metalle.  Es  sei  noch 
bemerkt,  daß  Kirchhoffs  Abhandtungen  aus  der  Zeit  vor  1882  von 
ihm  selbst,  die  späteren  von  Boltzmann  (1891)  als  Sammelband 
herausgegeben  worden  sind. 

Seit  1885  mußte  Kirchhoff  wegen  eines  zunehmenden  schweren 
Leidens  seine  Lehrtätigkeit  aufgeben  und  wurde  bald  ganz  an  das 
Haus  und  den  Rollstuhl  gefesselt.  Er  blieb  aber  stets  gleich  heiter 
und  freundlich  und  folgte  allen  wissenschaftlichen  Fragen  bis  zuletzt 
mit  regem  Interesse,  und  es  war  daher  auch  für  die  ihm  Näher- 
stehenden unerwartet,  als  am  17.  Oktober  1887  plötzlich  während 
des  Schlafes  sein  Tod  eintrat. 

Es  kann  hier  nicht  der  Ort  sein,  Kirchhoffs  Charakter  zu 
rühmen.  Aber  das  darf  und  muß  gesagt  werden,  daß  er  sein 
Leben'  mit  einer  seltenen  Selbstlosigkeit,  unter  völliger  Hintan- 
setzung des  Strebens  nach  äußeren  Ehren  und  Gewinn,  der  ge- 
wissenhaftesten Erforschung  der  reinen  Wahrheit  gewidmet  hat; 
mit  welchem  Erfolge  für  die  physikalische  Wissenschaft,  sollte  die 


21]  Gustav  Robert  Kirchhoff.  263 


vorstehende  Skizze  zeigen.  So  konnte  Hof  mann  die  herrliche 
Gedächtnisrede,  die  er  am  24.  Oktober  1887  in  der  Deutschen 
Chemischen  Gesellschaft  dem  Dahingegangenen  widmete,  mit  den 
Worten  schließen:  „Auf  meinem  langen  Lebenspfade  bin  ich  keinem 
begegnet,  bei  welchem,  wie  bei  Kirchhoff,  höchstes  Vollbringen 
gesellt  gewesen  wäre  mit  fast  demutsvoller  Bescheidenheit**. 


Wilhelm  Hofmeister 


von 


Ernst  Pfitzer. 


A.    Lebensgang. 

ilhelm   Friedrich   Benedikt   Hofmeister  wurde  am 

18.  Mai   1824  zu  Leipzig  geboren.    Sein  Vater,  der 

3i  angesehene  Verlagsbuchhändler  Friedrich  Hofmeister, 


hatte  sich  nach  dem  Tode  seiner  ersten  Frau,  die  ihm  einen  ein- 
zigen, 1802  geborenen  Sohn  hinterließ,  1813  mit  Friederike  Seiden- 
schnur verheiratet  —  nach  elfjähriger  Ehe  begrüßte  er  freudig 
den  zweiten  Sohn  Wilhelm,  dem  1826  noch  eine  Tochter  Klemen- 
tine  folgte.  Während  der  Erstgeborene  in  den  Jugendjahren  den 
beiden  jüngeren  Geschwistern  schon  wegen  des  großen  Alters- 
unterschieds etwas  ferner  stand,  waren  diese  treue  Spielgefährten 
und  Studiengenossen  und  bis  zu  des  Bruders  frühem  Tode  durch 
herzlichste  Zuneigung  verbunden. 

Den  ersten  Unterricht  erhielt  Wilhelm  Hofmeister  in  einem 
Privatinstitut  zusammen  mit  nur  wenigen  Mitschülern  und  machte 
dadurch  um  so  raschere  Fortschritte.  Um  das  Jahr  1834  gründete 
der  seinem  Vater  sehr  befreundete  bisherige  Direktor  der  städ- 
tischen Bürgerschule,  Dr.  Karl  Vogel,  die  Leipziger  städtische  Real- 
schule. Der  genannte  bedeutende  Pädagoge  folgte  dem  vortreff- 
lichen Grundsatz,  daß  die  Schule  nicht  bloß  die  Gedanken  anderer, 
sondern  vor  allem   das  Selbstdenken   lehren  solle.      Bei    einem 


268  Ernst  Pfitzer  [4 

guten  Lehrerkollegium  und  einer  mäßigen  Schülerzahl  konnte  so 
der  Erfolg  nicht  fehlen.  Als  Wilhelm  Hofmeister  Ostern  1839 
aus  dieser  Schule  ausschied,  war  der  junge  Mann  auch  ohne  die 
so  vielfach  überschätzte  „Gymnasialmaturität''  sehr  gut  für  das 
Leben  vorgebildet. 

Das  Interesse  für  die  Naturwissenschaften  hat  Wilhelm  Hof- 
meister wesentlich  von  seinem  Vater  überkommen,  Scharfsinn, 
Ausdauer  und  ideale  Weltanschauung  auch  von  seiner  Mutter. 
Trotz  vieler  Berufspflichten  hatte  Friedrich  Hofmeister  nicht  nur 
ein  großes  Herbarium  gesammelt,  sondern  auch,  nachdem  er  um 
1840  in  dem  jetzt  mit  Leipzig  verbundenen  Vorort  Reudnitz  einen 
ausgedehnten  Garten  mit  bescheidener  Sommerwohnung  erwor- 
ben hatte,  den  ersteren  großenteils  als  regelrechten  botanischen 
Garten  angelegt,  auf  dessen  langgestreckten  Beeten  zahlreiche 
Pflanzen  nach  dem  natürlichen  System  angeordnet  waren.  Ver- 
gebens suchten  aber  der  Vater  und  sein  Freund  Professor  Ludwig 
Reichenbach  den  Heranwachsenden  gerade  für  die  Pflanzenkunde 
zu  gewinnen,  da  dessen  Neigungen  damals  noch  viel  mehr  auf 
das  Feld  der  Entomologie  gerichtet  waren.  Er  fing  Schmetter- 
linge und  Käfer,  fütterte  Raupen  und  war  von  Sammeleifer  er- 
füllt. Außerdem  trieb  er,  wie  das  bei  dem  hauptsachlich  auf 
Musikalien  sich  erstreckenden  Verlage  des  Vaters  und  dessen  regem 
Musikinteresse  natürlich  war,  auch  musikalische  Studien  —  so  hat 
er  in  dieser  Leipziger  Jugendzeit  eine  Zeit  lang  ohne  Lehrer 
Violine  gespielt. 

Im  Sommer  1839  ging  Wilhelm  Hofmeister  nach  Hamburg 
und  trat  als  Volontär  in  die  Musikalienhandlung  von  August  Cranz 
ein.  Die  engen,  schmutzigen  Straßen  und  das  ganze  Hamburger 
Leben  gefielen  ihm  anfangs  wenig  —  aber  zahlreiche  Ausflüge 
zu  Fuß  und  zu  Boot,  sowie  gute  Beziehungen  zu  den  Söhnen 
seines  mit  dem  Vaterhause  befreundeten  Prinzipals  söhnten  ihn 
allmählich  mit  Hamburg  aus  —  nur  klagt  er  in  seinen  Briefen  über 


5]  Wilhelm  Hofmeister.  269 


die  geringe  Ausbeute  an  Schmetterlingen  und,  was  wichtiger  ist, 
über  seine  schon  damals  hochgradige  Kurzsichtigkeit.  Da  er  nach 
dem  auf  4  Uhr  festgesetzten  Mittagessen  vöHig  frei  war,  so  fand  er 
Zeit  Violinunterricht  zu  nehmen,  zu  musizieren  und  seinen  ento- 
mologischen Liebhabereien  nachzugehen.  Außerdem  las  er  viel 
—  in  einem  Brief  an  seine  Schwester  vom  Dezember  1839  schreibt 
er:  „Ich  studiere  jetzt  auf  Mord,  um  mir  die  Grillen  zu  vertreiben, 
hauptsächlich  um  früher  Gelerntes  nicht  zu  vergessen..  Physik 
und  Chemie,  Algebra  und  Trigonometrie,  Geographie  und  Stereo- 
metrie und  Gott  weiß,  was  sonst  noch,  wird  vorgenommen  und 
repetiert,  das  amüsiert  mich  dann  recht  gut  —  Lektüre  eines 
guten  Buchs  und  Musik  bringen  bisweilen  Abwechslung  hinein." 

Ostern  1841  kehrte  Wilhelm  Hofmeister  nach  Leipzig  zurück 
und  übernahm  für  das  väterliche  Geschäft  die  ausländische  Korre- 
spondenz, welche  ihm  reichlich  freie  Zeit  ließ.  Erst  jetzt  begann 
er  sich  mit  Botanik  zu  beschäftigen  —  auch  seine  Freundschaft 
mit  dem  späteren  Orchideenkenner  und  Hamburger  Professor 
Gustav  Reichenbach  brachte  ihn  wohl  diesen  Dingen  näher.  Vor 
allem  haben  aber  Schleidens  1842  erschienene  „Grundzüge  der 
wissenschaftlichen  Botanik",  wie  auf  so  viele  andere,  so  auch  auf 
Hofmeister  einen  gewaltigen  Eindruck  gemacht  und  sein  Interesse 
für  die  Entwicklungsgeschichte  und  damit  für  die  mikroskopische 
Forschung  erweckt;  die  hochgradige  Kurzsichtigkeit  war  hier  kein 
so  großes  Hindernis  wie  beim  Pflanzensammeln,  vielmehr  beim 
Präparieren  fast  ein  Vorteil.  Ferner  studierte  der  junge  Kaufmann 
die  Arbeiten  Hugo  von  Mohls  und  es  beweist  sein  scharfes  Ur- 
teil, daß  er  dieselben  noch  über  Schleidens  Buch  stellte. 

1845  machte  er  eine  größere  Reise  durch  Bayern  und  Tirol, 
auf  welcher  er  auch  viele  Pflanzen  sammelte  und  seinem  Vater 
über  diese  Schätze  brieflich  Bericht  erstattete  —  trotz  seiner  Kurz- 
sichtigkeit hat  er  auch  Gletscherwanderungen  unternommen 
und  höchst  genußreich  gefunden,  wie  denn  überhaupt  die  Freude 


270  Ernst  Pfitzer  [6 

an  der  schönen  Natur  aus  jeder  Zeile  seiner  Briefe  hervor- 
leuchtet. 

Im  Jahre  1847  verheiratete  sich  Wilhelm  Hofmeister  mit  Agnes 
Lurgenstein,  der  liebsten  Freundin  seiner  Schwester,  einem  an- 
mutigen und  liebenswürdigen  Mädchen,  der  Tochter  eines  ange- 
sehenen Leipziger  Fabrikanten,  welche  ihm  eine  überaus  glückliche 
Häuslichkeit  schuf.  Friedrich  Hofmeister  hatte  auf  dem  Reudnitzer 
Grundstück  ein  festes  großes  Wohnhaus  gebaut,  ein  „Patriarchen- 
zelt", wie  es  scherzweise  genannt  wurde.  Hier  wohnte  außer  den 
Eltern  seit  1843  der  ältere  Bruder  mit  den  Seinen  und  hier,  in- 
mitten des  väterlichen  botanischen  Gartens,  hat  auch  Wilhelm 
Hofmeister  sechzehn  glückliche  Jahre  verlebt.  Nachdem  1849  die 
Schwester  sich  ebenfalls  verheiratet  hatte,  wohnten  vier  Familien 
einträchtig  und  froh  unter  einem  Dach.  Ein  reger  Freundeskreis, 
zu  welchem  u.  a.  der  Verlagsbuchhändter  Salomon  Hirzel,  Gustav 
Freytag.  Heinrich  von  Treitschke.  der  damalige  Bankdirektor, 
spätere  badische  Minister  Mathy,  der  Chirurg  Benno  Schmidt,  der 
Physiologe  Otto  Funke,  der  Historiker  und  Dichter  Waldemar 
Wenck  gehörten,  sorgte  dafür,  daß  die  vielseitigsten  Interessen  ge- 
pflegt wurden.  Hier  sind  Wilhelm  Hofmeister  seine  fünf  älteren 
Kinder  geboren  worden,  hier  traf  ihn  der  erste  große  Schmerz 
seines  Lebens,  der  Veriust  seiner  innig  verehrten  Mutter  (1861). 

Wie  in  einem  anderen  Abschnitt  ausführlicher  besprochen 
werden  soll,  brachte  schon  das  Jahr  1847  die  erste  wissenschaft- 
liche Veröffentlichung  des  jungen  Buchhändlers,  1848  folgte  eine 
zweite  und  1849  bereits  ein  nicht  umfangreiches,  aber  epoche- 
machendes Werk  über  eine  damals  brennende  Frage,  die  Embryo- 
logie der  El  Uten  pflanzen.  Dasselbe  erregte  so  große  Bewunde- 
rung, daß  die  Universität  Rostock  am  27.  Januar  1851  Wilhelm 
Hofmeister  zum  Doctor  honoris  causa  ernannte.  In  seinem  An- 
trage an  die  Fakultät  führt  Röper  aus,  daß  Hofmeister  sich  bereits 
nicht  „nur  eine  ehrenvolle,  sondern  sogar  eine  bedeutende  Stellung 


7]  Wilhelm  Hofmeister.  271 


"Sm^^ 


in  der  Wissenschaft  errungen  habe",  sowie  daß  der  erste  Pflanzen- 
anatom und  Physiologe  Deutschlands,  Prof.  Hugo  von  Mohl,  die 
Leistungen  desselben  in  einer  Weise  anericannt  habe,  die  Röper 
weiterer  Ausführung  und  Begründung  überhebe.  Das  Diplom 
motiviert  die  Ernennung  mit  dem  Satze  „qui  observationibus  ac- 
curatissime  institutis  sagacissime  explicatis  elegantissime  expositis 
physiologiam  plantarum  praeclare  illustravit,  auxit,  stabilivit".  So 
verschwand  der  Mangel  des  Universitätsstudiums,  welchen  die  her- 
vorragende Begabung  und  der  unermüdh'che  Fleiß  des  jungen 
Forschers  für  seine  innere  Ausbildung  längst  ersetzt  hatten,  auch 
nach  außen  hin.  Bald  darauf  nahm  auch  die  Königlich  Sächsische 
Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Leipzig  Dr.  Wilhelm  Hofmeister 
unter  die  Zahl  ihrer  ordentlichen  Mitglieder  auf. 

In  demselben  Jahre  1851  erschienen  als  ein  stattlicher  „seinem 
teuren  Vater  in  Liebe  und  Dankbarkeit"  gewidmeter  Quartband 
die  bahnbrechenden  „Vergleichenden  Untersuchungen  über  die  Ent- 
wicklung der  höheren  Kryptogamen  und  der  Coniferen".  Bis 
zum  Jahr  1863  ließ  Hofmeister  auf  diesem  Gebiet  zahlreiche  Er- 
gänzungen folgen.  Im  Jahre  1855  veröffentlichte  er  weitere  ent- 
scheidende Studien  über  die  Befruchtung  der  höheren  Blüten- 
pflanzen und  trug  dadurch  wesentlich  zur  Beseitigung  der  Schleiden- 
schen  Befruchtungstheorie  bei,  welche  ein  Jahrzehnt  den  Fort- 
schritt der  Wissenschaft  aufgehalten  hatte.  Auch  die  umfangreichen 
späteren  Untersuchungen  über  die  Embryologie  der  Siphonogamen, 
die  ersten  Versuche  auf  dem  Gebiet  der  Zellenlehre  und  nament- 
lich die  hervorragenden  experimentalphysiologischen  Untersuchun- 
gen über  das  Steigen  des  Blutungssaftes  und  über  die  Krümmungen 
saftreicher  Pflanzenteile  durch  Erschütterung  fallen  noch  in  diese 
Leipziger  Zeit. 

Aber  so  große  Erfolge  wollten  erarbeitet  sein  und  immer 
noch  lasteten  auf  dem  jungen  Forscher  die  Pflichten  des  väter- 
lichen Geschäftes  —  seine  Freunde  fürchteten  nicht  mit  Unrecht. 


272  Ernst  Pfitzer  [8 


daß  er  sich  mit  diesem  zwischen  Wissenschaft  und  kaufmännischem 
Beruf  geteilten  Doppelleben  aufreiben  würde. 

Ein  glückliches  Geschick  fügte  es,  daß  der  alte  Freund  des 
Hauses  Otto  Funke  im  Herbst  1860  als  Professor  der  Physio- 
logie von  Leipzig  nach  Freiburg  berufen  wurde  und  Gelegenheit 
fand,  die  Aufmerksamkeit  der  badischen  Regierung  auf  Wilhelm 
Hofmeister  zu  lenken,  wodurch  dessen  Berufung  nach  Heidelberg 
angebahnt  worden  ist. 

Ungewöhnlich  wie  der  ganze  Lebensgang  verlief  auch  diese 
Berufung  vom  Komptoirstuhl  auf  die  Lehrkanzel.     Im  Herbst  1854 
war   in  Heidelberg  der  hochverdiente  ordentliche   Professor  der 
Botanik  Gottlieb  Wilhelm  Bischoff  gestorben.    Die  philosophische 
Fakultät  hatte  Hugo  von  Mohl  als  seinen  Nachfolger  vorgeschlagen, 
aber  aus  Mangel   an  Mitteln  unterblieb   die  Berufung;    Professur 
und    Gartendirektion    wurden    interimistisch    von  dem  Professor 
extraordinarius,  Dr.  Johann  Anton  Schmidt,    dem  Verfasser  der 
„Flora  der  Capverdischen  Inseln",  verwaltet.    Im  Jahre  1861  hatte 
die  Fakultät  neue  Vorschläge  gemacht  und  Anton  de  Bary  und 
Robert  Caspary    als    ihr  erwünschte    Lehrkräfte    für    das  Ordi- 
nariat genannt,  ohne  daß  es  aber  zu  einer  Berufung  kam.    Am 
15.  Mai  1863  richtete  dann   das  Großherzogliche  Ministerium  an 
die  Fakultät  die  Anfrage,  ob  dieselbe  noch  bei  ihren  Vorschlägen 
von  1861    beharre     -  gleichzeitig   verlangte   das  Ministerium   ein 
Gutachten  über  den  Privatgelehrten   Dr.  Wilhelm  Hofmeister  mit 
folgender  Motivierung:  „Er  wird  uns  als  einer  der  ersten  Botaniker 
in  Deutschland,   als  ein   Mann    von  genialer  Begabung,   größter 
Arbeitskraft  und  vortrefflicher  Darstellungsgabe  bezeichnet,  der  sich 
jetzt  erstmals   geneigt  zeige,   eine   akademische  Lehrstelle  anzu- 
nehmen, aber  auch  bereits  eine  Berufung  nach  Hamburg  in  sicherer 
Aussicht  habe".    Obwohl  die   letzteren  Worte   doch  darauf  hin- 
wiesen, daß  Gefahr  im  Verzug  sei,  ließ  sich  die  Fakultät  mit  der 
Antwort  etwas  Zeit:  so  wurde  sie  am  5.  Juni  1863  mit  der  Nach- 


9]  Wilhelm  Hofmeister.  273 


rieht  von  der  Ernennung  Wilhelm  Hofmeisters  zum  ordentlichen 
Professor  der  Botanik  und  Direktor  des  botanischen  Gartens  über- 
rascht und  konnte  nur  noch  erwidern,  daß  das  Gutachten  jetzt 
gegenstandslos  sei.  Weder  die  Regierung,  noch  die  Universität 
haben  Ursache  gehabt  diese  rasche  Berufung  zu  bereuen. 

im  August  1863  siedelte  Hofmeister  mit  seiner  Familie  nach 
Heidelberg  über  und  bestieg  am  Beginn  des  Wintersemesters  zum 
erstenmal  das  Katheder.  Wenn  ich  aus  persönlicher  Erfahrung 
in  wenig  späterer  Zeit  urteilen  darf,  so  war  Hofmeister  in  der 
Vorlesung  ein  verzüglicher  Lehrer  für  bereits  einigermaßen  vor- 
gebildete Schüler  —  für  die  Anfänger  war  seine  Darstellungsweise 
vielleicht  bisweilen  etwas  zu  hoch.  Ganz  Ausgezeichnetes  aber 
leistete  er  für  alle  als  Leiter  der  praktischen  Arbeiten  im  Labora- 
torium, als  Lehrmeister  an  seinem  Lieblingsinstrument,  dem  Mikro- 
skop. So  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  gerade  junge  Botaniker  von 
Fach  sich  nach  Heidelberg  wandten,  nicht  nur  aus  Deutschland, 
sondern  vielfach  auch  aus  dem  Ausland.  Von  bekannten  Namen 
der  ersteren  Reihe  nenne  ich  Askenasy,  Engelmann,  J.  Knauth, 
N.  J.  C.  Müller,  ferner  die  Russen  Rosanoff  und  Krutitzky,  den 
Franzosen  Millardet. 

Die  Räume,  in  welchen  Wilhelm  Hofmeister  mit  so  großem  Er- 
folge lehrte,  waren  mehr  als  bescheiden.  Zwischen  der  Anlage  und 
der  Bergheimer  Straße  einerseits,  der  Rohrbacher  und  der  Sophien- 
Straße  andererseits  nahm  der  botanische  Garten  die  Stelle  einer 
ehemaligen  Kiesgrube  ein,  zweimal  schräg  abfallend.  Die  ebene 
Fläche  nach  der  Anlage  hin  enthielt  die  Pflanzenbeete,  an  dem 
oberen  Abhang  lag  ein  einseitiges,  niederes  Gewächshaus  für 
Warmhauspflanzen  und  darüber  nahe  der  Bergheimer  Straße  das 
Hauptgebäude,  dessen  Mitte  und  größten  Teil  ein  ziemlich  geräu- 
miges Kalthaus  bildete.  Der  westliche  Flügel  enthielt  Bureau  und 
Wohnung  des  Universitätsgärtners,  der  östliche  im  Erdgeschoß 
den  Hörsaal  (das  jetzige  Herbarzimmer),  eine  Treppe  hoch  einen 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  18 


Hfiüfei 


274  Ernst  Pfitzer  [10 


■^-^v- 


einzigen  Raum  mit  3  Fenstern  nach  Osten  und  je  2  nach  Norden 
und  Süden:  dieser  WBr  das  botanische  Institut.  Jenseits  der  An- 
lage im  sogenannten  landwirtschafth'chen  Garten  (jetzt  Stadtgarten) 
wurde  Hofmeister  dann  später  noch  ein  Häuschen  überwiesen,  in 
dem  er  seine  experimental physiologischen  Untersuchungen  machte, 
während  das  große  Institutszimmer  wesentlich  als  Mikroskopler- 
raum und  Vorbereitungszimmer  für  die  Vorlesung  diente. 

Aber  mit  welchem  Eifer  ist  in  diesem  einen  Räume  nicht  nur 
anatomisch,  sondern  auch  experimentalphysiologisch  gearbeitet 
worden !  Hofmeister  selbst  war  den  ganzen  Tag  im  Laboratorium, 
immer  bereit  zu  helfen,  wenn  die  eigene  Kraft  des  Schülers  nicht 
ausreichte.  Und  wie  haben  wir  ihn  alle  verehrt,  den  kleinen  be- 
weglichen Mann  mit  der  dunklen  Hautfarbe,  den  lebhaften  Augen 
und  den  schnellen  Bewegungen  eines  Südfranzosen,  dem  vornehmen 
Charakter,  dem  liebenswürdigen  Humor  und  der  fabelhaften  Ge- 
schicklichkeit im  Präparieren!  Was  wir  kaum  sahen,  nahm  er 
wie  selbstverständlich  zwischen  Daumen  und  Zeigefinger  der  linken 
Hand,  machte  bei  dicht  daran  gedrücktem  Gesicht  ein  halbes 
Dutzend  Schnitte  daraus,  suchte  den  besten  aus  und  wußte  ihm 
mit  der  Präpariernadel  noch  in  der  mannigfaltigsten  Weise  nach- 
zuhelfen. Wie  oft  hat  er  alte  Präparate  aufgemacht,  an  der  Grenze 
des  Sichtbaren  liegende  Dinge  herausgenommen,  sauber  abgeputzt 
und  ohne  Verlust  wieder  eingeschlossen.  Während  seine  enorme 
Kurzsichtigkeit  ihm  hier  von  Nutzen  war,  erschwerte  sie  ihm 
außerordentlich  die  experimentellen  Arbeiten  und  namentlich  hier- 
bei kam  es  dann  gelegentlich  zu  Ausbrüchen  elementarer  Heftig- 
keit im  Kampf  mit  dem  widerspenstigen  Objekt. 

Wir  älteren  Schüler  durften  Hofmeister  auch  oft  auf  seinen 
Spaziergängen  in  die  herrliche  Umgebung  Heidelbergs  breiten 
—  er  war  ein  vortrefflicher  Kenner  der  Kryptogamen  und  außer- 
dem bei  solchen  Wanderungen  besonders  anregend.  Sein  sehr  ent- 
wickelter Ortssinn  half  ihm  dabei  die  Kurzsichtigkeit  überwinden; 


11]  Wilhelm  Hofmeister.  275 


wenn  er  an  der  richtigen  Stelle  war,  kniete  er  plötzlich  irgendwo 
nieder  und  hatte  in  der  Regel  dann  auch  schon  das  Gesuchte. 
Auch  in  dem  damals  beliebten  Caf^  Schumacher  am  Ludwigsplatz, 
wo  um  diese  Stunde  viele  Professoren  verkehrten,  haben  wir  oft 
noch  abends  nach  dem  Schluß  des  Instituts  brennende  botanische 
Fragen  diskutiert. 

Das  sonstige  Leben  Hofmeisters  war  in  den  ersten  Heidel- 
berger Jahren  ein  sehr  glückliches.  Seine  vortreffliche  Frau  machte 
ihm  sein  Daheim  überaus  behaglich,  die  Fachkollegen  schätzten 
ihn  hoch  und  eine  Reihe  naher  persönlicher  Freunde,  namentlich 
H.  von  Treitschke,  welcher  inzwischen  nach  Heidelberg  -berufen 
worden  war,  Knies,  Hesse,  Stoy,  sicherten  ihm  eine  angenehme 
Geselligkeit  und  geistige  Anregung  —  in  fachwissenschaftlicher 
Beziehung  fand  er  letztere  auch  bei  Karl  Schimper,  welcher  in 
dem  nahen  Schwetzingen  lebte  und  mit  welchem  er  oft  zusammen- 
kam. Hofmeister  selbst  war  ein  vortrefflicher  Gesellschafter  — 
sein  erstaunliches  Gedächtnis  hatte  neben  seinem  reichen  Wissen 
noch  Raum  für  eine  Menge  amüsanter  Geschichten,  für  ganze 
lange  Dichtungen  und  mannigfaltige  Erinnerungen  —  auch  politische 
Fragen  beschäftigten  ihn  lebhaft.  Die  Einheit  Deutschlands  be- 
reitete sich  vor  und  wurde  von  Hofmeister  begeistert  herbei- 
gewünscht —  er  und  H.  von  Treitschke,  die  beiden  Sachsen, 
waren  damals  preußischer  als  die  nach  Heidelberg  berufenen 
Preußen. 

Werfen  wir  noch  einen  Blick  auf  die  Veröffentlichungen  aus 
der  Heidelberger  Zeit,  so  sind  zu  nennen  eine  Ergänzung  seiner 
Arbeiten  über  die  Moose,  Studien  über  Plasmabewegung,  Wurzel- 
krümmung und  Blattstellung  und  vor  allem  seine  beiden  Haupt- 
bücher, die  „Lehre  von  der  Pflanzenzelle"  (1866)  und  die  „allge- 
meine Morphologie"  (1868). 

Noch  in  Leipzig  war  der  Plan  entstanden,  durch  das  Zu- 
sammenwirken   einer  Anzahl  von   hervorragenden  Fachgenossen 

18* 


276  Ernst  Pfitzer  [12 


—  ich  nenne  A.  de  Bary,  Th.  Irmisch,  J.  Sachs  —  ein  Handbuch 
der  Botanik  für  den  Gebrauch  des  Forschers  herauszugeben.  Hof- 
meister übernahm  die  Redaktion  und  die  oben  genannten  Ge- 
biete, De  Bary  die  Anatomie  der  höheren  Pflanzen,  sowie  die 
Pilze  und  Flechten,  J.  Sachs  die  Experimentalphysiologie  und  diese 
Bände  sind  sämtlich  erschienen  —  nicht  zur  Ausführung  kamen 
die  Lehre  von  der  Sproßfolge  (Th.  Irmisch),  die  Algen  (De  Bary), 
die  höheren  Kryptogamen  und  die  Fortpflanzung  der  Phanero- 
gamen  (Hofmeister).  Auf  den  wissenschaftlichen  Inhalt  der  beiden 
von  Hofmeister  bearbeiteten  Bände  soll  an  anderer  Stelle  näher 
eingegangen  werden.  Hier  nur  so  viel,  daß  die  Monographie  der 
Pflanzenzelle  durch  Jahrzehnte  das  Hauptwerk  auf  diesem  Gebiet 
war  und  noch  heute  unentbehrlich  ist,  sowie  daß  die  „allgemeine 
Morphologie"  ganz  neue  Wege  einschlug,  indem  sie  an  die  Stelle 
des  Beschreibens  der  Gestalt  die  Frage  setzte,  aus  welchen  Gründen 
und  durch  welche  Kräfte  die  Gestalt  so  und  nicht  anders  ge- 
worden ist. 

War  Hofmeisters  Leben  bis  dahin  nach  allen  Richtungen  ein 
erfolgreiches  und  glückliches  gewesen,  so  begannen  sich  jetzt  die 
Wolken  zusammenzuballen,  welche  seinen  Lebensabend  so  sehr 
verdüstern  sollten.  Hatte  er  bisher  in  seinen  Untersuchungen  in 
der  Hauptsache  immer  das  Richtige  getroffen  und  Fehler  in  Neben- 
dingen meist  selbst  erkannt  und  verbessert,  so  mußte  es  ihm  1868 
begegnen,  daß  eine  von  ihm  aufgestellte  wissenschaftliche  Theo- 
rie, die  nicht  nur  er  selbst,  sondern  auch  andere  kompetente 
Fachgenossen  als  überaus  scharfsinnig  betrachtet  hatten,  als  un- 
richtig erwiesen  wurde.  Ein  Jahr  hat  Hofmeister  noch  dafür  ge- 
kämpft, dann  gab  er  die  Verteidigung  auf  (vgl.  Absch.  VI.)  —  aber 
diese  Niederlage  hat  ihm  sehr  weh  getan. 

Noch  viel  mehr  aber  wurde  seine  Stimmung  beeinflußt  durch 
Familiensorgen.  Seine  geliebte  Frau,  sein  jüngstes  in  Heidelberg 
geborenes  Töchterchen  begannen  zu  kränkeln  und  bald  zeigte  sich. 


13]  Wilhelm  Hofmeister.  277 


"N-/*'* 


daß  die  Tuberkulose  ihren  Einzug  in  sein  Haus  gehalten  hatte. 
Am  28.  März  1870  starb  seine  Frau,  am  18.  Mai  1871,  an  seinem 
Geburtstag,  sein  jüngstes  Kind,  und  schon  waren  Anzeichen  vor- 
handen, daß  auch  die  älteren  Kinder  nicht  alle  gesund  seien. 

Zu  alledem  kam  noch  anderes  Ungemach.  Im  Jahre  1871  be- 
gann der  Heidelberger  Universitätsstreit,  von  kleinen  Anfängen  aus- 
gehend, allmählich  immer  mehr  anwachsend  und  schließlich  die 
Universität  in  zwei  Lager  spaltend,  die  selbst  den  geselligen  Ver- 
kehr miteinander  abbrachen.  Das  Unglück  wollte,  daß  Hofmeisters 
nächste  persönliche  Freunde,  namentlich  Knies  und  Treitschke, 
der  „Minorität"  angehörten,  während  die  Vertreter  der  Natur- 
wissenschaften, vor  allen  Bunsen  und  Kirchhoff,  in  der  „Majorität" 
waren.  Das  gab  für  Hofmeister  sehr  unerquickliche  Verhältnisse 
und  entfremdete  ihn  seinen  nächsten  Fachgenossen,  um  so  mehr 
als  er  bei  seinem  leidenschaftlichen  Temperament  zu  wenig  Diplo- 
mat war,  um  Zusammenstöße  zu  vermeiden. 

Durch  alles  dieses  war  ihm  Heidelberg  verleidet,  auch  die 
alten  freundschaftlichen  Beziehungen  konnten  ihn  nicht  halten. 
Nachdem  am  1.  April  1872  Hugo  von  Mohl  gestorben  war,  nahm 
Hofmeister  einen  Ruf  nach  Tübingen  an,  wohl  auch  beeinflußt 
durch  den  Gedanken,  der  Nachfolger  des  Mannes  zu  werden,  den 
er  unter  allen  Botanikern  immer  am  höchsten  geschätzt  hatte. 

Im  Herbst  1872  war  Hofmeister  nach  Tübingen  übergesiedelt, 
wo  er  wieder  zahlreiche  Schüler  um  sich  sammelte.  Von  bekann- 
ten Botanikern  haben  Göbel  und  Zacharias  hier  unter  seiner  Lei- 
tung gearbeitet.  Im  Mai  1874  habe  ich  ihn  auf  dem  botanischen 
Kongreß  zu  Florenz  zum  letztenmal  gesehen,  anregend  wie  immer, 
aber  nicht  mehr  der  alte.  Seine  beiden  Söhne,  sein  Stolz  und 
seine  Freude,  litten  an  derselben  tückischen  Krankheit,  die  ihm 
schon  Frau  und  Tochter  entrissen  hatte:  am  6.  November  und 
7.  Dezember  1875  starben  beide  in  Cannes,  im  Alter  von  25  und 
23  Jahren.    Das  war  mehr,  als  er  tragen  konnte. 


278  Ernst  Pfitzer  [14 


Noch  stieg  die  Hoffnung  in  ihm  auf,  daß  er  vielleicht  an  der 
Seite  einer  zweiten  Frau  das  Glück  wieder  finden  würde,  das 
früher  sein  Haus  verklärt  hatte.  Im  Februar  1876  verheiratete  er 
sich  mit  Johanna  Schmidt,  der  liebenswürdigen,  geistig  regen 
Tochter  eines  Arztes  in  Lindenau  bei  Leipzig,  die  ihm  freudig 
nach  Tübingen  folgte.  Auch  die  Verheiratung  seiner  ältesten,  ihm 
besonders  nahestehenden  und  auch  äußerlich  am  meisten  ähnlichen 
Tochter  Elisabeth  mit  dem  Verlagsbuchhändler  Günther  im  April 
desselben  Jahres  warf  noch  einen  Freudenschimmer  In  Hofmeisters 
Leben  und  ebenso  die  Ehre,  welche  ihm  die  holländische  Gesell- 
schaft der  Wissenschaften  durch  die  Verleihung  der  großen  gol- 
denen Boerhave-Medaille  erwies. 

Im  Mai  1876  traf  ihn  ein  Schlaganfall,  der  ihn  der  Sprache 
fast  beraubte  und  dem  so  lebhaften  Mann  jede  Bewegung  sehr 
erschwerte.  Im  Spätsommer  desselben  Jahres  kehrte  er  nach  Nie- 
derlegung seiner  Professur  mit  seiner  Frau  und  den  noch  übrigen 
beiden  Töchtern  erster  Ehe  nach  der  alten  Heimat  zurück,  ein  ge- 
brochener Mann.  In  Lindenau,  der  Heimat  seiner  Gattin,  lebte  er, 
behütet  und 'auf  das  liebevollste  gepflegt,  bis  zum  12.  Januar  1877, 
kaum  53  Lebensjahre  erreichend,  auch  von  der  dritten  Tochter 
nur  vier  Jahre  überlebt. 

So  sonnig  der  Anfang  dieses  reichen  Lebens  war,  so  düster 
ist  sein  Schluß;  aber  jeder,  dem  es  vergönnt  war  Wilhelm  Hof- 
meister näher  zu  treten,  wird  des  Menschen  und  des  Forschers  in 
Dankbarkeit  und  Verehrung  gedenken. 

Ich  habe  noch  die  angenehme  Pflicht,  an  dieser  Stelle  Frau 
Klementine  Abel,  der  Schwester,  und  Frau  Elisabeth  Günther,  der 
ältesten  Tochter  des  Dahingeschiedenen,  innigen  Dank  zu  sagen 
für  die  Freundlichkeit,  mit  welcher  sie  mir  bei  der  Abfassung  dieser 
Biographie  zu  helfen  die  Güte  hatten,  und  ebenso  Herrn  Professor 
Falkenberg  und  der  philosophischen  Fakultät  der  Universität  Rostock 
für  gütige  Mitteilungen  über  Hofmeisters  Promotion  zu  danken. 


15]  Wilhelm  Hofmeister.  279 


B.  Forschungen. 


I.  Befruchtung  und  Embryologie  der  Angiospermen. 

Die  Frage,  welche  in  den  vierziger  Jahren  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  die  botanische  Welt  am  meisten  bewegte,  war  der 
Befruchtungsvorgang  der  höheren  Blütenpflanzen,  der  Angiosper- 
men. Nachdem  Amici^  1823  entdeckt  hatte,  daß  aus  den  in  den 
Staubbeuteln  entstandenen  und  auf  die  Narbe  des  Fruchtknotens 
der  Blüten  gefallenen  Körnern  des  Blütenstaubs  (Pollen)  ein  dünner 
Schlauch  hervortritt,  den  Amici,  Brongniart  und  R.  Brown  in 
den  Jahren  1830 — 1833  bis  zu  seinem  Eintritt  in  die  enge  Öffnung 
(Mikropyle)  der  vom  Fruchtknoten  umschlossenen  Samenknospe 
verfolgen  konnten,  war  weiter  zu  entscheiden,  woraus  denn  nun 
die  später  im  Samen  enthaltene  Anlage  einer  neuen  Pflanze,  der 
Keimling  oder  Embryo,  hervorgehe.  Horkel,  Schieiden,  Schacht 
u.  a.  vertraten  die  Ansicht,  daß  der  Pollenschlauch  in  die  auf- 
fallend große  zentrale  Zelle  der  Samenanlage,  in  den  Embryosack 
eindringe  und  hier  aus  seinem  Ende  die  neue  Pflanze  bilde.  Die 
Samenknospe  spielt  nach  dieser  Auffassung  nur  die  Rolle  eines 
Brutorgans,  in  welches  der  Uranfang  des  Embryos  eintritt,  um  in 
ihm  seine  weitere  Ausbildung  zu  erhalten  —  es  war  dann  zwar, 
wie  die  Versuche  gelehrt  hatten,  die  Bestäubung  der  Narbe  mit 
dem  Pollen  zur  Entstehung  eines  Embryos  unbedingt  nötig,  es 
fand  aber  eine  eigentliche  Befruchtung  nicht  statt,  sondern  vielmehr 
nur  ein  Transport  der  Embryoanlage  an  den  zu  ihrer  Entwicklung 
geeigneten  Ort.  Dem  gegenüber  vertrat  Amici  schon  1842  die 
Ansicht,  daß  die  erste  Anlage  des  Keimlings  in  dem  Embryosack 
der  Samenknospe  entstehe  und  durch  den  hinzutretenden  Pollen- 


2Wi  Ernst  Pfilzer  [16 


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schlauch  zur  weiteren  Entwicklung  befähigt,  also  im  strengen  Sinne 
des  Wones  befruchtet  werde;  auch  gelang  es  demselben  Forscher- 
1S46  diese  erste  Anlage,  das  « Keimbläschen *"  — oder  wie  wir  heute 
sagen,  das  Ei  —  im  Embr\osack  der  Orchideen  schon  vor  dem  Ein- 
treffen des  Pollenschlauchs  nachzuweisen  und  die  Umwandlung  die- 
ses Keimbläschens  zum  Embryo  zu  beobachten;  Amici  stellte  auf 
das  bestimmteste  in  Abrede,  daß  der  Embrj'O  aus  dem  Ende  des 
Pollenschlauchs  henorgehe.  1847  übersetzte  H.  von  Mohl  Amicis 
Aufsatz  in  der  botanischen  Zeitung;  er  bestätigte  und  erweiterte 
durch  eigene  vortreffliche  Untersuchungen'  Amicis  Ergebnisse  — 
namentlich  hat  Mohl  schon  damals  vor  dem  Eintreffen  des  Pollen- 
schlauchs am  Mikropyleende  des  Embrj'osacks  die  Entstehung 
von  drei  plasmatischen  Zellen  beobachtet,  deren  eine  zum  Em- 
br>o  wird.  Auch  Karl  Müller*  widersprach  Schleidens  An- 
nahmen, nachdem  er  Ordus,  Stofiotnfa,  Begonia,  Batine  untersucht 
hatte. 

Hier  setzt  1847  Hofmeisters  erste  Abhandlung*  ein.  Die- 
selbe beschreibt  die  Entwicklung  des  Embryosacks  und  die  Be- 
fruchtung bei  den  Gattungen  Godctia,  BoisJuvalia  und  Oetwtbcra.  Er 
sah,  daß  der  Zellbildung  im  Mikropyleende  des  Embryosacks 
das  Auftreten  freier  Zellkerne  vorhergehe;  er  läßt  aber  das  »Ey* 
vor  der  ihm  benachbarten  Zelle  (Synergide)  entstehen  und  letztere 
bisweilen  sich  in  zwei  Tochterzellen  teilen.  Obwohl  Hofmeister 
die  zwei  oder  drei  Keimbläschen  für  wahrscheinlich  gleichwertig 
erklärt,  spricht  er  doch  aus,  daß  er  niemals  mehr  als  einen  Em- 
bryo bei  den  Oenothereen  gefunden  habe,  und  daß  die  «nicht  be- 
fruchteten Keimbläschen"  absterben.  Auch  den  zentralen«  heute 
als  sekundär  bezeichneten  Kern  des  Embryosacks  hat  Hofmeister 
schon  1847  gesehen.  Er  betont  weiter,  daß  die  Membran  des 
letzteren  zwischen    l^ollenschlauch    und    Keimbläschen    unverletzt 

•  L'ntersuchunjjcn  des  Vorjjangs  bei  der  Befruchtung  der  Oenothereen. 
Bolaii    Zeit.  1M7,  S.  785  mit  Taf.  VIII. 


17]  Wilhelm  Hofmeister.  281 


9 


bleibe  und  daß  beide  bisweilen  verschiedenen  Stellen  der  Embryo- 
sackmembran anliegen:  „Nur  durch  zweifache  Endosmose  kann 
die  Flüssigkeit  im  Keimbläschen  mit  der  im  Pollenschlauch  in 
Verbindung  treten**.  Da  der  Inhalt  des  letzteren  konzentrierter  sei 
als  derjenige  des  Embryosacks  und  Keimbläschens,  so  nimmt  Hof- 
meister an,  daß  die  stärkere  endosmotische  Strömung  aus  dem 
KeimT)läschen  durch  den  Embryosack  zum  Pollenschlauch  gehen 
müsse:  die  Befruchtung  dagegen  erfolge  durch  eine  sehr  geringe 
Quantität  exosmotisch  in  umgekehrter  Richtung  sich  bewegender 
Flüssigkeit.  Schieid  ens  Auffassung  widerspricht  der  junge  Forscher 
in  sehr  bestimmter  Weise.  Am  Embryo  beschreibt  Hofmeister 
klar  die  Sonderung  von  Embryoträger  und  Embryokugel  sowie 
die  Oktantenteilung  der  letzteren. 

Gleich  der  ersten  Mitteilung  Hofmeisters  wurde  die  Ehre 
zuteil,  daß  sie  in  den  Annales  des  sciences  naturelles  in  franzö- 
sischer Sprache  wiedergegeben  wurde.* 

Nachdem  dann  Knorz  •'^  1848  die  Theorie  Seh  leid  ens  auf 
Grund  seiner  Beobachtungen  an  Euphorbia  und  Orchis  verteidigt  hatte, 
erschien  im  Beginn  des  Jahres  1849  die  bahnbrechende  größere 
Abhandlung  Hofmeisters**  auf  dem  Gebiet  der  Embryologie  mit 
einer  Widmung  an  H.  von  Mohl.  An  etwa  40,  zu  19  Pflanzen- 
familien gehörenden  Arten  wurde  die  Entwicklung  der  Samen- 
knospe und  des  Embryosacks,  die  Befruchtung  und  Ausbildung 
des  Embryos  verfolgt.  Die  erstere  Frage  wurde  namentlich  an 
den  Orchideen  studiert  und  in  ihren  Hauptzügen  richtig  gelöst  — 
nur  ließ  Hofmeister  irrtümlich  die  Samenknospe  aus  einer  ein- 
zigen Zelle  der  Placenta  hervorgehen.  Ferner  nimmt  er  überall 
im  Knospenkern  eine  zentrale  Zellreihe  an,  in  welcher  eine  Zelle 


*» 


*  Annal.  d.  scienc.  natur.  Bot.  3.  Ser.  IX.  1848,  S.  65—72. 
Die  Entstehung  des  Embryos   der  Phanerogamen.    Eine  Reihe   mi- 
kroskopischer Untersuchungen.    Mit  14  Kupfertafeln.    Leipzig  1849.  F.Hof- 
meister. 


282  Ernst  Pfrtzer  [|8 

unmittelbar  zum  Embryosack  wird.  Hofmeister  sah  schon  damals 
das  Auftreten  freier  Kerne  an  den  beiden  Enden  des  Embryosacks 
—  nur  läßt  er  dieselben  bald  vor,  bald  während,  bald  nach  der  Auf- 
lösung des  primären  Kerns  sich  bilden.  „Um  die  den  beiden  Enden 
des  Embryosacks  allernächst  liegenden  Zellenkeme  bilden  sich  freie 
sphärische  Zellen",  namentlich  am  Mikropyleende  vorwiegend  in 
der  Dreizahl,  was  Hofmeister  auf  die  räumlichen  Verhältnisse 
zurückführen  möchte.  Den  Antipoden  teilt  er  die  Angabe  der 
Verarbeitung  des  Nahrungsstoffes  für  den  werdenden  Embryo  zu, 
wie  dies  Westermaier*  neuerdings  nachzuweisen  versucht  hat  — 
auch  das  später  mehrfach'  beschriebene  Vorkommen  einer  größe- 
ren Zahl  von  Antipoden  hat  Hofmeister  schon  1849  bei  Secale 
und  Sicyos  beobachtet. 

Weiter  wird  die  Zeit  bestimmt,  welche  der  Pollenschlauch 
braucht,  um  von  der  Narbe  bis  zur  IHikropyle  zu  gelangen.  Je 
nachdem  die  Membran  des  Embryosacks  mehr  oder  weniger  derb 
ist,  legt  sich  der  Pollenschlauch  nur  derselben  an  oder  stülpt  sie 
ein,  nur  selten  {Canna,  vielleicht  Erodium  und  Suther Jandia,  z.  T. 
Barionia)  nimmt  Hofmeister  eine  Durchbrechung  derselben  an. 
Stets  aber  „bleibt  das  zu  befruchtende  Keimbläschen  eine  völlig 
geschlossene  Zelle;  ein  direkter  Übertritt  eines  Teiles  des  Inhalts 
des  Pollenschlauchs  in  das  Innere  des  Keimbläschens  ist  schlech- 
terdings unmöglich".  Das  letztere,  nicht  aber  der  Pollenschlauch 
ist  die  Grundlage  der  neuen  Pflanze.  Das  befruchtete  KeimblSschM 
teilt  sich  ausnahmslos  durch  eine  Querwand:  niemals  soll  es  un- 
mittelbar zum  Embryo  werden,  welcher  nur  selten  ohne  wertere  vor- 
bereitende Querteilungen  aus  der  freien  Zelle  des  „Vorkeims"  ent- 
steht und  in  seinem  jüngeren  Stadium  bald  eine  Zellreihe,  bald 
einen  Zellkörper  darstellt.  Mehrfach  wird  wieder  die  Oktantenteilung 
beschrieben  —  oft  neigt  der  Verfasser  auch  zur  Annahme  einer 
durch  wechselnd  rechts  und  links  einfallende  Wände  sich  teilenden 
Scheitelzelle.    Für  die  Entstehung  des  Endosperms  werden  zwei 


19]  Wilhelm  Hofmeister.  283 


Haupttypen  aufgestellt:  entweder  füllt  die  Mutterzelle  desselben  den 
Embryosack  aus  und  vermehrt  sich  durch  Zweiteilung  (Motiotropa, 
Bartonia,  Scrophulariaceae)  oder  aber  die  jungen  Endospermzellen 
entstehen  frei  um  viele  in  der  Inhaltsflüssigkeit  des  Embryosacks 
sich  bildende  Kerne  und  lagern  sich  später  schichtenweise  der 
Wandung  desselben  an. 

Im  Einzelnen  wäre  noch  hervorzuheben  die  Darstellung  der 
Polyembryonie  bei  Fuuhia^,  welche  Hofmeister  auf  Befruchtung 
mehrerer  Keimbläschen  zurückführt,  die  Beschreibung  des  wenig- 
zelligen  Embryos  von  Monotropa,  die  Auffindung  der  merkwür- 
digen Aussackungen  (Haustorien)  am  Embryosack  von  Lhmm^ 
und  Bartonia^^,  des  papillösen  Vorkeims  von  Sutherlandia, 

Gleich  nach  der  Veröffentlichung  von  Hofmeisters  Unter- 
suchungen machte  Schacht^^  die  Botaniker  auf  die  bald  bevor- 
stehende Blütezeit  der  Lathraea  Squamaria  aufmerksam,  an 
welcher  Pflanze  sie  sich  im  Gegensatz  zu  Hofmeisters  Behaup- 
tungen von  der  Richtigkeit  der  Seh  leiden  sehen  Auffassung  über- 
zeugen könnten.  Dagegen  sprach  sich  Unger^*  bei  Hippuris  für 
die  Unabhängigkeit  des  Keimbläschens  vom  Pollenschlauch  aus 
und  namentlich  unterstützten  die  schönen  Untersuchungen  von 
Tulasne^*  schon  1849  die  Ergebnisse  Hofmeisters  wesentlich. 
Zwar  konnte  Tu  las  ne  sich  noch  nicht  davon  überzeugen,  daß  die 
Keimanlage  im  Embryosack  schon  vor  der  Ankunft  des  Pollen- 
schlauchs  vorhanden  ist;  im  übrigen  erklärt  er  aber  sich  dahin,  daß  der 
Irrtum  der  „Pollinisten",  wie  man  die  Anhänger  Schleidens  nannte, 
nicht  mehr  zweifelhaft  sei  (S.  116).  Besonders  wiesTuIasne  bei 
den  von  Schacht  so  sehr  empfohlenen  Scrophulariaceen  darauf  hin, 
wie  leicht  man  hier  den  dünnen  fadenförmigen  Embryoträger  für 
den  Pollenschlauch  halten  könne  (S.  32). 

Im  Beginn  des  Jahres  1851  erschien  dann  Schachts ^^  von 
dem  Königlich  Niederländischen  Institut  der  Wissenschaften  ge- 
krönte Preisschrift,  welche  wieder  ganz  auf  Schleidens  Ansichten 


284  Ernst  Pfitzer  [20 


"S-i/»^ 


bestand  und  deren  Richtigkeit  durch  eine  große  Anzahl  schöner 
Abbildungen  zu  erweisen  suchte,  welchen  nach  Mo hP^  „nichts  als 
die  Wahrheit  fehlte".  Auch  in  seinem  Buch  über  das  Mikroskop  ver- 
trat Schacht^^  denselben  Standpunkt  und  ebenso  hielt  Schieiden '^ 
selbst  seine  Theorie  in  der  dritten  Auflage  seines  Lehrbuches  mit 
Entschiedenheit  aufrecht.  Für  besonders  beweisend  erachteten 
die  Parteigänger  Schleidens  die  Familie  der  Scrophulariaceen,  bei 
welchen  sie  immer  noch  den  langen  fadenförmigen  Embryoträger 
als  die  unmittelbare  Fortsetzung  des  Pollenschlauchs  betrachteten. 

Hofmeister  gab  im  Juni  1851  ein  interessantes  Referat*  über 
Schachts  Preisschrift  und  veröffentlichte  dann  im  August  neue 
Untersuchungen**  über  Lathraea  Squamaria  und  Pedicnlaris  sylva- 
ticiu  um  nachzuweisen,  daß  die  Keimbläschen  schon  geraume 
Zeit  vor  dem  Verstäuben  des  Pollens  vorhanden  seien  und  daß 
aus  einem  von  ihnen,  nicht  aber  aus  dem  Pollenschlauchende, 
der  Embryo  hervorgehe.  Beiläufig  werden  noch  etwa  30  Pflanzen 
verschiedener  Familien  genannt,  bei  denen  ersteres  ebenfalls  der 
Fall  und  die  Dreizahl  der  Keimbläschen  die  Regel  sei. 

In  seiner  Pflanzenzelle  (1852)  bestritt  Schacht*®  von  neuem  die 
Beweiskraft  der  Ausführungen  seiner  Gegner  und  behauptete  „ent- 
schiedener als  jemals  die  Richtigkeit  der  Schieidenschen  Lehre**. 
Hofmeister  bekämpfte  diese  letztere  abermals  in  seinen  entwick- 
lungsgeschichtlichen Studien***  über  Zostera  marina,  wo  er  auch 
den  mittleren  Kern  des  Embryosacks  neben  den  je  drei  dessen 
Enden  ausfüllenden  Zellen  sah  und  abbildete  und  die  Embryo- 
entwicklung genau  beschrieb. 

Eine  neue  Stütze  schien  dann  Schachts  Ansicht  durch  dne 
Arbeit  von  Deecke*''  1857  zu  erhalten,  welcher  von  Pediadaris  ein 

•  Flora  1851.    S.  378-384. 

"**  Zur  Entwicklungsgeschichte  des  Embryos  der  Personaten.    Ebenda 
S.  449    457. 

*••  Zur    Entwicklungsgeschichte    der    Zostera.     Mit  Tafel  Ifl.    Botan. 
Zeitung  1851,  S.  121-131,  137-139. 


21]  Wilhelm  Hofmeister.  285 

Präparat  enthielt,  an  welchem  die  Kontinuität  von  Pollenschlauch 
und  Embryo  ihm  unzweifelhaft  erschien.  „Dieses  Präparat  würde 
allein  genügen,  um  die  Schleiden-Schachtsche  Befruchtungslehre 
als  unumstößliche  Tatsache  festzustellen",  schreibt  Deecke,  und 
Schacht*®  triumphiert  1855,  daß  dasselbe  „die  Gegner  dieser  An- 
sicht für  immer  zum  Schweigen  verurteilt" „daß  ein  Ent- 
stehen der  Keimanlage  im  Innern  des  Pollenschlauchs  als  aus- 
gemachte Wahrheit  nicht  mehr  bezweifelt  werden  darf".  Die 
Angriffe  Schachts  richteten  sich  dabei  in  erster  Linie  gegen  Hof- 
meister, der  sich  „sehr  stark  getäuscht"  habe. 

Hofmeisters  Antwort*  zeichnete  sich  durch  Ruhe  und  Sach- 
lichkeit aus.  Er  erläutert  die  wahre  Beschaffenheit  und  die  richtige 
Deutung  des  D  e  e  c  k  e sehen  Präparats,  berichtigt  eigene,  von  Schacht 
angenommene  Irrtümer  über  die  Entstehung  des  Endosperms  bei 
Pedicularis,  erörtert  Schachts  Mitteilungen  über  die  Embryo- 
bildung von  Citrus,  und  schließt:  „Nichts  liegt  mir  ferner  als  die 
Überhebung,  die  Befruchtungsfrage  durch  meine  Untersuchungen 
für  abgemacht  zu  halten.  Im  Gegenteil  glaube  ich,  daß  noch  manche 
sinnlich  wahrnehmbare  Erscheinungen  der  Einwirkung  des  Pollen- 
schlauchs auf  den  Inhalt  sei  es  der  Keimbläschen,  sei  es  des  Em- 
bryosacks sich  werden  erforschen  lassen.  Aber  über  die  relative 
Wertlosigkeit  der  für  die  Theorie  der  PoIIinisten  beigebrachten 
Beobachtungen  bin  ich  außer  allem  Zweifel." 

Erst  jetzt  nahte  der  Streit  seinem  Ende.  Hugo  v.  MohP*  und 
in  der  Hauptsache  auch  Tu  las  ne  2*  stellten  sich  von  neuem  auf  Hof- 
meisters Seite,  ebenso  trat  Unger^^  für  ihn  ein,  und  die  genauen 
Untersuchungen  Radlkofers^*,  der  fast  allein  von  den  Botanikern 
jener  großen  Zeit  uns  noch  heute  erhalten  ist,  erwiesen  1856  die 
Richtigkeit  des  von  Hofmeister  vertretenen  Standpunktes  mit  der 
einen  Abänderung,  daß  Radlkofer  richtiger  nicht  eine  osmotische 


Embryologisches.    Flora  1855.    S.  257—266. 


L.. 


[22 

Einwirkung  des  Pollenschlauchs,  sondern  den  Übertritt  von  dessen 
Inhalt  durch  nicht  sichtbare  Öffnungen  annahm,  welchen  Inhalt 
er  als  das  Analogon  der  Spermatozoldien  der  Kryptogamen  be- 
zeichnete. Radlkofer,  ein  Schüler  Schleidens,  konnte  am  Schluß 
seiner  Abhandlung  mitteilen,  daß  dieser  letztere  sich  nun  von  der 
Anwesenheit  zweier  Zellen  in  der  Spitze  des  unbefruchteten  Em- 
btyosackes  überzeugt  habe,  sowie  davon,  daß  der  Embryoträger 
mit  der  Ansatzstelle  eines  der  letzteren  in  unmittelbarem  Zusam- 
menhange stehe.  Wenn  dieser  Widerruf  auch  etwas  eingeschränkt 
war,  so  nahm  Schacht'^  im  gleichen  Jahre  um  so  offener  alles 
zurück,  was  er  früher  gegen  Hofmeisters  Untersuchungen  an- 
geführt hatte. 

Als  einen  wesentlichen  Teil  des  Befruchtungsapparates  hatte 
Schacht  jetzt  ein  Fadensystem  bezeichnet,  welches  die  Spitzen 
seiner  „Keimkörperchen"  bedecken  und  mit  ihnen  aus  dem  Em- 
bryosack hervorragen  sollte  —  er  bestritt  außerdem,  daß  die 
ersteren  Kerne  besäßen  und  Zellen  seien.  Hofmeister*  wideriegte 
leicht  diese  neuen  Irrtümer  und  zeigte,  daß  das  Faden^rstem  der 
Außenwand  des  Embryosacks  angehöre  und  eine'  nur  wenigen 
Iridaceen  zukommende  unwesentliche  Struktur  sei. 

In  dasselbe  Jahr  1856  falten  dann  vorläufige  Mitteilungen** 
über  ausgedehnte  weitere  embryologische  Untersuchungen,  welche 
Hofmeister  inzwischen  ausgeführt  hatte.  Diese  VeröffentiJchung 
war  gewissermaßen  die  Inhaltsübersieht  einer  zweiten,  auf  das 
fünffache  vermehrten  Bearbeitung  seiner  Schrift  über  die  Ent- 
stehung des  Embryos  der  Phanerogamen ,  welche  neue  Auflage 
von  Hofmeister  1855   für  das  nächste  Jahr  in  Aussicht  gestellt 

'  Eine  neue  Theorie  der  Zeugung  bei  den  Phanerogamen.  Bon|dandia 
IV.  1856.  S.  286    288. 

■■  Übersicht  neuerer  Beobachtungen  der  Befruchtung  der  EmbTyobil- 
dung  der  Phanerogamen.  Ber.  üb.  d.  Verhandl.  d.  Kgl.  Sichs.  Oeselbch. 
d.  Wissenschaiien  zu  Leipzig.    Math.-physik.  Klasse  VIII.  1856.  S.  77—102. 


23]  Wilhelm  Hofmeister.  287 


wurde,  aber  niemals  erschienen  ist:  die  neuen  Beobachtungen  sind 
nur  als  Ergänzungen  der  früheren  veröffentlicht  worden.  Die  vor- 
läufigen Mitteilungen  von  1856  skizzieren  eine  vollständige  Em- 
bryologie der  Siphonogamen.  Die  Entstehung  und  der  Bau  der 
Samenknospen,  die  Bildung  des  Embryosacks,  der  Keimbläschen 
und  der  Gegenfüßlerzellen ,  deren  Verhalten  vor  und  nach  der 
Ankunft  des  Pollenschlauchs,  die  Entwicklung  des  Embryos  und 
des  Endosperms  werden  in  der  Weise  besprochen,  daß  überall 
die  Pflanzenfamilien  oder  Gattungen  genannt  sind,  welche  überein- 
stimmendes oder  abweichendes  Verhalten  zeigen.  Es  steckt  eine 
ungeheure  Arbeit  in  dieser  kurzen  Mitteilung,  auf  deren  Einzeln- 
heiten wir  bei  den  späteren  ausführlichen  Veröffentlichungen  zurück- 
kommen werden.  Am  Schluß  sind  noch  die  bestehen  geblie- 
benen Differenzen  mit  den  Anschauungen  Tulasnes  und  Schachts 
erörtert. 

1857  gab  Hofmeister*  eine  kurze  geschichtliche  Darstellung 
der  Entwicklung  der  Fortpflanzungslehre;  er  wendet  sich  dabei 
gegen  die  von  Pringsheim^^  1856  geäußerte  Vermutung,  daß  auch 
im  Pollenschlauch  „Samenkörper"  vorhanden  seien,  und  betont 
namentlich,  daß  dieselben  dann  vielfach  durch  das  obere  die 
Scheitelregion  des  Embryosacks  erfüllende,  steril  bleibende  Keim- 
bläschen hindurch  ihren  Weg  nehmen  müßten,  um  das  untere  zu 
befruchten:  es  sei  nur  osmotischer  Übertritt  von  Flüssigkeit  möglich. 

Im  folgenden  Jahre  begann  dann  der  unermüdliche  Forscher 
die  ausführliche,  nach  Familien  geordnete  Veröffentlichung**  seiner 
embryologischen  Untersuchungen,  überreich  an  wichtigen  Einzeln- 
heiten, etwa   180  Gattungen  umfassend.     Im   allgemeinen  ist  zu 


*  Zur  Übersicht  der  Geschichte  von  der  Lehre  der  Pfianzenbefruch- 
tung.  Bullet,  d.  Königl.  bayr.  Akad.  d.  Wissensch.  1856.  8;  Flora  1857, 
S.  119—128. 

**  Neuere   Beobachtungen    über    Embryobildung    der   Phanerogamen. 
MitTaf.VII— X.  Pringsheims  Jahrb.  f.  wissensch.  Botanik  1.  1858.  S.  82- 188. 


288  Ernst  Pfitzer  [24 


"V^V" 


betonen  die  wesentliche  Erweiterung  unserer  Kenntnisse  vom  Bau 
der  unbefruchteten  Samenknospe,  die  Angabe,  daß  die  Zweizahl 
der  Keimbläschen  häufiger  sei  als  die  Dreizahl,  sowie  daß  die- 
selben vor  der  Befruchtung  bald  feste  Membran  besitzen,  bald  nicht. 
Die  Anwesenheit  eines  Kernes  im  Embryosack  neben  den  Keim- 
bläschen- und  Antipodenkernen  wird  als  allgemein  erwiesen  aner- 
kannt. Am  Pollenschlauchende  wurden  dünne  Wandstellen  (Tüpfel) 
beschrieben  —  vielleicht  hat  Hof  meister  auch  die  generativen  Kerne 
schon  gesehen,  denn  er  erwähnt  (S.  179)  in  dem  ersteren  spindel- 
förmige, bewegungslose,  mit  Jod  sich  bräunende  Körper,  denen 
er  aber  freilich  keinen  spezifischen  Einfluß  auf  die  Befruchtung 
zuschreibt.  Wichtig  ist  die  Erkenntnis,  daß  die  Ankunft  des  Pol- 
lenschlauchs  an  der  Außenfläche  des  Embryosacks  zur  Befruchtung 
genügt,  eine  Berührung  der  Keimbläschen  also  nicht  nötig  ist, 
sowie  daß  stets  das  der  Mikropyle  fernste  Keimbläschen  sich  zum 
Embryo  entwickelt.  Vielfach  wird  ausgeführt,  wie  die  Endosperm- 
entwicklung  der  Teilung  des  ersteren  vorauseilt;  bei  der  Bildung 
des  Endosperms  durch  freie  ZeRbildung  (vergi.  S.  283)  nimmt 
Hofmeister  jetzt  außer  der  Entstehung  von  Zellen  in  der  inhalts- 
flüssigkeit  auch  deren  Auftreten  um  vorgebildete  Kerne  in  der 
wandständigen  Plasmaauskleidung  des  Embryosacks  an.  Er  betont 
ferner,  daß  die  Membran  des  letzteren,  „wenige  vereinzelte  Fälle 
ausgenommen**,  unverletzt  bleibe;  die  scheinbare  Durchbohrung 
sei  wahrscheinlich  nur  eine  tiefe  Einstülpung.  Eine  Fülle  von 
Einzelnheiten  ist  über  Entwicklung  und  Bau  des  Embryotragers, 
sowie  über  die  verschiedenartigen  Aussackungen  des  Embryosacks 
gegeben  {Calcmiula,  Sciophitlariaceae  u.  s.  w.).  Die  Anwesenheit 
von  vier  gleichen  Zellen  am  Scheitel  des  jungen  Embryos  hat 
Hofmeister  oft  bemerkt —  er  neigt  aber  noch  immer  dazu  eine 
davon  als  spätere  Scheitelzelle  aufzufassen.  Besonders  hingewiesen 
sei  noch  auf  die  1859  ausführlicher  mitgeteilten  Untersuchungen 
über  die  abweichenden  Gruppen   der  Cytineen/iBalanophoreen, 


25]  Wilhelm  Hofmeister.  289 


"V^*^ 


Santalaceen  und  Loranthaceen,  sowie  auf  die  Auffindung  mehrerer 
Embryosäcke  in  der  Samenknospe  von  Rosa. 

In  einer  Schlußbetrachtung  wird  dann  versucht,  die  gefundenen 
Unterschiede  Im  Bau  der  Samenknospe,  des  Embryoträgers  und 
der  Endospermbildung  systematisch  zu  verwerten. 

Mit  einer  Übersicht  des  letzteren  Merkmals  in  seiner  Bezie- 
hung zur  Systematik  leitet  Hofmeister  im  April  1859  auch  seine 
letzte  mit  zahlreichen  Abbildungen  versehene  große  Abhandlung^ 
auf  embryologischem  Gebiete  ein.  Die  Anordnung  folgt  jetzt  nicht 
mehr  dem  System  DeCandoIIes,  sondern  der  Inder  Einleitung 
gegebenen,  auf  der  Endospermentwicklung  beruhenden  Einteilung, 
und  die  „Beiträge"  beziehen  sich  ausschließlich  auf  die  Pflanzen 
mit  einem  durch  wiederholte  Zweiteilung  gebildeten  Endosperm: 
Loranthaceae,  Santalaceae,  Aristolochiaceae,  Balanophoraceae,  Raßesia- 
ceae  §  Cytineae,  die  meisten  Familien  der  Labiatifiorae,  die  Hydro- 
phyllaceae,  Pyrolaceae,  Vacciniaceae,  DroseraceaCy  Campanulaceae  und 
Loasaceae.  Sehr  ausfuhrlich  sind  behandelt  Loranthus  europaeus, 
wo  Hofmeister  die  am  Grunde  des  Fruchtknotens  sich  bildende 
Erhebung  für  eine  nackte  Samenknospe  erklärt,  aber  deren  später 
von  Treub*'  nach  den  günstigeren  tropischen  Loranthaceen  als 
richtig  erwiesene  Deutung  als  Placentarhöcker  bereits  in  Er- 
wägung  zieht  (S.  563),  und  Viscim  album,  auf  welches  wir  später 
zurückkommen,  kurz  Lepidoceras,  Aristolochia ,  Asarum,  Cytinus. 
Hofmeisters  Darstellung  der  merkwürdigen  Verhältnisse  von  The- 
sium  ist  von  Guignard^®  nur  in  wenigen  Punkten  verbessert,  die- 
jenige über  die  Balanophoraceen  von  Treub*^  und  Lotsy'®  aber 
wesentlich  umgestaltet  worden.  Die  Gattungen  Lathraea  und  Pe- 
dicularis,  welche  in  dem  Befruchtungsstreit  eine  so  große  Rolle 


*  Neue  Beiträge  zur  Kenntniß  der  Embryobildung  der  Phanerogamen. 
I.  Dikotylen  mit  ursprünglich  einzelligem,  nur  durch  Zeilentheilung  wachsen- 
dem Endosperm.  Mit  27  Tafeln.  Abhandl.  d.  Königl.  Sachs.  Gesellsch.  d. 
Wissensch.   VI.   1859.   S.  533-672. 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  19 


290  Ernst  Pfitzer  [26 


spielten,  sind  ausführlich  besprochen,  ferner  Ma:^us,  Alectorolophus, 
Melawpynnn   und    Venmica,   von   anderen   Labiatifloren    Acanthus, 

Phfjtago,  Lamiutn,  Proslanthera,  Ajtiga,  Hebenstreitia,  Globularia  und 
Catalpa:  Ncmophila  stimmt  nach  Hofmeister  im  wesentlichen  mit 
dieser  Gruppe  überein.  Es  folgen  Pyrola,  die  sich  wie  Monotropa 
verhält,  Vaccinium,  Drosera,  einige  Campanulaceen,  Loasa  tricolor 
und  Bartonia  aurea,  hinsichtlich  deren  Strasburger*^  später  einzel- 
nes berichtigte. 

Leider  ist  der  zweite,  auf  die  Pflanzen  mit  einem  durch  freie 
Zellteilung  entstehenden  Endosperm  bezügliche  Teil  der  embryo- 
logischen Beiträge  niemals  erschienen,  so  daß  wir  für  diese  Formen 
auf  die  kurzen  Mitteilungen  aus  dem  Jahre  1858  angewiesen  bleiben. 

Die  Darstellung,  welche  Hofmeister  in  den  „Beiträgen**  über 
die  Blüten-  und  Embryoentwicklung  vom  Viscum  album  gegeben 
hatte,  wurde  von  Treviranus*^  1859  scharf  angegriffen,  was  eine 
Erwiderung*  des  ersteren  hervorrief.  Da  Treviranus  wesentlich 
nur  auf  ganz  veralteten  Vorstellungen  beruhende  Einwände  er- 
hoben hatte,  so  war  es  nicht  schwer,  dieselben  zu  widerlegen  — 
immerhin  merkt  man  hier  den  Ingrimm  des  jungen  aufstrebenden 
Forschers  gegen  die  alte  auf  Mirbel  u.  s.  w.  sich  berufende  kon- 
servative Richtung  in  der  Botanik  — ;  er  vergleicht  die  Versuche, 
den  Wert  der  Entwicklungsgeschichte  als  wissenschaftliche  Methode 
herabzusetzen,  mit  der  Feindseligkeit  der  Rheinschiffer  gegen  die 
Dampfboote.  Was  die  Sache  betrifft,  so  hat  Hofmeister  die  in- 
teressante durch  das  Unterbleiben  der  Samenknospenbildung  und 
die  Entstehung  der  Embryosäcke  in  der  Blütenaxe  sehr  abwei- 
chende Entwicklung  der  weiblichen  Blüte  vom  Viscum  album  in 
allen  Hauptzügen  richtig  gegeben.  Er  zuerst  erkannte  das  Zu- 
standekommen des  zentralen  Körpers  durch  Verwachsung  zweier 


*  lieber  den  Bau  der  weiblichen  Biüthe  von  Viscum  album.    Zur  Ver- 
thcidigung.  Botan.  Zeit.    1859.   S.  369—374. 


27]  Wilhelm  Hofmeister.  291 


Karpelle,  und  auch  seine  Annahme,  daß  die  Embryosäcke  nicht 
in  den  letzteren,  sondern  in  dem  Gewebe  der  Achse  unter  der 
basalen  Trennungslinie  der  Karpelle  entstehen,  ist  —  im  Gegensatz 
zu  späteren  Untersuchungen  Van  Tieghems'*  —  von  Jost**  bei 
F,  albim  und  von  Treub^*  bei  F.  articulatum  als  richtig  erwiesen 
worden.  Nur  die  übrigens  auch  durch  Hofmeisters  Abbildungen 
nicht  unterstützte  Auffassung,  als  sei  zwischen  den  Karpellen  noch 
der  Anfang  einer  nackten  Samenknospe  erkennbar,  hat  sich  nicht 
bestätigt. 

An  den  vorstehenden  Abschnitt  läßt  sich  endlich  noch  am  be- 
sten der  Aufsatz  „Ueber  den  Bau  des  Pistills  bei  den  Geraniaceen*** 
anschließen,  in  welchem  Hofmeister  nachweist,  daß  hier  nur  ein 
zentraler  Griffelkanal  vorhanden  ist,  während  die  fünf  periphe- 
rischen Röhren,  welche  man  dafür  gehalten  hatte,  nur  Verlänge- 
rungen der  Fruchtknotenfächer  sind,  was  Zimmermann*^  be- 
stätigte. Außerdem  enthält  diese  Mitteilung  noch  Angaben  über 
die  Entwicklungsgeschichte  der  Blüte  und  über  das  Aufspringen 
der  Früchte  bei  den  Geraniaceen. 

Vom  Jahre  1865  bis  zu  Hofmeisters  frühem  Tode  liegen 
keine  weiteren  embryologischen  Untersuchungen  vor;  sein  In- 
teresse wurde  mehr  und  mehr  durch  die  Zellenlehre,  die  Experi- 
mentalphysiologie  und  die  Beziehungen  zwischen  der  Gestalt  der 
Pflanze  und  äußeren  Kräften  in  Anspruch  genommen.  Die  Dar- 
stellung der  Zellbildung  im  Embryosack  in  dem  1866  erschienenen 
Buch  über  die  Pflanzenzelle  (S.  113  ff.)  bietet  kaum  neue  Ge- 
sichtspunkte. In  der  „Allgemeinen  Morphologie"  wird  1868  der 
Versuch  unternommen  (S.  620),  die  Lage  des  Embryos  im  Samen 
auf  die  Dimensionen  des  Embryosacks  im  Augenblick  der  An- 
legung der  Kotyledonen  und  auf  die  Einwirkung  der  Schwerkraft 
zurückzuführen,  und  ähnliche  Betrachtungen  enthält  auch  ein  1874 


*  Flora  1864.  S.  401—410. 

19* 


292  Ernst  Pfitzer  [28 


•V./V 


in  Florenz  gehaltener  Vortrag.*  Die  späteren  Untersuchungen  von 
Schmid^^  haben  wenigstens  die  Abhängigkeit  von  der  Gravitation 
nicht  bestätigen  können. 

1.  Amici,  G.  Atti  dell.  Soc.  ital.  res.  in  Modena  XIX.  1823.  S.  253.  übers. 
Ann.  scienc.  natur.  I  sdr.  t.  2.  1823.  S.  66. 

2.  Amici,  G.   Über  die  Befruchtung  der  Orchideen.  Übersetzt  Bot.  Zeit. 

1847.  S.  364;  vgl.  Flora  1847.  S.  249,  548. 

3.  Mohl,  H.  V.    Über  die  Entwicklung  des  Embryo  von  Orchis  Mono, 
Bot.  Zeit.  1847.  S.  465. 

4.  Müller,  K.  Beiträge  zur  Entwicklungsgeschichte  der  Pflanzen.  Ebenda 
S.  737. 

5.  Knorz.   Über  die  Entstehung  des  Embryo  im  Pflanzeney.  Bot.  Zeit. 

1848.  S.  273. 

6.  Westermeier,  M.   Zur  Embryologie  der  Phanerogamen,  insbesondere 
über  die  sog.  Antipoden.    N.  A.  Acad.  L.  C.  LVII.  1892.  S.  28f. 

7.  Ebenda  S.  18.  Strasburger,  E.   Einige  Bemerkungen  zur  Frage  der 
doppelten  Befruchtung  bei  den  Angiospermen.    Bot  Zeit.  1900.  II.   S.  311. 

8.  Strasburger,  E.    Über  Befruchtung  und  Zellteilung  1878.  S.  63. 

9.  Billings,  T.    Beiträge  zur  Kenntnis  der  Samenentwicklung.    Flora 
1901.  S.  255. 

10.  Strasburger  a.  a.  O.    S.  43. 

11.  Schacht,  H.    Flora  1849.  S.  128. 

12.  Unger,  F.    Die  Entwicklung  des  Embryos  von  Hippun's  vulgaris. 
Bot.  Zeit.  1849.   S.  329. 

13.  Tulasne,  L.  R.    Etudes  d*embryogdnie  vdgdtale.    Annal.  d.  scienc. 
natur.  3  S^r.  XII.  S.  21. 

14.  Schacht,  H.    Entwicklung  des  Pflanzenembryo.    Verhandl.  d.  Kon. 
Akad.  Wetensk.  Amsterdam  1850. 

15.  Mohl,  H.  V.    Bot.  Zeit.  1863.    Beilage.    S.  7. 

16.  Schacht,  H.    Das  Mikroskop  1851.  S.  140. 

17.  Schieiden,  M.    Grundzüge  der  wissenschaftlichen  Botanik.  3.  Auf- 
lage II.    1850.  S.  361. 

18.  Schacht,  H.    Pflanzenzelle  1852.  S.  414. 

19.  Deecke,  Th.    Zur  Entwicklungsgeschichte  des  Embryo  von  Pedi- 
cularis  sylvatica,    Abhandl.  der  naturf.  Gesellsch.    Halle  1854. 

20.  Schacht,    H.     Über   die   Entstehung  des    Pflanzenkeims.     Rora 
1855.   S.  162. 

*  Über  die  Richtung  des  Embryos  im  Embryosacke.  Atti  del  congresso 
internaz.  bot.  tenuto  in  Firenze  1874.  Firenze  1876.  S.  40—42. 


29]  Wilhelm  Hofmeister.  293 


-A/*^ 


21.  Mohl,  H.  V.  Der  vorgeblich  entscheidende  Sieg  der  Schleidenschen 
Befruchtungslehre.    Bot.  Zeit.  1855.  S.  385. 

22.  Tulasne,  L.  R.  Nouvelles  ^tudes  d*embryogdnie  vdg^tale.  Annal. 
d.  scienc.  natur.    4  Sdr.  t.  IV.  1855.  S.  65. 

23.  ünger,  F.    Anatomie  und  Physiologie  der  Pflanzen.    1855.  S.  390. 

24.  Radlkofer,  L.  Die  Befruchtung  der  Phanerogamen.  Ein  Beitrag  zur 
Entscheidung  des  darüber  bestehenden  Streites.    Leipzig  1856. 

25.  Schacht,  H.  Über  den  Vorgang  der  Befruchtung  bei  Gladiolus 
Si'^ctim,    Monatsber.  d.  Berlin.  Akad.  d.  Wissensch.  1853.  S.  206. 

26.  Pringsheim,  N.  Über  die  Befruchtung  und  den  Generationswechsel 
der  Algen.    Ebenda  S.  234. 

27.  Treub,  M.  Observations  sur  les  Loranthacees,  Annal.  d.  jard. 
bot.  de  Buitenzorg  IL  S.  53,  III.  S.  1 ;  Annal.  d.  scienc.  natur.  6  S^r.  t 
XIII.  S.  250. 

28.  Guignard,  L.  Observations  sur  les  Santalac^es.  Annal.  d.  scienc. 
natur.  7  Sdr.  II.  S.  181. 

29.  Treub,  M.  L'organe  femelle  et  Tapogamie  du  Bahnophora  vlongata 
Bl.  Ann.  d.  jard.  bot  de  Buitenzorg  XV.  1898.  S.  1. 

30.  Lotsy,  J.  E.    Balanophora  glohosa  Jungh.  Ebenda.  XVI.  1899.  S.  174. 

31.  Strasburger,  E.  Über  Befruchtung  und  Zellteilung.  Jena  1878.  S.  43. 

32.  Treviranus,  L.  Über  Frucht-  und  Samenkern  der  Mistel.  Recht- 
fertigung.   Bot.  Zeit  1859.    S.  345. 

33.  Van  Tieghem,  Ph.  Anatomie  des  fleurs  et  du  fruit  du  Gui.  Annal. 
d.  scienc.  natur.  5  S€v,  t  XII.  S.  101. 

34.  Jost,  L.  Zur  Kenntnis  der  Blütenentwicklung  der  Mistel.  Botan. 
Zeit.  1888.  S.  357. 

35.  Treub,  M.  Observations  sur  les  Loranthac^es.  3.  Viscum  artkulatum, 
Ann.  d.  jard.  bot  d.  Buitenzorg  III.  1883.  S.  6. 

36.  Zimmermann,  A.  Über  verschiedene  Einrichtungen  u.  s.  w.  Pringsh. 
Jahrb.  XII.  18.  T.  XXXVI.  L  22.    Vgl.  Nat  Pfl.  Fam.  III.  4.  S.  6. 

37.  Schmid,  B.  Über  die  Lage  des  Phanerogamen-Embryo.  Bot.  Cen- 
tralbl.  LVIII.  1894.  S.  2  ff. 


IL  Befruchtung  und  Embryolosie  der  Koniferen. 

Eine  zweite  Frage,  welche  sich  zur  Zeit,  als  Hofmeister 
seine  botanischen  Studien  begann,  in  lebhaftem  Flusse  befand,  war 
die  der  Befruchtung  und  Embryobildung  bei  den  Koniferen.  Tar- 
gioni-Tozzetti^  hatte  1810  und  Robert  Brown ^  unabhängig 
davon  1827  nachgewiesen,  daß  die  Samenanlagen  hier  nicht  von 


294  Ernst  Pfitzer  [30 


einem  Fruchtknoten  umschlossen,  sondern  nackt  sind,  und  daß 
der  Blütenstaub  nicht  auf  die  Griffelspitze,  sondern  unmittelbar 
in  die  Samenknospe,  auf  deren  Knospenkem  fällt.  Corda*  sah 
1834,  daß  die  Pollenkörner  kurze  Schläuche  in  das  Gewebe  der 
letzteren  hineintreiben  und  zwar  bis  zu  den  von  Robert  Brown* 
1834  entdeckten  und  von  ihm  „Corpuscula"  genannten  großen 
Zellen,  in  deren  Innerem  sich  mehrere  Embryonen  entwickeln. 
Gottsched  (1845)  und  Pineau^  (1849),  welche  auch  die  eigen- 
tümlichen über  den  „Corpusculis"  liegenden  „Deckelrosetten" 
sahen,  ließen  den  Embryo  aus  dem  Inhalt  der  ersteren  hervor- 
gehen, Schleiden^  Schacht®  und  Geleznoff^  dagegen  den 
Pollenschlauch  bis  zu  deren  Grunde  vordringen  und  sich  dort  in 
den  Embryo  verwandeln.  Während  man  die  Analogien  der  Be- 
fruchtungsorgane der  Koniferen  mit  denen  der  höheren  Blüten- 
pflanzen vielfach  diskutiert  hatte,  war  es  dem  Scharfsinn  Hof- 
meisters vorbehalten,  die  viel  näheren  Beziehungen  zu  den  hö- 
heren Kryptogamen  zu  erkennen. 

1849  schreibt  derselbe*:  „Das  Aussehen  und  die  Derbheit  des 
Embryosacks  der  Coniferen;  die  Art,  wie  dieser  noch  lange  vor 
Ankunft  des  Pollenschlauchs  mit  Zellgewebe  sich  füllt;  die  Zu- 
nahme der  Größe  einzelner  dieser  Zellen,  die  zu  Corpuscula 
werden ;  die  Configuration  der  Zellenreihen,  welche  das  Mikropyle- 
ende  der  Corpuscula  bedecken,   erinnern  lebhaft  an  Salvima  und 

Selüginella Der  Durchmesser  des  oberen  Theiles  eines 

Eiweißkörpers  von  Taxus,  in  welchem  die  Entwicklung  der  Em- 
bryonen beginnt,  ist  dem  eine  ganz  junge  Pflanze  enthaltenden 
Vorkeime  von  Salvima  weit  ähnlicher  als  dem  jungen  Eiweiß- 
körper  mit  rudimentärem  Embryo  von  Lathraea  u.  s.  w.* 

Dieser  überaus  glückliche  und  fruchtbare  Gedanke  fand  dann 
seine  weitere  Ausführung  in  den  1851  erschienenen  «Vergletchen- 

*  Ueberdic  Fruchtbildung  und  Keimung  der  höheren  Kryptogamen.  Bat. 
Zeit.  1849.  S.  799. 


31]  Wilhelm  Hofmeister.  295 


■^>*^ 


den  Untersuchungen***.  Hofmeister  gibt  hier  für  die  Samen- 
knospe, das  „primäre  Endosperm**,  und  die  „Corpuscuia**  eine 
Entwicklungsgeschichte,  welche  nur  in  untergeordneten  Einzelheiten 
von  späteren  Forschern  berichtigt  worden  ist.  Er  hat  bereits 
die  Mehrzahl  der  Embryosackanlagen  bei  Taxus ^^,  sowie  die  ab- 
weichende schlanke  Ausbildung  der  „ Deckel rosette**  bei  Thuya^^ 
gesehen:  die  von  ihm  beschriebenen  „freien  Zellen**  im  Innern 
der  Corpuscula  hat  Strasburger"  für  Vacuolen  erklärt,  wäh- 
rend Jäger^^  die  Existenz  der  ersteren  zugibt,  sie  aber  in  an- 
derer Weise  deutet. 

Von  besonderem  Interesse  ist  Hofmeisters  Entdeckung  der 
freien  Tochterzellen  im  Pollenschlauch  der  Koniferen,  „es  ist  eine 
naheliegende  Vermuthung,  daß  diese  Zellen  Samenfäden  erzeugen 
mögen**,  fügt  er  hinzu  —  er  erlebte  leider  die  Auffindung  dieser 
letzteren  bei  den  Gymnospermen  nicht  mehr.  Auch  die  Entwick- 
lung des  Embryos  und  die  Entstehung  der  Polyembryonie  bei 
Pinus  u.  s.  w.  hat  er  in  ihren  Qrundzügen  richtig  geschildert  und 
auch  hier  Schieiden  wideriegt.  In  dem  vergleichenden  „Rückblick**, 
welcher  sein  Buch  abschließt,  stellt  Hofmeister  mit  großer  Klar- 
heit den  Embryosack  der  Makrospore,  das  sogenannte  primäre 
Endosperm  dem  Prothallium,  die  Corpuscula  den  Archegonien 
parallel.  „Der  Embryosack  der  Coniferen  läßt  sich  betrachten 
als  eine  Spore,  welche  von  ihrem  Sporangium  umschlossen  bleibt; 
das  Prothallium,  welches  sie  bildet,  tritt  nicht  ans  Licht.  Der  Be- 
fruchtungsstoff, um  zu  den  Archegonien  dieses  Prothalliums  zu 
gelangen,  muß  durch  das  Gewebe  des  Sporangiums  hindurch 
einen  Weg  sich  bahnen.**    (S.  141.) 

*  Vergleichende  Untersuchungen  der  Keimung,  Entfaltung  und  Frucht- 
bildung höherer  Kryptogamen  (Moose,  Farrn,  Equisetaceen,  Rhizocarpeen 
und  Lycopodiaceen)  und  der  Samenbildung  der  Coniferen.  Leipzig.  F.  Hof- 
meister.   1851.  179  S.  33  Kupfertafeln. 


296  Ernst  Pfitzer  [32 

Diese  Auffassung  gilt  noch  heute.  Wie  weit  Hofmeister 
seinen  Zeitgenossen  voraus  war,  sieht  man  klar  daraus,  daß 
Schacht^*  1854  schrieb:  „Der  Befruchtungsakt  der  Nadelhölzer 
ist  überhaupt  in  keiner  Weise  mit  der  Bildung  der  Keime  der 
höheren  Kryptogamen  vergleichbar".  Einige  fernere  abweichende 
Darstellungen  Schachts  über  die  Entstehung  des  Embryos  der 
Koniferen  gaben  Hofmeister*  Veranlassung  zu  einer  Erwiderung, 
in  welcher  er  nur  in  dem  einen  Punkte  irrte,  daß  er  Schacht 
gegenüber  an  der  Bildung  freier  Eizellen  im  Corpusculum  festhielt : 
im  übrigen  hat  er  die  Vorgänge  beim  Eintreffen  des  Pollen- 
schlauchs  an  den  letzteren  und  ihr  Verhalten  zu  den  Zellen  der 
„Deckelrosette**  genauer  als  I85I  beschrieben. 

Das  Studium  der  Keimung  der  Makrosporen  von  Jsodes  bewog 
Hofmeister**  1855  darauf  hinzuweisen,  daß  hier  die  Überein- 
stimmung mit  den  Koniferen  am  größten  sei.  „Das  Prothailium, 
aus  chlorophylllosen  Zellen  bestehend,  nimmt  keinen  erheblich 
größeren  Raum  ein  als  die  Makrosporen  selbst.  Es  entsteht  durch 
freie  Zellenbildung  im  Innenraum  der  Sporenzelle.  In  beiden  Be- 
ziehungen verhält  es  sich  dem  Eiweißkörper  der  Nadelhölzer  voll- 
kommen ähnlich.  Entwicklungsgeschichte  und  Bau  der  Arche- 
gonien  von  Isoetes  gleichen  in  den  wesentlichsten  Punkten  völlig 
derjenigen  der  Corpuscula  der  Coniferen.** 

Ausführlicher  kommt  Hofmeister***  1858  auf  die  Befruch- 
tung der  Nadelhölzer  zurück.  Neu  ist  die  Angabe,  daß  die 
Deckelrosette  von  Pinus  Picea  sich  wie  bei  Tsuga  verhalte.  Rät- 
selhaft bleibt  die   (S.  170)  bei   Larix  europaea  beschriebene,  dem 


»» 


*  Ueber  die  Befruchtung  der  Coniferen.    Flora  1854.  S.  529—542. 
Beiträge  zur  Kenntniß  der  Gefäßkryptogamen.  I.  Die  Entwicklungs- 
geschichte des  hoetes  lacustris.  Abhandl.  d.  Kgl.  Sachs.  Qesellsch.  d.  Wissensch. 
Math.-phys.  Klasse  II.  1855.  S.  157. 

*'^*  Neuere   Beobachtungen    über  Embryobiidung  der  Phanerogamen. 
Pringsheims.  Jahrb.  I.  1858.  S.  167-186. 


33]  Wilhelm  Hofmeister.  297 


Pollenschlauch  anhaftende  Zelle  —  man  wäre  versucht  anzuneh- 
men, daß  sie  den  aus  dem  letzteren  austretenden,  die  Befruchtung 
vollziehenden  Plasmamassen  entspricht.^*  Die  Vorstellung  Hof- 
meisters, daß  die  befruchteten  Keimzellen  von  der  Spitze  des 
„Corpusculums"  nach  dessen  Grunde  wandern,  sich  diesem  ein- 
pressen und  hier  zum  Vorkeim  werden  (S.  172),  ist  nach  neuesten 
Untersuchungen  zum  Teil  richtig,  insofern  nach  Miyake*^ 
nur  die  aus  der  Vierteilung  des  Eikerns  entstehenden  Kerne  diese 
Wanderung  ausführen.  Bemerkenswert  sind  auch  die  bei  Taxus 
beschriebenen  freien  Zellen  im  Ende  des  Pollenschlauchs  (S.  174). 
Neu  behandelt  sind  Biota  orientalis,  Juniperus  Sahina  und  /.  virginiana. 
Nochmals  wird  auf  die  Analogie  mit  Isoetes,  Selaginella  und  den 
Rhizocarpeen  hingewiesen  (S.  183).  In  Hofmeisters  „Pflanzen- 
zelle** sind  die  Vorgänge  im  Embryosack  der  Gymnospermen  mehr 
vom  Standpunkte  der  Zellenlehre  aus  besprochen  (S.  118). 

1.  Targioni-Tozzettl.    Osservationi  bot.  Decas.  3— 5.  Annal.  del  Museo 
dl  Firenze  II.  1810.  S.  XLI. 

2.  Robert  Brown.  On  the  structure  of  the  female  flower  in  Cycadeae 
and  Coniferae.    Miscell.  bot.  Works  I.  S.  453  (1827). 

3.  Corda,  A.  J.  C.    Beiträge  zur  Lehre  von  der  Befruchtung  der  Pflan- 
zen.   N.  Act.  Acad.  Leop.  Carol.  Natur.  Curiosor.  XVII.  11.  1834.  S.  603. 

4.  Robert  Brown.    On  the  plurality  and  development  of  the  Embryos 
in  the  seeds  of  Coniferae.   Miscell.  Works  1.  565  (1844). 

5.  Gottsche,  J.    Bemerkungen  zur  Inaugural-Dissertation:   De  Macro- 
zomia  Preissii  Aucat.  G.  Heinzel.    Bot.  Zeit.  1845.  S.  378. 

6.  Pineau,  J.     Sur  la  formation   de   Tembryon   chez  les   Conif^res. 
Annal.  d.  scienc.  naturell.  Bot.  3  S^r.  XI.  1845.  S.  378. 

7.  Schieiden,  M.  J.    Grundzüge  der  wissensch.  Botanik.    2.  Aufl.   II. 
1846.  S.  369. 

8.  Schacht,  H.    Entwicklungsgeschichte  des  Pflanzenembryos  S.  77. 

9.  Geleznoff,  N.    Sur  Tembryogdnie  du  Mdl^ze.    Bullet,  d.  1.  societ^ 
Impdr.  de  Moscou  1849.  S.  566. 

10.  Jäger,  L.    Beiträge   zur  Kenntnis  der  Endospermbildung  und  zur 
Embryologie  von  Taxus  baccata.    Flora  1899.  S.  248. 

11.  Strasburger,  E.    Die  Coniferen  und  Gnetaceen.    Jena  1872.  T  VIII. 
f.  1.  2. 


[34 


12.  Strasburger.    Ebenda  S.  275. 

13.  Jäger,  a.  a.  O.    S.  270. 

14.  Schacht,  H.  Beiträge  zur  Anatomie  und  Physiologie  der  Gewächse. 
Berlin  1854.  S.  287,  324. 

15.  Belajeff,  M.  J.  Zur  Lehre  von  dem  Pollenschlauch  der  Gymno- 
spermen. Ber.  d.  deutsch,  bot.  Gesellsch.  IX.  1891.  5.  280.  Taf.  XVIII. 
Fig.  13. 

16.  Miyake,  K.  On  the  development  of  the  sexual  Organs  and  fertili- 
zation  in  Pinus  excelsa.    Annal.  or  Botany  XVll.  1903.  S.  363. 


111.  Befruchtung  und  Entwlcklungsi^eschichte  der 
höheren  Kryptogamen. 

Ein  weiteres  Gebiet,  auf  dem  sich  Hofmeister  unvergäng- 
liche Verdienste  erwortjen  hat,  ist  die  Entwicklungsgeschichte  der 
höheren  Kryptogamen. 

Bis  zum  Jahre  1840  galten  diese  Pflanzen  fast  altgemein  als 
geschlechtslos  —  im  Gegenfalle  wurden  entweder  ganz  willkür- 
liche Annahmen  über  ihre  Sexualorgane  gemacht  oder  eine  Ana- 
logie mit  den  Blütenpflanzen  vorausgesetzt,  welche  die  richtige 
Erkenntnis  verhinderte.  Die  eibereitenden  „Arch^onien"  der 
Moose  wurden  wegen  äußerer  Formähnlichkeit  für  Fruchtknoten 
mit  Griffeln,  die  „Antheridien"  für  Staubbeutel  gehalten'  —  als 
man  aber  entdeckt  hatte,  daß  aus  letzteren  selbstbewe^liche  Ge- 
bilde hervorgingen,  erklärte  man  diese  für  Infusorien,  da  selb- 
ständige Bewegung  dem  Pflanzenreich  fehle.  Ein  so  hervorragen- 
der Forscher  wie  Unger»  beschrieb  1837  die  Antherozoidien 
(Samenfäden)  der  Moose  als  «Spirillum  bryo^oon»  und  betonte  1839* 
bei  Riccia  ausdrücklich,  „daß  diese  tierischen  Wesen  kdn  näheres 
Verhältnis  zur  Befruchtung  zeigen".  Schieiden*  erktirte  1843 
Moose,  Bärlappe,  Farne  und  Schachtelhalme  für  geschlechtslos  und 
die  Deutung  der  „Spiralfäden"  als  „Samentierchen"  für  ,TrSume- 
reien"  —  auch  in  der  dritten  Auflage  seiner  .Gnindzüge"  von 
1850  werden  diese  Irrtümer  beibehalten.^    SelbäNägeli*,  welcher 


35]  Wilhelm  Hofmeister.  299 


1844  die  Antherozoidien  der  Farne  entdeckte,  hielt  die  auf  der 
Blattrückseite  der  letzteren  befindlichen  Sporangien  für  die  zu 
befruchtenden  Elemente  und  meinte,  es  sei  „fast  nicht  denkbar", 
welche  Beziehungen  die  anscheinenden  Samenfäden  hier  zur  Be* 
fruchtung  der  Sporenzellen  haben  könnten ;  derselbe  ausgezeichnete 
Forscher  stellt  noch  1847  die  Deutung  der  „Spiralfäden**  als 
sexuelle  Zellen  der  Auffassung,  als  gehörten  sie  zu  den  Infusorien, 
als  nahezu  gleichberechtigt  gegenüber.'' 

Einen  wesentlichen  Fortschritt  brachte  erst  das  Jahr  1848, 
in  welchem  Graf  Leszczyk-Suminski®  die  Entwicklung  junger 
Farnpflanzen  an  dem  durch  Keimung  der  Farnsporen  entstandenen 
Vorkeim  genauer  beschrieb.  Doch  stand  auch  dieser  Forscher 
noch  zu  sehr  unter  dem  geistigen  Einfluß  Schlei dens,  insofern 
er  das  Organ,  in  welchem  der  Embryo  entsteht,  als  eine  nackte 
Samenknospe  auffaßte  und  den  letzteren  selbst  aus  einem  ein- 
gedrungenen „Spiralfaden**  hervorgehen  ließ.  W i g a n d  *  bestreitet 
noch  1849  das  Eindringen  der  letzteren  überhaupt  und  faßt  die 
Bildung  der  neuen  Pflanze  als  eine  von  dem  „Eichen**  unabhängige 
Sprossung  auf,  während  Schacht*®  im  gleichen  Jahre  zwar  die 
Entstehung  des  Embryos  im  Innern  des  Keimorgans  (Archego- 
niums)  zugibt,  die  Befruchtung  durch  Spiralfäden  aber  für  „mehr 
als  unwahrscheinlich**  erklärt. 

Vergleichen  wir  mit  diesen  Arbeiten  angesehener  Gelehrten, 
welche  den  Grafen  Leszczyk-Suminski  gelegentlich  gering- 
schätzend als  „Dilettanten**  bezeichnen,  die  kurze  vorläufige  Mit- 
teilung* des  25  jährigen  jungen  Buchhändlers  von  1849,  so  über- 
rascht dieselbe  durch  ihren  weiten  Blick.  Mit  aller  Bestimmtheit 
wird  der  „Keimwulst**  der  Rhizocarpeen  dem  Vorkeim  der  Farn- 
kräuter gleichgestellt,  die  Existenz  von  Pollenschläuchen  bestritten, 
die  Analogie  der  Antheridien  und  Archegonien  der  Moose  mit  den 


•  lieber  die  Fruchtbildung   und  Keimung  der  höheren  Kryptogamen. 
Bot.  Zeit.  1849.    S.  793    800. 


300  Ernst  Putzer  [36 


Antheridien  und  „Eychen"  der  Farne  hervorgehoben,  die  Wahr- 
scheinlichkeit der  Befruchtung  durch  die  „Spiralfäden**  betont.  Vor 
allem  aber  erkannte  Hofmeister  die  Analogie  in  der  Entstehung 
der  Mooskapsel  und  der  beblätterten  Farnpflanze.  „In  einer  von 
einem  bei  beiden  großen  Pflanzengruppen  wesentlich  gleichartig 
gebauten  Organ  umschlossenen  Zelle  bildet  sich  ein  selbständiger, 
morphologisch  von  der  Mutterpflanze  unabhängiger  Zellenkörper, 
dem  bei  den  Moosen  lediglich  die  Fruchtentwicklung,  bei  den 
Farn  auch  der  weit  überwiegende  Teil  des  vegetativen  Wachs- 
tums obliegt.** 

Ausführlich  sind  diese  Dinge  dann  in  den  „Vergleichenden 
Untersuchungen***  1851  behandelt  und  auf  26  Kupfertafeln  illu- 
striert worden.  Hofmeisters  Untersuchungen  erstrecken  sich 
auf  Anthoceros,  die  blattlosen  und  beblätterten  Jungermanniaceen, 
Riccia,  die  Marchantieen  und  Targionieen,  die  Laubmoose,  Farne, 
Equisetaceen,  Rhizocarpeen  und  Lycopodiaceen  —  jede  Gruppe 
wird  für  sich  besprochen,  ein  kurzer  Rückblick  faßt  die  Ergeb- 
nisse vergleichend  zusammen.  Auf  die  dabei  für  die  Zellenlehre 
und  allgemeine  Morphologie  erhaltenen  Resultate  kommen  wir  an 
anderer  Stelle  zurück:  hier  soll  nur  die  Befruchtung  und  der  alU 
gemeine  Entwicklungsgang  der  höheren  Kryptogamen  in  Betracht 
kommen. 

Überall  tritt  uns  das  Bestreben  des  Verfassers  ent^gen,  die 
Entwicklung  der  höheren  Kryptogamen  von  der  Keimung  der 
Sporen  bis  zur  Bildung  der  letzteren  lückenlos  zu  verfolgen.  Die 
erstere  wird  bei  Pelliay  den  beblätterten  Jungermannieen  —  wo 
drei  verschiedene  Entwicklungsweisen  unterschieden  werden  — , 
bei  Riccia,  den  Laubmoosen  —  wo  Hofmeister  scharf  die  Begriffe 
Protonema  und  Prothallium  sondert  — ,  den  Famen  und  Schachtel- 
halmen auf  Grund  eigener  Beobachtungen  geschildert.  Großes 
Interesse  bringt  der  Verfasser  der  Zellenordnung  am  Vegetations- 

*  Vgl.^S.  295. 


37]  Wilhelm  Hofmeister.  301 


s^ 


punkt  der  Keimpflanze  entgegen,  wo  Teilung  zahlreicher  Rand- 
zellen durch  wechselnd  gegen  den  Horizont  geneigte  Wände  (An- 
thoceros,  Pellia,  Blasia,  Riccia,  Marchantieae,  Targionieae),  Teilung 
einer  Scheitelzelle  durch  wechselnd  rechts  und  links  einschneidende 
vertikale  Wände  (MetT^eria,  Amura,  Stamm  und  Blätter  der  Junger- 
mannieen  und  Laubmoose)  sowie  Randwachstum  (Famprothal- 
lien)  durch  wechselnde  perikline  und  antikline  Wände  unterschieden 
werden.  Das  Vorkommen  tetraedischer  Scheitelzellen  bei  den  Moo- 
sen und  bei  den  Wurzeln  der  Gefäßkryptogamen  ist  Hofmeister 
damals  noch  entgangen — letzteren  schreibt  er  linsenförmige  Scheitel- 
zellen zu  mit  abwechselnd  nach  oben  und  unten  konvexen  Wänden. 
Seine  Darstellung  der  Entwicklung  von  Antheridien  und  Arche- 
gonien  ist  vielfach  fehlerhaftes  insofern  er  auch  hier  stets  zwei- 
schneidige Scheitelzellen  anzunehmen  geneigt  ist  —  dagegen  hat 
er  den  Bau  dieser  Organe  viel  richtiger  beschrieben  als  seine 
Vorgänger;  auch  verdanken  wir  ihm  die  Auffindung  der  endogenen 
Entstehung  der  Antheridien  von  Anthoceros.  Die  Entwicklung  der 
Frucht  aus  dem  befruchteten  Archegonium  wird  bei  Anthoceros,  den 
blattlosen  und  beblätterten  Jungermannieen,  Riccia,  den  Marchan- 
tieen  und  Targonieen,  sowie  bei  den  Laubmoosen  genau  dar- 
gestellt—  bei  letzteren  erkannte  Hofmeister  richtig  die  Fortbildung 
durch  eine  keilförmige  Scheitelzelle,  die  er  aber  irrtümlich  auch 
bei  den  Lebermoosen  annahm;  bei  den  Embryonen  der  Farne 
und  Schachtelhalme  hat  er  das  Vorkommen  pyramidaler  Scheitel- 
zellen noch  übersehen.  Sehr  ausführlich  und  wesentlich  seinen 
Vorgängern  überlegen  sind  Hofmeisters  Untersuchungen  über  Ent- 
wicklung der  Sporen,  der  Kapselwand  und  der  Elateren  der 
Moose,  sowie  der  Sporen  bei  den  Equisetaceen  —  bei  letzteren 
betont  der  Verfasser  ausdrücklich  die  Übereinstimmung  mit  der 
Entstehung  des  Pollens  der  Abietineen. 

Einen  besonders  großen  Fortschritt  bedeuten  Hofmeisters 
Untersuchungen    über    die    Rhizocarpeen ,     bei    welchen    noch 


.•^■ud 


302  Ernst  Pfitzer  [38 


1843  Schleiden^^  Samenknospen,  Pollenkörnerund  Pollenschlauch 
beschrieben,  sowie  die  Entstehung  des  Embryos  im  Ende  des 
letzteren  wie  bei  den  Blutenpflanzen  behauptet  hatte:  auch 
Mettenius^*  spricht  1846  noch  von  ihren  Ovulis  und  Pollen- 
körnern —  nur  soll  der  Embryo  sich  hier  in  dem  der  ,,Kern- 
warze"  der  Samenknospe  entsprechenden  Keimwulst  entwickeln. 
Hofmeister  schildert  dem  gegenüber  bei  Pilularia  die  Entwick- 
lung der  „Frucht*"  und  die  Entstehung  der  beiden  verschiedenen 
Sporenformen,  bei  Pilularia,  Marsiha  und  Salvinia  deren  Keimung, 
Prothallium  und  Archegonien,  sowie  die  Entwicklung  der  aus  der 
Befruchtung  hervorgehenden  jungen  Pflanze. 

Bei  Sela^inella  erwähnt  er  die  Gabelteilung  des  Stengels  durch 
Halbierung  der  Scheitelzelle,  die  Entwicklung  der  Sporangien,  und 
sah  die  Antherozoidien :  auch  die  Entwicklungsgeschichte  des 
Archegoniums  ist  hier  richtig. 

Hatte  Hofmeister  in  den  „Vergleichenden  Untersuchungen'' 
wesentlich  Einzeldarstellungen  mit  einigen  kurzen  historischen  Be- 
merkungen am  Schluß  eines  jeden  Abschnitts  aneinandergereiht« 
so  faßt  er  in  dem  nur  3  Seiten  einnehmenden  „Rückblick'*  alle 
Ergebnisse  in  ihrer  allgemeinen  Bedeutung  zusammen.  Ich  glaube 
den  auf  die  Vergleichung  der  oberen  großen  Gruppen  des  Pflanzen- 
reichs bezüglichen  Teil  hier  wörtlich  wiedergeben  zu  sollen,  da  er 
noch  heute,  nach  über  50  Jahren  rascher  Entwicklung  der  bota- 
nischen Wissenschaft,  fast  ganz  gültig  geblieben  ist:  „Der  Vergleich 
des  Entwicklungsganges  der  Laub-  und  Lebermoose  einerseits, 
der  Farn,  Equisetaceen  und  Lycopodiaceen  andererseits  zeigt  die 
vollste  Uebereinstimmung  der  Fruchtbildung  der  einen  mit  der 
Embryobildung  der  anderen.  Das  Archegonium  der  Moose,  das 
Organ,  innerhalb  dessen  die  Fruchtanlage  gebildet  wird,  ist  voll- 
kommen gleich  gebaut  dem  Archegonium  der  Farrn  (im  weitesten 
Sinne),  dem  Theil  des  Prothalliums,  in  dessen  Innerem  der  Embryo 
der  wedeltragenden  Pflanze  entsteht Moose  und  Farm 


39]  Wilhelm  Hofmeister.  303 


bieten  somit  eines  der  auffälligsten  Beispiele  eines  regelmäßigen 
Wechsels  zweier  in  ihrer  Organisation  weit  verschiedener  Gene- 
rationen. Die  erste  derselben,  aus  der  keimenden  Spore  hervor- 
gegangen, entwickelt  Antheridien  und  Archegonien In 

der  Centralzelle  des  Archegoniums  entsteht  infolge  der  Befruchtung 
durch    die  aus    den  Antheridien  entleerten  Spermatozoidien    die 

zweite  Generation,  bestimmt  Sporen  zu  erzeugen Das 

vegetative  Leben  ist  bei  den  Moosen  ausschließlich  der  ersten, 
die  Fruchtbildung  ausschließlich  der  zweiten  Generation  zugeteilt. 
Nur  der  belaubte  Stengel  wurzelt;  die  sporenbildende  Generation 
zieht  ihre  Säfte  aus  jenem.  Die  Frucht  ist  meist  von  viel  kürzerer 
Lebensdauer  als  die  beblätterte  Pflanze.    Bei  den  Farrn  ist   das 

Verhältniß  ziemlich  umgekehrt Die  Art,  wie  die  zweite 

Generation  auf  der  ersten  entsteht,  ist  bei  den  Farrn  weit  mannig- 
faltiger als  bei  den  Moosen.** 

Ich  möchte  hier  noch  das  Urteil  anfügen,  welches  Sachs** 
in  seiner  Geschichte  der  Botanik  über  die  allgemeine  Bedeutung 
des  eben  besprochenen  Buches  fällt.  Er  schreibt:  „Vor  dem  Leser 
von  Hofmeisters  «Vergleichenden  Untersuchungen»  entroHt  sich 
ein  Bild  des  verwandtschaftlichen  genetischen  Zusammenhangs  der 
Kryptogamen  und  Phanerogamen,  dessen  Wahrnehmung  mit  dem 
damals  herrschenden  Glauben  an  die  Constanz  der  Arten  nicht 
mehr  vereinbar  war.  Es  handelte  sich  hier  nicht  um  Aufstellung 
von  Typen,  sondern  um  die  Erkenntniß  eines  entwicklungsgeschicht- 
lichen Zusammenhangs,  der  das  Allerverschiedenste,  die  einfachsten 
Moose  mit  den  Palmen,  Coniferen  und  Laubhölzern  eng  verknüpft 
erscheinen  ließ.  Mit  der  Annahme,  daß  jede  natürliche  Gruppe 
des  Pflanzenreichs  eine  «Idee»  repräsentire,  war  hier  nichts  mehr 
zu  machen,  die  Vorstellung  von  dem,  was  das  natürliche  System 
zu  bedeuten  habe,  mußte  sich  gänzlich  ändern;  ebensowenig  wie 
ein  bloßes  Fachwerk  von  Begriffen  konnte  es  als  eine  Gesammt- 
heit  platonischer  Ideen  gelten.     Aber  auch  in  methodologischer 


3IM  Ernst  Pfitzcr  [40 


Hinsicht  war  das  Resultat  der  ^Vergleichenden  Untersuchungen» 
durchschlagend;  für  die  Morphologie  standen  jetzt  die  Krypta- 
^umen  im  Vordergrund;  die  Muscineen  waren  das  Maß,  mit 
dem  die  niederen  Kryptogamen,  die  Farne  das  Maß,  mit  dem 
die  Phanerogamen  gemessen  werden  mußten.  Die  Embryologie 
war  der  Faden,  der  in  das  Labyrinth  der  vergleichenden  und 
genetischen  Morphologie  führte;  die  Metamorphose  gewann  jetzt 
ihren  einzigen  richtigen  Sinn,  indem  sich  jedes  Organ  auf  seine 
Stammform,  die  Staub-  und  Fruchtblätter  der  Phanerogamen  z.  B. 
auf  die  sporentragenden  Blätter  der  Gefäßkryptogamen  zurfick- 
führen  ließen.  Was  Häckel  erst  nach  Darwins  Auftreten  die 
phytogenetische  Methode  nannte,  hatte  Hofmeister  in  seinen 
«Vergleichenden  Untersuchungen»  lange  vorher  und  mit  groß- 
artigstem Erfolge  wirklich  durchgeführt  Als  acht  Jahre  nach 
Hofmeisters  c Vergleichenden  Untersuchungen»  Darwins  Descen- 
denzlehre  erschien,  lagen  die  verwandtschaftlichen  Beziehungen  der 
großen  Abtalungen  des  Pflanzenreichs  so  offen,  so  tief  begründet 
und  so  durchsichtig  klar  vor  Augen,  daß  die  Descendenztheorie 
eben  nur  anzuerkennen  brauchte,  was  hier  die  genetische  Morpho- 
k)gie  thatsächlich  zur  Anschauung  gebracht  hatte. *" 

Im  Jahre  1852  gab  eine  Abhandlung  von  Mitten  ^\  welcher 
die  Moose  als  die  höchste  Stufe  der  „Akotyledonen*  auffaßte, 
Hofmeister*  Veranlassung,  sich  über  die  systematische  Stellung 
und  die  Einteilung  der  Bryophyten  dahin  zu  äußern»  daß  die  Gat- 
tungen Srlaginella  und  Isoetes  und  nach  diesen  die  Rhizocarpeen 
den  Koniferen  am  nächsten  ständen  —  ihnen  wurden  die  Farne, 
diesen  die  Equisetaceen  folgen.  Diese  Reihenfolge  entspricht  voll- 
kommen unserer  heutigen  Ansicht,  abgesehen  vieleidiC  von  der 
Stellung  der  Schachtelhalme,  welchen  Hofmeister  wefen  der 
langen  Lebensdauer  und  reichlichen  Verzwe^gmig  des  Piothalliiuns 

•  Ueber  die  Stellung  der  Moose  im  System.   Flora  HSfc  S  F— lÄ. 


41]  Wilhelm  Hofmeister.  305 


und  wegen  der  als  adventiv  gedeuteten  Verzweigung  die  tiefste 
Stelle  unter  den  Gefäßkryptogamen  einräumt.  Die  Bryophyten  teilt 
Hofmeister  in  4  Gruppen  ein:  1.  Laubmoose;  2.  Jungermannieen 
—  mit  allmählichem  Übergang  der  beblätterten  in  die  blattlosen  — ; 
3.  Marchantieen ,  Targionieen  und  Riccieen;  4.  Anthoceroteen. 
Die  Characeen  werden  als  das  äußerste  Ende  der  Reihe  bezeich- 
net, deren  anderes  Ende  die  Phanerogamen  darstellen.  Überall 
ist  zwischen  der  dargelegten  und  unserer  heutigen  Auffassung  weit- 
gehende Übereinstimmung  vorhanden. 

In  demselben  Jahre  gelang  es  Hofmeister*,  unsere  Kennt- 
nis der  Entwicklung  der  Equisetaceen  wesentlich  zu  erweitern.  Er 
beschrieb  die  undulierende  Membran  am  Hinterende  der  Anthero- 
zoidien,  die  Diöcie  der  Prothallien,  die  Entstehung  der  Archegonien 
und  die  Entwicklung  des  Embryos. 

Denselben  Gegenstand  behandelt  ausführlicher  und  mit  Bei- 
gabe zahlreicher  Abbildungen  eine  Abhandlung**  aus  dem  Jahre 
1855.  Während  Hofmeister  in  den  „Vergleichenden  Unter- 
suchungen""  den  Archegonienhals  durch  eine  keilförmige  Scheitel- 
zelle mit  abwechselnd  geneigten  Scheidewänden  sich  entwickeln  läßt 
(a.  a.  O.  S.  81),  erkannte  er  bei  EquiseUnn  schon  1852  (a.  a.  O, 
S.  387),  noch  bestimmter  jetzt  die  Kreuzteilung  der  Halsmutter- 
zelle, sowie  die  wiederholte  Querteilung  der  entstandenen  vier 
Zellen  (S.  171  f.)  —  nur  die  zentrale  Zellreihe  ist  noch  übersehen. 
Die  ersten  Teilungen  des  Embryos  sind  richtig  beschrieben  —  im 
übrigen  deutet  Hofmeister  den  „Fuß"  als  primäre  Achse,  an  der 
die  Stammanlage  als  Seitenzweig  hervorsproßt.  Die  Entstehung 
der  ersten  Blattscheide  aus  zwei  „Kotyledonen**  und  einem  Blatt 
des  Stamms    hat  dann    erst  Sadebeck^^   erkannt;   auch   irrte 

*  Lieber  die  Keimung  der  Equisetaceen.    Ebenda  1852.  S.  385—488. 
**  Beiträge  zur  Kenntniß  der  Gefäßkryptogamen.  II.  Lieber  die  Keimung 
der  Equisetaceen.    Abhandl.  der  Kgl.  Sachs.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  Math.- 
phys.  Klasse  II.  1855.  S.  168—179.  Taf.  XVII— XIX. 

Festschrift  der  Universitlt  Heidelberg.    M.  20 


306  Ernst  PfJtzer  [42 

Hofmeister,  indem  er  noch  immer  der  Stammanlage  eine  keil- 
förmige, der  Wurzelanlage  eine  linsenförmige  Scheitelzelle  zu- 
schrieb. Dagegen  betont  er  jetzt  mit  Recht,  daß  die  Schachtel- 
halme durch  die  DiöcJe  ihrer  Prothallien.  sowie  durch  die  Ähn- 
lichkeit ihrer  Archegonien  mit  denen  der  Rhizocarpeen,  den  Über- 
gang von  diesen  zu  den  Farnen  vermitteln. 

Im  Jahre  1854  glückte  es  dann  Hofmeister*,  bei  Farnen 
Antherozoidien  in  der  Zentralzelle,  bei  Funaria  wenigstens  im  Halse 
des  Archegoniums  zu  sehen  und  festzustellen,  daß  der  letztere 
sich  bei  den  Farnen  unmittelbar  nach  dem  Eintreten  der  Samen- 
fäden durch  Wachstum  der  unteren  Hatszellen  fest  schließt  Schon 
in  den  „Untersuchungen"  nahm  Hofmeister  in  der  „Zentralzelle" 
des  Archegoniums  ein  besonderes,  diese  letztere  nicht  ganz  aus- 
füllendes „Keimbläschen"  mit  besonderem  Kern  an,  analog  dem 
analogen  Gebilde  im  Embryosack.  Er  glaubte  nun  einen  neuen 
Unterschied  gefunden  zu  haben,  indem  dieses  Keimbläschen  bei 
den  Gefäßkryptogamen  in  der  oberen,  bei  den  Bryophyten  in  der 
unteren  Wölbung  der  Zentralzelle  entstehen  sollte. 

Diese  Mitteilung  erregte  großes  Aufsehen  und  wurde  noch 
im  gleichen  Jahre  ins  Französische  und  Englische  übersetzt." 

In  demselben  Jahre  1854  veröffentlichte  Hofmeister  ferner 
einige  Beiträge  „zur  Morphologie  der  Moose".***  Die  Entwick- 
lungsgeschichte der  merkwürdigen  Riella  Reuieri  MonL  wurde  von 
der  Keimung  der  Sporen  bis  zur  Bildung  der  letzteren  verfolgt; 
die  dabei  aufgestellte  Hypothese,  daß  der  Stamm  hier  einer  halb- 
seitig entwickelten  Marchaniia   entspreche,   hat  Leitgeb"  wider- 

■  Ueber  die  Befruchtung  der  Farmkräuter,  Flora  1854.  S.  257- 239.  Be- 
richt üb.  d.  Verhandl.  d.  Kgl.  Sachs.  Qesellsch.  d.  Wissensch.  zu  Leipzig 
1854.  S.  54-56. 

**  Anna!,  d.  sc.  nalur.  S^r.  1.  1854.  S.  371—373;  Annais  of  Nat  Hist. 
XIV.  1854.  S.  272  -274,  429-440. 

*"  Bericht  üb-  die  Verhandl.  d.  Kgl.  Sachs.  Geselisch.  d.  Wissensch.  zu 
Leipzig  1854.  S.  92-106.  Taf.  IV-VII. 


43]  Wilhelm  Hofmeister.  30l 


"V«^^" 


legt,  welcher  auch  die  Vorgänge  am  Vegetationspunkt,  die  Ent- 
stehung der  Antheridien  und  die  Zellbildung  an  der  jungen  Kapsel 
abweichend  fand,  dagegen  die  Entwicklung  der  Archegonien  und 
das  Vorkommen  unfertig  bleibender  Elateren  (Nährzellen)  bestätigt. 
Ein  zweiter  Beitrag  behandelt  die  „Bildung  des  Keimbläschens  der 
Muscineen**,  dessen  Existenz  bekanntlich  von  den  neueren  For- 
schern nicht  anerkannt  wird.  Drittens  wurden  die  „vermeintlichen 
Wurzeln  des  Haplomitrium  Hookcri*",  da  sie  einen  unbedeckten  Ve- 
getationspunkt haben,  als  unterirdische  Ausläufer  erkannt  und  wei- 
tere Einzelheiten  über  die  Entwicklung  der  Frucht  und  der  Anthe- 
ridien mitgeteilt.  Weiter  wird  die  Bildung  des  „Fruchtsackes"  und 
der  Frucht  von  Calypogeia  Trichomanis  genauer  dargestellt,  bei 
Sphagnum  ein  nicht  fadenartig  verzweigtes,  sondern  flächenartiges 
Protonema  beobachtet  und  endlich  die  Fruchtentwicklung  der  stark 
abweichenden  Moosgattung  Archidium  beschrieben  und  erkannt,  daß 
das  Archespor  hier  überaus  reduziert  ist. 

1855  folgten  dann  Hofmeisters  Beobachtungen  über  die 
„Keimung  des  Botrychium  Lumria*"*  —  dieser  Vorgang  war  bis 
dahin  überhaupt  bei  keiner  Ophioglossee  beschrieben  worden: 
Metten i US  hatte  1853  zwar  „Embryonen  und  Prothallien** 
von  Ophioglossum  gesehen,  aber  nichts  darüber  veröffentlicht.  Nach- 
dem Irmisch  bereits  junge  Keimpflanzen  entdeckt  hatte,  gelang  es 
ihm  und  Hofmeister  zusammen,  auch  die  farblosen,  unterirdi- 
schen Prothallien  aufzufinden;  der  letztere  beschrieb  dann  die 
Antheridien  und  Archegonien,  die  Embryonen  und  jüngeren  Keim- 
pflanzen, sowie  die  Entwicklung  des  in  einen  sterilen  und  einen 
fertilen  Abschnitt  geteilten  Blattes;  Hofmeister  deutet  aber  den 
letzteren  als  dem  ersteren  nicht  gleichwertig,  als  Adventivknospe 
(S.  334).  Bei  Gelegenheit  der  Besprechung  der  „Stipulen"  von 
Ophioglossum  wird  auch  die    Entstehung  dieser  Gebilde  bei  Ma- 


Bonplandia  III.  1855.  S.  331—335. 

20* 


308  Ernst  Ptitzer  [Ai 

raiiia  besprochen,  sowie  die  Leichtigkeit,  mit  welcher  sich  aus 
Stücken  dieses  Stipulen  neue  Pflanzen  entwickeln. 

In  wenig  veränderter  Form,  aber  in  zwei  Abschnitte  (IV.  Ueber 
die  Ophioglosseen  und  [l.  Ueber  Entwicklung  und  Vegetationsor- 
gane der  Farrnkräuter.  Maraiiia  ciaiiifolia)  gesondert  ist  dieselbe 
Untersuchung  1857  an  anderer  Steile  veröffentlicht  worden. 

Es  schließen  sich  an  die  „Beiträge  zur  Kenntniß  der  Gefäfi- 
kryptogamen",  deren  erste  beiden  1855  erschienen.  Sie  betreffen 
die  Entwicklungsgeschichte  von  Isoeies  lacusiris*  und  die  schon  S.  305 
besprochene  Keimung  der  Equisetaceen,  berühren  aber  auch  an- 
dere Gruppen:  so  tritt  Hofmeister  auch  hier  für  die  Zweignalur 
der  „Wedel"  der  Farne  und  der  Ophioglosseen  ein,  denen  er 
auch  die  Blätter  von  hoeies  gleichstellt  (S.  132).  Was  speziell 
'etztere  Gattung  betrifft,  so  waren  die  Anatomie  der  V^etations- 
organe  bereits  von  H.  von  MohP*  und  AI.  Braun",  die  Kei- 
mung der  Makrosporen  und  Embryoentwicklung  durch  Mette- 
nius'"  und  K.  Müller*S  die  Antherozoidien  durch  ersteren  einiger- 
maßen bekannt,  hlofmeister  vervollständigte  diese  Kenntnisse 
sehr  wesentlich.  Die  Schilderung  der  Entstehung  des  Prothaliiums 
entspricht  im  ganzen  den  neueren  Untersuchungen  von  Arnoldi"; 
das  mit  den  damaligen  Untersuchungsmethoden  nicht  unmittelbar 
wahrnehmbare  Fortschreiten  der  Wandbildung  vom  Sporenscheitel 
nach  abwärts  hat  Hofmeisterausdem  fertigen  Zustand  erschlossen 
(S.  127).  Die  Entwicklung  des  Archegoniums  ist  richtig  darge- 
stellt, insofern  Hofmeister  den  Hals  durch  Kreuzteilung  einer 
peripherischen  Zelle  entstehen  läßt  —  nur  die  Kanalzellen  sind 
noch  übersehen,  auch  wird  ein  „Keimbläschen"  angenommen.  Die 
genauere  Folge  der  Teilungen  in  der  Mikrospore  und  die  sterile 
Zelle  der  letzteren  ist  erst  später  erkannt  worden.  Die  ersten 
Teilungendes  Embryo  sind  richtig  beschrieben.  Hofmeister  nimmt 

'  Abhanül.  d.  Kgl.  Sachs.  Gesellscti.  d.  Wissensch.  MathemaL-ptiysBc. 
Klasse  11.  1855.  S,  123—167.  Taf.  lll-XVI. 


45]  Wilhelm  Hofmeister.  309 

überall  Scheitelzellen  an,  beim  Stamm  von  /.  setacca  zum  ersten- 
mal eine  solche  von  tetraedrischer  Form,  während  Isoetcs  in  Wirk- 
lichkeit nur  vereinfachte  periblematische  Vegetationspunkte  besitzt. 
Der  „Fuß**  wird  als  primäre  Achse  gedeutet.  Das  Sporangium  läßt 
Hofmeister  irrtümlich  aus  einer  einzigen  Zelle  entstehen,  sonst  ist 
dessen  Entwicklung  und  die  Bildung  der  Mikrosporen  im  wesent- 
lichen richtig  geschildert,  während  die  Makrosporen  nach  Stras- 
burg er  ^^  sich  in  anderer  Weise  bilden. 

Die  im  Jahre  1857  veröffentlichten  weiteren  „Beiträge*** 
beziehen  sich,  außer  auf  die  Ophioglosseen  (vgl.  S.  308),  zu- 
nächst auf  die  Entwicklung  und  den  Bau  des  Embryos  und  der 
Vegetationsorgane  der  Farnkräuter.  Namentlich  Pteris  aquiUna  und 
Aspidium  Filix  mas  werden  ausführlich  behandelt  und  verglichen. 
Hofmeister  verbessert  hier  seine  früheren  Angaben  über  die  Ent- 
stehung der  Archegonien,  hält  dagegen  seine  Darstellung  der 
Antheridien  aufrecht  (S.  604).  Den  Embryo  läßt  er  aus  einem 
besonderen  „Keimbläschen**  sich  bilden.  Die  Quadrantenteilung 
des  ersteren  ist  richtig  beschrieben:  ein  Quadrant  gibt  den  Fuß 
(„primäre  Achse**),  einer  Stammvegetationspunkt  und  erstes  Blatt, 
einer  die  Wurzelanlage,  die  bei  Aspidium  der  Stammanlage  gegen- 
über, bei  Pteris  daneben  liegen  soll.  Die  Anordnung  der  Haupt- 
organe am  Embryo  wird  jetzt  als  bei  allen  Gefäßkryptogamen 
übereinstimmend  bezeichnet  (S.  608).  Der  Stamm  erhält  bei 
Pteris  eine  zweischneidige,  bei  Aspidium  eine  tetraedrische  Scheitel- 
zelle, ebenso  die  Wurzel,  bei  welcher  Hofmeister  die  Entstehung 
der  Haube  aus  der  apicalen  Segmentreihe  richtig  erkannte.  Andere 
Pteris '  Arien  haben  am  Stamm  verkehrt  dreiseitig  pyramidale 
Scheitelzellen.  Die  Blätter  besitzen  stets  keilförmige,  aber  von  ver- 
schiedener Orientierung;  bei  Pieris  steht  ihre  basale  Kante  der  Blatt- 
fläche parallel,  bei  Aspidium  und  Polypodium  dazu  senkrecht:  bis- 

*  Ebenda  III.  1857.  S.  603—682.  Taf.  I— XIII. 


310  Ernst  Pfitzer  [46 


weilen  sollen  zur  bisherigen  Teilungsfolge  senkrechte  Wände  der 
Scheitelzelle  die  Gestalt  eines  dreiseitigen  Prismas  geben.  Die 
Fiederteilung  der  Polypodiaceen -Blätter  entsteht  durch  echte  Ga- 
belung des  apicalen  Vegetationspunktes  (S.  616);  abwechselnd 
entwickelt  die  rechte  und  die  linke  Gabel  sich  kräftiger  —  die 
ferneren  Auszweigungen  sind  antidrom.  Die  Einrollung  beruht 
auf  stärkerem  Wachstum  der  Rückseite.  Die  weiteren  Wedel  ent- 
stehen aus  je  einer  Zelle  (618)  —  die  Auffassung  derselben  als 
Zweige,  der  Sporenschuppen  als  Blätter  läßt  Hofmeister  fallen  (619). 
Die  Verzweigung  wird  auf  Gabelung  des  Vegetationspunktes  zurück- 
geführt. Die  Entstehung  der  Procambiumstränge,  ihre  Umwandlung 
in  Gefäßbündel  und  deren  Veriauf  ist  anschaulich  geschildert. 
Die  mehrjährige  Ausbildung  des  einzigen  jähriich  erscheinenden 
Wedels  erwachsener  Pflanzen  wird  genau  dargestellt.  Seitenzweige 
erscheinen  nur  adventiv  an  Wedelstielen.  Bei  Aspidium  Filix  fnas 
entstehen  auch  die  Seiten  wurzeln  aus  dem  letzteren,  die  Blätter 
brauchen  2  Jahre  zur  Ausbildung.  Die  Teilungen  der  tetraedrischen 
Scheitelzelle  des  Stammes  stimmen  in  ihrer  Folge  fiberein  mit  der 
Spirale  der  Wedelstellung;  die  später  zu  besprechende  „Verschie- 
bungstheorie'' wird  hier  zuerst  entwickelt.  In  derselben  Abhand- 
lung erkannte  Hofmeister  auch,  daß  die  von  ihm  als  keil- 
förmig beschriebene  Scheitelzelle  von  Equisetum  in  Wirklichkeit 
tetraedrisch  ist  (S.  646). 

Einige  andere  Farnarten  werden  dann  noch  kurz  besprochen 
—  hervorheben  möchte  ich,  daß  Hofmeister  die zuruckgeboge- 
nen  unzerteilten  Blätter  von  Platycerium  biologisch  richtig  deutet: 
„sie  hindern  das  Austrocknen  des  Standorts"  (654).  Ebenso  hat 
er  das  Velamen  an  den  Wurzeln  dieser  Gattung  ^sehen. 

Der  letzte  Beitrag  „Über  die  Keimung  der  Salvinia  naians'^ 
bringt  die  Entstehung  der  Antherozoidien  (666),  die  ersten  Ent- 
wicklungsstadien des  weiblichen  Prothalliums  und  der  Arch^onien 
(durch   zweimalige    Querteilung   und   folgende  Kreuzteilung   der 


47]  Wilhelm  Hofmeister.  311 


■^^»T" 


äußeren  Tochterzelle).  Hier  sollen  häufig  2  Keimbläschen  vor- 
kommen. Am  Embryo  wird  die  Oktantenteilung  und  das  Heraus- 
schieben des  Vorderlappens  des  Prothalliums  durch  Streckung  des 
Fußes  richtig  dargestellt.  Den  Aufbau  der  Pflanze  hat  erst 
Pringsheim**  erkannt  —  Hofmeister  hält  die  Wasserblätter  noch 
für  Zweige  und  nimmt  infolgedessen  wiederholte  Gabelung  der 
Hauptknospe  an  (668). 

Die  1863  erschienenen  „Zusätze  und  Berichtigungen  zu  den 
1851  veröffentlichten  Untersuchungen  der  Entwicklung  höherer 
Kryptogamen"*  verdanken  ihre  Entstehung  der  Bearbeitung  einer 
englischen  Übersetzung**  der  letzteren  für  die  Ray-Society.  Die 
Angaben  über  die  Zellenfolge  der  Fruchtanlage  von  Anihoceros,  wo 
eine  dreiseitig  prismatische  Scheitelzelle  beschrieben  wird,  stimmen 
nicht  mit  den  späteren  Untersuchungen  von  Leitgeb*^  überein:  hin- 
sichtlich der  Sporenentwicklung  wird  das  allmähliche  Fortschreiten 
der  Scheidewände  nach  innen  jetzt  bestätigt.  Sehr  ausführiich  ist 
die  Folge  der  letzteren  am  Stengel  beblätterter  Muscineen  behan- 
delt, wobei  das  überwiegende  Vorkommen  tetraedrischer  Scheitel- 
zellen auch  bei  später  zweizeiliger  Blattstellung  anerkannt  wird  — 
bei  Sphagnum  wird  die  ganze  Entwicklung  sehr  eingehend  be- 
schrieben und  dieselbe  Beziehung  zwischen  Wachstum  der  Schei- 
telzelle und  Blattstellung  entwickelt  wie  früher  bei  den  Farnen. 
Eine  kurze  Notiz  bezeichnet  Valentine  (1833)  als  den  Ent- 
decker der  Entstehung  der  Laubmoosfrucht  im  Bauchteil  des 
Archegoniums  (277).  Weiter  wendet  sich  Hofmeister  gegen  die 
Ansicht  von  Mettenius^^  daß  alle  Verzweigungen  der  Farne 
nur  vielfach  verschobene  Achselknospen  der  Blätter  seien,  und 
betont  die  sehr  späte  Entstehung  der  an  den  Blattstielen   vieler 


Pringsheims  Jahrb.  f.  wissensch.  Bot.  III.  1863.  S.  259—292  Taf.  VIII. 

On  the  germination,  development  and  fructification  of  the  higher 
Cryptogamae.  Translated  by  Currey.  London  Ray  Society  1862.  8v.  w. 
65  plates. 


312  Ernst  Pfitzer  [48 


■v>^ 


Farne  sich  bildenden  Seitenknospen,  die  er  als  adventive  auffaßt 
(280),  woran  sich  allgemeinere  Erörterungen  über  den  Begriff 
von  Seitenknospe,  Adventivknospe  und  Dichotomie  anschließen. 
Gegenüber  Sanio^^  gibt  Hofmeister  inbetreff  der  Sporenentwick- 
lung der  Schachtelhalme  teils  zu,  sich  früher  geirrt  zu  haben,  teils 
schildert  er  ausführlich  die  Entwicklung  der  Sporenmembranen 
und  der  Elateren  (283),  wobei  er  an  derselben  Zelle  in  den  ver- 
schiedenen Membranlagen  teils  Wachstum  durch  Apposition,  teils 
durch  Intussusception  annimmt  (290).  Auch  die  wechselnde 
Reaktion  der  Membranen  gegen  Jod  u.  s.  w.  ist  eingehend  be- 
sprochen. Endlich  wird  noch  die  Teilungsfolge  unterhalb  des 
Stammscheitels  von  Selaginella  berichtigt,  die  Bildung  einer  drei- 
seitig prismatischen  Scheitelzelle  mit  parallelogrammatischer  Außen- 
wand und  vier  konvergenten  Segmentreihen  beschrieben  (292) 
und  anerkannt,  daß  das  Sporangium  von  Selaginella  auf  der  Blatt- 
basis stehe,  somit  keine  Achselknospe  sei  (293). 

Hiermit  schließen  Hofmeisters  an  wichtigen  Entdeckungen 
überreiche  Studien  über  die  höheren  Kryptogamen  ab  —  seine 
beiden  späteren  Bücher  wiederholen  nur  gegebenenfalls  die  älteren 
Resultate.  Die  im  Jahre  1870  veröffentlichten  Studien  über  die 
Zellenfolge  im  Achsenscheitel  der  Laubmoose  betreffen  wesentlich 
morphologische  Fragen  und  sollen  im  Schlußabschnitt  besprochen 
werden. 

1.  Sachs,  J.    Geschichte  der  Botanik  1875.  S.  472  f. 

2.  Unger,  F.  Mikroskopische  Beobachtungen.  N.  A.  Acad.  L  C.  XVIII. 
2.  1837.  S.  702. 

3.  Unger,  F.  Anatomische  Untersuchungen  der  Fortpflanzungstheile  von 
Riccia  glauca.    Linnaea  XI.  1839.  II.  S.  14. 

4.  Schieiden,  M.  Grundzüge  der  wissenschaftlichen  Botanik  II.  1843. 
S.  XI.  79-106. 

5.  Schieiden,  M.    Dasselbe,  3.  Auflage.  11.  1850.  S.  60. 

6.  Nägeli,  C.  Bewegliche  Spiralfäden  an  Farn.  Zeitschr.  f.  wiss. 
Bot.  I.  1844.  S.  184. 


49]  Wilhelm  Hofmeister.  313 


7.  Nägeli,  C.    Ueber  die  Fortpflanzung  der  Rhizocarpeen.    Zeitschr.  f. 
wiss.  Bot.  IV.  1847.    S.  203. 

8.  Graf  Lesczcyk-Suminsky.    Zur  Entwicklungsgeschichte    der  Farn- 
kräuter.   Berlin  1848. 

9.  Wigand  A.  Zur  Entwicklungsgeschichte  der  Farnkräuter.  Bot.  Zeit. 
1849.  S.  106;  Zur  Antheridienfrage  ebenda  S.  815. 

10.  Schacht,  H.    Beitrag  zur   Entwicklung  der  Farnkräuter.    Linnaea 
1848.  S.  789. 

11.  Janszewski.    Vergleichende  Untersuchungen  über  die  Entwicklung 
der  Archegonien.    Bot.  Zeit.  1872.  S.  401. 

12.  Schieiden,  a.  a.  O.  S.  104. 

13.  Mettenius,  G.    Beiträge  zur  Kenntniß  der  Rhizocarpeen.     Frank- 
furt a.  M.  1846. 

14.  Sachs,  a.  a.  O.  S.  116. 

15.  Mitten,  W.    Some  remarks  on  mosses.  Ann.  a.  Mag.  of.  Nat.  Hist. 
II.  1852.  S.  51. 

16.  Sadebeck,    R.    Die   Entwicklung  des  Keims   der  Schachtelhalme. 
Pringsh.  Jahrb.  XI.  1878.  S.  598. 

17.  Leitgeb,    H.    Untersuchungen    über   die    Lebermoose.    Heft    IV. 
Riccieae.    S.  74  f. 

18.  Mohl,  H.  V.    Ueber  den  Bau   des  Stammes  von  Isoetes  lacustris. 
Linnaea  X.  1840.  S.  122. 

19.  Braun,  A.    Weitere  Bemerkungen  über  Isoetes.    Flora  1847.  S.  32. 

20.  Mettenius,  G.    Ueber  Azolla.  Linnaea  1847.  S.  269. 

21.  Müller,  K.    Geschichte  der  Keimung  von  Isoetes   lacustris.    Bot. 
Zeit.  1848.  S.  297. 

22.  Arnoldi,  W.    Die  Entwicklung  der  weiblichen  Vorkeime   bei   den 
heterosporen  Lycopodiaceen.    Bot.  Zeit.  1896.  S.  159. 

23.  Strasburger,  E.    Zellbildung  und  Zellteilung.  III.  Aufl.  1880.  S.  168. 

24.  Pringsheim,  N.    Zur  Morphologie  der   Salvinia  natans.    Pringsh. 
Jahrb.  f.  wiss.  Bot.  III.  1863.  S.  498. 

25.  a.  a.  O.  Heft  V.  S.  22. 

26.  Mettenius,   G.     Ueber   Seitenknospen   bei  Farnen.    Abhandl.  der 
Kgl.  Sachs.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  VII.  1861.  S.  611. 

27.  Sanio,  E.  Einige  weitere  Bemerkungen  über  die  Sporenentwicklung 
bei  den  Equiseten.    Bot.  Zeit.  1857.  S.  667. 


IV.  Entwicklungsgeschichte  der  niederen  Krypto- 
gamen. 

Auf  diesem  Gebiete  liegen  nur  zwei  Veröffentlichungen  vor, 
von  denen  sich  die  eine  auf  die  Algen,  die  andere  auf  die  Pilze 
bezieht. 

Zunächst  beschrieb  Hofmeister*  1857  die  Kopulation  und 
Ausbildung  der  Sporen  von  Cosmarinm  tttrophlhalmum  Kütz.  und  C. 
iiiiikilaiiim  Corda  in  ähnlicher  Weise,  wie  sie  schon  A.  Braun'  und 
Nägeli^  an  anderen  Cosiiiarium-\TXcn  beobachtet  hatten.  Es  gelang 
ihm  aber  auch  festzustellen,  daß  „der  Inhalt  der  Sporen  durch 
wiederholte  Zweitheilung  in  8  bis  16  Tochlerzellen  sich  umbildet, 
welche  die  Form  der  JVlutterpflanze  annehmen  und  endlich  durch 
Auflösung  der  Wand  der  Sporen  frei  werden",  welchen  Vorgang 
man  bis  dahin  zwar  vermutet,  aber  nicht  in  seinem  Verlauf  ver- 
folgt hatte. 

Ferner  wird  noch  die  Kopulation  einer  Mesolamium-Ari.  ge- 
schildert, eine  Zusammenstellung  der  bis  dahin  bekannten  ver- 
schiedenen Formen  der  Auxosporenbildung  bei  den  Bacillarieen 
(Diatomeen)  gegeben  und  die  Kopulation  von  Cychlella  operculata  als 
den  Beobachtungen  von  Thwaites'  bei  C.  Küi^ingiana  entsprechend 
erwähnt.  Die  genannten  Kopulationsvorgänge  erklärt  Hofmeister 
für  Befruchtungserscheinungen. 

Ein  zweiter  Abschnitt  beschäftigt  sich  dann  mit  der  Zeltteilung 
derDesmidiaceenundDiatomaceen.  Bei  beiden  nimmt  Hofmeister, 
wie  alle  Beobachter  älterer  Zeit,  ein  Aufreißen  der  allen  Mem- 
branen an :  bei  den  ersteren  denkt  er  sich  femer  die  Tochterzellen 
allseitig  von  einer  den  hervortretenden  jungen  Membranen  gleich- 
wertigen zarten  Zellhaut  umschlossen,  welche  vor  d«*  T^lung  inner- 

*  Ucbcr  die  Fortpflanzung  der  Desmidieen  und  Diatomeen.  Vertiandl. 
d.  Königl.  Sachs.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  zu  Leipzig.  Matli.-phys.  Klasse. 
1857.  S.  18-38.  Taf,  1. 


51]  Wilhelm  Hofmeister.  315 


halb  der  alten  Membran  dieser  dicht  anliegend  entsteht.*  Bei  Pinnih 
laria  hat  Hofmeister  die  Teilung  der  Zelle  durch  eine  von 
außen  nach  innen  fortschreitende  Ringfurche  gesehen:  er  denkt 
sich  auch  richtig  die  neuen  Membranen  nur  an  den  einander  zu- 
gewandten Hälften  der  Tochterzellen  entstehend,  irrt  aber,  indem 
er  die  letzteren  „durch  allmähliches  Verwittern  des  sie  zusammen- 
haltenden Membrangürtels"  der  Mutterzelle  frei  werden  läßt.^ 

Die  ganze  vorstehende  Mitteilung  Hofmeisters  ist  wenig 
beachtet  worden,  da  er  sie  nicht  auch  in  einer  deutschen  bota- 
nischen Zeitschrift  hat  erscheinen  lassen,  wie  er  dies  sonst  vielfach 
tat.    Dagegen  wurde  sie  schon  1858  ins  Englische  übersetzt.* 

Aus  der  im  Jahre  1859  erschienenen  Abhandlung  über  die 
Entstehung  der  Sporen  der  Trüffel  sei  hier  nur  hervorgehoben, 
daß  Hofmeister  in  ihr  die  an  die  Sporenschläuche  sich  an- 
legenden schlankeren  Gebilde  zum  erstenmal  beschrieb  und  ihre 
Funktion  als  Antheridien  für  wahrscheinlich  erklärte.  Auf  die 
Sporenbildung  selbst  soll  im  nächsten  Abschnitt  näher  eingegangen 
werden  (S.  320). 

1.  Braun,  AI.    Verjüngung  S.  315. 

2.  Nägeli,  C.  Gattungen  einzelliger  Algen.  Zürich  1849.  S.  118. 
T.  VII,  F.  6-9. 

3.  Thwaites,  N.  Further  observations  on  the  Diatomaceae.  Ann.  d. 
Mag.  of  Nat.  Hist.  2.  Ser.  I.  1848.  S.  169.  T.  XI.  D.  f.  1. 

4.  Hauptfleisch  P.,  Zellmembran  und  Hüllgallerte  der  Desmidiaceen. 
Dissert.  Greifswald  1888. 

5.  Pfitzer,  E.  Untersuchungen  über  Bau  und  Entwicklung  der  Bacil- 
lariaceen.    Bonn  1871. 

*  The  propagation  of  the  Desmidieae  and  Diatomeae.  Annal.  a.  Mag. 
of  Nat.  Hist.  3  Ser.  I.  1858.  S.  5—19. 


316  Ernst  Pfitzer  [S2 


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V.  Zellenlehre. 

Als  Hofmeister  seine  Studien  begann,  herrschte  in  der 
Lehre  von  der  Zellbildung  eine  heillose  Verwirrung.^  Nach  Mirbel, 
dem  sich  anfangs  auch  H.  v.  Mo  hl  anschloß,  entstanden  die  Zellen 
als  Höhlungen  in  einer  homogenen  Gallerte,  nach  Seh  leiden 
sollte  sich  um  den  Zellkern  eine  zunächst  dicht  anliegende  Blase 
bilden,  welche  sich  dann  wachsend  abhebt  und  zur  Zelle  wird, 
nach  Nägeli  waren  bei  der  Zellteilung  zwei  um  freie  Kerne  ent- 
stehende, einander  und  die  Wand  der  Mutterzelle  überall  berührende 
Tochterzellen  anzunehmen,  nach  v.  Mohl  endlich  sollte  in  den 
letzteren  Fällen  nur  eine  Trennungswand  auftreten  —  manche 
kurzlebige  andere  Hypothesen  sind  in  dieser  Aufzählung  nicht 
einmal  berücksichtigt.  Erst  in  den  Jahren  1844 — 1846  begründete 
Nägeli^  die  Hauptsätze  der  gegenwärtig  noch  gültigen  Theorie 
und  unterschied  freie  und  wandständige  Zellbildung.  Bei  beiden 
Vorgängen  nahm  er  Membranbildung  an  der  ganzen  Außenfläche 
der  neu  entstandenen  Zellen  an. 

Auf  demselben  Standpunkt  steht  Hofmeister  in  seinen 
ältesten  Veröffentlichungen.  Schon  in  seinem  allerersten  Aufsatz'' 
wendet  er  sich  gegen  die  Vorstellungen  Schleidens:  „auf  keiner 
Entwicklungsstufe    des    Embryo    der    Oenothereen    finden    sich 

Tochterzellen    lose   in    den   Mutterzellen  liegend" „ich 

bin  der  Ansicht,  daß  keine  andere  Erklärung  hier  zulässig  ist  als 
die,  daß  der  Kern  der  Mutterzelle  in  zwei  zerfällt,  daß  um  jeden 
der  beiden  Tochterkerne  eine  Hälfte  des  Zelleninhalts  sich  ver- 
sammelt, und  daß  beide  an  ihrer  ganzen  Oberfläche  2^llstoff 
aussondern".  Bei  der  ersten  Teilung  der  befruchteten  Zelle 
denkt  sich  Hofmeister  nur  einen  an  deren  freiem  Ende  ent- 
stehenden Kern,  der  sich  dann  mit  einer  Zelle  umgibt,  wahrend 
oberhalb  der  so  gebildeten  Scheidewand  ein  leerer  Raum  bleibt 

•  a.  a.  O.  S.  789.    (Vgl.  S.  280.) 


53]  Wilhelm  Hofmeister.  317 


■>^^Ar" 


Während  hier  die  Zeilbildungsvorgänge  nur  nebenbei  be- 
handelt werden,  ist  Hofmeisters  zweite  Veröffentlichung*  ihnen 
speziell  gewidmet.  Sie  behandelt  die  Pollenentwicklung  bei  Tra- 
descantia,  Commelina,  Campelia,  Passiflora,  Pinus  und  Abies.  Es  wird 
hier  richtig  angegeben,  daß  zunächst  der  Nucleolus  und  die  „Mem- 
bran" des  Kernes  verschwinden.  Hofmeister  hat  ferner  schon 
damals  jedenfalls  die  Chromatosomen  gesehen,  dieselben  aber  für 
Gerinnungsprodukte  des  Kerninhalts  gehalten.*  Weiter  hat  er 
richtig  erkannt,  daß  bei  der  Bildung  der  Tochterkerne  die  Ent- 
stehung der  Nucleolen  der  Abgrenzung  der  neuen  Kerne  folgt, 
nicht  ihr  vorausgeht,  wie  Schieiden  lehrte.  Auch  spricht  sich  Hof- 
meister für  die  selbständige  Bedeutung  des  „Primordialschlauchs" 
aus  und  beschreibt  sehr  anschaulich  die  Plasmolyse  und  die 
Wiederausdehnung  des  plasmatischen  Zellinhalts,  dessen  Oberfläche 
„vollkommen  glatt,  durchaus  nicht  runzelig  oder  zusammen- 
geschrumpft" sei,  sowie  das  Hervortreten  des  ersteren  aus 
platzenden  Pollenmutterzellen  und  die  Abrundung  abgeschnürter 
Teile  zu  kugeligen  Blasen.  Auch  die  Körnerplatte,  in  welcher  die 
Scheidewand  als  zarte  Linie  entsteht,  wird  erwähnt  —  im  übrigen 
aber  doch  angenommen,  daß  diese  letztere  aus  zwei  bei  der  Ent- 
stehung sich  berührenden  und  verschmelzenden  Membranlamellen 
der  beiden  Tochterzellen  besteht. 

Ganz  dieselben  Vorstellungen  beherrschen  Hofmeisters 
Darstellungen  in  der  1849  erschienenen  „Entstehung  des  Embryo" 
(vgl.  S.  6,  11):  besonders  möchte  ich  auf  seine  Abbildungen 
(Taf.  XIV,  Fig.  20  -28)  der  Zellteilung  in  den  Haaren  von  Tradescantia 
virginica  hinweisen,  wo  die  Chromatosomen  ebenfalls  erkennbar 
sind.  Am  Schluß  wird  noch  die  Häufigkeit  des  Auftretens  einer 
Scheitelzelle  mit  abwechselnd  geneigten  Wänden   hervorgehoben 


*  Ueber  die   Entwicklung  des   Pollens.    Bot.  Zeit.  1848.  S.  425—434, 
649-658,  670-674.    Mit  Tafel  IV. 


318  Ernst  Pfitzer  [54 

und  daran  ein  Versuch  geknüpft,  die  von  Nägel! ^  eingeführten 
Formeln  für  die  Zellteilungen  dadurch  zu  verbessern,  daß  auch 
die  Gestalt  der  entstehenden  Zellen  aus  der  Formel  erkennbar  ist 
Zu  diesem  Zweck  werden  für  die  sechs  Grundformen  Kugel, 
Ellipsoid,  Pyramide,  Prisma,  Kegel  und  Cylinder,  für  deren  Ab- 
schnitte, Ausschnitte,  Bruchteile  u.  s.  w.  Buchstabenbezeichnungen 
gegeben,  doch  gestalten  sich  die  Formeln  nicht  sehr  übersichtlich, 
so  daß  sie  kaum  Verwendung  gefunden  haben. 

Aus  den  „Vergleichenden  Untersuchungen**  seien  hier  er- 
wähnt die  Angaben  über  den  einen  großen  Chloroplasten  und 
die  Sporenbildung  von  Anthoceros.  Es  sollen,  wie  H.  v.  MohP 
schon  1839  beobachtete,  vier  neue  Kerne  entstehen,  während  der 
primäre  Kern  erst  nach  deren  Bildung  aufgelöst  wird.  Die  ge- 
teilten Chloroplasten  spielen  hier  bekanntlich  die  Rolle  von  Tochter- 
kernen so  täuschend,  daß  noch  1876  Strasburger®  Hof- 
meisters Darstellung  als  sicher  richtig  bestätigte,  und  erst  1880 
eine  andere,  mit  der  sonstigen  Theorie  der  Kernteilung  besser 
übereinstimmende  Deutung  gab.^  Femer  wären  hervorzuheben 
die  interessante  Entwicklungsgeschichte  der  Sporen  von  Pellia 
(S.  21)  und  Equisetiivi  (S.  98),  die  Schilderung  der  äußeren  Sporen- 
häute bei  Pilularia  (S.  104,  107)  und  Selaginella  (S.  109)  und  die 
Darstellung  der  Zellteilung  und  die  Erklärung  des  „Metallschimmers** 
von  Schistoste^a  (S.  77). 

1852  gab  Hofmeister*  die  Entwicklungsgeschichte  des 
Pollens  von  Zostera  und  der  zum  Vergleich  herangezogenen  Asch- 
piiidaccae.  im  Tatsächlichen  sind  diese  Angaben  für  letztere 
Pflanzen  von  Strasburger®  bestätigt  worden,  wenn  auch  die 
Deutung  der  Vorgänge  sich  verändert  hat.  Bei  Zostera  tritt  nach 
Rosenberg®  die  von  Hofmeister  vermißte Tetradenteilung  erst 
auffallend  spät,  an  0,5  mm  langen  Zellen  ein. 

*  Vgl.  S.  284. 


55]  Wilhelm  Hofmeister.  319 


-nL/»^ 


Das  Jahr  1858  brachte  dann  eine  ausführliche  Abhandlung* 
„Ueber  die  zu  Gallerte  aufquellenden  Zellen  der  Außenfläche  von 
Samen  und  Pericarpien".  Nachdem  Lindley^®  1828  diese  Er- 
scheinungen bei  Collomia  entdeckt  hatte,  waren  sie  mehrfach 
untersucht  worden  und  wurde  die  aufquellende  Substanz  teils  dem 
Zellinhalt  zugeschrieben,  teils  als  äußere  Anlagerung  der  Mem- 
bran betrachtet,  teils  auf  Schichten  der  letzteren  zurückgeführt. 
Hofmeister  weist  an  den  Samen  von  Sisymbrium  Irio,  Lepidium 
sativumy  Linutn  usitatissimum,  Plantago  Psyllitun,  Cydonia  vulgaris, 
Teesdalia  nudicaulis,  Camelina  sativa,  verschiedenen  Acanthaceen  und 
Collomien,  sowie  am  Pericarp  von  Salvia  Hormimm  die  Richtigkeit 
der  letzteren,  von  H.  v.  Mo  hl  vertretenen  Auffassung  nach  und 
beschreibt  eingehend  die  mannigfaltigen  Differenzierungen  der 
Membran  in  mehr  oder  minder  quellungsfähige  Teile,  welche 
letzteren  bei  dem  Aufquellen  als  Kappen  oder  Spiralfäden  er- 
scheinen. Schon  hier  wird  die  Bildung  dieser  Teile,  sowie  die 
Schichtung  der  Membranen  im  Gegensatz  zu  H.  v.  Mohl  nicht  durch 
successive  Anlagerung,  sondern  vielmehr  durch  nachträgliche 
Differenzierung  vorher  homogener  Massen  erklärt  (S.  31)  und  die 
Frage  erörtert,  ob  die  Schichtung  nicht  vielleicht  auf  Einrollung  zu- 
sammenhängender Lamellen  beruhe,  was  auf  Grund  der  Untersuchung 
gequollener  Bastfaserzellen  von  Cincbona  und  Palmen  verneint  wird 

• 

Hofmeister  empfahl  zur  Erkennung  von  Gallerten  das  Einlegen 
der  Schnitte  in  gefärbte  Flüssigkeiten;  es  gelang  ihm  durch 
längere  Maceration  der  Cuticula  mit  Kalilauge  erstere  durch  Jod 
blau  zu  färben  und  so  zu  zeigen,  daß  sie  nicht  eine  „von  der  Cellu- 
losehaut  wesentlich  verschiedene  Membran"  ist.  Auch  die  Unter- 
suchung quellungsfähiger  Membranen  in  wasserfreien  oder  wasser- 
armen Medien,  wie  absoluter  Alkohol,   ätherische  Öle,  Glycerin, 


*  Bericht   über  die  Verband!,  d.  Kgl.  Säcbs.  Gesellscb.  d.  Wissenscb. 
zu  Leipzig.  Matbem.-pbysik.  Klasse.  X.  1858.  S.  18-37.  Taf.  I. 


S20  Ernst  Pfitzer  [56 


Chlorcaiciumlösung,  ist  hier  benutzt  Am  Schluß  werden  noch 
die  schragstreifigen  Bastfaserzellen  und  die  kappenartig  inein- 
andergeschachtelten Membranen  von  Griffithia  besprochen  und 
bei  den  ersteren  betont,  daß  die  kreuzenden  Streifensysteme  in 
verschiedenen  Ebenen  liegen. 

1859  folgte  der  Aufsatz*  „lieber  die  Entwicklung  der  Sporen 
des  Tuber  aestiviim  Vittad**.  Kerne  suchte  Hofmeister  hier  ver- 
geblich —  die  Sporen  läßt  er  in  dem  wandständigen  Plasmaschlauch 
einzeln,  unabhängig  voneinander  entstehen  (S.  386).  Bekanntlich 
haben  die  späteren  Untersuchungen  von  De  Bary"  und  Schmitz^' 
wesentlich  andere  Ergebnisse  gehabt.  In  der  »Pflanzenzelle" 
(S.  122)  ist  Hofmeister  1867  nochmals  auf  diesen  G^enstand 
zurückgekommen. 

Die  in  den  „Zusätzen  und  Berichtigungen"**  von  1863  zuerst 
aufgestellten  Sätze  Hofmeisters  über  die  allgemeinen  Beziehungen 
zwischen  Wachstum  und  Zellbildung  sollen  im  letzten  Abschnitt 
unserer  Darstellung  gewürdigt  werden. 

Ein  Vortrag***,  welchen  Hofmeister  1864  auf  der  Giefiener 
Naturforscherversammlung  hielt,  versucht  die  Plasmabewegungen 
auf  Änderungen  der  Imbibitionsfähigkeit  für  Wasser  zurückzuführen. 
„Die  Bezeichnung  des  Protoplasmas  als  contractile  Substanz  führt 
dem  Verständniß  des  Vorgangs  nicht  näher."  Aus  dem  Umsich- 
greifen der  Bewegung  nach  rückwärts  bei  Myxomyceten-Plasmodien 
und  Strömungen  in  Haaren  schließt  Hofmeister,  daß  keine  „Zu- 
sammenziehungen peripherischer  Theile"  die  treibende  Ursache 
seien :  andererseits  seien  auch  keine  von  der  Peripherie  ausübende 
saugende  Kräfte  vorhanden,  da  lebhafte  Strömung  im  Innern 
ohne  Änderung  des  Umrisses  stattfinden  könne.    Die  Analogieen 

*  Bericht  d.  Kgl.  Sachs.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  Math.-phy8.  Klasse. 
1859.  S.  214—225.    Pringsh.  Jahrb.  f.  wiss.  Botanik  III.  1860.  S.  378-391. 
••  Vgl.  S.  311. 

***  Ueber  die  Mechanik  der  Protoplasmabewegungen.  TtgebL  d.  deutsch. 
Naturforschenersamml.  zu  Gießen  1864.  S.  401-410;  Ftora  ISfiS.  S.7— 12. 


57]  Wilhelm  Hofmeister.  321 

— — — V^N. 


■"^^V" 


des  gereizten  Plasmas  mit  dem  kontrahierten  Muskel  seien  rein 
äußerliche  —  außerdem  zeige  das  Plasma  durch  seine  Abrundung 
zur  Kugelform  die  Eigenschaften  einer  kolloidalen  Flüssigkeit.  Es 
wird  dann  weiter  entwickelt,  daß  die  kontraktilen  Vacuolen  da- 
durch plötzlich  verschwinden,  daß  das  Plasma  ihr  Wasser 
„einschluckt**,  sowie  daß  die  bestimmte  Abgrenzung  lebender 
Plasmamassen  gegen  Wasser  nur  verständlich  ist,  wenn  Unterschiede 
in  der  Neigung  zur  Wasseraufnahme  vorhanden  sind.  Die  Zu- 
und  Abnahme  des  Imbibitionsvermögens  in  bestimmter  Richtung 
muß  Wasserströmungen  hervorrufen,  die  sich  von  den  Wasser 
ausstoßenden  zu  den  Wasser  aufnehmenden  Partikeln  bewegen. 
In  der  „Pflanzenzelle**  ist  dieser  Gedanke  weiter  ausgeführt  worden. 
Wir  wenden  uns  jetzt  zu  diesem  umfangreichen  Werke*  Hof- 
meisters, welches  im  Herbst  1866  als  erster,  aber  der  Zeit  nach 
dritter  Band  des  von  ihm  geplanten  und  redigierten  großen  Hand- 
buches erschien  (vgl.  S.  276),  mit  Spannung  erwartet  und  mit 
Recht  bewundert.  Die  bedeutendste  Fachzeitschrift,  die  „Botanische 
Zeitung**,  zeigt  das  Buch  nur  an,  ohne  eine  Übersicht  des  Inhalts 
zu  geben,  „da  es  selbstverständlich  in  den  Händen  jedes  Botanikers 
sei,  der  für  Anatomie  und  Physiologie  der  Pflanzen  irgend  Interesse 
hat,  und  zu  hoch  stehe,  um  einer  Empfehlung  zu  bedürfen**. 
Gerade  auf  dem  Gebiet  der  Zellenlehre  sind  seitdem  so  große 
Fortschritte  gemacht  worden,  daß  vieles  jetzt  ganz  anders  aufgefaßt 
wird:  es  soll  deswegen  auch  nicht  unsere  Aufgabe  sein,  das 
ganze  Buch,  welches  wesentlich  eine  Zusammenstellung  des  über 
die  Pflanzenzelle  damals  Bekannten  bieten  sollte,  seinem  Inhalt 
nach  ausführlicher  wiederzugeben  —  wir  wollen  uns  begnügen, 
auf  einige  Sätze  hinzuweisen,  in  welchen  entweder  eine  eigen- 
artige Auffassung  oder  neue  Beobachtungen  Hofmeisters  hervor- 


*  Handbuch  der  physiologischen  Botanik.  I.  Band,   1.  Abteilung.    Die 
Lehre  von  der  Pflanzenzelle.    Leipzig  1867.  S.  281  ff. 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  21 


4 


322  Ernst  Putzer  [58 


treten.  Dahin  möchte  ich  rechnen  die  Darstellung  des  Protoplasmas 
als  einer  kolloidalen,  der  Hauptmasse  nach  aus  Wasser  bestehenden, 
eiweißreichen  Flüssigkeit,  deren  Hautschicht  der  allgemein  vor- 
handenen dichteren  Oberfläche  solcher  Flüssigkeiten  entspricht. 
Wasser  wird  mit  Leichtigkeit  in  die  molekularen  Zwischenräume 
des  Protoplasmas  eingelassen.  Dem  Durchgang  in  Wasser  ge- 
löster Stoffe  setzt  es  großen  Widerstand  entgegen  —  aus  vielen 
wäßrigen  Lösungen  läßt  es  nur  Wasser  durch.  Sein  Widerstand 
(in  dieser  Hinsicht)  ist  größer  als  der  der  Zellhäute.  Die 
Vacuole  ist  eine  Aussonderung  überschüssigen  Wassers  und  auch 
von  einer  Hautschicht  begrenzt  (S.  4,6)  —  sie  preßt  das  Plasma  gegen 
die  Zellwand.  Ausgezeichnet  gelungen  ist  der  Abschnitt  über 
Plasmaströmung  und  Wimperbewegung.  Weit  überholt  ist  natürlich 
das  Kapitel  über  den  Zellkern:  hier  sei  noch  auf  die  Figuren  über 
die  Kernteilung  bei  Psilotim  mit  deutlicher  Körnerplatte  zwischen 
den  Tochterkernen  aufmerksam  gemacht  (S.  82).  Viel  besser  in 
Übereinstimmung  mit  unseren  jetzigen  Ansichten  ist  die  Darstellung 
der  Vollzellbildung  (S.  86  ff.)  und,  abgesehen  vom  Verhalten  des 
Kerns,  die  Zellteilung,  weniger  diejenige  der  freien  Zellbildung, 
sehr  gedankenreich  der  Abschnitt  über  das  Verhältnis  der  Zell- 
bildung zum  Wachstum  der  Pflanzen  und  der  Pflanzenorgane 
(S.  125  f.),  auf  welchen  wir  in  dem  Abschnitt  über  „allgemeine 
Morphologie**  zurückkommen  werden.  Die  Zusammenfügung  von 
Hohlräumen  mit  fest  werdenden  Wänden  nennt  Hofmeister 
„das  Ideal  eines  Baues  von  möglichst  großer  Festigkeit  bei 
möglichst  geringer  Masse".  Er  gibt  auch  einen  interessanten 
historischen  Überblick  der  Entwicklung  der  Zeilbildungslehre 
(S.  122). 

Die  neue  Zellhaut  denkt  sich  Hofmeister  als  Flüssigkeit 
aus  dem  Plasma  austretend,  da  nur  dieser  Aggregatzustand  die 
notwendige  leichte  Verschiebbarkeit  erlaube  (S.  147).  Diese  Flüssig- 
keit ist  ihm  aber  nicht  identisch  mit  der  Hautschicht  (Pringsheim), 


59]  Wilhelm  Hofmeister.  323 


sondern  erscheint  auf  deren  Außenfläche.  Im  Gegensatz  zu  seiner 
früheren  Auffassung  gibt  er  jetzt  (S.  152)  zu,  daß  bei  der  Zellteilung 
oft  nur  bestimmte  Stellen  der  Oberfläche  der  Tochterzellen  Mem- 
bran bilden,  nicht  aber  deren  ganze  Oberfläche  —  die  Zellteilung 
von  Oedogonhim  wird  im  Gegensatz  zu  Pringsheim  und  De 
Bary  als  Beweis  für  diese  Auffassung  benutzt  (S.  156).  Die 
Wiederholung  der  Membranbildung  an  der  nämlichen  Plasmamasse 
denkt  sich  Hofmeister  auf  diejenigen  Fälle  beschränkt,  wo  die 
successive  auftretenden  Membranen  verschiedene  chemische  Be- 
schaffenheit haben  (Pollenkörner,  Sporen);  im  Gegenfall  nimmt 
er  Verwendung  des  neu  ausgeschiedenen  —  gleichartigen  — 
Materials  zum  Flächen-  oder  Dickenwachstum  durch  Intussusception 
an.  Für  das  Spitzenwachstum  in  geschlossenen  Geweben  werden 
auf  eigenen  Messungen  beruhende  Beweise  gegeben,  eigene  Be- 
obachtungen über  die  Entstehungsweise  verzweigter  und  behöfter 
Poren  mitgeteilt,  die  Abhängigkeit  der  Schichtung  vom  Wasser- 
gehalt und  ihre  Bildung  durch  nachträgliche  Differenzierung 
bei  Hoya  u.  a.  nachgewiesen,  die  Areolenbildung  und  Streifung 
der  Membranen  eingehend  behandelt.  Auch  das  Kapitel  über 
Quellung,  Schrumpfung  und  Permeabilität  der  Zellhäute  enthält 
viele  eigene  Beobachtungen,  weniger  dasjenige  über  chemische 
Konstitution  der  ersteren,  aus  dem  vielleicht  der  Nachweis  der 
Aschenfreiheit  der  Membranen  im  Vegetationspunkt  und  die  Zu- 
sammenstellung von  natürlichen  Membranfärbungen  hervorzuheben 
wäre  —  ferner  möchte  ich  auf  Hofmeisters  Beobachtungen 
über  das  verschiedene  Verhalten  der  trocknen  und  der  mit  ver- 
schiedenen Flüssigkeiten  durchtränkten  Membranen  im  polarisierten 
Licht  (S.  346)  hinweisen,  sowie  auf  den  Nachweis  der  Isotropie 
ganz  junger  Membranen  und  die  von  Nägel is  Theorie  abweichende 
Auffassung  der  Ursachen  der  Anisotropie  (S.  353).  Verhältnis- 
mäßig kurz  sind  die  geformten  Inhaltskörper  der  Zellen  behandelt: 
wenn  auch  Hofmeister  noch  die  Entstehung  von  Chloroplasten 


21* 


S24  Ernst  Pfilzer  [M 

im  Protoplasma  annimmt,  so  hat  er  andererseits  doch  bereits  die 
Leucoplasten  im  Vegetationspunkt  von  Algen  und  Sjhinia  ge- 
sehen (S.  365).  Die  §§  32—38  der  „PHanzenzelle-  sollen,  da 
sie  wesentlich  experimentalphysiologischen  Inhalt  haben,  im 
nächsten  Abschnitt  besprochen  werden. 

Interessant  ist  der  neuerdings  geführte  Nachweis,  daß  Hof- 
meister auch  die  feinen  Plasmaverbindungen  der  Zellen  bereits 
gekannt  hat,  wenn  er  auch  nichts  darüber  veröffentlichte.  Zim- 
mermann'^ fand  im  Nachlaß  zwei  zur  Erläuterung  der  in  der 
Vorlesung  demonstrierten  mikroskopischen  Präparate  bestimmte 
Zeichnungen,  welche  Dünnschliffe  des  Endosperms  von  Phyirlfphas 
und  Raphia  darstellen.  Einmal  geben  diese  Skizzen  die  Plasmo- 
desmen ganz  in  derselben  Weise  wieder,  wie  sie  später  von 
Tangl"  abgebildet  wurden,  außerdem  trägt  das  eine  Blatt  noch 
die  Bemerkung:  „Die  Membran,  welche  die  erweiterten  Endräume 
je  zweier  Tüpfel  trennt,  ist  angeschwollen  und  siebartig  durch- 
löchert". Wir  dürfen  Hofmeister  deshalb  auch  als  den  Entdecker 
der  Plasmodesmen  betrachten. 

Eine  künftige  Geschichte  der  Entwicklung  der  pflanzlichen 
Zellenlehre  wird  Hofmeiste'r  mit  H.  v.  Mohl  und  NägelJ 
als  Begründer  unserer  Kenntnisse  auf  diesem  Gebiet  t 


1.  Sachs.    Geschichte  der  Botanik.    München  1875.  S.  3361. 

2.  Nägeli,  C.  Zellenkernc,  Zellenbildung  und  Zellenwachstum  bei  den 
Pflanzen.    Zcitsch-  f.  wissensch.  Bot-    J.  I.  34.  3.  22.  1844,  1846. 

3.  Strasburger,  E.    Zellbildung  und  Zellteilung.    3.  Aufl.  1880.  S.  I09f. 

4.  a.  a.  O    Heft  2.  1845.  S.  141  f. 

5.  Mohl,  H.  V.  Leber  die  Entwicklung  der  Sporen  von  Anthoceros 
laevis.  Unnaea  1839.  S.  273. 

6.  a.  a.  O.  2.  Aufl.  I87ö.  S.  152. 

7.  a.  a.  O.  3.  Aufl.  1880.  S.  158. 

8.  S(rasburi>er.  E.  Einige  Bemerkungen  zu  der  Pollenbildung  von 
Asi:lepias.  Ber.  d.  deui.'ich.  Bot.  Oesellsch.  XIX.  1901.  S.  450.  Vgl.  Fr)-e, 
Uoi   Gaz.  1901.  S.  325.    Gager.  Ann.  ol  Bot.  1902.  123. 


61]  Wilhelm  Hofmeister.  325 


i^^^«. 


9.  Rosenberg,  O.   Über  die  Pollenbildung  von  Zostera.  Meddel.  friin. 
Stockh.  Högskol.  Botan.  Instit.  1901.  S.  10. 

10.  Botan.  Register  XIV.  1828.  t.  1166.  XVI.  1830  t.  1347. 

11.  De  Bary,  A.  Morph,  und  Physiol.  d.  Pilze  u.  s.  w.  1866.  S.  106. 

12.  Schmitz,  F.  Über  die  Zellkerne  der  Thallophyten.  Sitz.-Ber.  d. 
Niederrhein.  Gesellsch.  zu  Bonn  1879.  S.  345. 

13.  Zimmermann,  A.  Beiträge  zur  Morph,  und  Physiol.  der  Pflanzen- 
zelle. I.  Tübingen  1893.  S.  1.  Taf.  1  F.  1.  2. 

14.  Tangl,  E.  Über  offene  Kommunikationen  zwischen  den  Zellen  des 
Endosperms  einiger  Samen.  Pringsh.  Jahrb.  f.  wiss.  Bot.  Xll.  1880.  Taf.  VI. 
F.  14-17. 

VI.  Experimentalphysiologie. 

Während  das  erste  Jahrzehnt  von  Hofmeisters  wissenschaft- 
licher Tätigkeit  wesentlich  von  der  Entwicklungsgeschichte  der 
höheren  Kryptogamen  und  von  der  Embryologie  ausgefüllt  wurde, 
hat  er  in  den  letzten  20  Jahren  seines  Wirkens  sich  mit  besonderer 
Vorliebe  mit  experimentalphysiologischen  Fragen  beschäftigt.  Schon 
sein  erster  Versuch*  in  dieser  Richtung  brachte  hervorragende 
Ergebnisse. 

Bereits  1727  hatte  Stephan  Hales^  gezeigt,  daß  aus  der 
freien  Schnittfläche  einer  Weinrebe,  deren  oberer  Teil  entfernt 
worden  ist,  Wasser  in  erheblicher  Menge  und  unter  erheblichem 
Druck  austritt,  daß  dabei  Schwankungen  in  Bezug  auf  Ausfluß- 
menge und  Druck  bestehen  und  daß  auch  die  äußeren  Verhält- 
nisse diese  Vorgänge  beeinflussen.  Das  ganze  folgende  Jahrhun- 
dert brachte  kaum  einen  wesentlichen  Fortschritt  —  erst  1844 
suchte  Brücke*  nachzuweisen,  daß  die  Holzgefäße,  in  welchen  der 
Saft  steigt,  denselben  nicht  aktiv  heben,  sondern  passiv  von  den 
umgebenden  Zellen  damit  gefüllt  werden.     Haies   wie  Brücke 


*  Über  das  Steigen  des  Saftes  der  Pflanzen.  Verhandl.  d.  Königl. 
Sachs.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  zu  Leipzig.  Mathem.-phys.  Klasse.  1857. 
S.  149-161.  Abgedruckt  Flora  1858,  S.  1—12.  Übersetzt  Annal.  d.  scienc. 
nat.  3  Ser.  t.  X.  1858.  S.  5-19. 


326  Ernst  Pfitzer  [62 


^ 


betrachteten  die  ganze  Erscheinung  als  ledigh'ch  den  Hoizpflanzen 
und  auch  diesen  nur  während  des  Frühlings  zukommend;  ferner 
hielt  Brücke  es  für  wahrscheinlich,  daß  der  Saft  gerade  zur  Zeit 
des  Maximums  wesentlich  abwärts  ergossen  werde  (S.  208). 

Dem  gegenüber  bewies  Hofmeister,  daß  der  Saft  von  der 
Wurzel  her  emporgetrieben  wird  und  daß  dieses  „Bluten"  sich 
weder  auf  die  Holzpflanzen,  noch  auch  bei  allen  Pflanzen  auf  eine 
bestimmte  Jahreszeit  beschränkt,  sondern  daß  es  vielmehr  eine 
ganz  allgemeine  und  vielfach  dauernde  Erscheinung  ist,  wofern 
nur  die  Wasserverdunstung  sehr  verringert  wird.  Es  gelang  ihm 
mit  krautigen  Pflanzen,  deren  oberer  blatttragender  Teil  abge- 
schnitten worden  war,  sehr  erhebliche  Druckhöhen  zu  erreichen, 
bei  Papaver  somniferum  212  mm,  bei  Digitalis  media  461  mm  Queck- 
silber. Er  betonte,  daß  es  Substanzen  gäbe,  deren  „endosmo- 
tisches  Äquivalent"  unbegrenzt  sei ,  insofern  sie  zwar  durch  eine 
permeable  Membran  hindurch  Wasser  anziehen,  aber  nicht  zu 
diesem  hinübertreten.  Auch  die  Vorstellung,  daß  der  Filtrations- 
widerstand  der  Membranen,  durch  welche  das  Wasser  osmotisch 
eintritt,  größer  sein  müsse  als  der  entsprechende  Wert  der  Mem- 
branen, durch  welche  das  Wasser  in  die  Gefäße  hinein  abgegeben 
wird,  hat  Hofmeister  entwickelt.  Er  konstruierte  einen  Apparat, 
bei  welchem  ein  cylindrisches,  mit  einer  osmotisch  wirksamen  Lö- 
sung gefülltes  Glasrohr  einerseits  mit  einer  mehrfachen,  anderer- 
seits mit  einer  einfachen  Membran  geschlossen  war  —  wenn  dann 
die  erstere  Fläche  in  Wasser  tauchte,  die  letztere  mit  einem  Steig- 
rohr verbunden  wurde,  so  konnte  die  Absonderung  von  Wasser 
in  letzteres  hinein  unmittelbar  nachgewiesen  und  in  diesem  ein 
Druck  von  92  mm  Quecksilber  erreicht  werden.  Bei  Anwendung 
von  Traganthgummi  gelang  es  Hofmeister  sogar  mit  sehr  ver- 
dünnter Lösung  eine  kräftige  Wirkung  zu  erzielen,  was  ihm  be- 
sonders deshalb  wichtig  erschien,  weil  ja  auch  der  Blutungssaft 
der  Rebe  nur  sehr  wenig  gelöste  Substanzen  enthält. 


63]  Wilhelm  Hofmeister.  327 


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Pfeffer^  beurteilt  die  eben  besprochene  Arbeit  folgender- 
maßen: „Es  ist  bekanntlich  Hofmeisters  Verdienst,  zuerst  eine 
wirkliche  Erklärung  der  einseitigen  Hervorpressung  von  Wasser 
aus  Zellen  versucht  zu  haben,  und  der  leitende  Gedankengang 
war  in  der  Tat  glücklich  gewählt,  wenn  auch  die  von  Hofmeister 
gegebene  Erklärung  nicht  ausreichen  konnte,  so  lange  die  Plasma- 
membran nicht  in  ihrer  Bedeutung  erkannt  wurde"  (was  erst  1876 
durch  Pfeffer  geschah).  Sachs*  nennt  Hofmeisters  Leistung 
„eine  Entdeckung  von  großem  Belang**  gegenüber  den  geringen 
Fortschritten,  welche  die  Theorie  der  Saftbewegung  bis  tief  in  die 
fünfziger  Jahre  gemacht  hatte. 

Fünf  Jahre  später  hat  Hofmeister*  diese  Untersuchungen 
„über  Spannung,  Ausflußmenge  und  Ausflußgeschwindigkeit  von 
Säften  lebender  Pflanzen**  fortgesetzt.  Er  widerlegte  zunächst  den 
Irrtum  Matteuccis^  welcher  das  Bluten  auf  die  Ausdehnung  der 
in  den  Gefäßen  vorhandenen  Luft  durch  Temperatursteigerung 
zurückführen  wollte.  Er  zeigte  ferner,  daß  auch  bei  krautigen 
Pflanzen  die  Menge  des  abgeschiedenen  Wassers  sehr  beträchtlich 
sein  —  bei  Urtica  tirens  z.  B.  in  5  Tagen  11260  cmm  —  und  das 
Volumen  der  Wurzel  und  des  Stammstumpfes  nicht  selten  um 
das  Mehrfache  übertreffen  kann,  dagegen  im  Vergleich  zu  der  von 
der  Pflanze  unter  gleichen  Verhältnissen  verdunsteten  Wassermenge 
nur  gering  ist.  Er  hat  ferner  zuerst  die  tägliche  Periodizität  des 
Blutens  erkannt.®  Er  verbesserte  die  Beobachtungsmethode  von 
Haies  insofern,  als  er  durch  sofortiges  Aufgießen  einer  hohen 
Quecksilbersäule  den  sonst  durch  das  frühe  Nachlassen  des  Druckes 
eintretenden  Fehler  vermied.  Er  erkannte  die  Hindernisse,  welche 
die  Enge  der  Verbindungswege  einer  raschen  Druckausgleichung 
entgegenstellt,  so  daß  z.  B.  das  Niederlegen  einer  mit  Mano- 
meter versehenen  Rebe  nur  ein  langsames  und  mäßiges  Sinken 


*  Flora  1862,  S.  97-108,  113-120,  138-144,  148-152,  172-175. 


328  Ernst  Pfitzer  [64 


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des  Quecksilbers  verursacht.  Er  hat  klar  ausgesprochen,  daß  die 
Räume  des  Holzkörpers  vielfach  verdünnte  Luft  enthalten,  sowie 
daß  die  Zellhäute  des  letzteren,  solange  sie  frisch  sind,  für  Wasser 
sehr  durchlässig  sind.  Zum  Schluß  bemüht  sich  Hofmeister 
seine  1857  gegebene  Erklärung  zu  vervollkommnen,  indem  er 
noch  die  in  der  gleich  zu  besprechenden  Abhandlung  nachgewie- 
sene hohe  Spannung  saftiger  Gewebe  zur  Erklärung  des  hohen 
Drucks  des  Blutungssaftes  heranzog,  welcher  Gedanke  sich  aber 
nur  zum  Teil  als  zutreffend  erwiesen  hat. 

Die  eben  erwähnte,  von  Sachs'  1865  als  „nach  Inhalt  und 
Form  vollendet"  bezeichnete  Abhandlung*  ist  betitelt  „Ueber  die 
Beugungen  saftreicher  Pflanzentheile  nach  Erschütterung",  und  be- 
schreibt die  Krümmungen,  welche  die  halbentwickelten,  noch  in 
Längsdehnung  begriffenen  Internodien  zeigen,  wenn  der  vorher 
gerade  aufgerichtete  Trieb  kräftig  geschüttelt  wird.  An  einer  großen 
Reihe  von  Pflanzen  wird  dieser  bis  dahin  unbekannte  Vorgang  mit 
Angabe  der  Anzahl  der  Erschütterungen  und  der  erreichten  Krüm- 
mung verfolgt;  auch  an  einigen  Blättern  wurde  sowohl  Krümmung 
des  Stiels,  als  der  Lamina  wahrgenommen.  Die  Ebene,  in  weicher 
die  Beugung  eintritt,  ist  bei  nebeneinanderwachsenden  Pflanzen 
gleicher  Art  ganz  verschieden,  ferner  unabhängig  vom  morpho- 
logischen Aufbau  und  von  der  etwa  vorher  vorhandenen  Krüm- 
mung der  Sproßspitze:  bei  schrägstehenden  Sprossen  erfolgt  die 
Beugung  meistens  in  der  durch  die  Längsachse  derselben  senkrecht 
zum  Boden  gelegten  Ebene  und  zwar  aufwärts.  Das  Anschlagen 
eines  neben  dem  Sproß  aufgehängten  Pendels  bewirkt  nach 
diesem  konvexe  Krümmung.  Ähnliche  Beugungen  lassen  sich 
durch  Längsstreckung  mit  der  Hand  oder  mit  einem  Gewicht  er- 
reichen, sowie  durch  zahlreiche  kräftige  elektrische  Entladungen. 

*  Bericht  üb.  d.  Verhandi.  d.  König).  Sachs.  Gesellsch.  d.  Wissensch. 
zu  Leipzig.  Matheni  -  physik.  Klasse  XI.  1859.  S.  175—204;  abgedruckt 
Pringsh.  Jahrb.  f.  wissensch.  Botanik.  II.  1860.  S.  237-266. 


65]  Wilhelm  Hofmeister.  329 


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Die  Krümmung  folgt  niemals  passiv  dem  Zug  der  Schwere,  wie 
dies  bei  welkenden  Sprossen  der  Fall  ist;  an  mit  der  Spitze  ab- 
wärts befestigten  Stengeln  hebt  sogar  die  sich  durch  Erschütterung 
krümmende  Spitze  noch  ein  mäßiges  Gewicht.  Während  beim 
Welken  das  Volumen  des  Sprosses  abnimmt,  wächst  dasselbe  bei 
der  durch  Erschütterung  erreichten  Beugung:  alle  Kanten  werden 
länger  —  wenn  nach  einiger  Zeit  die  Krümmung  sich  wieder  aus- 
gleicht, tritt  eine  weitere  Verlängerung  sämtlicher  Kanten  ein.  Zur 
Erklärung  dieser  Erscheinungen  zeigt  Hofmeister  zunächst,  daß 
ein  noch  safterfülltes  Mark  Vorbedingung  ist,  und  weist  ferner 
nach,  daß  in  dem  nicht  erschütterten  Sproß  das  saftige  Mark,  frei 
gelegt,  länger  ist  als  das  umgebende  Holz,  daß  also  „das  Mark 
ein  Streben  zu  beträchtlicher  Ausdehnung  besitzt,  welches  durch 
den  Widerstand,  den  Rinde  und  Holz  dieser  Ausdehnung  ent- 
gegensetzen, in  Schranken  gehalten  wird".  Er  erkannte  ferner 
richtig,  daß  die  Erschütterungen  eine  Verlängerung  der  passiv  ge- 
dehnten Gewebe  verursachen,  denen  eine  Ausdehnung  der  aktiv 
gespannten  und  bei  ungleichmäßiger  Veränderung  verschiedener 
Kanten  eine  Krümmung  folgen  muß,  unter  gleichzeitiger  Herab- 
setzung der  Gesamtspannung. 

Bis  dahin  können  wir  noch  heute  Hofmeister  völlig  bei- 
stimmen und  müssen  seine  Ergebnisse  zu  den  Grundlagen  unserer 
ganzen  Lehre  von  der  Gewebespannung  zählen  —  irrtümlich  war 
sein  Versuch,  das  Ausdehnungsstreben  solcher  Zellgewebsmassen, 
welche  Bewegungen  von  Pflanzenteilen  vermitteln,  statt  auf  die 
osmotische  Spannung  in  den  ganzen  Zellen  auf  bloße  Membran- 
spannungen zurückzuführen.  Er  glaubte  diesen  Schluß  aus  dem 
Verhalten  von  Längsschnitten  ziehen  zu  dürfen,  welche  dünner  als 
eine  Zelllage  waren  und  daher  Spannungen  zwischen  Zellinhalt 
und  Zellwand  nicht  zeigen  konnten.  Dieser  Irrtum  hat  auf  die 
späteren  experimentalphysiologischen  Untersuchungen  von  Hof- 
meister vielfach  einen  ungünstigen  Einfluß  gehabt. 


328  I 60 

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.     .  \  >.-^  'Sch  .Math.- 

•  '     •    .v>sensch. 


67]  Wilhelm  Hofmeister.  531 


essanten  Versuchen,  daß  die  geotropische  Aufwärtskriimmung 
nur  an  Pflanzenteilen  mit  erheblicher  Gewebespannung  eintrete, 
die  geotropische  Abwärtskrümmung  an  nahezu  spannungslosen 
Organen.  Hofmeister  betonte  mit  Recht,  daß  die  Aufwärts- 
krümmung mit  aktiver  Kraft  erfolge,  daß  sie  ein  bedeutendes  Ge- 
wicht zu  heben  vermöge  —  aber  er  verlegte  irrtümlich  die  Wirkung 
der  Schwerkraft  nicht  in  das  Protoplasma,  sondern  in  die  Mem- 
branen — ,  die  Schwerkraft  sollte  die  Dehnbarkeit  der  letzteren  auf 
der  unteren,  konvex  werdenden  Seite  des  Sprosses  steigern.  Noch 
mehr  aber  versah  sich  Ho  f  meister  bei  seiner  Deutung  der  Abwärts- 
krümmung der  Wurzelspitzen  u.  s.  w.  Er  folgerte  aus  der  geringen 
Spannung,  welche  in  der  wesentlich  krümmungsfähigen,  eine  kurze 
Strecke  hinter  der  Wurzelspitze  gelegenen  Zone  der  Wurzel  vor- 
handen ist,  daß  diese  Zone  bei  einer  horizontal  gestellten  Wurzel 
durch  das  Gewicht  der  an  ihr  frei  hängenden  Wurzelspitze  passiv 
abwärts  gezogen  werde,  wie  die  Spitze  einer  wagerecht  gehaltenen 
Siegellackstange,  an  der  man  kurz  hinter  der  Spitze  eine  Quer- 
zone durch  Erwärmen  erweicht.  Versuche,  bei  welchen  auf  Queck- 
silber kultivierte  horizontale  Wurzeln  nicht  in  dieses  eindrangen, 
bestärkten  Hofmeister  in  seinem  Gedankengang,  den  schon 
Knight  in  weniger  klarer  Form  vertreten  hatte. 

Unglücklicherweise  war  diese  Theorie  der  geotropischen  Ab- 
wärtskrümmung ein  totgeborenes  Kind  —  als  sie  das  Licht  der 
Welt  erblickte,  war  sie  längst  wideriegt.  Schon  1828  hatte 
Johnson^  gezeigt,  daß  eine  horizontal  aufgestellte  Wurzel,  an 
deren  Spitze  man  mit  einem  dünnen,  über  eine  Rolle  laufenden 
Faden  ein  freihängendes  Gewicht  befestigt  hat,  welches  das  Ge- 
wicht der  frei  überhängenden  Wurzelspitze  um  das  Mehrfache 
übertrifft,  trotzdem  unter  Hebung  des  am  Faden  ziehenden  Ge- 
wichts eine  Abwärtskrümmung  ausgeführt  —  nach  Hofmeisters 
Theorie  müßte  hier  ein  kleineres  Gewicht  durch  seine  Schwere  ein 
größeres  gehoben  haben. 


iiii 


Er^  Pf  tKT  [68 


Von  -.escr*  FLrdamentaiimurr  aigöeöer.  emhäh  Hof- 
Tie  s:e-i  .\rra.-cli:"g  eine  ganze  Reihe  rGcressanier  Beobach- 
ninger,  sc  'Ib^  cas  Verhalten  \on  knlntx::rgg5rJgen.  an  beiden 
Enden  arverrlckbar  befesngten  Paanzerneü«:-  iSer  ije  Aofrich- 
nrrg  äiterer  Kerrrriiurzdn.  über  die  Rschmr^  öer  Zviqge  bd  Hänge- 
bäumen, ilzer  sii'e  %  agerechte  Wachsmni^srxtnizg  der  Rtuzonie. 
iber  ie  Kri:T::rur:gen  der  SproSenden  %\>-  Ansc^.c—  ssd  firJc-rj 
—  ilberall  *;rj  aber  versucht,  iit  Bedecmr^  öer  Sparrncng  her- 
vorzuhecen-  Auch  verschiedene  Rocarorsv\cr^oc:)e  hat  Hof- 
meister angeaeilw 

Da  Johnsons  Versuch  gänzlich  in  VergesaKtbfisc  igerzten  «ar. 
haae  Hofmeiiters  Theorie  des  Geocropcsnas  zacäczsi  grofien 
Erfolg.  Der  herv  orragendsie  PfIanzenph>TSsoIog  der  CKcau$en  Zn. 
J.  Sachs-',  schloß  sich  IS65  in  seinem  «Haocbcch*^  ±r  jüen  ve- 
sentiichen  Punkren  derselben  an.  ebenso  lSo>  in  seöxxr  LefirtedL-- 
Hofm eiste r  seibsi  fand  IS66  durch  das  ErscbesDes  seines  Bodies 
über  die  Pfanzenzeiie  ^  Gelegenheit,  seine  Attaasismiig  nxsmaß 
ausführlich  darzulegen  —  zu  bemerken  est.  dift  er  xsbi  b«i  jier 
geotropischen  Aur^ärtskrümmung  das  Haupcgevxsc  aof  ans  reäacir 
stärkere  Verlängerung  der  unteren,  konvex  veräenösa  Käme  ja^jc. 
welche  sowohl  durch  Zunahme  der  Dehnbartex  os-  psssv  je- 
dehnten,  als  auch  durch  Steigerung  des  .\nsiirtnTfflBjpamateK  jer 
aktiv  spannenden  Gewebe  zustande  kommen  kccase.  Ba&^  seil 
durch  Einlagerung  von  Wasser  zwischen  die  iesu  TeknisT  oer 
Membran  bewirkt  »werden. 

186>^  erfolgte  der  erste  schwere  .Angriff  gjsgat  KeraKiSOsrs 
Theorie.  In  einer  historischen  Übersicht  der  EmvidkiBng.  Ar  Läm 
vom  Geotropismus  n:achte  A.  B.  Frank-*  aot  Jokxscas  Vtf- 
such  aufmerksam.  Bei  aiier  .Anerkennung  der  voo  Hof-n«iSC«r  20 
scharfsinnig  erkannten  Spannungsverhältnisse  vies  Fri.7i&  iocr- 

•  Vcrj»l   S.  321 


69]  Wilhelm  Hofmeister.  333 


zeugend  nach,  daß  die  Abwärtskrümmung  der  Wurzeln  nicht  passiv, 
sondern  mit  aktiver  Kraft  erfolge  und  auf  einer  Steigerung  des 
Längenwachstums  der  konvex  werdenden  Kante  beruhe,  während 
er  die  Aufwärtskrümmung  auf  eine  von  der  Unterseite  nach  der 
Oberseite  des  horizontal  gedachten  Sprosses  abnehmende  Intensität 
des  Längenwachstums  zurückführt,  der  Gewebespannung  dabei 
aber  keine  wesentliche  Bedeutung  beimißt. 

Man  muß  berücksichtigen,  daß  Hofmeister  bis  dahin  von 
allen  Seiten  bewundert  von  Erfolg  zu  Erfolg  geeilt  war,  um  die 
hochgradige  Erregung  zu  verstehen,  welche  aus  seiner  Erwiderung* 
gegen  Franks,  abgesehen  von  einigen  Anmerkungen,  sehr  sachlich 
gehaltene  Abhandlung  spricht.  Vor  allem  hielt  Hofmeister  daran 
fest,  daß  horizontal  auf  Quecksilber  befestigte  Wurzeln  nur  aus- 
nahmsweise und  aus  besonderen  Gründen  in  dasselbe  eindringen, 
und  daß  er  bei  Anstellung  des  Johnsonschen  Versuchs  mit  einem 
besseren  Apparat  entgegengesetzte  Resultate  erhalten  habe.  In  der 
„Allgemeinen  Morphologie"  (1868)  verweist  Hofmeister  wesent- 
lich auf  seine  früheren  Darlegungen,  nachdem  Frank  seinen 
Standpunkt  von  neuem  verteidigt  hatte. ^^  Ausführlicher  ist  er 
dann  auf  diese  Fragen  nochmals  im  November  1868  eingegangen.** 
Es  wird  eine  ganze  Reihe  neuer  Versuche  mitgeteilt,  um  die  „Pla- 
stizität** der  krümmungsfähigen  Zone  der  Wurzeln  zu  beweisen; 
andererseits  mußte  Hofmeister  jetzt  zugeben,  daß  bei  längerer 
Fortsetzung  des  Johnsonschen  Versuchs  die  Wurzelspitze  sich 
abwärts  senke,  wofür  er  allerdings  eine  andere  Deutung  gab. 
„Ohne  Neigung  und  Muße  zu  fernerer  Erörterung  des  Gegen- 
standes nehme  ich  hiermit  von  demselben  Abschied**,  sind  die 
Schlußworte  dieser  Veröffentlichung. 

•  Ueber  die  Abwärtskrümmung  der  Spitze  wachsender  Wurzeln.    Bot. 
Zeit.  1868.  S.  257-267,  273—281. 

••  Ueber  passive  und  aktive  Abwärtskrümmung  von  Wurzeln.    Ebenda 
1869.  S.  33-38,  49—59,  73-79,  89-96. 


334  Ernst  Pfitzer  [70 


Hofmeister  verteidigte  einen  verlorenen  Posten.  Noch  1869 
hatte  er  den  Schmerz,  daß  sein  Schüler  N.J.  C.  Müller**,  der  mit 
ihm  an  der  gleichen  Universität  lehrte,  sich  gegen  seine  Theorie 
aussprach;  1873  tat  Sachs^*,  teils  durch  Franks  Arbeiten,  teils 
durch  eigene  Untersuchungen  überzeugt,  in  der  3.  Auflage  seines 
Lehrbuchs  das  gleiche  und  betonte  namentlich,  daß  sich  die  An- 
nahme, als  seien  alle  positiv  geotropischen  Gewebe  spannungslos, 
alle  negativ  geotropischen  stark  gespannt,  nicht  durchführen  lasse. 
Von  da  an  hatte  Hofmeisters  Theorie  nur  noch  geschichtliches  In- 
teresse —  sie  war  der  einzige  schwere  Mißerfolg  in  seinem  Wirken. 

Unter  dem  ungünstigen  Einfluß  des  S.  329  erwähnten  Ge- 
dankens, daß  wesentlich  die  Zellhäute  der  Pflanzen  reizbar  seien, 
steht  eine  weitere  1862  erschienene  Abhandlung*  Hofmeisters. 
1848  hatte  Brücke*^'  in  sehr  geistreicher  Weise  dargetan,  daß  die 
auf  Erschütterung  erfolgenden  Bewegungen  der  Blätter  der  „Sinn- 
pflanze**, Mimosa  ptidica,  dadurch  verursacht  werden,  daß  der  Stoß 
die  Gewebespannung  in  dem  die  Bewegung  ausführenden  Polster 
plötzlich  herabsetzt.  Brücke  hatte  ferner  den  wesentlichen  Unter- 
schied zwischen  diesen  Reizbewegungen  und  den  durch  Verdun- 
kelung eintretenden  Schlafbewegungen  derselben  Pflanze  erkannt. 
Hofmeister  hebt  nun  1862  zunächst  die  allgemeine  Bedeutung  der 
im  Vorjahre  von  Graham  "  zuerst  klargelegten  Unterschiede 
zwischen  krystalloidalen  und  kolloidalen  Substanzen  für  die  Pflan- 
zenphysiologie hervor,  bekämpft  dann  auf  Grund  der  unrichtigen 
Voraussetzung,  daß  das  Bewegungspolster  keine  Interzellularräume 
besäße^^  Brückes  Erklärung  und  nimmt  an,  daß  die  Erschlaf- 
fung des  Polsters  dadurch  zu  stände  komme,  daß  die  gereizten 
Zellhäute  Wasser  abgeben.  Er  stellt  diese  Erscheinung  parallel 
der  von  Graham  betonten  allgemeinen  Eigenschaft  der  Kolloid- 
substanzen, in  pektösem  Zustand   beim   Gerinnen  Wasser  auszu- 

*  Lieber  die  Mechanik  der  Reizbewegungen  von  Pflanzentheilen.  Flora 
1862.  S.  497-503,  513    517. 


71]  Wilhelm  Hofmeister.  335 


stoßen,  das  sie  beim  Wiederflüssigwerden  wieder  aufnehmen.  In 
seiner  Auffassung,  daß  die  Membranen  reizempfindlich  seien,  wird 
Hofmeister  namentUch  noch  bestärkt  durch  die  Vorstellung,  daß 
so  rasch  und  so  energisch  Wasser  aus  dem  Zellinnern  durch  die 
Membranen  hindurch  nicht  ausgestoßen  werden  könne.  Auch 
die  anästhesierende,  die  Reizbarkeit  zeitweise  aufhebende  Wirkung 
des  Äthers  und  Chloroforms  auf  die  Mimose  glaubt  er  damit  er- 
klären zu  können,  daß  diese  Substanzen  ^den  Zusammenhalt 
zwischen  den  Molekülen  der  Zellhäute  und  den  Molekülen  des 
an  diese  Häute  gebundenen  Wassers  in  dem  Grade  festigen,  daß 
eine  mechanische  Erschütterung  ihn  nicht  mehr  zu  lösen  vermag** 
(S.  514).  Die  Erörterung  des  Abspringens  der  Sporangien  von 
Pilobühis  bei  Lichtzutritt  vermittelt  dann  den  Übergang  zu  den 
heliotropischen  Krümmungen  und  Hofmeister  stellt  den  Satz  auf, 
daß  auch  hier,  wie  bei  den  negativ  geotropischen  Krümmungen 
die  Dehnbarkeit  passiv  gedehnter  Zellmembranen  der  einen  Hälfte 
des  Organs  abnimmt,  im  einen  Fall  soll  dies  an  den  passiv  ge- 
dehnten, im  anderen  an  den  im  Ausdehnungsstreben  befindlichen 
Zellhäuten  geschehen. 

Wenn  wir  Hofmeisters  Theorie  der  Reizbewegungen  nicht 
als  einen  Fortschritt  gegenüber  Brücke  bezeichnen  und  auch  seinen 
sonstigen  Ausführungen  nur  zum  kleinen  Teil  beistimmen  können*^, 
so  birgt  die  in  Rede  stehende  Abhandlung  doch  einen  interessanten 
Fund.  Während  bis  dahin  nur  sehr  unbestimmte  Angaben  in  dieser 
Hinsicht  vorlagen^®,  zeigte  Hofmeister,  daß  die  Blumen  der  Garten- 
tulpe sich  auf  Temperatursteigerung  öffnen  und  bei  Temperatur- 
abfall schließen,  und  erkannte  richtig,  daß  diese  Bewegungen  durch 
Differenzen  des  Ausdehnungsstrebens  antagonistischer  Gewebe  ver- 
ursacht werden. 

In  seinem  im  Herbst  1865  abgeschlossenen,  Ende  1866  er- 
schienenen   Buch    über   die    Pflanzenzelle*   finden    wir   das    ge- 

•  Vglfs.  321. 


336  Ernst  Pfitzer  [72 


samte  Gebiet  der  Gewebespannung  ausführlich  behandelt  (S.  267 
bis  337).  Hofmeister  nimmt  jetzt  einen  besonderen,  von  der 
osmotischen  Spannung  des  Zellinhalts  unabhängigen  Turgor  der 
Membranen  an,  er  unterscheidet  schärfer  Längs-  und  Querspannung 
und  bespricht  die  Methoden,  um  die  Kräfte  zu  bestimmen,  mit 
welchen  die  passiven  Gewebe  von  den  aktiven  gedehnt  werden 
und  welche  die  quellenden  Membranen  überwinden.  Er  ist  jetzt 
geneigt,  auch  den  Blutungsdruck  auf  Membranspannung  zurück- 
zuführen, da  die  Höhe  der  Spannung  bei  der  geringen  Konzen- 
tration der  osmotisch  wirksamen  Substanzen  nur  durch  das  Hin- 
zutreten eines  quellungsfähigen  Körpers  zu  erklären  sei,  was  er 
durch  Hinzufügen  von  trockenen  Stücken  Traganthgummi  zu  der 
in  einem  osmotischen  Apparat  befindlichen  Lösung  nachzuahmen 
suchte,  wobei  ein  Druck  von  220  mm  Quecksilber  erreicht  wurde 
(vgl.  S.  326).  im  allgemeinen  wird  noch  ausgeführt,  daß  die  Ge- 
webespannung bis  zur  Beendigung  des  Wachstums  andauernd  steigt 
und  daß  das  Wachstum  beendet  ist,  wenn  die  Widerstandsfähigkeit 
der  passiv  gedehnten  Gewebe  dem  Ausdehnungsstreben  der  Schwell- 
gewebe das  Gleichgewicht  hält. 

Hofmeister  bespricht  dann  die  Abhängigkeit  der  Gewebe- 
spannung von  äußeren  Einflüssen.  Er  deutet  den  bekannten  Ver- 
such von  Unger-S  wonach  welkende  Pflanzenteile  in  wasser- 
dampfgesättigter  Luft  wieder  straff  werden,  dahin  (S.  279),  daß 
hier  die  Membranen  dem  Zellinhalt  Wasser  entziehen,  womit  unter 
Herabsetzung  des  osmotischen  Drucks  größere  Straffheit  der  erste- 
ren  erreicht  werde.  Weiter  behandelt  er  den  Einfluß  der  Tempe- 
ratur auf  die  Gewebespannung:  das  Herabsinken  immergrüner 
Blätter  u.  s.  w.  bei  starkem  Frost  wird  darauf  zurückgeführt,  daß 
Spannung  lebender  Zellmembranen  nur  nach  Überschreitung  eines 
spezifisch  verschiedenen  Temperaturminimums  eintritt.  Auch  die 
Veränderungen,  welche  durch  Quetschen,  Temperaturerhöhung 
oder  Erniedrigung  jenseits  der  erträglichen  Grenzwerte  eintreten. 


73]  Wilhelm  Hofmeister.  337 


denkt  sich  Hofmeister  wesentlich  durch  Veränderungen  in  den 
Membranen  bedingt  (S.  283),  die  Reizerscheinungen  werden  in  der 
S.  334  besprochenen  Weise  gedeutet  (S.  299—319).  Die  Fort- 
leitung des  Reizes  wird  auch  den  Membranen  zugeschrieben  (S.  315). 
Die  Nutationserscheinungen  sind  zusammen  mit  den  Schlafbewe- 
gungen und  den  Bewegungen  der  Blätter  von  Desmodium  gyrans 
u.  s.  w.  als  „spontane  periodische  Änderungen  in  der  Spannung 
von  Zellmembranen"  behandelt,  also  Wachstums-  und  Span- 
nungsdifferenzen nicht  scharf  unterschieden.  Von  demselben  Ge- 
sichtspunkt bespricht  Hofmeister  auch  die  Schwankungen  der 
Ausflußmenge  und  des  Drucks  bei  blutenden  (vgl.  S.  326)  und 
die  Ausscheidung  von  Wasser  aus  unverletzten  Pflanzen  (Aro- 
ideen u.  s.  w.). 

Entsprechend  seiner  Theorie  des  Geotropismus  (vgl.  S.  330) 
wird  nun  auch  der  Heliotropismus,  die  Krümmung  der  Pflanzenteile 
von  der  Lichtquelle  fort  ( — )  oder  zur  Lichtquelle  hin  (+),  aus- 
führlicher dargestellt.  Die  Bezeichnungen  positiv  und  negativ 
hatte  Hofmeister  hier  schon  1863  eingeführt.  Positiven  Heliotro- 
pismus findet  er  nur  bei  Organen  von  erheblicher  Spannung,  aber 
nicht  als  allgemeine  Eigenschaft  derselben.  Bei  der  Krümmung  läßt 
er  richtig  alle  Kanten  sich  verlängern,  betont  auch,  daß  die  helio- 
tropische Biegung  einzelliger  Organe  nur  durch  ungleiche  Ver- 
längerung gegenüberliegender  Kanten  möglich  sei,  nimmt  aber 
immer  nur  eine  ungleiche  Wasserimbibition  der  letzteren,  kein 
ungleiches  Wachstum  an,  so  daß  er  auch  völlig  ausgewachsenen 
Organen  die  Fähigkeit  heliotropischer  Krümmung  zuschreibt  (S.  289). 
Als  Ursache  betrachtet  er  die  Verminderung  der  Dehnbarkeit  der 
passiven  und  des  Expansionsstrebens  der  schwellenden,  aktiven 
Gewebe  auf  der  beleuchteten  Seite.  Für  den  negativen  Heliotro- 
pismus ist  er  der  Hypothese  v.  Wolkoffs,  wonach  auf  der  dem 
Licht  abgewandten  Seite  eine  Brennlinie  entstehen  soll,  nicht  ab- 
geneigt,  hebt  aber  hervor,  daß  diese  Hypothese  das  wechselnde 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  22 


338  Ernst  Pfitzer  [74 


Verhalten  der  Blutenstiele  von  Linaria  Cwtbalaria  nicht  erklä- 
ren  könne. 

Wenn  Hofmeisters  Auffassung  in  diesen  Dingen  vielfach 
sich  weit  von  dem  entfernt,  was  wir  heute  für  richtig  halten,  so 
genügte  sie  doch  meistens  den  damals  bekannten  Tatsachen  und 
fand  vielfache  Anerkennung.  So  scharfsinnige  Denker  wie  Nägeli 
und  Seh  wendener"  hielten  1867  eine  Reizbarkeit  der  Mem- 
branen nicht  für  ausgeschlossen  und  das  Verdienst  der  „gedanken- 
reichen Arbeiten"  Hofmeisters,  „den  unklaren  Begriff  der  Kon- 
traktilitäf"  aus  dem  Gebiet  der  Pflanzenphysiologie  verscheucht  zu 
haben,  wurde  von  Sachs"  hervorgehoben. 

Ferner  hat  Hofmeister  in  der  Pflanzenzelle  zum  erstenmal 
heliotropische  und  photonastische  Erscheinungen  scharf  unter- 
schieden", wenn  auch  letzterer  Namen  erst  später  gegeben  wurde. 
Während  bei  den  ersteren  die  Krümmung  von  der  Richtung  des 
Lichtstrahls  abhängig  ist,  handelt  es  sich  bei  den  letzteren  um 
Bewegungen,  welche  durch  steigende  oder  fallende  Intensität  des 
gleichmäßig  verteilten  Lichtes  hervorgerufen  werden.  Hofmeister 
hat  diese  Vorgänge  bei  Farnprothallien,  Marchantia  und  anderen 
Lebermosen  sehr  anschaulich  beschrieben. 

Aus  späterer  Zeit  liegen  dann  noch  zwei  kleine  experimen- 
talphysiologische  Veröffentlichungen  vor.  Die  erste*  1869  er- 
schienene ist  eine  Erwiderung  auf  einen  Angriff  Jessens"  gegen 
Hofmeisters  osmotische  Versuche  (vgl.  S.  336)  und  beschäftigt 
sich  mit  der  feineren  anatomischen  Struktur  und  der  Wasserauf- 
nahme des  Traganthgummis,  welche  als  Imbibitionsquellung  von 
der  Auflösung  unterschieden  wird.  Es  wird  gezeigt,  daß  die  Tra- 
ganthteilchen  der  durch  Wasseraufnahme  entstehenden  «Schein- 
lösung" zwar  durch   die   mikroskopisch   sichtbaren   Löcher  von 

*  Leber  den  Gehait  des  Traganthgummis  an  in  Wasser  löslichen  Stoffen. 
Müllers  Archiv  für  Anatomie  und  Physiologie  1869.  S.  273—283. 


75]  Wilhelm  Hofmeister.  539 


Filtrierpapier  u.  s.  w.,  aber  nicht  durch  wirklich  geschlossene  Mem- 
branen hindurchgehen. 

Die  zweite  Veröffentlichung*  ist  gleichzeitig  Hofmeisters 
letzte  wissenschaftliche  Arbeit  und  betrifft  die  schon  von  Link*' 
und  Meyen*^  unvollständig  beschriebenen  Bewegungen  der  Spiro- 
gyra-Fäden,  welche  einmal  im  Wasser  rasche  und  ansehnliche 
Krümmungen  machen,  ferner  an  der  Wand  des  Gefäßes  empor- 
steigen und  auch  frei  aus  dem  Wasser  sich  erheben  können.  Hof- 
meister führt  diese  Bewegungen  richtig  auf  Wachstumsunterschiede 
der  konkav  und  konvex  werdenden  Kanten  des  Fadens  zurück  und 
beweist  diese  Ansicht  durch  genaue  Messungen. 

Die  von  Hofmeister  vielfach  angenommene  Abhängigkeit 
der  Gestaltung  der  Pflanzen  von  äußeren  Kräften  soll  im  nächsten 
Abschnitt  besprochen  werden. 

1.  Haies,  St.    Vegetable  Statiks.  London  1727.  S.  lOOff. 

2.  Brücke,  E.  Ueber  das  Bluten  des  Rebstocks.  Poggendorffs  Annal. 
CLIX.  1844.  S.  177. 

3.  Pfeffer,  W.    Osmotische  Untersuchungen.    Leipzig  1877.  S.  227. 

4.  Sachs,  J.    Geschichte  der  Botanik.    München  1875.  S.  576. 

5.  Matteucci.    Revue  des  deux  mondes  XXXIV.  1861.  S.  654. 

6.  Pfeffer,  W.    Pflanzenphysiologie.    2.  Aufl.  I.  1897.  S.  248 

7.  Sachs,  J.  Handbuch  der  Experimentalphysiologie  der  Pflanzen. 
Leipzig  1865.    S.  475. 

8.  Knight,  Th.  On  the  direction  of  the  Radicle  and  Germen  during  the 
Vegetation  of  seeds.    Philosoph.  Transact.  1806.  S.  99. 

9.  Johnson,  H.  Edinburgh  new  philos.  Journal  1828.  S  312—317. 
Vgl.  Frank,  Beiträge  zur  Pflanzenphysiologie  1868.  S.  5. 

10.  Sachs,  J.    Pflanzenphysiologie  S.  92  ff. 

11.  Sachs,  J.  Lehrbuch  der  Botanik.  Leipzig  1868.  S.  576. 

12.  Frank,  A.  B.    Beiträge  zur  Pflanzenphysiologie.    Leipzig  1868.  S.  5. 

13.  Frank,  A.  B.    Ueber  Hofmeisters  Einwendungen  gegen  meine  Lehre 
vom  Geotropismus.    Bot.  Zeit.  1868.  S.  561  f. 

14.  Müller,   N.  J.  C.     Vorläufige   Notiz   zu   Untersuchungen    über  die 
Wachsthumserscheinungen  der  Wurzeln.    Bot.  Zeit.  1869.  S.  401. 

*  Über  die  Bewegungen  der  Fäden  von  Spiro^yra  priuceps  (Vauch.)  Link. 
Württemberg,  naturwiss.  Jahreshefte  XXX.  1874.  S.  211-226. 

22* 


jß 


340  Ernst  Pfitzer  [76 


15.  Sachs,  J.    Lehrbuch  der  Botanik.    3.  Auflage.    Leipzig  1873.  S.  755. 

16.  Brücke»  E.    Ueber  die  Bewegungen  der  Mimosa  pudica.    Mullers 
Archiv  f.  Anatom,  und  Physioi.  1848.  S.  434. 

17.  Graham,   Th.    Liquid   diffusion    applied    to   analysis.   Philosoph. 
Transact.    1861.    S.  183  ff. 

18.  Pfeffer,  W.    Pflanzenphysiologische  Untersuchungen.  Leipzig  1873. 
S.  11.  Sachs,  Pflanzenphysiologie  1865.  S.  481. 

19.  Ebenda  S.  133  ff. 

20.  Ebenda  S.  162. 

21.  Unger,  F.    Nehmen   die  Pflanzen  dunstförmiges  Wasser  aus  der 
Atmosphäre  auf?    Sitz.-Bericht  d   Wien.  Akadem.  IX.  1852.  S.  885. 

22.  Pfeffer,  W.    Pflanzenphysiologie  11.  1881.  S.  202. 

23.  Nägeli,  C ,  und  Schwendener,  S.    Das  Mikroskop.  II.  1867.  S.  406. 

24.  Sachs,  J.    Pflanzenphysiologie  1865.  S.  495,  466. 

25.  Pfeffer,  W.    Pflanzenphysiologie  1881.    S.  300. 

26.  Jessen.  C.    Die  Vacuole  eine  physikalische  Unmöglichkeit.  Möllers 
Archiv  f.  Anatomie  und  Physiologie  1868.  S.  334. 

27.  Link,  H.  Grundlehren  der  Anatomie  und  Physiologie.  1807.  S.  263. 

28.  Meyen,  F.    Neues  System  der  Pflanzenphysiologie  1839.  S.  567. 


VH.  Allgemeine  Morpholognie. 

Die  erste  Arbeit  Hofmeisters,  welche  allgemein  morpho- 
logische Fragen  streift,  ist  seine  „Entstehung  des  Embryos  der 
Phanerogamen"  (1849)*.  Das  Stehenbleiben  des  Embryos  auf  ver- 
schiedenen, oft  sehr  frühen  Entwicklungsstadien  {Monotropa^  Orcbis, 
Ga^ea  u.  s.  w.)  und  die  oft  „ideale",  d.  h.  kaum  erkennbare 
Stammknospenanlage  werden  erwähnt.  Bei  den  Monokotylen  hält 
Hofmeister  die  Stammknospe  für  terminal,  den  Kotyledon  für 
seitenständig,  bei  den  Gräsern  (S.  31)  Keimscheide  und  Scutellum 
für  Teile  des  letzteren  (vgl.  unten  S.  342). 

Wichtiger  für  unseren  Zweck  sind  die  „Vergleichenden  Unter- 
suchungen"**, die  allgemeinere  Fragen  berühren.  So  sagt  Hof- 
meister hier:  „Die  Unterschiede  der  Entwicklung  von  Blatt  und 

•  Vgl.  S.  281. 
••  Vgl.  S.  295. 


77]  Wilhelm  Hofmeister.  341 


Stamm  sind  nur  quantitativ,  nicht  qualitativ.  Nur  Stamm  und  Blatt, 
mit  allen  ihren  Modifikationen  als  zusammengehörendes  Ganze  der 
Wurzel  gegenübergestellt,  zeigen  eine  durchgreifende  Verschiedenheit 

der  Regeln  ihrer  Zellenvermehrung  von  dieser jede  Hoffnung, 

aus  der  Art  der  Zellenvermehrung  ein  allgemein  gültiges  Unter- 
scheidungsmerkmal zwischen  Achse  und  appendikulären  Organen 
abzuleiten,  muß  aufgegeben  werden.  . .  Es  ist  ein  völlig  unausführ- 
bares Verfahren,  Blatt  und 'Stengel  danach  unterscheiden  zu  wollen, 
daß  dem  letzteren  unbegrenztes  Wachstum  zukomme,  dem  ersteren 
begrenztes  (S.  88)  .  .  .  Daß  das  Blatt  durch  Zellenteilung  in 
einer  endständigen  Scheitelzelle  in  die  Länge  wachse,  ist  für 
die  unendliche  Mehrzahl  der  Fälle  entschieden  unrichtig  (S.  141). 
.  .  .  Die  Ausdehnung  des  Satzes,  daß  der  Stamm  durch  dauernde 
Vermehrung  seiner  Scheitelzelle  wachse,  auf  die  Phanerogamen 
im  allgemeinen  halte  ich  für  durchaus  ungerechtfertigt  .  .  . 
in  manchen  Fällen  glaube  ich,  daß  die  wiederholte  gleichzeitige 
Teilung  mehrerer  Scheitelzellen  das  Längenwachstum  des  Sten- 
gels vermittle  (S.  142)  ...  .  Ein  neuer  Stamm  entsteht  an  der 
Oberfläche  der  Mutterachse,  und  zwar  vor  der  Vollendung  der 
Qewebezellbildung  in  die  Dicke,  nur  ein  Adventivsproß  im  Innern 
des  Zellgewebs  der  Mutterachse  (S.  141).** 

Um  die  Bedeutung  dieser  Sätze  im  Jahre  1851  zu  würdigen, 
müssen  wir  berücksichtigen,  daß  Nägeli*  (1846)  allen  Pflanzen- 
organen ohne  Ausnahme  Scheitelzellen  zuschrieb  und  die  ersteren 
demgemäß  auch  durchweg  aus  einer  einzigen  Zelle  entstehen  ließ, 
sowie  den  Satz  aufgestellt  hatte,  daß  die  Stammverzweigung  aus 
einer  Zelle  im  Innern  der  Mutterachse,  das  Blatt  dagegen  aus 
einer  Zelle  an  der  Oberfläche  der  letzteren  entstehe,  und  zwar 
lange  bevor  das  Wachstum  des  Stamms  in  die  Dicke  durch  peri- 
pherische Gewebezellbildung  vollendet  sei,  während  das  ebenfalls 
oberflächlich  entstehende  appendikuläre  Organ  (Haar)  erst  nach 
Vollendung  dieses  Dickenwachstums  gebildet  werde.    Ferner  nahm 


342  Ernst  Putzer  [78 


Nägeli  an,  daß  das  Blatt  nur  an  seiner  Spitze  und  am  Rande 
wachse,  während  Seh  leiden*  noch  1850  behauptete,  daß  der 
Stamm  nur  an  der  Spitze,  das  Blatt  nur  am  Grunde  wachse,  so 
daß  die  Spitze  an  jenem  der  jüngste,  an  diesem  der  älteste  Teil  sei. 

Hofmeisters  oben  angeführte  Sätze  entsprechen  fast  durch- 
weg unseren  heutigen  Anschauungen.  Hinsichtlich  der  Blattentwick- 
lung hat  derselbe  besonders  hervorgehoben  (S.  65),  daß  weder 
Nägeli,  noch  Schieiden  das  Richtige  getroffen  habe,  daß  viel- 
mehr zuerst  ein  Spitzenwachstum,  später  ein  interkalares  Wachs- 
tum stattfinde  (S.  63,  141). 

Bei  den  Farnen  bestreitet  Hofmeister  Nägelis'  Deutung 
ihres  Stamms  als  Sympodium  und  begründet  dann  seine  —  1857 
aufgegebene  —  Annahme,  daß  die  Spreuschuppen  die  wahren 
Blätter  dieser  Planzen,  die  „Wedel"  aber  Zweige  seien  (S.  88), 
bei  den  Farnen  erklärt  er  alle  Seitenknospen  für  adventiv  (S.  94), 
bei  Sela^iiiellü  wird  die  Dichotomie  des  Stengels  besprochen. 

1852  folgten  Beobachtungen  über  die  Sproßfolge  und  Embryo- 
entwicklung von  Zosicra  tnarhia,*  Die  fleischige  platte  Masse,  welche 
Hofmeister  als  dem  Schildchen  des  Gramineenkeimlings  gleich- 
wertig erachtet,  wird  dabei  als  primäre  Achse  gedeutet  und  diese 
Vorstellung  auch  auf  die  Embryonen  der  Liliaceae  u.  s.  w.  über- 
tragen, wo  der  einzige  Kotyledon  also  auch  für  ein  Stammorgan 
erklärt  wird,  an  dem  seitlich  die  spätere  beblätterte  Achse  hervor- 
sproßt. Neuere  Forscher  (Göbel\  Rosen berg*)  deuten  den 
fraglichen  Teil  des  Embryos  von  Zostera  als  hypokotyles  Glied. 
In  einer  Anmerkung**  aus  dem  Jahre  1857  nennt  Hofmeister 
selbst  dieses  Gebilde  eine  Wucherung  der  Achse  und  betont  noch- 
mals, daß  der  Vegetationspunkt  der  monokotylen  Embryonen  nur 
scheinbar,  infolge  seitlicher  Ablenkung  durch  das  Wachstum  des 
Kotyledons,  lateral  sei. 

•  Vgl.  S.  284. 
••  Beiträge  u.  s.  w.  1857.  (Vgl.  S.  309.) 


79]  Wilhelm  Hofmeister.  343 


"V.yv" 


Im  Jahre  1857  gibt  dann  Hofmeister*  für  Blatt-  und  Haar- 
gebilde eine  neue  Begrenzung,  die  er  auch  später  in  der  „All- 
gemeinen Morphologie"  festhält.  „Sucht  man  dagegen  den  Unter- 
schied zwischen  Haargebilden  und  Blättern  darin,  daß  die  Blatt- 
bildung an  der  Achse  der  Haarbildung  stets  vorausgeht,  so  erhält 
man  ein  durchgreifendes  Kennzeichen  beider;  man  wird  bei  keiner 
Pflanzenachse,  die  beide  Formen  appendikulärer  Organe  besitzt, 
über  die  Bestimmung  derselben  in  Zweifel  sein."  Infolgedessen 
erklärt  er  nun  die  „Wedel"  der  Farne  für  Blätter,  die  Spreu- 
schuppen für  Haare  (S.  646—647).  im  Gegensatz  zu  seiner  früheren 
richtigeren  Ansicht  von  1851  nimmt  er  jetzt,  nur  mit  der  Ein- 
schränkung, daß  es  nicht  immer  gelingt  sie  nachzuweisen,  auch 
bei  den  Blütenpflanzen  Scheitelzellen  an.  Anderseits  erkannte  er 
aber,  daß  bei  Organen,  welche  aus  zahlreichen  Zellen  zusammen- 
gesetzt sind,  zwar  die  Hauptrichtungen,  in  welchen  die  Zellver- 
mehrung erfolgt,  bestimmte  sind,  daß  dagegen  die  Zahl  und 
Reihenfolge  der  Teilungen  sich  in  nicht  eben  engen  Grenzen  be- 
wegt (S.  643).  Später  hat  Hofmeister  hinsichtlich  der  Scheitel- 
zellen seine  Ansicht  abermals  geändert,  in  der  „Vergleichenden 
Morphologie"  sagt  er:  „Aber  die  Annahme  ...  ist  .  .  .  untunlich 
bei  sehr  vielzelligen  Vegetationspunkten,  deren  Wachstum  in  vielen, 
auf  der  jeweiligen  Außenfläche  senkrechter  Richtungen  gleichmäßig 
oder  nahezu  gleichmäßig  fortschreitet,  derart,  daß  die  neu  hinzu- 
kommende  Körpermasse  die  bisherige  Außenfläche  in  Form  eines 
Mantels  irgend  eines  von  doppeltgekrümmten  Flächen  umgebenen 
Körpers  umgibt,  dessen  eine  Achse  mit  derjenigen  des  Vege- 
tationspunktes zusammenfällt.  Es  ist  dann  eine  Vielzahl  von 
Zellen  der  Oberfläche  des  Vegetationspunktes,  welche  durch  im 
allgemeinen  den  Chorden  der  freien  Außenfläche  parallele  Wände 
ziemlich  gleichzeitig  geteilt  werden.  Eine  Scheitelzelle,  welche 
durch    Bildung   von  Segmentzellen  alle  Zellvermehrung  einleitet, 

*  Ebenda  S.  646. 


344  Ernst  Pfitzer  [80 


-^yy^ 


kann  an  solchen  Vegetationspunkten  nicht  unterschieden  werden. 
Auch  wenn  eine  einzige  Zelle  den  Scheitel  des  Vegetationspunktes 
einnimmt,  ist  sie  in  keinem  Durchschnitt  parallel  der  Achse  von 
dreieckiger  Form.  Sie  ist  nach  unten  hin  durch  eine  zu  jener 
Achse  nahezu  rechtwinkhge  Wand  begrenzt  .  .  .  Seitenachsen 
und  Blätter,  die  an  einem  solchen  Vegetationspunkte  sich  ent- 
wickeln, treten  über  dessen  Außenfläche  in  der  Weise  hervor,  daß 
schon  an  der  ersten  Erhebung  die  freien  Außenwände  mehrerer, 
meist  vieler  Zellen  beteiligt  sind.  Sehr  viele  Pflanzen,  wohl  die 
Mehrzahl  der  Phanerogamen,  zeigen  diese  Verhältnisse**  (S.  513). 
Nur  bei  einzelnen  Blütenpflanzen  nimmt  er  auch  jetzt  noch  Schei- 
telzellen an  (S.  514). 

Wir  werden  zugeben  müssen,  daß  Hofmeister  hier  der  ein 
Jahr  später  veröffentlichten  Entdeckung  Hansteins^  über  die 
Fortentwicklungsweise  der  Vegetationspunkte  höherer  Pflanzen 
ziemlich  nahe  gekommen  ist,  wenn  er  auch  den  entscheidenden 
Punkt,  die  von  vornherein  schalenförmige  Anordnung  der  Zellen 
nicht  erkannt  hat,  sondern  vielmehr  wiederholte  perikline  Tei- 
lung dicht  an  der  Oberfläche  voraussetzt. 

In  den  „Zusätzen  und  Berichtigungen**  stellte  Hofmeister* 
1863  einige  sehr  wichtige  allgemeine  Sätze  auf.  Ausgehend  von 
den  Vorgängen  am  Stammscheitel  der  Laubmoose  sagt  er:  ^Es 
ist  für  mich  ein  Erfahrungssatz  von  allgemein  durchgreifender 
Gültigkeit  geworden,  daß  der  Teilung  jeder  Zelle  eines  im  Knospen- 
zustand befindlichen  Organs  ein  Wachstum  dieser  Zelle  voraus- 
geht. Keine  Zelle  teilt  sich,  ohne  vorher  an  Größe  —  wenn  auch 
nur  mäßig  —  zugenommen  zu  haben.  Das  Wachstum  keiner 
Zelle  nach  einer  bestimmten  Richtung  hin  überschreitet  eine  ge- 
wisse, meist  sehr  eng  bemessene  Grenze,  ohne  daß  eine  Scheide- 
wandbildung in  der  Zelle  erfolgte.  Die  Stellung  der  neu  ent- 
stehenden Scheidewand  ist  durch  das  vorausgegangene  Wachstum 

•  Zusätze  u.  s.  w.  S.  272.    (Vgl.  S.  311.) 


81]  Wilhelm  Hofmeister.  345 


der  Zeilen  genau  bestimmt:  die  teilende  Wand  steht  ausnahmslos 
senkrecht  zur  Richtung  des  stärksten  vorausgegangenen  Wachs- 
tums der  Zelle.  Wohlgemerkt,  nicht^senkrecht  zum  größten  Durch- 
messer der  Zelle,  der  mit  der  Richtung  des  stärksten  Wachstums 
nicht  zusammenzufallen  braucht,  und  in  sehr  vielen  Fällen  in  der 
Tat  auch  nicht  mit  ihr  zusammenfällt.  —  Das  Wachstum  der 
einzelnen  Zellen  eines  im  jüngsten  Knospenzustand  befindlichen 
Organs  ist  aber  dem  Gesamtwachstum  des  Organs  untergeordnet. 
Die  zur  Erreichung  oder  Erweiterung  bestimmter  Formen  hin- 
strebende Massenzunahme  des  Organs  kann  nicht  aufgefaßt  werden 
als  die  Summe  der  den  einzelnen  Zellen  innewohnenden  indi- 
viduellen Bildungstriebe,  sondern  es  muß  angenommen  werden, 
daß  Größenzunahme  und  Formänderungen  der  einzelnen  Zellen 
nur  in  dem  Maße  erfolgen,  welches  die  allgemeine  Wachstums- 
richtung des  Organs  den  einzelnen  Zellen  gibt.  —  Die  Anord- 
nung der  Zellen  eines  im  Knospenzustand  befindlichen  Organs 
erscheint  bei  dieser  Anschauung  ein  sekundäres  Phänomen,  als 
bedingt  durch  die  Orte  intensivsten  Wachstums.  Ein  Stengelende 
wird  dann  deutiich  eine  einzige  Scheiteizelle  erkennen  lassen,  wenn 
die  Massenzunahme  des  Scheitelpunktes  rascher  ist  als  die  seiner 
nächsten  Umgebung.  Eine  Zunahme  der  Masse,  in  der  Ebene 
parallel  einem  Kreisbogen,  im  Räume  parallel  der  Fläche  eines 
Sphäroids,  wird  eine  fächerig-strahlige  Anordnung  der  Zelle  zur 
Folge  haben  u.  s.  w." 

In  der  „Pflanzenzelle"  (1866)  sucht  Hofmeister  ferner  das 
Wachstum  im  Vegetationspunkt  auf  Wanderungen  der  Plasmas 
zurückzuführen  —  hier  ist  bestimmt  gesagt,  daß  bei  der  Verzwei- 
gung von  Cladophora  die  Neigung  der  im  Ast  entstehenden  Scheide- 
wand abhängig  ist  von  dem  Winkel,  den  letzterer  mit  der  Haupt- 
achse macht,  „die  Wand  steht  senkrecht  auf  der  Achse  der  Aus- 
stülpung** (S.  127),  die  hier  mit  der  Richtung  des  stärksten  voraus- 
gegangenen Wachstums   zusammenfällt.     Bei   Organen,   die  von 


346  Ernst  Pfitzer  [82 


einer  Kurve  begrenzt  sind,  sagt  er:  „Jede  einzeln^  Wand  ist  dann 
senkrecht  auf  dem  von  ihr^  geschnittenen  kleinsten  Abschnitt  der 
Kurve"  (S.  130). 

h'j  Diese  Ausführungen  stimmen,  wie  schon  Hegelmaier*  her- 
vorhob, dem  Grundgedanken  nach  überein  mit  den  bekannten 
Darlegungen  von  Sachs^^:  „Über  die  Anordnung  der  Zellen  in 
jüngsten  Pflanzenteilen**.  Sachs  sucht  allerdings  in  dieser  Ab- 
handlung zu  zeigen,  daß  nur  der  in  dieser  Form  in  der  „Pflanzen- 
zelle** (S.  129)  ausgesprochene  Satz:  „Die  Bildung  neuer  Zellen 
im  Vegetationspunkt  ist  eine  Funktion  des  allgemeinen  Wachs- 
tums, nicht  seine  Ursache**  mit  seiner  Auffassung  völlig  überein- 
stimme, während  dagegen  das  „Prinzip  der  rechtwinkligen  Schnei-, 
düng**  nicht  gegeben  sei  durch  den  Satz,  daß  die  Scheidewand 
auf  der  Richtung  des  intensivsten  vorhergegangenen  Wachstums 
senkrecht  stehe. 

Einen  erheblichen  Raum  in  Hofmeisters  morphologischen 
Arbeiten  nehmen  die  Beziehungen  der  Scheitelzellteilung  zur  Blatt- 
stellung ein.  In  den  „Beiträgen**  (1857)*  kommt  er  (S.  641)  zu 
der  Auffassung,  daß  die  Form  der  Scheitelzelle  der  Blattstellung 
in  der  Weise  entspreche,  daß  sie  keilförmig  (mit  2  Segmentreihen) 
sei  bei  den  zweizeilig  beblätterten  Gräsern,  Iris  u.  s.  w.,  sowie 
bei  Bäumen  mit  dekussierter  Blattstellung,  tetraedrisch  dagegen 
bei  gerade  oder  schief  dreizeiliger  Blattstellung  (Robinia,  Pinus, 
Zamia), 

In  derselben  Abhandlung  wird  ferner  (S.  636)  der  Satz  be- 
gründet, daß  die  Teilungen  der  tetraedrischen  Scheitelzellen  der 
Farne  in  ihrer  Folge  übereinstimmen  mit  der  Spirale  der  Blatt- 
stellung und  die  „Verschiebungstheorie**  entwickelt,  welche  ihr 
Begründer  später  wieder  aufgeben  mußte.  Hofmeister  geht  aus 
von  Messungen  der  Seitenlängen  der  von  der  Fläche  als  gleich- 

•  VjJl.  S.  309. 


83]  Wilhelm  Hofmeister.  347 

seitiges  Dreieck  erscheinenden  Scheitelzelle  von  Aspidium  Filix  was 
und  findet,  daß  die  gleichen  Dreieckseiten  annähernd  den  Sehnen 
eines  */i3  des  Kreisumfangs  messenden  Winkels  entsprechen,  daß 
also  die  Seitenwinkel  des  Dreiecks  der  halben  Divergenz  gleich 
sind.  Er  widerlegt  dann  die  Vorstellung,  daß  die  neue  Wand,  unter 
demselben  Winkel  einer  Seitenwand  des  Dreiecks  sich  ansetzend, 
ein  dem  letzteren  ähnliches  Dreieck  abschneide,  und  entscheidet 
sich  für  die  Annahme,  daß  nach  Bildung  einer  einer  Seitenwand 
parallelen  Wand  das  abgeschnittene  kleinere  Dreieck  sich  senk- 
recht zu  der  neu  entstandenen  Wand  solange  strecke,  bis  es  Größe 
und  Form  des  ursprünglichen  erreicht  habe:  die  Wiederholung  die- 
ses Vorgangs  wird  durch  eine  schematische  Figur  (Taf.  Vll,  F.  19) 
dargestellt. 

1863  wiederholt  Hofmeister*  diesen  Gedankengang  mit 
Bezug  auf  die  Entstehung  der  ^5,  ^/s  oder  ^/i3  betragenden  Diver- 
genz der  S/>/;^^;z//w  -  Blätter  bei  tetraedrischer  Stammscheitelzelle. 
Trotzdem  er  hier,  wie  später  Leitgeb^  nachwies,  irrtümlich  an- 
nimmt, daß  der  Seitenzweig  bei  Sphagnum  seitlich  von  der  für  die 
Blattbildung  bestimmten  Zelle  abgeschnitten  werde,  erklärt  er  sich 
doch  für  den  von  Pringsheim^®  aufgestellten  Satz,  daß  alle  nor- 
male Verzweigung  auf  einer  Gabelung  der  Stammspitze  oberhalb 
des  jüngsten  Blatts  beruhe,  weil  er  nicht  in  der  Abtrennung  des 
Segments,  sondern  erst  in  der  der  Sproßentstehung  nachfolgenden 
Wölbung  der  Blattanlagezelle  nach  außen  den  Entstehungsmoment 
des  Blattes  sieht,  in  der  „Pflanzenzelle"  sind  diese  Anschauungen 
teils  wiederholt,  teils  modifiziert.  Hier  wird  der  Satz  aufgestellt: 
„Die  Form  der  Scheitelzelle  läßt  keine  unmittelbare  Beziehung  zur 
Blattstellung  erkennen"  (S.  134).  Dagegen  wird  außer  den  Form- 
änderungen der  Scheitelzelle  durch  Streckung  senkrecht  zur  Richtung 
des  vorhergegangenen  Wachstums  (S.  135,  136)  jetzt  angenommen, 


Zusätze  u.  s.  w.  S.  268  f.  (Vgl.  S.  311.) 


348  Ernst  Pfitzer  fS^ 

daß  das  Breitenwachstum  der  jüngsten  Blätter  das  Gewebe  der 
Endknospe  nach  bestimmten  Richtungen  verzerre  (S.  139).  wo- 
durch wieder  die  Richtung  neu  entstehender  Wände  beeinflußt 
werde,  wofür  Beweise  darin  gefunden  werden,  daß  die  Scheitelzeile 
blattloser  Sprosse  ihre  Form  ändern  kann,  nachdem  Blätter  ent- 
standen sind;  bei  Schisiostega  ändert  die  durch  Lichtzutritt  aus  der 
dreizeiligen  in  die  zweizeilige  übergehende  Blattstellung  allmählich 
die  Gestalt  der  Scheitelzelle  vom  Tetraeder  zum  Keil  um  (S.  142). 
Ausführlicher  ist  diese  Frage  besprochen  in  der  Abhandlung"" 
„Über  die  Frage:  Folgt  der  Entwicklungsgang  beblätterter  Stengel 
dem  langen  oder  dem  kurzen  Weg  der  Blattstellung?**  Während 
bis  dahin  Hofmeister  die  Ansicht  vertreten  hatte,  daß  bei  den 
Vegetationspunkten  mit  tetraedrischer  Scheitelzelle  das  Wachs- 
tum der  Segmentzellen  nach  dem  kurzen  Weg  vorrücke,  über- 
zeugte er  sich  jetzt,  daß  dies  nur  der  häufigere  Fall  sei.  Er  führt 
aus,  daß  die  Achse  selbst  gar  kein  spiraliges,  sondern  ein  gradlinig 
fortschreitendes  Längen-  und  ein  dazu  radiales  und  tangentiales 
Dickenwachstum  habe,  bespricht  die  durch  Wachstum  erfolgende 
Horizontalsten ung  der  anfangs  stark  nach  innen  geneigten  Seg- 
mente, den  Mangel  schiefer,  auf  ein  spiraliges  Wachstum  deuten- 
der Wände  bei  schlanken,  weit  über  die  jüngsten  Blattanlagen 
hinausragenden  Vegetationspunkten  und  die  Streckung  gekrümmter, 
mit  Scheitelzellen  versehener  Stammspitzen  (Salvima,  Florideen). 
Eingehender  wird  dann  die  einseitige  Verbreiterung  der  Segmente 
bei  Polytrichum  u.  s.  w.  erörtert.  Die  Hauptwände  der  Segmente 
seien  ursprünglich  parallel,  trotzdem  habe  jedes  Blatt  bei  seiner 
Entstehung  schon  seine  definitive  Divergenz  infolge  der  oben  be- 
sprochenen Formänderung  der  Scheitelzelle:  statt  daß  früher  die 
Seitenwinkel  des  gleichschenkligen  Dreiecks  =  V«  des  kurzer»- 
Divergenzweges  gesetzt  werden,  wird  jetzt,  was  auf  dasselbe  hinaus 

•  Bot.  Zeit.  1867.  S.  33-37,  42—45,  49-52. 


85]  Wilhelm  Hofmeister.  349 


=^vr> 


kommt,  betont,  daß  der  Scheitelwinkel  gleich  der  halben  Differenz 
zwischen  großer  und  kleiner  Divergenz  sei.  „Die  tangential- 
schiefe  Verzerrung  der  oberen  und  unteren  Grenzen  von  Segment- 
zellen, die  daraus  resultierende  Verschiebung  der  Winkel  und  der 
Seitenlängen  der  Scheitelzellen  der  Stämme  von  Pflanzen  mit  schräg 
dreizeiliger  Blattstellung  dürfen  somit  betrachtet  werden  als  be- 
ruhend auf  der  ungleichen  Dehnung,  welche  das  Breitenwachstum 
junger  Blätter  auf  die  plastische  Gewebemasse  des  Stammendes 
übt.  Es  kann  bei  dieser  Auffassung  nicht  befremden,  daß  die 
einseitige  Verbreiterung  der  Segmentzellen  bei  Pflanzen  derselben 
Art  bald  an  dem  Ende  beginnt,  welches  dem  kurzen  Weg  der 
Blattstellung  nach  das  hintere  ist,  bald  an  dem  entgegengesetzten. 
Diese  Erörterungen  machen  die  in  der  Überschrift  ausgesprochene 
Frage  gegenstandslos." 

Analoge  Darstellungen  finden  sich  in  der  „Allgemeinen  Mor- 
phologie** (S.  516  f.),  wo  Hofmeister  auch  die  Einwände  zu 
widerlegen  sich  bemüht  (S.  519),  welche  Nägeli  und  Leitgeb^^ 
gegen  seine  Verschiebungstheorie  erhoben  hatten  —  dieselben 
hatten  die  von  Hofmeister  vorausgesetzte  Verschiebung  für  geo- 
metrisch und  mechanisch  unmöglich  erklärt  und  besonders  seine 
Winkelberechnung  für  die  ^/u  Stellung  als  irrtümlich  bezeichnet. 
Untersuchungen  Leitgebs^^  und  Müllers*^  auf  demselben  Ge- 
biet, welche  ebenfalls  nicht  mit  den  von  Hofmeister  gezogenen 
Schlüssen  übereinstimmten,  veranlaßten  letzteren  dann  1870,  in 
einem  Aufsatz*  „Über  die  Zellenfolge  im  Achsenscheitel  der  Laub- 
moose** nochmals  auf  denselben  Gegenstand  zurückzukommen. 
Er  gibt  hier  zu,  daß  seine  Theorie  auf  der  nicht  ausdrücklich 
ausgesprochenen  Voraussetzung  beruhe,  daß  im  Moment  der 
Bildung  des  jüngsten  Segments  die  dem  Achsenzentrum  zugewen- 
dete Kante  der  Außenfläche  des  Segments  3  bereits  eine  Knickung 


Bot.  Zeit.  1870.  S.  441-449,  457—466,  473—478.  Taf.  VII. 


350  Ernst  Pfitzer  [86 


oder  Krümmung  vollzogen  habe,  derart,  daß  diese  Innenkante 
sich  auch  an  der  Bildung  der  ältesten  Seite  des  Scheitelflächen- 
dreiecks beteiligt.  Er  findet  die  tatsächlichen  Ansichten  der  Laub- 
moosstammspitze von  oben  mit  dieser  Voraussetzung  gut  über- 
einstimmend, wenn  der  Vegetationspunkt  schlank  ist,  erkennt  aber 
an,  daß  sich  diese  Anschauung  auf  flache  oder  eingesenkte  Vege- 
tationspunkte nicht  ohne  weiteres  übertragen  läßt,  weil  jene  Vor- 
aussetzung hier  nicht  zutrifft.  Aber  auch  für  die  ersteren  Fälle 
setzt  er  jetzt  an  die  Stelle  der  Verschiebung  der  Scheitelzelle  eine 
Verschiebung  der  Außenfläche  des  jeweils  zweitjüngsten  Segments, 
dessen  ursprünglich  parallele  Hauptwände  später  divergieren,  so 
daß  das  Segment  nach  außen  trapezoidische  Begrenzung  erhält. 

In  dieser  Veröffentlichung  gibt  Hofmeister  ferner  zu.  daß 
der  Seitenzweig  der  Laubmoose  aus  der  unteren,  das  Blatt  aus 
der  oberen  Hälfte  des  gleichen  Segments  sich  bilde  (S.  464), 
womit  die  früher  gegebene  Definition  von  Blatt  und  Stamm 
nach  der  Entstehungsfolge  hinfällig  wird.  Er  bemüht  sich 
an  jungen  Antheridien  von  Polytrichum,  welche  er  als  Seiten- 
zweige betrachtet,  zu  zeigen,  daß  sie  sich  vor  dem  Blatt  aus  der 
Stammoberfläche  hervorwölben.  Ferner  geht  er  noch  auf  Ein- 
wände ein,  welche  Pringsheim^^  aus  der  Entwicklungsgeschichte 
von  Salvinia,  Rohrbach^'  aus  derjenigen  des  Blütenstandes  von 
Typha  gegen  seine  Unterscheidung  der  Organe  nach  der  Zeitfolge 
ihrer  Bildung  erhoben  hatten. 

Es  erübrigt  jetzt  noch  die  Besprechung  von  Hofmeisters* 
„Allgemeiner  Morphologie",  soweit  dieselbe  nicht  schon  in  der 
vorstehenden  Darstellung  zum  Vergleich  herangezogen  wurde. 
Dieses  Buch  enthält  fast  überall  so  viele  eigene  Gedanken,  weicht 
in  seiner  Auffassung  so  wesentlich  von  den  zur  Zeit  seines  Er- 
scheinens herrschenden  Vorstellungen  ab,  daß  es  zweckmäßig  er- 

*  Handbuch  der  physiologischen  Botanik,  I.  Band.  2.  Abtheilung.  All- 
gemeine Morphologie  der  Gewächse.    Mit  134  Holzschnitten.  Leipzig  1868. 


87]  Wilhelm  Hofmeister.  351 


scheint,  in  möghchster  Kürze  den  ganzen  Gedankengang  Hof- 
meisters hier  wiederzugeben.  Nur  die  Teile  der  Morphologie, 
in  welchen  er  sich  ganz  dem  Hergebrachten  anschließt,  wo  er 
lediglich  reproduziert,  sollen  dabei  außer  Betracht  bleiben. 

Ausgehend  von  einer  Definition  des  Wachstums  als  Vergröße- 
rung des  Volumens  mit  oder  ohne  Zunahme  der  Masse  bespricht 
Hofmeister  zunächst  die  Wachstumsrichtungen  und  charakterisiert 
dann  die  Organe  der  Pflanzen.  Er  unterscheidet  von  der  Haupt- 
achse die  Seitenachsen  als  Wiederholungen  der  ersteren,  entstehend 
entweder  durch  Teilung  des  Vegetationspunktes  oder  seitlich  davon, 
wobei  er  Dichotomie  und  seitliche  Verzweigung  als  durch  Über- 
gänge verbunden  anerkennt:  ein  im  Zustand  des  Vegetations- 
punktes befindlicher  Pflanzenteil,  welcher  eine  Seitenachse  hervor- 
sprossen läßt,  muß  selbst  ein  Stengelgebilde  sein.  Blatt-  und 
Haargebilde  haben  ein  begrenzteres  Wachstum,  meist  abweichende 
Gestalt  und  kürzere  Lebensdauer:  jedoch  sind  die  Unterschiede 
dieser  drei  Organe  nur  relative  —  Übereinstimmung  oder  Ver- 
schiedenheit der  äußeren  Form,  des  inneren  Baus  und  der  Funktion 
sind  nicht  maßgebend  für  die  morphologische  Deutung.  Dagegen 
entstehen  Seitenachsen  früher  und  dem  Scheitel  näher  als  neue 
Blätter,  Haare  noch  später  und  tiefer.  Durch  das  verschiedene 
Maß  der  Streckung  der  Stammquerscheiben  werden  dann  Knoten 
und  Internodien  gesondert.  Als  adventiv  definiert  Hofmeister 
Seitenzweige,  welche  an  einem  bereits  aus  dem  Zustand  des  Vege- 
tationspunktes herausgetretenen  Pflanzenteile  exogen  oder  endogen 
entstehen,  als  Wurzeln  adventive  Achsen  endogener  Herkunft, 
deren  Vegetationspunkt  nach  allen  Richtungen  des  Raums  Dauer- 
gewebe abscheidet  —  auch  die  Hauptwurzel  denkt  er  sich  adven- 
tiv und  endogen  entstehend,  weil  ihre  Spitze  mindestens  vom 
Embryoträger  überdeckt  ist;  der  Vegetationspunkt  der  Mono- 
kotylenwurzeln  wird  dabei  als  „eine  zur  Längslinie  der  Wurzel 
senkrechte   Platte   aus    mehreren   Zellen**    bezeichnet.    Die  Ver- 


352  Ernst  Pfitzer  [88 


f'^y^ 


zweigung  der  Wurzeln  erfolgt  durch  Längsteilung  des  Vegetations- 
punktes oder  durch  endogen  entwickelte  „Seitenwurzeln**  —  nicht 
in  Wurzeln  entstehende  analoge  Gebilde  sind  „Neben wurzeln". 
Der  Habitus  der  Pflanzen  wird  auf  das  Maß  und  die  Richtung  der 
Auszweigungen  zurückgeführt  und  die  weite  Verbreitung  der  gerade 
über  der  Blattmediane  stehenden  Axillarknospe  betont  —  es 
entsteht  aber  weder  über  jedem  Blatt  eine  solche  Knospe,  noch 
hat  jede  Axillarknospe  ein  Tragblatt  — ,  bei  den  Kryptogamen 
namentlich  kommen  außerdem  seitlich  vom  Blatt  stehende  Knos- 
pen vor,  so  daß  ein  ursächlicher  Zusammenhang  zwischen  der 
Anlegung  eines  Blattes  einer  gegebenen  Achse  und  eines  Seiten- 
zweiges derselben  nicht  besteht.  Die  Besprechung  der  Verzwei- 
gungsverhältnisse und  der  Blattstellung  schließt  sich  eng  an 
Schimper  und  AI.  Braun  an  —  doch  führt  Hofmeister  auch 
inkonstante  Divergenzen  an.  Zahlreich  sind  die  von  ihm  bei- 
gebrachten Beispiele  dafür,  daß  die  Zeitfolge  der  Entstehung  bei 
Spiralstellungen  nicht  immer  dem  Grundwendel  folgt,  daß  höher 
inserierte  Organe  früher  auftreten  als  tiefere,  und  daß  selbst  die 
Glieder  eines  Wirteis  nicht  gleichzeitig  erscheinen.  Er  stützt  sich 
dabei  vielfach  auf  Payers  Organogenie  de  la  fleur,  und  die  Ent- 
wicklung gefiederter  Blütenteile  ist  nicht  immer  genügend  von  der- 
jenigen ungeteilter  geschieden.*^  Wichtig  ist,  daß  Hofmeister 
die  Schimpersche  Hypothese,  daß  die  Blattbildung  gewissermaßen 
ein  höherer  Wogenschlag  der  nach  dem  langen  Weg  den  Stamm 
spiralig  umziehenden  gestaltenden  Tätigkeit  sei,  für  einen  Irrtum 
erklärt,  der  drei  Jahrzehnte  die  gedeihliche  Entwicklung  der  Mor- 
phologie aufgehalten  habe,  und  daß  er  versucht,  den  Entstehung 
ort  des  neuen  Blattes  abzuleiten  aus  der  Stellung  und  dem  Breiten- 
wachstum der  schon  vorhandenen.  Wenn  auch  Hofmeisters  Auf- 
fassung später  noch  wesentliche  Modifikationen  erfahren  hat«  so 
war  dieselbe  doch  der  Beginn  einer  neuen  Richtung.  Dieses 
Kapitel  „Nächste  Bedingungen  der  Größe  der  Diveiigenzen  seitlicher 


Wilhelm  Hofmeister.  353 

einer    Achse",    welches    auch    die   Entstehung    der 

ihsen   und   die   Stellung   ihrer   ersten  Blätter  in  analoger 

;u  erklären  versucht,  ist  ein  wesentlicher  Fortschritt  gegen- 

ixsiisch-dunkeln   älteren    Theorie.     Schwendener" 

. -i    ..Cs  ist  zunächst  Hofmeisters  Verdienst,  das  Irr- 

>.  iTi  den  Grundanschauungen  der  Spirallheorte  klar  durch- 

lind  überzeugend  nachgewiesen  zu   haben Trotz 

^'■ii'^jfl  der  Beweisführung  leuchtet  der  mechanische  Faktor 
'  '  fl_  Jlt  angeführten  Tatsachen  doch  überall  so  deutlich 
'  i!'i  d^r  unbefangene  Leser  die  Überzeugung  gewinnt,  es 
fier  Hof  m  eiste  rschen  Darstellung  jedenfalls  ein  wirkliches 
iitdL<.verhältnis  zu  Grunde  liegen,  wenn  auch  mitunter  viel- 
anderes, als  der  Autor  angegeben.  Was  seit  dem  Er- 
der  Hofmeisterschen  Morphologie  über  Blattstellungen 
(licht  wurde,  hat  meines  Erachtens  das  Verständnis  der 
iiimcndcn  Steilungsverhältnisse  nicht  wesentlich  gefördert." 
aber,  wenn  er  auch  von  Hofmeisters  Darstellung  in 
Punkten  abweicht,  sagt  von  der  letzteren:  „Diese  Ab- 
Itsl  unzweifelhaft  das  Bedeutendste,  was  bis  jetzt  über 
geschrieben  wurde". 

eister  behandelt  weiter  die  Entwicklungsgeschichte 
wobei  die  in  neuerer  Zeit  von  Potonie'  wieder  auf- 
[Tnene  „Bcrindungstheorie"  ihren  Ausdruck  in  dem  Satze 
(S.  520):  Das  Dicken  Wachstum  des  Blattgrundes  ist  meist 
bedeutend,  daß  es  an  seiner  der  Stengelspitze  abgewandten 
ikseite  dem  Achsenumfang  neue  Gewebeschichten  auflagert  und 
Jen  Stengel  berindet  (S.  520).  Die  Differenzierung  des 
:is  wird  ziemlich  kurz  erledigt.  Im  Gegensatz  zu  früheren 
chauungen  läßt  Hofmeister  jetzt  das  Blatt  der  Blutenpflanzen 
einer  ganzen  Gruppe  von  Zellen  der  Peripherie  des  Stamm- 
tationspunkts  entstehen,  bestreitet  dagegen  die  Beteiligung  von 
en  des  Stamminnern,  wobei  aber  zweifelhaft  bleibt,  ob  er  unter 

.■^iichrlft  der  Unlvcnltll  Hcidelbers.    II.  23 


354  Ernst  Pfitzer  [90 


—  -  »*■ 


„Peripherie"  die  äußerste  oder  die  äußeren  Zelllagen  versteht 
(S.  528).  Die  großen  Verschiedenheiten  in  der  Lage  der  haupt- 
sächlich zellbildenden  Stellen  im  Blatt  werden  anschaulich  dar- 
gelegt, wobei  §iuch  eigene  Beobachtungen  über  die  Entwicklung 
des  Palmenblatts  gegeben  sind.  Die  Lage  der  Blattgebilde  in 
der  Knospe  wird  dargestellt  einmal  in  ihren  Beziehungen  zu  der 
Blattstellung,  zweitens  in  ihrer  Abhängigkeit  von  den  Wachstums- 
richtungen des  Blatts.  Wenig  Neues  bietet  der  Abschnitt  über 
die  Entwicklung  der  Haare,  Bemerkenswertes  dagegen  die  folgen- 
den Kapitel  über  Fehlschlagungen  und  Verwachsungen,  wo,  ohne 
diese  Worte  zu  gebrauchen,  schon  scharf  Abort  und  Ablast, 
sowie  Verwachsung  und  Fiederteilung  unterschieden  werden,  und 
auch  die  becherförmige  Gestaltung  der  Achsenenden  vieler  Blüten 
richtig  als  nicht  unter  den  Begriff  verwachsener  Blattkreise  gehörig 
ausgesondert  wird.  Metamorphose  und  Sproßfolge  sind  nur 
flüchtig  gestreift,  weil  sie  ja  in  einem  besonderen  Band  des  Hand- 
buchs ausführlich  behandelt  werden  sollten.  In  dem  Abschnitt 
über  Variabilität  hat  Hofmeister  sich  bemüht,  sicher  beglaubigte 
Fälle  des  Auftretens  neuer  Formen  zusammenzustellen  —  er 
betont  mit  Recht  einmal  das  Vorkommen  überaus  weitgehender 
Verschiedenheiten  gegenüber  der  Mutterpflanze,  andererseits  die 
„Plötzlichkeit  und  Unvermitteltheit  des  Auftretens  weitgreifender 
Abweichungen *".  In  Darwins  Hypothese  der  äußerst  zahlreichen 
und  äußerst  kleinen  entwicklungsfähigen  Keime  in  jedem  variie- 
renden Organismus  vermag  Hofmeister  nur  eine  Umschreibung 
der  alten  Präformationstheorie  zu  sehen.  Die  Bedeutung  der 
Zuchtwahl  und  den  Grundgedanken  Darwins  aber  ihre  Bedeutung 
bei  der  Entstehung  der  Arten  erkennt  Hofmeister  an,  dagegen 
erscheint  ihm  Nägelis  Hypothese  der  angestrebten  Vervoll- 
kommnung entbehriich  (S.  578).  Dann  fährt  er  fort:  »Wohl  aber 
bedarf  die  Darwinsche  Theorie  der  Korrektion  der  Untersuchung, 
inwieweit   von   außen  auf  den  Organismus   wirkende   Kräfte  für 


91]  Wilhelm  Hofmeister.  355 


dessen  Gestaltung  maßgebend  sind.  Mit  dieser  Frage  hat  der 
Autor  jener  Theorie  sich  nicht  beschäftigt.  Die  Nützlichkeitstheorie, 
ausgehend  von  der  in  ihrem  Warum  ganz  unbekannten  Neigung 
der  Organismen,  ihre  Eigenschaften  gelegentlich  etwas  abzuändern, 
erklärt  jede  in  der  Natur  vorkommende  Gestaltung  oder  sonstige 
Eigenschaft  eines  Organismus  für  eine  Anpassung  an  die  äußeren 
Verhältnisse  und  erklärt  damit  zu  viel,  sie  schneidet  die  Erforschung 
der  nächsten  Ursachen  ab.  Die  Tatsache  z.  B.,  daß  die  senkrecht 
wachsenden  Sprossen  einer  Kastanie  fünfzeilig,  die  gegen  den 
Horizont  geneigten  zweizeilig  beblättert  sind,  erklärt  sich  nach 
der  Nützlichkeitstheorie  sehr  leicht,  wenn  auch  nicht  einfach:  an 
den  vertikalen  Achsen  werden  die  Blätter  dann  der  Beleuchtung 
von  oben  die  meiste  Oberfläche  ohne  Beschattung  des  einen  durch 
das  andere  darbieten,  wenn  sie  schraubenlinig  stehen;  an  den  von 
der  Lotlinie  divergierenden  Zweigen  dagegen  bei  zweizeiliger  Blatt- 
stellung. Durch  Erblichwerden  der  Eigenschaft,  an  der  Hauptachse 
die  Blätter  nach  der  Divergenz  ^/s,  an  den  Seitenzweigen  aber 
zweizeilig  anzulegen,  könnte  jene  Anpassung  zu  stände  gekommen 
sein.  Der  Versuch  aber  zeigt,  daß  die  zweizeilige  Stellung  der 
Blätter  an  den  von  der  Vertikale  abgelenkt  wachsenden  Achsen 
durch  die  Einwirkung  der  Schwerkraft  verursacht  wird.  Es  ist 
eine  der  nächsten  und  dringendsten  Aufgaben  der  Forschung,  auf 
die  oben  ausgesprochene  Frage  Antworten  zu  suchen  .  .  .  Sei 
im  Folgenden  der  Anfang  davon  gemacht." 

Diese  Sätze  erklären,  warum  Hofmeister  die  vier  Kapitel 
„Beeinflussung  der  Gestaltung  der  Pflanzen  durch  in  Richtung  der 
Lotlinie  wirkende  Kräfte,  durch  die  Beleuchtung,  durch  ein- 
dringende fremde  Organismen  und  durch  die  Anordnung  ihnen 
benachbarter  Sprossungen  des  nämlichen  Pflanzenkörpers"  ge- 
wissermaßen als  Anhang  an  das  Ende  seines  Buches  gesetzt  hat. 
Gerade  dieser  Teil  der  Morphologie  ist  vielfach  unterschätzt  worden, 
weil   er  manche  unrichtige  Tatsachen   und   Folgerungen   enthält. 

23* 


^6  Ernst  Pfitzer  [92 


^ 


Es  bleibt  aber  das  Verdienst  Hofmeisters,  hier  einen  doch  viel- 
fach erfolgreichen  Versuch  gemacht  zu  haben  zur  Feststellung 
dessen,  was  sich  an  der  Gestalt  der  Pflanzen  durch  das  Experiment  in 
kurzer  Zeit  ändern  läßt,  gegenüber  dem,  was  durch  tausendjährige 
Wirkung  äußerer  Kräfte  so  fixiert  ist,  daß  es  von  dem  nur  eine 
kurze  Zeitspanne  dauernden  Versuche  unberührt  bleibt  (morpho- 
tropische  und  morphogene  Erscheinungen*^).  Zuzugeben  ist,  daß 
Hofmeister  vielfach  auslösende  Wirkung  und  mechanische  Ver- 
mittlung nicht  scharf  genug  geschieden  und  oft  Gestaltungen  auf 
Schwerkraft  oder  Licht  zurückgeführt  hat,  welche  schon  durch  die  ra- 
diäre oder  dorsiventrale  Beschaffenheit,  durch  die  Lage  des  Sprosses 
zu  der  Achse  gegeben  waren,  an  welcher  er  entstand.  Ebenso  sind 
die  auf  das  spezifische  Gewicht  verschiedener  Gemengteile  des 
Plasmas  basierten  Erklärungsversuche  (S.  629 — 633)  nicht  glücklich. 
Andererseits  ist  von  diesem  Abschnitt  der  „Morphologie"  eine 
Fülle  von  Anregungen  ausgegangen,  welche  die  botanische  Wissen- 
schaft gefördert  haben.  Aber  auch  viele  Einzelbeobachtungen 
haben  sich  als  richtig  erwiesen.  Es  gilt  dies  auch  für  die  am 
meisten  durch  die  Fortschritte  unserer  Kenntnisse  veränderten 
Abschnitte,  diejenigen  über  die  Einwirkung  der  Schwerkraft",  in 
höherem  Grade  aber  für  Hofmeisters  Ergebnisse  hinsichtlich 
der  Einwirkung  des  Lichtes.  So  bestätigt  z.  B.  Göbel  die 
Änderung  der  Blattstellung  durch  das  Licht  bei  Schisiostcga  durch- 
aus-S  bei  Vaccmium  Myrtillns  zum  größten  Teil**,  ebenso  die  Ab- 
hängigkeit der  Krümmung  der  Mooskapseln  von  der  Beleuchtungs- 
richtung.** Derselbe  Forscher  fand  die  Verbreiterung  der  blattartig 
flachen  Sprossen  von  Papilionaceen*^  und  die  Anisophyllie  von 
Sehi^ineUa^''  mit  Hofmeisters  Beobachtungen  übereinstimmend 
durch  das  Licht  bedingt.  Andererseits  bestätigt  Noll**  im  Tat- 
sächlichen die  von  Hofmeister  zuerst  beobachtete  Krümmung 
der  Blütenstielc  in  hängenden  Inflorescenzen  von  Papilionaceen 
nach  dem  Lichte  hin. 


93]  Wilhelm  Hofmeister.  357 


6—     ■     I  1 1^"^. 


Wenn  aber  auch  noch  so  vieles  aus  Hofmeisters  „Allgemeiner 
Morphologie**  heute  anders  aufgefaßt  wird,  so  dürfen  wir  doch 
sagen,  daß  die  hervorragende  Bedeutung  des  Verfassers  kaum  in 
einem  anderen  seiner  Werke  deutlicher  sich  kundgibt. 

Im  Anschluß  an  Hofmeisters  morphologische  Forschungen 
sei  dann  hier  noch  kurz  erwähnt  ein  Nekrolog  für  Carl  Schim- 
per*.  Die  Bemühungen,  in  dem  Nachlaß  dieses  merkwürdigen 
Mannes  noch  zur  Veröffentlichung  Geeignetes  zu  finden,  blieben 
ohne  Erfolg. 

1.  Nägeli,  C.  Lieber  das  Wachsthum  und  den  Begriff  des  Blattes.  Zeitsch. 
f.  wiss.  Bot.  Heft  2.  1846.  S.  174—178. 

2.  Schieiden,  M.    Grundzüge  d.  wissensch.  Bot.  3.  Aufl. 

3.  Nägeli,  C.    Zeitschr.  f.  wissensch.  Bot.  Heft  3,  4.  S.  306. 

4.  Göbel,  C.    Organographie  II.  1900.  S   465. 

5.  Rosenberg,  O.  Über  die  Embryologie  von  Zostera  marina.  Bihang 
t.  Svenska  Akadem.  Handling.  XXVIl.  3.  No.  6.  1901. 

6.  Hanstein,  J.  v.  Die  Scheitelzellgruppe  im  Vegetationspunkt  u.  s.  w. 
Festschr.  d.  Niederrhein.  Gesellsch.    Bonn  1868. 

7.  Hegelmaier.  Vergleichende  Untersuch,  üb.  d.  Entwickl.  dikotyl. 
Keime.  Stuttgart  1878.  S.  193. 

8.  Sachs,  J.  Über  die  Anordnung  von  Zellen  in  jüngsten  Pflanzen- 
teilen.   Arbeit,  d.  bot.  Instit.  zu  Würzburg.  II.  1878.  S.  47. 

9.  Leitgeb,  H.  Beiträge  zur  Entwicklungsgeschichte  der  Pflanzenorgane 
III.  Sitz.-Ber.  d.  Wien.  Akad.  Math.-naturw.  Kl.  CIX.  1869.  S.  305. 

10.  Pringsheim,  N.  Botan.  Zeit.  1853.  S.  609. 

11.  Nägeli,  C,  und  Leitgeb,  H.  Entstehung  und  Wachsthum  der  Wurzeln. 
Beiträge  z.  wissensch.  Bot.  IV.  1868.  S.  94. 

12.  Leitgeb,  H.  Beiträge  zur  Entwicklungsgeschichte  der  Pflanzcn- 
organe.  Sitz.-Ber.  d.  Wien.  Akadem.  Math.- natu r\\'.  Kl.  LVII.  1868.  S.  308, 
LVIII.  1868.  S   525,  LIX.  1869.  S.  294. 

13.  Müller,  N.  J  C.  Die  heutigen  Aufgaben  der  Blattstellungslehre. 
Bot.  Zeit.  1869.  S.  643. 

14.  Pringsheim,  N.  Ueber  die  Bildungsvorgänge  am  Vegetationskcgel 
von  Utricularia.    Monatsber.  d.  Berl.  Akademie.  1869.  S.  96. 

15.  Rohrbach,  P.  Ueber  die  Blüthenentwicklung  von  Typha.  Sitzungs- 
ber.  d.  Gesellsch.  naturforsch.  Freunde  zu  Berlin.  1869.  S.  35. 

*  Bot.  Zeit.  1868.  S.  33,  544,  831. 


358  Ernst  Pfitzer,  Wilhelm  Hofmeister.  [94 


•A/"^. 
-^^\/- 


16.  Eichler,  W.    Blüthendiagramme  I.  Berlin.  1875.  S.  51. 

17.  Schwendener,  S.    Theorie  der  Blattstellungen.  1878.   S.  7. 

18.  Sachs,  J.    Lehrbuch  der  Botanik.  4.  Aufl.  S.  201. 

19.  Pfitzer,  E.  Über  die  verschiedenen  Beziehungen  äußerer  Kräfte 
zur  Gestaltung  der  Pflanze     Akad.  Rede.   Heidelberg  1889.  S.  5. 

20.  Vgl.  Frank,  A.  B.  Die  natürliche  wagerechte  Richtung  von  Pflan- 
zenteilen. Leipzig  1870.  Pfeffer,  W.  Pflanzenphysiologie  II.  1881.  S.  344. 
Baranetzky,  J.  Über  die  Ursachen,  welche  die  Richtung  der  Äste  der  Baum- 
und Straucharten  bedingen.    Flora  1901.  S.  133. 

21.  Goebel,  C.    Organographie.   S.  202. 

22.  Ebenda  S.  80. 

23.  Ebenda  S.  203. 

24.  Ebenda  S.  202. 

25.  Ebenda  S.  92. 

26.  Noll,  F.  Über  die  normale  Stellung  zygomorpher  Blüten  u.  s.  w. 
II.  Arb.  d.  bot.  Instit.  Würzburg.  III.  S.  327. 


Die  Aufgabe,  für  die  wissenschaftliche  Tätigkeit  eines  so  un- 
gemein vielseitigen  Forschers,  wie  es  Wilhelm  Hofmeister  war, 
überall  festzustellen,  wie  die  von  ihm  behandelten  Fragen  in  dem 
Augenblick  standen,  als  er  sie  in  Angriff  nahm,  und  wieviel  von 
seinen  Ergebnissen  noch  heute  gilt,  Ist  keine  leichte.  Sollte  es 
mir  nicht  überall  gelungen  sein,  die  Verdienste  Hofmeisters  um 
den  Fortschritt  der  wissenschaftlichen  Botanik  richtig  zu  würdigen, 
so  wäre  ich  für  entsprechende  Mitteilungen  der  Spezialforscher 
auf  den  verschiedenen  in  Betracht  kommenden  Gebieten  sehr 
dankbar.  Daß  er  einer  der  hervorragendsten  Botaniker  des  neun- 
zehnten Jahrhunderts  war,  wird  niemand  In  Abrede  stellen. 


Viktor  Meyer 


von 


Theodor  Curtius. 


Vorwort. 


ii 


k 


Die  Chemiker  der  Ruperto-Caroia  im  19.  Jalir- 

liundert. 

om  Jahre  1814  bis  zum  Ende  des  19.  Jahrhunderts  finden 
wir  drei  Männer,  welche  das  chemische  Ordinariat  an 
der  Ruperto-Caroia  bekleideten.  Von  diesen  waren  zwei, 
Leopold  Gmelin  und  Robert  Bunsen,  je  37  Jahre  im  Amt; 
dann  übernahm  für  kaum  ein  Jahrzehnt  Viktor  Meyer  das  Erbe 
Bunsens.  Wohl  nur  selten  wird  die  Historie  verzeichnen,  daß 
eine  Disziplin  —  Gmelin  war  allerdings  auch  Professor  der  Me- 
dizin —  an  derselben  Hochschule  über  den  Zeitraum  von  fast 
einem  Jahrhundert,  84  Jahre  hin,  nur  drei  einander  folgende  Ver- 
treter gesehen  hat.  Und  Viktor  Meyer  schied  als  noch  nicht 
Fünfzigjähriger  freiwillig  aus  dem  Leben. 

Leopold  Gmelin  hat.  wie  sein  in  Göttingen  als  Professor 
der  Medizin  und  Chemie  1804  verstorbener  Vater  Johann  Fried- 
rich Gmelin,  für  die  damalige  Zeit  bemerkenswerte  Lehrbücher 
der  theoretischen  wie  der  anorganischen  und  organischen  Chemie 
im  ersten  Drittel  des  Jahrhunderts  veröffentlicht.  An  seinen  Namen 
knüpft  sich  noch  heute  die  Entdeckung  des  Gmelin  sehen  Salzes, 
des    Ferricyankaliums.     Der    uns    heute    noch    geläufige    Name 


Zir.l 


362  Theodor  Curtius  [4 


„Gmelin**  gebührt  allerdings  eher  seinem  Neffen:  Christian 
Gottlob  Gmelin.  Professor  der  Chemie  und  Pharmazie  in  Tü- 
bingen, dem  Entdecker  des  künstlichen  Ultramarins. 

Robert  Wilhelm  Bunsen  bedeutet  für  die  chemische 
Wissenschaft  an  unserer  Hochschule  die  Glanzperiode  des  Jahr- 
hunderts. Und  doch  kam  Bunsen  erst  nach  Heidelberg,  nach- 
dem er  bereits  eine  Fülle  der  hervorragendsten  Entdeckungen  der 
Welt  geschenkt  hatte:  die  geologisch-chemischen  Untersuchungen 
über  die  Zusammensetzung  der  Erdrinde,  über  die  der  Erde  ent- 
strömenden Gase,  beide  hauptsächlich  angeregt  oder  vollendet  durch 
die  berühmte  Reise  nach  Island  (1846).  Dann  die  für  die  damalige 
Zeit  beispiellose  Förderung  der  organischen  Chemie  —  der  Bun- 
sen später  nie  wieder  wesentlich  näher  trat  —  durch  die  Unter- 
suchungen über  die  organischen  Arsenverbindungen  aus  den  Jahren 
1837 — 42.  Die  für  die  Metallurgie  eminent  wichtige  Feststellung 
des  Prozesses  der  Roheisenbereitung  mit  Play  fair  1847  in  Eng- 
land. Die  Entdeckung  des  Kohle -Zinkelementes,  des  Bunsen- 
elementes,  das  bis  zur  Erfindung  der  Dynamomaschinen  fast 
überall  da  verwendet  wurde,  wo  man  starke  elektrische  Ströme 
gebrauchte  —  und  so  vieles  andere  mehr. 

Nach  Heidelberg  brachte  Bunsen  vor  allem  jene  Ideen  mit, 
welche  die  von  ihm  bequem  nutzbar  gemachten  galvanischen 
Ströme  erzeugen  mußten :  die  Abscheidung  der  Metalle  aus  ihren 
Verbindungen  durch  elektrische  Kräfte.  Er  legte  an  der  Ruperto- 
Carola  den  Grundstein  zu  dem  heute  schon  so  stolz  empor- 
ragenden Gebäude  der  Elektrochemie. 

Der  Glanz  des  von  ihm  dargestellten,  beim  Verbrennen  »wie 
Sonnenlicht"  aufleuchtenden  Elementes  Magnesium  gab  vielleicht 
den  Anstoß  zu  jenen  wunderbaren  Entdeckungen,  die  Bunsen 
dem  Lichte  abrang,  die  ihn,  nach  den  Arbeiten  mit  Roscoe  über 
die  chemische  Wirkung  des  Sonnenlichtes,  mit  der  Auffindung  der 
Spektralanalyse  als  Forscher  erst  wahrhaft  populär  machten. 


5]  Viktor  Meyer.  363 


■NL/V« 


Um  die  Erscheinung  Bunsens  gruppieren  sich  zu  dessen 
Wirkungszeit  von  1852 — 1889  in  Heidelberg  noch  eine  Reihe  aus- 
gezeichneter Forscher  und  Lehrer  auf  Spezialgebieten  der  Chemie. 
Bedeutend  und  individuell  hochinteressant  ragt  Hermann  Kopp 
als  Physiker  und  Historiker  der  Chemie  hervor.  Aber  auch  Namen 
wie  Delffs,  Bornträger,  Horstmann,  Bernthsen,  Zorn, 
Brühl  dürfen  nicht  vergessen  werden.  Vor  allem  lehrten,  auf 
eigene  oft  nur  spärliche  Mittel  angewiesen,  zu  Bunsens  aktiver 
Zeit  Horstmann  als  Bahnbrecher  in  wichtigsten,  heute  schon 
Gemeingut  gewordenen  Theorien  der  physikalischen  Chemie  und 
Bernthsen  als  Bannerträger  der  Anfang  der  70er  Jahre  schon 
höchstentwickelten,  ihren  Siegeslauf  beispiellos  nehmenden  orga- 
nischen Chemie.  Brühl  vertrat  Bunsen  in  dem  Interregnum, 
ehe  Viktor  Meyer  dessen  Nachfolgerschaft  endgültig  übernahm. 

Die  Persönlichkeit  und  das  Wirken  Bunsens  als  Forscher 
und  Lehrer  an  der  Ruperto-Carola  herauszuarbeiten,  ihn  als  die 
strahlende  Leuchte  auf  dem  weiten  Gebiete  der  Chemie,  ihn  als 
den  universell  denkenden  Naturforscher  hervorzuheben,  wäre  ein 
besonders  dankbarer  Vorwurf  zu  einem  Beitrage  für  unsere  Jubi- 
läumsfestschrift gewesen. 

Der  wissenschaftlichen  Bedeutung  Bunsens  in  dem  Rahmen 
dieser  zu  genügen,  mußte  aber  von  vorneherein  als  unmöglich 
erscheinen.  Ist  man  doch  jetzt  erst  im  Begriff,  eine  Gesamtaus- 
gabe aller  Schriften  Bunsens  ins  Leben  zu  rufen.  Nur  einiger- 
maßen den  Inhalt  derselben  in  wissenschaftlicher  Darlegung  zu 
erschöpfen,  würde  einen  eigenen  Band  erfordern. 

Aber  es  mußte  wenigstens  besonderen  Reiz  bieten,  der  Per- 
sönlichkeit des  großen  einsamen  Forschers  und  Lehrers  in  diesen 
Blättern  gerecht  zu  werden.  Bunsen  hat  vor  seinem  Tode  be- 
stimmt, daß  alle  ihm  gehörenden,  auf  ihn  persönlich  sich  bezie- 
henden Manuskripte  nicht  der  Öffentlichkeit  zugänglich  gemacht 
werden  sollten.    Was  in  dieser   Beziehung  von   der  Familie  zur 


_t 


364  Theodor  Curtius  [6 


Verfügung  gestellt  werden  durfte,  habe  ich  in  meiner  am  11.  No- 
vember 1899  in  der  Aula  unserer  Universität  gelegentlich  der  aka- 
demischen Trauerfeier  für  R.  W.  Bunsen  gehaltenen  Gedächtnis- 
rede niedergelegt.  Dieselbe  ist  außer  durch  den  Abdruck  als 
„Akademisches  Gedenkblatt** ^  durch  die  Veröffentlichung  Im  Jour- 
nal für  praktische  Chemie***  Gemeingut  der  chemischen  Welt  ge- 
worden. Ich  habe  in  dieser  Rede  vor  allem  versucht,  der  Persön- 
lichkeit des  großen  Gelehrten  und  Forschers,  so  wie  dieselbe  mir 
aus  eigener  Anschauung  im  Wirken  und  Lehren  vor  Augen  stand, 
gerecht  zu  werden. 

Wesentlich  mehr  als  dort  geschehen  in  den  Rahmen  dieser 
Festschrift  zu  bringen,  wäre  unmöglich  gewesen.  — 

Daß  ich  an  dieser  Stelle  nur  die  Erinnerung  an  Viktor 
Meyer,  Bunsens  Nachfolger,  bringe,  hat  aber  noch  weitere  be- 
sondere Gründe:  mit  dem  Eintritt  Viktor  Meyers  in  die  chemische 
Professur  in  Heidelberg  vollzieht  sich  jene  große  Umwandlung  in 
Bezug  auf  die  akademische  Heranbildung  der  Chemiker,  welche 
an  allen  übrigen  bedeutenden  Hochschulen  nach  dem  Vorgange 
von  Lieb  ig  mehr  als  ein  Vierteljahrhundert  vorher  schon  all- 
gemein gebräuchlich  war.  Die  fortgeschrittenen  Schüler  sollten 
unter  der  Leitung  des  Lehrers  eine  eigene  wissenschaftliche  Arbeit 
ausführen,  um  auf  Grund  dieser  erst  zur  Promotion  zugelassen 
zu  werden.  Viktor  Meyer  aber  war  es  auch,  welcher  der  or- 
ganischen Chemie,  die  bei  der  Übernahme  des  Heidelberger  In- 
stitutes bereits  ihren  Triumphzug  nicht  nur  an  den  Hochschulen, 
sondern  auch  an  den  Wirkungsstätten  der  Industrie  in  unerhörter 
Art  gehalten  hatte,  den  dieser  Disziplin  gebührenden  Rang  anwies. 

Es  ist  mir  nicht  ohne  Reiz  erschienen,  als  derzeitiger  ordent- 
licher Vertreter  der  Chemie  an  der  Ruperto-Carola  in  dieser  Fest- 

^  R.  W.  Bunsen,  ein  akademisches  Qedenkblatt,  Heidelberg  1900. 
Druck  von  J.  Hörning. 

'  J.  pr.  Chem.  (2)  61,  381  ff. 


7]  Viktor  Meyer.  365 


Schrift  die  Erinnerung  an  jene  bedeutsame  Zeit  festzuhalten,  in 
welcher  sich  für  unsere  Hochschule,  verspätet  wie  für  keine  an- 
dere des  Deutschen  Reiches,  der  Übergang  von  dem  auf  wun- 
derbaren, allseitig  anregenden  und  anerkannten  Erfolgen  beruhen- 
den Wirken  eines  des  größten  Chemikers  aller  Zeiten  zu  längst 
adoptierten  modernen  Anschauungen  in  der  chemischen  Wissen- 
schaft vollzogen  hat. 

Ich  glaubte  aber  dies  nicht  besser  tun  zu  können,  als  jenen 
noch  nicht  veröffentlichten  Gedanken  Raum  zu  geben,  welchen 
ich  in  der  Gedächtnisrede  gelegentlich  der  Enthüllung  der  Marmor- 
büste Viktor  Meyers  im  Hörsaale  des  akademischen  Universitäts- 
laboi  atoriums  zu  Heidelberg  am  21.  Dezember  1901  Ausdruck 
verliehen  habe. 


Gedächtaisrede. 


[Musik  aus  der  Ferne:  „Der  du  von  dem  Himmel  bist".] 

Hochansehnliche  Festversammlung! 

Mehr  als  vier  Jahre  sind  verflossen,  seitdem  Viktor  Meyer 
aus  dem  Leben  schied.  Bezwungen  noch  vom  frischen  Schmerze 
über  den  Verlust  des  noch  nicht  Fünfzigjährigen,  in  voller  Schaffens- 
kraft Entrissenen,  haben  Freunde,  Schüler  und  Kollegen  unter- 
nommen, die  Verehrer  des  großen  Chemikers  zu  einem  allum- 
fassenden Kreise  zu  vereinen,  um  den  Verdiensten  des  Heimge- 
gangenen auch  äußerlich  ein  Erinnerungszeichen  zu  widmen. 

Dieser  Wunsch  ist  heute  in  Erfüllung  gegangen:  von  der 
Meisterhand  eines  unserer  ersten  Bildhauer  sehen  Sie  die  Mar- 
morbüste Viktor  Meyers  aufgerichtet  in  dem  Räume,  den  er  selbst 
erschuf,  in  welchem  er  5  Jahre  lang  als  einer  der  ersten  seines 
Faches  die  Lehren  der  Chemie  vorgetragen  hat. 


366  Theodor  Curtius  [8 


i^t/'"V. 


Mit  mehr  als  hundert  Unterschriften  von  Männern  der  ver- 
schiedensten Berufsklassen  bedeckt,  sandte  im  Winter  1897/98  der 
Heidelberger  Geschäftsausschuß  für  die  „Viktor-Meyer- Ehrung** 
den  Aufruf  in  die  Welt  hinaus.  Bereits  2  Jahre  später  war  eine 
so  bedeutende  Summe  eingelaufen,  daß  die  Ausführung  einer  über- 
lebensgroßen Büste  dem  Bildhauer  Professor  Johannes  Pfuhl 
in  Berlin  in  Auftrag  gegeben  werden  konnte.  Zunächst  war  die 
Ausführung  in  Bronze  in  Aussicht  genommen,  dann  aber  auf 
Wunsch  des  Künstlers  beschlossen  worden,  das  Bildnis  in  Marmor 
zu  vollenden.  Dasselbe  sollte  im  großen  Hörsaale  des  chemischen 
Institutes  Aufstellung  finden,  da  eine  für  diesen  Zweck  besser  ge- 
eignete Eingangshalle  bei  der  gelegentlich  alter  Umbauten  not- 
wendig gewordenen  Ausnutzung  der  räumlichen  Verhältnisse  des 
Institutes  nicht  vorhanden  war. 

Die  Aufgabe  wurde  für  den  Künstler  besonders  dadurch  er- 
schwert, daß  kein  einziges  Profilbild  von  Viktor  Meyer  existierte. 
Professor  Pfuhl  selbst  war  durch  eine  glücklicherweise  vorüber- 
gehende Erkrankung  längere  Zeit  außer  stände,  den  Meißel  zu 
führen.  Mit  wie  liebevoller  Hingabe  und  welch  hohem,  künstle- 
rischem Erfolge  er  die  ihm  gestellte  Aufgabe  gelöst,  darüber  werden 
Sie  alle  heute  mit  Befriedigung  erfüllt  sein.  War  doch  auch  keiner 
wie  er,  der  Viktor  Meyer  als  Verwandter  nahe  gestanden,  mehr 
dazu  berufen,  diese  Aufgabe  zu  erfüllen!  Des  Künstlers  Gattin, 
die  Schwester  des  Verewigten,  durfte  feinsinnig  beratend  ihrem 
Manne  bei  der  Ausführung  zur  Seite  stehen.  Die  Gattin  des  Heim- 
gegangenen konnte  wiederholt  das  Werk  bei  der  Weiterführung  auf 
die  Porträtähnlichkeit  prüfen.  Jedenfalls  sind  wir  dem  Schöpfer 
der  Büste,  der  leider  heute  nicht  unter  uns  sein  kann,  zu  großem, 
bleibendem  Danke  verpflichtet;  und  alle  werden  dies  sein,  welche 
in  der  Zukunft  den  herrlichen  Kopf  Viktor  Meyers  in  diesem 
Saale  zu  bewundern  Gelegenheit  haben. 

So  sind  wir  denn  heute  zusammengetreten,  um  das  schöne 


9]  Viktor  Meyer.  367 


Ereignis  der  Aufstellung  dieses  Bildnisses  von  Viktor  Meyer 
festlich  zu  begehen.  Vor  mir  sehe  ich  in  dieser  glänzenden  Ver- 
sammlung eine  große  Anzahl  von  Männern,  welche  es  sich  nicht 
haben  nehmen  lassen,  von  weither  herbeizueilen,  um  dem  Kollegen, 
dem  Freunde,  dem  Lehrer  nochmals  eine  Huldigung  darzubringen. 
Diesen  ganz  besonders,  wie  Ihnen  allen,  meine  hochgeehrten 
Damen  und  Herren,  sage  ich  von  dieser  Stelle  aus  herzlichen 
Dank,  daß  Sie  unserer  Einladung  gefolgt  sind. 

Zu  meinem  wirklichen  Schmerze  war  es  bei  der  Beschränkt- 
heit des  Raumes  nicht  möglich,  auch  diejenigen  alle  unter  uns 
zu  versammeln,  welche  als  Studierende  der  naturwissenschaftlich- 
mathematischen Fakultät  angehören,  der  augenblicklich  an  Zahl 
stärksten  unserer  Ruperto-Carola,  unter  denen  —  ich  darf  es  mit 
Stolz  sagen  —  mehr  als  250  sich  insbesondere  dem  Studium  der 
Chemie  praktisch  hingeben.  Ich  hätte  es  mir  ganz  besonders 
gewünscht,  daß  diese  zuerst  mit  uns  heute  den  Blick  auf  das  Bild- 
nis unseres  Viktor  Meyer  gerichtet  hätten,  auf  das  Bild  des 
Mannes,  welchem  sie  bei  ihrem  Studium  immer  wieder  Anregung 
zu  chemischer  Erkenntnis  verdanken. 

In  der  letzten  Sitzung  hatte  der  Ausschuß  der  „Viktor  Meyer- 
Ehrung"  einstimmig  beschlossen :  zur  Verherrlichung  der  heutigen 
Stunde  Herrn  Professor  Ludwig  Gattermann  in  Freiburg  zu 
bitten,  in  dieser  Versammlung  die  Gedächtnisworte  zu  sprechen,  als 
den  Mann,  der  Viktor  Meyer  als  eigenster  Schüler,  als  treuester 
Arbeitsgenosse  und  Freund  in  Göttingen  und  Heidelberg  zur  Seite 
gestanden.  Leider  wurde  uns  dieser  Wunsch  nicht  erfüllt.  Danach 
wurde  diese  Aufgabe  mir  zugewiesen,   der  ich   dem   verewigten 

Meister  persönlich  nur  in  wenigen,   wenn  auch  sehr  glücklichen 

Augenblicken  im  Leben  nahe  treten  durfte. 

Mit  schwerem  Bedenken    habe  ich  mich  diesem  Beschlüsse 

unterzogen,  wohl  wissend,  daß  ich  die  mir  gestellte  Aufgabe  nur 

unvollkommen  lösen  kann.    Wenn  ich  es  trotzdem  versuche,  so 


368  Theodor  Curtius  [10 


nehmen  Sie  dies,  hochgeehrte  Anwesende,  als  den  Ausdruck  eines 
dankbaren  Herzens  hin,  dankbar  diesem  hochbedeutenden  Manne, 
der  mir  mittelbar  so  sehr  viel  Förderung  hat  angedeihen  lassen, 
und  von  dem  ich  weiß,  daß  er  mich  gerne  an  seiner  Stelle  hier 
weiterwirken  sieht. 

Viktor  Meyer^  wurde  am  8.  September  1848  in  Berlin  ge- 
boren, wo  sein  Vater  eine  Kattunfabrik  besaß.  Ihm,  wie  seinen 
Geschwistern  konnten  die  Eltern  eine  ausgezeichnete  Erziehung 
angedeihen  lassen.  Von  seinem  fünften  Jahre  an  erhielt  er  Privat- 
unterricht und  trat  bereits  mit  10  Jahren  in  die  Tertia  des  Fried- 
richwerderschen  Gymnasiums  ein.  Mit  16  Jahren  schon  bestand 
er  die  Abiturientenprüfung.  Bemerkenswert  Ist,  daß  er  während 
der  Studien  auf  dem  Gymnasium  sich  keineswegs  in  besonderem 
Maße  zur  Mathematik  oder  Physik  hingezogen  fühlte,  trotz  anre- 
gendem Unterricht,  den  er  in  diesen  Disziplinen  genoß.  Auch 
experimentierte  er  nicht,  wie  so  manche  Knaben  in  diesen  Jahren. 
Vielmehr  trieb  er  mit  Begeisterung  literarische  Studien,  und  sein 
sehnlicher  Wunsch  wurde:  Schauspieler  zu  werden.  Nur  mit  Mühe 
konnte  die  Familie  diesen  Wunsch  allmählich  in  ihm  unterdrücken. 

Für  die  chemisch  so  bedeutsame  Fabrikation  seines  Vaters, 
für  welche  der  ältere  Bruder  Richard,  jetzt  Professor  der  Chemie 
in  Braunschweig,  Chemie  studierte,  zeigte  Viktor  wenig  Interesse. 
Gelegentlich  eines  Besuches  in  Heidelberg  entschied  er  sich  aber 
ganz  plötzlich  für  das  Studium  der  Chemie,  zugleich  mit  dem 
Wunsche,  Dozent  zu  werden.  Von  da  ab  gab  er  sich  diesem 
Entschlüsse  mit  der  ihm  eigenen  Energie  rückhaltlos  hin.  Nach 
kurzem  Studium  in  Beriin   ging  er  zu  Bunsen  nach  Heidelberg. 

^  Ein  großer  Teil  der  nachfolgenden  Daten  aus  dem  Leben  Viktor 
Meyers  wurde  der  Gedächtnisrede  seines  Freundes  Professor  Karl  Lieber- 
mann in  Berlin  entnommen,  gehalten  in  der  Sitzung  der  Deutschen  che- 
mischen Gesellschaft  vom  11.  Oktober  1897.  Vgl.  Ber.  d.  D.  ehem.  Ges. 
XXX,  2158  u.  ff. 


11]  Viktor  Meyer.  369 


"^.yv 


1867,  noch  nicht  IQjährig,  promovierte  er  dort.  Bunsen  hatte 
den  jungen,  sorgfältigen  Arbeiter  so  schätzen  gelernt,  daß  er  ihn 
als  Assistenten  anstellte,  um  Analysen  von  Mineralquellen  nach 
des  Lehrers  neuer  Methode  auszuführen. 

1868  wandte  sich  V.  Meyer  nach  Berlin  zurück.  Dort  hatte 
Adolf  Baeyer  ein  kleines  organisches  Laboratorium  an  der 
Gewerbeakademie  inne.  Die  wenigen  Praktikanten  bildeten  mit 
dem  jungen  Professor  einen  intimen  Freundeskreis.  Die  meisten 
derselben  waren  mit  eigenen  wissenschaftlichen  Arbeiten  be- 
schäftigte junge  Doktoren,  von  denen  viele  die  Dozenten-Lauf- 
bahn ergreifen  wollten.  Der  Stern  Adolf  Baeyers  war  damals 
in  hellstem  Aufgange  begriffen.  Männer  wie  Qraebe  und  Lieber- 
mann waren  die  Assistenten.  Kein  Wunder,  daß  in  diesem  kleinen 
Staate  ein  außerordentlich  anregendes  wissenschaftliches  Leben 
herrschte.  Drei  Jahre  blieb  Viktor  Meyer  dort.  Lebenslängliche 
Freundschaft  verband  ihn  seitdem  mit  seinem  Lehrer  Adolf 
Baeyer.  Zu  derselben  Zeit  stand  A.  W.  Hof  mann  an  der  Spitze 
seines  neuen  großen  Beriiner  chemischen  Institutes,  er  selbst  auf 
der  Höhe  seines  Ruhmes;  zahllose  Chemiker  strömten  zu  ihm. 
In  den  wissenschaftlichen  Laboratorien  der  Hauptstadt  wurden  die 
wichtigsten  Entdeckungen  gemacht,  die  der  Technik  große  Erfolge 
versprachen  —  ich  erinnere  nur  an  die  Synthese  des  Alizarins 
durch  Qraebe  und  Liebermann  — ,  in  der  neugegründeten 
Deutschen  chemischen  Gesellschaft  fanden  sich  alle  wissenschaft- 
lichen und  technischen  Kreise  zusammen.  Wie  sollte  unter  so 
günstigen  Verhältnissen  ein  junger  Feuergeist  wie  Viktor  Meyer 
nicht  die  denkbar  beste  Ausbildung  gefunden  haben!  Baeyer  er- 
kannte die  außerordentliche  Begabung  Viktor  Meyers  sehr  bald. 
Viktor  Meyers  persönliche  Eigenschaften  gewannen  sich  die  Her- 
zen aller,  die  mit  ihm  in  Berührung  kamen.  Seine  Belesenheit  und 
sein  wunderbares  Gedächtnis  wurden  sprichwörtlich  im  Labora- 
torium.   So  erscheint  denn  auch  unser  junger  Gelehrter  schon 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  24 


Jb 


370  Theodor  Curtius  [12 


nach  zwei  Jahren  mit  einer  interessanten  Abhandlung  in  Liebigs 
Annalen,  in  welcher  er  die  Umwandlung  von  Sulfosäuren  in  Kar- 
bonsäuren mittelst  ameisensauren  Natriums  lehrte.  So  trat  er  in 
den  damals  höchst  aktuellen  Kampf  um  die  Ortsisomerie  bei  den 
Benzolderivaten  ein  und  lieferte  eine  Reihe  der  wertvollsten  Ent- 
deckungen für  die  Klärung  dieser  brennenden  Frage. 

Auf  Baeyers  Empfehlung  berief  H.  v.  Fehling  unseren  Ge- 
lehrten an  das  Polytechnikum  nach  Stuttgart,  um  dort  als  23jäh- 
riger  Professor  Voriesungen  über  organische  Chemie  zu  halten. 
Hier  entdeckte  Viktor  Meyer  das  Nitroaethan  und  dessen  Isomerie 
mit  dem  Salpetrigsäureester. 

In  dieser  Zeit  trat  für  den  jungen  Forscher  die  entscheidendste 
Wendung  seines  Lebens  ein.  Der  bekannte  Schweizer  Schulprä- 
sident Kappler  reiste  an  den  deutschen  Hochschulen  herum,  um 
einen  Ersatz  für  den  von  Zürich  nach  Würzburg  berufenen  Che- 
miker Johannes  Wislicenus  zu  suchen.  Da  pflegte  er  denn 
incognito  in  den  Voriesungen  zu  sitzen,  und,  obwohl  er  von  Che- 
mie nichts  verstand,  mit  wunderbarem  Scharfblick  seinen  Mann 
zu  entdecken.  Wohl  den  besten  Griff,  den  er  dabei  je  an  einem 
Chemiker  machte,  war  der  an  der  Person  Viktor  Meyers,  den  er 
als  Direktor  des  analytischen  eidgenössischen  Laboratoriums  und 
24  jährigen  ordentlichen  Professor  nach  Zürich  verpflichtete. 

So  stand  Viktor  Meyer  nunmehr  an  der  Spitze  eines  großen 
eigenen  Institutes.  Hier  in  Zürich,  wo  er  im  ganzen  13  Jahre 
veriebte,  begründete  er  auch  alsbald  sein  Heim  mit  der  Gefährtin 
seiner  Jugend,  Hedwig  Davidson.  Außerordentliche  Bega- 
bung als  Lehrer  wie  als  Forscher  führten  Viktor  Meyer  schnell 
in  die  allererste  Reihe  der  Fachgenossen.  Eine  glänzende  Arbeit 
folgte  der  anderen. 

Die  Synthese  der  Nitroparaffine^  hatte  den  Glauben,  daß  nur 
in  der  aromatischen  Reihe  Nitrokörper  möglich  sind,  gestürzt 

*  Vgl.  über  die  folgenden  wissenschaftlichen  Angaben  die 


13]  Viktor  Meyer.  371 


*ln  Anschluß  daran  trat  die  Entdeckung  der  Nitrolsäuren  und 
Nitrole,  der  Nitrosoketone.  So  ganz  nebenbei  wird  ein  Diazo- 
tierungsverfahren  mitgeteilt,  das  noch  heutzutage  im  Laboratorium 
und  in  der  Technik  üWich  ist.*  Und  nun  weiter  die  gefeierte  Ent- 
deckung einer  Methode  zur  Auffindung  der  Molekulargröße  der 
chemischen  Substanzen:  die  sogenannte  ,, Dampfdichtebestim- 
mung nach  Viktor  Meyer!"  *Wenn  man  bedenkt,  daß  damals 
und  noch  lange  nachher  eine  solche  Dampfdichtebestimmung  der 
einzige  Weg  war,  die  Molekulargröße  eines  Körpers  festzustellen, 
wenn  man  sich  ferner  vor  Augen  hält,  daß  bei  allen  bis  dahin 
bekannten  Methoden  zur  Bestimmung  der  Dampfdichte  die  genaue 
Kenntnis  der  Temperatur  notwendig  war,  so  daß  jede  bei  hoher 
Temperatur  auszuführende  Bestimmung  zu  einer  mit  den  größten 
Schwierigkeiten  verknüpften  Operation  wurde,  so  kann  man  das 
Aufsehen  ermessen,  welches  das  Bekanntwerden  von  V.  Meyers 
Luftverdrängungsverfahren  hervorrief.  Hier  war  eine  Methode 
entdeckt,  die  weit  einfacher  als  alle  bekannten  war  und  dabei  den 
großen  Vorzug  besaß,  daß  eine  genaue  Temperaturbestimmung 
überflüssig  wurde.  Damit  war  der  Weg  gegeben,  um  die  Mole- 
kulargröße von  sehr  schwer  flüchtigen  Körpern  festzustellen,  wo- 
bei in  rascher  Folge  die  des  Zinnchlorürs,  des  Kupfer-  und 
Eisenchlorürs  aufgefunden  wurde.*  Es  entwickelte  sich  so  die 
nPyrochemie",  mit  deren  Problemen  sich  Viktor  Meyer  21  Jahre 
lang  bis  zu  seinem  Tode  immer  wieder  von  neuem  beschäftigt 
hat.  Am  meisten  Aufsehen  hat  nicht  nur  in  der  chemischen, 
sondern  auch  in  der  wissenschaftlich  gebildeten  Welt  überhaupt 
die  Anwendung  seiner  pyrochemischen  Methode  auf  die  Erkennt- 


nete  Rede  von  V.  Meyers  Schüler  und  Mitarbeiter  H.  Goldschmidt  (jetzt 
Professor  der  Chemie  a.  d.  Univ.  Christiania)  „Zur  Erinnerung  an  Viktor 
Meyer**,  gehalten  am  16.  November  1897  in  der  chemischen  Gesellschaft  zu 
Heidelberg.  Druck  von  J.  Hörning.  Die  mehr  oder  weniger  wörtlich  ent- 
nommenen Stellen  sind  zwischen  *  eingeschaltet. 

24» 


372  Theodor  Curtius  [14 


nis  des  Verhaltens  der  Halogene  bei  hohen  Temperaturen  ge- 
macht. Es  ergab  sich  die  höchst  interessante  Tatsache,  daß  das 
Halogenmolekül  bei  hoher  Temperatur  sich  in  Atome  auflöst, 
und  zwar  das  des  Jods  leicht,  das  des  Bromes  schwieriger.  Das 
Chlormolekül  erschien  erst  über  1400®  partiell  in  Einzelatome 
zerfallen. 

Diese  pyrochemischen  Arbeiten  in  einem  anfangs  völlig  un- 
geeigneten Feuerlaboratorium,  in  dem  bei  einer  Temperatur  von 
50®  C.  stundenlanges  Verweilen  erforderlich  war,  hatten  Anfang  der 
80er  Jahre  den  Gesundheitszustand  V.  Meyers  schwer  geschädigt. 
Es  dauerte  Jahre,  bis  er  wieder  mit  größerer  Frische  sich  seinen 
Pflichten  und  Arbeiten  widmen  konnte. 

Neben  solchen  pyrochemischen  Arbeiten  führte  er  aber  trotz- 
dem noch  eine  Fülle  der  wichtigsten  Untersuchungen  aus,  die 
zu  überaus  gefeierten  Entdeckungen  auf  dem  Gebiete  der  orga- 
nischen Chemie  führten.  V.  Meyer  ließ  von  einem  Thema,  das 
ihn  einmal  gefesselt  hatte,  niemals  wieder  ganz  ab,  und  so  be- 
schäftigten ihn  aufs  neue  z.  B.  organische  Probleme,  welche  im 
Zusammenhange  mit  seinen  alten  Nitroarbeiten  standen.  Dies 
führte  ihn  auf  Wegen,  die  dem  Kenner  höchste  Bewunderung  vor 
dem  Scharfsinne  des  Forschers  abnötigen,  zur  Entdeckung  der 
Fähigkeit  des  Hydroxylamins,  auf  Karbonylsauerstoff  einzuwirken. 
So  wurden  die  Ketoxime  und  Aldoxime  entdeckt,  mittelst  derer 
man  wichtige  Konstitutionsfragen  in  sauerstoffhaltigen  organischen 
Verbindungen  nunmehr  allgemein  zu  lösen  lernte.  *So  hat  z.  B. 
V.  Meyers  „Hydroxylaminreaktion"  unsere  Ansichten  über  die 
Konstitution  wichtiger  Farbstoffe  wesentlich  geklärt,  sie  hat  dazu 
beigetragen,  daß  die  Chemie  der  Terpene  und  des  Kamphers  sich 
erfolgreich  entwickeln  konnte.* 

Ich  muß  mir  leider  versagen,  näher  auf  diese  interessanten 
Arbeiten  im  einzelnen  einzugehen.  Nur  eine  große  Entdeckung 
des  genialen  Forschers   möchte  ich   Ihnen  hier  kurz  vorfuhren. 


15]  Viktor  Meyer.  373 


■"^XV" 


Dieselbe  hat  einmal  den  Ruhm  Viktor  Meyers  auch  in  weitere 
Kreise  von  Nicht-Fachmännern  getragen,  dann  aber  zeigt  uns  die 
Weise,  wie  sie  erfolgte,  die  Eigenart  der  Tätigkeit  Viktor  Meyers  als 
Forscher  auf  dem  Gebiete  der  Chemie  in  einem  so  glänzenden 
Lichte,  wie  kaum  eine  andere.  Es  ist  dies  die  Entdeckung  des 
Thiophens,  welche  fast  unmittelbar  auf  die  der  eben  erwähnten 
„Hydroxylaminreaktion"  folgte:  *V.  Meyer  war  im  Herbst  1882 
vom  schweizerischen  Schulrate  der  Auftrag  geworden,  das  Kolleg 
über  Benzolderivate,  das  durch  den  Tod  seines  Freundes  Weith 
erledigt  war,  zu  übernehmen.  Kam  ihm  auch  diese  Vermehrung 
seiner  ohnehin  großen  Arbeitslast  nicht  gerade  erwünscht,  so 
sollte  dies  doch  der  Anstoß  zu  jener  Entdeckung  werden,  die 
vielleicht  als  seine  glänzendste  zu  bezeichnen  ist.  Als  er  in  einer 
dieser  Vorlesungen  seinen  Hörern  die  von  Baeyer  entdeckte  so- 
genannte Indopheninreaktion  des  Benzols  vorführen  wollte,  reichte 
ihm  sein  Assistent  Sandmeyer  eine  Benzolprobe,  die  in  der 
Vorlesung  selbst  aus  reiner  Benzoesäure  hergestellt  war.  Die 
Reaktion  —  eine  nicht  zu  übersehende  Blaufärbung  —  trat  nicht 
ein.  Als  aber  Benzol  aus  der  Vorratsflasche  genommen  wurde, 
erfolgte  die  Blaufärbung  sehr  deutlich.  Tausend  andere  wären 
an  dieser  Erscheinung  einfach  vorbeigegangen.  Nicht  so  Viktor 
Meyer.  Noch  am  gleichen  Tage  begann  er  die  Nachforschungen 
nach  dem  zweiten  Benzol,  wie  er  sich  damals  ausdrückte,  das  im 
gewöhnlichen  Benzol  existieren  mußte  und  die  Indopheninreaktion 
bewirken  sollte.*  Alles  käufliche  Benzol  ergab  die  Blaufärbung, 
ebenso  das  im  Laboratorium  aus  Benzoesäure,  die  aus  dem  Stein- 
kohlenteer herstammte,  gewonnene  Benzol.  Als  aber  Benzol  aus 
einer  Benzoesäure,  welche  im  tierischen  Organismus  produziert 
war,  untersucht  wurde,  blieb  die  Blaufärbung  wieder  aus.  *Und  so 
war  nachgewiesen,  daß  der  Urheber  der  Indopheninreaktion  im 
Steinkohlenteer  enthalten  sein  müsse.  Die  vorhin  erwähnte 
erste  Beobachtung  war  Ende  November  gemacht  worden.   Zu  Weih- 


374  Theodor  Curtius  [16 


•A/rSi 


nachten  wußte  man  bereits,  daß  man  es  hier  mit  einer  schwefel- 
haltigen Beimengung  des  Benzols  zu  thun  hatte,  und  daß  das 
indophenin  selbst,  was  bisher  übersehen  war,  Schwefel  enthielt. 
Für  die  Darstellung  des  neuen  Körpers  bot  sich  ein  Weg  in  der  Beo- 
bachtung, daß  das  Teerbenzol  beim  Schütteln  mit  Schwefelsaure  die 
Fähigkeit,  die  Reaktion  zu  geben,  verlor.  Die  neue  Verbindung 
mußte  also  in  die  Schwefelsaure  übergegangen  sein  und  ließ  sich  in 
der  Tat  daraus  in  konzentrierterem  Zustand  wiedergewinnen.  Da 
aber  das  Teerbenzol  höchstens  V«%  des  neuen  Körpers  enthielt,  so 
mußte  nach  vielen  vergeblichen  Bemühungen  schließlich  aufgegeben 
werden,  denselben  im  Laboratorium  herzustellen.  Dies  gelang 
erst,  als  eine  Farbenfabrik  übernahm,  250  1  Benzol  mit  Schwefel- 
saure auszuschütteln,  und  das  Säuregemenge  in  die  Bleisalze  der 
Sulfosäuren  zu  verwandeln.  Aus  diesem  Material  ließ  sich  auf 
immer  noch  mühseligem  Wege  die  neue  Verbindung  isolieren, 
die  Viktor  Meyer  erst  Thianthren,  dann  Thiophan,  Thiol  und 
schließlich  Thiophen  nannte.  Die  Arbeit,  in  der  das  reine  Thiophen 
zum  erstenmal  beschrieben  ist,  trägt  das  Einlaufdatum:  11.  Juni 
1883.  In  einem  halben  Jahr  also  war  die  ganze,  mit  den  größten 
Schwierigkeiten  verknüpfte  Untersuchung  ausgeführt*  Nun  galt 
es  weiter,  eine  Chemie  desThiophens  zu  entwickeln  gleich  der 
des  Benzols.  Auf  der  Schweizer  Naturforscherversammlung  konnte 
noch  im  selben  Sommer  Viktor  Meyer  eine  ganze  Reihe  von 
Thiophenderivaten  vorzeigen,  welche  durch  ihre  höchst  über- 
raschende Ähnlichkeit  mit  den  entsprechenden  Benzolderivaten 
die  größte  Bewunderung  erregten.  Im  weiteren  Verlaufe  der  Unter- 
suchungen gelang  es  allerdings  nicht,  auch  eine  Chemie  des  Thio- 
phenins  der  des  Anilins  an  die  Seite  zu  stellen,  aber  nach  5  Jahren 
schon  ließ  V.  Meyer  „das  Thiophen"  als  besonderes  Buch  er- 
scheinen, welches  den  Extrakt  von  mehr  als  100  Abhandlungen 
über  Thiophenverbindungen  enthielt,  welche  alle  in  dieser  kurzen 
Zeit  von  ihm  mit  seinen  Schülern  fertiggestellt  worden  waren. 


17]  Viktor  Meyer.  375 


■vy»^ 


Zu  solcher  Arbeitslast  trat  im  Winter  1883/84  der  Neubau 
des  chemischen  Laboratoriums  am  Züricher  Polytechnikum  hinzu. 
Dieses  Übermaß  von  Anspannung  ließ  ihn  am  Ende  desselben 
Winters  bedenklich  erkranken.  Gegen  Schluß  des  Sommersemesters 
1884  traf  den  immer  noch  Leidenden  die  Berufung  nach  Göttingen. 
Erst  nach  einer  Reise  an  die  Riviera  im  Winter  1885  fühlte  er  sich 
soweit  wiederhergestellt,  daß  er  mit  Beginn  des  Sommers  seinen 
neuen  Wirkungskreis  in  Göttingen  übernehmen  konnte.  Zahllose 
Zeichen  von  Liebe  und  Verehrung  wurden  dem  von  Zürich 
Scheidenden  dargebracht. 

In  Göttingen  galt  es  aber  aufs  neue  zu  bauen!  Der  Umbau 
des  alten  Wohle rschen  Instituts  zog  sich  bis  1888  hin  und  nahm 
einen  großen  Teil  der  Arbeitskraft  Viktor  Meyers  in  Anspruch. 
Trotzdem  entstammen  dieser  Zeit  zahlreiche  wichtige  Arbeiten  ver- 
schiedenster Art.  Unter  besseren  äußerlichen  Verhältnissen  als  in 
Zürich  nahm  er  die  pyrochemischen  Versuche  von  neuem  auf.  Es 
gelang  ihm,  die  Molekulargröße  des  Zink-,  Wismut-,  Antimon-  und 
Thalliumdampfes  zu  untersuchen  und  festzustellen,  daß  auch  hier 
sich  Andeutungen  dafür  ergeben,  daß  bei  genügend  hoher  Tem- 
peratur Molekül  und  Atom  dieser  Elemente  identisch  sein  müssen. 

—  Auf  die  weiteren  großen  Arbeitsgebiete  der  Göttinger  Zeit  — 
ich  nenne  nur  die  Untersuchungen  über  die  isomeren  Benziloxime 

—  verbietet  uns  hier  die  Zeit  näher  einzugehen.  *Wenn  wir  heute 
eine  Stereochemie  des  Stickstoffs  vermuthen  müssen,  die  sich  der 
Stereochemie  des  Kohlenstoffs  an  die  Seite  stellen  läßt,  so  ver- 
danken wir  hauptsächlich  den  zuletzt  erwähnten  Arbeiten  Viktor 
Meyers  diese  Erkenntnis.* 

Eines  darf  ich  hier  nicht  unerwähnt  lassen:  die  Gabe,  welche 
die  chemische  Wissenschaft  der  Göttinger  Arbeitsperiode  V.  Meyers 
in  Gestalt  des  so  berühmt  gewordenen  Lehrbuches  der  organischen 
Chemie  verdankt.  Lange  hatte  er  alle  Aufforderungen,  ein  solches 
Lehrbuch  zu  schreiben,  abgelehnt.    Erst  in  Göttingen  nahm  er  das- 


376  Theodor  Curtius  [18 


selbe  in  Angriff,  als  er  in  Paul  Jacobson  einen  hervorragenden 
Mitarbeiter  zu  diesem  Zwecke  gefunden  hatte.  Von  diesem  Buche, 
welches  ein  wirkliches  Lehrbuch,  nicht  Handbuch  der  Chemie  ist, 
konnte  der  Verfasser  leider  nur  noch  den  i.  Teil  vollenden.  In 
Bezug  auf  Klarheit  der  Darstellung,  vollendete  Form  und  vor  allem 
in  Bezug  auf  kritische  Durcharbeitung  des  Materials  steht  dieser 
Torso  heute  noch  mustergültig  und  unerreicht  da. 


1889  hatte  der  unvergleichliche  Altmeister  der  Chemie,  Ro- 
bert Bunsen,  in  Heidelberg  sein  Amt  niedergelegt  An  Viktor 
Meyer  erging  der  Ruf,  das  Erbe  des  fast  Achtzigjährigen  anzutreten. 
Es  ist  nach  meiner  Ansicht  eines  der  vielen  großen  Verdienste 
des  alternden  Meisters  um  die  Heidelberger  chemische  Schule,  daß 
er  sich  selbst  diesen  jugendlichen  Nachfolger  wünschte,  dessen  be- 
deutendste wissenschaftliche  Leistungen  auf  dem  Bunsen  selbst 
sehr  fremd  gebliebenen  Gebiete  der  modernen  organischen  Che- 
mie lagen. 

Viktor  Meyer  mußte  diese  Berufung  in  große  Erregung  ver- 
setzen. Einerseits  war  er  der  preußischen  Unterrichtsverwaltung 
zu  Dank  verpflichtet:  der  Umbau  des  alten  Wöhlerschen  Insti- 
tutes stand  nach  seinen  eigenen  Intentionen  und  Plänen  vollendet  in 
Göttingen  da,  bereit,  dem  Meister  eine  würdige  Stätte  des  Forschens 
und  Lehrens  zu  bieten.  Andererseits  lockte  die  Zusage  der  badischen 
Regierung:  das  veraltete  Bunsensche  Institut  nach  allen  weit- 
gehendsten Wünschen  umzuformen  und  zu  erweitern.  —  Ich  glaube, 
daß  es  „Alt  Heidelberg""  war,  weiches  den  Meister  in  seine  Arme 
zog.  Hatte  doch  auch  der  große  Chemiker  Kekul^  in  Bonn, 
der  vom  Sonnenglanz  des  Erfolges  wie  kaum  ein  zweiter  Um- 
strahlte, seinen  Freunden  gestanden,  daß  er  sich  als  letzte  Gunst 
des  Schicksals  wünsche,  einem  Ruf  nach  Heidelberg  Folge  leisten 
zu  dürfen.  Wer  könnte  sich  diesem  Wunsche  entziehen,  zunutl 
wenn  er  die  Erinnerung  an  glückliche  Jahre  des  Lernens  und  Qe— 


19]  Viktor  Meyer.  377 


nießens  auf  diesem  herrlichen  Fleckchen  Erde  sein  eigen  nennen 
darf?  Und  wer  erst,  der  hoffen  darf,  mit  der  geliebten  Frau  in 
dieser  Herriichkelt  deutscher  Landschaft  zu  leben,  den  heran- 
blühenden Kindern  die  Wunder  derselben  darbieten  zu  dürfen! 

Viktor  Meyer  kam.  Er  kam  vertrauend  auf  seinen  Stern, 
obwohl  er  wußte,  daß  ihm  aufs  neue  eine  Zeit  riesiger  körper- 
licher und  geistiger  Anspannung  bevorstand,  um  neben  seinen 
wissenschaftlichen  Aufgaben  zu  dem  großen  Ziele  zu  gelangen: 
auch  der  chemischen  Forschung  in  Heidelberg  den  Stempel  der 
an  den  meisten  anderen  großen  Hochschulen  längst  bis  zur  höch- 
sten Blüte  gelangten  organischen  Chemie  aufzuprägen. 

Zunächst  galt  es  ein  modernes  Institut  zu  schaffen.  Das  be- 
rühmte Laboratorium  Bunsens  mußte  ausgedehnt  oder  ganz 
erneuert  werden.  Obwohl  die  Regierung  sich  bereit  erklärte,  den 
letzteren  Weg  zu  beschreiten,  zog  Viktor  Meyer  vor,  wohl  haupt- 
sächlich um  ein  neues  Institut  nicht  zu  weit  von  den  nahe  ver- 
wandten der  naturwissenschaftlichen  Disziplinen,  aber  auch  der 
Physiologie  und  Anatomie  zu  entfernen,  das  alte  Bunsenlabora- 
tonum  zu  erweitern. 

Zunächst  wurde  sofort  ein  Barackenbau  provisorisch  ge- 
schaffen, um  die  erhöhte  Anzahl  der  Studierenden  aufzunehmen. 
Im  übrigen  stellten  sich  fast  unlösbare  Schwierigkeiten  der  Aus- 
führung der  Idee  des  Erweiterungsbaues  entgegen.  Nur  ein 
verhältnismäßig  sehr  knapper  Platz  konnte  ausgenutzt  werden,  um 
Räume  zu  schaffen,  welche  neben  dem  großen  Hörsaale,  In  wel- 
chem ich  Sie,  hochgeehrte  Versammlung,  heute  zu  begrüßen  die 
Ehre  habe,  und  den  vielen  Nebenräumen  die  doppelte  Anzahl  von 
Arbeitsplätzen  für  Praktikanten  liefern  sollten,  als  In  dem  alten 
Bunsenschen  Institute  vorhanden  waren.  V.Meyer  hat  die  denk- 
bar zweckmäßigste  Ausnutzung  des  ihm  zu  Gebote  gestellten 
Raumes  in  wahrhaft  genialer  Weise  erreicht.  1892  konnte  der 
„Neubau"   mit  mehr  als  60  Arbeitsplätzen,  die  aber  alsbald  mit 


378  Theodor  Curtius  [20 


circa  90  Praktikanten  besetzt  werden  mußten,  In  Betrieb  genom- 
men werden. 

Nur  wenige  NichtChemiker,  welche  über  den  Wredeplatz  durch 
die  Akademiestraße  gehen  und  die  gefälh'gen  architektonischen 
Linien  des  von  Bunsen  anfangs  der  fünfziger  Jahre  errichteten 
alten  Institutes  betrachten,  werden  eine  Ahnung  haben,  wieviel 
Chemie  heute  dahinter  noch,  unsichtbar  von  der  Straße,  getrieben 
wird.  Auch  der  von  V.  Meyer  erbaute  40  Meter  hohe  Kamin, 
der  die  chemischen  Dünste  für  die  Umgebung  unschädlich  machen 
soll,  wird  nicht  allen  von  Ihnen  persönlich  bekannt  sein;  die 
Glücklichen,  die  an  schönen  Sommertagen  auf  den  naheliegenden 
Höhen  des  Qaisberges  sich  der  Schönheit  der  Heidelberger  Land- 
schaft mit  ihrem  erquickenden  Waldeshauch  erfreuen,  ahnen  wohl 
kaum,  welch  ein  Hexenkessel  von  bösesten  Düften  der  Wissen- 
schaft zu  Ehr  und  Nutzen  aus  dem  kleinen  Gebäudekomplex 
zu  ihren  Füßen,  von  200  lernbegierigen  Menschen  angefacht, 
emporbrodelt. 

Mit  rastloser  Energie  ging  Viktor  Meyer  an  die  Arbeit. 
Die  neuesten  eigenen  Erfahrungen  an  dem  von  ihm  gebauten  Zü- 
richer und  Göttinger  Institut  wurden  verwertet  und  ergänzt.  Sein 
Schüler  Gattermann  ist  in  dieser  Zeit  der  Hauptgenosse  seiner 
Bausorgen  und  hilft  ihm  getreulich  an  der  Vollendung  des  Werkes. 
Alle  Pläne  runden  sich  mit  Hülfe  der  Liberalität  der  Unterrichts- 
verwaltung  unter  kundiger  Fachleitung  zu  schönstem  Gelingen. 

Und  nun  strömten  die  Schüler  herbei,  um  unter  des  neuen 
Meisters  Leitung  Chemiker  als  Praktiker  oder  als  Lehrer  zu  wer- 
den. Doch  schon  mit  der  Eröffnung  des  so  großartig  erweiterten 
Instituts  genügten  die  Arbeitsplätze  nicht  mehr,  um  den  Ehrgeiz 
der  sich  um  Viktor  Meyer  scharenden  studierenden  Jugend  zu 
befriedigen.  Der  Meister  plante  eine  neue  Erweiterung  des 
Institutes,  welche  vor  allen  Dingen  dem  chemischen  Bedürfnis  der 
Mediziner  zugute  kommen  sollte.    Er  durfte  die  Ausf&hrung  seines 


21]  Viktor  Meyer.  379 


Wunsches  nicht  mehr  erleben.  Aber  heute  steht  trotzdem  in 
seinem  Geiste,  wenn  auch  nicht  nach  seinen  Plänen  ausgeführt, 
der  seit  Jahresfrist  in  Betrieb  gesetzte  sogenannte  „Medizinerbau** 
vollendet  da  und  bietet  32  Studierenden  der  Medizin  oder  Chemie 
nach  modernsten  Gesichtspunkten  Gelegenheit  zu  ihren  Studien. 
Dieser  Bau  füllt  das  letzte  freie  Eckchen  des  zur  Verfügung  stehen- 
den Bodens  aus,  ganz  unsichtbar  dem  die  Straßen  Heidelbergs 
durchwandernden  Fremden. 

Aber  noch  eine  zweite,  wichtige  Aufgabe  fiel  Viktor  Meyer  mit 
Antritt  seiner  Stellung  als  Lehrer  in  Heidelberg  zu:  eine  durch- 
greifende Reform  der  Ausbildung  der  älteren  Studierenden  für  das 
als  naturgemäßen  Schluß  des  Studiums  der  Chemiker  sich  er- 
gebende Doktorexamen  herbeizuführen.  Schon  seit  Jahrzehnten 
bestand  nach  Liebigs  Vorgang  an  fast  allen  chemischen  Instituten 
der  Universitäten  der  Gebrauch:  die  Studierenden  in  den  letzten 
zwei  oder  drei  Semestern  ihres  Studiums  dadurch  fertig  auszubil- 
den, daß  der  Lehrer  dieselben  an  dem  Weitergange  seiner  eigenen 
Forschungen  in  Gestalt  von  wissenschaftlich  durchzuführenden 
Aufgaben  teilnehmen  läßt.  Dadurch  allein  kann  die  Selbständig- 
keit des  Denkens  und  des  Lösens  von  Problemen  erzielt  werden. 
In  Heidelberg  wurde  bis  zu  Viktor  Meyers  Eintritt  in  den  Lehr- 
körper ein  solches  schriftliches  specimen  acuminis,  eruditionis  et 
diligentiae  von  den  Chemikern  nicht  verfangt. 

Dadurch,  daß  nunmehr  diese  Forderung  in  Gestalt  der  gedruck- 
ten wissenschaftlichen  Dissertation  an  die  Doktoranden  gestellt 
wurde,  erwuchs  V.  Meyer  aber  eine  ungeheure  Arbeitslast.  Eine  über- 
große Anzahl  von  Chemikern  eilte  nach  Heidelberg,  um  durch  Lösen 
einer  eigenen  wissenschaftlichen  Aufgabe  sich  die  Anwartschaft  auf 
den  Doktorhut  in  einer  den  übrigen  Hochschulen  ebenbürtigen  Weise 
zu  erwerben.  In  den  letzten  Jahren  seines  Wirkens  sollten  die 
Fäden  von  oft  nahezu  100  verschiedenen  wissenschaftlichen  Unter- 
suchungen in  dem  Kopfe  dieses  einen  Meisters  zusammenlaufen! 


380  Theodor  Curtius  [22 


=Ov 


Daß  dies  nicht  möglich  ist,  liegt  auch  für  den  Laien  auf  der  Hand. 
Aber  Viktor  Meyer  verstand  mit  wunderbarem  Scharfblick  die- 
jenigen seiner  älteren  Schüler  und  Mitarbeiter  dauernd  an  sich  zu 
fesseln,  deren  hohe  Begabung  er  frühzeitig  erkannt,  welche  er 
selbst  zu  wissenschaftlicher  Selbständigkeit  ausgebildet  hatte.  So 
erschien  er  in  Heidelberg  auf  dem  chemischen  Kampfplatze  mit 
einem  Stabe  von  ausgezeichneten  Gelehrten  und  bereits  selbständig 
forschenden  Schülern,  um  welche  ihn  die  Leiter  der  Institute  aller 
anderen  Hochschulen  geradezu  beneiden  mußten.  Ich  brauche 
nur  die  Namen  Jannasch,  Gattermann,  Auwers,  Knoeve- 
nagel,  Goldschmidt  zu  nennen.  In  diesen  Männern  fand  er 
die  geeignete  Unterstützung  bei  der  Bewältigung  der  ihm  aufge- 
bürdeten, enormen  Arbeitslast. 

Meine  hochgeehrten  Damen  und  Herren!  Viktor  Meyer  sind 
während  seines  arbeitsamen,  erfolgreichen  Lebens  die  höchsten 
Anerkennungen  und  Auszeichnungen  zuteil  geworden;  die  größte 
aber,  die  meines  Erachtens  einem  Lehrer  zuteil  werden  kann,  aber 
in  diesem  Maße  kaum  je  wird,  hat  er  leider  nicht  mehr  erleben 
dürfen:  in  dem  Zeiträume  von  kaum  zwei  Jahren  sind  vier  dieser 
seiner  bedeutendsten  Mitarbeiter  und  Schüler  als  ordentliche  Profes- 
soren und  Institutsdirektoren  an  Hochschulen  des  In-  und  Auslandes 
berufen  worden!  Wenn  ich  als  sein  Nachfolger  drei  dieser  hoch- 
verdienten Männer  aus  dem  Institute  mit  schwerem  Herzen  habe 
ziehen  lassen  müssen,  so  hat  mich  im  stillen  wenigstens  immer 
ein  Gedanke  freudig  bewegt:  welche  Genugtuung  Viktor  Meyer 
darüber  hätte  empfinden  müssen,  daß  die  von  ihm  als  Lehrer  ge- 
streute Saat  auch  diesen  glänzenden  Erfolg  vor  aller  Welt  ge- 
bracht hatte. 

Wie  bitter  müssen  diese  treuen  Gefährten  den  Tod  des  Mdsters 
empfunden  haben!  Einer  derselben,  Heinrich  Goidschmidt, 
hat  von  dieser  Stelle  aus  in  einer  Sitzung  der  Heidelberger  che- 
mischen Gesellschaft  kurz  nach  dem  Tode  Viktor  Meyers  diesem 


23]  Viktor  Meyer.  381 


Gefühle  mit  den  wenigen,  unnachahmlichen  Worten  Ausdruck 
gegeben:  „Viktor  Meyer  ist  nicht  mehr,  und  wir  müssen  trachten, 
uns  nach  und  nach  in  das  Unabänderliche  zu  finden.  In  unserem 
Schmerze  wollen  wir  es  aber  doch  dankbar  als  ein  Glück  em- 
pfinden, daß  es  uns  vergönnt  gewesen  ist,  mit  einem  solchen  Manne 
zusammenzuleben." 

in  diesem  Strudel  didaktischen  Wirkens  in  Heidelberg  finden 
wir  Viktor  Meyer  trotzdem  in  die  Ausführung  alter  und  neuer 
wissenschaftlicher  Probleme  vertieft. 

*Sein  Wunsch,  an  der  Stätte,  wo  sein  geliebter  Lehrer  Bunsen 
vor  ihm  gewirkt  hatte,  sein  bestes  Können  zu  entfalten,  ging  in 
Erfüllung.  In  den  ersten  Jahren  in  Heidelberg  beschäftigten  ihn 
noch  die  Untersuchungen  über  die  Isomerie  der  Oxime,  ferner 
vom  physikalisch  -  chemischen  Standpunkte  aus  interessante  Ver- 
suche über  Knallgas  und  die  Zersetzung  des  Jodwasserstoffs. 
Wichtige  Gesetzmäßigkeiten  über  die  Substitution  von  Wasserstoff 
durch  Halogene  in  Fettkörpern  wurden  aufgefunden,  die  pyroche- 
mischen  Arbeiten  von  neuem  aufgenommen.  Letztere  führten  zu 
einer  einfachen  Methode,  die  Schmelzpunkte  sehr  schwer  schmelz- 
barer Substanzen  zu  bestimmen.  Die  größte  wissenschaftliche 
Tat,  welche  er  in  den  letzten  acht  Jahren  seines  Lebens  ausführte 
—  nach  meiner  Ansicht  die  schönste  Arbeit  des  Meisters  über- 
haupt — ,  bilden  aber  seine  klassischen  Untersuchungen  über  jene 
jodhaltigen  Substanzen,  welche  er  uns  als  Jodoso-,  Jodo-  und 
Jodoniumverbindungen  kennen  lehrte.  Mit  wunderbarem 
Scharfblicke  erkannte  er  in  jenen  neuen  Stoffen  Eigenschaften, 
welche  nach  der  Theorie  in  keiner  Weise  vorhergesehen  werden 
konnten.  Wer  hätte  voraussagen  können,  daß  sich  vom  Jod- 
benzol oder  der  o-Jodbenzoesäure  Sauerstoffverbindungen  ab- 
leiten, welche  sich   den   Nitroso-  und  Nitroverbindungen  in   der 


•  Vgl.  die  Anmerkung  S.  370. 


382  Theodor  Curtius  [24 


■v>v" 


Reihe  der  stickstoffhaltigen  Körper  an  die  Seite  stellen?  Und  ge- 
radezu unmöglich  war  vorauszusehen,  daß  den  Verbindungen  von 
der  Konstitution  der  Jodoniumkörper  Basen  zu  Grunde  liegen, 
die  hinsichtlich  der  Stärke  den  Alkalien  gleichen  und  in  einzelnen 
Reaktionen  an  die  Thalliumverbindungen  erinnern!  —  Das  Ester- 
gesetz, das  gleichfalls  den  letzten  Arbeitsjahren  entstammt,  ist 
ein  kühner  Versuch,  die  Geschwindigkeit  der  Esterbildung  einer 
Säure  mit  deren  Konstitution  in  Zusammenhang  zu  bringen.  Ist 
auch  die  Annahme,  daß  die  räumlichen  Verhältnisse  dabei  eine 
Rolle  spielen,  nicht  streng  bewiesen  und  vielleicht  überhaupt  nicht 
beweisbar,  so  wurde  doch  bei  dieser  Arbeit  eine,  wie  es  scheint 
ganz  allgemeine  Gesetzmäßigkeit  für  die  Geschwindigkeit  der  Ester- 
bildung bei  aromatischen  Säuren  aufgefunden. 

Noch  eine  merkwürdige,  kleine,  aber  sehr  reizvolle  Entdeckung 
stammt  aus  dieser  Zeit:  der  Forscher  wies  mit  großem  Scharf- 
sinn nach,  daß  entgegen  allen  Vermutungen  bei  der  Oxydation  von 
Wasserstoff  oder  Kohlenoxyd  mit  Permanganat  Sauerstoff  frei 
wird.  Kaum  einer  außer  ihm  wäre  wohl  auf  den  Gedanken  ge- 
kommen, daß  das  bei  diesen  Oxydationsprozessen  übrigbleibende 
Gas  aus  Sauerstoff  bestehen  könnte. 

Die  letzte  Arbeit,  welche  Viktor  Meyer  noch  zu  völligem  Ab- 
schlüsse brachte,  war  die  Untersuchung  des  Mesitylen  aus  Aceton. 
Es  waren  Zweifel  dagegen  laut  geworden,  daß  der  wohlbekannte 
Körper  einheitlicher  Natur  sei.  Er  wünschte  mit  dem  ihm  eige- 
nen, außerordentlich  fein  entwickelten  Gerechtigkeitsgefühl,  wie 
er  sich  ausdrückte,  „die  Ehre  des  Mesitylen  zu  retten*.  Und  er 
rastete  nicht,  bis  er  nachgewiesen,  daß  die  Umlagerungen,  welche 
man  bei  den  Umsetzungen  des  Mesitylen  angenommen  hatte, 
nicht  existieren.* 


So  baut  sich  das  Lebenswerk  Viktor  Meyers  als  Forscher  und 
Lehrer  vor  uns  auf,  begründet  auf  großen  originellen  Gedanken 


Viktor  Meyer. 


383 


ürfen,  die  er  mit  kühner,  gewissenhafter  Arbeit  und  glän- 

terimentierkunst  bis  zum  äußersten  Ziele  zu  verwirkHchen 

Unerreichbar  war  er  in  der  Kunst,  die  schwierigsten 

I  in  leicht  faßlicher  und  dabei  formvollendeter  Art  darzu- 

Vorlesungen  wirken  nur  anregend,  wenn  der  Lehrer  selbst 

f  Freude  daran  hat,  wenn  er  selbst  in  ihnen  „etwas  erlebt", 

)  er  selbst  dabei  manche  neue  Anregung  erhält.    Viktor  Meyer 

\  diese  Freude  am  Vortrage,  wie  am  Experimentieren  in  der 

mg  im  höchsten  Maße. 
Es  machte  ihm  aber  auch  Freude,  chemische  Probleme  vor 
!  naturwissenschaftlichen  und  medizinischen  Kreisen  vorzu- 
Zeugnis  davon  geben  seine  Reden  bei  Gelegenheit  der  Ver- 
[en  der  Naturforscher  und  Ärzte,  Reden  oft  von  kühnstem 
bund  stets  in  vollendeter  Darbietung.  Auch  in  popularisierender 
I  bemühte  er  sich,  seine  große  darstellerische  Kunst  in  der  Che- 
!  durch  Aufsätze  in  naturwissenschaftlichen,  ja  auch  politischen 
4lriften  nutzbar  zu  machen.  Der  kühne  Versuch,  in  dem  Rah- 
leines Lebensbildes  von  Pasteur  die  Lehre  vom  asymmetrischen 
lenstoff  einem  allgemeiner  gebildeten  Publikum  vorzuführen,  er- 
e  bei  den  Fachgenossen  berechtigtes  Erstaunen.  Der  feinsinnige 
Stier  Viktor  Meyer  mehr  als  der  große  Gelehrte  war  es,  der 
'solches  zu  Tage  förderte.  So  finden  wir  denn  erst  recht  von  ihm 
reine  Schöpfungen  künstlerischen  Empfindens,  unabhängig  von  der 
'  chemischen  Wissenschaft.  Eine  Reihe  anziehender  belletristischer 
Arbeiten  bietet  er  uns.  Wahre  Tiefe  des  Gemütes,  echtes,  vornehmes 
Empfinden  in  bildender  und  tönender  Kunst,  und  vor  allem  ein 
tiefes  Verständnis  für  die  Schönheiten  der  natürlichen  Landschaft, 
verbunden  mit  liebevollem  Eingehen  in  das  Leben  und  Treiben 
der  Menschen  in  derselben  muten  uns  aus  diesen  Aufsätzen  reiz- 
voll an. 

Zu  Reisen  in  weite  Fernen,  nach  Korsika,  Spanien,  den  Ka- 
naren  —  wie  köstlich  schildert  er  die  „Märztagc  im  Kanarischen 


384  Theodor  Curtius  [26 

Archipel"  —  zog  er  aus.  Körperliche  Übungen  im  Schwimmen 
und  Schlittschuhlaufen  setzte  er  auch  noch  in  reiferen  Jahren 
geistiger  Arbeit  entgegen.  Vor  allem  aber  waren  es  die  Hochgipfel 
der  Alpen,  welche  ihn  immer  wieder  anzogen:  er  wanderte  mit 
seiner  Gattin  durch  die  Eiswüste  des  Klaridenpasses;  Hochgipfel, 
wie  TÖdi,  Bernina  und  Jungfrau  sah  er  zu  Füßen. 

Einer  Begegnung  in  der  Alpenwelt  verdanke  ich  die  einzige 
Gelegenheit,  während  einer  längeren  Reibe  von  Tagen  Viktor  Meyer 
persönlich  wirklich  nahe  getreten  zu  sein.  Diese  Begegnung  ge- 
hört zu  meinen  glücklichsten  Erinnerungen:  so  mögen  Sie,  hoch- 
verehrte Anwesende,  mir  gestatten,  dieselbe  hier  Ihnen  zu  über- 
liefern. 

Ende  August  1890  traf  ich  Viktor  Meyer  allein  in  Poniresina. 
Ich  durfte  ihm  die  Neuigkeit  von  der  Entdeckung  der  Stickstoff- 
wasserstoffsäure mitteilen,  welche  einige  Wochen  später  auf  der 
Bremer  Naturforscherversammlung  proklamiert  werden  sollte.  Dar- 
über geriet  er  in  wahre  freudige  und  herzliche  Aufr^ung.  Am 
nächsten  Morgen  sagte  er  mir,  daß  ihm  die  ganze  Nacht  .das 
umgedrehte  Ammoniak"  nicht  aus  dem  Kopfe  g^angen.  Noch 
mehrere  Tage  lang  kam  er  immer  wieder  in  höchst  antuender 
Weise  auf  diese  Entdeckung  zurück  und  knüpfte  die  kühnsten  Fol- 
gerungen daran  in  Scherz  und  Ernst 

Unendlicher  Schneefall  trat  in  jenen  Tagen  ein  und  verhüllte 
selbst  den  Boden  des  Tales  mit  weißem  Gewände.  Blendender 
Sonnenglanz  vom  tiefblauen  Himmel  ließ  uns  nunmehr  die  Reize 
des  winterlichen  Hochgebirges  im  Sommer  empfinden.  Die  un- 
beschreibliche Pracht  der  Landschaft  versetzte  Viktor  Meyer  in  höch- 
stes Entzücken,  und  so  wollte  er,  trotz  des  tiefen  Neuschnees,  über 
den  Morteratschgletscher  nach  der  Bovalhütte  vordringen.  Wir 
stiegen  an  einem  unvergleichlichen  Morgen  über  das  untere  Ende 
des  sonst  so  bequemen,  aber  nunmehr  mit  knietiefem  Schnee  be- 
deckten Gletschers  langsam  hinauf.    Plötzlich  sagte  mein  Gefährte, 


27]  Viktor  Meyer.  385 

als  wir  in  heiterem  Gespräch  an  einem  großen  Steine  rasteten, 
daß  er  einige  Augenbh'cke  vöHig  ausruhen  müsse.  Er  legte  sich 
auch  sogleich  in  den  Schnee  und  schlief  in  wenigen  Sekunden  fest 
ein.  Ich  unterstützte  ihn,  so  gut  es  ging,  mit  Rucksack  und  Seil, 
da  er  immer  tiefer  in  den  Schnee  sank.  Nach  mehr  als  einer 
halben  Stunde  wachte  Viktor  Meyer  auf  und  sprach  sofort  weiter 
mit  mir,  als  ob  sein  Schlaf  nur  wenige  Augenblicke  gedauert.  Wir 
kehrten  natürlich  nach  Pontresina  zurück,  konnten  aber  schon  am 
nächsten  Tage,  da  er  sich  erfrischt  und  munter  fühlte,  über  die 
Maloja  ins  herrliche  Bergell  hin  unterwandern. 

Später  bin  ich  noch  manchmal  flüchtig  mit  Viktor  Meyer  bei 
Kongressen  und  anderen  Gelegenheiten  zusammengetroffen.  Immer 
wieder  ist  er  mir  mit  demselben  freundlichen  Interesse,  ja  mit 
einer  gewissen  unnachahmlichen  Zärtlichkeit  des  Herzens  nahe- 
getreten. 

Nach  Viktor  Meyers  Tode  ist  mir  die  Erinnerung  an  solche 
flüchtigeren  Begegnungen  mehr  und  mehr  verblaßt.  Wenn  ich  an 
ihn  denke,  stehen  mir  die  feingemeißelten  Züge  des  Mannes  vor 
Augen,  wie  ich  ihn  sah,  tiefschlummernd  wie  ein  Kind  in  der 
fleckenlosen,  unendlichen  Schneewüste  am  Fuße  eines  der  maje- 
stätischsten Berge  der  Alpenwelt. 

So  habe  ich  Viktor  Meyer  als  Menschen  kennen  gelernt,  und 
jede  Faser  seines  Herzens,  welche  er  mir  enthüllt  hat,  ist  mir  lieb 
und  wert  geblieben.  Ich  möchte  aber  diese  Gedächtnisworte  nicht 
schließen,  ohne  den  Erinnerungen  eines  Mannes  gerecht  zu  werden, 
der  zu  ihm  lange  Zeit  in  freundschaftlicher  Beziehung  gestanden: 
Karl  Li  ebermann  charakterisierte  die  Eigenschaften  Viktor  Meyers 
in  einer  Sitzung  der  Deutschen  chemischen  Gesellschaft \  als  die 
Mitglieder  noch  unter  dem  ersten,  bittersten  Eindruck  von  dem  Ver- 
lust ihres  Präsidenten  standen,  wie  folgt: 


»  loc.  cit.  p.  2158—59. 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  25 


386  Theodor  Curtius  [28 


„Wer,  wie  ich,  Viktor  Meyer  seit  drei  Jahrzehnten  als  Freund 
nahegestanden,  der  fühlt,  daß  er  seinem  Gedächtnis  nur  dann  voll- 
kommen gerecht  werden  kann,  wenn  er  nicht  nur  von  dem  hohen 
Streben  und  den  wissenschaftlichen  Leistungen  berichtet,  sondern 
auch  zum  Herzen  der  Hörer  von  ihm  spricht  Denn  die  Herzen 
gewann  er  aller,  welche  ihm  nahe  traten.  Nicht  nur  Fachgenossen, 
Gelehrte,  Künstler,  denen  seine  geniale  Veranlagung  nicht  entgehen 
konnte,  nein  auch  der  harmlosest  auf  dem  Lebenspfade  ihm  Be- 
gegnende stand  unter  dem  Zauber  seiner  Persönlichkeit  Auf  das 
glücklichste  hatte  ihn  die  Natur  dazu  veranlagt  und  ausgestattet: 
die  jugendliche  Gestalt,  der  fein  geschnittene,  geistreiche  Kopf,  das 
seelenvolle,  blaue  Auge,  der  Wohlklang  der  Stimme  nahmen  schon 
äußerlich  jeden  für  ihn  ein.  Liebenswürdige  Geselligkeit  war  in 
ihm  mit  harmonischer  Durchbildung,  schnelle  Auffassungsgabe 
mit  natürlicher  Beredsamkeit,  klarer  Verstand  mit  schöpferischer 
Phantasie  gepaart.  Fern  von  banaler  Schmeichelei  wußte  er  jeden 
freundlich  aufzufassen,  fremdes  Verdienst  begeistert  anzuerkennen. 
Dies  gab  dem  Umgange  mit  ihm  das  warme  Kolorit,  das  ihm 
immer  neue  Freunde  erwarb.  Treue  Freundschaft  hat  er  sein 
Leben  lang  auch  den  räumlich  fernen  Freunden  gehalten.  —  Wahre 
Herzensgüte  war  ein  Grundzug  dieses  sonnigen  Charakters.  Ein 
Sonnenglanz  lag  über  seinen  Familienbeziehungen:  die  liebevollste 
Zärtlichkeit  zu  Eltern,  Geschwistern,  Gattin  und  Kindern.  Keine 
schönere  Aufgabe,  kein  sehnlicherer  Wunsch,  als  in  den  vier  auf- 
blühenden Töchtern  jede  geistige  und  künstlerische  Anlage  schön 
zu  entwickeln!  Und  jeder  seiner  Schüler,  Mitarbeiter,  Bekannten 
hatte  an  seiner  wohlwollenden  Güte  teil."  — 

Daß  die  Stürme  der  Heidelberger  Jahre  an  Viktor  Meyer  ohne 
Schädigung  seiner  Kräfte  hätten  vorüberziehen  können,  wer  hatte 
dies  nach  der  Wirkung  der  vorhergegangenen  Sturm-  und  Drang- 
jahre seines  Lebens  glauben  mögen?  Immer  wieder  zwar  versuchte 
er  noch  den  hochgradig  neurasthenischen  Zustand»  welcher  ihn 


29]  Viktor  Meyer.  387 

T,    ■  .  ~  ■  ^ ^  ^ 

namentlich  mit  Schlaflosigkeit  peinigte,  durch  Genießen  der 
Schönheiten  der  Qebirgswelt,  ja  zuletzt  noch  durch  Körperbewe- 
gungen, wie  Radfahren,  zu  meistern.  Aber  die  Angehörigen  und 
Freunde  mußten  nur  zu  bald  einsehen,  daß  die  Hoffnung,  welche 
sie  auf  seine  Übersiedelung  nach  Heidelberg  gesetzt  hatten:  der 
Geliebte  möge  Körper  und  Geist  mehr  als  bisher  Ruhe  gönnen 
und  sich  dauernd  gesund  erhalten,  sich  nicht  verwirklichen 
ließe.  — 

Und  so  breitete  das  Schicksal  allmählich  die  dunkeln  Schatten 
über  ihn  aus,  so  daß  er  die  Einzelheiten  auf  dem  Kampfplatze 
des  Lebens  nicht  mehr  zu  unterscheiden  vermochte.  Und  in  dem 
Dunkel  nahte  der  Tod:  nicht  der  lange  gefürchtete,  fürchterliche, 
sondern  der  Tröster,  der  Freund.  Der  nahm  ihm  die  Binde, 
welche  die  Suchenden  unter  uns  immer  wieder  zu  lüften  sich  be- 
mühen, um,  ach,  oft  nur  einen  Strahl  des  himmlischen  Lichtes  zu 
empfangen,  schnell  und  leise  von  den  Augen.  Der  Freund  wußte 
wohl,  daß,  wer  im  Leben  furchtlos  seinen  Blick  der  Wahrheit  zu- 
gewandt, auch  die  plötzliche  Überfülle  des  göttlichen  Lichtes  zu 
ertragen  vermag. 

So  ging  Viktor  Meyer  von  uns. 

Mehr  als  vier  Jahre  sind  seitdem  vergangen.  Die  Zeit  hat 
den  bittern  Schmerz  des  ersten  Augenblickes  auch  den  dem  Teuren 
Nächststehenden  in  sanfte  Trauer  aufgelöst.  Und  wenn  auch  in 
uns  allen  immer  noch  ein  Wehgefühl  wie  verhallender  Glocken- 
ton nachzittert  —  heute  ist  die  Stunde,  in  der  wir  uns  nur  freuen 
sollen,  daß  Viktor  Meyer  der  unsrige  war. 

Des  stehe  denn  dies  Bild  des  großen  Forschers  und  Lehrers, 
des  feinsinnigen  Menschen  vor  uns  von  nun  an  als  Zeugnis  da, 
das  Bild  des  Mannes,  welcher  an  dieser  Stätte  als  Erster  die  Che- 
miker den  bedeutenden  Aufgaben  ihrer  Zeit  entgegengeführt  hat. 
Und  wenn  sich  noch  in  fernen  Jahren  die  Studierenden  der  Ru- 
perto-Carola  in  diesem  Saale  um  den   Lehrer  scharen,  werden 

25* 


388  Theodor  Curtius,  Viktor  Meyer.  [30 


mt^^^ 


sie  durch  dieses  Bildnis,  gedenkend  der  herrlichen  Erfolge  des 
Chemikers  Viktor  Meyer,  immer  wieder  daran  erinnert  werden, 
daß  das  Streben,  der  Wahrheit  näher  zu  kommen,  das  einzige  Ziel 
aller  Wissenschaft  bedeutet. 

[Musik:  „Wach  auf!  es  nahet  gen  den  Tag."] 


Carl  Gegenbaur 


von 


Max  Fürbringer. 


V  (jBK^ie  auf  Seite  3  dieser  Festschrift  von  mir  ausgesprochene 
)  IIHI  iR  Erwartung  hat  sich  zu  unser  Aller  tiefstem  Schmerze 
■"  nicht  bewahrheitet.    Carl  Qegenbaur  ist  am  14.  Juni 

ds.  Js.  im  Alter  von  nahezu  77  Jahren  sanft  entschlafen.  Mit 
ihm  ist  einer  der  größten  Morphologen  aller  Zeiten  von  uns  ge- 
schieden. 

Eine  seiner  Bedeutung  entsprechende  Schilderung  seines 
Lebensganges,  seines  Wirkens  und  seines  Charakters  in  dieser 
Festschrift  zu  geben,  ist  bei  der  Größe  von  Gegenbaurs  Leistungen 
und  bei  der  Kürze  der  zur  Verfügung  stehenden  Zeit  unmöglich. 
Ganz  auf  einen  Nachruf  hier  zu  verzichten,  ist  aber  nicht  minder 
unmöglich.  Möge  darum  der  folgende  kurze  Abriß  seines  Lebens 
und  die  nur  in  den  Grundzügen  angedeutete  Würdigung  seiner 
Arbeiten  und  menschlichen  Eigenschaften  hier  zur  Veröffentlichung 
gelangen  und  als  vorläufiger  Versuch  eine  nachsichtige  Beurteilung 
finden. 


Carl  Gcgenbaur  ist  am  21.  August  1826  in  Würzburg  geboren. 

Die  Familie  Gegenbaur  entstammte  der   oberschwäbischen 

Gegend,  war  aber  schon  am  Ende  des  17.  Jahrhunderts  in  Fulda 


392  Max  Fürbringer  [4 

^    ■  ■  ^\^>  m  ■  ,      ■ 

und  dem  daran  anschließenden  Hessen-  und  Frankenland  ansässig 
geworden.  Die  gut  katholischen  Vorfahren  waren  größtenteils 
Beamte,  manche  auch  geistlichen  Standes,  oder  Mönche.  Auch 
Qegenbaurs  Vater,  Franz  Joseph  Qegenbaur,  gehörte  dem  Beamten- 
stande an.  Zuerst  Amtsverweser  in  Römershag,  dann  nach  Würz- 
burg, wo  Carl  Qegenbaur  geboren  wurde,  Weißenburg  am  Sand 
und  Arnstein  versetzt,  zuletzt  wieder  als  Rentamtmann  in  Würz- 
burg, hat  er  sich  immer  als  ein  Mann  von  strengen  Grundsätzen, 
von  ernster  Lebensführung  und  von  großer  Pflichttreue  und  Ge- 
wissenhaftigkeit für  sein  Amt  und  seine  Familie  bewährt.  Er  ist, 
fast  80  Jahre  alt,  im  Jahre  1872  gestorben  und  hat  in  seiner 
späteren  Lebenszeit,  namentlich  nachdem  ihm  die  Gattin  genom- 
men war,  sehr  zurückgezogen  gelebt. 

Qegenbaurs  Mutter,  Elisabeth  Karoline  geb.  Roth,  war  aus 
einer  in  der  unteren  Maingegend,  in  der  Nähe  von  Aschaffenburg, 
ansässigen  Familie  gebürtig.  Auch  hier  überwiegt  der  gelehrte, 
namentlich  juristische  Stand.  Der  Großvater,  Amtsvogt  Jakob  Roth, 
war  ein  in  seiner  Art  hervorragender  Mann,  mit  einem  Herz  auf 
dem  rechten  Flecke,  mit  lebhaftem  Sinn  für  Wissenschaft,  Kunst 
und  Humor,  mit  Geschick  in  mechanischen  und  künstlerischen 
Arbeiten.  Namentlich  in  den  Freiheitskriegen  hatte  er  Beweise 
von  Mut  und  Entschlossenheit,  während  seines  ganzen  Lebens  Zeug- 
nisse edler  Menschlichkeit  und  Wohltätigkeit  gegeben.  Ihm  gleich- 
gesinnt erwies  sich  die  Gattin,  Eleonore  geb.  von  Germersheim. 
Das  Wesentliche  dieser  guten  Eigenschaften  hat  Gegenbaurs 
Mutter  von  ihren  Eltern  geerbt.  Der  Sohn  hebt  in  seiner  Selbst- 
biographie ihre  „Frohnatur"  hervor  und  berichtet  in  vielen  feinen 
Zügen  voll  Dankbarkeit  von  der  Liebesfülle  ihres  Herzens,  von 
der  warmen  Fürsorge,  die  sie  ihren  Kindern  ohne  Unterschied 
in  Rat  und  Tat  bewiesen.  Auch  ihr  jüngster  Bruder  Joseph  Roth, 
ein  origineller  und  bedeutender  Mensch,  eine  reine  und  ideale 
Natur,  Künstler  und  Dichter,  hat  auf  Gegenbaurs  Jugendzeit  einen 


5]  Carl  Gegenbaur.  ^3 


wesentlichen  Einfluß  ausgeübt.  Die  Mutter  hat  nur  ein  Alter 
von  66  Jahren  erreicht  und  ist  1866,  mehrere  Jahre  vor  ihrem 
Gatten,  dahingeschieden. 

Carl  Gegenbaur  war  das  älteste  Kind  seiner  Eltern.  Von 
seinen  6  Geschwistern  sind  nur  zwei  in  das  reifere  Alter  ge- 
langt, der  3  Jahre  jüngere  Bruder  Jakob  Theodor  und  die  13 
Jahre  jüngere  Schwester  Eleonore.  Alle  drei  Geschwister  verband 
die  innigste  Liebe.  Der  reich  begabte  Bruder  starb  schon  1854 
während  der  Vorbereitungen  für  die  akademische  Laufbahn,  erst 
25  Jahre  alt,  die  ihrer  Mutter  gleichgeartete  Schwester  187T  im 
Alter  von  38  Jahren,  nachdem  sie,  hülfreich  und  gut,  als  Gattin 
des  Forstbeamten  Schmitt  in  Burgsinn  und  Würzburg,  in  einem 
reichen  Familienleben  und  zugleich  als  Pflegerin  und  Trösterin  von 
Mutter  und  Vater  tätig  gewesen  war. 

Die  Kindheit  Gegenbaurs  mit  ihren  frühesten  Erinnerungen 
und  die  ersten  Schuljahre  spielen  sich  in  Würz  bürg  ab. 
Im  Jahre  1834  wird  der  Vater  nach  Weißenburg  am  Sand  in 
Mittelfranken,  1837  nach  Arnstein  a.  d.  Wem,  nördlich  von  Würz- 
burg, versetzt.  Das  mittelfränkische  Städtchen  Weißenburg, 
ehemals  freie  Reichsstadt,  mit  seinen  alten  Erinnerungen,  in  seinen 
Umgebungen  auch  mit  Resten  aus  der  Römerzeit,  danach  das 
kleine  Arnstein  mit  seiner  lieblichen,  auf  die  Rhön  und  die 
benachbarten  Berge  eine  schöne  Aussicht  gewährenden  Gegend 
entwickelte  das  historische  Verständnis  und  den  Natursinn  des 
Knaben. 

Spezielle  Anleitung  zur  Naturbeobachtung  gab  ihm  auch  die 
Mutter,  bei  der  sich  mit  großer  Freude  an  der  Natur  eine  genaue 
Kenntnis  der  einheimischen  Pflanzen  verband;  sie  hat  seine  ersten 
naturwissenschaftlichen  Sammlungen  angeregt  und  überwacht.  Von 
seinen  damaligen  Lehrern  hebt  Gegenbaur  dankbar  den  Rektor 
Kohl  in  WeiBenburg  hervor,   einen  ausgezeichneten  Pädagogen, 


394  Max  Fürbringer  [6 


der  seinen  Schülern  weit  über  das  gewöhnliche  Schulpensum 
hinaus  Anregung  gewährte,  sie  auf  Ausflügen  und  Spaziergängen 
mit  zahlreichen  nützlichen  und  wissenswerten  Dingen  bekannt 
machte  und  hierbei  ihr  Anschauungs-  und  Urteilsvermögen  sowie 
ihr  Gedächtnis  heranbildete.  In  Arnstein  wurde  für  ihn  von  Be- 
deutung der  Stadtpfarrer  Ruiand,  ein  trefflicher  Prediger,  ein  sehr 
gelehrter  Mann  und  dabei  ein  selbständig  denkender,  freisinniger 
Theologe;  er  gab  wohl  die  erste  Anregung  zu  den  freieren  Auf- 
fassungen des  in  rein  katholischer  Umgebung  aufgewachsenen 
Knaben. 

Die  glücklichen  Zeiten  im  Elternhause  endeten  mit  dem  Jahre 
1838,  in  welchem  sich  die  Notwendigkeit  ergab,  die  Lateinschule 
und  dann  das  Gymnasium  in  Würzburg  zu  besuchen,  zuerst  allein, 
dann  mit  dem  Bruder  Jakob.  Gegenbaur  hat  keine  freundliche 
Erinnerung  an  diese  Zeit.  In  der  Würzburger  Schule  herrschte, 
wie  er  erzählt,  ein  Geist  unnötiger  Strenge,  der  sich  fn  dem  Zwange 
zu  übermäßigem,  geistlosem  Kirchenbesuche,  in  zahlreichen  Ver- 
boten sowie  harten  Strafen  äußerte  und  die  Freiheit  der  Gedanken 
zu  unterdrücken  suchte.  Fast  alles,  auch  der  von  einem  katho- 
lischen Geistlichen  geleitete  Geschichtsunterricht,  zielte  auf  die 
Verherriichung  der  römischen  Kirche  hin  und  ließ  die  Urheber- 
schaft der  Jesuiten  erkennen.  Freilich,  bemerkt  er,  wurde  durch 
diesen  Geist  der  Unduldsamkeit  bei  allen  Schülern,  soweit  sie 
nicht  katholische  Geistliche  wurden,  wohl  das  G^enteil  von  dem 
Gewollten  erreicht.  Wenn  sich  der  junge  Gegenbaur  auch  an 
den  kirchlichen  Prozessionen  als  Fahnenträger  beteiligen  mußte, 
so  entwickelte  sich  sein  Denken  und  Fühlen  zu  immer  größerer 
Selbständigkeit.  Seine  glücklichsten  Stunden  waren  diejenigen 
außerhalb  der  Schule,  wo  er  in  der  Umgegend  von  Würzburg 
oder  in  den  Ferien  bei  den  Eltern  und  Verwandten  sich  dem 
Naturgenusse  und  dem  Naturstudium  überließ.  Insbesondere  ^ 
denkt  er  in  freudiger  Erinnerung  wiederholter  Besuche  bei  einem 


7]  Carl  Gegenbaur.  395 


■V-/V- 


älteren  Bruder  seiner  Mutter  in  dem  anmutigen  Amorbach  im 
Odenwald.  In  jener  Zeit  hat  er  sich  planmäßig  und  eingehend 
als  Autodidakt  mit  Tieren,  Pflanzen  und  Steinen  beschäftigt,  das 
Gesehene  abgezeichnet  und  die  ersten  Tierzergliederungen  geübt. 
Auch  die  Kenntnis  der  Geschichte  und  Heraldik  wurde  nicht  ver- 
nachlässigt. Daß  neben  den  angegebenen  Schäden  das  Gymnasium 
in  Würzburg  auch  Vorzüge  aufgewiesen  hat,  bezeugt  im  späteren 
Leben  Gegenbaurs  seine  gründliche  Ausbildung  in  den  klassischen 
Sprachen  und  sein  lebhaftes  Eintreten  für  den  humanen  Unterricht 
als  vorzügliches  Bildungsmittel  auch  für  die  Studierenden  in  Medizin 
und  Naturwissenschaft. 

Das  im  August  1845  bestandene  Absolutorium  gewährte  ihm 
die  langersehnte  Befreiung  vom  Schulzwange  und  führte  ihn  ins 
Elternhaus  zurück.  Hier  ergab  die  Wahl  des  Studiums  und 
des  zukünftigen  Lebens berufes  eine  schwierige  Frage.  Der 
Vater,  wie  seine  Vorfahren  Beamter  und  erfüllt  von  seinem  Berufe 
und  Stande,  hätte  gern  gesehen,  wenn  auch  sein  ältester  Sohn 
die  gleiche  oder  eine  ähnliche  Laufbahn  gegangen  wäre  oder 
doch  wenigstens  den  —  nach  seiner  Ansicht  —  der  Menschheit 
direkteren  Nutzen  bringenden  Lebensweg  als  Arzt  betreten  hätte. 
Des  Sohnes  klare  Absicht  ging  aber  auf  das  Studium  der  Natur- 
wissenschaften. Es  bedurfte  des  ganzen  Eintretens  der  Mutter 
für  die  von  ihr  verstandenen  und  gebilligten  Wünsche  des  ge- 
liebten Sohnes,  um  den  Vater  zu  versöhnen  und  seine  Zustimmung 
für  die  neue  Lebensrichtung  des  Sohnes  zu  gewinnen.  Nachdem 
er  diese  gegeben,  hat  er  in  jeder  Hinsicht  voll  und  reich  für  dessen 
Studiengang  gesorgt  und  alle  seine  ernsten  Absichten  und  Lebens- 
pläne willig  unterstützt   und  gefördert. 

Mit  dem  Wintersemester  1845/46  begann  Gegenbaur  sein 
Studium  in  Würzburg  als  Mediziner,  denn  die  meisten  Natur- 
wissenschaften wurden    im  Verbände  der  medizinischen  Fakultät 


396  Max  Furbringer  [8 


gelehrt.  Auch  war  es  seine  Absicht,  mit  dem  Studium  der  Natur- 
wissenschaften das  der  Medizin  zu  verbinden,  die  ja  in  der  Haupt- 
sache die  hochausgebildete  Naturwissenschaft  vom  Menschen  war. 

Das  medizinische  Studium  dauerte  damals  etwa  5  Jahre. 
Zuerst  ging  hier,  wie  auch  bei  den  anderen  Fakultäten,  ein  Bi- 
ennium  philosophicum  voraus,  das  der  fleißige  Student  auch  in 
drei  Semestern  absolvieren  konnte,  in  welchem  Philosophie  und 
Geschichte  die  dominierenden  Wissenschaften  waren  und  nicht 
gerade  schwere  semestrale  Prüfungen  über  die  gehörten  Vor- 
lesungen abgelegt  werden  mußten.  Die  Lehrer  wurden  nicht  frei 
gewählt,  sondern  bestimmt,  und  so  hörten  die  Studenten  bei  guten 
und  bei  schlechten,  wie  eben  die  Anweisung  lautete.  Um  den 
Fechtboden  belegen  zu  können,  trat  Ciegenbaur  damals  auch  für 
ein  Semester  in  nähere  Beziehungen  zu  einem  Korps. 

Nach  drei  Semestern  begann  für  ihn  das  eigentliche  medi- 
zinische Studium  mit  dem  Anfang  des  Sommersemesters  1847. 
Die  Universität  erfreute  sich  der  Benutzung  des  großen  und  be- 
rühmten Julius-Hospitals,  das,  vor  Jahrhunderten  von  Bischof 
Julius  Echter  von  Mespelbrunn  gestiftet  und  im  Laufe  der  Zeiten 
mehr  und  mehr  vergrößert,  im  wesentlichen  unter  klerikaler  Lei- 
tung stand,  während  den  Professoren  der  Medizin  und  ihren  Assi- 
stenten mehr  die  Rolle  geduldeter  Personen  zukam.  Immerhin 
erwies  es  sich,  im  Vergleiche  mit  anderen  Krankenhäusern,  als 
eine  vorzügliche  Bildungsanstalt  für  die  älteren  Mediziner.  Die 
jüngeren  medizinischen  Studenten  waren  übler  daran.  In  den 
naturwissenschaftlichen  und  den  propädeutischen  medizinischen 
Fächern  gab  es  wohl  Lehrer,  aber  an  Stelle  wirklicher  Institute 
nur  allerbescheidenste  Anfänge  derselben;  bei  manchen  waren 
kaum  die  nötigen  Räume  vorhanden.  In  jener  Zeit  bedeutete  die 
am  Ende  des  Sommersemesters  1847  erfolgte  Berufung  Albert 
Köllikcrs  aus  Zürich  als  Professor  ein  Ereignis  für  die  medi- 
zinische Fakultät  und   einen   ganz  bedeutenden  Fortschritt    Der 


9]  Carl  Gegenbaur.  397 


in  der  frischesten  Mannes-  und  Arbeitskraft  stehende  Mann  hielt 
anatomische,  physiologische,  histologische  und  entwicklungs- 
geschichtliche Vorlesungen  und  Übungen  und  erwies  sich  als  ein 
in  hohem  Grade  anregender  Lehrer.  Neben  ihm  wirkten  an  dem 
gleichen  Institute  Franz  Leydig,  seit  1848  Prosektor  und  schon 
zuvor  Privatdozent  für  mikroskopische  Anatomie,  eine  wissen- 
schaftlich und  sittlich  hochstehende  Natur  und  ein  feiner  Beobachter 
und  Denker,  zu  dem  Gegenbaur  bald  in  freundschaftliche  Bezie- 
hungen trat,  und  Heinrich  Müller,  seit  1848  Privatdozent,  ein 
liebenswürdiger  Mann  und  ein  auf  dem  Gebiete  der  mikro- 
skopischen Anatomie,  namentlich  des  Sehorgans,  durchgebildeter 
Untersucher.  Auch  für  Gegenbaur  bedeutete  Köllikers  Berufung 
ein  großes  Glück;  mit  dem  ihm  befreundeten  Nikolaus  Fried- 
reich wurde  er  sein  eifriger  Schüler  und  schloß  sich  zugleich 
näher  an  Leydig  und  Müller  an.  Eine  zweite  Bereicherung  von 
der  größten  Tragweite  ward  der  Würzburger  medizinischen  Fakultät 
durch  die  1849  erfolgte  Berufung  Rudolf  Vi  rchows  zuteil.  Dieser 
überaus  fruchtbare,  nicht  nur  auf  dem  Gebiete  der  pathologischen 
Anatomie,  sondern  der  gesamten  Anatomie,  Physiologie  und 
wissenschaftlichen  Medizin  bahnbrechend  wirkende  Geist  trieb  in 
Würzburg  seine  reichsten  Blüten.  Sein  Vortrag,  in  der  Fassung 
unvorbereitet,  aber  von  frisch  hervorsprossenden  Ideen  strotzend, 
wirkte  auf  Gegenbaur  nach  Inhalt  und  Form  ungemein  fördernd 
ein.  Dazu  kam  die  neu  belebte  physikalisch-medizinische  Gesell- 
schaft, sowie  ein  den  gleichen  Wissenszielen  zugewandter  Kreis 
strebender  Genossen  aus  Franken,  denen  sich  auch  eine  Anzahl 
Norddeutsche  zugesellte.  In  den  Gebieten,  wo  Gegenbaur  tätig 
war,  erwies  sich  Würzburg  so  fruchtbringend,  daß  die  Nötigung, 
eine  andere  Universität  zu  besuchen,  nicht  an  ihn  herantrat.  In 
jener  Zeit  ist  er  auch  als  selbständiger  Arbeiter  tätig  gewesen, 
sowohl  in  der  gemeinsam  mit  Friedreich  unternommenen  und  1849 
veröffentlichten  Untersuchung  des  Axolotl-Schädels,  als  in  seinen 


398  Max  Fürbringer  [10 


1850  und  1851  herausgegebenen  Studien  über  die  Tasthaare  und 
die  Entwicklung  der  Gastropoden. 

Für  die  Winischen  Fächer,  welche  namentlich  durch  den 
Chirurgen  K.  von  Textor,  die  Internisten  K.  Fr.  Marcus  und 
Fr.  Rinecker  und  den  Geburtshelfer  Fr.  W.  Scanzoni  vor- 
trefflich vertreten  waren,  besaß  er  geringere  Vorliebe.  Seine 
Richtung  und  Neigung  galt  der  Anatomie  und  Zoologie.  Am 
ehesten  interessierte  ihn  noch  die  Chirurgie.  Die  Verhältnisse 
führten  ihn  jedoch  in  näheren  Verband  zur  inneren  Medizin. 

In  dem  Bestreben,  seine  Eltern  etwas  zu  entlasten,  beschloß 
er,  als  sich  1850  in  der  innern  Station  bei  Marcus  gerade  eine 
Vakanz  darbot,  auf  Friedreichs  Zureden  dort  3.  Assistent  zu 
werden,  wobei  er  zugleich  eine  Verpflichtung  auf  2  Jahre  ein- 
gehen mußte.  Weder  die  sanitären  Verhältnisse  der  bezüglichen 
Abteilung  unter  dem  erblindeten  Direktor  der  Klinik,  noch  die 
Stellung  der  klinischen  Assistenten,  denen  der  Zwang  des  Kirchen- 
besuches auferlegt  wurde  und  die  von  jungen  unwissenden  Ka- 
plänen  abhängig  waren,  erwies  sich  als  erfreulich.  Aber  die  Not- 
wendigkeit, der  Reihe  nach  an  den  verschiedenen  Stationen  für  die 
Geisteskranken  und  inneren  Kranken  tätig  zu  sein,  sowie  Kurse 
über  Auskultation  und  Perkussion,  über  Hautkrankheiten  und  andere 
klinische  Themata  zu  geben,  erwies  sich  in  mehr  als  einer  Hinsicht 
fördernd  und  bildend.  Einmal  wurde  Gegenbaur  gründlich  in 
ein  Wissensgebiet  eingeführt,  durch  welches  seinem  speziellen 
Studium  eine  gewisse  Beleuchtung  zuteil  ward;  dann  gewährten 
ihm  die  hier  erworbenen  Kenntnisse  und  Fertigkeiten  die  Möglich- 
keit, eine  ärztliche  Stelle  zu  übernehmen  und  damit  zur  Selbstän- 
digkeit zu  gelangen;  endlich  lernte  er  in  jener  Zeit  den  Wert  der 
Zeit  schätzen  und  den  Umfang  seiner  Leistungsfähigkeit  er- 
proben. Die  Tage  gehörten  der  speziellen  Pflichterfüllung  im 
Amte,  die  Abende  und  ein  Teil  der  Nächte  wurden  für  zoologische 
und  anatomische  Arbeiten  und  Studien  verwendet 


11]  Carl  Gegenbaun  399 


-y^./^ 


Am  16.  April  1851  wird  der  Dr.  med.  auf  Grund  einer  nach- 
mals in  deutscher  Sprache  veröffentlichten  Inaugural-Dissertation 
«De  limacis  evolutione"  und  einer  Disputatio  publica  mit  11  zur 
Verteidigung  gestellten  Thesen  und  einer  Quaestio  promovendi 
erworben.  Die  3  ersten  Thesen  lauteten:  1.  Omne  vivum  e  cellulis; 
2.  Sanguis  est  tela;  3.  Inter  plantarum  ac  animalium  regnum 
hucusque  nullas  noscimus  fines.  Die  übrigen  8  behandelten  spezi- 
fisch medizinische  und  klinische  Themata.  Als  Quaestio  promo- 
vendi ist  in  dem  gedruckten  Programm  ursprünglich  „De  humani 
generis  unitate  nativa"  angegeben;  in  Wirklichkeit  handelte  sie, 
wie  Gegenbaur  in  seiner  Selbstbiographie  mitteilt,  über  die  Ver- 
änderungen der  Pflanzenwelt,  die  Unbeständigkeit  der  Arten  in 
ihren  primitiven  Zuständen  und  die  Erkenntnis  und  Verständnis 
gewährende  Bedeutung  der  Entwicklungsgeschichte  für  die  Ent- 
stehung der  Pflanzen  und  Tiere  und  den  Zusammenhang  des 
Ganzen.  Kölliker  war  Opponent  und  wandte  sich  gegen  die  Ver- 
wertung von  nicht  sicher  bekannten  Tatsachen,  womit  Gegenbaur 
durchaus  zustimmen  konnte,  da  er  nichts  anderes  behauptet  hatte. 

In  Gegenbaurs  damaligem  Vortrage  fanden  sich  z.  T.  die 
gleichen  Gedankengänge,  die  7  bezw.  8  Jahre  später  —  in  viel 
umfassenderer  Weise  —  von  Charles  Darwin  veröffentlicht 
wurden  und  den  Beginn  einer  neuen  Aera  der  Naturforschung 
bedeuteten.  Es  ist  später  bekannt  geworden,  daß  Darwin  schon 
lange  zuvor,  bereits  am  Ende  der  30er  und  am  Anfange  der 
40er  Jahre  des  19.  Jahrhunderts,  das  Wesentliche  seiner  epoche- 
machenden Konzeptionen  über  die  Veränderlichkeit  der  Orga- 
nismen zusammengefaßt  hatte.  Damals,  als  Carl  Gegenbaur 
promovierte,  hatte  aber  niemand  in  Deutschland  von  dieser  stillen 
Arbeit  des  großen  Engländers  Kenntnis. 

Nach  bestandener  Doktorpromotion  und  nach  Ablauf  einer 
lV«jährigen   Assistenten-Tätigkeit    am   Julius-Hospital    nimmt   er 


400  Max  Fürbringer  [12 


SL/v- 


einen,  später  noch  verlängerten,  Urlaub  für  eine  ^größere  Reise 
nach  Norddeutschland  und  nach  Helgoland.  Mehr  als  je 
war  ihm  klar  geworden,  daß  er  für  die  Tätigkeit  als  praktischer 
Arzt  nicht  geschaffen  sei,  daß  sein  ganzes  Streben  nach  Beobachtung 
und  Erforschung  der  Natur,  namentlich  in  zoologischem  und  ana- 
tomischem Bereiche,  hinziele.  So  beginnt  für  ihn  jene  Zeit, 
welche  er  als  seine  „Wanderjahre"  bezeichnet  hat. 

Die  Reise  im  Jahre  1851  galt  einerseits  der  allgemeinen  Bil- 
dung, namentlich  im  Gebiete  der  bildenden  Kunst  und  der  Denk- 
mäler aus  alter  Zeit,  andererseits  der  weiteren  naturwissenschaft- 
lichen Ausbildung,  wobei  neben  der  Zoologie  auch  die  Geologie 
eine  wesentliche  Rolle  spielte.  Sie  führte,  auf  der  Hinreise  in 
Begleitung  seines  Bruders,  über  Nordbayern,  Leipzig  und  Dresden 
nach  Berlin,  von  da  nach  Helgoland,  und  darauf  über  die  Rhein- 
lande, insbesondere  die  Gegend  der  Eifel  und  der  Mosel,  zurück 
nach  Würzburg.  In  Berlin  ist  es  die  gewaltige  Persönlichkeit 
Johannes  Müllers,  welcher  in  erster  Linie  sein  Besuch  galt 
Müller,  auf  der  Höhe  seines  Könnens  stehend  und  unbestritten 
als  erster  Meister  auf  dem  Gebiete  der  Physiologie  und  vergleichen- 
den Anatomie  anerkannt,  nahm  Gegenbaur  in  freundlichster  Weise 
auf  und  gestattete  ihm,  wiederholt  ihn  in  seiner  Anstalt  zu  be- 
suchen. Der  Eindruck,  den  dieser  außerordentliche  Mann  auf 
Gegenbaur  machte,  ist  ein  dauernder  geblieben;  Gegenbaur  er- 
blickte in  dem  Entwicklungsgang  Müllers,  der  diesen  zuerst  zur 
Physiologie,  danach  zur  vergleichenden  Anatomie  geführt  hatte, 
das  große  Vorbild  für  seinen  Weg.  Aber  auch  Muller  hatte  Freude 
an  dem  strebsamen,  hellblickenden  und  selbständig  denkenden 
jungen  Gelehrten,  bestärkte  ihn  in  seiner  Absicht«  an  der  See,  in 
der  Untersuchung  der  primitiveren  Tiere,  die  entwicklungsreiche 
Basis  für  seine  Arbeiten  zu  gewinnen,  und  hat  ihm  auch  später 
warmes  und  tatkräftiges  Interesse  bewahrt.  Die  Zeit  in  Helgoland 
wird  mit  größtem  Fleiße  auf  die  Kenntnis  der  niederen  Tierwelt 


13|  Carl  Gegenbaur.  401 


verwendet.  Brachte  sie  auch  wenig  bedeutende  neue  Resultate, 
so  konnte  sie  doch  Gegenbaur  als  einen  für  seinen  späteren  Ent- 
wicklungsgang sehr  wichtigen  Versuch  bezeichnen.  Auch  der 
Geologie  der  Insel  galt  sein  Studium.  Ebenso  gewährte  ihm  auf 
der  Rückreise  der  Besuch  der  vulkanischen  Eifel  in  dieser  Wissen- 
schaft eine  wesentliche  Förderung. 

Durch  diese  Reise  war  der  Rest  der  zweijährigen  Assistenten- 
zeit am  Julius-Hospital,  zu  der  sich  Gegenbaur  1850  verpflichtet 
hatte,  bedeutend  verkürzt  worden.  Nach  einigen  Wochen  konnte 
er  in  das  Elternhaus  zurückkehren  und  sich  ausschließlich  mit 
wissenschaftlichen  Arbeiten  auf  dem  von  ihm  erwählten  Gebiete 
beschäftigen. 

Um  diese  Zeit  hatte  Kölliker  eine  größere  wissenschaftliche 
Reise  nach  Süditalien  und  Sicilien  angeregt;  Messina  mit 
seiner  für  derartige  Untersuchungen  vorzüglichen  Lage  und  seiner 
reichen  Meeresfauna  sollte  die  Hauptstation  für  die  Arbeiten 
bilden.  Unschwer  gelang  es  ihm,  Gegenbaurs  Vater  von  der 
Zweckmäßigkeit  dieser  Unternehmung  für  seines  Sohnes  Zukunft 
zu  überzeugen.  Der  Vater  gewährte  dem  Sohne  reichlich  die 
Mittel  für  dieselbe,  und  mit  den  besten  Segenswünschen  der  Eltern 
trat  derselbe  die  Reise  an,  nachdem  Kölliker  und  H.  Müller  ihm 
bereits  vorausgeeilt  waren.  Gegenbaur  hat  sehr  beklagt,  daß  seine 
Vorbildung  für  diese  Reise  sowohl  auf  dem  Gebiete  der  Natur- 
wissenschaften wie  auf  dem  der  Geschichte  und  Kunstgeschichte 
eine  recht  lückenhafte  war;  allein  es  blieb  keine  Zeit  für  längere 
Vorbereitungen.  Im  Frühling  1852  ging  der  Weg  über  den  Sankt 
Gotthard  und  Lago  Maggiore  nach  Genua,  von  da  zur  See  über 
Livorno  und  Neapel  nach  Messina,  wo  ihn  Kölliker  und  Müller 
erwarteten.  Nach  Überwindung  mancher  durch  Dogana  und 
Zensur  verursachten  Schwierigkeiten  begannen  die  Untersuchungen 
und  konnten  dank  dem  Reichtum  der  von  der  See  dargebotenen 
Objekte  in  glücklicher  Weise  weiter  gedeihen.    Bis  zum  Anfang 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  26 


402  Max  Fürbringer  [14 

Oktober,  den  ganzen  heißen  Sommer  hindurch,  blieb  Gegenbaur 
unausgesetzt  an  der  Arbeit  und  nahm  dieselbe,  nachdem  ein  drei- 
wöchenth'cher  Ausflug  nach  Catania  mit  Besteigung  des  Aetna 
und  nach  Syrakus  Erholung  und  Erfrischung  gebracht,  mit  Ende  Ok- 
tober wieder  auf,  um  sich  während  des  Spätherbstes,  Winters  und 
Vorfrühlings  bis  zu  Ostern  1853  mit  unverminderter  Arbeitsfreudig- 
keit seinen  Aufgaben  zu  widmen.  Die  Ruckreise  verlief  mit  mehr- 
fachen Stationen  in  Palermo,  Neapel  und  Umgebungen,  Rom  und 
benachbarten  Gegenden,  Florenz  und  Padua,  wobei  er  zugleich  die 
Geologie,  sowie  die  Kunst  und  Geschichte  mit  großer  Intensität 
und  mit  großem  Genüsse  studierte,  daneben  auch  zahlreiche 
treffende  Beobachtungen  über  die  Bevölkerung  Italiens  und  die 
politischen  und  kirchlichen  Verhältnisse  dieses  Landes  machte. 

Nach  einer  länger  als  ein  Jahr  dauernden  Abwesenheit  fand 
die  Rückkehr  ins  Elternhaus  in  Würzburg  statt. 

Durch  diese  Reise,  welche  Gegenbaur  als  ein  wichtiges  Er- 
eignis für  sein  Leben  bezeichnet,  war  eine  Fülle  von  Untersuchun- 
gen und  Erkenntnissen  gefördert  worden,  deren  weiterer  Aus- 
arbeitung die  nächstfolgende  Zeit  dienen  sollte.  Im  Jahre  1853 
allein  erscheinen  14  Arbeiten  über  verschiedene  Seetiere  als  Frucht 
derselben.  Gegenbaur  und  seinen  Eltern  war  es  danach  klar  ge- 
worden, daß  nur  das  Weiterarbeiten  auf  dem  begonnenen  Wege 
ihm  Befriedigung  und  wahres  Lebensgluck  gewahren  könne. 
Dieses  führte  zur  akademischen  Laufbahn,  zunächst  zur  Habili- 
tation. 

Die  umfangreiche  und  bedeutsame  Abhandlung  „Zur  Lehre 
vom  Generationswechsel  und  der  Fortpflanzung  bei  Medusen  und 
Polypen"*  diente  zur  Erlangung  der  Venia  docendi  in  Wurzburg. 
Die  Habilitation  geschah  am  Ende  des  Wintersemesters  1853/54. 
Mit  dem  Sommersemester  1854  begann  die  Tätigkeit  als  Privat- 
dozent. Er  hatte  sich  für  Anatomie  und  Physiologie  habilitiert, 
aber  die  Dreizahl  anatomisch-physiologischer  Dozenten  neben  ihm 


15]  Carl  Gegcnbaur.  403 


^^/\r^  ...  ^ 


(Kölliker,  Leydig  und  Müller)  machte  eine  Vorlesung  in  diesen 
Gebieten,  ohne  die  Kollegen  zu  beeinträchtigen,  unmöglich.  So 
blieb  nur  eine  Vorlesung  über  Zoologie,  die  keine  Konkurrenz 
gegen  den  Zoologen  Professor  Leiblein  bedeutete.  In  drei  auf- 
einanderfolgenden Semestern  wurde  dieselbe  im  Anatomiegebäude 
bei  erfreulicher  Beteiligung  gehalten,  zugleich  jedoch  unter  großen 
Schwierigkeiten  und  zeitraubenden  Vorbereitungen,  da  die  von 
Gegenbaur  in  Messina  angefertigten,  aber  in  den  Bestand  des 
anatomischen  Museums  übergegangenen  Präparate  ihm  nicht  be- 
dingungslos zur  Verfügung  standen  und  neue  Präparate  wie  Ab- 
bildungen für  den  Unterricht  zum  großen  Teile  von  ihm  selbst 
angefertigt  werden  mußten.  Ein  im  Wintersemester  1854/55  ab- 
gehaltenes, gut  besuchtes  populäres  Kolleg  über  Anatomie  und 
Physiologie  für  Juristen  blieb  das  einzige  dieser  Art. 

Groß  ist  die  Fülle  der  in  jener  Zeit  entstandenen  Arbeiten. 
Dieselben  behandeln  durchweg  die  Anatomie  und  Entwicklung 
Wirbelloser  aus  den  verschiedensten  Abteilungen,  darunter  recht 
umfangreiche,  wie  die  über  Siphonophoren,  Pteropoden  und 
Heteropoden,  sowie  Appendicularien. 

Im  Sommersemester  1855  wurde  die  von  Leydig  bisher  inne- 
gehabte zootomische  Prosektur  am  anatomischen  Institute  durch 
dessen  Ernennung  zum  Professor  extraordinarius  frei.  Gegen- 
baur bewarb  sich  um  dieselbe,  und  mitten  in  den  dafür  nötigen 
Examenarbeiten  erhielt  er  die  Berufung  als  außerordentlicher 
Professor  der  Zoologie  in  Jena.  Die  Bedeutung  seiner 
Arbeiten,  auf  die,  wie  es  scheint,  auch  Johannes  Müller  die  maß- 
gebenden Jenaer  Persönlichkeiten  aufmerksam  gemacht  hatte, 
gaben  diesem  wohlerworbenen  Rufe  den  entsprechenden  Unter- 
grund. 

So  war  eine  wichtige  neue  Stufe  in  der  Laufbahn  erklommen. 
Die  Trennung  fiel  Eltern  und  Sohn  sehr  schwer,  der  Abschied 
von  den  Freunden  und  dem  Heimatlande  war  nicht  leicht. 

26* 


* ." 


404  Max  Fürbringcr  [16 


-v.>v- 


Gegenbaur  wurde  Oskar  Schultzes  Nachfolger,  nicht  aber  wie 
dieser  der  philosophischen,  sondern  der  medizinischen  Fakultät 
zugeteilt. 

Er  erzählt,  wie  er  an  einem  schönen  Spätsommertage  des 
Jahres  1855  von  der  drei  Stunden  von  Jena  entfernten  Eisent>ahn- 
station  Apolda  zu  Fuß  in  das  Tal  der  Saale  nach  Jena  hinab- 
stieg, wie  ihm  da  die  Lieblichkeit  und  Eigenart  der  Gegend  auf- 
ging. Er  hat  sehr  an  Jena  gehangen,  an  der  anziehenden,  mannig- 
faltigen Umgebung  mit  ihrer  reichen  Rora,  an  dem  lieben  när- 
rischen Neste,  dem  „akademischen  Dorfe**  mit  seinen  überaus  ein- 
fachen Lebensgewohnheiten,  der  Universität  mit  den  kärglichen 
Mitteln,  aber  mit  dem  Wehen  eines  guten  Geistes  und  mit  den 
bedeutenden  Menschen. 

Die  großen  Reminiszenzen  an  Luther,  Goethe,  Schiller  und 
andere  Geistesheroen,  die  daselbst  gewohnt  und  gearbeitet,  waren 
in  Stadt  und  Universität  noch  lebendig,  die  in  WOrzburg  vermißte 
geistige  Freiheit  lebte  und  blühte  allda.  Zwischen  den  Pursten 
aus  dem  Ernestinischen  Hause  und  ihrer  „Gesamt-Universität*, 
deren  „Nutritoren"  sie  genannt  wurden,  herrschte  ein  fast  ans 
Patriarchalische  gemahnendes  Einvernehmen.  Der  ausgezeichnete» 
von  jedem  Bureaukratismus  weit  entfernte  Kurator  Seebeck  ver- 
mittelte mit  großem  Geschick  den  Verkehr  zwischen  Regierung 
und  Professoren.  Die  Mehrzahl  der  Fakultäten  wies  hervorragende 
Männer  auf,  die  theologische  den  universell  gebildeten  und  frei- 
denkenden Karl  Hase,  die  medizinische  den  weit  über  sein  spe- 
zielles Gebiet  hinausstrebenden  inneren  Kliniker  und  Psychiater 
Dietrich  Kieser,  den  sehr  bedeutenden,  geläutertes  naturphilo- 
sophisches Denken  mit  gediegenster  Untersuchung  verbindenden 
Anatomen  und  Physiologen  Emil  Huschke,  den  gediegenen 
Chirurgen  Ernst  Ried  und  den  geistvollen  Botaniker  Matthias 
Jakob  Schieiden,  die  philosophische  den  von  hellenistischem 
Geiste  durchtränkten  Philologen  Karl  Wilhelm  Göttling. 


17]  Carl  Gegenbaur.  405 


Bald  kam  auch  der  Philosoph  Kuno  Fischer  mit  seinem 
reichen  Geiste,  seinem  umfassenden  Wissen,  seiner  unbestechlichen 
Urteilskraft,  seinem  Zuge  ins  Große  und  seiner  glänzenden  Bega- 
bung als  begeisternder  Lehrer  und  Redner  und  trat  zu  Gegenbaur 
in  näheren  Freundesverkehr.  Ausdrücklich  gedenkt  Gegenbaur 
aus  der  damaligen  Zeit  zweier  großen  von  ihm  gehaltenen  Reden, 
die  ihm  in  schöner  und  dankbarer  Erinnerung  geblieben  seien. 
Fischer  wurde  1872  nach  Heidelberg  berufen. 

Auch  die  medizinische  Fakultät  ergänzte  und  verjüngte  sich 
durch  die  im  Laufe  der  Zeit  neu  berufenen  Mitglieder  Rudolf 
Leubuscher  und  Karl  Gerhardt,  Bernhard  Sigismund 
Seh  ultze.  Albert  von  Bezold  und  Wilhelm  Müller,  welche 
ihr  auf  den  Gebieten  der  inneren  Medizin,  der  Geburtshülfe  und 
Gynäkologie,  der  Physiologie  und  der  pathologischen  Anatomie 
neues  Leben  zuführten  und  zu  Gegenbaur  durchweg  in  freundlichsten 
Beziehungen  standen.  Endlich  sein  nächster  Arbeitsgenosse  und 
Freund  Ernst  Haeckel. 

Drei  Jahre  war  Gegenbaur  in  seiner  Stelle  tätig,  mit  großem 
Erfolge  lehrend,  untersuchend  und  organisierend.  Seine  Vorlesungen 
umfaßten  Zoologie,  vergleichende  Anatomie,  allgemeine  Anatomie 
(Histologie)  und  Entwicklungsgeschichte;  daneben  hielt  er  zooto- 
mische  und  histologische  Übungen,  sowie  mikroskopische  Demon- 
strationen. Besondere  Erwähnung  verdient,  daß  er  im  Winter- 
semester 1856/57  ein  „morphologisches"  Repetitorium  und  Exa- 
minatorium  abhielt. 

Am  Ende  des  Sommersemesters  1858  vollzog  sich  ein  Wechsel 
seiner  akademischen  Stellung.  Im  Juni  d.J.  starb  Emil  Huschke; 
Fakultät  und  Kurator  waren  bald  einig,  daß  für  seine  Nach- 
folge Gegenbaur  die  geeignetste  Persönlichkeit  sei.  Dieser  hatte 
indessen  eingesehen ,  daß  die  damals  noch  fast  allenthalben  an 
den  deutschen  Universitäten  bestehende  Verbindung  von  Anatomie 
und  Physiologie  in  einer  Professur  bei  der  großen  Ausdehnung, 


406  Max  Fürbringer  [18 


die  beide  Wissenszweige  inzwischen  gewonnen,  und  bei  dem  noch 
viel  größeren  Wachstum,  das  in  Kürze  zu  erwarten  war,  ein  mangel- 
hafter, der  Wissenschaft  sicher  nicht  zum  Nutzen  gereichender  Not- 
behelf sei.  Er  erklärte  sich  zur  Übernahme  des  anatomischen 
Teiles  der  bisherigen  Professur  bereit,  verzichtete  aber  auf  den 
physiologischen,  für  den  er  sich  auch  hinsichtlich  der  nötigen 
chemischen  und  physikalischen  Kenntnisse  nicht  genügend  vorbe- 
reitet erachtete.  In  dieses  ihm  fremd  gewordene  Gebiet  sich  aufs 
neue  einzuarbeiten,  bedeutete  ihm  eine  schlimme  Zersplitte- 
rung, welcher  er  sich  angesichts  der  Fülle  der  unter  seinen  Händen 
befindlichen  und  der  seiner  noch  wartenden  zoologischen  und 
anatomischen  Arbeiten  nicht  unterziehen  durfte.  Der  Wunsch  der 
Universität  und  Regierung,  den  ausgezeichneten  Forscher  und 
Lehrer  als  Anatomen  zu  gewinnen,  ließ  diese  auf  seine  Bedingung 
eingehen.  So  kam  in  Jena,  dem  hierin  nur  wenige  Universitäten 
wie  z.  B.  Tübingen  und  Heidelberg  vorausgegangen  waren,  die 
Scheidung  beider  Fächer  zu  stände.  Gegenbaur  ward  ordent- 
licher Professor  der  Anatomie  und  Zoologie;  für  die 
Physiologie  wurde  der  jugendliche,  reich  begabte  Albert  von  Bezold 
als  Professor  extraordinarius  berufen.  Gegenbaurs  geraume  Zeit 
nach  seiner  Ernennung  gehaltene  Professoratsrede  handelt  «De 
animalium  plantarumque  regni  terminis  et  differentiis*. 

Das  neue  Professorat  stellte  hochgradig  vermehrte  Anforde- 
rungen an  ihn.  Seine  Beanlagung  und  Energie  läßt  alle  über- 
winden.   Mit  den  Aufgaben  wachsen  die  Leistungen. 

Das  Arbeitsgebiet,  das  bisher  namentlich  der  Untersuchung 
der  Wirbellosen  galt,  verlegt  nach  und  nach  den  Schwerpunkt  auf 
die  Erforschung  der  Wirbeltiere.  1859  erscheint  sein  erstes  Lehr- 
buch: Die  Grundzüge  der  vergleichenden  Anatomie,  1870  die  gänz- 
lich umgearbeitete  und  um  die  Hälfte  an  Umfang  vermehrte  zweite 
Auflage  desselben.  Ferner  kommen  in  der  Jenaer  Zeit  zur  Ver- 
öffentlichung die  zahlreichen,  z.  T.  bahnbrechenden  Arbeiten  auf 


19]  Carl  Gcgenbaur.  407 

-i^     —  — — —         > 


--C-/W- 


den  Gebieten  der  Entwicklungsgeschichte,  Histologie  und  Histo- 
genie,  namentlich  aber  der  vergleichenden  Anatomie  des  Skelett- 
und  Nervensystems  der  Wirbeltiere,  welche  seinem  Namen  die 
Geltung  des  ersten  deutschen  vergleichenden  Anatomen  seiner 
Zeit  zuerteilten  und  ihm  Berühmtheit  weit  über  die  Grenzen 
Deutschlands  gaben. 

Im  Jahre  1861  tritt  ein  neues  Ereignis  in  sein  Leben. 

Ernst  Haeckel  hatte  als  junger  Würzburger  Student  der  Me- 
dizin im  Jahre  1853  bei  einer  Exkursion  im  Gutenberger  Walde 
den  7^/2  Jahre  älteren  Gegenbaur  kennen  gelernt.  Dieser  war 
damals  gerade,  erfüllt  mit  Erinnerungen  und  Arbeitsplänen,  von 
seiner  italienischen  Reise  zurückgekehrt.  Rede  und  Gegenrede 
ergab  Verwandtschaft  der  Auffassungen  und  Neigungen.  Haeckel 
wurde  dann  Johannes  Müllers  Schüler,  wie  Gegenbaur  sagt,  der 
in  jeder  Hinsicht  bei  weitem  bedeutendste,  und  damit  war  die 
Richtung  seines  Lebens  bestimmt.  Eine  weitere  wichtige  Be- 
gegnung mit  Gegenbaur  fand  1858  in  Jena,  bei  Gelegenheit  des 
300jährigen  Jubiläums  der  Universität  statt,  wo  er  Gegenbaurs  Gast 
war  und  von  diesem  veranlaßt  wurde,  seine  akademische  Tätigkeit 
als  Zoolog  in  Jena  zu  beginnen.  Jetzt,  1861,  ward  diese  Habili- 
tation zur  Tat,  und  damit  begann  jene  Freundschaft  und  jener  innige 
Wechselverkehr  zwischen  Beiden,  welcher  während  des  ganzen 
Zusammenseins  in  Jena  und  darüber  hinaus  dauerte  und  in  der 
Geschichte  der  Naturwissenschaft  von  bleibender  Bedeutung  sein 
wird.  Gegenbaur  trat  Haeckel  den  zoologischen  Teil  seiner  aka- 
demischen Tätigkeit  ab;  dieser  ward  1862  in  Jena  Professor  extra- 
ordinarius  der  Zoologie  und  erhielt  1865,  nach  Ablehnung  einer 
Berufung  nach  Würzburg,  das  zoologische  Ordinariat. 

Beide  Männer  waren  von  Grund  aus  verschiedene  Naturen. 
Der  ältere  Gegenbaur,  der  tiefe  und  gereifte  Denker  und  ernste 
Forscher,  dessen  kühner  Geist  nur  in  der  festen  Fundierung  und 
der  vollen  Konzentration  in  das  jeweilige  Arbeitsthema  sich  wohl 


408  Max  Fürbringer  [20 


\,,^V— 


fühlte  und  nur  in  Berührung  mit  der  Mutter  Erde  seine  Kräfte  ver- 
mehrte und  dem  dabei  die  strengste  Kritik  als  Wächter  zur  Seite 
stand;  der  jüngere  Haeckel,  glänzend  veranlagt,  durch  und  durch 
Enthusiast,  mit  alles  umfassenden  Ausblicken  und  Plänen,  Forscher, 
Kämpfer  und  Künstler  zugleich,  —  so  ergänzten  sich  Beide.  Die 
gleiche  Freude  an  der  Natur,  die  gleiche  Begeisterung  für  die  er- 
habenen Aufgaben,  die  gleichen  großen  Ideen,  von  denen  damals 
nach  und  mit  dem  Erscheinen  von  Darwins  Werken  die  Theorie 
der  Descendenz  und  Selektion  als  befruchtendes  und  belebendes 
Prinzip  in  den  Vordergrund  trat,  von  jedem  der  Beiden  in  seiner 
besonderen  Eigenart,  aber  gleich  intensiv  erfaßt  und  erkannt,  — 
endlich  auch  der  gemeinsame  Schmerz  im  Jahre  1864,  als  beider 
Gattinnen  nach  glücklichster  Ehe  dahingerafft  wurden,  und  die  ge- 
meinsame Erkenntnis,  daß  nur  die  Arbeit  und  das  Aufgehen  in  die 
hehren  Pflichten,  welche  die  Wissenschaft  dem  Forscher  schenkt 
und  auferlegt,  da  retten  könne. 

Haeckel  hat  1866  dem  Freunde  den  ersten  Band  seines  bahn- 
brechendsten und  wohl  den  umfassendsten  Höhepunkt  seiner 
Forschung  repräsentierenden  Werkes:  „Die  generelle  Morphologie 
der  Organismen",  gewidmet.  In  der  Ansprache  „An  Carl  Qegen- 
baur"  gibt  er  in  unvergänglichen  Worten  seiner  Freundschaft  und 
Dankbarkeit  Ausdruck;  dieselbe  ist  zugleich  ein  beredtes  Zeugnis 
der  zwischen  Beiden  damals  bestehenden  geistigen  Gemeinschaft 

„Indem  ich",  schreibt  Haeckel,  „den  ersten  Band  der  gene- 
rellen Morphologie  Dir,  mein  theurer  Freund,  den  zweiten  Band 
den  drei  Begründern  der  Descendenz-Theorie  widme,  will  Ich  da- 
mit nicht  sowohl  die  besondere  Beziehung  ausdrücken,  welche  Du 
als  hervorragender  Förderer  der  Anatomie,  jene  als  Reformatoren 
der  Entwicklungsgeschichte  zu  den  beiden  Zweigen  der  or]ganischen 
Morphologie  einnehmen,  als  vielmehr  meiner  dankbaren  Verehrung 
gegen  Dich  und  gegen  Jene  gleichmäßigen  Ausdruck  ^>en.  Denn 
wie  es  mir  einerseits  als  eine  Pflicht  der  Dankbarkeit  erschien, 


21]  Carl  Gegenbaur.  409 


■>i^^- 


durch  Dedication  der  «allgemeinen  Entwicklungsgeschichte»  an 
Charles  Darwin,  Wolfgang  Goethe  und  Jean  Lamarck 
das  causale  Fundament  zu  bezeichnen,  auf  welchem  ich  meine  or- 
ganische Morphologie  errichtet  habe,  so  empfand  ich  andererseits 
nicht  minder  lebhaft  das  Bedürfniß,  durch  Widmung  der  «allge- 
meinen Anatomie»  an  Dich,  mein  treuer  Genosse,  die  Verdienste 
dankbar  anzuerkennen,  welche  Du  um  die  Förderung  meines  Un- 
ternehmens besitzest." 

„Um  diese  Beziehungen  in  das  rechte  Licht  zu  stellen,  müßte 
ich  freilich  eigentlich  eine  Geschichte  unseres  brüderlichen  Freund- 
schafts-Bündnisses schreiben,  von  dem  Tage  an,  als  ich  Dich  1853 
nach  Deiner  Rückkehr  von  Messina  im  Gutenberger  Walde  bei 
Würzburg  zum  ersten  Male  sah,  und  Du  in  mir  die  Sehnsucht 
nach  den  hesperischen  Gestaden  Siciliens  wecktest,  die  mir  sieben 
Jahre  später  in  den  Radiolarien  so  reiche  Früchte  tragen  sollte. 
Seit  jenem  Tage  hat  ein  seltener  Parallelismus  der  Schicksale 
zwischen  uns  fester  und  fester  die  unauflöslichen  Bande  geknüpft, 
welche  schon  frühzeitig  gleiche  Empfänglichkeit  für  den  Natur- 
genuß, gleiche  Begeisterung  für  die  Naturwissenschaft,  gleiche 
Liebe  für  die  Naturwahrheit  in  unseren  gleichstrebenden  Gemü- 
thern vorbereitet  hatte.  Du  warst  es,  der  mich  vor  sechs  Jahren 
veranlaßte,  meine  akademische  Lehrthätigkeit  in  unserem  geliebten 
Jena  zu  beginnen,  an  der  Thüringer  Universität  im  Herzen  Deutsch- 
lands, welche  seit  drei  Jahrhunderten  als  das  pulsirende  Herz 
deutscher  Geistes- Freiheit  und  deutschen  Geistes- Kampfes  nach 
allen  Richtungen  ihre  lebendigen  Schwingungen  fortgepflanzt  hat. 
An  dieser  Pflanzschule  deutscher  Philosophie  und  deutscher  Natur- 
wissenschaft, unter  dem  Schutze  eines  freien  Staatswesens,  dessen 
fürstliche  Regenten  jederzeit  dem  freien  Worte  eine  Zufluchtsstätte 
gewährt,  und  ihren  Namen  mit  der  Reformations- Bewegung,  wie 
mit  der  Blüthezeit  der  deutschen  Poesie  untrennbar  verflochten 
haben,   konnte  ich  mit  Dir  vereint  wirken.    Hier  haben  wir  in 


410  Max  Fürbringer  [22 


der  glücklichsten  Arbeitstheilung  unser  gemeinsames  Wissenschafts- 
Gebiet  bebaut,  treu  mit  einander  gelehrt  und  gelernt,  und  in  den- 
selben Räumen,  in  welchen  Goethe  vor  einem  halben  Jahrhun- 
dert seine  Untersuchungen  „zur  Morphologie  der  Organismen*" 
begann,  zum  Theil  noch  mit  denselben  wissenschaftlichen  Hülfs- 
mitteln,  die  von  ihm  ausgestreuten  Keime  der  vergleichenden  und 
denkenden  Naturforschung  gepflegt.  Wie  wir  in  dem  harten  Kampfe 
des  Lebens  Glück  und  Unglück  brüderlich  mit  einander  getheiit, 
so  haben  sich  auch  unsere  wissenschaftlichen  Bestrebungen  in  so 
inniger  und  beständiger  Wechselwirkung  entwickelt  und  befestigt, 
in  täglicher  Mittheilung  und  Besprechung  so  gegenseitig  durch- 
drungen und  geläutert,  daß  es  uns  wohl  Beiden  unmöglich  sein 
würde,  den  speciellen  Antheil  eines  Jeden  an  unserer  geistigen 
Gütergemeinschaft  zu  bestimmen.  Nur  im  Aligemeinen  kann  ich 
sagen,  daß  das  Wenige,  was  meine  rasche  und  rastlose  Jugend 
hie  und  da  Dir  bieten  konnte,  nicht  im  Verhäitniß  steht  zu  dem 
Vielen,  was  ich  von  Dir,  dem  acht  Jahre  älteren,  erfahrneren  und 
reiferen  Manne  empfangen  habe." 

„So  ist  denn  Vieles,  was  in  dem  vorliegenden  Werke  als  meine 
Leistung  erscheint,  von  Dir  geweckt  und  genährt.  Vieles,  von  dem 
ich  Förderung  unserer  Wissenschaft  hoffe,  ist  die  gemeinsame 
Frucht  des  Ideen-Austausches,  der  uns  ebenso  daheim  in  unserer 
stillen  Werkstätte  erfreute,  wie  er  uns  draußen  auf  unseren  er- 
frischenden Wanderungen  durch  die  felsigen  Schluchten  und  über 
die  waldigen  Höhen  des  reizenden  Saalthaies  begleitete.  Manches 
dürfte  selbst  das  Produkt  des  erhebenden  gemeinsamen  Natur- 
genusses sein,  welchen  uns  die  malerischen  Formen  der  Jenenser 
Muschelkalk -Berge  bereiteten,  wenn  sie  im  letzten  Abendsonnen- 
strahl uns  durch  die  Farben- Harmonie  ihrer  purpur-^ldi^n  Fel- 
senflanken und  violett-blauen  Schlagschatten  die  entschwundenen 
Zauberbilder  der  calabrischen  Gebirgskette  wieder  vor  Augen 
führten." 


23]  Carl  Gegenbaur.  411 


„Es  dürfte  befremdend  erscheinen,  einer  «mechanischen  Mor- 
phologie» solche  Erinnerungen  voranzuschicken.  Und  dennoch 
geschieht  es  mit  Fug  und  Recht.  Denn  wie  jeder  Organismus, 
wie  jede  Form  und  jede  Function  des  Organismus,  so  ist  auch 
das  vorliegende  Werk  weiter  Nichts,  als  das  nothwendige  Product 
aus  der  Wechselwirkung  zweier  Factoren,  der  Vererbung  und  der 
Anpassung.  Wenn  dasselbe,  wie  ich  zu  hoffen  wage,  zur  weiteren 
EntWickelung  unserer  Wissenschaft  beitragen  sollte,  so  bin  ich 
weit  entfernt,  mir  dies  als  mein  freies  Verdienst  anzurechnen.  Denn 
die  persönlichen  Eigenschaften,  welche  mir  die  große  und  schwie- 
rige Aufgabe  zu  erfassen  und  durchzuführen  erlaubten,  habe  ich 
zum  größten  Theile  durch  Vererbung  von  meinen  trefflichen  Eltern 
erhalten.  Unter  den  vielen  Anpassungs-Bedingungen  aber,  welche 
in  Wechselwirkung  mit  jenen  erblichen  Functionen  das  Werk  zur 
Reife  brachten,  nehmen  die  angeführten  Verhältnisse  die  erste 
Stelle  ein." 

„In  diesem  Sinne,  mein  theurer  Freund,  als  mein  Gesinnungs- 
Genosse  und  mein  Schicksals-Bruder,  als  mein  academischer  College 
und  mein  Wander- Gefährte,  nimm  die  Widmung  dieser  Zeilen 
freundlichst  auf,  und  laß  uns  auch  fernerhin  treu  und  fest  zu- 
sammenstehen in  dem  großen  Kampfe,  in  welchen  uns  die  Pflicht 
unseres  Berufes  treibt,  und  in  welchen  das  vorliegende  Werk  ent- 
schlossen eingreift,  —  in  dem  heiligen  Kampfe  um  die  Freiheit  der 
Wissenschaft  und  um  die  Erkenntniß  der  Wahrheit  in  der  Natur." 

Und  Gegenbaur  hat  im  Jahre  1872  die  größte  und  epoche- 
machendste seiner  Monographien,  „das  Kopfskelet  der  Selachier", 
die  in  der  Morphologie  der  Wirbeltiere  völlig  neue  Bahnen  schuf 
und  zum  Ausgangspunkte  für  die  ganze  neuere  Erkenntnis  des 
Kopfproblems  wurde,  „seinem  theuren  Freunde  Ernst  Häckel**  ge- 
widmet. 

Kaum  jemals  haben  Könige  solche  Gaben  gegeneinander 
ausgetauscht. 


412  Max  Fürbringer  [24 

'  -  ■■ 

Beider  Forscher  Individualitäten  haben  sich  danach  in  der 
ihnen  angeborenen  Weise  weiter  ausgebildet.  Qegenbaur  ist  seinem 
ursprünglichen  Arbeitsgebiete  treu  geblieben,  dasselbe  unermüdlich 
erweiternd  und  vornehmlich  vertiefend;  Haeckels  weitfliegender 
Geist  hat  sich  nach  und  nach  auch  kosmologischen ,  philoso- 
phischen und  theologischen  Problemen  zugewandt,  deren  Bear- 
beitung Qegenbaur,  der  nicht  mehr  in  derselben  Stadt  mit  dem 
Freunde  weilte  und  ihm  dabei  nicht  zur  Seite  stehen  konnte, 
weder  nach  Inhalt  noch  nach  Form  voll  zuzustimmen  vermochte. 
Aber  noch  in  den  letzten  Wochen  vor  seinem  Tode  hat  er  in 
treuer  Anhänglichkeit  von  dem  Freunde  gesprochen.  — 

Als  Professor  der  Anatomie  las  Qegenbaur  Osteologie  und 
Syndesmologie,  Anatomie  des  menschlichen  Körpers,  Embryologie, 
angeborene  Mißbildungen  und  vergleichende  Anatomie,  leitete  die 
menschlichen  Präparierübungen  auf  dem  Präpariersaal,  sowie  die 
histologischen  Übungen  (mikroskopischer  Kurs)  und  hielt  anato- 
mische Praktika  für  ältere  Studierende  mit  Anleitung  zu  selbstän- 
digen Arbeiten.  Bis  zum  Eintritt  Haeckels  in  den  Jenenser  Lehr- 
körper las  er  auch  Zoologie  und  hielt  zootomische  Übungen  ab. 

Der  aus  Huschkes  Zeit  übernommene  bejahrte  Prosektor 
Dr.  Q.  A.  Hanckel  wurde  bald  von  Dr.  R.  Möller  abgelöst.  Nach 
dessen  Abgang  ließ  Qegenbaur  die  Prosektur  eingehen  und  hat 
sich  mit  zwei,  zumeist  studentischen  Assistenten  beholfen,  die 
infolge  ihres  Studiums  nur  einen  Teil  ihrer  Zeit  der  Anatomie 
widmen  konnten  und  auch  ziemlich  schnell  aufeinander  folgten; 
dieselben  waren  L  Siebert,  Br.  Florschütz,  B.  Mandel, 
V.  Qille,  A.  Lange,  M.  Huß,  M.  Fürbringer,  F.  Frenkel, 
R.  Fleischer  und  B.  Solger.  Die  Mehrzahl  derselben  hat  unter 
seiner  Leitung  anatomische  Abhandlungen  ausgearbeitet. 

Als  fernere  Schüler,  die  sich  ihm  näher  anschlössen  und 
auch  größtenteils  mit  anatomischen  Untersuchungen  beschäftigt 
waren,  sind  aus  der  Jenenser  Zeit  namentlich  Th.  W.  Engel- 


15]  Carl  Gegcnbaur.  403 


"V,^V 


(Kölliker,  Leydig  und  Müller)  machte  eine  Vorlesung  in  diesen 
Gebieten,  ohne  die  Kollegen  zu  beeinträchtigen,  unmöglich.  So 
blieb  nur  eine  Vorlesung  über  Zoologie,  die  keine  Konkurrenz 
gegen  den  Zoologen  Professor  Leiblein  bedeutete.  In  drei  auf- 
einanderfolgenden Semestern  wurde  dieselbe  im  Anatomiegebäude 
bei  erfreulicher  Beteiligung  gehalten,  zugleich  jedoch  unter  großen 
Schwierigkeiten  und  zeitraubenden  Vorbereitungen,  da  die  von 
Gegenbaur  in  Messina  angefertigten,  aber  in  den  Bestand  des 
anatomischen  Museums  übergegangenen  Präparate  ihm  nicht  be- 
dingungslos zur  Verfügung  standen  und  neue  Präparate  wie  Ab- 
bildungen für  den  Unterricht  zum  großen  Teile  von  ihm  selbst 
angefertigt  werden  mußten.  Ein  im  Wintersemester  1854/55  ab- 
gehaltenes, gut  besuchtes  populäres  Kolleg  über  Anatomie  und 
Physiologie  für  Juristen  blieb  das  einzige  dieser  Art. 

Groß  ist  die  Fülle  der  in  jener  Zeit  entstandenen  Arbeiten. 
Dieselben  behandeln  durchweg  die  Anatomie  und  Entwicklung 
Wirbelloser  aus  den  verschiedensten  Abteilungen,  darunter  recht 
umfangreiche,  wie  die  über  Siphonophoren,  Pteropoden  und 
Heteropoden,  sowie  Appendicularien. 

Im  Sommersemester  1855  wurde  die  von  Leydig  bisher  inne- 
gehabte zootomische  Prosektur  am  anatomischen  Institute  durch 
dessen  Ernennung  zum  Professor  extraordinarius  frei.  Gegen- 
baur bewarb  sich  um  dieselbe,  und  mitten  in  den  dafür  nötigen 
Examenarbeiten  erhielt  er  die  Berufung  als  außerordentlicher 
Professor  der  Zoologie  in  Jena.  Die  Bedeutung  seiner 
Arbeiten,  auf  die,  wie  es  scheint,  auch  Johannes  Müller  die  maß- 
gebenden Jenaer  Persönlichkeiten  aufmerksam  gemacht  hatte, 
gaben  diesem  wohlerworbenen  Rufe  den  entsprechenden  Unter- 
grund. 

So  war  eine  wichtige  neue  Stufe  in  der  Laufbahn  erklommen. 
Die  Trennung  fiel  Eltern  und  Sohn  sehr  schwer,  der  Abschied 
von  den  Freunden  und  dem  Heimatlande  war  nicht  leicht. 


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17]  Carl  Gegenbaur.  405 


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Bald  kam  auch  der  Philosoph  Kuno  Fischer  mit  seinem 
reichen  Geiste,  seinem  umfassenden  Wissen,  seiner  unbestechh'chen 
Urteilskraft,  seinem  Zuge  ins  Große  und  seiner  glänzenden  Bega- 
bung als  begeisternder  Lehrer  und  Redner  und  trat  zu  Gegenbaur 
in  näheren  Freundesverkehr.  Ausdrücklich  gedenkt  Gegenbaur 
aus  der  damaligen  Zeit  zweier  großen  von  ihm  gehaltenen  Reden, 
die  ihm  in  schöner  und  dankbarer  Erinnerung  geblieben  seien. 
Fischer  wurde  1872  nach  Heidelberg  berufen. 

Auch  die  medizinische  Fakultät  ergänzte  und  verjüngte  sich 
durch  die  im  Laufe  der  Zeit  neu  berufenen  Mitglieder  Rudolf 
Leubuscher  und  Karl  Gerhardt,  Bernhard  Sigismund 
Schultze,  Albert  von  Bezold  und  Wilhelm  Müller,  welche 
ihr  auf  den  Gebieten  der  inneren  Medizin,  der  Geburtshülfe  und 
Gynäkologie,  der  Physiologie  und  der  pathologischen  Anatomie 
neues  Leben  zuführten  und  zu  Gegenbaur  durchweg  in  freundlichsten 
Beziehungen  standen.  Endlich  sein  nächster  Arbeitsgenosse  und 
Freund  Ernst  Haeckel. 

Drei  Jahre  war  Gegenbaur  in  seiner  Stelle  tätig,  mit  großem 
Erfolge  lehrend,  untersuchend  und  organisierend.  Seine  Vorlesungen 
umfaßten  Zoologie,  vergleichende  Anatomie,  allgemeine  Anatomie 
(Histologie)  und  Entwicklungsgeschichte;  daneben  hielt  er  zooto- 
mische  und  histologische  Übungen,  sowie  mikroskopische  Demon- 
strationen. Besondere  Erwähnung  verdient,  daß  er  im  Winter- 
semester 1856 '57  ein  „morphologisches"  Repetitorium  und  Exa- 
minatorium  abhielt. 

Am  Ende  des  Sommersemesters  1858  vollzog  sich  ein  Wechsel 
seiner  akademischen  Stellung.  Im  Juni  d.J.  starb  Emil  Huschke; 
Fakultät  und  Kurator  waren  bald  einig,  daß  für  seine  Nach- 
folge Gegenbaur  die  geeignetste  Persönlichkeit  sei.  Dieser  hatte 
indessen  eingesehen,  daß  die  damals  noch  fast  allenthalben  an 
den  deutschen  Universitäten  bestehende  Verbindung  von  Anatomie 
und  Physiologie  in  einer  Professur  bei  der  großen  Ausdehnung, 


lie  leitit^  ]^'<5«sT!srw':su!e  irzMiTSJieer  jp^umm,  und  bei  dem  noch 
"^  4r: ii«^r^  ^  nrr^i^unT.  ize^  it  iurze  sc  ttwaitai  war,  ein  man^l- 
TtHtiir  ift^  l^'ss^LTSHifit  scier  ncnc  zant  Nanen  gereichender  Not- 
ieret se.  5r  ipciüre  ser  zstr  Cburrabmt  des  anatomischen 
"üie?  le"  ?>sTe-U!efr  --^.Teäsir  312^.  »etikhiete  aber  auf  den 
Tm/s«:H:^szTeT  ilr  ier  ^  sirt  Aocb  UKSkUich  der  nötigen 
rremszieT  imi  Tuvskaiisner  Kcüimnisse  aidR  genu^nd  vorbe- 
-^re  iTicrraiK.  rr  iie^s  hnr  frsnni  jßvordene  Gebiet  sich  aufs 
leie  ;ffrrjuür^!;cif!T  ^^UKunst-  hnr  eone  sdiiniine  Zersph'tte- 
-insi.  *^!crwr  ir  5;c:t  iirgis^cns  ie"  Faife  der  mmtr  seinen  Händen 
^efirdicrtiirr  arrc  ^ür  «mir  Tccrr  vcB^iania  zoologischen  und 
irnip:rrTis:rrt*!T  Vt^»«?!  ncrt  imsssenet  iitii:fe&.  Der  Wunsch  der 
L.>n^^rscic  inc  J^'uriiT^  ä«t  luiäseBacbiKKn  Forscher  und 
Linnjr  iis  ^nurcmüT  r^  iii^»'rrmaT.  Ji>d  «fiese  wd  seine  Bedingung 
äiTgieiTeT.  Sc  ^um  rr  >iTa.  äüt  n^n  mir  «opge  Universitäten 
w'ü  z.  5.  Ticirr^ti'T  oiic  rnsiödbsr^  ^orgi'gjM^gin  waren,  die 
5ci^!curni  >i*c«ir  -icrer  :u  scimiK.  CicgBifcMir  ward  ord ent- 
eil- ^-.'i^:^,  -  ^i"  ^Tirc^TT  e  Ulli  Zoologie;  für  die 
r*T>scic^»^  *ur^e  ^cr  ug!e«ndicre.  ^cr  iK^itee  Abcrt  von  Bezold 
iis  r'-^rtf^ijor  iAT-icr^wrarus  Mnmsr.  On^nutaars  geraume  Zeit 
lacr   ic?r:*ir  f rnüirai^  ^•TAten;   F^vRSSonesrede  handelt  ,.De 

ras  Ttue  ''^•-^ai^fijv^-ac  5Ä!liK  1ixiigr3fi|(  veraKhrte  Anfbrde- 

"iriL^tr    i.'    rr.     ^^i'ln;  rviünatiLung  uni  Emsjie  BBl  aBe  über- 
vpuer.     M.i:  z^^r   ^z:^:d:>ir  *icrr:5^?T  >iie  Ldscuoeeu. 

ras  ^.-^icss^Cf^i':  -ras  ^sn^;^  Tiumatdidk  der  Unersuchung 
ler  '^  .-Tt:!;«:^^!'  i^L  .^rtii^t  rocn  anä  taä  ien  Sdravponkt  auf 
ie  E.-^:i-^:".-:i  ^^■'  V»rt>i'rtrr;;.  r>o^*  ^fNdMnc  sein  etstes  Lehr- 
:ac"r  T't:  Jr\^c:u;^'t*  ^*ir  * ^rJt<»v:r^*«nK!T  .\ritt!0OiKi»  lälO  die  ganz- 
er .-;i*;i:-?^!:^ri  ^:-c  .••*  ci^i  -iäiite  irr  L'mnifi|(  veraKhrte  zweite 
^^rd:L^  :«;<Si:'.^!'.  -^;i--<^"  ivirf'^rfr  rr  ^r  J^eaer  Zeil  zur  Ver- 
:rr:rz:i:rür\L  zi^  zir-^c^o*    :.    ■*    ?ajirrcr«}h3wiea  ArbeiMii  auf 


19]  Carl  Gegenbaur.  407 


c/»«- 


den  Gebieten  der  Entwicklungsgeschichte,  Histologie  und  Histo- 
genie,  namenth'ch  aber  der  vergleichenden  Anatomie  des  Skelett- 
und  Nervensystems  der  Wirbeltiere,  welche  seinem  Namen  die 
Geltung  des  ersten  deutschen  vergleichenden  Anatomen  seiner 
Zeit  zuerteilten  und  ihm  Berühmtheit  weit  über  die  Grenzen 
Deutschlands  gaben. 

Im  Jahre  1861  tritt  ein  neues  Ereignis  in  sein  Leben. 

Ernst  Haeckel  hatte  als  junger  Würzburger  Student  der  Me- 
dizin im  Jahre  1853  bei  einer  Exkursion  im  Gutenberger  Walde 
den  7\i  Jahre  älteren  Gegenbaur  kennen  gelernt.  Dieser  war 
damals  gerade,  erfüllt  mit  Erinnerungen  und  Arbeitsplänen,  von 
seiner  italienischen  Reise  zurückgekehrt.  Rede  und  Gegenrede 
ergab  Verwandtschaft  der  Auffassungen  und  Neigungen.  Haeckel 
wurde  dann  Johannes  Müllers  Schüler,  wie  Gegenbaur  sagt,  der 
in  jeder  Hinsicht  bei  weitem  bedeutendste,  und  damit  war  die 
Richtung  seines  Lebens  bestimmt.  Eine  weitere  wichtige  Be- 
gegnung mit  Gegenbaur  fand  1858  in  Jena,  bei  Gelegenheit  des 
300jährigen  Jubiläums  der  Universität  statt,  wo  er  Gegenbaurs  Gast 
war  und  von  diesem  veranlaßt  wurde,  seine  akademische  Tätigkeit 
als  Zoolog  in  Jena  zu  beginnen.  Jetzt,  1861,  ward  diese  Habili- 
tation zur  Tat,  und  damit  begann  jene  Freundschaft  und  jener  innige 
Wechselverkehr  zwischen  Beiden,  welcher  während  des  ganzen 
Zusammenseins  in  Jena  und  darüber  hinaus  dauerte  und  in  der 
Geschichte  der  Naturwissenschaft  von  bleibender  Bedeutung  sein 
wird.  Gegenbaur  trat  Haeckel  den  zoologischen  Teil  seiner  aka- 
demischen Tätigkeit  ab;  dieser  ward  1862  in  Jena  Professor  extra- 
ordinarius  der  Zoologie  und  erhielt  1865,  nach  Ablehnung  einer 
Berufung  nach  Würzburg,  das  zoologische  Ordinariat. 

Beide  Männer  waren  von  Grund  aus  verschiedene  Naturen. 
Der  ältere  Gegenbaur,  der  tiefe  und  gereifte  Denker  und  ernste 
Forscher,  dessen  kühner  Geist  nur  in  der  festen  Fundierung  und 
der  vollen  Konzentration  in  das  jeweilige  Arbeitsthema  sich  wohl 


408  Max  Fürbringer  [20 


■A/TN- 


fühlte  und  nur  in  Berührung  mit  der  Mutter  Erde  seine  Kräfte  ver- 
mehrte und  dem  dabei  die  strengste  Kritik  als  Wächter  zur  Seite 
stand;  der  jüngere  Haeci<el,  glänzend  veranlagt,  durch  und  durch 
Enthusiast,  mit  alles  umfassenden  Ausblicken  und  Plänen,  Forscher, 
Kämpfer  und  Künstler  zugleich,  —  so  ergänzten  sich  Beide.  Die 
gleiche  Freude  an  der  Natur,  die  gleiche  Begeisterung  für  die  er- 
habenen Aufgaben,  die  gleichen  großen  Ideen,  von  denen  damals 
nach  und  mit  dem  Erscheinen  von  Darwins  Werken  die  Theorie 
der  Descendenz  und  Selektion  als  befruchtendes  und  belebendes 
Prinzip  in  den  Vordergrund  trat,  von  jedem  der  Beiden  in  seiner 
besonderen  Eigenart,  aber  gleich  intensiv  erfaßt  und  erkannt,  — 
endlich  auch  der  gemeinsame  Schmerz  im  Jahre  1864,  als  beider 
Gattinnen  nach  glücklichster  Ehe  dahingerafft  wurden,  und  die  ge- 
meinsame Erkenntnis,  daß  nur  die  Arbeit  und  das  Aufgehen  in  die 
hehren  Pflichten,  welche  die  Wissenschaft  dem  Forscher  schenkt 
und  auferlegt,  da  retten  könne. 

Haeckel  hat  1866  dem  Freunde  den  ersten  Band  seines  bahn- 
brechendsten und  wohl  den  umfassendsten  Höhepunkt  seiner 
Forschung  repräsentierenden  Werkes:  „Die  generelle  Morphologie 
der  Organismen",  gewidmet.  In  der  Ansprache  „An  Carl  Qegen- 
baur"  gibt  er  in  unvergänglichen  Worten  seiner  Freundschaft  und 
Dankbarkeit  Ausdruck;  dieselbe  ist  zugleich  ein  beredtes  Zeugnis 
der  zwischen  Beiden  damals  bestehenden  geistigen  Gemeinschaft. 

„Indem  ich",  schreibt  Haeckel,  „den  ersten  Band  der  gene- 
rellen Morphologie  Dir,  mein  theurer  Freund,  den  zweiten  Band 
den  drei  Begründern  der  Descendenz-Theorie  widme,  will  ich  da- 
mit nicht  sowohl  die  besondere  Beziehung  ausdrücken,  welche  Du 
als  hervorragender  Förderer  der  Anatomie,  jene  als  Reformatoren 
der  Entwicklungsgeschichte  zu  den  beiden  Zweigen  der  orgam'schen 
Morphologie  einnehmen,  als  vielmehr  meiner  dankbaren  Verehrung 
gegen  Dich  und  gegen  Jene  gleichmäßigen  Ausdruck  geben.  Denn 
wie  es  mir  einerseits  als  eine   Pflicht  der  Dankbarkeit  erschien. 


21]  Carl  Gegenbaur.  409 

durch  Dedication  der  «allgemeinen  Entwicklungsgeschichte»  an 
Charles  Darwin,  Wolfgang  Goethe  und  Jean  Lamarck 
das  causale  Fundament  zu  bezeichnen,  auf  welchem  ich  meine  or- 
ganische Morphologie  errichtet  habe,  so  empfand  ich  andererseits 
nicht  minder  lebhaft  das  Bedürfniß,  durch  Widmung  der  «allge- 
meinen Anatomie»  an  Dich,  mein  treuer  Genosse,  die  Verdienste 
dankbar  anzuerkennen,  welche  Du  um  die  Förderung  meines  Un- 
ternehmens besitzest." 

„Um  diese  Beziehungen  in  das  rechte  Licht  zu  stellen,  müßte 
ich  freilich  eigentlich  eine  Geschichte  unseres  brüderiichen  Freund- 
schafts-Bündnisses schreiben,  von  dem  Tage  an,  als  ich  Dich  1853 
nach  Deiner  Rückkehr  von  Messina  im  Gutenberger  Walde  bei 
Würzburg  zum  ersten  Male  sah,  und  Du  in  mir  die  Sehnsucht 
nach  den  hesperischen  Gestaden  Siciliens  wecktest,  die  mir  sieben 
Jahre  später  in  den  Radiolarien  so  reiche  Früchte  tragen  sollte. 
Seit  jenem  Tage  hat  ein  seltener  Parallelismus  der  Schicksale 
zwischen  uns  fester  und  fester  die  unauflöslichen  Bande  geknüpft, 
welche  schon  frühzeitig  gleiche  Empfänglichkeit  für  den  Natur- 
genuß, gleiche  Begeisterung  für  die  Naturwissenschaft,  gleiche 
Liebe  für  die  Naturwahrheit  in  unseren  gleichstrebenden  Gemü- 
thern vorbereitet  hatte.  Du  warst  es,  der  mich  vor  sechs  Jahren 
veranlaßte,  meine  akademische  Lehrthätigkeit  in  unserem  geliebten 
Jena  zu  beginnen,  an  der  Thüringer  Universität  im  Herzen  Deutsch- 
lands, welche  seit  drei  Jahrhunderten  als  das  pulsirende  Herz 
deutscher  Geistes- Freiheit  und  deutschen  Geistes- Kampfes  nach 
allen  Richtungen  ihre  lebendigen  Schwingungen  fortgepflanzt  hat. 
An  dieser  Pflanzschule  deutscher  Philosophie  und  deutscher  Natur- 
wissenschaft, unter  dem  Schutze  eines  freien  Staatswesens,  dessen 
fürstliche  Regenten  jederzeit  dem  freien  Worte  eine  Zufluchtsstätte 
gewährt,  und  ihren  Namen  mit  der  Reformations- Bewegung,  wie 
mit  der  Blüthezeit  der  deutschen  Poesie  untrennbar  verflochten 
haben,   konnte  ich  mit  Dir  vereint  wirken.     Hier  haben  wir  in 


408  Mnx  liir'- 


fühlte  und  nur  in  Berührung  mit  Jl  : 
mehrte  und  dem  dabei  die  striMi.i:-. 
stand;  der  jüngere  Haeckel.  glänz. . 
Enthusiast,  mit  alles  umfassenden 
Kämpfer  und  Künstler  zugleich, 
gleiche  Freude  an  der  Natur.  J: 
habenen  Aufgaben,  die  gleichem 
nach  und  mit  dem  Erschcincr^ 
der  Descendenz   und  Selektion 
Prinzip  in  den  Vordergrund  : 
besonderen  Eigenart,  aber  l: 
endlich  auch  der  gemeinsni^ 
Gattinnen  nach  glücklichst.! 
meinsame  Erkenntnis,  di\\S 
hehren  Pflichten,    welcln 
und  auferlegt,  da  retten  i 

Haeckel  hat  IHuo  ■■ 
brechendsten    und   w « 
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der  Organismen", 
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„Indem  ich 
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Morpholn 

gegen  Di. 
wie  CS 


('. 


CnrI  Gcgenbaur. 


411 


^^L^iid  erscheinen,  einer  «mechanischen  Mor- 

^jicrungen   voranzuschicken.    Und  dennoch 

Denn  wie  jeder  Organismus, 

n  des  Organismus,  so  ist  auch 

Nklus,  als  das  nothwendtge  Product 

Pactoren,  der  Vererbung  und  der 

ich  zu  hoffen  wage,  zur  weiteren 

\Vis--enb;chaft  Ijeitragen  sollte,   so   bin  ich 

res  als  mein  freies  Verdienst  anzurechnen.  Denn 

ischaften,  welche  mir  die  große  und  schwie- 

und  durchzuführen  erlaubten,   habe  ich 

Vererbung  von  meinen  trefflichen  Eltern 

:n  Anpassungs-Bedingungen  aber,  welche 

nen  erblichen  Functionen  das  Werk  zur 

die  angeführten  Verhältnisse    die   erste 


indn  theurer  Freund,  als  mein  Gesinnungs- 
im  Schjcksals-Bruder,  als  mein  academischer  College 
kr-Ocfährte,  nimm  die  Widmung  dieser  Zeilen 
,  und  laß  uns  auch  fernerhin  treu  und  fest  zu- 
j  dem  großen  Kampfe,  in  welchen  uns  die  Pflicht 
ftreibt,  und  in  welchen  das  vorliegende  Werk  ent- 
in dem  heiligen  Kampfe  um  die  Freiheit  der 
I  um  die  Erkenntniß  der  Wahrheit  in  der  Natur." 
iibaur  hat  im  Jahre  1872  die  größte  und  epoche- 
!  seiner  Monographien,  „das  Kopfskelet  der  Selachier". 
r  Morphologie  der  Wirbeltiere  völlig  neue  Bahnen  schuf 
f  Ausgangspunkte  für  die  ganze  neuere  Erkenntnis  des 
leras  wurde,  „seinem  iheuren  Freunde  Ernst  Häckel"  ge- 


jemals   haben  Könige  solche    Gaben    gegeneinander 


Max  Pürbringer  [22 


der  glücklichsten  Arbeitstheilung  unser  gemeinsames  Wissenschafts- 
Gebiet  bebaut,  treu  mit  einander  gelehrt  und  gelernt,  und  in  den- 
selben Räumen,  in  welchen  Goethe  vor  einem  halben  Jahrhun- 
dert seine  Untersuchungen  „zur  Morphologie  der  Organismen" 
begann,  zum  Theil  noch  mit  denselben  wissenschaftlichen  Hülfs- 
mitteln,  die  von  ihm  ausgestreuten  Keime  der  vei^eichenden  und 
denkenden  Naturforschung  gepflegt.  Wie  wir  in  dem  harten  Kampfe 
des  Lebens  Glück  und  Unglück  brüderlich  mit  einander  getheilt, 
so  haben  sich  auch  unsere  wissenschaftlichen  Bestrebungen  in  so 
inniger  und  beständiger  Wechselwirkung  entwickelt  und  befestigt, 
in  täglicher  .Mittheilung  und  Besprechung  so  gegenseitig  durch- 
drungen und  geläutert,  daß  es  uns  wohl  Beiden  unm^ich  sein 
würde,  den  speciellen  Antheil  eines  Jeden  an  unserer  geistigen 
Gütergemeinschaft  zu  bestimmen.  Nur  im  Allgemeinen  kann  ich 
sagen,  daß  das  Wenige,  was  meine  rasche  und  rastlose  Jugend 
hie  und  da  Dir  bieten  konnte,  nicht  im  Veriiältnifi  steht  zu  dem 
Vielen,  was  ich  von  Dir,  dem  acht  Jahre  älteren,  erfahrneren  und 
reiferen  Manne  empfangen  habe." 

.So  ist  denn  Vieles,  was  in  dem  vorli^enden  Werke  als  meine 
Leistung  erscheint,  von  Dir  geweckt  und  genährt.  Vieles,  von  dem 
ich  Förderung  unserer  Wissenschaft  hoffe,  ist  die  gemeinsame 
Frucht  des  Ideen-Austausches,  der  uns  ebenso  daheim  in  anserer 
stillen  Werkstätte  erfreute,  wie  er  uns  draußen  anf  nnseren  er- 
frischenden Wanderungen  durch  die  felsigen  Schluditai  und  über 
die  waldigen  fiöhen  des  reizenden  Saahhales  beghftete.  MuKbes 
dürfte  seihst  das  Produkt  des  erhebenden  gpnebaamea  Niliir- 
genusses  sein,  welchen  uns  die  malerischen  Fennen  der  J 
Muschelkalk -Bei^e  bereiteten,  we  .  sie  im  letzten  Abendsonner 
strahl  uns  durch  die  Farben-Han  nie  Ihrer  purpur-g(rtd(gen  Fe 
scnflanken  und  violen-blauen  flutten  die  enlsctiwandvrk.  ^ 

Zauberbilder   der    calabrischen   (      »irgskette    wieder  vor  Aii% 
führten." 


25]  Carl  Gegenbaur.  413 


mann,  N.  v.  Miklucho-Maclay,  A.  Vrolik,  B.  Vetter, 
G.  V.  Koch,  Georg  Rüge,  Oskar  und  Richard  Hertwig 
und  Paul  Für  bringer  zu  nennen.  Engelmann  hat  später,  bei 
seinem  Eintritt  in  die  Berliner  Akademie,  hervorgehoben,  daß  er 
das  Glück  gehabt,  von  J.  V.  Carus,  C.  Gegenbaur  und  A.  v.  Be- 
zold  auf  die  wesentlichen  Aufgaben  und  Methoden  biologischer 
Forschung  nachdrücklichst  hingewiesen  zu  werden. 

Vorlesungen  und  Übungen  wurden  mit  Fleiß  und  Interesse 
besucht;  die  Schüler  hatten  in  jeder  Hinsicht  reichsten  Gewinn, 
traten  ihrem  Lehrer  auch  menschlich  nahe  und  haben  die  in  seinem 
Institute  und  Hause  verbrachten  Stunden  nicht  vergessen. 

Das  anatomische  Institut,  wie  die  anthropotomische  und 
zootomische  Sammlung,  denen  bereits  durch  Huschke  viele  För- 
derung zu  teil  geworden  war,  gewannen  unter  Gegenbaur  eine 
ansehnliche  Erweiterung  und  Vermehrung;  die  von  Gegenbaur, 
seinen  Assistenten,  Schülern  und  Präparatoren  angefertigten  ver- 
gleichend-anatomischen Präparate,  Belegstücke  zu  seinen  Jenenser 
Arbeiten,  bilden  eine  Zierde  derselben.  Auch  durch  bauliche  Ver- 
änderungen wurde  eine  zweckmäßige  Brauchbarmachung  und  Ver- 
größerung der  bisherigen  Räume  durchgeführt. 

Nicht  an  letzter  Stelle  gebührt  auch  der  damals  namentlich 
unter  seinem  Einflüsse  begründeten  medizinisch-naturwissen- 
schaftlichen Gesellschaft  zu  Jena  Erwähnung;  sie  entfaltete 
ein  reges  und  blühendes  wissenschaftliches  Leben.  Die  von  ihr 
seit  1864  herausgegebene  Jenaische  Zeitschrift  für  Medizin 
und  Naturwissenschaft,  deren  langjähriger  Redakteur  Gegen- 
baur war,  hat  bald  in  den  wissenschaftlichen  Kreisen  Ansehen 
und  weite  Verbreitung  gefunden;  die  meisten  Bände  derselben  aus 
Gegenbaurs  Jenenser  Periode  sind  vergriffen.  — 

Auch  jenseits  der  Wissenschaft  und  des  Amtes  hat  Gegenbaur 
ein  reiches  Leben  in  Jena  geführt,  reich  an  Freude  und  Leid. 


414  Max  Fürbringer  [26 


"S«/*^ 


Im  Frühling  1863  begründete  er  das  Glück  seiner  ersten  Ehe 
mit  Anna  Margareta  Emma  geb.  Streng,  ein  allzukurzes  Glück, 
denn  schon  im  Sommer  1864  schied  die  geliebte  Gattin  von  ihm, 
nachdem  sie  ihm  eine  Tochter,  Emma,  geschenkt  hatte.  Sie 
liegt  auf  dem  Friedhof  in  Jena  begraben. 

Erst  nach  einer  Reihe  von  Jahren  ward  seinem  vereinsamten 
Leben  die  treue  Gefährtin,  seinem  Kinde  die  zweite  Mutter.  Er 
fand  sie  in  Ida  Arnold,  der  Tochter  von  Friedrich  Arnold.  Die 
zu  Ostern  1869  geschlossene  Ehe  hat  im  innigsten  Einvernehmen 
bis  zu  seinem  Tode  gedauert;  die  Gattin  hat  ihn  bis  zur  letzten 
Stunde  gepflegt  und  hat  jetzt  ihren  schwersten  Veriust  erlitten. 
Dieser  Ehe  sind  zwei  Kinder  entsprossen,  die  noch  in  Jena  ge- 
borene Tochter  Else  und  der  in  Heidelberg  zur  Welt  gekommene 
Sohn  Friedrich. 

Großes  Leid  hat  ihm  auch  der  frühe  Tod  seiner  Mutter  be- 
reitet, die  1866  während  der  Kriegsunruhen  dieses  Jahres  starb. 
Nach  6  Jahren  folgte  ihr  sein  Vater. 

In  Jena  eriebte  er  aber  auch  die  Erfüllung  des  Traumes  seiner 
Jugend:  die  Begründung  der  deutschen  Einheit.  Dem  großen 
deutschen  Manne,  der  sie  zusammengeschweißt,  hat  allezeit  seine 
höchste  Bewunderung  und  Verehrung  gegolten. 

Neben  der  Arbeit  hatte  er  auch  anregenden  und  freundschaft- 
lichen Verkehr;  Jenas  reizvolle  und  eigenartige  Umgebung  lud  zu 
Wanderungen  ein;  da  wurde  mancher  schöne  Punkt  entdeckt  und 
das  Studium  der  lokalen  Fauna,  Flora  und  Geologie  freudigst  be- 
trieben. Namentlich  zu  Kuno  Fischer,  Seebeck,  den  Koliken  der 
medizinischen  Fakultät,  und  vor  allem  zu  Haeckel  bestanden  sehr 
nahe  Beziehungen.  Auch  von  auswärts  kamen  die  Freunde  gern  und 
oft  nach  Jena,  so  u.  a.  Max  Schultze,  J.  V.  Canis»  R.  Bergh, 
sein  Verieger  Wilhelm  Engelmann  mit  seinem  Sohne  Theodor 
Wilhelm,  dem   Physiologen.    Auch  auswärtige   Kollegen    reisten 


27]  Carl  Gegenbaur.  415 


"v^^" 


herbei,   den   großen    Forscher   aufzusuchen,    Flower,    Struthers, 
A.  Rosenberg  u.  v.  a. 

Von  Jena  aus  wurden  verschiedene  Reisen  unternommen, 
allein  oder  mit  der  Gattin  oder  mit  den  Freunden.  Wiederholt 
führte  der  Weg  zur  wissenschaftlichen  Arbeit  nach  Italien;  auch 
viele  Gegenden  Deutschlands,  darunter  die  Heimat,  Österreich, 
die  Schweiz,  Holland  und  Belgien  wurden  auf  Erholungsreisen 
besucht.  Auf  diesen  und  auf  früheren  Reisen  hat  er  auch  eine 
ansehnliche  mineralogische  und  geologische  Sammlung  vereinigt, 
die  er  später,  von  Heidelberg  aus,  dem  mineralogischen  Museum 
der  Jenenser  Universität  schenkte. 

Ein  im  Jahre  1872  an  ihn  ergangener  Ruf  an  die  erneuerte 
Universität  Straßburg  wurde  abgelehnt,  dagegen  die  1873  erfolgte  Be- 
rufung nach  Heidelberg  angenommen.  Es  ist  Gegenbaur  nicht 
leicht  gefallen,  von  Jena,  wo  er  sich  sehr  wohl  fühlte,  wegzugehen; 
auch  hatte  die  Universitätsverwaltung  auf  sein  Bleiben  so  sicher 
gerechnet,  daß  man  ihm,  anstatt  ihm  für  seine  langjährigen  Dienste 
dankbar  zu  sein,  den  Weggang  recht  schwierig  und  unerquicklich 
gestaltete  und  damit  die  innere  Loslösung  von  Jena  erleichterte. 
Sein  letzter  Abschiedsgruß  galt  dem  Freunde  Haeckel.  Er  ist 
nicht  wieder  nach  Jena  gekommen,  hat  aber  Jena  eine  bleibende 
Dankbarkeit  bewahrt. 

„Jena**,  sagt  er  in  seiner  Selbstbiographie,  „war  für  mich  in 
jeder  Hinsicht  eine  hohe  Schule,  aus  welcher  ich  vielfach  belehrt 
hervorging,  und  Alles,  was  ich  in  späterer  Zeit  geleistet,  hat  dort 
seine  Quelle  und  giebt  mir  Ursache  zu  dauerndem  Danke.  Ich 
betrachte  es  als  ein  großes  Glück,  lange  in  Jena  gewesen  zu  sein, 
in  jungen  Jahren,  welche  die  Eindrücke  tiefer  aufnehmen  und 
gründlicher  in  Vorstellungen  umsetzen.  Zur  Beobachtung  geneigt, 
fand  ich  dort  in  jeder  Hinsicht  ein  reiches  Feld  der  Erfahrung, 
welches  ein  Leben  zu  füllen  vermag.  Ich  habe  sie  zu  benutzen 
versucht,  wie  und  wo  ich  vermochte,  und  das  ist  mein  Gewinn.** 


416  Max  Fürbringer  [28 


Mit  dem  Beginn  des  Wintersemesters  1873/74  tritt  er  die 
Heidelberger  Stelle  an,  als  Nachfolger  seines  Schwiegervaters 
Friedrich  Arnold,  zunächst  unter  mancherlei  Schwierigkeiten,  die 
teils  in  Fakultätsverhältnissen,  teils  in  Zustanden  des  anatomischen 
Institutes  wurzelten. 

In  den  der  Berufung  vorausgehenden  Fakultätsverhandlungen 
hatten  sich  zwei  Parteien  daselbst  gegenüber  gestanden:  die  eine 
wünschte  für  die  Heidelberger  anatomische  Professur  einen  topo- 
graphischen Anatomen,  der  auch  in  mechanischer  Richtung  gear- 
beitet, die  andere  einen  wissenschaftlichen  Anatomen,  welcher  auf 
dem  Gebiete  der  Histologie,  Entwicklungsgeschichte  und  verglei- 
chenden Anatomie  einen  Namen  erworben.  Letztere  hatte  die 
knappe  Majorität  errungen,  und  infolge  davon  war  Gegenbaur 
berufen  worden.  Die  hierdurch  entstandene  Spaltung  in  der  Fa- 
kultät machte  sich  auch  nach  Gegenbaurs  Eintritt  in  dieselbe  einige 
Zeit  geltend  und  erzeugte  eine  gewisse  Spannung,  die  erst  all- 
mählich zum  Ausgleiche  kam. 

Dem  Anatomiegebäude,  das  von  Anfang  an  mangelhaft 
und  unpraktisch  angelegt  und  auch  trotz  der  auf  Besserung  hin- 
zielenden, aber  vergeblichen  Bemühungen  Friedrich  Arnolds  im 
wesentlichen  so  geblieben  war,  konnte  zunächst  nur  eine  partielle 
Verbesserung  zu  teil  werden.  Erst  eine  schwere,  durch  die  un- 
gesunden Verhältnisse  erzeugte  Erkrankung  Gegenbaurs  ward  der 
Anlaß  zu  einer  gründlichen  Renovation.  Auch  noch  andere  Ver- 
hältnisse des  anatomischen  Institutes  ließen  zu  wünschen  übrig; 
schießlich  kam  auch  hier,  dank  seiner  unermüdlichen  Energie,  so 
weit  möglich  eine  Abhülfe  und  Besserung  zu  stände. 

So  wurde  Gegenbaur  allmählich  in  Heidelberg  heimisch.  Ihm 
ergebene  Prosektoren  und  Assistenten,  wie  Max  Fürbringer, 
Georg  Rüge,  Friedrich  Maurer,  Hermann  Klaatsch  und 
Ernst  Göppert,  suchten  ihm  nach  bestem  Können  an  die  Hand 
zugehen  und  nützlich  zu  sein;  auch  B.  Solger,  E.  Calberla, 


.  > 


29]  Carl  Gegenbaur.  417 


"v_y*'" 


W.  Pfitzner,  G.  Schöne  und  G.  Grund  waren  kürzere  Zeit  bei 
ihm  Assistenten.  Solger  hat  ihn  nach  Heidelberg  begleitet  und 
wurde  von  Fürbringer  abgelöst. 

Er  las  Anatomie  des  Menschen,  einige  Male  Einleitung  in  die 
Anatomie  und  Skelettlehre,  in  den  9  ersten  Jahren  vergleichende 
Anatomie  und  wiederholt  Entwicklungsgeschichte,  leitete  die  mensch- 
lichen Präparierübungen  und  das  anatomische  Praktikum  für  Vor- 
gerücktere, welche  mehr  selbständig  arbeiteten.  Hier  entstand 
unter  seinen  Augen  oder  in  mehr  oder  minder  direkter  Anregung 
durch  ihn  eine  beträchtliche  Anzahl  gediegener  Arbeiten. 

Außer  seinen  oben  erwähnten  Prosektoren  und  Assistenten 
seien  E.  Rosenberg,  G.  Born,  J.  A.  Palmen,  A.  C.  Bernays, 
A.  A.  W.  Hubrecht,  J.  Brock,  B.  Haller,  M.  v.  Davidoff, 
W.  B.  Scott,  W.  Leche,  J.  E.  V.  Boas,  H.  Gadow,  B. 
Grassi,  M.  Sagemehl,  N.  Goronowitsch,  C.  Heß,  Fr. 
Meyer,  H.  R.  Davies,  H.  K.  Corning,  O.  E.  Imhoff,  C.  Rose, 
O.  Seydel,  Schwink,  L.  Bayer,  E.  Schwalbe,  H.  Eggeling, 
S.  Paulli,  H.  Engert  u.  a.  als  seine  Schüler  genannt.  Auch 
R.  Semon  und  H.  Braus  können  mittelbar  als  solche  bezeich- 
net werden. 

Die  produktive  Tätigkeit  der  Heidelberger  Jahre  findet 
kaum  ihresgleichen.  Von  der  vergleichenden  Anatomie  erscheinen 
in  den  Jahren  1874  und  1878  zwei  neue  Auflagen  (Grundriß  der 
vergleichenden  Anatomie)  und  endlich  1898  und  1901  —  als  sein 
letztes  wissenschaftliches  Werk  —  die  große  zweibändige  ver- 
gleichende Anatomie  der  Wirbeltiere  mit  Berücksichtigung  der 
Wirbellosen,  die  Frucht  einer  20jährigen  Arbeit.  Ferner  in  7  Auf- 
lagen von  1883 — 1899  das  Lehrbuch  der  Anatomie  des  Menschen. 
Die  sonstigen  Arbeiten  und  Monographien  jener  Zeit  behandeln 
die  Methodik  der  Forschung,  sehr  zahlreiche  Fragen  aus  der  Mor- 
phologie des  Skelettsystems  wie  fast  sämtlicher  anderen  Organ- 
systeme des  tierischen  Körpers;  manche  darunter  sind  zusammen- 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  27 


418  Max  Fürbringer  [30 


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fassender  Natur  und  gewähren  einen  kritischen  Überblick  über 
den  jetzigen  Stand  der  Leistungen  und  Erkenntnisse  auf  diesem 
oder  jenem  Gebiete.  Verschiedene  Abhandlungen  sind  zugleich 
Gratulationsschriften  und  geben  seiner  Dankbarkeit  und  Verehrung 
für  die  von  ihm  geschätzten  Kollegen,  wie  C.  Th.  E.  von  Siebold, 
P.  J.  van  Beneden  und  A.  v.  Kölliker  Ausdruck.  Auch  zahlreiche 
Bücherbesprechungen  rühren  von  seiner  Feder  her. 

Im  Jahre  1875  begründet  er  eine  neue  Zeitschrift,  das 
„Morphologische  Jahrbuch**,  welches  bis  zum  Jahre  1901 
unter  seiner  Redaktion  in  29  Bänden  bei  seinem  Verleger  Wilhelm 
Engelmann  erschienen  ist;  danach  wurde  die  Redaktion  dieser 
blühenden  Zeitschrift  von  seinem  Schüler  Georg  Rüge  über- 
nommen. 

Daß  Leistungen  von  solchem  Range  eine  Fülle  von  Aner- 
kennungen höchster  und  mannigfaltigster  Art  nach  sich  ziehen, 
bedarf  keiner  besonderen  Erwähnung.  Wie  wenige  ist  er  geehrt 
worden.  Hier  seien  nur  die  hervorragendsten  genannt.  Von  Orden 
erhielt  er  u.  a.  den  K.  Bayrischen  Maximiliansorden  für  Wissen- 
schaft und  Kunst,  den  K.  Preußischen  Orden  pour  le  merite, 
das  Großkreuz  des  Ordens  vom  Zähringer  Löwen,  von  Medaillen 
und  Preisen  die  goldene  Copley- Medaille  der  Royal  Society  in 
London,  die  goldene  Swammerdam-Medaille  der  Universität  Am- 
sterdam, die  goldene  Cothenius-Medaille  der  Academia  Caesarea 
Leopoldino-Carolina  Naturae  Curiosorum,  den  großen  Vahlbruck- 
Preis  seitens  der  Universität  Göttingen,  und  ferner  wurde  er 
Dr.  phil.  h.  c.  der  Universität  Jena,  Dr.  math.  et  phil.  h.  c.  der  Uni- 
versität Leyden,  Dr.  jur.  h.  c.  der  Universität  Edinburgh,  Dr,  med. 
h.  c.  der  Universität  Würzburg  (Erneuerung  seines  betreffenden 
Doktordiplomes  mit  Glückwunsch-Adresse  bei  der  50jährigen  Wie- 
derholung dieses  Tages).  Weiter  ernannten  ihn  ungezählte  gelehrte 
Gesellschaften  sowie  Fakultäten  zu  ihrem  Ehrenmitgüede  oder 
auswärtigem  oder  korrespondierendem  Mitgliede,  darunter  die  K, 


31]  Carl  Gegenbaur.  419 


Preuß.  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin  (auswärtiges  Mit- 
glied), Senckenbergische  naturforschende  Gesellschaft  in  Frank- 
furt a.  M.,  K.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Göttingen,  Aca- 
demia  Caesarea  Leopoldino-Carolina  Naturae  Curiosorum  in  Halle 
(Sektions-Vorstandsmitglied),  Medizinisch-naturwissenschaftliche  Ge- 
sellschaft zu  Jena  (Ehrenmitglied),  K.  Sachs.  Gesellschaft  der  Wis- 
senschaften zu  Leipzig,  K.  Bayer.  Akademie  der  Wissenschaften 
zu  München,  K.  Akademie  van  Wetenschappen ,  K.  Zoologisch 
Genootschap  Natura  Artis  Magistra  (Ehrenmitglied)  und  Genoot- 
schap  ter  bevordering  van  natuur-,  genees-  en  heelkunde  in  Am- 
sterdam, American  Academy  of  Arts  and  Sciences  in  Boston 
(honorary  Member),  Academie  royale  de  medecine  de  Belgique 
und  Academie  royale  des  sciences,  des  lettres  et  des  beaux  arts 
de  Belgique  in  Brüssel,  Sociedad  zoolögica  in  Buenos  Aires, 
Cambridge  Philosophical  Society,  Dorpater  Universität  (Ehren- 
mitglied), Juristische  Fakultät  in  Edinburgh  (Ehrenmitglied),  Royal 
Society  in  Edinburgh,  Hollandsche  Maatschappij  der  Wetenschap- 
pen in  Haarlem,  Kgl.  Danske  Videnskabernes  Selskab  in  Kopen- 
hagen (udenlandske  Medlemmer),  mathematische  und  naturwissen- 
schaftliche Fakultät  in  Leyden  (Ehrenmitglied),  Royal  Society, 
Linnean  Society  und  Zoological  Society  (foreign  Member)  in 
London,  Manchester  Literary  and  Philosophical  Society  (honorary 
Member).  Societe  Imp.  des  Naturalistes  in  Moskau,  Academie  Imp. 
des  sciences  in  Petersburg,  Academy  of  Natural  Sciences  in  Phila- 
delphia, R.  Accademia  dei  lincei  in  Rom,  K.  Svenska  Vetens- 
kaps- Akademie  in  Stockholm,  R.  Accademia  delle  scienze  in 
Torino,  Regia  societas  scientiarum  Upsaliensis,  R.  Istituto  Veneto 
di  scienze.  lettere  ed  arti  in  Venedig.  K.  Akademie  der  Wissen- 
schaften und  K.  K.  zoologisch-botanische  Gesellschaft  in  Wien. 
Der  Großherzog  von  Baden  ernannte  ihn  zum  Geh.  Rat  II.  Kl., 
die  Stadt  Heidelberg  zu  ihrem  Ehrenbürger.  —  Nie  hat  er  einer 
dieser  Auszeichnungen  jemals  Erwähnung  getan. 

27» 


420  Max  Fürbringer  [32 


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Eine  unter  glänzenden  Bedingungen  an  ihn  ergangene  Be- 
rufung an  die  neubegründete  Universität  Amsterdam  lehnte  er  ab. 

Sein  Leben  in  Heidelberg  gestaltete  sich  in  zunehmendem 
Maße  erfreulich  und  angenehm.  Seine  Frau,  mit  der  ihn  wärmstes 
Empfinden  und  innigstes  Verstehen  verband,  sorgte  dafür,  ihm 
eine  glückliche  Häuslichkeit  zu  schaffen  und  seiner  Lebensarbeit 
jede  Störung  fern  zu  halten.  Die  Kinder  entfalteten  sich  zur 
großen  Freude  der  Eltern.  Die  älteste  Tochter  verheiratete  sich 
mit  einem  Manne,  dem  jetzigen  Major  Nieland,  der  sich  bald  die 
Liebe  und  Wertschätzung  der  Eltern  erwarb;  der  Besuch  der  Kinder 
und  des  Enkels  im  Elternhause  brachte  stets  Freude  und  Er- 
frischung. Die  jüngere  Tochter,  welche  die  von  dem  Vater  er- 
erbte Anlage  für  die  bildende  Kunst  weiter  ausgebildet,  hat  ihren 
Eltern  stets  die  hingebungsvollste  Liebe  und  Fürsorge  bewiesen. 
Der  Sohn  studierte  Jura  und  Cameralia  und  promovierte  als 
Dr.  juris. 

Großen  Kummer  bereitete  ihm  der  viel  zu  frühe  Tod  der 
geliebten  Schwester  im  Jahre  1877.  Auch  den  hochbetagten 
Schwiegervater,  aber  auch  so  manchen  jüngeren  Freund  und 
Schüler  sah  er  ins  Grab  sinken. 

Nach  ausgebreiteterem  geselligen  Verkehre  bestand  weder  bei 
ihm  noch  bei  seiner  Frau  Bedürfnis.  Er  hatte  ein  Arbeitspensum 
vor  sich,  das  nur  bei  voller  Konzentration  auf  seine  Amtspflichten 
und  seine  Untersuchungen  und  Forschungen  gelöst  werden  konnte. 
Auch  war  naturgemäß  sein  gereiftes  Alter  nicht  mehr  so  leicht 
dem   Anschlüsse  an   neue  Bekanntschaften   zugeneigt. 

Die  Universität  wies,  als  er  nach  Heidelberg  kam  und  in  den 
langen  Jahren  seiner  Lehrtätigkeit  daselbst,  viele  hochbedeutende 
Männer  auf.  Er  hat  den  Verdiensten  derselben  seine  vollste 
Wertschätzung  dargebracht  und  mit  den  meisten  Kollegen  auch 
einen  auf  gegenseitige  Hochachtung  gegründeten  Verkehr  gehabt. 
Nähere  Beziehungen  bestanden  jedoch  nur  zu  seinem  Schwieger- 


-  1  -^^ 


33]  Carl  Gegenbaur.  421 


vater  Friedrich  Arnold,  in  dem  er  den  hochverdienten  Gelehr- 
ten und  den  reinen,  wahrhaftigen  Menschen  verehrte,  zu  seinem 
Schwager  Julius  Arnold,  der  in  der  gleichen  Fakultät  mit  ihm 
wirkte,  zu  seinem  alten  Freunde  Nikolaus  Friedreich,  dessen 
allzufrühen  Tod  er  tief  betrauerte,  zu  seinen  älteren  Schülern  und 
namentlich  zu  Kuno  Fischer.  Das  mit  diesem  schon  in  Jena 
geschlossene  Freundschaftsbündnis  gestaltete  sich  in  Heidelberg 
immer  inniger  und  verständnisreicher.  Fischer  hat  wiederholt  in 
warmen  und  beredten  Worten  seiner  Bewunderung  der  hohen 
geistigen  Bedeutung  und  der  Reinheit  und  Größe  des  Charakters 
von  Gegenbaur  Ausdruck  verliehen.  Gegenbaur  hat  den  hohen 
und  reichen  Gaben  der  Unbestechlichkeit  und  Wahrhaftigkeit,  den 
machtvollen  Impulsen,  dem  Mut  der  Überzeugung  und  den  hervor- 
ragenden Leistungen  Fischers  seine  Hochschätzung  bewiesen  und 
ihm  in  seiner  Selbstbiographie  ein  Ehrendenkmal  gesetzt:  „Mit 
ihm,  der  kurz  vor  mir  Jena  verlassen  hatte,  war  ich  befreundet, 
und  er  blieb  in  dieser  Gesinnung  bis  in  unser  hohes  Alter,  wo 
er  mich  noch  durch  seinen  häufigen  Besuch  erfreut,  während 
mir  das  Gehen  versagt  ist!  Ich  besitze  an  ihm  einen  ttjeuen 
Freund  in  des  Wortes  vollster  Bedeutung.  Von  den  gemein- 
samen Unternehmungen  sind  mir  manche  in  guter  Erinnerung. 
—  Es  war  mir  immer  eine  Erfrischung,  mit  jenem  geistvollen 
Manne  verkehren  zu  dürfen,  mit  welchem  die  Gemeinsamkeit 
vieler  Anschauungen  über  die  Dinge  mich  verbindet.  Ich  habe 
vieles  von  ihm  gelernt  und  fühle  mich  dankbar  bewegt,  wenn  ich 
an  die  mit  Kuno  Fischer  gepflogenen  Unterhaltungen  denke." 
Auch  Freund  Ernst  Haeckel  hat  ihn  von  Jena  aus  oft  und 
regelmäßig  besucht  und  war  immer  ein  gern  gesehener  Gast; 
ebenso  andere  liebe  Bekannte,  wie  sein  treuer  Verleger  Wilhelm 
Engelmann  und  seine  Söhne.  Rudolf  Bergh  und  sein  Sohn  R.  S.Bergh 
u.  v.  A.  Auch  der  nachmalige  Chef  des  Hauses  Engelmann,  Ema- 
nuel  Reinicke,  gehörte  zu  den  jährlichen  Besuchern.    Mit  der  zu- 


422  Max  Fürbringer  [34 


nehmenden  Berühmtheit  vermehrte  sich  die  Zahl  älterer  und  jün- 
gerer Gelehrter,  welche  den  hervorragenden  Mann  persönlich 
kennen  lernen  und  ihm  ihre  Verehrung  beweisen  wollten;  Heidel- 
bergs Lage  erwies  sich  dafür  besonders  geeignet,  und  oft  hat 
Gegenbaur  die  ruhigeren  Tage  Jenas  herbeigesehnt. 

Die  ideale  Umgebung  Heidelbergs  gab  Gelegenheit  zu  man- 
chen Ausflügen.  Die  einsamen  Wanderungen  mit  den  Nächst- 
stehenden erfrischten  ihm  den  Geist  und  die  Sinnesorgane,  die  er 
so  nötig  brauchte.  Auch  weitere  der  Erholung  dienende  Exkur- 
sionen und  Reisen  fanden  vielfach  statt,  mit  den  Seinigen  oder 
mit  den  Freunden,  namentlich  Kuno  Fischer  und  Ernst  Haeckel. 
So  wurde  die  Riviera  wiederholt  besucht,  und  deren  Perle  St.  Mar- 
gherita diente  wiederholtem  Aufenthalte,  ebenso  die  oberitalieni- 
schen Seen  und  die  Alpen.  Im  Elsaß  wurden  Goethe-Erinne- 
rungen  gepflogen.  Auch  der  nachbarliche  Odenwald,  wie  der 
Schwarzwald  und  der  Hegau  gewährten  ihm  Erfrischung.  Hier 
war  es  das  liebliche  Heiligenberg  oberhalb  des  Bodensees,  nach 
welchem  er  besonders  gern  und  oft  seine  sommerliche  „Secessio 
in  montem  sacrum"  ausführte. 

Bei  Kongressen  und  ähnlichen  Versammlungen  war  er  ein 
sehr  seltener  Gast.  1877  wohnte  er  der  Münchener  Naturforscher- 
Versammlung  bei,  1882  war  er  Delegierter  der  Heidelberger  Uni- 
versität bei  dem  Würzburger  Jubiläum,  1888  präsidierte  er  dem 
Würzburger  Anatomenkongreß.  Eine  daselbst  von  ihm  gehaltene 
originelle  Ansprache  erregte  bei  den  konventionell  Gebildeten 
Aufsehen,  gab  aber  zugleich  mit  ihren  markanten,  ohne  jede  Zurück- 
haltung ausgesprochenen  Gedanken  Anregung  zu  mannigfachem 
Nachdenken. 

Bei  Gelegenheit  seines  70.  Geburtstages  1896  floh  er,  um 
jeder  Huldigung  zu  entgehen,  mit  seiner  Familie  in  einen  entl^e- 
nen  Winkel  des  Schwarzwaldes  und  gestattete  nur  dem  Freunde 
Haeckel    ihn   dort  aufzusuchen.     Seine  Schüler  hatten  es  sich 


35]  Carl  Gegen baur.  423 

— —  — —     .f\/^y. — ■-        — -— — — — ■ —     ^ 


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nicht  nehmen  lassen,  ihm  an  jenem  Tage  eine  umfassende,  drei- 
bändige Festschrift  zu  widmen.  Die  Zusendung  derselben  erfolgte 
mit  Zagen;  schließlich,  als  er  von  dem  Inhalte  Kenntnis  genom- 
men,   hat  er  sich  doch  darüber  gefreut. 

Den  wichtigeren  wissenschaftlichen,  politischen  und  religiösen 
Fragen  der  Gegenwart  brachte  er  ein  warmes  Interesse  entgegen 
und  verfolgte  sie  auf  Grundlage  seiner  universellen  Bildung  und 
seiner  großen  Urteilskraft  als  deutscher,  einem  gesunden,  maßvollen 
Fortschritte  zugewandter  Mann.  Darum  hat  er  auch,  als  im  Anfang 
der  70er  Jahre  gegenüber  den  bekannten  vatikanischen  Beschlüs- 
sen die  befreiende  altkatholische  Bewegung  einsetzte,  dieser  seine 
Sympathie  und  Unterstützung  gewährt.  Seine  Frau  war  evan- 
gelisch; ebenso  ließ  er  seine  Kinder  sämtlich  evangelisch  taufen 
und  erziehen.  Er  hatte  in  seiner  Jugend  den  Geist  der  Hierarchie 
und  des  Ultramontanismus  kennen  gelernt  und  auf  seinen  Reisen 
nicht  umsonst  beobachtet. 

Am  Beginne  dieses  Jahrhunderts  war  die  Kraft  des  hochbe- 
tagten Mannes,  der  kein  Ausruhen  von  der  Arbeit  und  keine  Scho- 
nung kannte,  geschwächt.  Noch  war  sein  Geist  hell  und  frisch 
wie  jemals,  aber  seine  körperliche  Leistungsfähigkeit  war  vermin- 
dert und  eine  abnehmende  Kraft  seiner  Gliedmaßen  erlaubte 
ihm  nicht  mehr  die  erheblichen  Anstrengungen  seines  Amtes.  Mit 
Schluß  des  Wintersemesters  1900/01  legte  er  das  Direktorat  des 
anatomischen  Instituts  nieder,  das  in  die  Hände  seines  Schülers 
Max  Fürbringer  überging. 

In  seinem  Otium  cum  dignitate  war  er  zuerst  noch  mit  lite- 
rarischen Arbeiten  beschäftigt.  Danach,  als  die  zunehmende 
Schwäche  seiner  Muskeln  ihm  den  Gebrauch  der  Gliedmaßen  und 
das  Sprechen  mehr  und  mehr  erschwerte,  verhielt  er  sich  mehr 
empfangend,  aber  mit  ungeschwächtem  Interesse  und  Verständnis 
für  gute  Lektüre,  namentlich  auf  historischem  und  kulturhistorischem 


424  Max  Fürbringer  [36 


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Gebiete,  wie  auch  für  die  wichtigeren  Tagesfragen,  wobei  ihn  Ins- 
besondere jede  Bedrohung  der  Geistes-  und  Gewissensfreiheit  leb- 
haft ergriff. 

In  diese  Zeit  fällt  auch  die  Abfassung  seiner  Selbstbiogra- 
phie „Erlebtes  und  Erstrebtes",  in  guten  Tagen  begonnen,  in  min- 
der guten  beendigt.  Es  ist  ein  ungleiches  Werk,  das  in  liebevoller 
Weise  und  von  feinen  Zügen  und  einer  bedeutenden  Lebensan- 
schauung durchdrungen,  von  seinen  Vorfahren  und  von  der  Kind- 
heit und  Jugendzeit  seines  Strebens  berichtet,  die  reifste  und  vollste 
Zeit  dieses  reichen  und  schaffensfreudigen  Lebens  aber  viel  zu 
kurz  behandelt,  weil  der  Schreiber  über  die  dafür  nötige  Frische 
nicht  mehr  verfügte.  Vielleicht  mag  auch  bei  dem  jeder  Selbst- 
bespiegelung  abgeneigten  Manne  ein  zunehmender  Überdruß,  über 
sich  zu  sprechen,  an  dem  schnellen  Schlüsse  mitgewirkt  haben. 
Aber  auch  dieser  letzte  Teil  enthält  viele  von  nicht  gewöhnlichem 
Geiste  zeugende  Bemerkungen  und  bildet  einen  wohltuen- 
den Gegensatz  zu  so  mancher  Gelehrten-Autobiographie,  in 
welcher  das  Feiern  seiner  Persönh'chkeit  dem  Schreiber  Haupt- 
sache ist.  Gegenbaurs  Buch  enthält  wenig  über  100  Seiten,  die 
weit  mehr  von  dem  handeln,  was  er  von  anderen  gelernt  und 
ihnen  verdankt,  als  von  den  Leistungen  der  eigenen  Person. 
Für  den  pietätvollen  Verehrer  Gegenbaurs  bildet  die  Selbstbio- 
graphie ein  rührendes  Denkmal. 

Unter  zunehmenden  Beschwerden  hat  Gegenbaur  bis  zur 
Mitte  des  Jahres  1903  gelebt.  Er  hat  dieselben  wie  ein  Held  ge- 
tragen ;  nie  hat  er  geklagt,  nie  den  Seinigen  Mißstimmung  gezeigt 
oder  Mühe  gemacht.  Die  Besuche  der  nächsten  Freunde  hat  er 
bis  zuletzt  freundlich  und  dankbar  angenommen.  Wie  eine  milde 
Verklärung  lag  es  in  dem  letzten  Jahre  über  seinem  Wesen. 
Am  14.  Juni  hat  ihn  gegen  9  Uhr  abends  ein  schneller  Tod  in- 
folge von  Herzschwäche  und  Lungenhypostase  von  seinen  Leiden 
erlöst,  ehe  dieselben  sich  unerträglich  gestaltet  hatten. 


37]  Carl  Gegenbaur.  425 


f  ■ — ^^^^ 


Am  18.  Juni  ist  er  begraben  worden.  In  mündlichen  Auf- 
trägen an  die  Angehörigen  und  nächsten  Freunde,  wie  in  einer 
Zuschrift  an  den  Prorektor  hatte  er  schon  geraume  Zeit  zuvor 
gebeten,  bei  seinem  Tode  von  jedem  Feiern  seiner  Persönlichkeit 
durch  einen  Redeakt  oder  eine  sonstige  akademische  Feier  abzusehen. 
So  gestaltete  sich  sein  Begräbnis  einfacher,  ward  aber  doch  zu 
einer  ergreifenden  Kundgebung  der  Verehrung  und  Dankbarkeit, 
die  sich  wohl  Schranken  auferlegen,  aber  nicht  ganz  unterdrücken 
ließen.  Das  bezeugte  die  Zahl  der  Leidtragenden  und  ihm  die 
letzte  Ehre  Erweisenden,  sowie  die  Fülle  der  Blumenspenden. 
Aus  weiter  Entfernung  waren  die  Schüler  herbeigekommen. 
Großherzog  und  Ministerium  hatten  Delegierte  gesendet.  Der  alt- 
katholische Stadtpfarrer  Dr.  Stubenvoll  schloß  den  kirchlichen 
Handlungen  eine  warm  empfundene  Würdigung  des  Dahingeschie- 
denen an;  zu  Herzen  gehende  Ansprachen  hielten  unter  Nieder- 
legung von  Kränzen  und  Palmen  der  Prorektor  der  Universität 
Geheimrat  Dr.  Czerny,  der  Dekan  der  medizinischen  Fakultät 
Hofrat  Dr.  Vierordt,  der  erste  Bürgermeister  von  Heidelberg  Prof. 
Dr.  Walz,  Geh.  Hofrat  Dr.  Buhl  im  Namen  der  altkatholischen 
Gemeinde,  der  Amtsnachfolger  und  älteste  anwesende  Schüler  Geh. 
Hofrat  Dr.  M.  Fürbringer  im  Namen  der  Lehrer  der  anatomischen 
Anstalt  und  der  Schüler,  Professor  Dr.  Maurer  aus  Jena  im  Auf- 
trage der  dortigen  medizinischen  Fakultät  und  der  Jenenser  Stu- 
denten der  Medizin,  Professor  Dr.  Braus  im  Auftrage  der  Würz- 
burger medizinischen  Fakultät,  Professor  Dr.  M.  Fürbringer  im  Auf- 
trage der  Direktoren  der  beiden  anatomischen  Institute  der  Reichs- 
hauptstadt, Hertwig  und  Waldeyer,  die  Vertreter  der  Studenten- 
schaft, des  S.  C,  der  Kliniker  und  Medizinstudierenden  von  Hei- 
delberg u.  a,  m. 

Seine  irdischen  Überreste  ruhen  auf  dem  Heidelberger  Kirch- 
hofe an  hoch  gelegener  Stelle  mit  weitem  Blick  auf  Wald  und 
Berge  und  die  große,  von  Kultur  und  historischen  Erinnerungen 


426  Max  Fürbringer  [38 


erfüllte   Ebene  des   Rheins.    Hier  ist  die  Aussicht  frei,  der  Geist 
erhoben.  — 


Gegenbaurs  wissenschaftliche  Tätigkeit  ist  schon  nach 
Umfang  eine  überaus  reiche.  Sie  umfaßt  über  160  Veröffent- 
lichungen. Es  sind  Monographien  und  Abhandlungen,  z.  T.  von 
beträchtlicher  Größe,  Bücherbesprechungen,  Lehr-  und  Handbücher. 
Dazu  kommt  die  Herausgabe  zweier  Zeitschriften,  welche  in  einer 
stattlichen  Reihe  von  Bänden  vorliegen.  Endlich  die  schon  be- 
sprochene Selbstbiographie. 

Die  Abhandlungen  und  Monographien  gelten  teils  Fra- 
gen allgemeineren  Inhalts,  teils  der  Erforschung  der  Wirbellosen  und 
Wirbeltiere. 

Der  Gruppe  der  Schriften  allgemeineren  Inhalts  gehört 
vor  allem  seine  Eintrittsrede  in  die  medizinische  Fakultät  zu  Jena 
„De  animalium  plantarumque  regni  terminis  et  differentiis**  (1860) 
an;  sie  führt  zugleich  die  in  der  Einleitung  zur  vergleichenden 
Anatomie  (1859)  entwickelten  Gedankengänge  weiter  aus.  Gegen- 
über den  herrschenden  Anschauungen  hebt  Gegenbaur  hervor,  daß 
die  zumeist  angeführten  Grenzen  und  Differenzen  zwischen  Tier 
und  Pflanze  sich  auf  bereits  mehrzellige  Organismen  beziehen,  da& 
dagegen  bei  den  primitivsten  einzelligen  Formen  und  Entwicklungs- 
stufen eine  scharfe  Trennung  weder  morphologisch  noch  physio 
logisch  möglich  sei.  In  dem  Maßstabe,  als  die  Mehrzelligkeit  sic^ 
summiert,  treten  die  Verschiedenheiten  auf,  wobei  für  Pflanzen  ui 
Charaktere  besondere  Charaktere  gegeben  werden  können. 
dürfe  die  große  Ähnlichkeit  der  ersten  Entwicklungszustände  nic'^-:^=>^ 
zu  dem  Irrtum  einer  völligen  Übereinstimmung  derselben  verleiter- :^s^J 
in  den  Samen  und  Eiern  der  verschiedenen  Tiere  und  Pflanz^ 
seien  bereits  die  typischen  Energien  enthalten,  unseren  Augen 
nächst  noch  verborgen  und  nicht  erkennbar,  nach  und  nach  a^ 


39]  Carl  Gegenbaur.  427 


mit  der  weiteren  Entwicklung  sich  der  Beobachtung  offenbarend. 
Die  Rede  verdient  noch  jetzt  unser  ganzes  Interesse;  sie  enthält 
eine  Fülle  bedeutsamer  Anschauungen  und  sehr  vieles,  was  in  den 
folgenden  Dezennien  als  neue  Wahrheit  auftrat,  aber  inhaltlich 
kaum  oder  nur  wenig  über  die  hier  entwickelten  und  inzwischen 
der  Vergessenheit  anheimgefallenen  Gedanken  hinausging. 

Spätere  Abhandlungen  betreffen  die  Stellung  und  Bedeutung 
der  Morphologie  (1875),  die  Cänogenese  (1888)  und  die 
Ontogenie  und  Anatomie  in  ihren  Wechselwir- 
kungen betrachtet  (1889).  Es  sind  Aufsätze  von  bedeutendem 
Inhalte,  welche  die  Methodik  der  Gegenbaurschen  Forschung 
in  fesselnder,  zugleich  aber  sehr  konzentrierter  Form  wieder- 
geben und  darum  wiederholt  gelesen  werden  müssen.  Sie 
wenden  sich  gegen  die  Einseitigkeit  der  Untersuchung,  wägen 
die  gegenseitige  Bedeutung  aller  der  Disziplinen,  wie  ver- 
gleichende Anatomie,  Ontogenie  und  Physiologie,  ab,  welche 
für  die  von  einem  weiteren  Horizonte  aus  unternommene 
wissenschaftliche  Forschung  in  Betracht  kommen,  und  geben 
an,  wie  sie  zu  berücksichtigen  sind.  Die  Frage  der  Cäno- 
genese (Haeckel)  wird  mit  besonderem  Nachdrucke  behandelt. 
Von  schnellen  Lesern  sind  diese  Abhandlungen  arg  mißverstanden 
und  unterschätzt  worden ;  wer  sich  mit  Nachdenken  in  deren  In- 
halt vertieft,  findet  hier  eine  reiche  Schatzgrube  und  zugleich  einen 
Wegweiser  für  die  nach  Erkenntnis  strebende  Arbeit. 

Ein  kleinerer  Aufsatz  aus  dem  Jahre  1898  nimmt  Stellung  zu 
der  von  der  Anatomischen  Gesellschaft  angeregten  und  durchge- 
führten Frage  der  Nomenklatur. 

Die  Abhandlungen  und  Monographien  über  die  Wirbellosen 
fallen  in  die  Jahre  1851  bis  1862,  also  vorwiegend  in  die  Würz- 
burger Zeit  und  die  erste  Periode  der  Jenenser  Tätigkeit.  Sie 
sind  teils  in  kleineren  Sammelabhandlungen,  z.  T.  in  Briefform,  über 
verschiedene  Seetiere  veröffentlicht,  so  die  gemeinschaftlich  mit 


428  Max  Fürbringer  [40 


A.  Kölliker  und  H.  Müller  in  Messina  vorgenommenen  Unter- 
suchungen (1853),  ferner  die  Arbeiten  über  Zoophyten  und  Mol- 
lusken (1853),  über  die  Entwicklung  von  Doliolum,  der  Scheiben- 
quallen und  von  Sagitta  (1854),  über  einige  niedere  Seetiere  (1854) 
und  über  Pilidium,  Actinotrocha  und  Appendicularien  (1854);  teils 
bilden  sie  kleinere  und  größere  Spezialabhandlungen  und  Mono- 
graphien über  Vertreter  der  verschiedenen  Stamme  der  Wirbel- 
losen. Alle  zusammen  verteilen  sich  auf  die  Protozoen  mit  den 
beiden  Abhandlungen  über  Trachelius  ovum  (1857),  auf  die  Cö- 
lenteraten  mit  11  Abhandlungen,  von  denen  die  umfangreicheren 
über  Siphonophoren  (1854, 1859),  über  den  Generationswechsel  und 
die  Fortpflanzung  bei  Medusen  und  Polypen  (1854,  Habilitations- 
schrift), über  die  Organisation  und  Systematik  der  Ctenophoren 
(1856).  die  Randkörper  der  Medusen  (1856)  und  das  System  der  Me- 
dusen (1857)  hervorgehoben  seien,  auf  die  Sammelgruppe  der 
Würmer  mit  6  Abhandlungen  über  Lumbricus  (1852),  Pilidium 
(1853),  Actinotrocha  (1853)  und  Sagitta  (1854,  1856.  1859),  auf 
die  Echinodermen  mit  2  Abhandlungen  von  mäßigem  Umfange, 
aber  nicht  geringer  Bedeutung  (1853,  1859),  auf  die  Arthropo- 
den, und  zwar  speziell  die  Crustaceen,  mit  4  Abhandlungen,  von 
denen  insbesondere  auf  die  umfangreicheren  über  Phyllosoma  und 
Sapphirina,  sowie  über  Limulus,  beide  aus  dem  Jahre  1858,  hin- 
gewiesen sei,  auf  die  Mollusken  mit  14  Abhandlungen,  worunter 
2  über  Opisthobranchier  (1854),  7  über  Pteropoden  und  Hetero- 
poden  (1853  bis  1855,  wovon  1855  die  große  Monographie  über 
diese  Tiere),  1  über  Prosobranchier  (1853)  und  3  über  Pulmo- 
naten (1851,  1852,  darunter  die  Inaugural-Dissertation),  endlich 
auf  die  Tunicaten  mit  5  Abhandlungen  von  z.  T.  ziemlich  an- 
sehnlichem Umfange  (Organisation  der  Appendicularien  1855,  Ent- 
wicklung von  Doliolum  1856,  Didemnum  1862).  In  allen  diesen 
Arbeiten  hat  Gegenbaur  sehr  bedeutsame  Beiträge  zur  Kenntnis 
des   Baues   und   der   Entwicklung  dieser  Tiere  gegeben,  weiche 


41]  Carl  Gegenbaur.  429 


-^^^^/- 


nicht  bloß  für  die  damalige  Zeit  hervorragend  sind,  sondern  sich 
zum  großen  Teile  als  von  bleibendem  Werte  erwiesen  und  die 
Beantwortung  für  die  ganze  Entwicklungslehre  fundamentaler  Fra- 
gen wesentlich  gefördert  haben.  Durch  sie  wurde  sein  damaliger 
Ruf  als  hervorragender  Zoolog  begründet. 

Den  Wirbeltiere  betreffenden  Verhältnissen  gelten  über- 
haupt die  ersten  Arbeiten  Gegenbaurs  aus  der  Studentenzeit 
1849  bis  1851.  Diese  Jugendarbeiten  behandeln  den  Axolotl- 
schädel  (1849  gemeinsam  mit  N.  Friedreich  ausgeführte  Untersu- 
chung) und  den  feineren  Bau  der  Tasthaare  (1850,  1851)  und 
können  als  für  damals  verdienstliche  Leistungen  gelten.  Dann 
kommt  die  der  Erforschung  der  Wirbellosen  dienende  Arbeits- 
periode, und  erst  mit  dem  Jahre  1861  beginnt  bei  dem  gereiften  For- 
scher jene  Reihe  hervorragendster  Abhandlungen  und  Monogra- 
phien über  Bau,  Entwicklungsgeschichte  und  vergleichende  Ana- 
tomie der  Wirbeltiere,  welche  während  nahezu  vier  Dezennien  in 
zunehmendem  Maße  seine  Stellung  unter  den  ersten  Morphologen 
aller  Zeiten  bestimmten. 

Unter  den  Arbeiten  über  entwicklungsgeschichtliche  und 
histologische  bezw.  histogenetische  Fragen  treten  diejenigen 
über  den  Bau  und  die  Entwicklung  der  Wirbeltiereier  (1861,  1864), 
sowie  über  das  Skelettgewebe  und  die  Knochenbildung  (1864,  1866, 
1869)  in  den  Vordergrund.  Auch  bei  den  dotterreichsten  Wirbel- 
tiereiern wird,  gegenüber  vielseitig  vertretenen  anderslautenden 
Angaben,  die  Einzelligkeit  hervorgehoben,  und  u.  a.  nachgewiesen, 
daß  die  sogenannten  Dotterzellen  resp.  der  jüngere  Bildungs-  und 
ältere  Nahrungsdotter  keine  Zellen,  sondern  ebenso  wie  die  Dot- 
termembran Differenzierungsprodukte  des  Eiinhaltes  seien.  Auch 
danach  noch  eine  Zeit  lang  mehrfach  bekämpft,  haben  diese  Er- 
kenntnisse schließlich  den  Kampf  um  die  Wahrheit  und  das  Dasein 
bestanden.  —  Die  Reihe  der  histologischen  und  histogenetischen 
Untersuchungen  über  Skelettgewebe,  die  sich  nicht  auf  die  hier 


430  Max  Fürbringer  [42 


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angegebenen  Veröffentlichungen  beschränkt,  sondern  auch  bis  zum 
Jahre  1898  in  den  Arbeiten  über  das  Skelettsystem  und  in  der 
vergleichenden  und  menschlichen  Anatomie  mit  weiteren  neuen 
Untersuchungen  und  Gesichtspunkten  behandelt  wird,  gehört  zu 
den  hervorragendsten  Leistungen  der  Histogenese.  Auch  hier  hat 
Gegenbaur  gegenüber  einem  Chaos  widersprechendster  Angaben 
Licht  und  Klarheit  geschaffen  und  die  in  der  Hauptsache  neue 
Invasion  und  den  Kampf  des  Knochengewebes  gegenüber  den 
älteren  unterliegenden  Stützgeweben  begründet  und  zugleich  seine 
Ursprungsstätten  und  die  verschiedenen  Etappen  seines  Erobenings- 
zuges  in  überzeugender  Weise  dargetan.  In  dieses  Arbeitsgebiet 
fallen  auch  die  Arbeiten  seiner  Schüler  O.  Hertwig  (1874,  1876, 
1879.  1881)  und  H.  Klaatsch  (1890,  1893).  Die  fundamentale  Be- 
deutung der  Gegenbaurschen  Befunde  und  Anschauungen  ist  nach 
langen  Kämpfen  jetzt  wohl  zur  allgemeinen  Anerkennung  gelangt. 
Selbstverständlich  ist  im  Detail  und  zur  Lösung  der  von  ihm  noch 
in  letzter  Zeit  (1898)  auf  diesem  Gebiete  gestellten  Probleme  noch 
genug  zu  arbeiten.  —  Kleinere  verdienstliche  Abhandlungen  be- 
treffen Drüsenzellen  (1863)  und  Purkinjesche  Fäden  (1877).  — 
Eine  kurze  von  photographischen  Abbildungen  begleitete  Mitteilung 
an  C.  Vogt  über  die  Metamorphose  der  Fische  (1865)  richtet  sich 
gegen  eigentümliche,  auch  von  Haeckel  (1866,  1870)  mit  Recht 
bekämpfte  Anschauungen  von  L.  Agassiz  und  widerlegt  sie  an  der 
Hand  leicht  zu  konstatierender  Beobachtungen. 

Die  Veröffentlichungen  über  das  Skelettsystem  der  Wirbel- 
tiere, 38  an  der  Zahl,  bilden  nach  Umfang  und  Inhalt  den  Schwer- 
punkt aller  Abhandlungen  und  Monographien  Gegenbaurs.  Hier 
dominiert  überall  die  Verbindung  von  entwicklungsgeschichtlicher 
und  vergleichend -anatomischer  Untersuchung,  und  auf  diesem 
festen  und  breiten  Untergrunde,  der  auch  der  paläontologischen 
Materialien  nicht  entbehrt,  erhebt  sich  die  Darstellung  zu  Schluß- 
folgerungen von  ebensogroßer  Umsicht   und   Kühnheit  wie  von 


43]  Carl  Gegenbaur.  431 


umfassender  Tragweite.  —  Von  den  6  Abhandlungen  über  das 
Rumpfskelett  sind  vor  allem  die  drei  ersten  (2  aus  dem 
Jahre  1862,  1  aus  dem  Jahre  1867)  hervorzuheben.  Eingehende 
Ontogenese  verbindet  sich  mit  vergleichend-anatomischer  Paralleli- 
sicrung  und  hat  die  an  die  Chorda  dorsalis  anknüpfende  Genese 
in  das  hellste  Licht  gerückt  und  zu  einer  zuvor  ungeahnten  Be- 
deutung erhoben.  Von  hohem  Werte  für  die  metamerischen 
Differenzierungen  und  Umbildungen  sind  die  originellen,  geistvollen 
Ausführungen  über  die  Wirbelsäule  des  Lepidosteus;  hier  wird 
auch  der  Genese  der  Wirbelfortsätze  und  Rippen  eine  bedeut- 
same Analyse  zu  teil.  Die  Abhandlung  über  das  Becken  der  Vögel 
(1870)  klärt  insbesondere  über  die  Zusammensetzung  des  Sacrum 
auf,  die  über  die  lumbosacralen  Übergangswirbel  (1873),  im  An- 
schlüsse an  die  Arbeit  seines  Schülers  F.  Frenkel  über  das  Kreuz- 
bein der  Säugetiere  (1873),  über  weitere  seriale  Umformungen  der 
Wirbel,  welchen  bald  darauf  durch  E.  Rosenbergs  fruchtbringende 
Untersuchung  (1875)  die  ontogenetische  Fundierung  zu  teil  ward. 
Auf  diesen  Gebieten  haben  von  Gegenbaurs  Schülern  namentlich 
B.  Solger  (1875),  G.  Rüge  (1879,  1880,  1891—93),  B.  Grassi 
(1883),  H.  Klaatsch  (1893—95),  E.  Göppert  (1894—96)  und  E.  Ro- 
senberg (1896,  1 899)  weiter  gearbeitet.  —  Das  Hauptwerk  der  Ar- 
beiten über  das  Kopfskelett  bildet  die  umfangreiche  Monographie 
über  das  Kopfskelett  der  Selachier  (1872);  sie  ist  die  hervor- 
ragendste von  Gegenbaurs  Monographien.  Zusammen  mit  der  ein 
Jahr  zuvor  erschienenen  Abhandlung  über  die  Kopfnerven  des 
Hexanchus  (1871)  bildet  das  Kopfskelett  der  Selachier  den  Aus- 
gang der  neueren  Erkenntnis  über  die  Genese  des  Kopfskeletts  der 
Wirbeltiere,  das  Fundament,  auf  welchem  alle  über  diese  Frage 
handelnden  Arbeiten  weiter  gebaut  haben.  Gegenüber  der  alten, 
durch  Th.  H.  Huxley  beseitigten  Schädeltheorie  repräsentiert  es 
über  Joh.  Müller  und  Huxley  hinaus  den  größten  Schritt,  welchen 
die  Forschung  auf  diesem  Gebiete  genommen  hat,  namentlich  auch, 


432  Max  Fürbringer  [44 

weil  hier  die  Entwicklung  und  die  Korrelationen  zu  den  Weich- 
teilen in  umsichtsvollster  Weise  als  Werkzeuge  der  Erkenntnis  ver- 
wendet und  kritisch  gesichtet  werden.  Die  fundamentale  Bedeu- 
tung der  Selachier  wird  hierbei  nach  den  verschiedensten  Rich- 
tungen beleuchtet  und  bewiesen;  diese  Fische  gelten  von  jetzt 
an  als  die  Objekte,  an  welche  alle  unsere  Erkenntnisse  über  die 
Organbildungen  bei  den  über  ihnen  stehenden  Wirbeltieren  anzu- 
knüpfen haben.  Gegenbaur  hat  sie  sozusagen  der  Forschung  ent- 
deckt, und  dieser  geniale  Fund  erhielt  später  durch  F.  M.  Balfours 
und  seiner  vielen  Nachfolger  ontogenetische  Arbeiten  seine  ent- 
entsprechende Beleuchtung.  Die  Arbeiten  über  Alepocephalus 
(1878)  und  die  Occipitalregion  (1887)  bilden  Ergänzungen  zu  die- 
sem epochemachenden  Werke.  Die  kritische  Studie  über  die  Me- 
tamerie  des  Kopfes  und  die  Wirbeltheorie  des  Kopfskelettes  (1887) 
gewährt  eine  von  hoher  Warte  unternommene  Besprechung  und 
Würdigung  der  in  der  Zwischenzeit  erschienenen  bezüglichen  Ar- 
beiten, von  denen  einige  auf  ungenügend  gesicherter  Grundlage 
und  in  einseitiger  Anwendung  der  Ontogenese  Einwände  gegen 
die  von  Gegenbaur  vertretenen  Anschauungen  erhoben  hatten. 
Kleinere  Veröffentlichungen  handeln  über  den  Canalis  Fallopii 
(1876)  und  über  das  Os  lacrymale  (1881,  1882);  in  ersteren  wird 
insbesondere  auf  die  bedeutungsvollen  Untersuchungen  des  Schülers 
A.  Vrolik  über  den  Teleostierschädel  und  das  Os  temporale  der 
Säugetiere  (1872)  aufmerksam  gemacht.  Weitere  Arbeiten  über 
den  Schädel  und  seine  Genese  wurden  von  Gegenbaurs  Schülern 
A.  A.  W.  Hubrecht  (1877),  M.  Sagemehl  (1883—86.  1891).  M.  Für- 
bringer  (1897),  G.  Rüge  (1897),  S.  Paulli  (1899.  1900)  und  H.  Braus 
(1899),  von  dem  letztgenannten  namentlich  auf  der  Grundlage  ge- 
nauer ontogenetischer  Untersuchung,  ausgeführt  —  Die  umfas- 
sendste Untersuchungsreihe  Gegenbaurs  bilden  die  23  Abhand- 
lungen über  das  Gliedmaßen  Skelett.  Zwei  bescheidene  Aus- 
gangspunkte sind  hier  im  Anfange  maßgebend:  einerseits  das  Fuß- 


45]  Carl  Gegenbaur.  433 


Skelett  der  Vögel  (1863,  1864),  das  zu  den  bahnbrechenden  Mono- 
graphien über  Carpus  und  Tarsus  (1864)  und  die  Brustflosse  der 
Fische  (1865)  führt,  andererseits  ein  erblicher  Defekt  der  mensch- 
lichen Clavicula  (1864),  der  die  nicht  minder  bedeutsame  Mono- 
graphie über  den  Schultergürtel  der  Wirbeltiere  (1865)  reifen  läßt. 
In  letzterer  spielt  zugleich  die  Lehre  von  den  perichondralen  und 
enchondralen  Skelettteilen  eine  hervorragende  Rolle.  Alles  ist  von 
Ontogenese  durchdrungen.  Beide  Entwicklungsbahnen  kommen 
in  den  folgenden  Abhandlungen  zu  immer  höherer  Vervollkomm- 
nung und  weiterer  Ausschau,  sowie  zu  gegenseitigem  Verbände, 
wobei  namentlich  auch  Beckengürtel  und  hintere  Extremität  in 
den  Bereich  der  Vergleichung  gezogen  werden.  Auch  hier  dienen 
die  Selachier  und  andere  primitive  Formen,  wie  namentlich  Cera- 
todus,  dessen  Flossenbau  noch  vor  der  Entdeckung  dieses  Tieres 
durch  die  Untersuchung  der  Selachierflosse  erschlossen  wurde, 
als  Ausgangspunkte  für  die  Forschung,  die  genetisch  in  den  ver- 
schiedensten Richtungen  bis  zu  den  höchsten  Entwicklungsformen 
vordringt.  So  kommt  die  Archipterygiumtheorie  zu  stände.  Die 
1872  geförderte  Arbeit  über  das  Kopfskelett  gibt  zugleich  Anlaß 
zu  einer  immer  höheren  und  breiteren  Entfaltung  dieses  Forschungs- 
gebietes, indem  der  Vergleich  des  Extremitätcnskelettes  mit  dem 
Visceralskelett  zur  Weiterführung  der  Archipterygiumtheorie  leitet. 
Die  unter  Gegenbaurs  Leitung  ausgeführten  Untersuchungen 
M.  V.  Davidoffs  an  der  hinteren  Extremität  (1879—1883),  sowie  die 
von  gegnerischer  Seite  gegen  die  Gegenbaurschen  Anschauungen 
ins  Feld  geführten  Befunde  der  ontogenetischen  Untersuchung 
(Balfour,  Dohrn,  Wiedersheim,  Rabl  u.  A.)  und  die  damit  in  Zu- 
sammenhang stehende  Seitenfaltentheorie  (Balfour,  Thacher,  Mivart 
u.  A.)  führen  zu  einer  weiteren  Vertiefung  der  Frage,  indem  durch 
Gegenbaur  und  seine  Schüler  den  Weichteilen  der  Gliedmaßen 
und  den  metamerischen  Verschiebungen  derselben  eine  eingehende 
Behandlung  zu  teil  wird.    Nicht  minder   wird  die  Ontogenie  von 

Festschrift  der  Universität  Heidelberg.    II.  28 


434  Max  Fürbringer  [46 


I? 


Gegnern  und  Anhängern  mehr  und  mehr  studiert.  Von  Gegen- 
baur  erscheint  die  kritische,  zusammenfassende  Abhandlung  über 
das  Flossenskelett  der  Crossopterygier  und  das  Archipterygium 
der  Fische  (1894).  Weitere  Untersuchungen  und  Veröffentlichungen 
der  Schüler  bringen  Material  zu  Gunsten  von  Gegenbaurs  Hypo- 
these, u.  a.  diejenigen  von  M.  Fürbringer  (1875,  1879,  1888, 
1897,  1902),  H.  Braus  (1898—1901)  und  R.  Semon  (1900);  anderer- 
seits erstehen  ihr  weitere  Gegner  zu  den  bisherigen,  u.  a.  Mollier 
und  Dean.  So  wogt  z.  Z.  noch  der  Kampf,  —  wie  er  vor  Jahren 
auch  hinsichtlich  anderer  Anschauungen  und  Theorien  Gegenbaurs 
gewogt  hat,  die  inzwischen  allgemeine  Anerkennung  gefunden 
haben.  Seine  Intensität  beweist,  daß  er  keiner  kleinen  und  gleich- 
gültigen Frage  gilt.  Dem  Schreiber  dieser  Zeilen  ist  nicht  zweifel- 
haft, wohin  sich  schließlich  der  Sieg  neigen  wird.  Kleinere  Ab- 
handlungen Gegenbaurs  betreffen  dieses  oder  jenes  Detail  der 
Gliedmaßen  (Drehung  des  Numerus  1868,  Ausschluß  des  Scham- 
beins von  der  Pfanne  des  Hüftgelenks  1876,  Polydaktylie  1880 
und  1888,  Malleoli  der  Unterschenkelknochen  1887).  Die  letzte 
dieser  Veröffentlichungen  (Clavicula  und  Cleithrum  1895)  bezieht 
sich  namentlich  auf  das  paläontologische  Gebiet  und  darf  ein 
größeres  Interesse  beanspruchen.  —  Verschiedene  hierher  ge- 
hörende Details  wurden  auch  von  Schülern  Gegenbaurs  bearbeitet, 
so  u.  a.  von  E.  Rosenberg  (1875,  1891),  Q.  Born  (1875.  1876), 
A.  Bernays  (1878),  W.  Leche  (1880),  J.  E.  V.  Boas  (1884.  1890) 
und  H.  Klaatsch  (1896). 

Die  Arbeiten  Gegenbaurs  über  das  Muskelsystem.  vier  an 
der  Zahl,  treten  weniger  in  den  Vordergrund.  Doch  verdient 
die  über  den  Musculus  omohyoideus  (1875)  hervorgehoben  zu 
werden;  auch  die  über  die  Rückenmuskeln  (1896)  bedeutet  einen 
aufklärenden  Fortschritt.  Um  so  mehr  ist  dieses  Gebiet  unter 
Betonung  der  Notwendigkeit  einer  genauen  Berücksichtigung  der 
Muskelnerven  von  seinen  Schülern  M.  Fürbringer  (1872,  1874 — 76, 


47]  Carl  Gegenbaur.  435 


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1879,  1888,  1895,  1897,  1900.  1902).  B.  Vetter  (1874,  1878).  G. 
Rüge  (1878,  1885—1887,  1891—1893,  1895,  1896),  M.  v.  Davidoff 
(1879,  1880,  1884),  H.  Gadow  (1880,  1881).  Fr.  Maurer  (1891. 
1894-1896,  1898),  O.  Seydel  (1891.  1894),  H.  Braus  (1892.  1898 
bis  1901),  E.  Göppert  (1894).  H.  Eggeling  (1895,  1896),  H.  K. 
Corning  (1900),  H.  Engert  (1900),  H.  Klaatsch  (1900)  u.  a.  bear- 
beitet worden.  Namentlich  M.  Fürbringer,  sowie  G.  Rüge  haben  die 
hohe  Bedeutung  der  motorischen  Innervation  für  die  Erkenntnis 
der  Muskelhomologien  wiederholt  zum  Ausdruck  gebracht  und 
hierbei  bei  ihrem  Lehrer  vielfache  Anregung  und  Befestigung  ihrer 
Auffassungen  gefunden. 

Von  den  drei  das  Nervensystem  betreffenden  Abhandlungen 
Qegenbaurs  ist  die  schon  oben  erwähnte  über  die  Kopfnerven 
des  Hexanchus  und  ihr  Verhältnis  zur  Wirbeltheorie  des  Schädels 
(1871)  als  bahnbrechend  zu  bezeichnen;  mit  dem  Kopfskelett  der 
Selachier  (1872)  begründet  sie  die  neue  Epoche  der  Erkenntnis 
des  Schädels  und  des  Kopfproblems.  Auch  von  seiner  Schule 
sind  zahlreiche  mehr  oder  minder  umfangreiche  Arbeiten  er- 
schienen, die  hierher  gehören,  teils  im  Anschlüsse  an  die  Behand- 
lung der  Muskulatur  (s.  oben),  teils  in  mehr  oder  minder  selb- 
ständiger Bearbeitung  des  centralen  und  peripheren  Nervensystems. 
Hier  sind  namentlich  die  teils  unter  seiner  direkten  Leitung  ent- 
standenen, teils  von  ihm  befruchteten  Untersuchungen  von  N.  v. 
Miklucho-Maclay  (1868,  1870),  M.  Fürbringer  (s.  o.),  B.  Vetter 
(s.  o.),  G.  Rüge  (s.  o.),  M.  v.  Davidoff  (s.  o.),  H.  Gadow  (s.  o.), 
N.  Goronowitsch  (1884,  1888,  1896),  C.  Heß  (1885),  B.  Haller 
(1891,  1895—1898,  1900),  Fr.  Maurer  (s.  o.),  O.  Seydel  (s.  o.) 
und  H.  Braus  (s.  o.)  zu  nennen. 

Über  das  Hautsystem  und  die  Sinnesorgane  sind  neun  Ab- 
handlungen Gegenbaurs  erschienen.  Zwei  davon  repräsentieren 
die  schon  erwähnten  Jugendarbeiten  über  die  Tasthaare  (1850, 
1851).     Eine   weitere  Reihe  gilt  namentlich  den  Milchdrüsen- 

28* 


436  Max  Fürbringer  [48 


Papillen,  Zitzen  und  Mammarorganen  (1872.  1875,  1884 
und  die  Hauptarbeit  1896);  diese  hat  manche  Aufklärungen  und  An- 
regungen gebracht  und  zahlreiche  weitere,  auch  gegnerische  Arbeiten 
veranlaßt,  unter  denen  von  Seiten  seiner  Schule  namentlich  die  von 
H.  Klaatsch  (1883,  1891  bis  93,  1895),  G.  Rüge  (1895),  R.  Semon 
(1899)  und  H.  Eggeling  (1899,  1901)  genannt  seien.  Eine  weitere 
Arbeit  handelt,  im  Anschluß  an  Boas'  Beitrag  zur  Morphologie 
der  Nägel,  Krallen,  Hufe  und  Klauen  (1884),  neue  Lichter  ge- 
während, über  die  Morphologie  des  Nagels  (1885)  und  findet  in 
J.  E.  V.  Boas'  (1894)  und  E.  Göpperts  (1896)  ähnliche  Gebiete  be- 
treffenden Untersuchungen  Parallelen.  Von  den  Sinnesorganen  wird 
von  Gegenbaur  nur  das  morphologische  Verhalten  der  Nasen- 
höhle und  der  Nasenmuscheln  (1871,  1879)  behandelt,  ein  Ge- 
biet, dem  auch  die  späteren  Arbeiten  O.Seydels  (1891,  1895.  1896, 
1899)  gelten.  Auch  die  Arbeiten  anderer  Schüler  haben  sich  mit  die- 
sem oder  jenem  accessorischen  Teil  des  Integuments  und  der  Sinnes- 
organe beschäftigt  (z.  B.  H.  Klaatsch  1888,  E.  Göppert  1894,  G. 
Rüge  1897,  H.  K.  Corning  1900);  weitaus  die  bedeutendsten  sind 
diejenigen  von  Fr.  Maurer,  der  zur  Zeit  seines  Heidelberger  Pro- 
sektorates  die  bewunderungswürdigen  Abhandlungen  Ober  Haut- 
sinnesorgane, Feder-  und  Haaranlagen,  zur  Phylogenie  der  Sauge- 
tierhaare, sowie  seine  große  Monographie  über  die  Epidermis  und 
ihre  Abkömmlinge  (1892,  1893,  1895,  1898)  veröffentiichte.  Es 
darf  wohl  angenommen  werden,  daß  ihm  für  diese  Untersuchungen 
die  klaren  Anschauungen  Gegenbaurs  über  die  genetische  Ver- 
schiedenheit der  Haare  und  Federn  zum  Teil  als  Ausgangspunkt 
dienten. 

Unter  Gegenbaurs  Veröffentlichungen  über  das  Eingeweide- 
system, gleichfalls  neun  an  der  Zahl,  nehmen  diejenigen  Ober  die 
Unterzunge  bezw.  Zunge  (1884,  1886,  1894),  sowie  die  Epiglottis 
(1892)  nach  Umfang  und  Bedeutung  den  ersten  Platz  ein.  Beiden 
Gebieten  ist  in  denselben  eine  meisterhafte  Behandlung  zu  teil  ge- 


49]  Carl  Gegenbaur.  437 


worden;  man  kann  sie,  wenn  sie  auch  teilweise  an  bekannte 
Tatsachen  anknüpfen,  als  bahnbrechend  und  höchst  originell  be- 
zeichnen. In  den  die  Zunge  betreffenden  Arbeiten  offenbart  sich 
Gegenbaurs  von  den  einfachsten  Verhältnissen  ausgehende  und 
zu  der  Eroberung  größerer  morphologischer  Gebiete  gelangende 
Arbeitsart  besonders  deutlich.  In  der  Monographie  über  die  Epi- 
glottis  ist  eine  Vergleichung  von  ganz  großem  Zuge  von  den 
niederen  Fischen  bis  zu  den  Säugetieren  durchgeführt  und  phy- 
siologisch beleuchtet.  Mit  sehr  beachtenswerten  Beiträgen  hat 
danach  E.  Göppert  dieses  Gebiet  weiter  kultiviert  (1894,  1898, 
1899,  1901).  Andere  kleinere  Arbeiten  Gegenbaurs  handeln  über 
verschiedene  Teile  des  Digestivsystems  (1863,  zwei  Arbeiten  von 
1878,  1891)  und  über  die  Abdominalporen  (1884).  Trotz  ihres 
schlichten  Auftretens  haben  sie  zur  wahren  Erkenntnis  jener  Teile 
viel  beigetragen.  Auch  die  Untersuchungen  von  H.  Klaatsch  über 
die  Verhältnisse  der  Mesenterialbildungen  (1892 — 1894)  und  den 
Descensus  der  Keimdrüsen  (1890,  1892)  sind  hier  zu  nennen;  es 
ist  wohl  nicht  zu  bezweifeln,  daß  dieselben  im  wiederholten  Ge- 
dankenaustausch mit  Gegenbaur  entstanden  sind.  Weitere  Ar- 
beiten über  verschiedene  Teile  der  Eingeweide  wurden  von  Schülern 
ausgeführt,  teils  in  direktem  Einvernehmen  mit  dem  Lehrer,  teils 
als  gänzlich  selbständige  Untersuchungen.  Dieselben  betreffen  die 
Zahnbildungen  (W.  Leche  1892,  1893,  1896  und  folgende  Jahre, 
E.  Rosenberg  1895,  Semon  1901),  Pankreas  und  Leber  (E.  Göppert 
1891,  1893,  H.  Braus  1896,  G.  Rüge  1902),  Magen  (J.  E.  V.  Boas 
1890),  Umbildungen  und  Derivate  des  Visceralapparatcs  (Fr.  Maurer 
1883,  1885,  1887,  1888,  1890,  1899),  Schwimmblase  (H.  K.  Cor- 
ning 1888),  verschiedene  Teile  des  Urogenitalapparates  (M.  Für- 
bringer  1877,  1878,  J.  Brock  1878,  J.  E.  V.  Boas  1891,  H.  Egge- 
ling  1895,  1896,  R.  Semon  1896.  Haller  1901). 

Die  4  resp.  5  Arbeiten  über  das  Gefäßsystem  gelten  dem 
Bulbus  resp.  Conus  arteriosus  der  Fische  (1865,  1891),  den  inneren 


438  Max  Fürbringer  [50 


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Verhältnissen  des  Herzens  der  Sauropsiden  und  Säugetiere  (1865) 
und  den  Beziehungen  der  Lungenvene  zur  oberen  Hohlvene  (1880). 
Gegen  die  anderen  Arbeitsgebiete  treten  sie  zurück;  doch  sind 
die  ersterwähnten  von  Bedeutung.  Weitere  Bearbeitungen  hat 
das  Gefäßsystem  durch  die  teils  unter  Gegenbaurs  Leitung,  teils 
auf  seine  Anregung  entstandenen  Untersuchungen  seiner  Schüler 
A.  Bernays  (1876),  J.  E.  V.  Boas  (1880-1882,  1887),  Q.  Rüge 
(1884,  1894),  Fr.  Meyer  (1886),  Fr.  Maurer  (1888),  Schwink  (1891). 
L.  Bayer  (1892)  und  E.  Schwalbe  (1895)  erfahren. 

Die  Bücherbesprechungen  Gegenbaurs,  23  an  der  Zahl, 
gelten  Veröffentlichungen  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der 
Morphologie  und  ihrer  Hülfswissenschaften.  Sie  reden  eine  freie 
und  franke,  rein  sachliche  Sprache,  bedeutende  oder  verdienst- 
liche Leistungen  voll  anerkennend  und  fördernd,  unrichtige  Dar- 
stellungen oder  ungerechtfertigte  Ansprüche  zurückweisend  oder 
auf  ihr  wahres  Maß  zurückführend.  Die  Bemerkungen  zu  Goettes 
Entwicklungsgeschichte  der  Unke  (1875)  nehmen  nach  Umfang 
und  Bedeutung  darunter  den  ersten  Platz  ein  und  gestalten  sich, 
in  Antwort  auf  von  dort  erfolgte  Angriffe,  zu  einer  ausführlichen 
polemischen  Behandlung  der  bezüglichen  Fragen  und  Probleme 
und  zugleich  zu  einer  Art  Arbeitsprogramm.  Auch  hier  erkennt 
der  Leser,  welchen  hohen  Wert  Gegenbaur  auf  das  richtige  Ver- 
ständnis entwicklungsgeschichtlicher  Befunde  legt. 

Alle  anderen  Veröffentlichungen  Gegenbaurs  an  Reichtum  des 
Inhalts  weit  übertreffend  erweisen  sich  naturgemäß  seine  Lehr- 
und  Handbücher  der  vergleichenden  und  menschlichen  Anatomie. 

Für  das  Gebiet  der  vergleichenden  Anatomie  liegen  — 
abgesehen  von  seiner  Mitarbeiterschaft  an  J.  V.  Carus'  Icones 
zootomicae  (1857)  und  der  Herausgabe  von  H.  Rathkes  Vorträgen 
zur  vergleichenden  Anatomie  der  Wirbeltiere  (1862)  —  fünf  Auf- 


51]  Carl  üegenbaur.  439 


lagen  seiner  vergleichenden  Anatomie  vor:  die  1.  und  2.  Auflage 
der  Grundzüge  der  vergleichenden  Anatomie  (1859  und  1870), 
die  1.  und  2.  Auflage  des  Grundrisses  der  vergleichenden  Ana- 
tomie (1874  und  1878)  und  endlich  die  große  zweibändige 
Vergleichende  Anatomie  der  Wirbeltiere  mit  Berücksichtigung  der 
Wirbellosen  (1898  und  1901).  Auch  Übersetzungen  in  franzö- 
sischer, englischer  und  italienischer  Sprache  sind  erschienen 
(1874,  1878  und  1882).  Gegenbaurs  Behandlung  kennzeichnet, 
gegenüber  den  berühmten  älteren  (resp.  zum  Teil  gleichzeitigen) 
Werken  von  Cuvier,  Meckel,  Stannius,  Owen  und  Milne  Edwards,  das 
Vorkehren  der  geistigen  Durchdringung  des  Stoffes,  welche  die- 
sen in  vergleichender  Betrachtung,  unter  steter  Berücksichtigung 
der  Entwicklungsgeschichte  und  der  ausgebildeten  Leistungen,  als 
etwas  Lebendiges  und  in  der  Zuchtauslese  mehr  und  mehr  Ver- 
vollkommnetes uns  vor  Augen  führt.  Daß  Gegenbaur  ein  über- 
zeugter Gegner  teleologischer  Anschauungen  ist,  braucht  nicht 
besonders  vermerkt  zu  werden.  Aber  auch  in  der  Benutzung  der 
Ontogenese,  vergleichenden  Anatomie  und  Physiologie  verfährt  er 
durchaus  planvoll.  Wie  sehr  sich  alle  drei  auch  durchdringen, 
überall  werden  die  gegenseitigen  Kompetenzen  derselben  genau 
abgewogen  und  auf  ihr  wahres  Maß  zurückgeführt  und  damit  die 
wirkliche  Reformation  des  Begriffes  der  Homologien  vollzogen. 
Allenthalben  wird  auch  das  Typische  und  Planmäßige  aus  der 
Masse  anatomischen  Details  hervorgehoben  und  nach  seiner  wirk- 
lichen Bedeutung  gewürdigt,  allenthalben,  so  weit  die  vorhandenen 
Kenntnisse  das  gestatten,  herrscht  der  natürliche  Zusammenhang. 
Damit  besteht  eine  gewisse  geistige  Verwandtschaft  mit  den  her- 
vorragenden vergleichenden  Anatomien  von  Stannius  und  Huxley; 
doch  beschränken  sich  die  ersteren  mehr  auf  die  reine  Nebeneinan- 
derstellung der  vergleichend  anatomischen  Tatsachen,  während  die 
letzteren  sehr  wählerisch  verfahren  und  zahlreiche  llnlersuchungs- 
gebieie  übergehen  oder   nur  ganz  untergeordnet   zur  Darstellung 


438  Max  Fürbringer  [50 

Verhältnissen  des  Herzens  der  Sauropsiden  und  Säugetiere  (1865) 
und  den  Beziehungen  der  Lungenvene  zur  oberen  Höh Ivene  (1880). 
Gegen  die  anderen  Arbeitsgebiete  treten  sie  zurück;  doch  sind 
die  ersterwähnten  von  Bedeutung.  Weitere  Bearbeitungen  hat 
das  Gefäßsystem  durch  die  teils  unter  Gegenbaurs  Leitung,  teils 
auf  seine  Anregung  entstandenen  Untersuchungen  seiner  Schuler 
A.  Bernays  (1876),  J.  E.  V.  Boas  (1880-1882,  1887),  G.  Rüge 
(1884,  1894),  Fr.  Meyer  (1886),  Fr.  Maurer  (1888),  Schwink  (1891), 
L.  Bayer  (1892)  und  E.  Schwalbe  (1895)  erfahren. 

Die  Bücherbesprechungen  Gegenbaurs,  23  an  der  Zahl, 
gelten  Veröffentlichungen  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der 
Morphologie  und  ihrer  Hülfswissenschaften.  Sie  reden  eine  freie 
und  franke,  rein  sachliche  Sprache,  bedeutende  oder  verdienst- 
liche Leistungen  voll  anerkennend  und  fördernd,  unrichtige  Dar- 
stellungen oder  ungerechtfertigte  Ansprüche  zurückweisend  oder 
auf  ihr  wahres  Maß  zurückführend.  Die  Bemerkungen  zu  Goettes 
Entwicklungsgeschichte  der  Unke  (1875)  nehmen  nach  Umfang 
und  Bedeutung  darunter  den  ersten  Platz  ein  und  gestalten  sich, 
in  Antwort  auf  von  dort  erfolgte  Angriffe,  zu  einer  ausführtichen 
polemischen  Behandlung  der  bezüglichen  Fragen  und  Probleme 
und  zugleich  zu  einer  Art  Arbeitsprogramm.  Auch  hier  erkennt 
der  Leser,  welchen  hohen  Wert  Gegenbaur  auf  das  richtige  Ver- 
ständnis entwicklungsgeschichtlicher  Befunde  legt. 

Alle  anderen  Veröffentlichungen  Gegenbaurs  an  Reichtum  des 
Inhalts  weit  übertreffend  erweisen  sich  naturgemäß  seine  Lehr- 
und  Handbücher  der  vergleichenden  und  menschlichen  Anatomie. 

Für  das  Gebiet  der  vergleichenden  Anatomie  liegen  — 
abgesehen  von  seiner  Mitarbeiterschaft  an  J.  V.  Canis*  Icones 
zootomicae  (1857)  und  der  Herausgabe  von  H.  Rathkes  Vorträgen 
zur  vergleichenden  Anatomie  der  Wirbeltiere  (1862)  —  fünf  Auf- 


51 J  Carl  Gegenbaur.  439 


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lagen  seiner  vergleichenden  Anatomie  vor:  die  1.  und  2.  Auflage 
der  Grundzüge  der  vergleichenden  Anatomie  (1859  und  1870), 
die  1.  und  2.  Auflage  des  Grundrisses  der  vergleichenden  Ana- 
tomie (1874  und  1878)  und  endlich  die  große  zweibändige 
Vergleichende  Anatomie  der  Wirbeltiere  mit  Berücksichtigung  der 
Wirbellosen  (1898  und  1901).  Auch  Übersetzungen  in  franzö- 
sischer, englischer  und  italienischer  Sprache  sind  erschienen 
(1874,  1878  und  1882).  Gegenbaurs  Behandlung  kennzeichnet, 
gegenüber  den  berühmten  älteren  (resp.  zum  Teil  gleichzeitigen) 
Werken  von  Cuvier,  Meckel,  Stannius,  Owen  und  Milne  Edwards,  das 
Vorkehren  der  geistigen  Durchdringung  des  Stoffes,  welche  die- 
sen in  vergleichender  Betrachtung,  unter  steter  Berücksichtigung 
der  Entwicklungsgeschichte  und  der  ausgebildeten  Leistungen,  als 
etwas  Lebendiges  und  in  der  Zuchtauslese  mehr  und  mehr  Ver- 
vollkommnetes uns  vor  Augen  führt.  Daß  Gegenbaur  ein  über- 
zeugter Gegner  teleologischer  Anschauungen  ist,  braucht  nicht 
besonders  vermerkt  zu  werden.  Aber  auch  in  der  Benutzung  der 
Ontogenese,  vergleichenden  Anatomie  und  Physiologie  verfährt  er 
durchaus  planvoll.  Wie  sehr  sich  alle  drei  auch  durchdringen, 
überall  werden  die  gegenseitigen  Kompetenzen  derselben  genau 
abgewogen  und  auf  ihr  wahres  Maß  zurückgeführt  und  damit  die 
wirkliche  Reformation  des  Begriffes  der  Homologien  vollzogen. 
Allenthalben  wird  auch  das  Typische  und  Planmäßige  aus  der 
Masse  anatomischen  Details  hervorgehoben  und  nach  seiner  wirk- 
lichen Bedeutung  gewürdigt,  allenthalben,  so  weit  die  vorhandenen 
Kenntnisse  das  gestatten,  herrscht  der  natürliche  Zusammenhang. 
Damit  besteht  eine  gewisse  geistige  Verwandtschaft  mit  den  her- 
vorragenden vergleichenden  Anatomien  von  Stannius  und  Huxley; 
doch  beschränken  sich  die  ersteren  mehr  auf  die  reine  Nebeneinan- 
derstellung der  vergleichend  anatomischen  Tatsachen,  während  die 
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